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Beste irische Erzähltradition - Abenteuer trifft Fantasy und verzaubert beim Lesen! Die Welt der irischen Götter ist in Aufruhr - Mórrígan, die Göttin des Krieges und des Schlechten überhaupt, will die Herrschaft über alle Lebewesen übernehmen. Der zehnjährige Pidge und seine kleine Schwester Brigit geraten zwischen die Fronten von Gut und Böse. Ein ungleicher Kampf beginnt... Können sie die mächtige Mórrígan und ihre Meute aufhalten? Pat O'Shea hat eine einzigartige Geschichte über zwei mutige Kinder im Kampf zwischen Gut und Böse in der Welt der irischen Mythologie geschaffen. Ein fantasiereiches Buch voller Spannung, Humor und Tiefe in bester irischer Erzähltradition.
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Seitenzahl: 761
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Jimmy, Sheena, die kleine Rosie und Geoff
Prolog
ERSTER TEIL
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
ZWEITER TEIL
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
DRITTER TEIL
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Epilog
Danksagung
Glossar der gälischen Namen und Ausdrücke
Die Autorin
Leseprobe
TEIL 1: GEISTERKIND
KAPITEL 1
KAPITEL 2
Sie stiegen auf, hoch in die Lüfte und durchflogen die Himmel. Von Westen und von jenseits des Westens her, mit dem Wind und gegen den Wind, an zahllosen Monden und Sonnen vorbei. Die eine lachte und trug für Augenblicke einen Schleier aus Regentropfen im Haar; dann trat sie boshaft nach einer Wolke, sodass deren Regen ein ganzes Boot füllte.
Zuweilen tauchten sie in die Lichtspur des Mondes auf dem dunklen Meer und verschlangen mit offenen Mündern das Silber. Zuweilen stürzten sie sich in die gleißende Sonnenbahn auf dem grünblauen Meer und tranken das Gold.
Immer waren sie unsichtbar. Nur einmal nicht, als sie auf einen Riesenhai hinabstießen und ihn mit albernen Grimassen erschreckten. Dann zeigten sie ihm ihr wahres Gesicht, und er tauchte tief, tief hinab auf den Grund seiner Welt und zitterte noch stundenlang.
Immer waren sie stumm; nur dann nicht, wenn sie mit den Fingernägeln auf ihre Zähne klopften und Blitze zucken ließen oder wenn sie wild lachten, sodass es donnerte.
Sie hatten so lange geschwiegen, während Mensch auf Mensch folgte als kleiner Hauch des Lebens.
Sie lachten, als sie über Connemara flogen, wo der stürmische, gierige Atlantik große blaue Stücke aus dem grünen Land beißt, und dieses Lachen allein vernichtete ein Feld von gelb sprießendem Hafer und ließ es aschfahl werden.
Sie erreichten die Stadt Galway und ballten aus der dünnen Luft einen dreifachen Überschallknall, sodass alle Leute auf die Straße liefen und nach einem Flugzeug Ausschau hielten, das es nicht gab. Dann wandten sie sich nach links, drehten sich wild im Kreis und wirbelten am Ostufer des Lough Corrib entlang, bis sie an einen bestimmten, ganz gewöhnlichen und unscheinbaren Wegweiser kamen, den sie anbliesen, sodass er sich im Kreis drehte wie sie selbst, und sie schließlich hinter einem kleinen Hügel auf die Erde herabstießen. Dort hielten sie inne, nahmen Gestalt an und wurden augenblicklich sichtbar: zwei seltsame Frauen auf einem schweren Motorrad.
Ihre Hunde waren ihnen die ganze Zeit gefolgt.
Wenn sie miteinander sprachen, nannten sie sich Macha und Bodbh, und sie sahen sich um nach der dritten, die ihnen folgte: die Mórrígan – die Große Königin. Sie waren auf dem Weg zu einem Ort namens Kyledove, und sie veränderten unterwegs ihre Namen und ihre Gestalt.
Und all das nur, weil ein Junge gerade versuchte, in einem Antiquariat in der kleinen grauen Stadt Galway ein bestimmtes Buch zu kaufen.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Einkäufe für Tante Bina und seine zusammengefaltete Jacke sicher in der Satteltasche verstaut waren, schob Pidge sein Fahrrad durch die überfüllten Straßen. Der Tag war unangenehm heiß. Die Menschen bewegten sich langsam, als seien sie erschöpft, und selbst der junge Polizist auf seinem Posten machte einen verschlafenen Eindruck. Er stand schwankend da und winkte die Autos nur mit einer leichten Bewegung aus dem Handgelenk weiter; und als er schließlich den Arm in die Höhe streckte, um den Verkehr anzuhalten, und sich umdrehte, zum Zeichen, dass die Wartenden die Straße überqueren konnten, bemerkte Pidge einen großen feuchten Schweißfleck auf seinem Hemd. Der Fleck sah aus wie die Landkarte von Australien.
Die Glocke im Turm der St.-Nicholas-Kirche schlug halb.
Erst halb drei, sagte Pidge zu sich selbst. Dann muss ich noch nicht so bald nach Hause.
Er ging weiter und blieb einmal stehen, um zwei Nonnen hinterherzuschauen, die durch die leicht bekleidete Menschenmenge gingen.
Sicher ist ihnen heiß in ihren schweren Gewändern, dachte er. Und sie müssen sogar Strümpfe tragen. Das ist bestimmt kein Vergnügen.
Er bog in eine Seitenstraße ein und sah zu seiner Freude, dass dort ein Antiquariat eröffnet hatte. Das Schaufenster war mit roten Zetteln beklebt, die das Ereignis verkündeten, und alle Arten von Büchern waren hübsch dahinter angeordnet. Über dem Eingang hingen, wie seit jeher, drei Messingglocken.
Dieser Laden war jahrelang mit Brettern vernagelt – jedenfalls, solange ich mich erinnern kann, überlegte Pidge. Vor langer Zeit gab es da einmal ein Pfandhaus. Wie schön, dass es jetzt ein Buchantiquariat ist!
Außen war der Laden unverändert; man konnte das Schild unter den Messingkugeln noch genauso wenig lesen wie früher; immer noch war die abgeblätterte blaue Farbe zu sehen, mit der einmal ein Name geschrieben stand.
Er schob sein Fahrrad zum Schaufenster und sah durch die Scheibe.
Drinnen war alles freundlich und hell erleuchtet; die Regale, die schon mit Büchern gut gefüllt waren, prangten in neuem Holz, und den Boden hatte man, soweit er das überblicken konnte, mit einem dunkelbraunen Teppich ausgelegt. Die Kasse stand gleich neben dem Schaufenster, und der Buchhändler saß dahinter. Er verhandelte mit irgendjemandem am Telefon.
Auf einem kleinen Schild aus weißem Karton vorne im Schaufenster stand, dass Bücher angekauft würden, allerdings nur solche in gutem, sauberem Zustand. Als Pidge die Auslage musterte, bedeckte der Buchhändler die Sprechmuschel des Telefonhörers mit der Hand und rief hinaus:
«Lehn das Fahrrad nicht an die Scheibe!»
Pidge war betroffen. Er hätte am liebsten geantwortet: «Das wollte ich doch gar nicht!»
Aber dazu war er viel zu höflich, und so schob er stattdessen sein Fahrrad ein Stück weiter, lehnte es an die Wand neben dem Schaufenster und dachte: Diese Ladenbesitzer sind doch alle gleich. Na meinetwegen, aber ich habe noch nie gesehen, dass jemand mit einem Fahrrad eine Schaufensterscheibe zerbrochen hätte.
Bei dieser Vorstellung musste er lächeln. Er lächelte immer noch, als er durch die geöffnete Tür ins Innere des Ladens ging. Der Buchhändler runzelte die Stirn.
Der Laden war voll von Büchern. In den Regalen standen sie dicht an dicht, und fast überall türmten sich Kisten und Bücherstapel zu kleinen Mauern, die nur noch schmale Durchgänge entlang den Regalen und in der Mitte des Ladens frei ließen. Pidge ging an den Regalen entlang, nahm sich ab und zu ein Buch heraus und blätterte darin.
Schließlich war er ganz hinten im Laden angekommen. Da stand eine Tür offen, die zu einem kleinen Nebenraum führte. Neugierig ging Pidge hinein.
Es war dunkel in dem kleinen Raum. Nur durch ein kleines Spitzbogenfenster hoch oben konnte etwas Licht einfallen; und da es im Laden so hell gewesen war, brauchten seine Augen eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.
Der Raum war voll von Trödel aller Art, ganze Schachteln und Säcke voll. Manche Sachen aus Seide oder Satin, bestickt mit Pailletten, waren einmal sehr fein gewesen, jetzt aber sahen sie schäbig und fleckig aus vom Alter und vom Staub. Da waren Teekisten voller verschimmelter Schuhe und Stiefel. Auf einer davon lag eine Ziehharmonika mit einem Riss, auf einer anderen eine Sammlung alter Fächer, manche aus Federn, deren einstige Schönheit nur noch ein paar zerzauste Büschel an den kahlen, ehemals weißen Kielen erahnen ließen. Es gab Tennisschläger, die verbogen waren und keine Saiten mehr hatten, einen Spiegel, blind vor Schmutz, und ein paar verrostete Schlittschuhe.
«Das müssen die Sachen sein, die von dem Pfandhaus übrig geblieben sind», sagte er sich und war betrübt.
In diesem Augenblick knallte es dreimal laut am Himmel.
Der Buchhändler im Laden sprang auf, und als Pidge den Hals nach ihm reckte, sah er ihn auf die Straße laufen. Gerade wollte er dem Buchhändler folgen, um herauszufinden, was los sei, da fiel ein schmaler Lichtstrahl aus dem kleinen Fenster herab.
Er war unglaublich hell und beleuchtete einen kleinen Packen, der auf dem Boden lag. Pidge hob ihn auf und sah, dass er nur aus ein paar Seiten eines alten Buches bestand, die mit einer Schnur zusammengebunden waren. Der Einband fehlte, aber die Titelseite war noch da. Er betrachtete sie, um festzustellen, wovon das Buch handelte und ob es sich lohnte, darin zu lesen. Die Buchstaben waren seltsam und breitgedrückt, aber er konnte doch entziffern, dass da «Aus Patricks Schriften» stand. Die Seiten hatten Eselsohren und eingerissene Ränder; die obersten und untersten Blätter waren ziemlich grau.
Wahrscheinlich ist es sehr langweilig, dachte er.
Während er das Titelblatt betrachtete, wanderte der Sonnenstrahl und ließ die Seiten in seinen Händen aufleuchten. Pidge dachte sich nichts dabei, weil ihm klar war, dass das Licht den ganzen Tag weiterwandert, auch wenn es eben gerade ziemlich schnell gegangen war; doch plötzlich wusste er, dass er sie haben musste! Er musste diese Seiten haben!
Ohne an den mürrischen Buchhändler oder die plötzlichen Knalle am Himmel zu denken, ging er in den hell erleuchteten Laden zurück.
Der Buchhändler war noch nicht zurückgekommen, aber es saß jemand anders hinter der Kasse, ein schmächtiger alter Mann mit einem großen weißen Schnauzbart. Er war ganz versunken in die Lektüre eines Textes, der in einer seltsamen, fremden Sprache geschrieben war.
Bestimmt ein Gelehrter, dachte Pidge.
Er wartete eine Weile darauf, dass der Mann ihn bemerken würde. Als er gerade etwas sagen wollte, sah der Mann ihn an.
«Bedienen jetzt Sie?», fragte Pidge.
Der Mann nickte und lächelte.
«Ich habe es immer getan», sagte er.
Bevor Pidge antworten konnte, fügte der Mann hinzu:
«Möchtest du das loswerden, was du da in der Hand hältst? Es ist in schlechtem Zustand – dafür wäre jeder Preis zu hoch.»
«O nein, das ist ein Missverständnis», beeilte sich Pidge zu sagen. «Ich habe dieses Päckchen im Nebenraum gefunden. Wie viel soll es bitte kosten?»
«Ah», sagte der Mann freundlich. «Ein Pfand aus alten Zeiten. Bist du sicher, dass du es haben möchtest?»
«Wenn es nicht zu teuer ist», sagte Pidge.
«Teuer … ja, teuer», sagte der Mann nachdenklich. «Der Preis könnte hoch sein, wie ich schon sagte. Aber das Geld ist nicht das Entscheidende, nicht wahr?»
«Nein», antwortete Pidge, der nicht ganz verstand, was er meinte.
«Alles, was in diesem Nebenzimmer brennbar ist, gehört auch verbrannt, aber dass dies da verbrannt wird, wollen wir doch nicht. Willst du es vor dem Feuer retten?»
«Ja, das möchte ich», sagte Pidge.
Er betrachtete das Päckchen. Ich weiß nicht, warum ich es unbedingt haben möchte, aber ich will es wirklich, dachte er.
«Könnte ich irgendetwas sagen, das dich von deinem Wunsch abhalten würde?», fragte der Mann.
«Nein», sagte Pidge und wunderte sich über die sonderbare Frage. «Ich habe das Gefühl, dass es wichtig für mich ist.»
«Dann nimm es und viel Glück», sagte der Mann.
«Und es kostet wirklich nichts?», fragte Pidge.
«Keinen Penny.»
Vor der Kasse lag ein kleiner Stapel mit Kärtchen, auf denen stand:
Das neue Buch-Antiquariat
TEL. 7979
Ich nehme eins davon, damit er sieht, dass ich in Zukunft ein richtiger Kunde sein werde, dachte er; und er schob ein Kärtchen in seine Hosentasche.
«Ich danke Ihnen sehr», sagte er, als er den Laden verließ.
«Ich danke dir», antwortete der Mann mit besonderem Nachdruck, wie es Pidge vorkam.
In den Satteltaschen war kein Platz mehr, deshalb steckte Pidge die Seiten in sein Hemd, flach auf die Brust. Der Buchhändler ging an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken, und murmelte ärgerlich «Überschallflugzeuge oder so ein Quatsch!», als er in seinen Laden zurückkehrte.
Ich bin froh, dass nicht er mich bedient hat, dachte Pidge und lächelte vor sich hin, während er sorgfältig sein Hemd zuknöpfte.
Die Glocke im Kirchturm schlug vier.
«Um Gottes willen!», sagte er zu sich. «Wie schnell ist die Zeit vergangen – und es ist sogar noch heißer geworden!»
Als er durch die Stadt zu radeln begann, fiel ihm auf, dass sich irgendetwas verändert hatte. Die Atmosphäre war anders als gewöhnlich, und die vielen Leute auf den Straßen waren furchtbar aufgeregt, als gäbe es ein Pferderennen oder irgendein Volksfest. Sie eilten in alle Richtungen, und der junge Polizist auf seinem Posten war so lebhaft wie ein Rennpferd. Er hüpfte und wedelte mit den Armen herum, als müsse er eine Quecksilberlache bändigen.
Ein paar Leute standen da und zeigten zum Himmel hinauf, und jeder plapperte etwas, ohne auf den anderen zu hören. Pidge schaute nach oben, aber da war nichts zu sehen.
Als er hinter der Franziskanerkirche nach rechts abbog, warf er einen flüchtigen Blick zurück und bemerkte wieder die zwei Nonnen; es schien ihm, als schlüge die eine Rad und als versuche die andere, auf dem Kopf zu stehen.
Er hielt an, stieg vom Rad und sah sich richtig um. Zu seiner Enttäuschung war alles ganz normal.
«Ich könnte schwören, dass ich es gesehen habe», dachte er. «Aber ich muss es mir wohl eingebildet haben, außer es waren verkleidete Männer. Komödianten oder so.»
Er fuhr weiter. Bald befand er sich auf dem holprigen Weg zum Deich am Lough Corrib, der nach Terryland führte und dann weiter in Richtung Shancreg, wo er wohnte.
Jetzt war er allein, begleitet nur von dem sanften Wind vom See her und seinem Schaben und Rasseln in den trockenen Binsen, die so dicht am Ufer wuchsen.
Er erschauerte ohne Grund.
Er hatte den Deich hinter sich gelassen und war schon eine Weile auf freiem Feld, als er bemerkte, dass es für einen Augustabend sehr früh dunkel zu werden begann.
Er schaute nach Westen, zum See hinüber, der jetzt ein Stück entfernt lag, und sah, dass der Himmel jenseits der Berge von Connemara dunkelblau war, von dunkelroten Streifen durchzogen, und dass das Wasser des Sees violett und maulbeerfarben aussah und die Berge selbst in einen ungewöhnlich dunklen Nebel gehüllt waren. Diese nahen Berge waren die vertrauten Maamturks. Dahinter lagen die spitzen Twelve Pins, eine Bergregion, in die Pidge schon öfter Ausflüge gemacht hatte.
Seine Gedanken wanderten umher; die merkwürdigen Ereignisse in der Stadt hatte er schon halb vergessen. Sein Vater würde morgen aus Dublin zurückkommen. Er war die ganze vergangene Woche auf der Pferdeschau gewesen.
Er hatte vor, eine herrliche Stute zu kaufen, die künftige Mutter wundervoller junger Pferde. Sie würde die beste Stute im ganzen Land sein, und ihre Fohlen würden überall auf der Welt bewundert werden.
Pidge hoffte, sie würde milchkaffeefarben sein, mit langem hellem Schweif und heller Mähne. Er wusste, dass sie einen wunderbaren Kopf haben und dass ihr Maul wie weicher, warmer Samt sein würde. Er konnte es kaum erwarten, zum allerersten Mal in ihre sanften und klugen Augen zu schauen. Dann würde allmählich eine schöne Freundschaft entstehen und Tag für Tag wachsen.
«Könnte ich ein paar Wörterchen mit dir reden, junger Herr?»
Pidge sah sich um.
Auf einer Mauer saß ein uralter Mann, mitten in den Büschen, die ihn fast ganz verbargen. Er sah aus wie ein Angler. Sein Gesicht war runzlig wie die Schale eines vertrockneten Apfels; sein Tweedhut war gespickt mit künstlichen Fliegen, und an der Mauer lehnte die Angelrute neben einem Korb. Er hatte hellblaue Augen, die wie Tautropfen im Sonnenlicht funkelten.
Pidge stieg vom Fahrrad und ging zu ihm hinüber.
«Bist du der junge Herr, der gerade in Galway eingekauft hat?»
«Na ja, ich bin einer davon, aber da waren bestimmt noch viele andere unterwegs», antwortete Pidge höflich.
«Das ist kein schlechter Fang, was du da unter deiner Jacke hast», sagte der Angler bewundernd.
«Das ist überhaupt kein Fang», lächelte Pidge und dachte, dass Angler doch immer nur eines im Sinn hätten.
«Kein Fang?», sagte der alte Angler etwas zweifelnd.
«Nein, nur ein paar Buchseiten.»
Der Mann sah aus irgendeinem Grund zufrieden drein.
«Ich muss dich warnen», sagte er. «Pass auf! An der Kreuzung ist es gefährlich.»
«An der Kreuzung da vorne? Wieso gefährlich?»
«Kann’s noch nicht sagen – aber gefährlich ist es.»
Pidge konnte sich nur eine Art von Gefahr vorstellen.
«Den Verkehr können Sie doch nicht meinen, es ist ja ganz ruhig hier.»
«Den Verkehr kann ich nicht meinen, junger Herr – du musst das Auge der Hellsicht gebrauchen, wenn du an die Stelle kommst. Es gibt Verleitungen an der Kreuzung, die die Geografie und die Kartografie so durcheinanderbringen könnten, dass die Büchse der Pandora dagegen der reinste Zwei-Penny-Glücksbeutel ist», sagte der alte Angler ernst, und er fügte hinzu: «Böse Taten, und nicht viele wissen davon; still wie unterirdisches Wasser. Sei du vorsichtig, junger Sterblicher, es gibt mehr als eine Art, etwas zu fangen, und eh du dich’s versiehst, hängst du an der Angel! Es wimmelt von Fallen. Das ist meine Botschaft!»
Was für merkwürdige Sachen der sagt, ich verstehe nicht einmal die Hälfte davon, dachte Pidge. Laut sagte er:
«Wer hat Ihnen aufgetragen, mir das zu sagen? War es die Polizei?»
«Das könnte ich nicht behaupten. Aber davon wird hier überall gemunkelt, und ich musste dich einweihen.» Der alte Angler sah Pidge mit schrecklichem Ernst gerade in die Augen, als wollte er ihm die Bedeutung seiner Worte ganz tief einprägen. Er war offenbar wirklich sehr besorgt.
«Na, dann vielen Dank», sagte Pidge.
«Alle kleinen wilden Wesen wissen’s», sagte der alte Angler. «Sie plaudern’s aus.»
«Das ist immer so», antwortete Pidge und dachte an Waldbrände und daran, dass Tiere die Gefahr angeblich schon an einem kleinen Rauchschwaden witterten.
Der alte Angler, der nicht wusste, was Pidge dachte, zeigte sich überrascht von dem Wissen, das er an den Tag legte.
«Du weißt mehr als der Erziehungsminister», sagte er und schwang seine Beine geschickt auf die andere Seite der Mauer.
Dann machte er sich auf den Weg.
«Vergessen Sie Ihre Rute und Ihren Korb nicht», rief ihm Pidge nach und hob beides über die Mauer.
«Welche Rute und welchen Korb?»
Er kehrte um und kam zurück. Sein leicht reumütiges Lächeln war ein bisschen zu wenig, fand Pidge, wenn man bedachte, dass er die Gegenstände vergessen hatte, die eigentlich sein kostbarster Besitz hätten sein müssen.
«Oje, ich hab’ wohl schon ein Hirn wie eine Muskatnuss», sagte er und nahm die Sachen. «Ich danke dir und wünsch’ dir gute Fahrt!»
«Ich danke Ihnen und auf Wiedersehen», sagte Pidge.
Der alte Angler verschwand zwischen den Büschen. Wahrscheinlich ist er auf dem Weg zum See, schloss Pidge.
Er stieg wieder auf sein Rad und fuhr weiter; dabei wandte er den Kopf zum See, um noch einen Blick auf den alten Mann zu erhaschen. Er stellte sich auf die Pedale und schaute über die Weite der Felder und Büsche. Es war nirgends etwas von ihm zu erspähen, und der einzige Mensch, den er sah, war ein gutes Stück entfernt, ein junger Mann in einer Art langem weißem Hemd, der mit fliegendem Haar dahinrannte, höchst ausgelassen und mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit.
Das kommt mir nur durch die Entfernung so vor, dachte er. Wahrscheinlich hat er irgend so einen Sportanzug an und läuft einfach ziemlich schnell. Aber wo ist bloß der alte Mann geblieben? Er war nett. Ich mochte ihn; er war irgendwie sonderbar und interessant.
Bevor er weiter über den alten Mann rätseln konnte, sah er zu seiner Überraschung am Straßenrand ein großes, frisch gemaltes Schild. Darauf war zu lesen:
DIES IST EINE SEHR SICHERE STRASSE. EIN JUNGE KANN DARAUF MIT GESCHLOSSENEN AUGEN RAD FAHREN.
Und gleich danach kam noch eines, darauf stand:
DIESE STRASSE HAT DEN PREIS FÜR ÄUSSERST SICHERE STRASSEN IM GESAMT-IRISCHEN WETTBEWERB FÜR ÄUSSERST SICHERE STRASSEN GEWONNEN. JEDER JUNGE KANN DARAUF MIT GESCHLOSSENEN AUGEN FAHREN. NOCH HEUTE PROBIEREN!
Pidge brach in Lachen aus.
Das ist wie ein Studentenulk, obwohl doch jetzt nicht die jährliche Narrenwoche ist, wo sie allerhand Komisches veranstalten, und sie wahrscheinlich alle in den Ferien nach Hause gefahren sind. Aber vielleicht sind ein paar von ihnen früher zurückgekommen, und sie machen irgend so ein Spiel. Ich wollte, ich wüsste mehr darüber und hätte eine Ahnung, wo wirklich was Lustiges los ist.
Er erreichte die Kuppe eines kleinen Hügels, hielt an und stieg ab. Die Straße lief vor ihm hügelabwärts, und dort unten, nicht weit entfernt, war die Kreuzung.
Die Kreuzung, sonst nichts.
Alles war wie immer: der Wegweiser, die Steinmauern und die wenigen Bäume, die zart und jung am Rand eines der vier Felder standen, die an die Straße grenzten. Doch es waren zu wenige, als dass ein Möchtegern-Halunke sich gut dort hätte verstecken können.
Pidge fühlte schon Enttäuschung in sich aufsteigen, als er merkte, dass er sich im Zentrum einer tödlichen Stille befand.
Kein Brüllen der Rinder von fernen Feldern war zu hören, kein Hundegebell von noch weiter entfernten Höfen; kein Sausen des Windes in den dicken alten Bäumen, die neben ihm auf dem Hügel standen; kein Vogelgesang, kein Gezwitscher; kein Zirpen der Heuschrecken im hohen Gras. Nichts machte irgendein Geräusch – nur Stille, die sich rings um ihn ausbreitete, bis weit in die Ferne.
Alles schien innezuhalten und darauf zu warten, dass etwas geschehen würde.
Wieder mal nur meine Fantasie, überlegte Pidge. Ich möchte wissen, wie oft schon so eine Totenstille um mich war, und ich habe es nur nicht bemerkt, weil ich ganz mit meinen Gedanken beschäftigt war. Na ja, das ist jedenfalls mein Heimweg – und heim muss ich jetzt.
Die Stille hielt an, während er im Freilauf den Hügel hinunterfuhr. Sie ließ die Geräusche noch lauter werden, die das Fahrrad machte: das Quietschen, das nach Öl schrie; das Surren der Räder und das Klappern der Kette, die durchhing, weil er nicht in die Pedale trat. Kleine Steine schlugen hart gegen die Innenseite der Schutzbleche, vom Druck der Reifen nach oben geschleudert.
Es klang jedes Mal wie ein heftiges Händeklatschen.
Das Fahrrad macht Geräusche wie ein alter Klapperkasten; bestimmt kann man es meilenweit hören, dachte er.
Einen Augenblick später war er an der Kreuzung angekommen und wollte gerade weiterfahren, als sein Blick zufällig auf den Wegweiser fiel.
Er war völlig verdreht.
Alle vier Arme zeigten in die falsche Richtung.
«Da haben wir’s!», rief er aus. «Diese gemeinen Studenten wollen die Leute in die Irre führen! Komische Idee – Tante Bina wird lachen, wenn ich es ihr erzähle!»
Er stieg vom Rad und betrachtete den Wegweiser näher.
Der Pfeil, auf dem Shancreg stand, zeigte nach Kyledove.
In Shancreg wohnte er, und Kyledove war ein großer, dichter Wald, dunkel, wild und unheimlich, selbst an einem helllichten Sommertag. Mittendrin lag eine uralte, moosbewachsene Ruine, die im Lauf der Zeiten so verfallen war, dass ihre Steine aussahen wie verschimmelte, feuchte Kekse.
Kyledove heißt Schwarzer Wald, weil in diesen Wald nie ein Sonnenstrahl dringt.
Bei dem bloßen Gedanken daran überlief Pidge ein Schauder, weil es dort so dunkel war und viele Fallen aus biegsamen Dornenzweigen gab. Der Wald war so uralt, dass man sich in der Gegend viele Geschichten von ihm erzählte.
Ich verderbe den Studenten nicht gern den Spaß, aber ich bringe das lieber wieder in Ordnung, damit sich nicht irgendein Fremder verirrt.
Er zögerte einen Augenblick und sah sich um, ob nicht jemand da war, dem er seine Bedenken, Fremde in die Irre zu leiten, erklären konnte – falls den Witzbolden dieser Gedanke nicht gekommen war. Aber es war keine Menschenseele zu sehen.
Immer noch war es unglaublich still.
Das begann Pidge etwas zu beunruhigen. Er versuchte, die Stille zu durchbrechen und jemanden auf sich aufmerksam zu machen, indem er so kräftig wie möglich «Hallooo!» rief – aber kein Echo antwortete, es war, als riefe er in Watte hinein.
Der Himmel färbte sich seltsam grün. Die Atmosphäre hatte etwas eigenartig Magnetisierendes, während das grüne Licht die Lachen der braunen Moore erfüllte, die in einiger Entfernung zu seiner Rechten lagen. Irgendetwas stupste ihn leise am Rand seines Bewusstseins an, und eine Weile war er verwirrt. Dann merkte er deutlich, dass rings um ihn etwas Bedrohliches lauerte.
«Das sind nicht die Studenten», sagte er plötzlich laut. «Es ist Zauberei.»
In diesem Augenblick schienen sich die Buchseiten unter seinem Hemd von selbst zu bewegen.
Vor Schreck spannte sich seine Kopfhaut, und eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper.
Ich muss ihn unbedingt wieder in die richtige Richtung drehen!
Er warf sein Rad hin und lief zum Wegweiser. Er griff danach, und der Himmel begann sich zu drehen; da wusste Pidge: Wenn er ihn nicht in Ordnung brachte, würde die ganze Gegend dem Wegweiser irgendwie gehorchen und sich um und um drehen, und er würde, obwohl er direkt in Richtung Shancreg und nach Hause fuhr, irgendwie in Kyledove landen. Pidge wusste das mit jeder Faser, obwohl sein Kopf es nicht verstand.
Als er seine Kraft zusammennahm und sich auf einen harten Kampf vorbereitete, drehte sich der Himmel noch schneller, und die Wolken kreisten rasend schnell über seinem Kopf. Er hörte ein leises Surren wie von einem papierenen Windrad.
Er gab dem Wegweiser einen kräftigen Schubs.
Zu seinem Erstaunen sauste er ganz leicht herum, als drehe er sich auf einer geölten Achse. Pidge richtete ihn aus, wie es sich gehörte, und da wurde der Himmel blau und ruhig, und die Landschaft ringsumher erwachte. Die dumpfe Stille war vorbei.
In der Nähe hörte er ein Motorrad. Es schien querfeldein von Kyledove zu kommen und in Richtung der Straße zu fahren, die vor ihm lag.
Der alte Angler hat recht gehabt, sagte Pidge leise zu sich selbst, da war wirklich eine Gefahr an der Kreuzung, und ich hätte mich beinahe ködern lassen, was auch immer das bedeuten mag. Wäre er nicht gewesen, ich hätte mir an der Kreuzung nichts gedacht und wäre weitergefahren und in Kyledove gelandet. Und wer immer diese dämlichen Schilder geschrieben hat, er wollte mir eine Falle stellen und das zunichtemachen, was der alte Angler mir Gutes tun wollte. Weiß Gott, warum. Aber die Blätter – ich muss sie irgendwie berührt und dann gemeint haben, sie hätten sich bewegt, weil die ganze Stimmung so seltsam war, der Himmel und alles andere; ich hätte in diesem Moment vor meinem eigenen Schatten erschrecken können. Ich werde jetzt nicht anhalten, ich will nicht zu lange hier hängenbleiben, falls der Himmel meint, es müsste ein Gewitter geben – aber wenn ich nach Hause komme, werde ich sie mir genau ansehen.
Während er weiter heimwärts radelte, suchte er in Gedanken nach einer vernünftigen Erklärung. Allmählich glaubte er, dass er die Sache aufgebauscht hatte und dass in Wirklichkeit nichts Unheimliches an dem Wegweiser oder den aufgeregten Leuten in Galway oder dem Himmel oder sonst etwas war und dass er einfach einen wunderbaren, interessanten Tag erlebte – bis er an die Baustelle kam.
Zwei große Schilder standen direkt vor ihm auf der Straße. Das eine warnte:
STRASSENARBEITENHALT!
Auf dem anderen war ein großer gelber Pfeil, und daneben hieß es:
UMLEITUNG
Der Pfeil zeigte auf ein Loch, das offensichtlich hastig in die Mauer neben der Straße gebrochen worden war.
Eine einfache Absperrung stand quer über die Straße. Sie sah aus, als sei sie eilig zusammengeschustert worden; sie bestand nur aus ein paar Fässern, über die man Bretter gelegt hatte. Sonst nichts. Kein Baumaterial, kein Werkzeug. Nicht einmal eine Schaufel war da.
«Ich lass mich nicht noch einmal hereinlegen», sagte sich Pidge entschlossen und war blitzartig vom Fahrrad gesprungen. Er schob die Bretter von den Fässern und räumte sich den Weg frei. Während er damit beschäftigt war, hörte er wieder das Motorrad in der Ferne. Es schien weiterzufahren, an seinem Haus vorbei, das jetzt nicht mehr allzu weit entfernt war.
Nur noch ungefähr fünf Minuten, dachte Pidge, und ich bin zu Hause – wenn ich so schnell wie möglich fahre. Dasselbe Etwas, das mich nach Kyledove schicken wollte, wollte mich jetzt anhalten, von der Straße abbringen und in die Felder treiben. Vielleicht wäre ich dann plötzlich in einen Nebel geraten, der aus dem Nichts über mich hergefallen wäre, und ich hätte mich in einer weißen Leere verirrt, die vielleicht noch schlimmer ist als jede Finsternis. Aber der Trick mit dem Wegweiser hat nicht funktioniert, dank dem alten Angler. Und es oder sie (er schauderte ein wenig, weil er nicht wusste, was stimmte) hatten nicht genug Zeit gehabt, die Absperrung so überzeugend aussehen zu lassen, dass sie damit auch nur ein dummes Huhn hätten hereinlegen können. Oder sehe ich so doof aus?
Entschlossen, weder nach rechts noch nach links zu schauen, fuhr er weiter.
«Bald bin ich zu Hause, und eigentlich habe ich meine Sache gar nicht so schlecht gemacht», sagte er laut.
Sie hatten gegen den Wegweiser geblasen, sodass er sich drehte und in die falschen Richtungen zeigte, als er stehenblieb. Sie hatten ihre Diener ausgeschickt, damit sie ihm durch eine List ein falsches Gefühl der Sicherheit einflößten.
Die List hatte nicht gewirkt.
«Idioten! Hättet ihr euch nicht etwas Besseres ausdenken können, als Schilder zu schreiben?», fragten sie nun.
«In der kurzen Zeit haben wir getan, was wir konnten», kam die Antwort in unterwürfigem Ton.
«Ein Junge kann darauf mit geschlossenen Augen Rad fahren!», äfften sie höhnisch nach.
Die Diener senkten die Köpfe und ließen demütig die Schwänze hängen, dabei winselten sie Vergebung heischend.
«Und Straßenarbeiten, ihr Hohlköpfe! Solche Straßenarbeiten! Darauf wäre ja nicht mal ein dummes Huhn hereingefallen!»
Die Diener lagen ergeben am Boden und bedeckten ihre Augen mit den Pfoten.
Jetzt fuhren die beiden seltsamen Frauen auf dem schweren Motorrad, gefolgt von ihren Hundedienern, bei dem kleinen Haus vor, in dem der alte Mossie Flynn wohnte.
Innerhalb von drei Minuten erzählten sie ihm eine Reihe von Lügen, so lang wie der Shannon-Fluss, blendeten ihn mit strahlendem Lächeln und großartigen Witzen und überschütteten ihn dabei so mit unverschämten Schmeicheleien, dass sein gesunder Menschenverstand verstummte und er wie geschmeidiger Teig in den Händen eines Bäckermeisters war.
Sie überredeten ihn dazu, ihnen sein Glashaus zu vermieten.
Der verwirrte Mossie fand das sehr komisch und sagte, dass sie und ihre schönen Hunde ein Gewinn für die Gegend sein würden.
«Das werden wir», sagten sie. Sie lächelten sich an; Mossies Glashaus stand nur drei schmale Felder entfernt von dem Haus, in dem Pidge wohnte.
Der benebelte Mossie bot ihnen nun auch noch an, ihnen all seine Möbel zu überlassen.
Sie fanden seine Fürsorglichkeit außerordentlich lustig. «Machen Sie sich wegen der Möbel keine Gedanken», sagten sie mit ihren komischen Stimmen, während sie sich gegenseitig vor Vergnügen auf den Rücken schlugen.
«Sie sind bestellt.»
«Sie kommen.»
«Sie sind schon unterwegs.»
Sie dankten ihm, gaben ihm die Miete für eine Woche, und ehe er merkte, wie ihm geschah, hatten sie ihn vor die Tür befördert.
Er stand da und starrte das Glashaus fasziniert an. Die beiden Frauen winkten ihm zum Abschied, um ihn zum Gehen zu bewegen, und ihr Lächeln wurde dabei immer starrer. Schließlich ging Mossie in sein Häuschen zurück und setzte sich kichernd ans Feuer, um sich eine Pfeife anzuzünden.
Die beiden Frauen im Glashaus sahen einander an und tauschten mit einem Blick eine wichtige Botschaft von Gehirn zu Gehirn aus. Dann fielen sie einander um den Hals und lachten ganze zehn Minuten lang, bevor sie sich daranmachten, ihr Glashaus einzurichten.
Kurz darauf merkte ein junger schwedischer Bergsteiger, der in Galway von einem Fremden, der sich überhaupt nicht auskannte, in die falsche Richtung geschickt worden war, dass er sich anstatt in den Bergen von Connemara, wo er eigentlich sein wollte, im Osten der Grafschaft in der Nähe von Mossies kleinem Hof befand. Zu seiner Verwunderung sah er, wie ein Kleiderschrank elegant auf dem Platz vor dem Glashaus landete. Die Landung wurde von zwei seltsamen Frauen mithilfe zweier Tischtennisschläger dirigiert. Die beiden Frauen schienen das Ganze für einen fantastischen Spaß zu halten.
Er schaute zum Himmel hinauf und sah eine ganze Reihe von Einrichtungsgegenständen über dem Glashaus auftauchen, wo sie kreisten und auf ihre Landung warteten.
In einem großen Kaufhaus in Galway war indessen die Hölle los. Die Leute sahen verblüfft, wie verschiedene Gegenstände zu Flugobjekten wurden und aus den Fenstern davonflogen. Die Panik war ungeheuer, als Abteilungsleiter versuchten, die fliegenden Sachen festzuhalten und die Kunden sich unter den Verkaufstischen versteckten oder versuchten, in Schachteln zu klettern.
Zwei Leute fielen ohnmächtig um und wurden mit Branntwein wiederbelebt.
Dann merkte man, dass diese Leute immer in Ohnmacht zu fallen pflegten, wenn die Aussicht bestand, mit Branntwein wiederbelebt zu werden, und man forderte sie zu ihrem Unwillen auf, gefälligst zu bezahlen.
Eine beherzte Frau vom Lande kämpfte mit zwei Betttüchern, die sie hatte kaufen wollen und die sich ihr zu entwinden und davonzufliegen versuchten. Sie rissen sich los und verschwanden zusammen mit den anderen Sachen in den Himmel.
Alle sahen, wie sie sich davonmachten; aber nur der schwedische Kletterer sah, wo sie landeten und wer ihre neuen Besitzerinnen waren.
Was ist das nur, fragte er sich, ein Verbrechen oder Zauberei? Und was soll ich tun? Schließlich fand er, dass er im Augenblick nichts anderes tun konnte als weiterzugehen, und das tat er denn auch.
Inzwischen hatte der erregte Abteilungsleiter die Polizei verständigt, die nun das Gebäude umzingelte, während ein ungläubiger Wachtmeister Vermerke in sein Notizbuch machte.
Alle warteten, dass wieder etwas wegfliegen würde.
Die beiden Frauen lachten nun, weil ihr übernatürlicher Ladendiebstahl bewerkstelligt war. Sie hängten ein Schild vor die Tür, auf dem stand: «Vorsicht Frosch!», und schlossen sich ein.
Mossie kam heraus und warf einen heimlichen Blick zum Glashaus hinüber. Außer ein paar (gestohlenen) Jalousien, die das ganze Glas bedeckten, sah alles aus wie immer. Er nahm irrtümlich an, sie hätten die Jalousien die ganze Zeit in den Satteltaschen gehabt.
Dann fiel sein Blick auf das Schild.
Er flitzte hinüber, um es zu lesen.
«Da haben sie schon wieder was Lustiges gemacht», sagte er glücklich und ging wieder in sein Häuschen.
Der Wachtmeister und seine Polizisten warteten geduldig bis zum Geschäftsschluss. Misstrauisch fragte der Wachtmeister den Abteilungsleiter, ob er etwas getrunken habe. Der Abteilungsleiter platzte fast vor Wut. Der Wachtmeister meinte, vielleicht sei alles eine Fata Morgana gewesen. Der Abteilungsleiter betonte, dass es Zeugen für die Ereignisse dieses Tages gebe, die unter Schock im Krankenhaus lägen.
«Massenhypnose», sagte der Wachtmeister.
«Und wo sind alle meine Waren hin?», fragte der Abteilungsleiter.
«Ja, wohin wohl!?», sagte der Wachtmeister trocken. «Ich werde von jetzt an ein Auge auf Sie haben!»
Der Wachtmeister machte sich auf seinen Abendrundgang.
Der Abteilungsleiter wünschte insgeheim, dass ihm die Hosen herunterrutschen möchten.
«Bitte sehr!», sagte eine der Frauen in Shancreg.
Dem Wachtmeister rutschten die Hosen herunter und lagen in Falten um seine Knöchel. Er zog sie wütend hoch und ging nach Hause, um einen Leserbrief an die Irish Times zu schreiben, in dem er sich beschwerte, dass seine Hosenträger in diesem Klima kaputtgingen.
Immer, wenn sich der Wachtmeister und der Abteilungsleiter von da an begegneten, lag Feindseligkeit zwischen ihnen wie ein elektrisches Feld. Das war sehr schade, denn beide kannten keine größere Freude, als Rosen zu züchten, und sie hätten viele lange und glückliche Jahre Freunde sein können.
Die beiden Frauen nahmen voller Schadenfreude an all dem teil, obwohl sie viele Meilen weit davon entfernt in Shancreg waren.
«Ein gelungener Tag geht zu Ende», sagten sie zueinander und kreischten vor Lachen, bis ihnen die Tränen heiß und funkelnd in die erbarmungslosen Augen stiegen.
Tante Bina hielt nach ihm Ausschau und winkte, als sie sah, dass er von der Hauptstraße in den Seitenweg einbog.
«Ist es nicht merkwürdig dunkel?», rief sie ihm mit ihrer hohen, ängstlichen Stimme zu. «Ich glaube, es könnte heute noch ein Gewitter kommen!»
Pidge wusste sofort, dass sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte; etwas im Klang ihrer Stimme verriet es ihm. Er fühlte, wie ihn plötzlich die Liebe zu ihr durchfuhr, und beschloss im selben Augenblick, ihr nichts über seine Heimfahrt zu erzählen – außer das mit der Baustelle, weil dort im Grunde nichts Ungewöhnliches passiert war.
Jetzt, wo er in Sicherheit war, wollte er nach allem greifen und alles festhalten, was vertraut und verlässlich war. Er holte langsam die Einkäufe für Tante Bina aus der Satteltasche.
«Wo ist Brigit?», fragte er.
«Was fragst du mich?», sagte Tante Bina. «Du kennst doch Brigit; die ist wer weiß wo.»
«Vielleicht sollten wir sie rufen. Falls ein Unwetter kommt.»
Er versuchte seiner Stimme einen beiläufigen Ton zu geben. Der Gedanke beunruhigte ihn, dass Brigit ahnungslos allein herumlief. Sie war so zutraulich und unschuldig. Sie würde sich leicht ködern lassen, wo sie doch erst fünf Jahre alt und noch ein ganz schönes Dummerchen war.
«Brigit!», rief er laut.
«Was ist?», sagte sie und kam aus einer unbenutzten Regentonne geklettert, indem sie Holzklötze als Stufen verwendete. «Wieso rufst du?»
«Ich dachte, du hättest dich verlaufen», sagte Pidge verlegen.
«Ich mich verlaufen? Ich verlauf’ mich nie. Ich war gerade unten im Inneren der Welt und habe einen verrückten Ohrwurm getroffen, und wir haben einem Kampf zugeschaut, und dann bin ich zurückgekommen, und ich hab’ mich gar nicht verlaufen, nicht eine Sekunde lang.»
«Hast du was mitgebracht von deiner Reise?», fragte Tante Bina.
«Nur den verrückten Ohrwurm. Ich hab’ ihn mit raufgebracht, um ihm ein bisschen Hustensaft zu geben, damit es ihm besser geht, aber du kannst ihn haben, wenn du ihn willst.»
Tante Bina überlegte.
«Ich glaube nicht, dass ich ihn brauchen kann», sagte sie. «Lass ihn lieber laufen.»
Später, als sie beim Tee saßen, erzählte Pidge ihnen von der Baustelle.
«War da nicht mal eine rheumatische Bohrmaschine?», wollte Brigit wissen. Sie biss fest in ihr Butterbrot und kratzte sich den Rest von ihrem Ei aus der Schale.
«Vielleicht waren es Marsmenschen», sagte Tante Bina, denn sie interessierte sich sehr für den Weltraum und las ständig Bücher darüber. Manchmal stellte sie sich auf den kleinen Hügel hinter dem Haus und hielt sich ein Seemannsteleskop vor ein Auge, um nach fliegenden Untertassen Ausschau zu halten. Pidge musste lachen bei der Vorstellung, dass Marsmenschen Straßenarbeiten für die Grafschaftsverwaltung verrichteten, und dann merkte er, welch herrliches Gefühl der Leichtigkeit nach dem Lachen seinen ganzen Körper erfüllte.
«Das waren nicht die Marsmenschen», sagte er und war sich seiner Sache sicher.
Aber irgendjemand muss es ja schließlich gewesen sein, dachte er. Wer war außer dem alten Angler um diese Zeit auf der Straße? Er hatte das Gefühl, als sei ihm irgendetwas Wichtiges entgangen. Dann fragte er plötzlich:
«Hast du jemanden gesehen, der auf einem Motorrad vorbeikam?»
«Nein», sagte Tante Bina.
«Aber ich», sagte Brigit sachlich. «Zwei ganz Komische mit einem Haufen Hunde. Die eine hatte zwei Kilometer langes rotes Haar, das wie ein Umhang hinter ihr herwehte, und die andere hatte so eine Art blaue Haare wie Seile um den Kopf gewickelt. Die Blaue rauchte eine Zigarre. Die Hunde waren mager und liefen so schnell wie Wasser. Sie winkten mir zu, aber ich hab’ so getan, als würd’ ich sie nicht sehen, weil sie so komisch aussahen.»
«Ach, das sind sicher Touristinnen», sagte Tante Bina und lachte Brigit aus.
«Wir haben genug von deinen verrückten Ohrwürmern, Brigit!», rief Pidge streng, denn er wollte herausbekommen, was wirklich los gewesen war, und sich nicht über irgendeine von Brigits Geschichten amüsieren.
«Es stimmt», sagte sie ruhig. «Sie sind zu Mossie Flynns Haus gefahren.»
Seltsame Touristinnen, dachte Pidge.
Brigit begann zu gähnen und beeilte sich zu sagen, dass sie kein bisschen müde sei. Je mehr sie behauptete, nicht müde zu sein, desto heftiger gähnte sie.
«Ehrlich!», log sie, «außer meinem Mund ist nichts an mir müde.» Die Augen begannen ihr zuzufallen.
«Keine Mätzchen jetzt, Brigit. Du könntest die Augen nicht mal mehr offenhalten, wenn wir sie mit Wäscheklammern festmachen würden», sagte Tante Bina.
«Wollen wir’s nicht mal versuchen?», fragte sie hoffnungsvoll.
«Ins Bett mit dir. Komm jetzt.»
Widerstrebend ließ Brigit sich waschen, sagte Pidge Gute Nacht und kletterte vor Tante Bina die Holztreppe hinauf, die zu den beiden kleinen Schlafzimmern unter dem Dach führte.
Pidge stand vom Tisch auf und ging zu dem altmodischen Kamin.
Im Kamin, zu beiden Seiten des Feuers, waren zwei kleine gemauerte Sitze. Man konnte sich da drinnen hinsetzen und durch den Kamin hinaufschauen; oben sah man ein Stückchen Himmel. Er zog die Knie an, um ein knöchernes Lesepult zu haben, auf das er seine Seiten aus Patricks Schriften legen konnte. Er machte es sich bequem und begann sie sich in Ruhe anzusehen.
Sie waren alt, aber Pidge wusste nicht, wie alt. Sie verströmten einen modrigen Geruch, in den sich ein anderer Duft mischte – es roch ein bisschen wie Kampfer und alte Rosenblätter. Die Seiten fühlten sich steif an und waren mit abgenützten Lederriemchen zusammengehalten.
Ich weiß, was das ist!, jubelte er insgeheim. Es gehört zu einer alten keltischen Handschrift, die vor langer Zeit in einem der Klöster von einem Mönch in seiner einsamen Bienenkorbzelle geschrieben und gemalt wurde. Was für ein Glück ich hatte! Ich kann ihn mir richtig vorstellen, wie er seine eigenen Farben herstellte, weil er sie schließlich nicht kaufen konnte, wo es doch gar keine Läden gab, und wahrscheinlich fielen ihm im Winter fast die Finger ab vor Kälte – und die Nase auch. Es würde mich nicht wundern!
Er blätterte die Titelseite um und sah, dass das nächste Blatt mit vielen inzwischen verblassten Farben bemalt war.
Auf den ersten Blick meinte er nur ein kunstvolles Muster zu sehen, das sich in schwungvollen Schlingen und Spiralen über die Seite wand und dabei fein und sorgfältig ausgearbeitet war. Dann entdeckte er, dass sich in dem Muster Tiere versteckten, Fabeltiere, die nicht aus der Natur, sondern aus Menschenträumen stammten.
Oh, fragte er sich, berühre ich wirklich Blätter, die von einem dieser Mönche aus ferner Zeit gemacht und benutzt wurden? Ob er wohl viele solcher Arbeiten bei Binsenlicht abends oder an dunklen Wintertagen erledigen musste? Und was würde er von Elektrizität halten oder von Druckmaschinen oder Fotografien oder all den Sachen, die man in Warenhäusern kaufen kann? Aber kann das überhaupt sein? All die alten Handschriften sind doch längst in Museen und Universitäten gelandet und werden als große Schätze angesehen. Das hier muss eine Fälschung sein.
Als er die Seite gerade umblätterte, fiel ein loses Blatt heraus. Er konnte es im letzten Moment noch erwischen, bevor es ins Feuer fiel; da hörte er die Stimme aus dem Kamin.
Sperr es in Eisen ein, flüsterte sie.
Pidge versteinerte vor Schreck. Er wagte es nicht, sich zu regen. Er saß da und schaute vor sich hin, ohne etwas zu sehen, aber er fühlte alles mit seinem Nacken. Nachdem er eine ganze Weile so gesessen hatte, versuchte er, seinen Kopf in seinem Körper verschwinden zu lassen wie eine Schildkröte, die sich unter ihren Panzer zurückzieht.
Er hatte das Gefühl, als würde er gleich einen Schlag auf den Kopf bekommen.
Hab keine Angst, sagte die Stimme. Ich bin dein Freund.
Oh, was soll ich nur machen?, dachte Pidge ängstlich.
Tu ich dir weh?, fragte die Stimme unendlich sanft.
«Nein.»
Glaub an meine Freundschaft!
«Aber ich hab’ Angst.»
Horch!, sagte die Stimme.
Musik strömte aus dem Kamin herab – wie Wasser, das über einen Felsen in die Tiefe stürzt. Es klang besänftigend. Und zugleich wogte duftendes Licht herunter und verband sich mit den klaren und vollkommenen Tönen einer einzelnen Flöte, in denen das Licht frohlockte und tanzte.
Dann verblasste und verklang alles.
Schau hinauf!
Pidge schaute hinauf und sah den Nachthimmel. Er war erfüllt von glitzernden Sternen.
Ich schreibe meinen Namen, sagte die Stimme.
Aus der Schar der Sterne formten die größten und hellsten das Wort
Pidge spürte, dass er am ganzen Körper bebte. Langsam merkte er, dass es Tante Bina war, die ihn schüttelte. Sie sagte:
«Wach auf! Bist du verrückt? Du könntest ja ins Feuer fallen, wenn du da drinnen schläfst.»
Dann war es also ein Traum gewesen; ein wunderbarer Traum und doch wie wirklich.
Er sah in den Kamin hinauf.
Er war wie immer riesig, breit und rußig – nichts Wunderbares war daran. Der Himmel hatte sich bezogen. Kein einziger Stern schien durch die dichte dunkle Wolkendecke.
Tante Bina war gerade sehr gesprächig. Sie sprudelte sofort los mit einem humorvollen Bericht über die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Tages. Es ging vor allem um den Kampf mit einem durchtriebenen jungen Huhn. Es hatte seine Eier nämlich seit einer Woche in ein Versteck gelegt. Tante Bina hatte seine Spur verfolgt. Trotzdem siegte das kleine Huhn. Es verließ den Hof nie, wenn jemand hinschaute, sondern tat so, als suche es den Boden nach Leckerbissen ab, wobei es immer mit seinen hellen Augen wachsam um sich blickte. Doch sobald niemand auf dem Hof war, verschwand es. Es war schlau genug, sich in Deckung zu halten, und blieb in der Nähe von Mauern und unter Büschen, und es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, mitten über ein Feld zu laufen, wo man es ja hätte sehen können.
Pidge konnte zuerst gar nicht zuhören, weil er immer noch über seinen wunderbaren Traum staunte, doch allmählich drang ihre Stimme in sein Bewusstsein. Jedes Wort, das sie sagte, trug ihn ein Stückchen fort von dem Wunder, und doch schien ihm, als würde er es nie mehr ganz verlieren. Der Gedanke, es für immer zu besitzen und sich in Erinnerung rufen zu können, wann immer er wollte, machte ihn glücklich.
Schließlich war es Zeit, ins Bett zu gehen.
Er öffnete den Riegel seiner Schlafzimmertür und betrat den kleinen, gemütlichen Raum. Leise schloss er die Tür, um Brigit, deren Atemzüge er durch die Trennwand hörte, nicht zu stören. Er setzte sich auf sein Bett und öffnete das zerfledderte Buch. Dabei flatterte wieder das lose Blatt heraus, fast so, als strebe es von ihm fort. Pidge fing es auf, bevor es den Boden berührte, und beugte sich vor, sodass möglichst viel Licht darauf fallen konnte.
Jetzt, wo er es genau sah, entdeckte er, dass es nicht nur ein einzelnes Blatt war, sondern zwei, die zusammenklebten. Zumindest waren sie einmal zusammengeklebt gewesen, aber jetzt lösten sie sich voneinander.
Die obere Seite war leer bis auf ein großes gezeichnetes Kreuz. Unter dem Kreuz sah man eine blasse Schrift in großen Buchstaben. Die Schrift war lateinisch.
Er konnte sie lesen, aber er verstand nur ein oder zwei Worte davon. Er las:
O SERPENS VILISSIMUS
ET HIC SIGNO ET HIS VERBIS
TE SIC SECURO IN SAECULA SAECULORUM
AMEN
PATRICUS
In Saecula Saeculorum Amen, das hieß doch: für alle Zeiten, so sei es. Das war einfach. Er kannte es aus Gebeten. Und Patricus musste der lateinische Name für Patrick sein. Irgendwas hieß es da von Sic, wie sick. Hieß das, jemand war krank? Und verbis – bedeutete es, dass jemand krank von Verben war? Oder war die Rede von einem alten Heilmittel für einen Kranken?
Wie schade, dass ich erst zehn bin und noch nicht mit Latein angefangen habe, sonst könnte ich dieses Rätsel leicht lösen, sagte er sich. Ich werde alles tun, um herauszubekommen, was es bedeutet. Ein Gelehrter müsste es wissen. Ob die untere Seite wohl interessanter ist?
Es war komisch; er konnte nämlich nicht richtig sehen, was darauf war. Jedes Mal, wenn er einen Teil anschaute, begannen die Stellen, die er nicht anschaute, auf dem Blatt hin- und herzuwandern und sich zu verändern. Er konnte aus dem Augenwinkel fast mitverfolgen, wie es geschah. Er versuchte, jeden Zentimeter so schnell wie möglich mit den Blicken zu erfassen, aber er war nie schnell genug, um zu sehen, wie es vor sich ging. Jedes Mal, wenn sein Blick sich von einer Stelle wegbewegte, begann diese Stelle sich zu verändern. Wie sehr er sich auch bemühte, ganz schnell wieder dort hinzusehen, er schaffte es nie rechtzeitig. Diese Stelle blieb dann unverändert – während die Stelle daneben seinen Blick anzuziehen versuchte, indem sie sich zu verschieben, zu tanzen oder einfach zu zittern schien.
Er schloss die Augen fest und presste die Lider mit aller Kraft zusammen. Einen Augenblick hielt er sie geschlossen, so fest es nur ging, dann öffnete er sie blitzschnell und sah gebieterisch auf das Blatt.
Da erkannte er sie.
Es war eine Schlange.
Serpens!, dachte er, das hieß doch Schlange. Davon also handelte die Schrift.
Merkwürdig war, dass sie gar nicht auf die Seite gemalt zu sein schien. Sie sah eher aus, als sei sie gemeißelt – aus grünem Glas gemeißelt. Unglaublich war es auch, dass er einen Augenblick zuvor noch gar nichts gesehen hatte und dass jetzt plötzlich dieses lebendige, glänzende Ding da war – so als hätte jemand mit unsichtbarer Hand einen Vorhang beiseitegezogen.
Es war so, als wolle die Schlange nun gesehen werden.
Sie war lang und dünn und wand sich in einem verwickelten Schlingenmuster. Ihr Kopf sah beinahe lebendig aus, tat aber so, als wäre er es nicht. Die gespaltene Zunge schien zu zucken. Und waren ihre Augen eben nicht ein winziges Stückchen weitergeglitten?
Ein Lichtpünktchen erschien in ihren Augen und flammte zu einem blauen Funken auf. Pidge starrte auf ihn, während er immer größer wurde.
Das Licht schien die Macht zu haben, ihn zu bannen und ihn in eine gefährliche andere Welt zu ziehen; es hatte etwas Bezwingendes. Zu seinem Entsetzen merkte er, dass er ihm nicht widerstehen konnte. Die Augen verschwanden, und er sah sich in einen dunklen Wald versetzt, in dem die Bäume auf bösartige Weise lebendig waren und bleiche, tückische Blumen versuchten, nach ihm zu greifen. Es war eine grauenerregende Welt, und die Gräser wollten sich um seine Knöchel winden und ihn für immer gefangen halten.
Da beendete Tante Bina ihr Abendgebet und ging ins Bett; dabei quietschten die Sprungfedern. Dieses ganz gewöhnliche Geräusch ließ den Traum zerfallen, Pidge erwachte und stellte fest, dass die Seite verschwunden war.
Er hatte sie in der Hand gehalten – und sie war verschwunden!
Das erste Gefühl, das ihn durchfuhr und ihn von Kopf bis Fuß mit größter Erleichterung erfüllte, war helle Freude darüber, dass das hässliche Ding fort war. Doch augenblicklich erinnerte er sich an die Stimme in seinem Kamin-Traum, die ihm gesagt, ja befohlen hatte, er solle es in Eisen einsperren, und da wusste er, dass er es finden musste, ganz gleich, was geschehen würde. Er kniete sich hin und sah unter das Bett.
Da steckte es zur Hälfte in einer Ritze zwischen den Dielenbrettern. Hatte es etwa versucht zu entkommen?
Pidge griff unter das Bett und kriegte es zu fassen. Er nahm das Blatt mit der lateinischen Schrift von Patrick und packte das Schlangenbild darin ein, indem er es zweimal rasch in der Mitte faltete; dann hielt er es in seiner Faust fest. Er wartete darauf, dass Tante Bina einschlafen würde. Er lauschte auf ihren ersten Schnarchlaut.
Als er ertönte, klang das schön und musikalisch und sehr menschlich. Ich hätte nie geglaubt, dass ich das so empfinden könnte, sagte Pidge zu sich.
Er verließ sein Zimmer und schlich sich in die dunkle Küche hinunter. Das Feuer leuchtete kein bisschen mehr. Tante Bina hatte den brennenden Torf mit Asche belegt, damit die Glut die ganze Nacht weiterglomm. Es gab in manchen Häusern Feuer, die seit zweihundert Jahren oder länger nicht mehr erloschen waren.
Er kniete nieder und blies etwas von der Asche weg, um dem Torf ein wenig Licht abzulocken.
Neben dem Ofen stand Tante Binas schwerer eiserner Topf mit flachem Deckel und Henkeln an beiden Seiten, mit denen man ihn an einen aus dem Kamin herunterbaumelnden Haken hängen konnte. Er hatte drei Beine, damit man mit ihm im Kamin kochen konnte, wenn man unter ihm ein kleines eigenes Feuer entzündete und die roten glühenden Torfstücke auf den Deckel legte. Man konnte das Essen darin schmoren, backen oder braten.
Pidge sah ihn an, und augenblicklich war ihm klar, dass dies das Gefängnis war, das er brauchte. Er hob den schweren Eisendeckel hoch und legte die zusammengefalteten Blätter auf den Boden des Topfes. Sie flatterten, als seien sie empört. Er stand auf und holte vom Kaminsims ein altes Bügeleisen, das er als eiserne Beschwerung auf die Seiten legte, bevor er den Deckel schloss. Um ganz sicherzugehen, schob er die Feuerzange durch das Halboval des Griffs auf dem Deckel, sodass sie mit ihrem eisernen Gewicht ein zusätzliches Hindernis darstellte.
Sorgfältig bedeckte er den Torf mit ein paar Schaufeln voll Asche, um die Glut weiter zu erhalten.
Dann ging er frohgemut zu Bett.
Es hatte zu regnen begonnen – wie angenehm war es, im Bett zu liegen und zu hören, wie die Tropfen an den Fenstern pickten.
Er hatte es behaglich und fühlte sich sicher und warm. Der ungewöhnliche Himmel hatte also doch nur Regen angekündigt. Er drehte sich um und kuschelte sich noch tiefer ins Kissen, streckte aber ein Ohr unter der Decke hervor und lauschte auf den Regen.
In diesem Augenblick sprang genau unter seinem Fenster dröhnend ein schweres Motorrad an. Es heulte ein paarmal auf und fuhr dann davon. Dem Geräusch nach zu urteilen sprang es über eine Mauer, dann wurde der Lärm schwächer, je mehr es sich entfernte.
Pidge sprang aus dem Bett und schaute hinaus. Aber er war zu spät dran.
Wer es auch gewesen sein mochte – jetzt war er weg, und Pidge konnte durch den Regenschleier hindurch sowieso kaum etwas sehen.
Er stieg wieder ins Bett.
Der Gedanke war nicht angenehm, dass dieser Jemand ihn vielleicht durch das Fenster beobachtet hatte, während er in der Küche war.
Aber das eiserne Gefängnis hat wohl seinen Zweck erfüllt, dachte er.
Er begann sich gerade zu wundern, warum Tante Bina oder Brigit nicht von dem Lärm aufgewacht waren, da schlief er ein.
Pidge erwachte jäh mit leichtem Herzklopfen, aber es war nur das Morgenlicht auf seinem Gesicht, das seine Ruhe gestört hatte. Er lag eine Weile reglos da und dachte über die seltsamen Ereignisse des vergangenen Tages nach. Die langen, stillen Stunden des Schlafes zwischen dem Abend und dem Morgen hatten allem das Wirkliche und Lebendige genommen, sodass es ihm jetzt nur noch wie etwas vorkam, das er passiv erlebt hatte, wie einen Film. Doch die nächtliche Unterbrechung konnte nicht den Funken Wissen auslöschen, der in seinem Kopf blieb, aller Dramatik entkleidet und weiterhin wahr; den vergangenen Tag mit all dem, was geschehen war, hatte es wirklich gegeben.
Er schlüpfte aus dem Bett und begann sich anzuziehen. Besser holte er die Seite wieder, bevor Tante Bina auf die Idee kam, Brot zu backen.
Es muss noch sehr früh sein, dachte er. Ich bin der Erste, der auf ist. Kein Geräusch aus der Küche, alles still.
In dieser Stille quietschte der Riegel an seiner Schlafzimmertür so laut, dass er sogar Brigit hätte aufwecken können. Er wartete einen Augenblick, bevor er in die Küche hinunterging, aber niemand regte sich.
Das Feuer sah im Sonnenlicht leblos und grau aus, und die Zange lag immer noch auf dem Deckel des Topfes. Innerhalb von zwei Sekunden hielt er die schreckliche Seite in der Hand. Er faltete sie auf und sah sie an. Er hatte fast erwartet, dass die Schlange herausspringen und ihre Giftzähne in seine Hand schlagen würde.
Doch die Schlange zierte pflichtgetreu das Blatt, und was ihn jetzt erstaunte, war ihre Schönheit. Da war keine Spur mehr von den tückischen weißen Blumen oder den bösartig lebendigen Bäumen oder den umgarnenden Gräsern. Er musste sich das alles einfach eingebildet haben.
Aber die Schlange hatte trotzdem etwas an sich, das mehr als Malerei war. Er faltete das Blatt zusammen, steckte es in sein Hemd und ging wieder in sein Zimmer hinauf.
«Hallo», hörte er Brigits Stimme, als er die Tür hinter sich schloss. «Wo warst du?»
Er guckte hoch. Brigits Hände umklammerten den oberen Rand der Trennwand, sonst sah er nichts von ihr. Sie versuchte, zu ihm hinüberzuschauen, und stemmte ihre Füße gegen die Holzwand, während sie sich hochzog. Ihr Kopf tauchte kurz auf, dann rutschte sie wieder ab. Nachdem sie ein paar Sekunden verschwunden war, kämpfte sie sich wieder nach oben.
«Na?»
Wieder verschwand sie.
Er wartete, bis ihr Kopf von Neuem erschien.
«Ich war nur unten.»
Brigit akzeptierte diese Antwort, ohne nachzufragen; sie war auch oft «nur» irgendwo.
«Hast du die Viehdiebe heute Nacht gehört?», fragte sie und hängte sich mit den Ellbogen über die Trennwand.
«Welche Viehdiebe?», fragte er überrascht.
«Hast du sie nicht gehört? Sie haben sich mit einem Motorrad aus dem Staub gemacht.»
Also hatte auch Brigit es gehört.
«Vielleicht hast du nur geträumt?», fragte er hoffnungsvoll.
«Nein, hab’ ich nicht. Dafür war es zu normal. Träume sind verschwommen, und es kommen Schokolade und Bonbons drin vor. Und Puderzucker und Fahrräder. Ich wette um alles mit dir, dass sie das Schwein gestohlen haben.»
«Ach, wer wird denn schon ein Schwein stehlen!»
«Schweinediebe! Gangster auf Motorrädern. Schnell ein Schwein geklaut und dann nichts wie fein ausgehen, so sagen die sich. Die anderen sind denen völlig schnuppe.»
«Wo hast du bloß diese Ausdrücke her, Brigit?»
«Von nirgendwoher. Sie kommen mir einfach so – und warum bist du schon so früh auf?»
«Ich dachte, ich könnte mal nach Pilzen schauen», sagte er. Er hatte ein schlechtes Gewissen, dass er sie belog, aber im Augenblick fiel ihm nichts Besseres ein.
«Gut!», erklärte sie. «Ich brauch’ nicht lang, um mich anzuziehen. Wartest du ein bisschen?»
Und in der oberen Hälfte vom Grangefield fanden sie auch gleich genug Pilze für das Frühstück; da sie jetzt sehr hungrig waren, hatten sie gerade beschlossen, nach Hause zu gehen, als sie den guten alten Mossie Flynn sahen, der keuchend und schnaufend über die Steinmauer am Rand ihres Feldes geklettert kam.
«Schöner Tag!», rief er, als er nahe genug herangekommen war, um sie zu begrüßen.
«Wir sind schon Stunden auf», sagte Brigit stolz.
«Wirklich? Na, du bist ja ein tolles Mädchen.»
«Ja. Hab’ Viehdiebe verfolgt und wer weiß was noch!»
«Hast du einen von ihnen geschnappt?»
«Noch nicht, aber bald. Ich muss erst ein paar Handschellen besorgen.»
«Und wo willst du die herkriegen?»
«Ach, irgendwoher», sagte sie unbestimmt.
«Habt ihr heut’ Morgen viele kleine Pilzelchen gefunden?», fragte Mossie.
«Vierzehnhundert oder so», erzählte sie ihm.
Mossie lachte. Jeder kannte Brigit und ihre Geschichten.
«Na, ich hoff’, ihr habt mir ein paar übrig gelassen», sagte er munter.
«Wir sind nicht mal halb hinuntergekommen; da unten müssten noch eine ganze Menge sein», sagte Pidge. «Wir haben nur ungefähr eine Mütze voll.»
«Gut. Aber jetzt hört mal, was ich für Neuigkeiten mitbringe!», sagte Mossie zufrieden. «Ich hab’ zwei ganz schön Verrückte unten bei mir!»
«Wie meinst du das?», fragte Pidge.
«’s sind zwei Damen. Ihr werdet’s nicht glauben, aber eine von denen färbt sich die Haare blau. Sie hat goldene Räder in den Ohren, und ich schwör’ bei Gott, sie raucht Zigarren! Sie sagt, sie heißt Melody Mondlicht, wenn ich nicht schon ganz taub bin. Melody Mondlicht», wiederholte er staunend. «Habt ihr schon mal so ’nen Namen gehört?»
«Und wie heißt die andere?», fragte Pidge.
«Die hat fast ’nen genauso guten Namen. Sie sagt, sie heißt Breda Ekelschön! Und wenn die erste Zigarren raucht – na, die zweite steht ihr da fast nicht nach, denn sie kaut Tabak. So was hab’ ich bei Frauen noch nie gesehn! Na ja, und dann: Die erste hat blaue Haare – wie das blaue Zeug, mit dem man die Kartoffeln gegen Mehltau besprüht. Und bei Gott, die zweite hat orangefarbenes Haar, das ihr grell über den Rücken hängt wie der Schwanz von einem Pferd.»
«Ach, die zwei!», sagte Brigit verächtlich. «Ich hab’ sie gestern gesehen. Sie haben Hunde und ’n blödes Motorrad!»
«Was machen die denn bei Ihnen?», fragte Pidge.
«Sie haben mein altes Glashaus gemietet! Sie zahlen mir gutes Geld dafür, dass sie drin wohnen dürfen. Was sagt ihr jetzt? Nicht jeder hat so jemand bei sich wohnen, was?»
«Die wohnen in Ihrem Glashaus? Die müssen ja dämlich sein», sagte Brigit, weil sie ein bisschen eifersüchtig war.
«Warum tun sie das denn?», wollte Pidge wissen.
«Weil sie Künstler sind und ein bisschen plemplem», sagte Mossie stolz. «Sie haben mir gesagt, sie machen ihre Sachen aus Teilen von alten Fahrrädern und Traktoren und so was. Sie sagen, dass sie Spaß dran haben, aus altem Plunder Kunstwerke zu machen. Und außerdem sind sie sehr lustig. Sie ulken die ganze Zeit miteinander und lachen immer schallend über irgendwas.»
«Malen die auch?» Pidge dachte, das müsse er fragen.
«Malen?»
«Schilder zum Beispiel?»
«Davon haben sie nichts gesagt. Ich glaub’ nicht.»
«Ach so», sagte Pidge.
«Na ja, dann geh ich wieder», sagte Mossie.
«Pass auf, dass sie nicht aus dir ein Kunstwerk machen, Mossie», sagte Brigit, halb aus Spaß und halb aus Groll darüber, dass Mossie die Frauen so mochte.
Als sie zum Tor gingen, sah sie sich immer wieder um und winkte.
