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DIE MÖRDERISCHE STUNDE (Ein Alexa Chase Thriller – Buch 3) ist das dritte Band der neuen Serie von Mystery- und Thrillerautorin Kate Bold, die mit DAS MÖRDERISCHE SPIEL (Buch #1) ihr Debüt gegeben hat. Alexa Chase, 34, eine brillante Profilerin der Verhaltensanalyseeinheit des FBI, war zu gut in ihrem Job. Gezeichnet von all den Serienkillern, die sie zur Strecke brachte, ließ sie eine eindrucksvolle Karriere hinter sich, um sich den U.S. Marshals anzuschließen. Als Deputy Marshal tauchte Alexa – fit und ebenso tough wie brillant – in eine einfache Karriere ein, in der sie Flüchtige jagt und sie zur Rechenschaft zieht. Nach ihrem letzten erfolgreichen Fall haben das FBI und die Marshals beschlossen, ihre gemeinsame Taskforce zu einer permanenten Institution zu machen. Alexa, die an ihrer eigenen problematischen Vergangenheit und ihrer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, hat keine andere Wahl: Sie muss nun mit einem FBI-Partner arbeiten, den sie nicht mag, und Serienmörder jagen, deren Zuständigkeitsbereich sich mit dem der U.S. Marshals überschneidet. Alexa sieht sich gezwungen, sich mit der Sache zu konfrontieren, die sie am meisten fürchtet – in den Kopf eines Mörders einzudringen. Ein berüchtigter Mörder entkommt auf dramatische Weise dem Todestrakt und Alexas Taskforce wird sofort auf den Fall angesetzt. Der hochkarätige Fall findet landesweites Medieninteresse und Alexa ist nicht die Einzige, die hinzugezogen wird. Während auch andere Staats- und Bundesbehörden mit ihrem Ego kollidieren, gerät der Mörder immer weiter in die Ferne. Was zuerst wie eine einfache Fahndung aussieht, entwickelt sich schnell zu etwas Komplexerem, als immer mehr Leichen auftauchen und der Mörder sich auf unerklärliche Weise allen entzieht. Und als eine schockierende, unerwartete Wendung eintritt, wird Alexa klar, dass dieser Fall weitaus verworrener und verstörender ist, als sie es sich jemals hätte vorstellen können. Während der Killer alle überlistet, ist Alexa als einzige brillant genug, um ihn aufzuhalten. Nur sie steht zwischen ihm und seinem nächsten Mord. Aber kann sich Alexa, die unter dem Druck ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit steht, lange genug zusammenreißen, um in die dunkelsten Kanäle seines Geistes einzudringen – und heil wieder herauszukommen? Die ALEXA CHASE Serie, in der die Protagonistin eine brillante und gleichzeitig gequälte Deputy Marshal verkörpert, ist ein fesselnder Krimi, vollgepackt mit pausenloser Action, Spannung, Wendungen, Enthüllungen und einem halsbrecherischen Tempo, das dich bis spät in die Nacht blättern lässt. Weitere Bücher der Serie werden bald erhältlich sein.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2022
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DIE MÖRDERISCHE STUNDE
Ein Alexa Chase Thriller—Buch 3
K a t e B o l d
Kate Bold
Aus der Feder der Debütautorin Kate Bold stammt die ALEXA-CHASE-THRILLER-Reihe, die sechs Bücher umfasst (mehr Bücher in Kürze); die SPANNUNGSGELADENE THRILLER-REIHE MIT ASHLEY HOPE, die sechs Bücher umfasst (mehr Bücher in Kürze); und die CAMILLE-GRACE-THRILLER-Reihe, die drei Bücher umfasst (mehr Bücher in Kürze).
Als begeisterte Leserin und lebenslange Liebhaberin des Mystery- und Thriller-Genres freut sich Kate über jeden Kontakt. Sie können www.kateboldauthor.com besuchen, um mehr zu erfahren und auf dem Laufenden zu bleiben.
Copyright © 2022 by Kate Bold. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig.
BÜCHER VON KATE BOLD
EIN ALEXA CHASE THRILLER
DAS MÖRDERISCHE SPIEL (Buch #1)
DIE MÖRDERISCHE FLUT (Buch #2)
DIE MÖRDERISCHE STUNDE (Buch #3)
EIN SPANNUNGSGELADENER THRILLER MIT ASHLEY HOPE
LASS MICH GEHEN (Buch #1)
INHALTSVERZEICHNIS
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
Interstate 40, in der Nähe des Arizona State Prison Gefängniskomplexes in Kingman, im Nordwesten Arizonas
9 Uhr
Robby Tyson konnte sein Glück kaum fassen.
Auf dem trockenen Wüstenboden vor ihm lag ein Schlüssel.
Es war ein Schlüssel, den er nur zu gut kannte. Der Schlüssel, der ihn von seinen Fußfesseln befreien konnte.
Tyson blickte die anderen Männer in orangenen Overalls an, sowie die bewaffneten Gefängniswärter, die sie bewachten. Jeder von ihnen, auch er, hatte einen Rechen oder eine Hacke in der Hand, um sich hier am Rande des Highways der Gartenarbeit zu widmen. Jedes einzelne der Werkzeuge fiel fast auseinander. Sie wurden absichtlich zerbrechlich hergestellt, damit man sie nicht als Waffen verwenden konnte. Nicht, dass es einen Unterschied machte. Sie alle trugen Fußfesseln, sodass sie ihre Füße kaum bewegen konnten. Und doch hatten die Wachen ihre Schrotflinten fest in der Hand, beobachteten sie misstrauisch und standen in sicherer Entfernung.
Wer hatte diesen Schlüssel nur fallen lassen? Normalerweise trugen die Wachen die Schlüssel an einem riesigen Bund, der an ihrem Gürtel befestigt war. Es schien geradezu unmöglich, dass einer von ihnen einfach abfallen würde.
Doch Tyson wollte das einzige Quäntchen Glück, dass er in den letzten fünf Jahren hatte, nur ungern hinterfragen. Er hackte den Boden in der Nähe des Schlüssels unauffällig und hockte sich anschließend hin, um ein kleines Erdhäufchen zu glätten. Währenddessen nahm er den Schlüssel in die Hand.
Er wusste, dass er ständig beobachtet wurde, also hielt er seine Hacke wie immer mit beiden Händen und machte weiter, während der Schlüssel sicher in seiner Handfläche verborgen war.
Er wartete geduldig und arbeitete ganze fünfzehn Minuten weiter, bevor er sich traute, den Schlüssel in seiner Socke zu verstauen – er setzte sich hin und tat so, als wischte er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Sicher würde das niemand hinterfragen. Schließlich waren es bereits mehr als fünfunddreißig Grad. Die vierzig würden sie heute garantiert noch knacken.
Tysons Gedanken rasten. Keiner dieser Idioten hatte den Schlüssel fallenlassen. Dessen war er sich sicher.
Wer dann? Mike, der schon seit geraumer Zeit davon prahlte, dass er bald fliehen würde? Carlos, der nie auch nur ein Wort sagte, aber alles und jeden genau beobachtete, als hätte er einen Plan? Jemand anderes?
Eigentlich war es egal. Das Wichtige war, dass er endlich entkommen konnte. Es gab nur ein Problem: Er müsste jetzt sofort fliehen, noch heute Morgen, denn nach Arbeitsausflügen wie diesem wurden die Insassen stichprobenartig durchsucht. Wenn sie den Schlüssel bei ihm finden würden, würde er sicher mindestens noch drei Jahre aufgebrummt bekommen. Er stellte sich vor, wie er dem Gefängnisdirektor gestehen würde: „Ich habe ihn einfach auf dem Boden gefunden.“ Er würde ihn nur auslachen.
Wie sollte er es also anstellen? Er musste den richtigen Zeitpunkt abwarten.
Den ganzen langen, heißen Morgen dachte er darüber nach. Die ersten zwei Stunden Arbeit über, in seiner fünfzehn Minuten langen Pause, in der sie sich unter einem Sonnendach vor der stechenden Sonne hier in Arizona schützten, und während der nächsten zwei Stunden vor der Mittagspause.
Bis dahin hatte er sich entschieden. Er versuchte, ruhig zu bleiben. Er trank so viel er nur konnte, damit er nicht austrocknen würde und beobachtete die Wachen aus dem Augenwinkel. Er merkte sich, welche von ihnen gelangweilt aussahen und welche besonders unter der Hitze zu leiden schienen.
Den ganzen Nachmittag lang arbeitete er, verhielt sich unauffällig und beobachtete alles ganz genau. Er musste sich heute bereits um über einhundert dieser verdammten Kakteen gekümmert haben, die der Staat hier am Highway gepflanzt hatte. Als wenn es nicht schon genug Kakteen in der Wüste gäbe. Vielleicht mochten die Touristen sie ja, die auf der Durchreise waren.
Touristen – das war der Plan. Eines der Autos, die über den Highway rasten. Eine kleine Familie aus Kalifornien oder Oregon. Unschuldig und hilflos. Wenn er an ein Auto kommen konnte, würde er fliehen können.
Ganz ruhig. Alles nach der Reihe. Erst einmal musste er seine Fußfesseln loswerden. Und zwar zum richtigen Zeitpunkt. So ein Glück wie er hatte man nur einmal im Leben. Er war sich sicher, dass in der gesamten Geschichte des Gefängnisses so etwas noch nie vorgekommen war. Wenn er es richtig anstellen würde, würde er für ganze Generationen an Insassen zum Held werden. Doch wenn er es vermasselte, würden sie ihm den Hunden zum Fraß vorwerfen.
„Feierabend!“, rief Officer Hanson.
Endlich. Kurz vor fünf Uhr schien die Zeit stets langsamer zu vergehen, wenn man den ganzen Tag in der Sonne gestanden hatte und man müde und durstig war, egal, wie viel Wasser man auch getrunken hatte. Jeder von ihnen würde am liebsten in die nächste klimatisierte Bar verschwinden und ein kühles Bier hinunterkippen.
„Nehmt eure Werkzeuge und zurück in den Bus!“, befahl eine der anderen Wachen.
Seine Mitinsassen, mindestens so müde und verschwitzt wie die Wachen, gingen langsam zurück. Einige von ihnen zündeten sich eine letzte Zigarette an oder nahmen einen letzten Schluck aus der Wasserflasche, die sie miteinander teilten. Andere setzten sich hin. Die Wachen machten sich nicht die Mühe, sie besonders zur Eile anzuhalten.
Tyson ging auf den Gefängnistransporter zu. Einige seiner Mitinsassen traten bereits ein und ließen es zu, dass die Wachen ihre Fußfesseln an die Metallsitze ketteten. Er setzte sich auf den Boden und rieb sich seinen Knöchel. Er verzog sein Gesicht, als hätte er Schmerzen.
„Was ist los, Tyson?“, fragte ihn eine der Wachen und blickte ihn misstrauisch an.
„Hab meinen Knöchel vorhin aufgekratzt. Schätze, die Fußfessel ist hin und hergerutscht.“
„Du hättest uns früher Bescheid sagen sollen.“
„Hab nicht gedacht, dass es so schlimm werden würde.“
Ein anderer Insasse schlurfte an ihnen vorbei und lenkte die Wache ab. So schnell er konnte zog Tyson den Schlüssel aus seiner Socke und schloss seine Fessel auf, während er weiter so tat, als rieb er sich den Knöchel.
Das leise Klicken war für ihn wie das willkommene „Ho ho ho“ des Weihnachtsmannes. Er fühlte sich wie ein aufgeregtes, kleines Kind.
„Was grinst du denn so?“, murmelte Lavon, ein Mitinsasse, während er an ihm vorbeischlurfte.
„Endlich Feierabend, warum sonst?“, antwortete Tyson. Er hielt seine Fußfesseln fest, passte aber auf, dass er sie nicht versehentlich wieder schloss. Den Schlüssel hatte er bereits zurück in seine Socke gestopft. Der wundersame Schlüssel. Bis er ihn erfolgreich benutzt hatte, hatte er immer noch nicht ganz glauben können, dass er tatsächlich passte, oder gar existierte. Halb hatte er geglaubt, dass er nur eine Fata Morgana gewesen war.
Doch jetzt kam der gefährliche Teil seines Plans.
Tysons Herz schlug ihm bis zum Halse, während er aufstand, seine Fußfessel immer noch festhielt und sichtlich zusammenzuckte. Er humpelte herüber zum Transporter.
„Geh zum Arzt, wenn wir zurück sind“, wies ihn eine der Wachen an.
„Gute Idee“, antwortete Tyson. Aber ich habe eine noch bessere Idee.
Er setzte sich auf einen Platz direkt neben der Tür. Officer Hanson war hier und befestigte eine Fußfessel nach der andere an den Sitzen. Er war einer der jüngeren, kräftigeren Wärter, hatte kurzgeschorene Haare und ein grimmiges Gesicht. Er sagte nie besonders viel. Tyson bemerkte, dass sein Taschenmesser, das er am Gürtel trug, nicht an seinem Schlüsselbund befestigt war. Er musste nur einmal stark daran ziehen und schon hätte er es in der Hand.
Es wäre schön, endlich wieder ein Messer zu haben. Er hatte viel Spaß mit Klingen gehabt, bevor man ihn geschnappt hatte.
Tyson atmete tief aus und ein und versuchte, sich zu beruhigen.
Stell dir vor, er ist eines deiner Opfer. Ganz ruhig. Schnell und präzise. Und dann brauchst du nur eine saubere Flucht hinlegen. Schließlich haben sie dich nur wegen eines einzigen Mordes dranbekommen. Beruhig dich und mach einfach alles richtig. Wenn alles glatt läuft, bis du schon bald wieder frei.
Dann kannst du dich endlich wieder ausleben.
Officer Hanson arbeitete sich langsam von hinten nach vorne. Nach ein paar Augenblicken widmete er sich dem Mann gegenüber von Tyson und bis dahin war der Serienmörder, der nur für einen einzigen seiner Morde verurteilt worden war, so ruhig wie ein buddhistischer Mönch. Er spannte sich nicht einmal an, als Officer Hanson sich schließlich zu ihm umdrehte und seinen Schlüssel hochhielt.
Tyson schüttelte seine Fußfessel ab und verpasste ihm einen Tritt zwischen die Beine.
Der Officer fiel vornüber, versuchte etwas zu sagen, doch seine Worte wurden vom Jubel der anderen Insassen übertönt.
Verdammt, jetzt haben sie die anderen auf den Plan gerufen.
Er musste sich beeilen.
Er nahm das Messer von Officer Hansons Gürtel, klappte es auf, packte ihn am Hals und hielt ihm die Klinge nur wenige Zentimeter vor sein Auge. Er hatte schon vor einiger Zeit gelernt, dass das weitaus bedrohlicher war, als eine Klinge am Hals. Was man nicht alles lernte.
Hanson rührte sich nicht und hob langsam die Hände. Tyson ließ ihn los und schnappte sich seine Pistole. Halb erwartete er, dass er sich spätestens jetzt wehren würde – er hatte selbst miterlebt, wie er schon einige Insassen vermöbelt hatte, und er war nicht gerade schwach – doch er bewegte sich immer noch nicht.
„Dein Auge ist mehr wert, als dein Gehalt“, lächelte Tyson. „Schlaues Kerlchen.“
Draußen bewegte sich etwas. Tyson drehte sich um und sah drei Wachen, die ihre Waffen gezückt hatten.
„Ihr werdet mich nicht erwischen, bevor ich ihn umlege“, sagte Tyson und legte seine Pistole an Hansons Schläfe.
Die Wachen zögerten. Tyson grinste und wusste, dass sie ihm gehorchen würden.
„Ich mache euch ein kleines Angebot“, sagte er. „Ihr lasst mich gehen –“
„Das kannst du vergessen!“, rief einer von ihnen.
„– und ich lasse ihn gehen, sobald ich weit weg genug bin. Ich bin nicht besonders scharf auf einen Mord ersten Grades in meinem Strafregister. Wenn ihr allerdings weitermachen wollt, werfe ich diesen Schlüssel hier einem nach dem anderen meiner Kollegen zu und lasse sie sich allesamt losmachen. Dann habt ihr ein weitaus größeres Problem.“
Die drei Wachen warfen sich unsichere Blicke zu.
„Macht, was er will“, krächzte Hanson. „Er sitzt nur wegen Totschlags. Er wird mich nicht kaltblütig abschlachten, solange ihr ihn nicht dazu zwingt. Wenn er die anderen freilässt, sitzen wir bis zum Hals in der Scheiße!“
Stille. Tyson zwang sich dazu, ruhig und gleichmäßig zu atmen.
Die Wachen blickten einander an.
„Bitte“, flehte Hanson. „Er wird es tun, wenn ihr ihm keine Wahl lässt. Aber ich kenne ihn. Er ist ein schlaues Kerlchen. Wirklich schlau. Wegen einer Flucht wird man ihm vielleicht zehn Jahre aufbrummen. Wenn er mich umlegt, bekommt er die Todesstrafe. Das will er nicht riskieren.“
Die Wachen blickten einander ein weiteres Mal an und gingen endlich langsam zurück. Tyson beobachtete sie und hielt seine Pistole weiter an Hansons Schläfe.
„Zurück“, befahl er ihnen. Sie taten, wie ihnen geheißen. „Weiter. Hanson, die Tasche dort.“
Hanson nahm die große Plastiktasche, in der sie ihre Sandwiches für den Tag verstaut hatten, langsam in die Hand.
„Alles klar, Jungs. Legt eure Waffen, Handys und Walkie-Talkies hier hinein und ich werfe euch den Schlüssel zu. Ich bin der Einzige, der euch heute entkommt.“
Die Flut an Schimpfwörtern der anderen Insassen übertönte fast ihre Antwort.
„Vergiss es, Tyson. Gib auf.“
Tyson drückte den Lauf der Pistole gegen Hansons Kopf. „Macht, was ich euch sage, oder ich lege ihn um.“
Einer der Wachen trat vor. „Wir geben dir die Handys und Funkgeräte, aber nicht unsere Waffen.“
„Lass dich drauf ein, Tyson“, sagte Hanson.
„Schnauze.“ Tyson dachte einen Moment nach. „Na gut. Beeilt euch!“
Tyson trat aus dem Bus. Hanson war vor ihm, wie ein menschlicher Schild. Eine nach der anderen legten die Wachen ihre Handys und Funkgeräte in die Tasche und traten vorsichtig zurück. Schließlich warf Tyson ihnen seinen Schlüssel zu. Er landete mit einem lauten Klirren im Dreck.
Der Mörder drehte sich um und schoss auf das Funkgerät des Transporters. Die Wachen und seine Mitinsassen zuckten zusammen. Hanson rührte keinen Muskel.
Ganz schön kühles Köpfchen, dachte Tyson. Sei lieber vorsichtig mit ihm.
Tyson betrachtete die anderen Wachen. Alle drei hatten ihre Waffen auf ihn gerichtet. „Okay, Folgendes passiert jetzt. Ihr setzt euch schön in den Bus, während Hanson und ich uns ein Auto schnappen. Keine Sorge. Ich werde niemandem etwas tun. Hanson wird mich fahren.“
Die Wachen traten in den Transporter und ließen Tyson keine Sekunde aus den Augen. Sie hofften auf nur einen kleinen Fehler, einen kurzen Moment, in dem sie auf ihn schießen konnten.
Doch Tyson machte keine Fehler. Er war der Southwest Slasher, und was die Polizei betraf, hatte man ihn nie gefasst. Er war nur verhaftet worden, weil er sich auf eine Schlägerei in einer Bar eingelassen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich seinen Gefühlen hingegeben und war aufgrund von Totschlags verurteilt worden. Das war das erste und letzte Mal, dass er auf seine Emotionen gehört hatte.
Die Polizei hatte vermutet, dass er für weitere Morde verantwortlich gewesen war, doch sie hatten ihm nichts beweisen können.
Sobald die Wachen im Transporter waren, schubste Tyson Officer Hanson auf den Highway zu. Eine riesige Werbetafel stand ganz in der Nähe, hinter der Tyson sich verstecken konnte. So konnten ihn heranfahrende Autos nicht sehen, während er immer noch Hanson und den Bus im Blick hatte.
„Du weißt, was zu tun ist“, sagte Tyson.
„Keine Sorge, ich mache dir keinen Ärger“, entgegnete Hanson.
„Nein, das glaube ich auch nicht“, antwortete Tyson zufrieden.
Hanson näherte sich der Fahrbahn und winkte den vorbeifahrenden Autos zu. Sie fuhren unbeirrt weiter. Einige fuhren sogar schneller und wollten offenbar nichts mit ihm zu tun haben, obwohl sie sehen konnten, dass er die Uniform eines Gefängniswärters trug.
Doch es dauerte nicht lange, bevor ein Auto bremste und schließlich anhielt.
Tyson lächelte. Endlich war er frei.
Staatsgefängnis East Jersey, Gemeinde Woodbridge, New Jersey
Am gleichen Tag
Deputy Marshal Alexa Chase war schon einmal hier gewesen. Bereits damals war es eine schlechte Idee gewesen und dieses Mal war sie noch schlechter, doch sie konnte einfach nicht anders.
Sie benötigte Antworten. Sie musste mit dem Mann reden, für dessen Aufenthalt hier sie verantwortlich war, mit dem zweitschlimmsten Serienmörder, mit dem sie es jemals zu tun gehabt hatte.
Bruce Thornton, auch bekannt als der Jersey Devil.
Im Laufe ihrer Karriere hatte sie mehrere Serienmörder verfolgt. Einige von ihnen waren jetzt tot. Andere würden nicht einmal im Traum auch nur ein Wort mit ihr wechseln. Doch Thornton vertraute sich ihr nur allzu gerne an. Und er war der Einzige, der ihr mehr über das Biest verraten konnte, hinter dem sie jetzt her war.
Alexa versuchte ruhig zu bleiben, während eine stämmige Wache mit einem Tattoo eines wurmzerfressenen Totenschädels an seinem Hals sie durch die letzte Tür zu Thorntons Zellenblock winkte. Das letzte Mal, als sie hier gewesen war, hatte sie ihre Nerven verloren.
Sie hatte schon etliche Verbrecher ins Gefängnis gesteckt und nie auch nur einen weiteren Gedanken an sie verschwendet, doch Thornton war unter ihre Haut gegangen. Die Presse hatte ihn Jersey Devil getauft. Berichte, Artikel und Bücher über ihn waren überall und sie konnte einfach nicht anders, als ihn ebenfalls so zu nennen. Und auch wenn sie ihn am Ende verhaftet hatte, hatten die Dinge, die sie im Laufe des Falls gesehen hatte, dafür gesorgt, dass sie ihren Job beim FBI hingeschmissen und ein ganzes Jahr Urlaub gebraucht hatte.
Um ihn zu stellen hatte sie denken müssen wie er. Sie hatte sich in seinen kranken Kopf hineinversetzt, um seine Verhaltensmuster vorhersehen und herausfinden zu können, wo er als nächstes zuschlagen würde.
Letzten Endes hatte sie ihn auf frischer Tat ertappt und sein letztes Opfer gerettet, doch der Preis, den sie dafür gezahlt hatte, war hoch gewesen. Als Thornton hilflos vor ihr gelegen hatte, hatte sie ihn fast erschossen. Fast. Allein die Tatsache, dass der kleine Junge, den Thornton hatte ermorden wollen, dagewesen war, hatte sie davon abgehalten, ihn an Ort und Stelle hinzurichten.
Dass sie es nicht getan hatte, verfolgte sie noch heute. Sie wusste, dass es falsch war.
Oh ja, er war tatsächlich ein Teufel. Ihr ganz eigener, persönlicher Teufel.
Alexa hatte ihre Uniform an, um die Insassen einzuschüchtern. Ihre Hose war blau, ihr Hemd ebenfalls und auf der Rückseite stand in großen weißen Buchstaben: „Deputy US Marshal.“ Die Cowboystiefel und der passende Hut gehörten offiziell nicht dazu, doch sie war nicht die Einzige in Arizona, die sich für diese Kombination entschied. Das Einzige, was fehlte, war die Automatikpistole, die sie normalerweise am Halfter trug. Die hatte sie am Eingang abgeben müssen. Hier durften nur die Wachen Waffen tragen.
Langsam schritt sie durch den Betonflur und versuchte, ihre Schnappatmung unter Kontrolle zu bekommen. Sie verfluchte jeden einzelnen Schweißtropfen, der ihr ins Gesicht lief und ignorierte die neugierigen und unverhohlen lüsternen Blicke der Männer in ihren Zellen.
Mit jedem Schritt wurde sie langsamer, bis sie schließlich vor der letzten Zelle auf der linken Seite stand, derjenigen, in der der Teufel lauerte.
Sie setzte sich auf den roten Plastikstuhl, den die Wache für sie bereitgestellt hatte.
Thornton saß in seinem orangenen Overall auf seinem kargen Bett und grinste sie an.
Jedes Mal, wenn sie ihn sah, erinnerte sie sich daran, dass man niemanden nach seinem Äußeren beurteilen konnte. Er sah ganz und gar nicht wie einer der schlimmsten Serienmörder der letzten Jahrzehnte aus. Er war höchstens einen Meter zweiundsiebzig groß, hatte hohe Geheimratsecken, dünnes, blondes Haar und einen ungepflegten Schnauzbart, der ihn so aussehen ließ wie einen Nebendarsteller aus einer schlechten Fernsehserie der 80er.
Allein seine Augen verrieten ihn. Es waren kleine, blaue Knopfaugen, die sie an ein Reptil erinnerten. Keine Emotionen spiegelten sich in ihnen wider, nur Hunger und Blutdurst.
Einen Moment lang sagte keiner von ihnen ein Wort.
Bruce Thornton legte schließlich das Buch zur Seite, das er in der Hand hielt und lächelte.
„So, so. Hast du immer noch nicht genug von mir?“
Alexa rutschte unruhig in ihrem Stuhl hin und her.
„Was liest du da?“, fragte sie, ohne ihm zu antworten.
Thornton legte seine Hand auf das Buch. „Mythologie von Bullfinch. Ein echter Klassiker. Natürlich habe ich es schon oft gelesen, aber es ist jedes Mal wieder spannend.“
Alexa nickte. Sie wusste, dass er schon von klein auf von Mythologie und Folklore begeistert gewesen war. Als Kind hatte er sich aufgrund seiner gewalttätigen Eltern in sie geflohen. Als Erwachsener hatte er sich auf die Geschichte des Jersey Devils fokussiert, ein Monster, das angeblich in den Pinienwäldern New Jerseys lebte. Er kannte jede angebliche Begegnung mit ihm auswendig und hatte seine Angriffe auf kleine Kinder ins echte Leben übertragen.
„Also …“, sagte Thornton langsam und grinste breit.
„Ich habe ein paar Fragen.“
„Letztes Mal hattest du ebenfalls Fragen. Ich glaube nicht, dass dir die Antworten gefallen haben.“
„Heute ist es anders. Ich muss etwas wissen.“
„Und du erwartest, dass ich dir helfe.“
Wenn ich es schaffen kann, dein Ego zu überzeugen. Leichter gesagt, als getan.
Die Öffentlichkeit glaubte, dass Serienmörder verrückte Genies waren. Auf die meisten traf das nicht zu. Die meisten waren nicht besonders schlau und wurden schnell gefasst. Andere blieben nur auf freiem Fuß und konnten ungestört weiter Morden, weil die Polizei unfähig war. Nur einige wenige waren hochintelligent und so berechnend, wie sich der Durchschnittsbürger einen Serienmörder vorstellte.
Und genau so jemand war Thornton.
Alexa warf einen Blick über ihre Schulter und sah, dass die Zelle gegenüber von ihm leer war.
„Wo ist dein Kumpel?“
Verdammt noch mal, hör auf, um den heißen Brei herumzureden!
„Mein Kumpel?“
„Der Vergewaltiger, der gegenüber von dir saß. Der, der ständig unsere Unterhaltung mit unpassenden Kommentaren über mich unterbrochen hat.“
„Oh, Rick. Ja, eine echte Tragödie. Er wurde im Gemeinschaftsraum niedergestochen. Niemand hat gesehen, wer es war.“
„Ist er gestorben?“
Der Jersey Devil lächelte. „Allerdings.“
„Warum hat man ihn umgebracht?“
Thornton sah ihr in die Augen und zuckte übertrieben mit den Schultern. „Wer weiß das schon? Ist vielleicht einem hohen Tier auf die Füße getreten.“
Alexa blickte in seine reptilienartigen Augen und erkannte sofort die Wahrheit. Sie erkannte auch, dass sie es ihm niemals nachweisen können würde.
Nicht, dass es etwas ausmachte. Er würde so oder so nie wieder auf freien Fuß kommen.
Es war an der Zeit, dass sie mit ihm darüber redete, weshalb sie hier war, bevor er noch mehr unter ihre Haut geriet.
„Ich möchte dich etwas über diejenigen fragen, die dir schreiben.“
Alexa bemerkte, wie er sich für den Bruchteil einer Sekunde anspannte. „Sieh dir die Akten an. Die Wachen lesen jeden einzelnen Brief, bevor ich ihn bekomme.“
„Ich habe auch einige von ihnen gelesen. Mir geht es nicht um den Inhalt, sondern um die Absender.“
„Was meinst du damit?“, fragte er, auch wenn Alexa vermutete, dass er genau wusste, worauf sie hinauswollte.
Alexa seufzte und bedauerte es sofort. Bei Leuten wie ihm war es besser, wenn man kalt und emotionslos war. Doch es war einfach so schwer. Außerdem schien er sie sowieso voll und ganz zu durchschauen.
„Deine Fans“, sagte sie. „Warum ziehen Serienmörder so viele Fans an?“
„Machst du dir Sorgen darüber, dass Drake Logan zu einer Legende wird?“
Alexa schmunzelte. „Machst du dir Sorgen darüber, dass er berühmter wird als du?“
„Ganz und gar nicht. Er ist eines meiner Vorbilder. Ich wäre zufrieden, wenn ich auch nur halb so gut wäre wie er. Er ist eine Legende. Und seine Flucht hat ihn nur berühmter gemacht. Wenn er erstmal exekutiert wurde, wird er in die Geschichte eingehen.“
„Also bist du einer seiner Fans. Erzähl mir, warum.“
„Es ist nicht das gleiche, wenn einer von uns ein Fan ist.“
Alexa kniff ihre Augen zusammen. Ihr gefiel ganz und gar nicht, dass er „uns“ gesagt hatte. Auch bei ihrem letzten Besuch hatte Thornton bereits angedeutet, dass sie genauso tickte wie er, dass sie es mochte, den Hilflosen wehzutun, denjenigen Schmerzen zuzufügen, die sich nicht wehren konnten.
Doch das stimmte nicht. Ja, sie hatte sowohl Thornton als auch Logan erschießen wollen. Ja, sie bedauerte immer noch, dass sie es nicht getan hatte. Doch sie war nicht so wie sie. Allein der Gedanke war obszön.
Sie versuchte, ihre Wut zurückzuhalten, während Thornton weitersprach.
„Es ist schwer für Menschen wie uns, das alles zu verstehen. Ich muss zugeben, dass auch ich eine Weile gebraucht habe. Als Kind habe ich lange gedacht, dass ich so bin wie sie. Wie ein Fan, meine ich. Dass ich nur ein einsames Kind mit beschissenen Eltern bin, das gehänselt wird und davon träumt, sich an der Welt zu rächen. Heutzutage scheint es lächerlich, aber damals habe ich geglaubt, dass jeder es mag, Tiere zu quälen. Ich dachte, das ist etwas, das jeder tut, aber nie darüber redet, so wie Masturbation.“
„Willst du mich jetzt etwa sexuell belästigen, so wie dein ermordeter Freund?“
Der Jersey Devil winkte nur uninteressiert ab. „Er war nicht mein Freund und du solltest genau wissen, dass so etwas nicht auf meinem Niveau ist. Ich bin nur ehrlich. Das wolltest du doch, oder?“
„Ich will wissen, warum jemand ausgerechnet ein Fan von jemandem wie dir wird.“
„Die Kurzversion? Weil Menschen auch nichts anderes als Tiere sind. Aber lass es mich dir genau erklären. Das hast du verdient. Und außerdem gefällt es mir, endlich wieder mit jemandem zu reden, der so ist wie ich.“
„Ich bin nicht so wie du. Ich sitze hier draußen und du hinter Gittern. Ich bin diejenige, die dich gestellt hat.“
„Hättest du mich umbringen und damit so lange davonkommen können, wie ich es bin?“ Thornton zuckte mit den Achseln. „Vielleicht. Vielleicht nicht. Hey, vielleicht hast du ja schon Dutzende umgebracht und hast es nur niemandem gesagt. Vielleicht bist du eine derjenigen, die sich nicht einmal die Mühe macht, sich zu verstecken. Wie toll wäre das denn? Eine Polizistin und Serienmörderin! So etwas habe ich noch nie gehört.“
„Du wolltest mir etwas erklären“, knurrte Alexa.
„So empfindlich. Nun ja, wie gesagt spüren unsere Fans eine gewisse Anziehung, weil sie wütend sind. Sie sind Außenseiter. Loser, könnte man sagen. Sie sind diejenigen, die sich noch nie gewehrt haben, wenn sie jemand gehänselt hat. Sie könnten sich im Traum nicht vorstellen, jemanden auch nur zu schlagen, geschweige denn, eine Mordserie zu veranstalten, die sich über fünf Bundesstaaten erstreckt. Durch uns leben sie ihre Gewaltfantasien aus.“
„Komm schon. Das habe ich alles schon in meiner allerersten Psychologievorlesung gehört. Ich hätte gedacht, dass du mir mehr verraten könntest.“
Thornton lächelte. „Du warst schon immer schlau. Ein würdiger Gegner. Wenn ich gewusst hätte, dass jemand wie du an meinem Fall arbeitet, hätte ich meine Taktik geändert. Du hast recht, diese Erklärung ist zu simpel, auch wenn sie auf viele unserer Anhänger zutrifft. Man kann sie ganz genau anhand ihrer Briefe erkennen. Todlangweilig. Sie bekommen nie eine Antwort von mir. Nur diejenigen, die tiefer blicken lassen, sind es würdig.“
Alexa hatte einige seiner Fanbriefe gelesen. Der Jersey Devil bekam aus dem gesamten Land Fanpost und sogar aus Japan oder Europa. Er antwortete tatsächlich nur auf wenige Briefe. Sie hatte nicht viel Zeit gehabt, sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen. Außerdem hatte sie Angst, dass, wenn sie zu offensichtlich nachforschte, der Gefängnisdirektor ihrem Boss Bescheid geben würde. Ganz zu schweigen von dem Effekt, den es auf sie persönlich haben würde.
Doch sie musste es einfach wissen. Der U.S. Marshals Service musste sich mit mehr und mehr Serienmördern beschäftigen und sie und ihr Partner waren diejenigen, die diese Fälle zugeteilt bekamen.
„Erzähl mir mehr“, forderte sie ihn auf.
Thornton richtete seinen Blick in die Ferne und antwortete leise.
„In den interessanten Briefen erkennt man einen … Mangel. Ein Verlangen nach mehr. Als wäre die Welt glanzlos. Als langweilten sie sich. Nichts finden sie spannend, nichts fordert sie. Das Leben ist monoton für sie. Es ist ein schreckliches Gefühl, das sage ich dir, und nichts, was man tut, hilft. Weder Alkohol, noch Drogen. Ist dir schon einmal aufgefallen, wie wenig Serienmörder drogenabhängig sind? Die meisten von uns fühlen uns genauso leer, wie wenn wir nüchtern sind. Nein, allein wenn wir auf der Jagd sind, spüren wir etwas, spüren, dass das Leben doch etwas zu bieten hat und wir finden endlich heraus, was unser Schicksal ist.“ Thornton schüttelte sich, lächelte und blickte sie erneut an. „Wie dem auch sei, Drake Logan hat das alles schon viel besser in Worte gefasst als ich.“
„Wie viele von diesen Fans werden selbst zu Mördern?“
„Na, alle, hoffe ich doch!“ Thornton lachte laut auf. Alexa starrte ihn nur an. Nach ein paar Sekunden hörte er auf. „Um ehrlich zu sein, weiß ich es natürlich nicht. Wahrscheinlich nur sehr wenige. Selbst diejenigen unter ihnen, die es ernst meinen, wollen meistens nichts auf Spiel setzen. Schließlich schnappt ihr früher oder später die meisten von uns. Egal, wie vorsichtig wir auch sind, irgendwann macht man immer einen Fehler. Oder man trifft auf einen würdigen Gegner. Außerdem würden die intelligentesten Serienmörder, oder diejenigen, die gegen ihren inneren Drang kämpfen, mir niemals schreiben. Jeder Idiot weiß schließlich, dass meine Briefe genauestens überprüft und Kopien abgelegt werden. Und selbst die, die nicht besonders hell sind, hören auf mir zu schreiben, bevor sie jemanden umbringen. Sie distanzieren sich von anderen Menschen. Jeder von uns ist geradezu paranoid, wenn es darum geht, zu vermeiden gefangen zu werden. Du weißt selbst, wie schwer es ist, uns zu finden, selbst wenn wir einen Haufen Leichen hinterlassen.“
„Aber was, bevor es so weit kommt? Wie können wir einen Serienmörder entdecken, bevor er überhaupt mordet?“
„Ah, jetzt kommen wir endlich zur echten Frage! Ich habe schon darauf gewartet. Ich glaube nicht, dass du unter meinen Briefen jemanden finden wirst. Mir haben schon Leute geschrieben, die jahrelang damit geprahlt haben, dass sie einen perfekten Mord geplant haben, dass sie genau wissen, wie sie die Leiche beseitigen werden. Sie beschreiben seitenlang, wie sie ihr Opfer quälen wollen, aber letzten Endes tun sie es nie. Wenn so ein Brief hier eingeht, bekommt das örtliche Polizeirevier sofort einen Anruf vom Gefängnisdirektor und sie fangen an zu ermitteln. Nicht, dass auch nur einer meiner Fans jemals verhaftet wurde. Die, die am meisten prahlen, tun am wenigsten. Sie wollen einfach nur meine Anerkennung.“
„Also sind es die Stillen und Zurückhaltenden, auf die wir aufpassen müssen.“
„Ganz genau. Viel Glück, die zu finden.“
„Aber immerhin sind es Fans.“
„Oh, natürlich. Ich glaube nicht, dass es auch nur einen Serienmörder gibt, der kein Fan der Männer und Frauen ist, die vor ihm kamen. Manche von ihnen imitieren sogar die Methoden derjenigen, die sie besonders anhimmeln. Sie wissen alles, was man nur über ihr Idol wissen kann und versuchen, ihre Verbrechen genauestens zu replizieren. Nachahmer sind jedoch ziemlich selten. Jedenfalls Nachahmer, die alles richtig machen. Man muss schon ziemlich gut sein, um dem Original nahe zu kommen. Und darüber hinaus noch mehr zu morden. Nachahmer lieben ihre Idole zwar abgöttisch, aber sie wollen sie auch stets übertreffen.“
„Und wie findet man sie dann? Das hast du immer noch nicht beantwortet.“
Thornton neigte seinen Kopf. „Warum sollte ich dir helfen wollen, sie zu finden?“
Alexa lehnte sich nach vorne und sah ihm tief in die Augen. Es war an der Zeit, ihren Plan offenzulegen. „Weil du ein Jäger bist. Aber du bist gefangen und kannst nicht mehr jagen. Vielleicht bekommst du ab und zu einen kleinen Kick, wenn du jemanden abstechen kannst und nicht erwischt wirst, aber das ist nicht wirklich, was du willst. Du willst eine Verfolgungsjagd, du willst dein Opfer überlisten. Du willst einem intelligenten Mörder beweisen, dass du schlauer bist als er. Und du willst es ihm unter die Nase reiben, wenn du es erst einmal geschafft hast.“
Der Jersey Devil nickte und seine Augen funkelten vor Anerkennung.
„Na sieh mal einer an, du weißt ja doch, wie wir ticken. Nun gut, Deputy Marshal Chase, ich werde darüber nachdenken. Das Ganze ist eine ziemliche Zwickmühle, doch hier drin gibt es sonst nicht gerade viel, das mich beschäftigt. Ich werde versuchen, eine Antwort parat zu haben, wenn du mich das nächste Mal besuchst. Übrigens möchte ich nächstes Mal frittiertes Hühnchen und eine große Cola. Wir könnten zusammen im Innenhof essen. Ein bisschen Sonnenlicht würde mir guttun.“
„Das lässt sich arrangieren.“
„Ich freue mich schon.“
Alexa stand auf. Sie hatte alles bekommen, was sie wollte – zumindest fast. Sie wusste, dass wenn sie nur Geduld haben würde, er ihr noch mehr helfen würde, auch wenn es sie anekelte, seine Hilfe annehmen zu müssen. Sie hätte einfach davongehen sollen, doch sie konnte einfach nicht anders, als sich noch einmal umzudrehen.
„Oh ja, ich weiß, wie ihr tickt. So habe ich dich schließlich stellen können, und Drake Logan – zwei Mal.“
Mit den Worten schritt sie davon und das Klackern ihrer Cowboystiefel hallte in dem langen Flur wider. Schon morgen wäre sie endlich wieder in Arizona, um Tiere wie ihn zu jagen und hinter Gitter zu stecken.
Spät abends kam Alexa endlich zu Hause, in der Wüste außerhalb von Phoenix, an. Trotz ihrer Erschöpfung und dem Jetlag konnte sie nicht einschlafen.
Sie tat, was sie immer tat, wenn sie nicht schlafen konnte – arbeiten.
Doch im Moment gab es keinen aktuellen Fall, und sie wusste, dass sie zu dieser Uhrzeit kaum einen der zahlreichen ungelösten Fälle aufarbeiten können würde.
Deshalb widmete sie sich etwas anderem: dem Mord an der Freundin ihres Partners, als er noch zur Schule gegangen war.
Seine Freundin hatte Stacy geheißen, ein Name, bei dem ihr stets ein kalter Schauer über den Rücken lief. Alexas dreizehnjährige Nachbarin, die ihr manchmal mit den Pferden half, hieß ebenfalls Stacy. Diese Tatsache sowie die Erinnerung an den gequälten Gesichtsausdruck ihres Partners, als er ihr beschrieben hatte, wie er ihre Leiche gefunden hatte, spornte sie an.
Das Problem war nur, dass Stuart ihr ihren Nachnamen nicht verraten hatte und auch nicht den genauen Ort oder das Datum des Mordes. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als seinen Namen im Internet zu suchen und darauf zu hoffen, dass der Fall irgendwo erwähnt wurde.
Schnell fand sie seine Highschool auf seinem LinkedIn Profil. Darüber geriet sie auf eine Seite namens Classmates.com, auf dem sich Jahrbücher für seine Schule befanden. Man musste für eine Registrierung allerdings bezahlen, also speicherte sie sich die Adresse lediglich als Lesezeichen. Sie suchte weiter.
Als sie das nächste Ergebnis anklickte, fiel sie fast vom Stuhl. Es war ein FBI-Newsletter mit der Überschrift: „Agent rettet Kind das Leben und erhält Auszeichnung.“
„Special Agent Stuart Barrett wurde gestern von Director Wray eine Auszeichnung für besondere Dienste verliehen. Agent Barrett, ein Veteran, der zwei Einsätze im Irak hinter sich hat, auf denen er mit dem Purple Heart und dem Bronze Star ausgezeichnet wurde, war Mitglied eines Einsatzteams bestehend aus mehreren Agenten und Mitgliedern der örtlichen Polizei, die einen Verdächtigen verfolgt haben, der aufgrund von Drogenschmuggel gesucht wurde. Der Verdächtige konnte in Pennsylvania gestellt werden und hielt das Kind seiner Freundin als Geisel. Er forderte die Agenten dazu auf, sich zurückzuziehen.
„Special Agent Barrett, der es vermeiden konnte, vom Verdächtigen gesehen zu werden, schlich sich hinter das Fahrzeug. Als der Verdächtige ausstieg, um etwas aus dem Kofferraum zu entnehmen, ist Special Agent Barrett in die Schusslinie gesprungen. Der Verdächtige feuerte und Special Agent Barrett wurde angeschossen. Dank seiner schusssicheren Weste erlitt er nur leichte Verletzungen, während die anderen Agenten den Verdächtigen erschießen konnten. Das Kind blieb unverletzt und befindet sich nun in der Obhut des Staates, bis die Ermittlungen gegen die Mutter abgeschlossen sind.
„Special Agent Barrett erhält eine Auszeichnung für außergewöhnlichen Mut im Dienst und für die Selbstlosigkeit, die sämtliche Mitarbeiter des FBI anstreben sollten.“
Alexa lehnte sich zurück und starrte den Bildschirm an. Ihr neuer Partner war so bescheiden, dass er diesen Vorfall nie erwähnt hatte, geschweige denn das Purple Heart oder den Bronze Star. Sie arbeitete mit einem echten Helden zusammen. Natürlich war er nicht perfekt, aber wer war das schon?
Hoffentlich muss ich nicht so etwas auf unserem nächsten Fall durchmachen, dachte Alexa.
* * *
So wie das letzte Mal, als sie Bruce Thornton besucht hatte, war Alexa am nächsten Morgen äußerst motiviert, zur Arbeit zu gehen. Sie litt immer noch ein wenig unter dem Jetlag, doch einen neuen Fall anzugehen, war immer noch die beste Methode, um den Teufel, der immer noch in ihrem Kopf spukte, auszutreiben.
Und genau wie das letzte Mal erwartete sie ihr Partner bereits an der Rezeption des Wolkenkratzers in Downtown Phoenix, in dem die U.S. Marshals ein gesamtes Stockwerk einnahmen, zwischen Versicherungsvertretern und einer Hightechfirma, von denen sie nicht einmal annähernd verstand, was sie genau taten – nicht, dass es sie interessierte. Sie standen nicht einmal auf der Verdächtigenliste ihrer Einheit für Cyberkriminalität.
Ihr Partner, Special Agent Stuart Barrett vom FBI, wartete bereits. So wie er fuhr, war er stets der Erste. Er lehnte an einem der Marmorpfeiler und blickte auf seinen Handybildschirm.
In vielerlei Hinsicht war Stuart das genaue Gegenteil von ihr, was man zuallererst an seiner Kleidung erkannte. Er trug einen konservativen schwarzen Anzug. Aus seiner Hemdtasche lugte eine Sonnenbrille hervor und seine Schuhe waren frisch poliert. Alexa lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie dieser Stadtjunge ausgesehen hatte, als er zusammen mit einem Verdächtigen einen sandigen Abhang hinuntergepurzelt war. Ganz und gar nicht so frisch herausgeputzt wie jetzt.
Aber er hatte ihn schließlich dingfest gemacht. Also war er doch nicht ganz Alexas Gegenteil.
Stuart war etwas klein für einen Agenten, doch er hatte breite Schultern und war so muskulös, wie man es von einem ehemaligen Footballspieler und Soldaten erwartete. Seine blonden Haare waren kurzgeschoren und sein rundes, spiegelglattes Gesicht ließ ihn einige Jahre jünger aussehen als seine dreiunddreißig. Und jetzt gerade sah er noch jünger aus, wie er amüsiert das Video ansah, das gerade auf seinem Handy lief.
Sie ging auf ihn zu und blickte auf den Bildschirm. Mehrere merkwürdige, dreirädrige Autos fuhren auf einer schlammigen Strecke hin und her, stießen immer wieder zusammen und versuchten, einander umzuwerfen. Ein Kommentator mit einem britischen Akzent ratterte atemlos Fakten über die verschiedenen Fahrer herunter.
„Was zur Hölle schaust du da?“, fragte Alexa.
„Reliant Robin. Das ist die englische Version vom Demolition Derby.“
Eines der merkwürdigen Fahrzeuge stieß mit einem anderen zusammen und beide überschlugen sich mehrere Male. Sie landeten auf der Seite und beide Fahrer stiegen aus und grinsten breit.
„Diese Dinger heißen Reliant Robins?“
„Sie waren in den Siebzigern und Achtzigern ziemlich beliebt. Weil sie nur drei Räder haben, zählen sie nicht als Auto und so brauchte man keine Fahrzeugsteuern für sie zu bezahlen.“
„Ziemlich unpraktisch, wenn sie dauernd umkippen.“
„Sind schließlich kopflastig. Das macht es umso lustiger, ihnen zuzusehen.“
„So wie du fährst, würdest du keine zehn Meter weit in einem von den Dingern kommen.“
„Stimmt wohl, aber ich würde mich gerne mal in eins setzen. Hier in Arizona gibt’s auch einen Demolition Derby Ring. Vielleicht mache ich mal mit.“
„Gott steh uns bei. Komm, gehen wir zum Boss.“
Sie stiegen in den Aufzug, drängten sich zwischen die feinen Versicherungsvertreter und CEOs und stiegen im vierten Stock aus. Sie schritten durch den langen, ruhigen Korridor, der mit Fotos ehemaliger U.S. Marshals verziert war. Einige Bilder reichten sogar zurück ins neunzehnte Jahrhundert. Schließlich betraten sie den Empfangsbereich, nickten der Sekretärin zu und gingen in Marshal Hernandez‘ Büro.
Ihr Chef saß an seinem Schreibtisch und telefonierte. Er bedeutete ihnen näherzukommen und sich zu setzen. Er war ein untersetzter Mann mexikanischer Herkunft und mittleren Alters. Sein buschiger schwarzer Schnauzbart war mit grauen Haaren durchzogen, genau wie seine kurzgeschorenen Haare. So wie Alexa trug er ebenfalls Cowboystiefel. Sie wusste, dass sie von einem Schuster in Mexiko-Stadt für ihn handgefertigt worden waren. „Lieber einmal ein vernünftiges Paar kaufen, da hat man sein Leben lang etwas von“, hatte er einmal gesagt, als er besonders gute Laune gehabt, und seine Füße demonstrativ auf den Tisch gelegt hatte.
Doch heute war er nicht so gut gelaunt. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht waren tiefer als sonst.
„Ja. Vielen Dank, Sheriff. Und Sie haben gesagt, dass die Autobahnpolizei die Fahrsperren bereits installiert hat? Sehr gut. Ich schicke Ihnen sofort zwei meiner Leute.“ Er beäugte die beiden. „Zwei meiner Besten. Wir sprechen uns später.“
Er legte auf und drehte seinen Computerbildschirm so, dass sie ihn sehen konnten. Er hatte die Datenbank für Gefängnisinsassen in Arizona geöffnet. Eine Aufnahme eines bemerkenswert attraktiven Mannes Mitte dreißig war zu sehen. Er hatte ein kantiges Kinn, hellbraune Haare und war durchtrainiert. Außerdem sah er anders aus, als der Durchschnittsverbrecher – sein Gesichtsausdruck war geradezu freundlich und offen. Er lächelte sogar ein wenig. Alexa würde alles darauf verwetten, dass er ziemlich extrovertiert war.
„Das ist Robert Tyson, oder auch Robby. Er ist gerade aus dem Gefängnis in Kingman ausgebrochen. Er saß wegen Totschlag. Eine Schlägerei in einer Bar, die das Opfer gestartet hat. Tyson war am Verlieren, also hat er sich eine Flasche geschnappt und sie dem Kerl übergezogen. Gehirnerschütterung. Ist am nächsten Tag im Krankenhaus verstorben.“
„Hatte er Vorstrafen?“, fragte Alexa. Sie wunderte sich über ihre eigene Frage. Bei jedem anderen wäre sie einfach davon ausgegangen, dass er vorbestraft war, doch dieser Kerl sah so wenig aus wie ein normaler Verbrecher, dass sie instinktiv daran zweifelte, dass er schuldig war.
Sie wusste, dass das unprofessionell war, doch man konnte seine unbewussten Vorurteile nur schwer abschütteln.
