Die Moortochter - Karen Dionne - E-Book

Die Moortochter E-Book

Karen Dionne

4,4
9,99 €

Beschreibung

Helena Pelletier lebt in Michigan auf der einsamen Upper Peninsula. Sie ist eine ausgezeichnete Fährtenleserin und Jägerin – Fähigkeiten, die sie als Kind von ihrem Vater gelernt hat, als sie in einer Blockhütte mitten im Moor lebten. Für Helena war ihr Vater immer ein Held – bis sie vor fünfzehn Jahren erfahren musste, dass er in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hatte. Helena hatte daraufhin für seine Festnahme gesorgt, und seit Jahren sitzt er nun im Hochsicherheitsgefängnis. Doch als Helena eines Tages in den Nachrichten hört, dass ein Gefangener von dort entkommen ist, weiß sie sofort, dass es ihr Vater ist und dass er sich im Moor versteckt. Nur Helena hat die Fähigkeiten, ihn aufzuspüren. Es wird eine brutale Jagd, denn er hat noch eine Rechnung mit ihr offen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 495




Buch

Helena Pelletier lebt in Michigan auf der dünn besiedelten Upper Peninsula. Sie ist eine ausgezeichnete Fährtenleserin und Jägerin – die Fähigkeiten hierzu hat sie von ihrem Vater Jacob gelernt, als sie in einer Blockhütte mitten im Moor lebten. Für Helena war ihr Vater immer ein Held – bis sie vor fünfzehn Jahren erfahren musste, dass er in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hatte. Zwei Jahre später wurde er von der Polizei gefasst und sitzt seitdem im Hochsicherheitsgefängnis. Doch als Helena eines Tages in den Nachrichten hört, dass ihr Vater von dort entkommen ist, weiß sie sofort, dass er sich im Moor versteckt. Nur Helena ist in der Lage, ihn aufzuspüren. Es wird eine brutale Jagd, denn er hat noch eine Rechnung mit ihr offen …

Karen Dionne hat bisher drei Kriminalromane veröffentlicht. Mit »Die Moortochter« hat sie einen ganz besonderen Psychothriller geschrieben. Ihr Hobby ist die Naturfotografie. Sie lebt mit ihrem Mann in einem Vorort von Detroit, wo sie an ihrem nächsten Psychothriller schreibt.

KAREN DIONNE

PSYCHOTHRILLER

Deutsch von

Andreas Jäger

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

»The Marsh King’s Daughter« bei G.P. Putnam’s Sons, New York.

Der Abdruck der Zitate aus den Gedichten von Robert Frost erfolgt mit

freundlicher Genehmigung des C. H. Beck Verlags: Robert Frost,

Promises to keep. Poems/Gedichte, in der Übersetzung von Lars Vollert,

C. H. Beck, 9. Aufl. 2016, S. 69, 109 und 117.

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ermitteln. Eventuelle Rechteinhaber wenden sich bitte an den Verlag.

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Copyright © der Originalausgabe 2017 by Karen Dionne

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: Design by Hannah Wood © LBBG | Images

from Arcangel and Trevillion’

Redaktion: Eva Wagner

BH · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20846-2V003

www.goldmann-verlag.de

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Für Roger – für alles

»Selbst fruchtbar sein heißt sich selber zerstören, denn mit dem Entstehen der folgenden Generation hat die vorausgehende ihren Höhepunkt überschritten; so werden unsere Nachkommen unsere gefährlichsten Feinde, mit denen wir nicht fertigwerden, denn sie werden überleben und darum unfehlbar uns die Macht aus den entkräfteten Händen nehmen.«

C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido

Von seinem Nest hoch oben auf dem Dach der Wikingerburg konnte der Storch einen kleinen See erblicken, und dicht beim Schilf und dem grünen Ufer lag der Stamm einer Erle. Darauf setzten sich drei Schwäne, schlugen mit den Flügeln und schauten sich um.

Einer davon warf sein Schwanengefieder ab, und der Storch erkannte in ihr eine ägyptische Prinzessin. Sie saß da und hatte keinen anderen Mantel um als ihr langes, schwarzes Haar. Er hörte, wie sie die beiden anderen bat, gut auf das Gefieder achtzugeben, wenn sie unter Wasser tauchte, um die Blumen zu pflücken, die sie zu sehen meinte.

Sie nickten und flogen auf, hoben das lose Federkleid hoch und flogen mit ihrem Schwanengefieder davon. »Tauche nur!«, riefen sie, »nie mehr sollst du im Schwanenkleide fliegen, nie sollst du Ägypten wiedersehen! Hier im Moor wirst du bleiben!« Und dann rissen sie ihr Federkleid in hundert Fetzen, sodass die Federn überall herumflogen wie Schneegestöber, und die beiden bösen Prinzessinnen flogen davon.

Die Prinzessin weinte und jammerte laut, die Tränen rollten auf den Erlenstamm hinunter, und da bewegte dieser sich, denn es war der Moorkönig selber, der im sumpfigen Grunde lebt und herrscht. Der Stamm drehte sich um, und dann war es kein Baum mehr, lange, klamme Äste reckten sich empor wie Arme. Da erschrak das arme Kind fürchterlich und rannte davon, über den grünen, schleimigen Boden, doch sie sank sofort ein, und der Erlenstamm ging mit ihr in die Tiefe. Große schwarze Blasen stiegen aus dem Schlick, und die Prinzessin verschwand spurlos.

Hans Christian Andersen, Die Tochter des Moorkönigs

Helena

Wenn ich Ihnen den Namen meiner Mutter sagte, würden Sie ihn sofort wiedererkennen. Meine Mutter war berühmt, auch wenn sie das nie gewollt hat. Ihre Bekanntheit war von der Sorte, die niemand sich wünschen kann: Jaycee Dugard, Amanda Berry, Elizabeth Smart, Fälle wie diese. Meine Mutter war aber keine von den dreien.

Sie würden den Namen meiner Mutter wiedererkennen, wenn Sie ihn hörten, und dann würden Sie ein wenig grübeln – nicht lange, denn die Zeiten, als die Leute sich für meine Mutter interessierten, gehören längst der Vergangenheit an, wie sie selbst auch –, und Sie würden sich fragen, wo sie jetzt ist. Und hatte sie nicht eine Tochter bekommen in der Zeit, als sie verschollen war? Und was ist eigentlich aus dem kleinen Mädchen geworden?

Ich könnte Ihnen erzählen, dass ich zwölf war und meine Mutter achtundzwanzig, als wir aus der Gewalt ihres Entführers gerettet wurden; dass ich diese Jahre in einer, wie die Zeitungen damals schrieben, »baufälligen Blockhütte« mitten im Moor im Inneren der Upper Peninsula von Michigan verbracht habe. Dass ich dort zwar lesen lernte, dank eines Stapels National-Geographic-Zeitschriften aus den 1950er Jahren und einer vergilbten Ausgabe der gesammelten Gedichte von Robert Frost, aber nie zur Schule ging und nie Fahrrad fuhr, weder Strom noch fließendes Wasser kannte. Dass die einzigen Menschen, mit denen ich in diesen zwölf Jahren sprach, meine Mutter und mein Vater waren. Dass ich nicht wusste, dass wir Gefangene waren, bis wir es dann nicht mehr waren.

Ich könnte Ihnen erzählen, dass meine Mutter vor zwei Jahren gestorben ist und dass Sie es vermutlich nicht mitbekommen haben, obwohl die Medien darüber berichteten, denn sie starb zu einer Zeit, als andere, wichtigere Themen die Nachrichten beherrschten. Ich kann Ihnen sagen, was nicht in den Zeitungen stand: Sie ist nie über die Jahre ihrer Gefangenschaft hinweggekommen; sie war keine attraktive, redegewandte, mutige Verfechterin ihrer Sache; es gab keine Buchverträge für das scheue, schattenhafte Wrack, das meine Mutter war, kein Foto auf dem Cover der TIME. Meine Mutter schreckte vor der öffentlichen Aufmerksamkeit zurück, so wie die Blätter des Pfeilkrauts sich einrollen, wenn der Frost sie erwischt hat.

Aber ich werde Ihnen den Namen meiner Mutter nicht sagen. Denn dies ist nicht ihre Geschichte. Es ist meine.

1

»Warte hier«, sage ich zu meiner dreijährigen Tochter. Ich beuge mich zum offenen Fenster des Pick-ups hinein, um den Plastik-Trinklernbecher mit lauwarmem Orangensaft, den sie in einem Frustanfall von sich geschleudert hat, aus der Lücke zwischen dem Kindersitz und der Beifahrertür zu fischen. »Mommy ist gleich wieder da.«

Mari greift nach dem Becher wie ein Pawlow’sches Hündchen. Sie schiebt die Unterlippe vor, und die Tränen fließen. Ich habe verstanden: Sie ist müde. Das bin ich auch.

»Äh, äh, äh«, ächzt Mari, als ich losgehen will. Sie biegt den Rücken durch und zerrt am Sicherheitsgurt, als wäre es eine Zwangsjacke.

»Schön sitzen bleiben, ich bin gleich zurück.« Ich kneife die Augen zusammen und drohe mit dem Finger, um ihr klarzumachen, dass ich es ernst meine. Dann gehe ich zum Heck des Pick-ups und winke dabei dem jungen Burschen zu, der am Lieferanteneingang von Markham’s Kisten auf der Laderampe stapelt – Jason, so heißt er, glaube ich. Ich öffne die Heckklappe und nehme die ersten zwei von meinen eigenen Kisten heraus.

»Hi, Mrs Pelletier!« Jason erwidert mein Winken mit doppeltem Eifer, und ich hebe noch einmal die Hand, sodass wir quitt sind. Ich habe es aufgegeben, ihm immer wieder zu sagen, dass er mich Helena nennen soll.

Bäng-bäng-bäng tönt es aus der Fahrerkabine. Mari haut mit ihrem Saftbecher auf die Fensterkante. Ich vermute mal, dass er leer ist, und antworte, indem ich selbst dreimal mit der flachen Hand auf die Ladefläche schlage – bäng, bäng, bäng. Mari erschrickt und dreht sich um, ihre babyfeinen Haare fallen ihr dabei ins Gesicht wie Maisseide. Ich setze meinen strengsten Blick auf – Lass das, ich warne dich! – und hebe die Kartons auf die Schulter. Stephen und ich haben beide braunes Haar und braune Augen, wie auch unsere fünfjährige Iris, deshalb wunderte er sich über diesen außergewöhnlichen Goldschopf, den wir hervorgebracht haben, bis ich ihm erklärte, dass meine Mutter blond war. Das ist alles, was er weiß.

Markham’s ist die vorletzte meiner vier Lieferungen und die Hauptverkaufsstelle für meine Marmeladen und Gelees, abgesehen von den Onlinebestellungen. Den Touristen, die in Markham’s Lebensmittelladen einkaufen, gefällt die Vorstellung, dass meine Produkte regional erzeugt sind. Ich habe gehört, dass viele Kunden gleich mehrere Gläser kaufen, um sie als Geschenke oder Souvenirs mit nach Hause zu nehmen. Ich binde Deckchen aus kariertem Baumwollstoff mit Küchengarn über die Deckel, in verschiedenen Farben je nach Inhalt: Rot für Himbeermarmelade, Lila für Holunder, Blau für Heidelbeere, Grün für Rohrkolben-Heidelbeer-Gelee, Gelb für Löwenzahn, Rosa für Holzapfel-Traubenkirsche und so weiter. Eigentlich finde ich, dass die Deckchen albern aussehen, aber die Leute mögen sie offenbar. Und wenn ich mich in einer wirtschaftlich so schwachen Region wie der Upper Peninsula über Wasser halten will, muss ich den Leuten geben, was sie verlangen. Man muss kein Genie sein, um das zu begreifen.

Es gibt jede Menge wildwachsende Nahrungspflanzen, die ich benutzen könnte, und jede Menge Arten, sie zuzubereiten, aber fürs Erste bleibe ich bei Marmeladen und Gelees. Jedes Geschäft muss einen Schwerpunkt haben. Mein Markenzeichen ist die Zeichnung eines Rohrkolbens, die ich auf jedes Etikett drucke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Einzige bin, die gemahlene Rohrkolbenwurzeln mit Heidelbeeren mischt, um daraus ein Gelee zu machen. Ich nehme nicht viel davon, nur eben genug, um die Verwendung von »Rohrkolben« im Namen zu rechtfertigen. Als ich klein war, waren junge Rohrkolbentriebe mein Lieblingsgemüse. Das sind sie übrigens immer noch. Jedes Frühjahr werfe ich meine Wathose und einen Weidenkorb in meinen Pick-up und mache mich auf den Weg ins Moor südlich von unserem Haus. Stephen und die Mädchen rühren das Rohrkolbengemüse nicht an, aber er hat nichts dagegen, dass ich welches koche, solange ich nur so viel mache, wie ich selbst esse. Man kocht die Spitzen ein paar Minuten in Salzwasser, und schon hat man eines der feinsten Gemüse, die man sich vorstellen kann. Die Konsistenz ist ein bisschen trocken und mehlig, deshalb esse ich es heutzutage mit Butter, aber als Kind wusste ich natürlich nicht, wie Butter überhaupt schmeckt.

Die Heidelbeeren pflücke ich auf den abgeholzten Flächen südlich von unserem Haus. In manchen Jahren ist die Heidelbeerernte besser als in anderen. Heidelbeeren brauchen viel Sonne. Die Indianer haben früher das Unterholz in Brand gesetzt, um den Ertrag zu steigern, und ich gebe zu, dass ich auch mit dem Gedanken gespielt habe. Ich bin nicht die Einzige, die in der Heidelbeersaison in den Ebenen unterwegs ist, und so sind die Sträucher in der Nähe der alten Forstwege immer recht schnell abgeerntet. Aber ich habe kein Problem damit, die ausgetretenen Wege zu verlassen, und ich verirre mich niemals. Einmal war ich so tief ins unwegsame Gelände vorgedrungen, dass die Besatzung eines Hubschraubers von der Naturschutzbehörde mich bemerkte und zu mir herunterrief. Aber nachdem ich die Officers davon überzeugt hatte, dass ich wusste, wo ich war und was ich tat, ließen sie mich in Ruhe.

»Na, ist das heute heiß genug für Ihren Geschmack?«, fragt Jason, während er sich herabbeugt und mir die erste Kiste von der Schulter nimmt.

Ich quittiere seine Bemerkung mit einem Schnauben. Es gab eine Zeit, da hätte ich nicht gewusst, wie ich eine solche Frage beantworten sollte. Meine Meinung zum Wetter würde nichts daran ändern, warum also sollte es irgendjemanden interessieren, was ich darüber dachte? Heute weiß ich, dass ich gar nicht antworten muss, weil es ein Beispiel für das ist, was Stephen »Smalltalk« nennt – Unterhaltung um der Unterhaltung willen, ein Lückenfüller, der gar nichts von Bedeutung oder Wert kommunizieren soll. Eine Unterhaltung, wie man sie mit Menschen führt, die man nicht gut kennt. Ich frage mich noch immer, was daran besser sein soll als Schweigen.

Jason lacht, als ob ich ihm den besten Witz erzählt hätte, den er seit Langem gehört hat – auch das eine angemessene Reaktion, wie Stephen mir versichert, dabei habe ich doch gar nichts Witziges gesagt. Nach meiner Zeit im Moor hatte ich anfangs meine liebe Mühe mit den gesellschaftlichen Konventionen. Hände schütteln, wenn man jemanden kennenlernt. Nicht in der Nase bohren. Sich am Ende der Schlange anstellen. Warten, bis man an der Reihe ist. Die Hand heben, wenn man im Unterricht eine Frage hat, und dann warten, bis die Lehrerin einen aufruft, ehe man die Frage stellt. Nicht in Gegenwart von anderen rülpsen oder pupsen. Zuerst um Erlaubnis fragen, wenn man bei Leuten zu Gast ist und die Toilette benutzen möchte. Und hinterher nicht vergessen, zu spülen und sich die Hände zu waschen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich das Gefühl hatte, dass alle genau wüssten, wie man es richtig macht, nur ich nicht. Wer macht überhaupt diese Regeln? Und warum muss ich mich daran halten? Und was sind die Konsequenzen, wenn ich es nicht tue?

Ich lasse die zweite Kiste neben der ersten stehen und gehe zurück zum Pick-up, um die dritte zu holen. Drei Kisten mit je vierundzwanzig Gläsern, zweiundsiebzig Gläser insgesamt, ausgeliefert alle zwei Wochen in den Monaten Juni, Juli und August. Mit jeder Kiste mache ich 59,88 Dollar Gewinn, was bedeutet, dass ich allein mit Markham’s im Lauf eines Sommers über tausend Dollar verdiene. Gar nicht so übel.

Und was Mari betrifft – mir ist schon klar, was die Leute denken würden, wenn sie wüssten, dass ich sie allein im Wagen zurücklasse, während ich meine Waren ausliefere. Zumal mit heruntergelassenen Scheiben. Aber ich denke nicht daran, die Fenster geschlossen zu lassen. Ich habe unter einer Kiefer geparkt, und von der Bucht her weht eine Brise, aber wir hatten den ganzen Tag über Temperaturen um die dreißig Grad, und ich weiß, wie schnell ein geschlossenes Auto sich in einen Backofen verwandeln kann.

Mir ist auch klar, dass jemand ganz leicht durch das offene Fenster greifen und sich Mari schnappen könnte, um sie zu entführen. Aber ich habe schon vor Jahren beschlossen, meine Töchter nicht in der Angst aufwachsen zu lassen, dass ihnen das Gleiche zustoßen könnte wie meiner Mutter.

Noch ein letztes Wort zu diesem Thema, dann bin ich fertig. Ich versichere Ihnen, wenn jemand ein Problem damit hat, wie ich meine Töchter erziehe, dann hat er oder sie garantiert nie auf der Upper Peninsula von Michigan gelebt. Das ist alles.

Als ich zum Pick-up zurückkomme, ist meine kleine Entfesselungskünstlerin nirgends zu sehen. Ich trete ans Beifahrerfenster und spähe hinein. Mari hockt auf dem Boden und kaut auf einem Bonbonpapierchen herum, das sie unter dem Sitz gefunden hat, als ob es ein Kaugummi wäre. Ich öffne die Tür, pfriemele ihr das Papierchen aus dem Mund und stecke es in meine Tasche. Dann trockne ich mir die Finger an meiner Jeans ab und verfrachte Mari in ihren Kindersitz. Ein Schmetterling flattert zum Fenster herein und landet auf einem klebrigen Fleck am Armaturenbrett. Mari klatscht in die Hände und lacht. Ich grinse. Es ist unmöglich, sich davon nicht anstecken zu lassen. Maris Lachen ist eine Wonne – ein fröhliches, vollkommen unbefangenes Glucksen, von dem ich nie genug bekommen kann. Wie in diesen Filmchen, die die Leute auf YouTube posten, von Babys, die sich nicht mehr einkriegen vor Lachen über ganz banale Dinge wie einen herumhüpfenden Hund oder einen Menschen, der Papier in Streifen reißt – so ist Maris Lachen. Mari ist sprudelndes Wasser, goldener Sonnenschein, das Schnattern der Brautenten am Himmel.

Ich scheuche den Schmetterling zum Fenster hinaus und lasse den Motor an. Der Schulbus lässt Iris um 16.45 Uhr an unserem Haus aussteigen. Normalerweise passt Stephen während meiner Lieferfahrten auf die Mädchen auf, aber er kommt heute erst spätabends zurück, weil er dem Galeriebesitzer im Soo, der seine Fotos verkauft, eine neue Serie von Leuchtturmaufnahmen präsentiert. Sault Ste. Marie, ausgesprochen »Soo« und nicht »Salt«, wie man es oft von Leuten hört, die keine Ahnung haben, ist die zweitgrößte Stadt der Upper Peninsula. Aber das will nicht viel heißen. Die gleichnamige Schwesterstadt auf der kanadischen Seite ist viel größer. Die Einheimischen an beiden Ufern des St. Marys River nennen ihre Stadt »The Soo«. Aus der ganzen Welt kommen Leute her, um die Soo Locks zu besuchen und zu sehen, wie die riesigen Eisenerzfrachter die Schleusen passieren. Ein richtiger Touristenmagnet ist das.

Ich liefere die letzte Kiste mit verschiedenen Marmeladen im Souvenirshop des Gitche Gumee Agate and History Museum ab, dann fahre ich zum See und parke dort. Sobald Mari das Wasser erblickt, beginnt sie mit den Armen zu flattern. »Wa-wa, wa-wa.« Ich weiß, in ihrem Alter sollte sie eigentlich schon in ganzen Sätzen sprechen. Im letzten Jahr waren wir jeden Monat mit ihr bei einem Spezialisten für frühkindliche Entwicklung in Marquette, aber mehr bringt sie bis heute nicht zustande.

Die nächste Stunde verbringen wir am Strand. Mari sitzt neben mir auf dem warmen Kies und kaut auf einem Stück Treibholz herum, das ich für sie im Wasser abgewaschen habe, um die Beschwerden zu lindern, die ihr ein durchbrechender Backenzahn bereitet. Es ist heiß und windstill, der See ist ruhig, das Plätschern der Wellen sanft wie das Wasser in einer Badewanne. Nach einer Weile ziehen wir unsere Sandalen aus, waten ins Wasser und spritzen einander nass, um uns abzukühlen. Der Lake Superior ist der größte und tiefste der Großen Seen, deswegen wird das Wasser nie warm. Aber wer würde das schon wollen, an einem Tag wie diesem?

Ich lehne mich zurück auf die Ellbogen. Die Felsen sind warm. Bei der Hitze heute kann man sich kaum vorstellen, dass wir noch vor ein paar Wochen Schlafsäcke und Jacken gebraucht haben, als Stephen und ich mit den Mädchen genau zu dieser Stelle gefahren sind, um den Meteorstrom der Perseiden zu beobachten. Stephen fand, dass ich übertreibe, als ich die Sachen in den Kofferraum des Cherokee gepackt habe, aber er hatte natürlich keine Ahnung, wie kalt es am Strand wird, sobald die Sonne untergegangen ist. Wir haben uns zu viert in einen Doppelschlafsack gequetscht, und dann haben wir auf dem Rücken im Sand gelegen und in den Himmel geschaut. Iris hat dreiundzwanzig Sternschnuppen gezählt und sich bei jeder etwas gewünscht, während Mari fast das ganze Spektakel verschlafen hat. In ein paar Wochen kommen wir wieder her, um nach Polarlichtern Ausschau zu halten.

Ich setze mich auf und sehe auf meine Uhr. Pünktlich zu sein fällt mir immer noch schwer. Wenn man wie ich auf dem Land aufwächst, bestimmt das Land, was man tut und wann man es tut. Wir hatten nie eine Uhr. Wozu auch? Wir waren so im Einklang mit unserer Umgebung wie die Vögel, Insekten und anderen Tiere, den gleichen natürlichen Rhythmen unterworfen. Meine Erinnerungen sind an die Jahreszeiten geknüpft. Ich kann mich nicht immer erinnern, wie alt ich war, als ein bestimmtes Ereignis stattfand, aber ich weiß genau, zu welcher Jahreszeit es passierte.

Mir ist jetzt klar, dass für die meisten Menschen das Kalenderjahr am 1. Januar beginnt. Aber der Januar im Moor unterschied sich in nichts vom Dezember oder Februar oder März. Unser Jahr begann im Frühling, mit dem ersten Tag, an dem die Sumpfdotterblumen blühten. Sumpfdotterblumen sind große, buschige Pflanzen mit einem Durchmesser von einem halben Meter oder mehr, besetzt mit Hunderten von leuchtend gelben Blüten, jede zwei bis drei Zentimeter im Durchmesser. Auch andere Pflanzen blühen im Frühling, wie die Schillernde Schwertlilie oder die verschiedenen Gräser, aber die Sumpfdotterblumen vermehren sich so üppig, dass nichts an diesen eindrucksvollen goldgelben Blütenteppich heranreicht. Jedes Jahr im Frühling zog mein Vater seine Wathose an und ging hinaus ins Moor, um eine auszugraben. Er setzte sie in eine alte verzinkte Wanne, die halb mit Wasser gefüllt war, und dort leuchtete sie dann, als ob er uns die Sonne nach Hause gebracht hätte.

Ich habe mir immer gewünscht, mein Name wäre Marigold, wie bei uns die Sumpfdotterblumen heißen. Aber jetzt muss ich mit »Helena« leben, betont auf der zweiten Silbe, wie ich immer wieder erklären muss. Wie so vieles war auch das die Entscheidung meines Vaters.

Ein Blick in den Spätnachmittagshimmel sagt mir, dass es Zeit ist, aufzubrechen. Ich sehe auf meine Armbanduhr und stelle zu meinem Entsetzen fest, dass meine innere Uhr nicht mit der tatsächlich verstrichenen Zeit Schritt gehalten hat. Ich hebe Mari hoch, schnappe mir unsere Sandalen und renne zum Pick-up zurück. Mari schreit, als ich sie festschnalle. Ich kann sie gut verstehen – ich wäre auch gerne noch länger geblieben. Rasch laufe ich um den Wagen herum, schwinge mich hinters Steuer und drehe den Zündschlüssel um. Die Uhr am Armaturenbrett steht auf 16:37. Ich könnte es noch schaffen. Gerade so.

Ich manövriere den Wagen aus dem Parkplatz heraus und fahre so schnell, wie ich es eben wage, auf der M-77 in Richtung Süden. In dieser Gegend sind nicht viele Polizeiautos unterwegs, aber für die Beamten, die auf dieser Strecke Streife fahren, gibt es nicht viel zu tun außer Strafzettel an Temposünder zu verteilen. Mir ist die Ironie meiner Situation durchaus bewusst. Ich fahre zu schnell, weil ich spät dran bin. Wenn sie mich wegen Geschwindigkeitsüberschreitung anhalten, werde ich noch später ankommen.

Mari steigert sich während der Fahrt in einen ausgewachsenen Wutanfall hinein. Sie strampelt mit den Füßen, dass der Sand nur so durch die Gegend fliegt, der Trinkbecher knallt gegen die Windschutzscheibe, der Rotz rinnt ihr aus der Nase. Miss Marigold Pelletier ist ganz eindeutig not amused. Und ich bin es in diesem Moment auch nicht.

Ich schalte das Radio ein und wähle den öffentlichen Sender der Northern Michigan University in Marquette in der Hoffnung, dass die Musik sie ablenkt – oder wenigstens übertönt. Ich bin kein Fan von Klassik, aber dieser Sender ist der einzige, den ich klar reinbekomme.

Doch statt der Musik höre ich eine Warnmeldung: – Häftling entflohen … Kindesentführer … Marquette …

»Sei mal still«, rufe ich und drehe den Ton lauter. Seney-Wildreservat … bewaffnet und gefährlich … nicht nähern. Das ist alles, was ich im ersten Moment mitbekomme.

Ich muss das hören. Das Reservatist keine dreißig Meilen von unserem Haus entfernt. »Mari, hör auf!«

Mari blinzelt und verstummt. Der Sprecher wiederholt:

»Noch einmal der Hinweis: Die Polizei des Staates Michigan meldet, dass ein Gefangener, der eine lebenslange Haftstrafe wegen Kindesentführung, Vergewaltigung und Mordes verbüßt, aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Marquette entkommen ist. Es wird vermutet, dass der Mann während einer Verlegungsfahrt zwei Aufseher getötet und sich in das Seney-Wildreservat südlich der M-28 geflüchtet hat. Gehen Sie bitte davon aus, dass er bewaffnet und gefährlich ist. Es wird dringend davor gewarnt, sich dem Flüchtigen zu nähern. Ich wiederhole: Kommen Sie dem Flüchtigen keinesfalls zu nahe. Wenn Sie irgendetwas Verdächtiges bemerken, rufen Sie bitte sofort die Polizei an. Der Entflohene, Jacob Holbrook, war in einem aufsehenerregenden Prozess, der landesweit Schlagzeilen machte, für schuldig befunden worden, ein junges Mädchen entführt und vierzehn Jahre lang gefangen gehalten zu haben …«

Mir bleibt das Herz stehen. Ich kann nichts mehr sehen, bekomme keine Luft, höre nur noch das Rauschen des Bluts in meinen Ohren. Ich nehme den Fuß vom Gas und lasse den Wagen vorsichtig auf dem Randstreifen ausrollen. Meine Hand zittert, als ich sie ausstrecke, um das Radio auszuschalten.

Jacob Holbrook ist aus dem Gefängnis ausgebrochen. Der Moorkönig. Mein Vater.

Und ich war es, die ihn damals hinter Gitter gebracht hat.

2

Der Schotter spritzt unter den Reifen weg, als ich wieder anfahre. Angesichts der Geschehnisse dreißig Meilen weiter südlich bezweifle ich, dass auf diesem Abschnitt des Highways irgendwelche Polizeistreifen unterwegs sind, und selbst wenn es so wäre – die Gefahr, wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten zu werden, ist im Moment meine geringste Sorge. Ich muss so schnell wie möglich nach Hause, ich muss meine beiden Töchter im Auge haben, muss wissen, dass sie bei mir und in Sicherheit sind. Laut der Warnmeldung müsste mein Vater sich von meinem Haus weg in Richtung des Wildreservats bewegen. Aber ich weiß, dass er das nicht tut. Der Jacob Holbrook, den ich kenne, würde nie etwas so Naheliegendes tun. Ich wette jede beliebige Summe, dass der Suchtrupp nach ein paar Meilen seine Spur verlieren wird, wenn er sie nicht schon verloren hat. Mein Vater bewegt sich im Moor wie ein Geist, wie ein schamanischer Spiritwalker. Wenn der Suchtrupp eine Fährte von ihm findet, dann nur, weil mein Vater will, dass sie ihr folgen. Wenn er will, dass sie ihn im Wildreservat vermuten, dann werden sie ihn im Moor nicht finden.

Ich umklammere das Lenkrad. Vor meinem inneren Auge sehe ich meinen Vater zwischen den Bäumen lauern, als Iris aus dem Bus aussteigt und unsere Zufahrt hinaufgeht, und ich gebe noch mehr Gas. Ich sehe ihn aus seinem Versteck springen und sie schnappen, in dem Moment, als der Bus wieder losfährt, so wie er immer aus dem Gebüsch platzte, um mich zu erschrecken, wenn ich aus dem Häuschen kam. Doch meine Angst um Iris ist nicht begründet. Laut der Warnmeldung ist mein Vater zwischen vier und Viertel nach vier entflohen, und jetzt ist es Viertel vor fünf – er kann unmöglich in einer halben Stunde dreißig Meilen zu Fuß zurückgelegt haben. Doch das macht meine Angst nicht weniger real.

Mein Vater und ich haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Höchstwahrscheinlich weiß er nicht, dass ich meinen Nachnamen geändert habe, als ich achtzehn wurde, weil ich es gründlich satt hatte, nur für die Umstände bekannt zu sein, unter denen ich aufgewachsen war. Und er weiß wohl auch nicht, dass seine Eltern, als sie vor acht Jahren starben, mir dieses Anwesen vermacht haben. Oder dass ich den Großteil des Erbes darauf verwendet habe, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, abreißen zu lassen und stattdessen das Doppel-Mobilheim daraufzustellen. Oder dass ich jetzt mit meinem Mann und zwei kleinen Töchtern hier wohne. Mit den Enkelinnen meines Vaters.

Aber vielleicht weiß er es doch. Nach dem heutigen Tag ist alles möglich. Denn heute ist mein Vater aus dem Gefängnis entkommen.

Ich bin eine Minute zu spät. Ganz bestimmt nicht mehr als zwei. Mit der immer noch kreischenden Mari hänge ich hinter Iris’ Schulbus fest. Mari hat sich derart in ihren Schreianfall hineingesteigert, dass sie wahrscheinlich längst vergessen hat, was der Auslöser war. Ich kann den Bus nicht überholen, um in unsere Auffahrt einzubiegen, weil er das Stoppschild ausgeklappt hat und die roten Lichter blinken. Da ist es egal, dass außer meinem weit und breit kein Auto zu sehen ist und dass es meine Tochter ist, die der Fahrer hier absetzt. Als ob ich aus Versehen mein eigenes Kind überfahren könnte.

Iris steigt aus dem Bus. Die Art, wie sie den Kopf hängen lässt, als sie sich unsere leere Auffahrt hinaufschleppt, verrät mir, dass sie glaubt, ich hätte wieder einmal vergessen, rechtzeitig für sie zurück zu sein. »Schau mal, Mari.« Ich zeige es ihr. »Da ist unser Haus. Und da ist Sissy. Schsch. Wir sind fast da.«

Mari folgt der Richtung, in die mein Finger weist, und als sie ihre Schwester erblickt, ist sie schlagartig still. Sie hickst, dann lächelt sie. »Iris!« Nicht »I-I« oder »Isis« oder »Sissy«, oder auch nur »I-wis«, sondern »Iris« – ganz klar und deutlich. Das soll noch einer verstehen.

Endlich findet der Fahrer, dass Iris weit genug von der Straße weg ist. Er schaltet die Warnblinkanlage aus, und die Tür schließt sich zischend. Sobald der Bus sich in Bewegung setzt, gebe ich Gas und biege mit Schwung in unsere Auffahrt ein. Iris’ Schultern straffen sich. Sie strahlt und winkt mir zu. Mommy ist zu Hause, und ihre Welt ist wieder im Lot. Ich wünschte, ich könnte das Gleiche von mir behaupten.

Ich stelle den Motor ab und gehe um den Wagen herum zur Beifahrerseite, um Mari die Sandalen anzuziehen. Kaum haben ihre Füße den Boden berührt, da rennt sie auch schon los, quer über den Hof.

»Mommy!« Iris kommt auf mich zugelaufen und schlingt die Arme um meine Beine. »Ich hab gedacht, du bist nicht da.« Sie sagt es nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung. Es ist nicht das erste Mal, dass ich meine Tochter im Stich gelassen habe. Ich wünschte, ich könnte ihr versprechen, dass es das letzte Mal war.

»Es ist alles gut.« Ich drücke ihre Schulter und tätschele ihr den Kopf. Stephen sagt mir immer, dass ich unsere Töchter öfter in den Arm nehmen soll, aber Körperkontakt ist schwierig für mich. Die Psychiaterin, die mir nach unserer Rettung aus dem Moor vom Gericht zugewiesen wurde, meinte, ich hätte Probleme damit, Menschen zu vertrauen, und sie machte entsprechende Übungen mit mir, bei denen ich zum Beispiel die Augen schließen, die Arme vor der Brust verschränken und mich nach hinten fallen lassen musste, mit ihrem Versprechen, mich aufzufangen, als einziger Sicherheit. Als ich mich ihren Anordnungen widersetzte, nannte sie mich aggressiv. Aber ich hatte keine Probleme mit dem Vertrauen. Ich fand ihre Übungen einfach nur albern.

Iris lässt mich los und läuft ihrer Schwester hinterher ins Haus. Die Haustür ist nicht verschlossen. Das ist sie nie. Die Downstaters aus dem Süden, denen die großen Sommerhäuser an der Steilküste mit Blick über die Bucht gehören, verriegeln und verrammeln immer alle Türen und Fenster, aber wir Einheimischen machen uns nie die Mühe. Wenn ein Dieb die Wahl hätte zwischen einer unbewohnten, freistehenden Villa, voll mit teurer Elektronik, und einem Doppel-Mobilheim, das in Sichtweite des Highways steht, ist doch wohl klar, wofür er sich entscheiden würde.

Aber jetzt schließe ich die Tür ab und gehe ums Haus herum, um mich zu vergewissern, dass Rambo genug Futter und Wasser hat. Rambo läuft an der Leine entlang, die wir für ihn zwischen zwei Banks-Kiefern gespannt haben, und wedelt mit dem Schwanz, als er mich sieht. Er bellt nicht, weil ich ihm das abtrainiert habe. Rambo ist ein Plotthound, mit schwarz-braun gestromtem Fell, Schlappohren und einem Schwanz wie eine Peitsche. Früher habe ich Rambo jeden Herbst zusammen mit ein paar anderen Jägern und deren Hunden auf die Bärenjagd mitgenommen, aber vor zwei Wintern musste ich ihn aus dem Verkehr ziehen, nachdem ein Bär sich auf unser Grundstück verirrt hatte und Rambo sich einbildete, es alleine mit ihm aufnehmen zu können. Ein Zwanzig-Kilo-Hund und ein Fünf-Zentner-Bär, das ist ein ziemlich ungleicher Kampf, ganz egal, was der Hund denkt. Den meisten Leuten fällt gar nicht gleich auf, dass Rambo nur drei Beine hat, aber mit seiner fünfundzwanzigprozentigen Behinderung werde ich ihn bestimmt nicht mehr in die Schlacht schicken. Nachdem er letzten Winter aus Langeweile angefangen hatte, Hirsche zu jagen, waren wir gezwungen, ihn anzuleinen. In dieser Gegend kann ein Hund, der im Ruf steht, Rotwild anzugreifen, ohne Vorwarnung erschossen werden.

»Haben wir Kekse da?«, ruft Iris aus der Küche. Sie wartet geduldig am Tisch, mit geradem Rücken und gefalteten Händen, während ihre Schwester Krümel vom Boden aufliest. Die Lehrerin muss Iris lieben – aber wehe, wenn sie erst mal Mari kennenlernt. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, wie zwei so völlig verschiedene Menschen von den gleichen Eltern abstammen können. Wenn Mari Feuer ist, ist Iris Wasser. Eine Mitläuferin, keine Anführerin; ein stilles, hochsensibles Kind, das lieber liest als draußen herumtollt, das seine imaginären Freunde genauso liebt wie ich früher meine und das sich die kleinste Rüge viel zu sehr zu Herzen nimmt. Ich ärgere mich so, dass ich ihr diesen Moment der Panik verursacht habe. Iris, die Großherzige, hat alles längst vergeben und vergessen, aber ich nicht. Ich vergesse nie.

Ich gehe in die Speisekammer und nehme eine Tüte Kekse aus dem obersten Fach. Zweifellos wird mein kleines plünderndes Wikingermädchen irgendwann versuchen, am Regal hochzuklettern, aber Iris, die Gehorsame, würde nie auf eine solche Idee kommen. Ich lege vier Kekse auf einen Teller, gieße zwei Gläser Milch ein und gehe dann erst einmal ins Bad. Dort drehe ich den Hahn auf und spritze mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Als ich meinen Gesichtsausdruck im Spiegel sehe, wird mir klar, dass ich mich zusammenreißen muss. Wenn Stephen nach Hause kommt, werde ich sofort alles gestehen. Aber bis dahin darf ich meine Mädchen nicht sehen lassen, dass irgendetwas nicht stimmt.

Nachdem die zwei ihre Milch getrunken und ihre Kekse gegessen haben, schicke ich sie auf ihr Zimmer, damit ich die Nachrichten verfolgen kann, ohne dass sie mithören. Mari ist noch zu klein, um die Bedeutung von Ausdrücken wie »Gefängnisausbruch«, »Fahndung« oder »bewaffnet und gefährlich« zu erfassen, aber Iris könnte schon etwas verstehen.

CNN zeigt eine lange Aufnahme eines Hubschraubers, der dicht über die Baumwipfel hinwegfliegt. Wir sind so nahe an dem Suchgebiet, dass ich praktisch auf die Veranda hinaustreten und denselben Hubschrauber am Himmel sehen könnte. Eine Warnung der State Police, die am unteren Bildrand durchläuft, ermahnt alle Anwohner, in ihren Häusern zu bleiben. Bilder der ermordeten Aufseher, Bilder des leeren Gefängnistransporters, Interviews mit den trauernden Angehörigen. Ein neueres Foto meines Vaters. Das Leben im Gefängnis hat es nicht gut mit ihm gemeint. Fotos meiner Mutter als Mädchen und als hohlwangige erwachsene Frau. Bilder von unserer Hütte. Bilder von mir als Zwölfjährige. Noch keine Erwähnung von Helena Pelletier, aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Ich höre Iris’ und Maris trippelnde Schritte auf dem Flur und stelle den Ton ab.

»Wir wollen draußen spielen«, verkündet Iris.

»’pielen«, echot Mari. »Raussen.«

Ich überlege. Es gibt keinen vernünftigen Grund, den Kindern Hausarrest zu verordnen. Ihr Spielplatz ist mit einem mannshohen Maschendrahtzaun umschlossen, und vom Küchenfenster aus habe ich die ganze Fläche im Blick. Stephen hat den Zaun nach dem Zwischenfall mit dem Bären errichten lassen. »Mädchen drinnen, Tiere draußen«, erklärte er befriedigt, als die Handwerker fertig waren, und klopfte sich die Hände am Hosenboden ab, als ob er selbst die Pfosten gesetzt hätte. Als ob es so einfach wäre, unsere Kinder vor Gefahren zu schützen.

»Okay«, sage ich. »Aber nur für ein paar Minuten.«

Ich öffne die Hintertür und lasse sie raus, dann nehme ich eine Packung Käsemakkaroni aus dem Küchenschrank und einen Kopfsalat und eine Gurke aus dem Kühlschrank. Stephen hat vor einer Stunde gesimst, dass es später wird und dass er unterwegs einen Happen essen wird, also gibt es fertige Käsemakkaroni für die Mädchen und einen Salat für mich. Ich koche wirklich nicht gerne. Man mag das seltsam finden angesichts der Tätigkeit, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdiene, aber man kann nun einmal nur mit dem arbeiten, was man hat. Heidelbeeren und Erdbeeren wuchsen auf unserer Anhöhe, und ich habe gelernt, wie man Gelee und Marmelade macht. Punkt, aus. Es gibt nicht viele Jobs, die Eisfischen oder Biberhäuten als Qualifikation voraussetzen. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass ich Kochen hasse, aber ich habe immer noch die sanfte Mahnung meines Vaters im Ohr: »Hass ist ein starkes Wort, Helena.«

Ich schütte die Nudeln aus der Packung in das kochende Salzwasser auf dem Herd und trete ans Fenster, um nach den Mädchen zu sehen. Beim Anblick der Unmengen von Barbies und My-Little-Pony-Figuren und Disney-Prinzessinnen, die im Hof herumliegen, wird mir ganz schlecht. Wie sollen Iris und Mari Eigenschaften wie Geduld und Selbstbeherrschung entwickeln, wenn Stephen ihnen alles gibt, was sie sich wünschen? Als ich klein war, hatte ich nicht einmal einen Ball. Ich habe mir meine Spielsachen selbst gebastelt. Schachtelhalme zu zerpflücken und die Teile wieder zusammenzusetzen war mindestens so lehrreich wie diese Spielzeuge für Babys, wo man verschieden geformte Klötzchen in die passenden Löcher stecken muss. Und wenn es junge Rohrkolben zum Essen gab, hatten wir hinterher immer einen Haufen Reste auf dem Teller, von denen meine Mutter sagte, dass sie wie Plastik-Stricknadeln aussähen. Aber in meinen Augen sahen sie aus wie Schwerter. Ich steckte sie in den Sand vor unserer Hintertür wie die Palisaden eines Forts, wo meine Kiefernzapfen-Krieger so manche heroische Schlacht schlugen.

Bevor ich durch das Raster der Boulevardpresse fiel, wurde ich oft von Leuten gefragt, was meine unglaublichste, verblüffendste oder überraschendste Entdeckung gewesen sei, nachdem ich mit der Zivilisation Bekanntschaft gemacht hatte. Als ob ihre Welt so viel besser wäre als meine. Oder überhaupt zivilisiert. Ich könnte einige triftige Gründe anführen gegen die Angemessenheit dieses Worts zur Beschreibung der Welt, die ich als Zwölfjährige kennenlernte: Krieg, Umweltverschmutzung, Gier, Verbrechen, verhungernde Kinder, Rassenhass, ethnische Unruhen – und das ist erst der Anfang. Ist es das Internet? (Ein Buch mit sieben Siegeln.) Fastfood? (Ein Geschmack, an den man sich schnell gewöhnt.) Flugzeuge? (Also bitte – ich hatte ein solides technisches Wissen auf dem Stand der späten Fünfzigerjahre, und glauben die Leute wirklich, dass nie Flugzeuge über unsere Hütte geflogen wären? Oder dass wir, wenn wir eines sahen, es für einen silbernen Riesenvogel gehalten hätten?) Raumfahrt? (Ich muss zugeben, dass ich damit immer noch meine Probleme habe. Dass schon zwölf Menschen auf dem Mond herumspaziert sein sollen, will mir einfach nicht in den Kopf, obwohl ich die Filmaufnahmen gesehen habe.)

Ich wollte immer den Spieß umdrehen und fragen: Kennen Sie den Unterschied zwischen Süßgräsern, Binsen und Simsen? Wissen Sie, welche Wildpflanzen man ohne Bedenken verzehren kann und wie man sie zubereitet? Können Sie einen Hirsch genau an der dunklen Stelle hinter der Schulter treffen, sodass er auf der Stelle zusammenbricht und Sie nicht den Rest des Tages damit zubringen müssen, seiner Fährte zu folgen? Können Sie eine Kaninchenfalle aufstellen? Können Sie das Kaninchen häuten und ausnehmen, nachdem Sie es gefangen haben? Können Sie es über einem offenen Feuer rösten, und zwar so, dass das Fleisch in der Mitte durch ist und außen schön schwarz und knusprig? Und können Sie überhaupt ohne Streichhölzer ein Feuer machen?

Aber ich lerne schnell. Ich habe nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass in den Augen der meisten Menschen meine Fertigkeiten keinen sehr hohen Stellenwert hatten. Und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ihre Welt einige ziemlich verblüffende technologische Wunder zu bieten hatte. Die modernen sanitären Einrichtungen stehen ganz oben auf der Liste. Noch heute halte ich gerne meine Hände unter das fließende Wasser, wenn ich abspüle oder ein Bad für die Kinder einlasse, allerdings achte ich darauf, es nur zu tun, wenn Stephen nicht in der Nähe ist. Es gibt nicht viele Männer, die es klaglos hinnehmen würden, dass ich bei meinen Sammelexpeditionen allein in der Wildnis übernachte, dass ich auf Bärenjagd gehe oder Rohrkolben esse. Ich will es nicht zu weit treiben.

Hier ist die ehrliche Antwort: Die erstaunlichste Entdeckung, die ich gemacht habe, nachdem meine Mutter und ich befreit worden waren, ist Elektrizität. Im Nachhinein ist es schwer zu begreifen, wie wir all die Jahre ohne Strom ausgekommen sind. Ich sehe die Leute munter ihre Tablets und Handys aufladen und Brot toasten und Popcorn in der Mikrowelle machen und fernsehen und bis spät in die Nacht E-Books lesen, und ein Teil von mir staunt immer noch darüber. Kein Mensch, der mit Elektrizität aufgewachsen ist, verschwendet auch nur einen Gedanken daran, wie er ohne sie zurechtkommen würde, bis auf die seltenen Fälle, wenn ein Gewitter die Stromversorgung kappt und man sich hektisch auf die Suche nach Taschenlampen und Kerzen macht.

Stellen Sie sich vor, wie es wäre, nie Strom zu haben. Keinerlei Elektrokleingeräte. Keinen Kühlschrank, weder Waschmaschine noch Trockner. Keine Elektrowerkzeuge. Wir standen auf, wenn es hell wurde, und gingen zu Bett, wenn es dunkel wurde. Sechzehnstundentage im Sommer, Achtstundentage im Winter. Mit Strom hätten wir Musik hören, uns mit Ventilatoren kühlen, die kältesten Ecken der Zimmer heizen und Wasser aus dem Moor pumpen können. Ich könnte leicht ohne Fernsehen und Computer leben. Ich würde sogar mein Handy aufgeben. Aber wenn es eines gibt, was ich vermissen würde, wenn ich wieder darauf verzichten müsste, dann wäre es zweifellos Elektrizität.

Vom Spielplatz kommt ein schriller Schrei. Ich recke den Hals. Nicht immer kann ich an der Tonhöhe des Kreischens meiner Töchter erkennen, ob der Anlass trivial oder wirklich ernst ist. Ernst wäre es, wenn eines der Mädchen oder beide literweise Blut verlören oder wenn ein Schwarzbär draußen am Zaun herumschnüffelte. Trivial ist es, wenn Iris mit den Händen wedelt und schreit, als ob sie Rattengift verschluckt hätte, während Mari in die Hände klatscht und lachend »Biene! Biene!« ruft. Noch ein Wort, das sie mühelos aussprechen kann.

Ich weiß, es ist schwer zu glauben, dass eine Frau, die unter extremsten Survival-Bedingungen in der Wildnis aufgewachsen ist, eine Tochter hervorgebracht hat, die sich vor Insekten fürchtet, aber so ist es nun mal. Ich habe es aufgegeben, Iris ins Feld mitnehmen zu wollen. Sie klagt doch die ganze Zeit nur über den Dreck und die Gerüche. Mit Mari habe ich da bis jetzt weit weniger Probleme. Eltern sollten nicht ein Kind dem anderen vorziehen, aber manchmal fällt es schwer, sich daran zu halten.

Ich bleibe am Fenster stehen, bis die Biene sich klugerweise in ruhigere Lufträume zurückzieht und die Mädchen sich beruhigen. Und ich stelle mir vor, wie ihr Großvater sie aus seinem Versteck hinter dem Waldsaum beobachtet. Ein Mädchen blond, das andere dunkelhaarig. Ich weiß, welches er wählen würde.

Ich öffne das Fenster und rufe die Mädchen herein.

3

Sobald der Tisch abgeräumt ist, bade ich Mari und Iris und stecke sie ihren Protesten zum Trotz ins Bett. Wir wissen alle, dass es noch zu früh ist. Zweifellos werden sie noch stundenlang kichern und reden, bevor sie einschlafen, aber das ist mir egal, solange sie nur im Bett bleiben und nicht zu mir ins Wohnzimmer kommen.

Ich bin gerade rechtzeitig für die Sechs-Uhr-Nachrichten zurück. Zwei Stunden sind vergangen, seit mein Vater entkommen ist, und noch ist er nicht gesichtet worden, was mich nicht wirklich überrascht. Ich glaube ja immer noch nicht, dass er überhaupt in der Nähe des Wildreservats ist. Das Terrain dort macht eine Suche schwierig, aber aus dem gleichen Grund ist es auch schwierig für denjenigen, der auf der Flucht ist. Andererseits tut mein Vater nie irgendetwas ohne eine bestimmte Absicht. Es hat seinen Grund, warum er sich diesen Ort für seine Flucht ausgesucht hat. Ich muss nur herausfinden, welcher es ist.

Bevor ich das Haus meiner Großeltern abreißen ließ, bin ich immer wieder durch die Zimmer gegangen auf der Suche nach Erkenntnissen über meinen Vater. Ich wollte wissen, wie ein Mensch vom Kind zum Kinderschänder wird. Die Gerichtsprotokolle liefern einige Details: Mein Großvater Holbrook war Ojibwe, seinen europäischen Namen bekam er, als er als Kind auf ein indianisches Internat geschickt wurde. Die Familie meiner Großmutter stammte aus Finnland; sie lebten im Nordwesten der Upper Peninsula, wo sie in den Kupferminen arbeiteten. Als meine Großeltern sich kennenlernten und heirateten, waren sie Ende dreißig, und fünf Jahre später kam mein Vater zur Welt. Die Verteidigung stellte die Eltern meines Vaters als Perfektionisten dar, die zu alt und zu verknöchert waren, um auf die Bedürfnisse ihres kleinen Wildfangs einzugehen, und die ihn für die geringsten Regelverstöße bestraften. Im Holzschuppen fand ich einen abgegriffenen Rohrstock, daher weiß ich, dass dieser Teil der Wahrheit entspricht. In einem Versteck unter einem losen Brett in seinem Schlafzimmerschrank entdeckte ich einen Schuhkarton mit Handschellen und einem Nest aus blonden Haaren – wahrscheinlich aus der Bürste seiner Mutter –, in dem wie zwei Vogeleier ein Lippenstift und ein Perlenohrring ruhten, und daneben einen weißen Baumwollslip, der vermutlich auch ihr gehört hatte. Ich kann mir vorstellen, was die Staatsanwaltschaft daraus gemacht hätte.

Der Rest der Protokolle gibt nicht viel her. Die Eltern meines Vaters setzten ihn vor die Tür, nachdem er in der zehnten Klasse die Schule abgebrochen hatte. Er arbeitete eine Zeitlang als Holzfäller, dann ging er zur Army, wurde aber nach etwas über einem Jahr unehrenhaft entlassen, weil er mit den anderen Soldaten nicht zurechtkam und nicht auf seine Vorgesetzten hörte. Die Verteidigung behauptete, dass nichts von alldem seine Schuld sei. Er sei ein intelligenter junger Mann gewesen, der nur deshalb über die Stränge geschlagen habe, weil er nach der Liebe und Anerkennung suchte, die er von seinen Eltern nie bekommen hatte. Ich bin mir da nicht so sicher. Mein Vater war gewiss sehr erfahren in allem, was das Leben in der Wildnis betraf, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass er sich auch nur ein einziges Mal hingesetzt hätte, um eine der NationalGeographics zu lesen. Manchmal habe ich mich gefragt, ob er überhaupt lesen konnte. Nicht einmal für die Bilder hat er sich interessiert.

Nichts in diesem Haus deutete auf den Vater hin, den ich gekannt hatte, bis ich dann in einem Jutesack, der im Keller an den Deckenbalken aufgehängt war, seine Forellenfangausrüstung fand. Mein Vater hat oft erzählt, wie er als Junge im Fox River geangelt hat. Er kannte die besten Stellen, und einmal machte er sogar für ein Fernsehteam des Senders Michigan Out of Doors den Führer. Seit ich seine Ausrüstung gefunden habe, bin ich oft im Fox angeln gegangen, sowohl im Ostarm als auch im Hauptarm. Die Angelrute meines Vaters hat eine angenehme, schnelle Aktion. Mit einer Vierer- oder Fünfer-Schwimmschnur, manchmal auch einer Sechser fürs Nymphen- oder Streamerfischen, bringe ich gewöhnlich einen vollen Korb mit nach Hause. Ich weiß nicht, ob ich ebenso gut im Forellenfischen bin wie mein Vater, aber ich bilde es mir gerne ein.

Ich denke an die Angelgeschichten meines Vaters, während der schier endlose Nachrichtenbeitrag läuft. Wenn ich zwei Männer ermordet hätte, um aus dem Gefängnis zu entkommen, und wüsste, dass meine Flucht eine der größten Fahndungen in der Geschichte Michigans auslösen wird, würde ich nicht blindlings im Moor umherirren. Ich würde einen der wenigen Orte auf Erden aufsuchen, an denen ich glücklich war.

Es ist Viertel vor neun. Ich sitze auf unserer Veranda vor dem Haus und schlage nach Stechmücken, während ich auf Stephen warte. Ich habe keine Ahnung, wie er auf die Neuigkeit reagieren wird, dass der entflohene Häftling mein Vater ist, aber ich weiß, dass es nicht angenehm werden wird. Mein Mann ist Naturfotograf, ein sanftmütiger Typ, der nur ganz selten die Beherrschung verliert, was zu den Eigenschaften gehört, die mich an ihm zuerst angezogen haben. Aber jeder Mensch hat seine Grenzen.

Rambo hat sich neben mir auf den Verandabrettern ausgestreckt. Vor acht Jahren habe ich ihn als Welpen bei einer Familie in North Carolina abgeholt, die Plotts züchtet. Das war lange vor Stephen und den Mädchen. Er ist eindeutig auf mich fixiert. Nicht dass er Stephen und die Mädchen nicht beschützen würde, wenn die Situation es erforderte. Plotthounds sind absolut furchtlos, so sehr, dass die Fans der Rasse sie »die Ninja-Krieger der Hundewelt« nennen, die mutigsten und zähesten Hunde der Welt. Aber wenn es hart auf hart käme und meine ganze Familie in Gefahr wäre, würde Rambo sich zuerst um mich kümmern. Leute, die Tiere gern durch die sentimentale Brille sehen, würden von Liebe oder Treue oder Aufopferung sprechen, aber es ist einfach nur sein Wesen. Plotts sind darauf gezüchtet, tagelang an einem Wild dranzubleiben und sich eher selbst zu opfern, als einem Kampf auszuweichen. Er kann eben nicht aus seiner Haut.

Rambo bellt einmal und spitzt die Ohren. Ich lege den Kopf schief. Ich kann Grillen und Zikaden hören, das sanfte Rauschen des Winds in den Strauchkiefern, ein Rascheln in den Nadeln darunter, wahrscheinlich eine Feldmaus oder eine Spitzmaus, das Who cooks for you, who cooks for you eines Streifenkauzes, der von jenseits der Wiese zwischen unserem Grundstück und dem der nächsten Nachbarn ruft, das Keckern und Quaken des Nachtreiher-Pärchens, das in den Feuchtwiesen hinter unserem Haus nistet, und das vom Dopplereffekt verzerrte Geräusch eines Autos, das auf dem Highway an unserem Haus vorbeizischt. Aber für Rambos extrem feine Hundesinne ist die Nacht übervoll mit Geräuschen und Gerüchen. Er winselt halblaut, und seine Vorderpfoten zucken, doch ansonsten verharrt er reglos. Er wird sich auch nicht von der Stelle bewegen, solange ich es ihm nicht befehle. Ich habe ihn sowohl auf Kommandos als auch auf Handsignale abgerichtet. Jetzt lege ich ihm die Hand auf den Kopf, worauf er seine Schnauze wieder auf mein Knie bettet. Nicht alles, was im Dunkeln umherstreift, muss erforscht und gejagt werden.

Ich rede natürlich von meinem Vater. Ich weiß, dass das, was er meiner Mutter angetan hat, falsch war. Und zwei Aufseher zu töten, um aus dem Gefängnis zu entkommen, ist unverzeihlich. Aber ein Teil von mir, nicht größer als ein einzelnes Pollenkorn oder eine einzelne Blüte an einem einzelnen Binsenstängel – der Teil von mir, der immer das kleine Mädchen mit Zöpfen sein wird, das seinen Vater vergötterte –, dieser Teil ist froh, dass mein Vater frei ist. Er hat die letzten dreizehn Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Er war fünfunddreißig, als er meine Mutter holte, fünfzig, als wir das Moor verließen, zweiundfünfzig, als er zwei Jahre darauf gefasst und verurteilt wurde. Diesen November wird er sechsundsechzig. In Michigan gibt es keine Todesstrafe, aber wenn ich mir überlege, dass mein Vater die nächsten zehn, zwanzig oder womöglich dreißig Jahre im Gefängnis verbringen wird, falls er so alt werden sollte wie sein Vater, dann denke ich, es sollte sie vielleicht geben.

Nach unserer Rettung aus dem Moor erwarteten alle von mir, dass ich meinen Vater hassen würde für das, was er meiner Mutter angetan hatte, und das tat ich auch. Ich tue es immer noch. Aber er tat mir auch leid. Er wollte eine Frau. Und keine halbwegs vernünftige Frau wäre freiwillig zu ihm in seine Hütte auf der Anhöhe gezogen. Wenn man die Situation aus seiner Perspektive betrachtet – was hätte er denn sonst tun sollen? Er war psychisch krank, schwer geschädigt, so durchdrungen von seiner Rolle des wilden Naturmenschen mit Indianerblut, dass er der Versuchung, meine Mutter zu sich zu holen, gar nicht hätte widerstehen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Die Psychiater sowohl der Verteidigung als auch der Staatsanwaltschaft waren sich sogar einig, was seine Diagnose betraf – dissoziale Persönlichkeitsstörung –, wenngleich die Verteidigung noch weitere mildernde Umstände ins Feld führte, etwa das Schädel-Hirn-Trauma als Folge der wiederholten Schläge auf den Kopf, die er als Junge hatte einstecken müssen.

Aber ich war ein Kind. Ich liebte meinen Vater. Der Jacob Holbrook, den ich kannte, war klug, witzig, geduldig und gütig. Er sorgte für mich, er gab mir zu essen und kleidete mich, er brachte mir alles bei, was ich wissen musste, um im Moor nicht nur zu überleben, sondern gut zu leben. Im Übrigen sprechen wir hier von den Ereignissen, denen ich meine Existenz verdanke, da kann ich doch schlecht sagen, dass es mir leidtut, oder?

Als ich meinen Vater das letzte Mal sah, schlurfte er in Handschellen und Fußeisen aus dem Gerichtssaal von Marquette County, um mit Tausenden anderen Männern eingesperrt zu werden. Ich war bei seinem Prozess nicht dabei – meine Aussage wurde wegen meines Alters und der Umstände, unter denen ich aufgewachsen war, als unzuverlässig erachtet und zudem als verzichtbar, da meine Mutter der Staatsanwaltschaft mehr als genug Beweismaterial liefern konnte, um meinen Vater ein Dutzend Mal lebenslänglich hinter Gitter zu bringen. Aber an dem Tag, als mein Vater verurteilt wurde, fuhren die Eltern meiner Mutter mich aus Newberry zum Gericht. Ich glaube, sie haben gehofft, wenn ich sähe, wie mein Vater seine gerechte Strafe erhielt für das, was er ihrer Tochter angetan hatte, würde ich ihn schließlich ebenso hassen, wie sie es taten. Das war auch der Tag, an dem ich meine Großeltern väterlicherseits kennenlernte. Man stelle sich meine Verblüffung vor, als ich entdeckte, dass die Mutter des Mannes, der für mich immer ein Ojibwe gewesen war, blond und weiß war.

Seit jenem Tag bin ich mindestens hundertmal am Marquette Branch Prison vorbeigefahren – jedes Mal wenn wir Mari zu einem Termin bei ihrem Spezialisten bringen oder mit den Mädchen zum Einkaufen fahren oder wenn wir in Marquette ins Kino gehen wollen. Das Gefängnis selbst ist vom Highway aus nicht zu sehen. Das Einzige, was man im Vorbeifahren sieht, ist eine gewundene, von alten Steinmauern gesäumte Zufahrtsstraße; es wirkt wie der Eingang zu einem Anwesen von altem Geldadel, das versteckt hinter Bäumen an einer felsigen Steilküste mit Blick über die Bucht liegt. Die Verwaltungsgebäude aus Sandstein stehen unter Denkmalschutz, sie stammen aus der Zeit der Eröffnung des Gefängnisses im Jahr 1889. Der Hochsicherheitsbereich, in dem mein Vater untergebracht war, besteht aus sechs Einzelzellentrakten, umschlossen von einer sechs Meter dicken Mauer, die von einem drei Meter hohen Maschendrahtzaun gekrönt wird. Der Trakt ist durch acht Schießtürme gesichert, fünf der Türme sind zudem mit Überwachungskameras ausgestattet, die auch das Geschehen innerhalb der Zellentrakte erfassen. So steht es jedenfalls in Wikipedia. Ich bin selbst nie drin gewesen. Einmal habe ich mir das Gefängnis auf dem Satellitenbild von Google Earth angeschaut. Es waren keine Gefangenen im Hof.

Und jetzt hat das Gefängnis einen Insassen weniger. Was bedeutet, dass ich in wenigen Minuten gezwungen sein werde, meinem Mann die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen über mich, meine Herkunft und die Umstände meiner Geburt, so wahr mir Gott helfe.

Wie aufs Stichwort schlägt Rambo an. Sekunden später streichen Scheinwerfer über den Hof. Die Außenbeleuchtung geht an, als ein Geländewagen in die Auffahrt einbiegt. Es ist nicht Stephens Cherokee – dieser Wagen hat eine Blaulichtleiste auf dem Dach und das Emblem der State Police auf der Tür. Einen Sekundenbruchteil lang wiege ich mich in der Illusion, ich könnte die Fragen der Polizisten beantworten und sie wieder loswerden, bevor Stephen nach Hause kommt. Dann biegt der Cherokee unmittelbar nach dem Polizeiauto ein. Bei beiden Fahrzeugen geht gleichzeitig die Innenbeleuchtung an. Ich beobachte, wie Stephens Verwirrung in Panik umschlägt, als er die Uniformen der Polizisten sieht. Er rennt über den Hof auf mich zu.

»Helena! Ist alles in Ordnung? Was ist mit den Mädchen? Was ist passiert? Geht es dir gut?«

»Uns fehlt nichts.« Ich bedeute Rambo, dass er dableiben soll, und steige die Verandastufen hinunter, um ihm entgegenzugehen, während die Polizisten schon auf uns zusteuern.

»Helena Pelletier?«, fragt der erste, der offenbar das Kommando hat. Er ist jung, ungefähr in meinem Alter. Sein Partner sieht sogar noch jünger aus. Ich frage mich, wie viele Menschen die beiden schon vernommen haben. Wie viele Leben sie mit ihren Fragen ruiniert haben. Ich nicke und taste blind nach Stephens Hand. »Wir möchten Ihnen einige Fragen zu Ihrem Vater Jacob Holbrook stellen.«

Stephens Kopf schnellt zu mir herum. »Dein Va-… Helena, was geht hier vor? Ich verstehe nicht. Der entflohene Gefangene ist dein Vater?«

Ich nicke erneut. Eine Geste, von der ich hoffe, dass Stephen sie als Entschuldigung und Geständnis zugleich auffassen wird. Ja, Jacob Holbrook ist mein Vater. Ja, ich habe dich belogen von dem Tag an, als wir uns kennenlernten. Ja, das Blut dieses bösen Mannes fließt in den Adern unserer gemeinsamen Töchter. Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest. Es tut mir leid, dass ich es dir nicht eher gesagt habe. Es tut mir leid, leid, leid.

Es ist dunkel. Stephens Gesicht ist verschattet. Ich kann nicht erraten, was er denkt, als sein Blick langsam von mir zu den Polizisten und zurück zu mir wandert, dann wieder zu den Polizisten.

»Wir gehen am besten rein«, sagt er schließlich. Nicht zu mir, sondern zu ihnen. Er lässt meine Hand los und führt die Beamten über unsere vordere Veranda ins Haus. Und die Mauern meines so sorgsam aufgebauten zweiten Lebens stürzen einfach so ein.

4

Die Beamten der Michigan State Police sitzen auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer, einer links und einer rechts, wie zwei blaue Buchstützen: gleiche Uniform, gleiche Größe, gleiche Frisur, die Mützen respektvoll auf dem Kissen in der Mitte abgelegt, die Knie gespreizt, denn Stephen ist kein besonders großer Mann, und das Sofa hat eine niedrige Sitzfläche. Sie wirken größer als zuvor in unserem Hof, einschüchternder, als ob die Autorität, die ihre Uniformen ausstrahlen, sie irgendwie auch körperlich größer macht. Oder vielleicht kommt mir das Zimmer mit ihnen auch kleiner vor, weil wir so selten Besuch haben. Stephen hat ihnen Kaffee angeboten, als er sie in unser Haus einlud, aber die Polizisten haben abgelehnt – zu meiner Erleichterung, denn ich will auf keinen Fall, dass sie länger bleiben als unbedingt nötig.

Stephen hockt auf der Kante des Sessels neben dem Sofa, wie ein Vogel, der jeden Moment auffliegen wird. Sein rechtes Bein wackelt nervös, und seine Miene verrät deutlich, dass er am liebsten ganz woanders wäre. Ich sitze auf dem einzigen verbliebenen Stuhl am anderen Ende des Zimmers. Dass die räumliche Distanz zwischen mir und meinem Mann so groß ist, wie das Zimmer es eben zulässt, ist mir nicht entgangen. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Stephen, seit er die Polizisten in unser Haus gebeten hat, sich sichtlich größte Mühe gibt, jeglichen Blickkontakt mit mir zu vermeiden.

»Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?«, fragt der Polizist, der das Kommando hat, sobald wir Platz genommen haben.

»Ich habe meinen Vater nicht mehr gesehen oder gesprochen seit dem Tag, an dem ich das Moor verließ.«

Der Officer zieht eine Braue hoch. Ich kann mir vorstellen, was er jetzt denkt. Ich wohne fünfzig Meilen von dem Gefängnis entfernt, in dem mein Vater dreizehn Jahre lang inhaftiert war, und ich habe ihn kein einziges Mal besucht?

»Also dreizehn Jahre.« Er zieht einen Stift und einen Notizblock aus seiner Hemdtasche und schickt sich an, die Zahl aufzuschreiben.

»Fünfzehn«, korrigiere ich ihn. Nachdem meine Mutter und ich das Moor verlassen hatten, streifte mein Vater noch zwei Jahre durch die Wildnis der Upper Peninsula, ehe er gefasst wurde. Der Polizist weiß das genauso gut wie ich. Er bereitet den Boden, indem er eine Frage stellt, auf die er die Antwort bereits kennt, damit er im weiteren Verlauf erkennen kann, wann ich lüge und wann ich die Wahrheit sage. Nicht dass ich irgendeinen Grund hätte zu lügen, aber das weiß er noch nicht. Ich verstehe, dass er mich bis zum Beweis des Gegenteils als verdächtig betrachten muss. Aus einem Hochsicherheitsgefängnis bricht normalerweise niemand aus, es sei denn, er hat einen Helfer, entweder drinnen oder draußen. Zum Beispiel jemanden wie mich.

»Okay. Sie haben also seit fünfzehn Jahren nicht mehr mit Ihrem Vater gesprochen.«

»Sie können die Besucherprotokolle überprüfen, wenn Sie mir nicht glauben«, erwidere ich, obwohl ich mir sicher bin, dass sie das schon getan haben. »Die Anruflisten, oder was auch immer. Ich sage die Wahrheit.«

Das soll nicht heißen, dass ich nicht oft darüber nachgedacht hätte, meinen Vater im Gefängnis zu besuchen. Als die Polizei ihn damals fasste, wollte ich ihn unbedingt sehen. Newberry ist eine kleine Stadt, und das Gefängnis, in dem er bis zur Anklageerhebung untergebracht war, lag nur ein paar Häuserblocks von meiner Schule entfernt; ich hätte jederzeit nach dem Unterricht zu Fuß hingehen oder das Rad nehmen können. Ich glaube nicht, dass irgendjemand mir ein paar Minuten mit meinem Vater verwehrt hätte. Aber ich hatte Angst. Ich war vierzehn. Es war zwei Jahre her. Ich hatte mich verändert und er sich vielleicht auch. Ich befürchtete, dass mein Vater sich weigern würde, mich zu sehen. Dass er wütend auf mich wäre, weil es meine Schuld war, dass er gefasst worden war.