Die Mäusekönigin - Jay Kay - E-Book

Die Mäusekönigin E-Book

Jay Kay

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Beschreibung

Bao ist eine Maus und Nhi ein hübsches Mädchen. Im Haus der Versehrten bringt sie der Zufall zusammen. Beide teilen ein gemeinsames Schicksal: Die Folgen der unzähligen Kriege aus der Vergangenheit Vietnams zu ertragen. Beide sind klein und zerbrechlich, von der Gesellschaft kaum akzeptiert. Wie kann man überleben und einen sicheren Platz im Leben finden? Vor allem, wenn man seinen eigenen Weg gehen will. Denn das fällt Nhi schwer, schließlich hat sie keine Beine. Doch sie hat ein Geheimnis. Sie kann etwas, dass niemand auf der Welt je konnte.

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Jay Kay

 

Die Mäusekönigin

 

»Von der Wirklichkeit kann man sich erzählen lassen, aber es ist eine ganz andere Sache, darin zu leben.«

- Bao

 

Die Geschichte

Bao ist eine Maus und Nhi ein hübsches Mädchen. Im Haus der Versehrten bringt sie der Zufall zusammen. Beide teilen ein gemeinsames Schicksal: Die Folgen der unzähligen Kriege aus der Vergangenheit Vietnams zu ertragen. Beide sind klein und zerbrechlich, von der Gesellschaft kaum akzeptiert. Wie kann man überleben und einen sicheren Platz im Leben finden? Vor allem, wenn man seinen eigenen Weg gehen will. Denn das fällt Nhi schwer, schließlich hat sie keine Beine.

Doch sie hat ein Geheimnis. Sie kann etwas, dass niemand auf der Welt je konnte.

 

Träumende Schlangen, eine Villa voller Hühner und der letzte Brief von Ho Chi Minh. Diese Geschichte ist so wundersam wie das Leben im heutigen Vietnam, alles erzählt aus der Sicht einer kleinen Maus.

 

Der Autor

Jay Kay ist nicht nur Schriftstellername, sondern seit jeher Spitzname des Verfassers dieser Geschichte. Wenn er keine Bücher schreibt, macht er die Weltmeere unsicher und die Unterweltmeere sicher. Er war schon Journalist, Übersetzer, Fotograf, Pressesprecher, Grafiker und Programmierer. Lesen und Schreiben sind bei ihm nicht zu trennen.

 

Ebenfalls von Jay Kay

Kinder der Erde:

Ich, Santa (Roman & Vignette 0)

Iikitt (Vignette 1&2)

Engel der Frequenzen (Vignette 3&4)

Der Dachs, der Wind und

das Webermädchen (Vignette 5&6)

 

Magischer Realismus:

Native American Girl (Roman)

 

Science Fiction:

Filona am Ende der Zeit (Roman)

 

 

Die Mäusekönigin

(Queen Of Mice)

Copyright Jay Kay 2021

 

1. Auflage

2021

Even Terms Press

Unt. Waldweg 10, 30974 Wennigsen (Mark)

www.eventermspress.de

Lektorat / Korrektorat: EMB

unter Mitarbeit von

Dr. F. Weinreich, textarbeiten.com

 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das

des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

Titeldesign & Layout: jkunter Verwendung von Motiven von Shutterstock

Satz: DTP Service Durchschuss, 62291 Versatz

Published in Germany

by Even Terms Press

 

Inhalt

 

 

1

Das Haus der Güte

 

2

Das Haus der Sehnsucht

 

3

Das Haus der Demut

 

 

 

 

 

 

M

ein Name ist Bao. In der Sprache, die ich lernen durfte, bedeutet es Schatz. Manche benutzen es, um etwas zu benennen, das klein und sehr kostbar ist.

Ich war die meiste Zeit meines Lebens die helfende Hand meiner Königin. Vielleicht sollte ich den Begriff »meiste Zeit« definieren. Es ist die Zeit, seit ich verloren ging, seit sie mich gefunden hat und ganz besonders, da sie mich zum ersten Mal ansprach.

Sprache hat den Menschen zu dem gemacht, was er ist? Wenn das stimmt, dann war es kein Erwachen, kein Erfinden von Werkzeug, kein Gebrauch der Hand, kein Wettbewerb oder Konkurrenz und erst recht kein Krieg.

Wörter und Sprache haben das geformt, was die Welt ausmacht und zusammenhält. Oder auseinanderführt. Je nachdem, wie man es betrachtet.

Als mich meine Königin fand, war ich so jung wie ein Palmspross, der das erste Grün aus der gebrochenen Schale hinaus in die Welt streckt. Das heißt, ich war eben erst entwöhnt und konnte kaum aus den Augen schauen. Noch dazu befand ich mich in einer gefährlichen Situation. Ich war wahrlich verloren gegangen. Beim Umzug von einem Nest in das nächste war ich auf der Strecke geblieben. Warum meine Mutter mich fallen ließ, kann ich nicht sagen. Ich werde es auch nicht mehr aufklären, denn ich habe sie nie wieder getroffen. War es, weil sie erschrak, da Gefahr drohte und sie sich selber retten musste? Oder weil alles ein bisschen hektisch wurde, beim Umzug von mir und meinen Geschwistern? Denn die muss es gegeben haben. Ganz sicher sogar eine Menge davon. Aber ich kann mich kaum an sie erinnern. Alles, was ich von meiner Familie noch in mir trage, ist ein Gefühl. Ein Gefühl von Wärme und Nähe.

Da lag ich nun. Irgendwo zwischen hier und dort. Auf kalten Fliesen, vermutlich weithin sichtbar, obwohl ich das heute nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, da ich meine Augen gerade geöffnet hatte und mir das Sehen noch Unbehagen bereitete. Alles, was ich von diesem Augenblick weiß, hat sie mir erzählt.

Sie sah mich, hob mich auf und steckte mich unter ihre Bluse. Niemand sollte mich entdecken und keiner durfte mir etwas zuleide tun. Das war ihr Credo. Das hat mich gerettet.

Damals wusste ich kaum mehr. Aber im selben Moment fühlte ich mich geborgen. Es war warm und ein Schutz umgab mich, der mich einer weichen Decke gleich umhüllte.

Ich war nicht wie sie. Ich war viel kleiner. Als sie mich hielt, fühlte ich mich geschützt. Ihre Hand war warm, ihre Worte mild. Dass sie ein Mensch war, erfuhr ich erst später. Und was ich war ebenso.

Aber wir sind zusammengewachsen. Ein Team geworden. Etwas hat uns vereint. Und es waren nicht nur die Ereignisse und das Schicksal meiner Gemeinschaft, und es hat ebenso nichts mit den Hühnern und den Schlangen zu tun. Obwohl auch sie in dieser Geschichte ihre Rolle spielen.

 

D

as Erste, was ich lernte, war ihre Sprache, und sie war eine meisterhafte Lehrerin. Nicht nur, weil sie all die Worte und Bedeutungen vermitteln konnte, sondern weil sie die Einzige ist, die ich kenne, die auf so viele Arten sprechen kann. Sie ist sogar die Einzige auf der ganzen weiten Welt. Das weiß ich aus ihren Erzählungen und soweit ich beurteilen kann, muss es stimmen, denn mir ist sonst niemand begegnet, der so ist wie sie.

Das Schicksal hat uns zusammengeführt. Wie auch ich war sie anders, etwas Besonderes. Irgendwie verloren, nicht zugehörig, schwerlich akzeptiert.

Doch ihr Wort und ihre Taten haben sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Unsere Königin.

Und wenn Sie mich fragen, wie ist das möglich? Ist doch eine Maus so klein und ein Mensch so groß. Dann kann ich nur sagen, das kam so.

 

 

SPRACHE FORMT

Auszug aus dem Artikel 'WIE DAS DENKEN ENTSTAND' im Magazine for Science Ausgabe 24/97

 

Menschen leben in unterschiedlichen Kulturen und sprechen die verschiedensten Sprachen. Was sie lernen, wie sie lernen und wie schnell sich dies in den Strukturen des Gehirns niederschlägt, wird jetzt in einer Studie am Institut for Human Linguistics der CalTech University untersucht. Die Studie ist auf mehrere Jahre angelegt und wird durch Studenten gestützt, die sich auf längere Zeit verpflichtet haben.

Die alte Sapir-Whorf-Hypothese, wonach Sprache das Denken maßgeblich beeinflusst und, wie neuerdings nachgewiesen, sogar die körperliche Entwicklung regelt, scheint sich zu bewahrheiten.

 

 

I

hr Name ist Nhi. In der Sprache ihrer Verwandten bedeutet es, dass sie klein ist. Bei Nhi wird es immer bleiben, auch wenn sie für uns bald so wichtig wurde, und erst recht bei dem, was sie heute für uns ist. Ich fand ihren Namen sehr passend und niemals abwertend, auch wenn es mir schien, dass sie ihn manchmal mit einer seltsamen Mischung aus Demut und Bitterkeit erwähnte. Sie war eben etwas Besonderes. Zum einen, weil sie mit mir sprechen konnte, und zum anderen, weil sie keine Beine besitzt.

Sie hatte nie welche besessen. Sie war exakt so auf die Welt gekommen. Es brauchte eine gewisse Weile, bis sie mir erklären konnte, warum das so war. Bis ich verstand, was es bedeutet, auf diese Weise anders zu sein. Weil sie so geboren war, und demnach alle anderen nicht so waren wie sie. Ja, die Menschen haben zwei Beine, auf denen sie sich bewegen. Hinlänglich schnell und, wie ich meine, nicht besonders elegant. Für Nhi jedoch war es von Anfang an unmöglich, sich auf diese Weise fortzubewegen, denn ihre Mutter hatte ihr keine Beine geschenkt.

Nhi erzählte mir oft von dem Krieg, auch wenn er schon lange vorüber war. Und dann gab es noch dieses Mittel, das für alles verantwortlich war. Diese Dinge vermochte ich jedoch erst viel später zu begreifen.

Seit den ersten Tagen trug sie mich in einer Tasche ihres Hemdes und oft auch unter ihrer Bluse, ganz nah bei ihrem Herzen. Ich spürte ihre warme Haut, ich fühlte ihren Herzschlag und beides bedeutete Geborgenheit. Sie gab mir von ihrem Brei und den Früchten zu essen und hielt mich ab, wenn es mir zu ungemütlich wurde und ich nach einer Stelle suchte, um das loszuwerden, was ich zuvor gegessen hatte.

Schon damals verstand sie jeden meiner Laute, konnte alle Äußerung deuten und las aus meinem Verhalten wie aus einem offenen Buch.

 

 

NEUE LEHREINHEIT AN DER UNI

aus DIE KLAUSUR No. Cinq, Universitätszeitung der Panthéon-Sorbonne, Paris vom 26. Sep. 2008

 

Die Abteilung Sprache und Kultur hat eine neue Lehreinheit unter der Leitung von Prof. Stephane Lacroix bekommen. Neben dem Wissenszweig der Zoosemiotik, die sich mit Zeichen und Gesten der Tierwelt beschäftigt, wird ab dem nächsten Semester auch im neugegründeten Zweig der Zoolinguistik geforscht und gelehrt. Sie beschäftigt sich mit der nächsten Stufe der Kommunikation unter verschiedenen Arten der Fauna. Es wird der universellen Fragestellung nachgegangen, inwiefern einzelne Gattungen in der Tierwelt Formen von Sprache besitzen und ausgestalten, beziehungsweise über Generationen weitergeben.

 

S

ie musste mich verstecken, niemand durfte mitbekommen, dass sie mich bei sich trug. Tag und Nacht. Hätten die Pfleger und erst recht die Menschen aus dem Büro mitbekommen, dass es mich gab und wo ich mich versteckte, dann hätte Nhi ganz sicher eine Menge Probleme bekommen. Zumindest solange sie im Ho Si Hai wohnte. Das war ein großes Haus und dort waren viele Kinder untergebracht. Man hatte es für einhundert Opfer ausgelegt. Doch es wurden nur dreißig betreut. Für mehr reichte das Geld nicht. Schließlich mussten nicht nur Essen und Strom bezahlt werden, sondern auch die Hilfskräfte.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich ihre Stimme hörte. Gleich versuchte sie, die Laute und den Akzent meiner Art nachzuahmen. Das klang etwas seltsam, doch auch sie lernte schnell. Das war ihre Fähigkeit, das war ihr statt der Beine in die Wiege gelegt. Obwohl ich glaube, dass sie schon oft gelauscht hatte, als meine Verwandten sich in den Wänden und hinter den Paneelen unterhielten. Wenn es dunkel war und alle schliefen, kam unsere Zeit. Dann zwängten sich die Scouts durch die Spalten und selbstgenagten Löcher, um die Gänge und Hallen nach Essbarem zu durchsuchen. Leise riefen sie sich dabei Befehle und Meldungen zu.

Bei jenem ersten Mal sprach sie mich mit einem Pfiff für Aufmerksamkeit an und danach sagte sie einfach: »Hallo«. So wie es Menschen tun. Das weiß ich jetzt, da ich viel von ihr gelernt habe. Sie nannte mir ihren Namen und gab mir meinen, damit ich stets wusste, wann sie mich ansprach. Ich zitterte vor mich hin, denn alles war so ungewohnt. Mir war kalt, da ich eine Weile auf den kühlen Fliesen gelegen hatte, doch sie streichelte mir sanft über den Rücken. Ich schnüffelte an ihrer Hand und nahm ihren Geruch ein für alle Mal in mich auf. Ich würde ihn nie vergessen. Allzeit kann er mich zu ihr führen. Meine Nase ist viel feiner als ihre und auch meine Ohren hören besser. Aber sprechen wie Nhi, und zwar so, dass alle Wesen dieser Welt sie verstehen, das kann nur sie.

»Bleib ruhig«, wies sie mich zu Beginn unseres Beisammenseins an. Ich war jung, ich war hektisch, wer könnte es mir verdenken. Doch sie legte ihre Hand auf mich und ich fühlte mich sicher.

»Ich werde immer auf dich aufpassen.« Das schwor sie mir, wenn ich zweifelte, wenn ich Bedenken an unserer Mission hatte und ihr das offen sagte. Dann war es ihre Stimme, die mich beruhigte, die mich so oft in den Schlaf wiegte.

Doch manchmal, wenn sie schlief und ich erwachte, krabbelte ich ganz vorsichtig bis an ihren Hals. Ich hörte sie in tiefem Schlummer atmen und blickte hinauf zum Mond. Nhis Schlafplatz lag direkt unter dem Fenster des Zimmers im zweiten Stock und in den ersten Monaten fiel es mir schwer, meinen Blick von der bleichen Scheibe abzuwenden, die dort oben auftauchte und so herrlich strahlte.

Einmal wachte sie auf und bemerkte, wie ich an ihrer Seite in den Himmel starrte. Da fragte ich Nhi, was das runde, leuchtende Ding am Nachthimmel ist und sie erklärte mir, es wäre ein riesiger Brocken aus totem Fels, der einmal zur Erde gehört hatte. Vor langer Zeit, als die Erde noch jung war, hatte sie sich einmal so übermütig gedreht, dass ein Stück ihrer selbst davongeflogen war und nun für immer dort oben kreist.

Ich versuchte, das zu verstehen, aber noch etwas anderes war mir wichtig.

»Ich versuche, das zu verstehen«, sagte ich, »doch was ist der Mond für dich?«

»Ich glaube, er ist unser Spiegel. Er ist das andere Land, und alle Menschen, die jemals gelebt haben und gestorben sind, kommen dorthin. Auch meine Mutter und mein Vater sind da oben und schauen auf uns herab.«

»Kannst du sie sehen?«, fragte ich.

»Nein«, antwortete Nhi. »Niemand kann die Geister sehen. Aber ich weiß, dass sie da sind und auf mich warten, damit wir eines Tages wieder vereint sind. Und wenn das passiert, werde ich mit ihnen dort oben spazieren gehen. Dann habe auch ich Beine und kann laufen wie alle anderen.«

»Gibt es auch Mäuse auf dem Mond?«

Da musste sie lachen.

»Du meinst die Geister deiner ungezählten Verwandten?«

Ich nickte.

»Da bin ich mir sicher.«

Und sie lächelte immer noch.

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. So viel schneller als das Herz von Nhi und ich sagte: »Wenn ich einmal gegangen bin, dann werde auch ich dort auf dich warten.«

»Das ist lieb von dir«, sagte sie und das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. Ich sah, wie sich ein feuchter Film in ihren Augen bildete.

»Dann können wir zusammen spielen, wie wir es noch nie getan haben.«

»Für immer«, sagte sie und schloss die Augen, um weiterzuschlafen. Wovon sie in dieser Nacht geträumt hat, kann ich nicht sagen, aber ihr Atem war so ruhig wie nie zuvor.

 

 

ZOOSEMIOTIK

Eintrag auf der Website WISSENSWELT

 

Die Zoosemiotik erforscht die Kommunikation der Tiere, wie etwa Tiersprachen und Primatensprache. Kommunizieren Tiere einer Art miteinander, handelt es sich um intraspezifische Kommunikation. Sie gelingt immer dann, wenn alle Beteiligten denselben Code verwenden und die gleichen Regeln anwenden. Die Kenntnis von Code und Regeln kann angeborenes Vermögen von Geburt an sein oder eine angeborene Disposition, deren Ausgestaltung trainiert oder erlernt wurde. Extraspezifische Kommunikation, die über eine reine Signalübermittlung von Aggression, Unterwerfung oder Verteidigungsritualen hinausgeht und zwischen verschiedenen Arten oder sogar zum oder vom Menschen verläuft, ist nicht hinreichend erforscht und bedarf in diesem Dokument der Ergänzung.

 

 

N

his Bett befand sich in einem Raum mit noch vielen anderen Kindern. Jedem fehlte etwas. Bei Mychau waren es die Arme; wobei sie schon welche besaß, aber die waren unterschiedlich lang und Hände hatte sie auch nicht. Und da war Lanh. Der hatte immer seinen Mund offen, denn ihm fehlten die Lippen und gleich auch noch die Nase. Das musste ständig angefeuchtet werden und er trug deswegen meistens einen Schutz vor dem Gesicht.

Gut bewegen oder schnell laufen konnte keines von ihnen. Die meisten Kinder im Haus des Vereins lagen auf ihren dünnen Matten am Boden und schauten an die Decke. Einige wenige konnten sitzen und lehnten an Polstern, die man an die Wand geschraubt hatte. Viele konnten nur krabbeln, oder sie versuchten, ganz untypisch für Menschen, auf allen vieren zu laufen, was ihnen gar nicht gut gelang. Eine Pflegerin sagte einmal, an dem ganzen Schlamassel wäre einzig dieser Agent schuld. Ich glaube, da hatte sie etwas falsch verstanden, denn ein einziger Mensch kann doch gar nicht so viel Unheil anrichten. Die Dinge, die man sehen konnte, waren sowieso nicht die Schlimmsten, denn das Gehirn bekommt immer den meisten Schaden ab.

 

 

INTERNATIONALER VEREIN GEGRÜNDET

aus Berliner Allgemeine Zeitung

vom 17. Nov. 1987

 

Der Hilfsfond für internationale Beziehungen hat in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsressort und dem Kulturreferat einen Verein zur Versorgung und Pflege der Kriegsopfer und Versehrten in Vietnam gegründet. Weitere sechs Nationen sowie viele freie und privatwirtschaftliche Helfer haben ihre Unterstützung zugesagt. Dafür wird eine Einrichtung in Nordvietnam, nahe der Hauptstadt Hanoi, errichtet, die spezielle Behandlungen, Therapien und Rehabilitation ermöglicht. Überwiegend durch Spenden finanziert werden hier Kinder untergebracht, die unter den Spätfolgen des Krieges (Geburtsfehlern oder genetisch bedingten Fehlbildungen), insbesondere als Folge des Einsatzes von Chemiewaffen, leiden.

 

 

A

uf Nhi traf das nicht zu, ihr fehlte nichts, nur die Beine. Und ihre Pflegerin Khuyen hatte das sofort erkannt, als sie die kleine Nhi in ihre Station aufnahm. Khuyen war eine gute Kraft, die ihre Kinder den ganzen Tag beobachtete und für sie da war. Sie war stark, obwohl klein und zierlich gebaut. Sie trug immer einen weißen Kittel und roch nach Malventee. Sie hatte eingecremte Hände, nur ihre Füße steckten in diesen fürchterlichen Gummilatschen mit den kleinen Löchern, die bei jedem Schritt absonderlich quietschten. Bei dem, was sie tat, war sie so sicher und unglaublich stolz. Ich denke, der Stolz hat sie getragen über all die Jahre und die vielen Kinder, die sie in dieser Zeit betreute. Sicher wollte sie helfen und diese Aufgabe schien ihr wohl am besten geeignet. Nhi erzählte mir einmal, Khuyen wolle mit ihrem Helferstolz der Welt etwas zeigen. Es ging ihr darum, den Siegern, aber ebenso den Verlierern des großen Krieges zu beweisen, dass die Freiheit immer siegt, und sei sie auch noch so teuer erkauft.

Wäre Khuyen nicht gewesen, niemals hätte Nhi so schnell und so viel gelernt. Denn sie war wissbegierig, wollte alles sehen und von allem hören, was dort draußen war. Manchmal kommt es mir vor, als wäre das ganz ähnlich verlaufen wie bei mir. Ab dem Zeitpunkt, da sie angesprochen wurde, gab es kein Halten mehr.

 

 

D

ie Pfleger sagten, Nhi wäre sehr hübsch. Ihre langen schwarzen Haare, das feine Gesicht. Deswegen würde sie es leicht haben, wenn sie eines Tages das Haus verlassen müsste. Dann käme die Zeit, allein durchs Leben zu gehen, so wie jeder, der ein bestimmtes Alter erreicht und für den der Verein dann nicht mehr zuständig ist. Nhi sagte immer, sie würde in ihr altes Dorf zurückkehren. Dort, wo man sie damals abgeholt hatte, nachdem ihre Mutter verstorben war. So wie ich, konnte sich auch Nhi an nichts erinnern, was vor ihrem Einzug in das Haus lag. Man hatte ihr gesagt, ihre Mutter trug den schönen Namen Vui. Das bedeutet, sie würde glücklich sein. Eine Weile nahm ich an, dass der Name jedem ein Ziel fürs Leben gibt und dass man hart arbeiten müsste, um es zu erfüllen. Einlösen könnte man es aber erst, wenn man nicht mehr in dieser Welt lebt. Doch Nhi klärte mich auf. Sie sagte, noch vor nicht allzu langer Zeit war es verboten, überhaupt irgendetwas zu glauben. Heute glauben viele Menschen daran, wiederzukehren und andere wiederum wollen sich ganz und gar auflösen.

»Einige versuchen, Erleuchtung zu finden«, hatte uns Khuyen einmal erklärt und ich verstand nicht, was sie damit meinte.

»Wollen sich die Menschen in ein Licht verwandeln?«, fragte ich Nhi. »Und wollen sie sein wie ein Stern, der in der Nacht am Himmel funkelt?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Aber dass die Seele bleibt und dort oben weiter leuchtet, der Gedanke gefällt mir.«

Da war ich froh, dass ich auf die Idee gekommen war und ab dem Zeitpunkt kamen wir überein, dass wir viel Gutes tun wollten, damit wir eines Tages zusammen am Himmel leuchten würden.

 

 

OPFERVEREIN FEIERT

aus Le Courier de Vietnam Nr. 17

vom 24. Apr. 2000

 

Der Opferverein Ho Si Hai feiert in der nächsten Woche sein zehnjähriges Bestehen. Ehemals gegründet von einem Angehörigen der französischen Botschaft in Hanoi und einer deutschen Übersetzerin sind in dem Gebäude nahe der Nordstadt fast dreißig Kinder untergebracht, die unter Spätfolgen des Krieges leiden. Einen geringen Teil des Unterhalts bezieht der Verein aus staatlicher Hilfe. Der überwiegende Rest wird durch Spenden aus dem Ausland finanziert. Aus diesem Grund werden kaum so viele Pflegefälle betreut, wie die Einrichtung beherbergen könnte. Zum Tag der offenen Tür in der nächsten Woche rufen die Betreiber zu Spenden auf. Aufgrund von finanziellen Engpässen müssen einige Patienten frühzeitig entlassen werden. Für alle Kinder gilt, dass ihr Aufenthalt mit dem Erreichen des achtzehnten Lebensjahres endet.

 

 

N

his Verwandte lebten in einem Dorf, ein kleiner Ort namens Tuan Dinh, weit nördlich von Hanoi, an den Hängen der grünen Berge. Für das Leben außerhalb des Hauses trainierte Nhi jeden Tag. Man hatte zwei Krücken speziell für sie angefertigt. Das war ihre Art zu laufen. Bald war sie stark genug und wurde mit jedem Tag stärker. Sie huschte von Zimmer zu Zimmer, ja sogar die Treppe bereitete ihr bald keine Probleme mehr.

Von ihren Besuchen treppauf, treppab kannte sie alle Kinder. Soweit diese sprechen und verstehen konnten, unterhielt sie sich stundenlang mit ihnen. Aber am liebsten hörte Nhi auf die Worte und Geschichten ihrer Pflegerin. Khuyen hatte eine Menge zu erzählen. Von der Geschichte und dem Kampf ihres Volkes. Von dem Leid, aber auch von dem Stolz und allen Dingen, die sich in die Seelen eingebrannt hatten. Khuyen hatte, wie auch Nhis Mutter und ebenso ihr Vater, in den Reihen der großen Armee gekämpft. Ein harter Kampf, ein großer Sieg, ein hässliches Erbe, das war es, was blieb. Nhis Vater Tan war in den großen Wirren verloren gegangen, er war eines Tages nicht mehr heimgekehrt.

»Doch jetzt sind wir frei«, pflegte Khuyen am Ende ihrer Geschichten zu sagen.

»Was bedeutet das?«, fragte Nhi eines Tages.

»Wir können selbst bestimmen, was wir tun und wie wir es tun«, antwortete Khuyen.

»Heißt das, wir können gehen, wohin wir wollen und leben, wie wir möchten?« Nhi war schon immer an der Welt da draußen interessiert. Das wusste Khuyen und sie antwortete: »Das ist richtig, aber auch wieder nicht.« Und ihr Ton wurde ein bisschen feierlich, weil sie auf das große Ganze zu sprechen kam.

»Was man tun darf und was nicht, bestimmt jetzt unsere Regierung und damit das Volk. Aber nie mehr wird ein anderes Volk über unser Schicksal bestimmen. Wohin ein jeder geht, um sein Leben zu gestalten, und womit er seinen Unterhalt verdient, hat man selbst in der Hand. Du bist, was deine Fähigkeiten dir ermöglichen. Für alles braucht es Kraft und Erfahrung, denn die Welt ist groß und fremd und Wind und Wasser sind unbarmherzig, so wie die meisten Menschen. Man muss sich seinen Platz unter ihnen erkämpfen und hart arbeiten, damit man einen Ort erschafft, an dem man in Ruhe leben kann.«

Ich fand das ein bisschen seltsam. War da wirklich so ein großer Unterschied, wenn doch ständig jemand darüber bestimmte, was man zu tun und zu lassen hatte? Für mich klang es, als wären alle immer noch dazu berufen zu kämpfen, obwohl sie sich doch angeblich selbst regierten. Aber vielleicht war das nur der spielerische Kampf, den sie Wirtschaft nannten.

Ich erinnerte mich vage an meine Gemeinschaft, damals im Bau meiner Mutter, wo ich zwischen meinen Geschwistern gelegen hatte. Wir waren allzeit da, um uns zu unterstützen und zu wärmen. Und wenn die Menschen sich untereinander nicht so viel von dieser Wärme geben können, dann war das vielleicht der Grund, warum mich Nhi so gerne ganz nah bei sich trug.

Eines war mir schon damals klar, als ich unter Nhis Bluse saß und Khuyens Worte hörte: Es würde nicht leicht werden, einen Ort zu erschaffen, an dem man in Ruhe und vor allen Dingen nach seinen eigenen Regeln leben kann. Besonders, da Nhi so anders war. Und dass uns noch ein langer Weg bevorstand, wurde mir erst bewusst, als man uns aus Ho Si Hai entließ.

Gerne erinnere ich mich an dieses gütige Paradies. Dass es draußen in der Welt ganz anders werden würde, als ich mir in meinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können, erwischte mich ziemlich unvorbereitet. Ich glaube noch heute, es ging Nhi nicht viel anders. Von der Wirklichkeit kann man sich erzählen lassen, aber es ist eine ganz andere Sache, darin zu leben.

 

 

KPV KURSWECHSEL ANGEKÜNDIGT

aus Voice of Vietnam

vom 1. Feb. 1986

 

Die Einheitspartei Vietnams nimmt ab dem neuen Jahr einen Kurswechsel ihrer zentral gesteuerten Verwaltungswirtschaft vor. Auf dem VI. Parteitag der KPV wurde beschlossen, Lizenzen für staatliche und genossenschaftliche Unternehmen zu vergeben. Die Öffnung in Richtung Marktwirtschaft soll für intensives Wirtschaftswachstum sorgen. Der Name für diese Initiative ist schon vergeben: Doi Moi.

 

 

S

o fuhr man Nhi (und mich mit ihr) eines Tages, es war ein Mittwoch, wenn ich mich recht entsinne, eine lange Strecke bis in ihr Dorf im Norden. Zudem war es September und der Wind rüttelte mit seinen unsichtbaren Händen an den Fenstern. Von Zeit zu Zeit hatte er dicke Regentropfen im Gepäck und die schlugen auf das Autodach, dass sogar ich davon wach wurde. Verstehen Sie mich nicht falsch, alles war unendlich aufregend, aber wir Mäuse haben nun mal unsere Aktivitätsphasen. Unsere Herzen schlagen schnell und wenn wir drei Stunden herumgelaufen sind, tut es uns gut, eine ebenso lange Zeit wieder zu ruhen. Als ich durch einen Spalt aus der Bluse lugte, sah ich, wie das Wasser an den Fenstern zerlief. Es waren winzige Flüsse aus vielen kleinen Armen, doch sie strömten und strömten. Es nahm überhaupt kein Ende. Auch das möchte ich erwähnen: Wasser und Mäuse, das verträgt sich nicht.

 

 

Aus WELT DES WISSENS

 

Die Falbmaus (Mus cervicolor) hat eine Verbreitung über eine Vielzahl von Habitaten. Sie kommt in China und Südostasien in Sekundärwuchsflächen, Gras-Gebüsch, Reisfeldern, Laubwäldern, aber auch urbanen Nutzflächen vor. Die Höhenverbreitung reicht bis 2000 Meter. Sie ist kleiner als ihr naher Verwandter die Reisfeldmaus (Mus caroli) und hat einen kürzeren Schwanz als die Farbmaus (Mus musculus).

 

 

J

e weiter wir nach Norden fuhren, umso höher ging es hinauf. Der Fahrer, Xuan, war ein dicker Student mit einer rahmenlosen Brille auf der Nase, der diese Fahrten als Aushilfe organisierte. Um die Kinder aus dem Verein nicht zu sehr zu schockieren, brachte man sie dahin, wo sie wollten. Auf diese Weise ersparte man ihnen, gleich am ersten Tag im Bus zu fahren. Xuan scherzte, wir würden eine und dann noch eine Bergkuppe nehmen und am Ende wären wir höher gefahren als der Wolkenpass. Ich weiß nicht, ob das der Wahrheit entspricht, denn ich habe den Wolkenpass niemals überquert. Er liegt viel weiter im Süden. Aber dass Tuan Dinh ein kleines Dorf war, erkannte ich, sobald wir ausgestiegen waren. Es roch anders als die große Stadt. Es roch nach feuchter Erde und Pflanzen, an denen ich noch nie knabbern durfte. Und da war noch etwas. Es stach in der Nase und schien mir irgendwie gefährlich. Was es war, konnte ich damals noch nicht bestimmen. Schließlich hatte ich außer Menschen und Mäusen noch nicht viele andere Lebewesen getroffen, wenn man einmal von den Mücken in den Schlafräumen und den gefräßigen Plagegeistern in der Küche absieht. Aber ich hatte so eine Ahnung, dass meine Nase mich auch diesmal nicht trügen sollte.

 

 

GIFTE LEBEN LÄNGER

aus DAS ÄRZTEBLATT

vom 31. Juli 2003

 

Auch wenn in zahlreichen Industrieländern das Umweltgift Dioxin in kleineren Mengen vor allem bei der Verbrennung von Abfall entsteht, bleibt das Risiko von akuten Erkrankungen im Herz-/Kreislaufsystem sowie das Krebsrisiko bestehen. Dioxin kann der menschliche Körper ausscheiden, aber die chemische Verbindung ist nur schwer zerstörbar. In Ländern, die einer hohen Dioxinbelastung, zum Beispiel durch den Einsatz von chemischer Kriegsführung, ausgesetzt waren (vgl. Fertilität und Missbildung in ehemaligen Kolonien Indochinas - Vietnam, Laos, Kambodscha), werden sogar nach Kriegsende vor fast vierzig Jahren mit statistisch auffälligen Zahlen die Spätfolgen registriert.

 

 

I

ch darf nicht vergessen, zu erwähnen, dass auf unserer Fahrt nach Tuan Dinh noch jemand mit uns im Auto saß. Das war Thang und er war ebenso wie Nhi ein besonderes Kind, das im heimeligen Haus des Vereins groß geworden war und niemals etwas von der weiten Welt gesehen hatte. Konnte er auch nicht, denn Thang besaß keine Augen. Er war so geboren worden und ebenso wie Nhis Mutter vergessen hatte, ihr Beine zu geben, hatte Thangs Mutter für ihren Sohn keine Augen übriggehabt. Sein Gesicht schien mir immer ein bisschen eingeknickt im Vergleich zu anderen Menschen, wenig rundlich und mit seltsam hoher Stirn. Aber vielleicht war das nur mein Eindruck und es lag daran, dass dort, wo seine Augen hätten sein sollen, nichts als kleine Seen aus glatt gespannter Haut lagen. Aber er hatte Beine und überhaupt war er ansonsten flink und kräftig wie jedes andere Kind, das ich je gesehen habe. Wenn auch seine Arme immer etwas dünn und zerbrechlich schienen. Aber er war sowieso eher der schlanke Typ, und sein Haar war glänzend schwarz und so fest, dass es sich an manchem Morgen weder von einem Kamm noch von Wasser bändigen ließ.

Er war als Baby auf der Schwelle des Heims gefunden worden. Niemand konnte sagen, wer ihn dort in der Nacht abgelegt hatte. Vielleicht hatte jemand vor Kindern, wie er eines war, Angst gehabt oder sich überfordert gefühlt. Oder jemand konnte sich nicht überwinden, ihn einfach in den Fluss zu werfen. Deswegen hatte Thang überhaupt keine Verwandten. Aber er war im gleichen Alter wie Nhi und darum musste er mit ihr das Haus verlassen. Da er sie für seine beste Freundin hielt, entschied er, nicht in der großen Stadt zu bleiben, sondern mit ihr aufs Land zu fahren.

»Ich weiß sonst keinen Ort, wo man mich nehmen würde«, erklärte er, als er Nhi um Erlaubnis bat, sie zu begleiten.

Nhi hatte sich viel mit ihm unterhalten, als sie beide auf den glatten, kühlen Fliesen des Hauses saßen, wenn draußen der heiße Wind aus dem Süden die feuchte Luft durch die Fenster pustete, und sie hatten zusammen geschwitzt. Für sie war er vielleicht nicht der beste Freund im ganzen Haus, denn Nhi hatte viele Freunde unter den Kindern, da sie alle besuchte und jeden auf ihre Weise ansprechen konnte. Aber sie schätzte Thang, da er sich stets zu helfen bemühte, und das konnte er auch. Nhi musste ihm nur beschreiben, wo er zu gehen, was er zu greifen und ihr zu bringen hatte, dann kam sie so manches Mal schneller an Dinge heran, als wenn sie es selbst versucht hätte.

Einmal, es war Nacht und zur Zeit des Monsuns, als der Wind so böse wurde, dass er sich zu einem Taifun aufschwang, da hatte Thang trotz seiner dünnen Ärmchen Nhi gerettet. Vielleicht ist das ein bisschen übertrieben, aber er hatte sie genommen und getragen, denn der Wind stieß das Fenster auf, unter dem sie schlief und der Regen hatte sie im Nu ganz durchnässt. Bevor der Trubel das Haus erfasste, kam Thang ins Zimmer und hatte sich in der Dunkelheit, so schnell wie nur er es konnte, zu Nhi vorgetastet. Er hob sie hoch und schaffte sie aus der Gefahr, denn die Fliesen schwammen vor Wasser und waren rutschig und Nhi schaffte es nicht von ihrer Matte auf die Krücken.

Ich war ebenso überrascht und musste mich im wahrsten Sinne verdrücken und gut festklammern, denn ich wollte nicht zerquetscht werden, als uns Thang so plötzlich aufnahm. Nhi klammerte sich an ihn, er klammerte sich an uns und trug uns in den Flur. Da setzten wir uns an die Wand, nass wie wir waren, von dem warmen Wasser, mit dem uns der Wind begossen hatte und es dauerte nicht lang, da begann Nhi zu lachen. Thang fiel in das Lachen ein, denn es war bei aller Aufregung nur ein feuchter Gruß der Welt da draußen gewesen, der uns berührt hatte.

Vielleicht war das der Grund, warum Nhi zustimmte, Thang mit in ihr Dorf zu nehmen. Er war einer der wenigen, der sie zum Lachen bringen konnte.

 

 

DIE LANDSCHAFTEN VIETNAMS

aus Reiseführer Südchinesisches Meer

DuPont Verlag 2004

 

Eines der interessantesten Gebiete an der Küste des Südchinesischen Meeres, nördlich des Golfs von Tonkin, ist die Bergregion des Yunnan Hochlands. Sie grenzt an China und ihr höchster Berg ist der Phan-xi-pang (in älteren Reiseführern auch Fansipan), mit immerhin 3144 Metern in der malerischen Provinz Lào Cai gelegen. Touristisch noch unerschlossen und deswegen besonders reizvoll ist auch die Umgebung vor dem Hochgebirge, also die Provinzen Yên Bái, Phú Tho und Tuyên Quang.

 

 

P

lötzlich klarte der Himmel auf und Xuan fuhr uns mitten auf den Dorfplatz von Tuan Dinh. Dort gab es keine hohen Häuser und die Dächer ragten weit vor, so dass alle Fenster und Türen im Schatten lagen. Hinter den Häusern war alles grün. Vor lauter Pflanzen konnte ich nicht weit schauen, aber doch erkennen, dass es dahinter an vielen Seiten hoch hinauf ging. Tuan Dinh war ein Dorf in einem Tal und der Dschungel rückte von überall heran.

Xuan wendete und stellte den Wagen neben dem Brunnen in der Mitte des Platzes ab. Er lud unsere Taschen aus und half Nhi und Thang beim Aussteigen. Kaum eine Minute später kam der Bürgermeister auf uns zu. Er war ein großer, dürrer Mann im weißen Hemd mit festem, breitem Kragen, der eine Brille mit dickem Rahmen trug. Das sah aus, als hätte ihm jemand schwarze Kringel ins Gesicht gemalt und ich musste kichern. Wegen der dicken Gläser der Brille quollen seine Augen zudem so seltsam hervor, dass man meinte, er wäre ein Frosch, dem man auf den Kopf geschlagen hat.

Er rief Xuan ein paar schnelle Worte zu, die ich nicht verstand. Dabei waren einige Begriffe, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Dann verbeugte sich der Bürgermeister mit knappem Nicken und sagte, sein Name wäre Bu Minh und er würde uns jetzt zum Haus von Tante Hien führen. Sie wäre die einzige Verwandte, die aus Nhis Familie noch am Leben sei. Dort sollten wir unterkommen. Die weiteren Formalitäten könnten warten, um die würde er sich in den nächsten Tagen kümmern.

Das reichte Xuan. Er winkte uns noch einmal zu, bevor er wieder ins Auto stieg und abfuhr. Ich sah ihm lange nach und hatte das Gefühl, die Stadt und alles Gute aus dem Haus der Opfer fuhr dort mit ihm fort, weit weg von uns und immer weiter.

 

 

CHEMIE 101: Agens oder Reagenz

Auszug aus YouTV for Dummies (Web: ch101.bit.ly)

 

Dr. Ozon:

Hallo Anfänger auf dem großen Feld der Chemie. Lasst euch nicht von Bezeichnungen verwirren. Zwischen Agens und Reagenz besteht sehr wohl ein Unterschied. Ein Reagenz ist immer ein Stoff, der beim Kontakt mit anderen Stoffen eine bestimmte Reaktion zeigt. Wie man dabei Nachweis und Synthese unterscheidet, dazu kommen wir in diesem Video.

Beck Messi:

Ha! Ha! Das ist ja fast so wie in dem alten Witz. Agent Orange, der Agent, den man im Dschungel ausgesetzt hat. Aber ihr wisst ja, da war nichts orange, das waren nur die Fässer zum Transport, und wir Chemiker wissen, gemeint war ein Agens und das heißt auf Englisch eben auch Agent.

 

 

D

er Bürgermeister nahm die Taschen mit unserer Kleidung, denn das war alles, was wir mitgebracht hatten. Nhi nahm ihre Krücken und Thang seinen Blindenstock. Er bekam die Hand vom Bürgermeister angeboten, doch er lehnte ab. Er folgte uns ganz nach Gehör, und wie wir gingen, hörten wir seinen Stock über die Steine des Weges klappern. Der Weg führte ein Stück die Straße hinunter und bald in eine kleine Seitengasse hinein, die auf einen Hügel zulief. Türen und Tore aus schwarzem Ebenholz sah ich vorbeiziehen. Sie waren mit feinen Schnitzereien versehen, aber viele hingen alt und klapprig in ihren Angeln. Unter den Vordächern hatte man bunte Laternen aufgehängt und Ketten von Lampions spannten sich von Haus zu Haus. Nichts leuchtete, es war spät am Nachmittag und die Sonne stand noch über den Bergkuppen.

Der Bürgermeister klopfte an ein Tor in einer weißen Mauer, die sich um ein Grundstück zog, das als Letztes in der Reihe am Berg stand. Er schob es auf und wir folgten ihm in den Innenhof. Schmal und eng schien mir der Platz hinter der Mauer, denn die Veranda des Hauses nahm unerwartet viel Platz ein. Sie war schmucklos aus Beton gegossen und glänzte vor Feuchtigkeit, als hätte sie jemand soeben abgewaschen.

Die Eingangstür unter dem weit vorgezogenen Dach stand offen und fern am Ende des dunklen Flurs sah ich die Umrisse eines Ausgangs in den dahinter liegenden Garten leuchten. Sehr weit konnte ich nicht schauen. Ein Pfad lief dort den steilen Hang hinauf, der sich bald zwischen hellgrünen Bambusgräsern verlor.

Durch die Fenster klapperte es, als würde jemand in der Küche abwaschen oder die nächste Mahlzeit zubereiten. Es roch abenteuerlich nach allerlei Gewürzen und verbranntem Fett, nach Scheuerpulver und süßlichem Parfüm, nach Essen, aber auch nach Abfall.

Der Bürgermeister stellte unsere Taschen auf der Veranda ab und rief nach Hien. Erst tat sich nichts. Er rief nochmal. Dann hallten Schritte durch den Flur und ein alter Mann, aber noch rüstig und kräftig gebaut, kam um die Ecke, um uns zu begrüßen. Erstaunlich fand ich, dass der Bürgermeister sich kurz verneigte, bevor sie sich die Hand gaben.

Auch der ältere Mann trug ein weißes Hemd, doch seines war nicht so glattgebügelt wie das von Bu Minh. Er hatte kurzes, weißes Haar, das kaum sichtbar war, so dünn war es geworden. Seine Arme waren kräftig und die Hände sahen aus, als wäre er das Zupacken gewohnt.

Außerdem schien da noch etwas anderes zu sein. Etwas, das über den offensichtlichen Altersunterschied hinausging. Ich wusste, dass auch in der Welt der Menschen Alter Respekt einfordert, aber das konnte nicht der wahre Grund sein.

Was es war, erfuhren wir am nächsten Tag, aber zunächst übergab uns der Bürgermeister mit den Worten: »Folgt unserem Ältesten Dang.« Und an Nhi gewandt: »Er ist der Mann deiner Großtante Hien. Er wird euch unterbringen und in alles einweisen. Seid froh, dass ihr im Haus eines so wichtigen Mannes unterkommen dürft.«

Bevor er sich verabschiedete, drehte er sich noch einmal Dang zu. »Die Partei wird euer Engagement für die Opfer unserer Sache mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen.« Dann wandte er sich abrupt ab, machte ein paar schnelle Schritte über den schmalen Hof und schon war er durch das Tor verschwunden.

Dang nickte und musterte uns ausgiebig, bevor er seine Stimme erhob.

»Der Bürgermeister hat euch ein Willkommen bereitet. Ich will es wiederholen und möchte euch im Namen der Einwohner von Tuan Dinh und ganz besonders aller Mitglieder des Züchtervereins mit gebührendem Respekt empfangen.«

Dann kratzte er sich mit einer unbedachten Geste am Kopf.

»Folgt mir! Ich zeige euch das Zimmer, in dem ihr wohnen werdet. Deine Tante Hien ist heute sehr beschäftigt. Sie ist nicht im Dorf, sondern auf ihrer wöchentlichen Tour nach Hanoi. Sie wird morgen wieder im Haus sein und euch einweisen.«

Ich bemerkte, wie Nhi sich artig und dankbar verneigte, und ich nahm an, Thang tat dasselbe. Es klang alles so höflich, wenn auch ein bisschen steif.

Diesmal übernahm Onkel Dang unsere Taschen und führte uns auf der Veranda entlang bis an das hintere Eck des Hauses. Dann ging es ein Stück durch eine schmale Gasse an einem weiteren Haus entlang und da waren wir. Ein schmuckloser Ziegelbau, der leidlich verputzt und mintgrün gestrichen unter einem Dach mit vielen winzigen Dachschindeln stand. Vielleicht war dies einmal ein Hühnerstall gewesen oder hatte als Lager gedient. Darin gab es nur ein Zimmer und man hatte nachträglich ein winziges Klo eingebaut. Für Nhi und Thang waren zwei dünne Matten am Boden ausgelegt. Die Wände waren kahl, wenn auch sauber und frisch weiß gestrichen.

»Macht es euch gemütlich«, rief Dang. »Ich lasse euch etwas zum Essen bringen. Nur eines müsst ihr mir versprechen.«

In diesem Moment horchten alle auf.

»Bleibt in diesem Haus und wandert nicht in der Nacht herum. Morgen früh werden wir euch alles erklären.«

Nhi und Thang konnten nur zustimmen, was Onkel Dang mit einem knappen Nicken quittierte. Dann ließ er uns allein. Nhi zeigte Thang das Zimmer, das heißt, sie wies ihn mit Worten ein und ließ ihn alles selbst ertasten.

Der Boden war zum Glück sehr sauber und die karmesinroten Fliesen glänzten wie gerade verlegt. Es gab zwei Fenster, ein hohes schmales nach vorne neben der Tür und ein breites zum Hinterhof. Beide waren mit milchigem Glas versehen.

»Da sind wir also«, sagte Thang, nachdem er sich auf seinen Schlafplatz hatte fallen lassen.

»Da sind wir«, murmelte ihm Nhi nach. Sie schien mir ein wenig sprachlos, und ich konnte nicht beurteilen, ob das an der neuen Umgebung lag oder weil auch sie etwas von dem ahnte, was auf uns zukommen sollte.

»Beschreib mir den Weg hierher und die Umgebung«, bat Thang. »Was hast du gesehen?«

Nhi tat es und Thang hörte aufmerksam zu. Als sie die Häuser und die Berge, den Dschungel und die Pflanzen beschrieb, fragte er ein paar Mal nach und wollte es genau wissen.

Die Häuser waren aus roten Ziegeln gebaut und der Putz bröckelte überall. Das Wasser unzähliger Regengüsse hatte seine Spuren hinterlassen. Manche Wände sahen aus, als lägen unter ihrer Haut Flüsse aus roter Farbe. Große Placken aus Putz fehlten an allen Ecken und Enden, nur die Terrassen unter den Dächern waren aus glattem Beton gegossen.

»Es sieht so friedlich aus«, ergänzte Nhi.

Für mich sah es so aus, als würden die Häuser bluten.

Die Berge waren dicht bewachsen, ein paar Palmen ragten hier und da hervor und die riesigen Blätter von Bananenstauden und Elefantenohr, hinter denen dichte Bambuswälder aufragten, bestimmten das Bild.

»Solch grüne Hügel voller Leben habe ich noch nie gesehen«, sagte Nhi.

Ich fand, das Grün verdeckte nur die steilen Hänge und spitzen Gipfel. Mir schien es, als würden die Berge mit steinernem Griff über uns zusammenschlagen.

»Hier gibt es bestimmt jede Menge Tiere«, sagte Thang, nachdem Nhi ihre Beschreibungen beendet hatte. »Ich meine, jede Menge kleine Tiere. Die sind hier zahlreicher als in der Stadt.«

»Ich werde dafür sorgen, dass sie uns in Frieden lassen«, sagte Nhi nach einer kurzen Pause.

»Ja klar«, rief Thang aus und ließ sich an die Wand zurückfallen. »Leg ein gutes Wort für uns ein.«

Ich nahm an, dass er selbst nicht glaubte, was er gerade gesagt hatte. Aber ich wusste es besser. Natürlich legte Nhi ein gutes Wort für uns ein und sprach mit allen; den Mücken und Schaben, den Ameisen und Eidechsen, sogar mit meinen großen Verwandten, den Ratten. Nie hat uns in unserem Zimmer ein Wesen etwas zuleide getan oder auch nur gestört, solange wir auf dem Hof von Tante Hien wohnten.

»Glaub mir!«, sagte sie mit fester Stimme. »Ich kann es einfach.«

»Und warum bist du dann keine Dolmetscherin geworden?«, fragte Thang frech.

»Ich rede mit den Tieren. Nur mit den Tieren. Ihre Sprachen, Laute und Gesten verstehe ich. Menschen zu verstehen, fällt mir genauso schwer wie dir.«

»Na, da hab ich mich ja auf was eingelassen«, sagte Thang und so komisch, wie er das formulierte, vermutete ich, er würde es wohl schon wieder nicht ernst meinen.

»Alles wird gut werden!«, schloss Nhi und drehte sich auf ihrer Matte zur Wand.

Ich glaube, sie war fest davon überzeugt, dass alles nicht nur gut werden würde, sondern dass es einen Sinn hatte. Sie wollte ihren Freund beruhigen und das gelang ihr auch.

»Morgen wird man uns einweisen, denn es gibt bestimmt etwas für uns zu tun. Tante Hien weiß über uns Bescheid, sie hat doch zugestimmt, uns aufzunehmen und das hätte sie sicher nicht getan, wenn es keine Verwendung für uns gäbe.«

Ich hörte Thang schwer atmen, konnte aber nicht sehen, was er tat. Nach einer Weile hörte ich, wie er sich auf seinem Lager umdrehte.

Was kam, war eine Nacht stiller Erwartung, denn am nächsten Tag sollten wir erfahren, was es mit dem Dorf Tuan Dinh auf sich hatte und warum es so einzigartig im ganzen Land war. Was Tante Hien und Onkel Dang so wichtig machte und ganz besonders, was das für ein seltsamer Geruch war, der trotz der drückenden Luft, die im feuchten Abendnebel über den Dächern stand, stetig um die Ecken kroch. Leise und fremd kitzelte er mir in der Nase und brachte mir, nachdem ich eingeschlafen war, Bilder von Seen voll dunkelrotem Wasser begleitet von beißendem Gestank in meine Träume.

 

 

Erster Brief von Nhi *** (Subjekt 148633 Progr. für Spätfolgen) an ihre ehemalige Betreuerin Khuyen

Beschlagnahme der Korrespondenz am 31. Oktober nach Vorfall Tuan Dinh

 

Meine liebe Khuyen,

ich schreibe Dir zum ersten Mal, da wir uns im Dorf meiner Familie eingefunden haben. Dies ist ein seltsames Dorf, und wir (das heißt, Thang und ich) wussten nicht, was uns erwartet. Ich habe gerade ein paar Stifte und Papier bekommen, deswegen diese schnellen Zeilen an Dich. Für alles Weitere brauche ich Zeit und Ruhe, dann kann ich Dir mehr erklären. Mach Dir keine Gedanken, alles in allem geht es uns gut. Meine Tante Hien (eigentlich ist sie ja Großtante) und ihr Mann, Onkel Dang, sind rechtschaffene und arbeitsame Leute, und sie sind uns gegenüber nett und zuvorkommend. Uns mangelt es an nichts.

Ich hoffe, auch Dir geht es gut. Grüß mir Mychau und all die anderen.

Bis zum nächsten Brief

Nhi

 

 

I

ch spürte ihr Herz schneller schlagen, ich spürte, wie sich ihr Atem beschleunigte, dann erwachte Nhi.

Ich beobachtete sie aus ihrem Kragen heraus und sie flüsterte mir zu, ich solle mich in ihre Hemdtasche verziehen, da es ein neuer Tag wäre und auch sie nicht wüsste, was auf uns zukommt.

Als Thangs Stimme keinen Meter von uns entfernt erklang, schreckten wir beide ordentlich zusammen. Nicht, dass er es darauf angelegt hätte. Er sprach leise und ruhig, aber mit deutlichen Worten.

»Mit wem sprichst du da?«

Ich verzog mich mit ein paar schnellen Sprüngen.

Nhi dachte einen Moment nach. Tatsächlich ließ sie sich ordentlich Zeit mit ihrer Antwort. Sie wollte erst richtig wach werden. Ich nahm an, sie blinzelte Thang an, da das erste Morgenlicht den Fenstern gerade einen milchigen Glanz verlieh.

»Mit einem guten Freund.«

»So, so«, sagte er wissend. »Schon oft hab ich gedacht, du sprichst mit dir selbst. Aber das stimmt nicht, und wenn ich's mir recht überlege, dann ist das kein normaler Freund, den du da hast, sondern jemand ganz Besonderes. Hab ich recht?«

Wieder überlegte Nhi einen Moment, dann sagte sie zu meiner Überraschung: »Stimmt.«

Da fühlte ich mich früh am Morgen nicht wenig geschmeichelt und mir stellten sich gleich die Haare im Nacken auf.

»Es ist Bao und ich trage ihn bei mir, seit ich ihn im Haus gefunden habe.«

»Zeig ihn mir«, sagte Thang und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Uh, oh!, dachte ich. Das kann ja heiter werden. Denn ich wusste, Thang kann nur mit seinen Händen sehen.

Nhi nahm mich aus meinem Versteck und gab mich zum ersten Mal in fremde Hände. Für einen Moment hielt sie mich, ihre Hände von seinem Griff umschlungen. Dann suchte ich mir den Weg in seine Hände und er begann mich langsam und vorsichtig abzutasten. Das kitzelte ein wenig vorne und hinten, ich prägte mir den Geruch seiner Haut ein und dann gab er mich zurück.

»Bao kann dich verstehen?«, fragte Thang neugierig und ich hörte den Unglauben in seinen Worten schwingen.

»Bevor du mir jetzt ein Loch in den Bauch fragst. Nicht nur er versteht mich, alle verstehen mich und ich kann zu allen sprechen.«

»Du meinst jetzt all seine Kollegen?«, wunderte sich Thang.

»Wie ich schon sagte, ich meine alle Tiere«, sagte Nhi und da wurde sie fast ein bisschen barsch.

»Du verarscht mich«, platzte Thang heraus.

---ENDE DER LESEPROBE---