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Rudolpho, Island, Snickers und Zement, so nennen sich vier Freunde aus einem kleinen Ort in Kanada. Sie leben inkognito, denn wenn jeder wüsste, wie sie richtig heißen, dann würde in ihrem Heimatort die Post abgehen. Sie sind nämlich die berühmte Kurzhosengang. Derart coole Jungs tragen natürlich keine kurzen Hosen. Wie die Gang dennoch zu ihrem Namen kam, dazu erzählt jedes Mitglied anlässlich eines Fernsehinterviews seine eigene Geschichte.
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Veröffentlichungsjahr: 2011
Rudolpho, Island, Snickers und Zement, so nennen sich vier Freunde aus einem kleinen Ort in Kanada. Sie leben inkognito, denn wenn jeder wüsste, wie sie richtig heißen, dann würde in ihrem Heimatort die Post abgehen. Sie sind nämlich die berühmte Kurzhosengang. Derart coole Jungs tragen natürlich keine kurzen Hosen. Wie die Gang dennoch zu ihrem Namen kam, dazu erzählt jedes Mitglied anlässlich eines Fernsehinterviews seine eigene Geschichte.
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Nachwort
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Leseprobe
Die Kurzhosengang ist natürlich, in allererster Linie, ein Buch für Kinder. Man könnte sogar sagen, es ist ein Buch von Kindern für Kinder. Die beiden kanadischen Autoren Victor Caspak und Yves Lanois haben nichts anderes getan als die Erzählungen von vier Jungen – na gut: von vier in Kanada inzwischen sehr bekannten Jungen – schriftlich zu überarbeiten und in eine gut lesbare Form zu bringen.
Ich habe Caspak und Lanois im Juni 2003 besucht. Man kann sich kaum seltsamere und zugleich witzigere Menschen vorstellen als diese beiden Autoren. Den größten Teil des Jahres verbringen sie in einem komfortablen Holzhaus nahe des Lake Manitoba, abgeschieden vom Rest der Welt. Es gibt dort weder Telefon noch Internet, es gibt nicht mal einen Briefkasten. Die Post holen sie in Winnipeg ab, während der wöchentlichen Einkaufsfahrt. Sehr ruhig ist es dort draußen, sehr einsam. Wenn man Glück hat, sieht man irgendwann einen Elch. Der ideale Ort zum Angeln, zum Ausspannen oder um Bücher zu schreiben. Der ideale Ort für ein menschenscheues Autorengespann.
Es war die Idee von Yves Lanois, die vier Jungen der Kurzhosengang dazu zu überreden, ihre Abenteuer zu erzählen, um diese als Buch auf den kanadischen Markt zu bringen. »Das war die Chance, vier Jungs, denen plötzlich öffentliche Aufmerksamkeit zuteil geworden war, selbst zu Wort kommen zu lassen«, erklärte mir Yves. »Ungeschminkt, sozusagen, nicht verfälscht oder verzerrt oder verkürzt durch die Filter der üblichen Medien-Berichterstattung.«
Und so erzählten Rudolpho, Island, Snickers und Zement ihre Geschichte . . . jeder für sich, jeder in weniger als vier Wochen, und im Holzhaus am See wurde fleißig geschrieben. Caspak und Lanois rechneten bestenfalls mit einem kleinen Erfolg, schließlich waren die Jungs populär. Was dann geschah, übertraf ihre niedrig angesetzten Erwartungen jedoch bei weitem. Die Geschichten waren kaum gedruckt und an den Handel ausgeliefert, als sie binnen kürzester Zeit zum Geheimtipp wurden, gleichermaßen beliebt bei Buchhändlern, Bibliothekaren und Lesern, Erwachsenen wie Kindern. Für ein paar Wochen fand sich The Short Ones sogar auf der kanadischen Bestseller-Liste wieder. Nicht vergleichbar mit dem Erfolg von Harry Potter, okay . . . aber immerhin.
Was ist die Ursache dieses Erfolges? Woran liegt es, dass es heute, gut zwei Jahre nach Erscheinen der Short Ones, kaum noch ein Kind in Kanada geben dürfte, das Rudolpho, Island, Snickers und Zement nicht beim Namen nennen kann? Wie erklärt sich die Faszination des Buches für erwachsene Leser?
Zum ersten Mal, bemerkten Kritiker, hatten kanadische Kinder sozusagen eine Stimme bekommen. Und diese Stimme war nicht nur authentisch, sondern sie war – und ist – auch ausgesprochen laut. Eltern stürzten sich auf die Erlebnisberichte der Kurzhosengang, als wären ihre Kinder ihnen bisher so fremd gewesen wie Wesen von einem anderen Stern, deren Gefühle und Handlungen sie endlich erklärt bekamen. Hatte die Kurzhosengang bisher nur lokale Aufmerksamkeit erregt, so setzte jetzt ein ziemlicher Rummel ein, zunächst in den kanadischen, zuletzt auch in den amerikanischen Medien. Und nun, endlich, kommt die Kurzhosengang auch nach Deutschland. Was ihr in den Händen haltet, ist die Übersetzung des auf den Erzählungen der Jungen basierenden Buches von Caspak und Lanois.
Normalerweise hält ein Übersetzer sich zurück. Er tut, wofür er bezahlt wird: einen Text aus einer Fremdsprache in die eigene übertragen, und damit hat es sich. Aber das hier ist die große Ausnahme. Diesmal hat der Übersetzer sich kein bisschen zurückgehalten. Einigen von euch sind vielleicht schon einmal Fußnoten aufgefallen.1 Und in diesem Buch wimmelt es geradezu von Fußnoten. Ich habe sie verfasst. Warum?
Weil, wie bereits erwähnt, auch Erwachsene Kinderbücher lesen. Nicht mal heimlich, sondern in aller Öffentlichkeit. Und weil, wie bereits erwähnt, die Kurzhosengang eben mehr ist als ein normaler Kinderschmöker. Um zu begreifen, wie dieses kleine Wunderwerk von einem Buch einen so großen Einfluss auf die Öffentlichkeit ausüben konnte, das wurde mir beim Übersetzen klar, muss man mehr über Kanada wissen . . . und vielleicht auch über ein paar andere Dinge.
Denn Hand aufs Herz: Was wissen wir schon über Kanada? Etwa so viel wie über den Mond, habe ich Recht? Wie wenig Ahnung ich selber hatte, wurde mir erst bewusst, als ich immer wieder auf mir bis dahin völlig fremden Vokabeln ausrutschte, als ich hier oder dort über einen mir merkwürdig erscheinenden Brauch stolperte – beachtet zum Beispiel solche Witzigkeiten wie Stuff’n’Swallow oder Drop Dead. Manchmal, ich gebe es offen zu, war ich völlig aufgeschmissen. Also beschloss ich, mir alle zugänglichen Hintergründe über die Kurzhosengang zu erarbeiten. Nach und nach lernte ich Dinge über Land und Leute, die zwar in jedem Lexikon stehen mögen . . . doch diese Lexika hatte ich bisher nie gelesen. Und als ich damit fertig und noch immer nicht zufrieden war, fuhr ich selber nach Kanada und besuchte Caspak und Lanois. Ich wurde nicht enttäuscht. Nun ja, ich wurde ein wenig enttäuscht, weil das vereinbarte Treffen mit den vier Jungen ins Wasser fiel, aus Gründen, wie Caspak hinter seinem Bart grinsend bemerkte, die sich eventuell bald in einem zweiten Teil der Short Ones wiederfinden werden . . . worauf ich hoffe und wofür ich bete.
Leider haben Fußnoten es so an sich, dass es in ihnen von Fremdwörtern und Fachausdrücken manchmal nur so wimmelt. Noch dazu ist die gesamte verfügbare Literatur zum Thema Kurzhosengang2 in französischer und englischer Sprache verfasst und (bis auf einen einzigen Artikel in der ZEIT) nicht ins Deutsche übertragen worden. Sollten die Abenteuer von Rudolpho, Island, Snickers und Zement in Deutschland auch nur ansatzweise dieselbe Begeisterung wie in Kanada und den USA auslösen, mag sich das nach der Veröffentlichung dieses Buches gründlich ändern.
Meine Fußnoten sind ganz bewusst nicht so wissenschaftlich gehalten, wie ein strenger Akademiker das gewöhnt ist. Letztlich sollen sie nicht mehr als ein Angebot darstellen: eine Bereicherung für all jene Leser, die gern mehr über die Hintergründe um die Kurzhosengang erfahren wollen. Wie gesagt, ihr könnt sie lesen oder auch nicht. Der Freude am eigentlichen Buch tut das keinen Abbruch. Und damit, endlich: Vorhang auf für Rudolpho, Island, Snickers und Zement. Vorhang auf für die vier ungewöhnlichsten und liebenswertesten Freunde, die man sich vorstellen kann.
Vorhang auf für die Kurzhosengang!
Der Mann fragt, ob wir die Kurzhosengang sind.
Wir nicken, ja, wir sind die Kurzhosengang.
Er fragt, was wir davon halten würden, unsere Fahrräder woanders hinzustellen.
Wir schütteln die Köpfe, nein, die Kurzhosengang hält nichts davon, ihre Fahrräder woanders hinzustellen.
Der Mann sagt, wenn das so wäre, dann müsste er handgreiflich werden.
Darauf lächelt die Kurzhosengang. Niemand legt sich mit uns an. Das ist in ganz Kanada bekannt. Die Kurzhosengang braucht bloß ihre Muskeln anzuspannen, dann wird der Mann schon sehen, was er davon hat.
Die Kurzhosengang spannt ihre Muskeln an.
Mehr braucht es nicht.
Der Mann dreht sich um und geht wieder an seinen Platz.
*
Snickers steigt als Erster vom Fahrrad. Er zieht die Hose hoch und kneift die Augen zu, als würde ihn die Sonne blenden. Ich steige als Zweiter vom Fahrrad und nicke ein paar Mal, weil ich auf alle Fragen eine Antwort weiß. Island dreht den Zündschlüssel, klappt den Seitenständer raus und stellt sein Fahrrad ab, als wäre es ein Chopper mit Breiträdern und einem Fuchsschwanz am Spiegel. Nur Zement bleibt sitzen. Zement braucht für alles eine Weile länger. Er ist noch nicht vor dem Fernsehstudio angekommen. Zwar steht er mit uns direkt davor, doch in seinem Kopf ist er noch auf dem Weg hierher. Erst als Snickers sagt: »He, Zement, wir sind da!«, sieht Zement sich um und steigt vom Fahrrad.
Ich glaube, einen wie Zement überrascht es immer wieder, wie schnell das Ankommen geht.
*
Die Leute fragen oft, was es denn Wichtiges über die Kurzhosengang zu wissen gibt. Hier sind die fünf wichtigsten Punkte:
1) Die Kurzhosengang sitzt im Kino immer in der siebten Reihe auf den Plätzen 22, 23, 24 und 25. Wir gehen nur am Samstagnachmittag ins Kino. Die Kurzhosengang würde sich lieber die Filme im Abendprogramm ansehen, das könnt ihr mir glauben. Filme wie Blutiges Massaker oder Tot und begraben und dreimal draufgehauen.3 Da wir aber nun mal elf Jahre alt sind, haben wir keine große Wahl.
2) Zwar feiern wir erst nächstes Jahr unseren zwölften Geburtstag, dennoch wissen wir, wo der Bus abfährt. Einmal im Monat fahren Snickers’ Eltern übers Wochenende aufs Land und dann bekommt Snickers von der ganzen Gang Besuch. Das ist dann was. Kaum haben die Eltern die Wohnung verlassen, sprintet Snickers zum Telefon und ruft uns an.
»Die Luft ist rein!«
Fünf Minuten später erklingt vor dem Haus ein Dröhnen. Island bremst, kickt den Seitenständer seiner Maschine raus und prüft seine Frisur im Chrom des Auspuffs. Gleichzeitig komme ich quietschend um die Kurve und berühre mit einem Knie den Asphalt. Zement folgt mit einer Minute Verspätung und weiß eigentlich noch nicht, dass er schon losgefahren ist.
Im Wohnzimmer erwarten uns dann Fernseher und Videorekorder und Tüten mit Chips. Die Kurzhosengang ist ein Riesenfan von Horrorfilmen. Am liebsten etwas mit Vampiren und viel Blut und einer Menge Geschrei. Snickers’ Schwester besorgt uns die Filme aus der Videothek. Sie ist neunzehn und das schönste Mädchen in ganz Kanada. Jeder von uns will sie mindestens zweimal heiraten. Snickers ausgenommen, er ist ja ihr Bruder. Zement ist da auch ausgenommen, weil er noch nicht mitbekommen hat, wer Snickers’ Schwester ist. Ihm geht das alles zu schnell. Wenn Snickers’ Schwester ins Wohnzimmer reinschaut und uns bittet, den Ton leiser zu stellen, stellen wir den Ton leiser. Dabei klappt uns der Mund auf, weil sie so großartig aussieht. Und wenn dann Snickers’ Schwester wieder die Tür zugemacht hat, sage ich meistens:
»Wow, sieht die toll aus!«
Und Zement sagt dann meistens:
»Mann, wieso habt ihr den Ton leiser gestellt?«
Ich glaube, man müsste Snickers’ Schwester für eine halbe Stunde auf einem Stuhl festbinden und Zement direkt davorsetzen, damit er sie wirklich sieht. Zement sieht nur die Dinge, die er schon kennt. Und manchmal wundern wir uns, wie er unbeschadet über eine Straße laufen kann. Er kennt doch nicht jedes Auto. Es ist ein Rätsel.
3) Die Namen der Mitglieder der Kurzhosengang sind natürlich nicht unsere richtigen Namen. Niemand wird geboren und heißt Snickers oder Island oder Zement. Auch würde keine Mutter ihr Kind Rudolpho nennen.4 So was nennt man inkognitosein. Wenn jeder wüsste, wer die Mitglieder der Kurzhosengang sind, dann würde hier aber die Post abgehen, das lasst euch mal gesagt sein.
4) Wir leben in einer kleinen kanadischen Stadt, in der jeder schon mal mit dem anderen gesprochen hat. Wenn wir auf die Straße gehen, sehen wir anders aus als zu Hause. Wir gucken und laufen und reden anders. Wir sind dann lässig wie Eiswürfel am Strand von Tahiti. Unsere Eltern gehen an uns vorbei und denken: Da ist ja wieder die Kurzhosengang. Sie denken nicht: Da sind ja unsere Kinder. Die Kurzhosengang hat keine Kinder als Mitglieder. Wir tun nur so, als ob wir Kinder wären.
5) Die Kurzhosengang wurde mitten im Winter zur Kurzhosengang. Dieser Tag stellt ein bedeutendes Datum in der Weltgeschichte dar. Viele Schulbücher mussten umgeschrieben werden und trotzdem steht in allen das Falsche. Denn was genau an diesem Wintertag passiert ist, weiß eigentlich keiner. Viele glauben es zu wissen. Sie sagen dies und sie sagen das. Dabei wissen sie rein gar nichts.
Wenn man die Kurzhosengang fragt, dann schütteln wir unsere Köpfe. Denn es geht niemanden an, was genau an diesem Tag passiert ist. Die Mitglieder der Kurzhosengang schweigen wie vier tiefe Gräber auf einem Friedhof voller Vampire. Überall ist Nebel zu sehen und da steht einer der Vampire und wedelt mit seinem Umhang und tschak kriegt er einen Pflock vor die Brust. Wo kommt der Pflock her? Da tritt aus dem Nebel ein junger Mann. Er hat kurzes Haar und sieht richtig toll aus. Er ist verliebt in ein Mädchen, das die Schwester seines Kumpels ist. Das Mädchen ist viel zu alt für den jungen Mann, aber so spielt nun mal das Leben.
Der junge Mann bin ich.
Ich oder auch kurz Rudolpho genannt.
Und das hier geschah an dem Tag, an dem sich die Welt veränderte und die Kurzhosengang zu ihrem Namen kam.
Wieso ich das verrate, fragt ihr euch jetzt sicher. Und das auch noch im Fernsehen vor einem Publikum. Ich verrate es euch, weil ich genug davon habe, dass was Falsches in den Büchern steht.
Leiht euch einen Kuli, streicht das Falsche durch und schreibt das Richtige rein.
So wird das gemacht.
*
Wir hatten Sportunterricht. Draußen schneite und stürmte es, während wir durch die Turnhalle liefen und einem Basketball hinterherjagten. Basketball ist in Kanada so beliebt wie Turmspringen in der Sahara. Wir lieben Eishockey. Wir wachen am Morgen auf und denken an Eishockey, wir schlafen am Abend ein und träumen von Pucks.5 Ich kenne keinen Jungen, der Eishockey nicht mag. Ich kenne eine Menge Jungs, die Basketball bescheuert finden. Eine ganze Turnhalle voll.
Unser Sportlehrer heißt Kniescheibe und wiegt vielleicht zweihundertsechsundzwanzig Kilo. Er war früher ein toller Eishockeyspieler, dann gingen bei einem Zusammenstoß seine Kniescheiben kaputt und er wurde Sportlehrer. Dazwischen fing er an zu essen und aus einem kräftigen Mann wurde eine wandelnde Tonne. Auch die Stimme von Kniescheibe hat sich dabei verändert. Sie klingt wie die Stimme von jemandem, der gleich explodiert und jeden um sich herum mit Blut und Gedärmen bespritzt. Kniescheibe ist immer wütend, wenn er mal nicht wütend ist, dann ist er bestimmt tot. Und so klingt es, wenn Kniescheibe nach einem ruft:
»BEWEGDEINENPUDERHINTERNSOFORTHIERHER, DUKLEINERWICHT, DERNOCHNICHTMALEINENBALLHALTENKANN. WOHASTDUDASGELERNT, HM? DENKSTDU, DERBALLISTMITSUPERKLEBEREINGESCHMIERT? PACKIHNAN, PACKIHNRICHTIGAN, DUWANZE, NUNMACHSCHON.«
Es gibt auf unserer Schule vielleicht hundert Schüler und alle wissen, was Kniescheibe für einer ist. Von diesen hundert Schülern brach garantiert schon die Hälfte in Tränen aus, nachdem Kniescheibe sie das erste Mal angeschrien hatte. Andere Lehrer dürfen das nicht. Kniescheibe darf es nur, weil er mal einer der bekanntesten Eishockeyspieler Kanadas war.6
»WASSCHAUSTDUSODÄMLICH? ISTDASHIEREINFERIENCAMP? SUCHDENBALL, DUSOHNEINERAVOCADO, SUCHIHNUNDMACHSCHNELL, SONSTFALTEICHDEINEOHREN, BISSIEANLIEGEN.«
Das Dumme an Kniescheibe ist, dass er Eishockey hasst, seitdem seine Kniescheiben kaputt sind. Für uns heißt das Basketball, Volleyball und Bodenturnen. Es heißt Fußball und Handball und Langstreckenlauf.
Wir gehen auf die traurigste Schule der Welt.
Und niemand konnte an diesem Tag wissen, dass die traurigste Schule der Welt nur noch einige Minuten hatte, bevor sie völlig von diesem Planeten verschwand.
*
Unsere Schule stand auf einem Hügel, von dem aus das Meer und unsere Stadt gut zu sehen sind. Die Straße, die zur Schule hochführte, ist ungefähr einen halben Kilometer lang und verläuft in merkwürdigen Bögen und Kurven. Vielleicht gab es hier früher Felder und die Straße musste um die Felder herumgelegt werden.
Zwischen morgens und nachmittags fuhr jede halbe Stunde ein Bus hoch zur Schule. Die meisten Kinder aber wurden von ihren Eltern gebracht. Es gab deswegen jeden Tag Stau. Snickers, Island, Zement und ich nahmen immer den Bus. Es gibt ja wohl nichts Peinlicheres als von den Eltern zur Schule gebracht zu werden. Wann immer die Sonne schien, wirkte die Straße wie eine graue Schlange aus glänzendem Metall. Lag aber Schnee, dachten die Eltern nicht daran, ihre Kinder zur Schule zu fahren. Niemand hatte große Lust, den Hügel bei Eis und Glätte anzugehen. Dafür gab es den Busfahrer. Der Busfahrer kannte die Straße gut, er fuhr den ganzen Tag lang nur diese eine Strecke und war das Gegenteil von Kniescheibe. Der Busfahrer sprach ganz bescheiden, nickte immer höflich, wenn man ihn grüßte, und zeigte nie auch nur die leiseste Spur von Wut.
*
Einmal fuhr er einen Fuchs an. Keine Ahnung, was sich der Fuchs dachte, als er die Straße überquerte. Ich habe diese Viecher immer für sehr klug gehalten, aber das können sie nicht sein. Da fährt jede halbe Stunde ein Bus vorbei und der Fuchs sucht sich ausgerechnet diese eine Sekunde aus, um über die Straße zu laufen. Nein, kein bisschen klug.
Es gab einen dumpfen Knall, dann bremste der Busfahrer und stieg aus. Wir rannten alle nach vorne, um unsere Nasen an der Frontscheibe platt zu drücken. Nur Zement bewegte sich keinen Zentimeter von seinem Sitzplatz weg, und Island musste ihm später erzählen, was passiert ist. Und das hörte sich so an:
