Die Oaknight-Chroniken (Bd. 3) - A. E. Leinkenjost - E-Book

Die Oaknight-Chroniken (Bd. 3) E-Book

A.E. Leinkenjost

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Beschreibung

Episches Finale der Oaknight-Chroniken - Drei wagemutige Freunde. - Ein aussichtsloser Wettlauf gegen die Dunkelheit. - Ein schattenreicher Pakt, der alles verändern wird. Die Hoffnung, Hamish noch vor der drohenden Sonnenfinsternis zu finden, treibt Scott, Scarlett und Zavah nach Bragoviszte, dem Heimatdorf ihres geliebten Butlers. Doch als das dortige Lichterfest von einer tödlichen Kreatur heimgesucht wird, tritt das Eingreifen der Zwillinge Ereignisse los, die ihren Widersachern direkt in die leichenblassen Hände spielen ... Ein Pageturner der Extraklasse, nicht nur für Fans von Grusel- und Horrorgeschichten!

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Oaknight-Chroniken

Dämonenjagd bleibt Zwillingssache

Für Helge

Illustrator der Götter und Helden

54321

eISBN 978-3-649-65269-4

© 2025 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise. Die Nutzung des Werkes für das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG ist durch den Verlag ausdrücklich vorbehalten und daher verboten.

Text: A. E. Leinkenjost

Illustrationen: Helge Vogt

Umschlaggestaltung: Frauke Maydorn unter Verwendung

einer Illustration von Helge Vogt

Lektorat: Anja Fislage

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-65180-2.

INHALT

Vorwort

Teil I Die Königin der Kelche

Scarlett

Zavah

Scarlett

Antanasia

Scarlett

Zavah

Scarlett

???

Scott

???

Scott

???

Scott

???

Scarlett

Zavah

Scott

Scarlett

Scott

Zavah

Scott

Scarlett

Scott

Zavah

Scott

Scarlett

Scott

Zavah

Scott

Scott

Zavah

Scott

Zavah

Scott

Zavah

Scott

Teil II Abyssus

Zavah

Scott

Zavah

Scott

Zavah

Scarlett

Scott

Scarlett

Zavah

Scott

Zavah

Scarlett

Scott

Scarlett

Scott

Scarlett

Zavah

Scarlett

Scott

Zavah

Tybalt

Hamish

Teil III Eklipse

Scott

Zavah

Scott

Scarlett

Scott

Zavah

Hamish

Scott

Scarlett

Hamish

Scott

Scarlett

Zavah

Scott

Scarlett

Zavah

Hamish

Scarlett

Tybalt

Teil IV Das Herz des Winters

Scott

Zavah

Scott

Scarlett

Scott

Hamish

Scott

Scarlett

Scott

Zavah

Lucressa

Teil V Licht

Solanine

Scarlett

Zavah

Scott

Scarlett

Hamish

Marya

Danksagung

Vorwort

Die Welt, in die du nun eintauchen wirst, hat ein Geheimnis. Sie mag aussehen wie unsere – wie im Jahr 1799 –, doch sie ist nicht dieselbe. Sie birgt Gefahren, die nur diejenigen überleben, die wagemutig sind. Sie beheimatet Rätsel, die nur du lösen kannst. Ihre Schatten sind so dunkel, so kohlrabenschwarz, dass sie dir lauschen können – also überlege dir gut, wem du von dieser Welt erzählst. Denn wer von den geheimen Chroniken der Oaknights weiß, der muss von diesem Augenblick an gemeinsam mit dir das gefährlichste Abenteuer bestehen, das du dir vorstellen kannst. Wenn du hier also sonderbaren Worten oder längst vergessenen Namen und fremd klingenden Orten begegnest, so lasse dich davon nicht aus der Ruhe bringen. Wenn du allerdings ein Heulen im Wind hörst oder ein scharrendes Kratzen an deiner Tür, dann lauf – und nimm dieses Buch mit dir, wenn du überleben willst.

Genug der Worte.

Du wurdest gewarnt.

Willkommen in den Oaknight-Chroniken!

Teil I Die Königin der Kelche

Scarlett

NACHTBUCH von Scarlett

– Datum weiß ich gerade nicht, trägt Scott bestimmt nach –

Ganz ehrlich, ich ärgere mich noch immer darüber, dass meine innere Bestie sich einfach mir nichts, dir nichts aus dem Staub gemacht hat. Ich weiß, ich weiß, ich bin ja irgendwie auch selbst schuld, und irgendwie habe ich es mir ja sogar gewünscht, aber … ich muss es einfach sagen: Das ist ein Haufen Bullenhinterlassenschaften!

Dabei brauche ich sie gerade mehr denn je. Was für eine verrückte Reise … erst verschwindet Hamish spurlos von Oaknight Manor, dann finden wir heraus, dass ihn ein Vampir – eine Haemophage – einfach entführt hat!

Selbst Arminius, Hamishs Freund, konnte uns bei der Suche zuerst nicht wirklich weiterhelfen … dafür haben wir aber auf seinem Anwesen einen mächtigen Tritt in den Hintern bekommen, als uns diese Mistkröte von einem Blutsauger Tybalt und seine Geschöpfe überrascht haben. Immerhin konnten wir noch mithilfe des Astrolabs von Arminius herausfinden, wo es vielleicht wenigstens eine Spur von Hamish geben könnte: Sein altes Heimatdorf Bragoviszte. Dass ausgerechnet hier unter der anstehenden Sonnenfinsternis ein ururururalter Blutsauger wiedergeboren werden könnte, macht das alles nicht unbedingt einfacher. Dann gab es da noch dieses Schloss, auf dem wir kurz vor Bragoviszte gelandet sind, wo wir vom Garantiert-kein-Blutsauger-aber-tut-sein-Bestes-wie-einer-auszusehen-Fürst-Ganymed und seiner Assistentin Renna den Auftrag bekommen haben, nach einer Haemophage zu suchen, die seit Kurzem das Tal unsicher macht. Leider war bis auf ein längeres Gespräch mit einem ausgestoßenen Totengräber, der sich als Hamishs Vater herausgestellt hat, bisher keiner unserer Versuche besonders erfolgreich, an so etwas wie brauchbare Neuigkeiten zu kommen – selbst Antanasia, die schräge Einsiedlerin, konnte uns nur zur Krypta führen, weil sie vor einigen Monaten einen lauten Knall von dort gehört hat. Ich verwette mein halb abgefrorenes Hinterteil darauf, dass ich dort eine Menge Spuren gefunden hätte, wenn ich noch meine geschärften Sinne hätte.

Dafür fühle ich mich jetzt so, als könnte ich gar nichts mehr beitragen. Meine Nase ist stinknormal, meine Ohren viel weniger haarig, und meine Augen jucken wegen irgendeiner Pflanze, die hier wächst. Immer, wenn ich versucht habe, die Bestie in mir hervorzuholen, kriege ich es einfach nicht mehr hin – da ist noch irgendetwas, aber … das ist so, als hätte sie gesehen, dass ich den Schlüssel zu ihrem Käfig in mir wegwerfen wollte, und sie hat ihn aufgefangen und mir in die Augen gesehen und ihn sich dann einfach in den Mund gesteckt und runtergeschluckt!

Mann. Ich weiß, dass es wichtig ist, dass wir jetzt hier sind – Scott hat uns zurück ins Dorf geschleppt –, aber ich will jetzt gefälligst Hamishs Fährte aufnehmen und ihn finden, nicht hier bei irgendwelchen Fragerunden herumlungern! Wir haben absolut nichts mehr in der Krypta seiner Familie oder auf der Alabasterstätte gefunden, was uns einen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort hätte geben können.

Das ist alles so furchtbar … Mein armer, armer Hamish!

Ich weiß nicht, wie ich das schreiben soll. Ich kann das nicht so gut. Das mit den Gefühlen in Worte packen. Das ist ja auch echt nicht leicht. Es ist so … weißt du, ich konnte es mir einfach nicht vorstellen, dass Hamish so was Schlimmes tun würde. Ich meine, ich weiß, er konnte seine zur Haemophage verwandelte Schwester auch nicht einfach so gehen lassen, nicht nach den Dingen, die sie gemacht hat. Puh, ich wüsste selbst ja nicht mal, was so was mit mir machen würde – und Scott hat ja aber auch irgendwie recht! Und dann denke ich mir zwischendurch: Was, wenn das, was Hamish gemacht hat – seine Schwester (ist sie das überhaupt noch?!) sozusagen, ähm, lebendig in der Familienkrypta zu begraben, wenn das sogar noch viel schlimmer war als die Alternative? Ich habe keine Ahnung mehr, was hier richtig oder falsch ist. Aber ich wette, und zwar so was von, dass ich mächtig schlecht zu sprechen wäre auf jemanden, der mich jahrelang in einem dunklen Grab hat versauern lassen.

Solanine Porter.

Es ist wirklich abgefahren, dass sie anscheinend den ganzen Weg nach Nova Caledonia auf sich genommen hat, um ihn uns wegzunehmen. Woher wusste sie überhaupt, wo sie suchen soll?!

Sollte ja eigentlich keine große Überraschung sein, wenn sie diejenige ist, die man hier schon ein paar Mal gesehen hat. Wenn sie sich in ein Rudel Wölfe verwandeln kann …

Nur kapiere ich nicht, warum sie noch niemanden angegriffen hat. Und was sie mit Hamish gemacht hat – warum ihn erst herschleppen? Hat das was mit dieser Lord-Laertes-dunkle-Wiedergeburt-Sache zu tun, ich meine, weiß sie davon, oder wie?

Scott und Zavah meinen beide, dass die ganze Sache hier echt stinkt (meine Worte) und wahrscheinlich (wie immer! (auch meine Worte)) viel verworrener ist, als wir im Moment wissen … Übrigens:

Kannst du erraten, wo ich jetzt bin, liebes Nachtbuch? Sagen wir mal so: Es wird viel gemeinsam gesungen. (Keine Sorge, nicht von mir.) Viele Menschen fassen sich an den Händen und bilden kleine Ketten und Kreise und wandern dann mit Melodien auf den Lippen durch Bragoviszte. (Hätte gut zu Zavah gepasst, ich weiß, aber die muss gerade Scott helfen.) Es werden Geschichten erzählt. Es gibt abgefahrene Brote voller Pfeffer und Knoblauch – sehr lecker – und geröstete Honigkastanien – ebenfalls sehr lecker – und außerdem noch eine Menge echt heftig gewürztes Hammelfleisch – wir haben sogar was abbekommen, richtig gut! Ich bin jetzt auf einem mit Laternen, Kerzen und Leuchtedingern geschmückten Marktplatz und sitze hier sinnlos rum, während der kalte Wind um die Häuser zieht und die Dunkelheit sich noch breiter macht als sonst, weil mein liebes Brüderlein noch meinte, wir müssten unbedingt auf das Lichterfest. Meinte, wir müssen noch mehr Leute befragen. Tja.

Das macht er jetzt auch. Und mir ist so dermaßen öde, dass ich mich sogar mit dir abgebe, du Krakelwumms. (Nichts für ungut.

Kannst ja nichts dafür, dass du ein Buch bist.) Oh, und Antanasia, mittlerweile die Einzige, die mir hier halbwegs sympathisch ist, hat meinem Bruder den Vogel gezeigt, als sie hörte, dass er sie gern dabeihätte. Glaube, sie ist zu ihrer Hütte zurückmarschiert. Hat sich die ganze Zeit über beschwert, dass sie jetzt immer noch kein Wasser hat. Hoffentlich ist ihr auf dem Heimweg nichts passiert und ihr geht's gut. Ich finde es zwar ziemlich gruselig, dass sie so allein am Waldrand lebt, aber dass sie dabei so schrullig und unerschrocken geworden ist, das finde ich irgendwie toll. Wenn ich alt und grau und gemein bin, dann möchte ich auch mal eine einsame Hütte in einem Wald haben und mich den halben Tag über alle Menschen aufregen, die jünger sind als ich!

Warte mal, Buch, da kommt Scott.

Er sagt, dass viele seine Fragen verrückt finden und dass niemand Hamish gesehen hat oder seine untote Schwester und dass er sich in den Augen der Anwohner den ungünstigsten Moment ausgesucht hat, um solche Fragen zu stellen. Jetzt redet er darüber, dass er sich vorstellen könnte, dass das Lichterfest heute von einer Haemophage angegriffen wird, weil so viele auf einem Haufen sind. Jetzt guckt er komisch, weil ich das alles mitkritzle.

Jetzt fragt er, ob ich ihm überhaupt zuhöre. Ich glaube, jetzt habe ich einen Weg gefunden, wie mir das Kritzeln hier doch Spaß machen könnte, vielleicht – ich mache nur, was Euer Durchlaucht mir aufgetragen hat!

Hey, liest du mit?

Also, mir machts Spaß.

Tja, dann muss Renna wohl nachkommen und unsere Ausrüstung ohne Kutsche herschleppen. Hoffentlich findet sie uns, hm?

Wir mÜsSeN mit äUßeRsTeR ViGiLaNz VoRgEhEn!!!

ScHrEiBsT du da gErAdE eInFaCh NuR mit, was ich Sage, ScHwEsTeRhErZ?

Red, wie alt BiSt Du EiGeNtLiCh?

Das ist NiChT wItZiG!!!

Das hat Spaß gemacht.

Tschüss, Buch, muss los,

bis später

Zavah

Das Fest der wandernden Funken war wahrlich wunderschön.

Zavah sah den Menschen in Bragoviszte dabei zu, wie sie sich in kleinen Gruppen aus Freunden, aus Geschwistern und aus Familien versammelten, um ihre selbst gefertigten Fluglaternchen gemeinsam aufsteigen zu lassen. Ein kleines Meer aus flackerndem Licht schwebte nun hinauf in den tiefblauen Abendhimmel – es mussten Aberdutzende sein – und schenkte dem Firmament neue schimmernde Sternbilder. Es lag eine greifbare Erleichterung in der Luft, jene besondere Weise, mit der Hoffnung Unerträgliches tragbar werden ließ.

Der Wind trug seine Aufgabe sanft heute Nacht: Er flüsterte vom Loslassen, erzählte vom Weiter-Hoffen und sang von der ewig miteinander verwobenen Geschichte dieser beiden Zwillings-Energien.

Ein sonderbares Lied, bemerkte Zavah bei sich. Schon in wenigen Momenten wird es sich jemanden suchen und …

Als sie ihren Blick weiterschweifen ließ, zog die unverkennbare Stimme eines erfahrenen Märchensängers ihre Aufmerksamkeit auf sich – und wie die Kinder, die sich um ihn versammelt hatten, lauschte Zavah ihm.

Sie wurde Ohrenzeugin einer Zusammenkunft des Erinnerns, des Zurückdenkens an schönere, sorglosere Zeiten. Ein Tanz, ein Spiel, in das man einander eingeweiht hatte, für eine kurze Weile des Wiederaufleben-Lassens. Man hörte rundumher Erzählungen der Erwachsenen, wie sie den Kindern von ihren schönsten Funkenfesten berichteten, goldumrahmte Geschichten aus einer Welt, die sicher vor Schmerz und Unglück in einer Glaskugel festgehalten wurden. Die Mythen, die das tapfere Licht dieses Ortes hervorgebracht hatte, waren keine von großen Heldentaten, in denen finstere Monster erschlagen wurden – was, wie Zavah vermutete, der Wahrheit zu nah gekommen wäre –, sondern gelebte Erfahrungen von Zusammenhalt und Gemeinschaft in Zeiten der Düsternis. Vom Überstehen der Nacht, als Familie oder als anderer eingeschworener Bund von Menschen, die einander liebten und aufeinander achtgaben. Zavah erinnerte sich sehnsüchtig an eine ähnliche Tradition.

Zuhause. So weit fort von hier. Nur sehr wenige Menschen wussten davon, aber es war die Gemeinschaft der Lichtwächter gewesen, die diesen Brauch ursprünglich in diese Welt getragen hatte …

Zavah lächelte wehmütig. Nur ihre eigenen alten Lieder fehlten.

Zuhause, wiederholte sie für sich. Kein Ort. Kein Heim. Nur geliebte Menschen.

Der Unterschied dessen, was Zavah still und dankbar beobachtete, zu dem, wie sie sich innerlich fühlte, hätte wohl kaum größer ausfallen können. Sie fühlte sich ausgehöhlt. Taub.

Allein.

Und viel, viel durstiger, als sie es sich eingestehen wollte.

»… wie alt bist du eigentlich?«, beschwerte sich Scott mit vor Empörung verschränkten Armen über seine kichernde Schwester. »Das ist nicht witzig!« Er versenkte theatralisch seine Augenbrauen in seiner Handfläche und schüttelte kaum sichtbar den Kopf. »Was habe ich nur getan, dass ich mit so einer kindsköpfigen Schwester gestraft wurde …« Er nahm die behandschuhten Finger von seinem Gesicht und vollführte eine präsentierende Geste zu Scarlett, die breit grinsend ihr kleines Tagebuch wegsteckte. »Zavah, magst du mir beipflichten?«

»Hm?«, machte Zavah abgelenkt. »Vielleicht warst du ja das nervtötende Geschwisterkind in einer deiner vorherigen Inkarnationen?«

»Also wirklich!«, blaffte Scott und plusterte sich auf wie ein Fasan, dem man auf die Schwanzfedern getreten war. Als sie das sah, fiel Scarlett auf ihrem geborgten Schemel beinahe hintenüber vor Lachen. »Erstens absentiere ich mich entschieden von derlei Aberglauben – Reinkarnation, unerhört! – und zweitens, wenn ich in meinem letzten Leben ein Geschwisterkind war, so war ich ja wohl selbstverständlich der Wohlmaniertere von uns beiden und –«

Tybalt.

Ein süffisantes Lächeln im Gesicht.

Ein beinahe genussvolles Funkeln in seinen Augen.

Zavah spürte, wie ein Ruck durch ihren Körper ging, war sich mit einem Male nicht mehr sicher, ob sie träumte oder wach war … aber doch, doch da vorn stand ganz klar Tybalt, stand mitten zwischen den Feiernden und –

– verschwand wieder.

Zavah blinzelte.

Einmal.

Zweimal.

Das Bild hatte genau so lang gehalten, wie es ebenso eine flüchtige Einbildung getan hätte. Zavah wartete auf eine Gänsehaut, ein Kribbeln, irgendetwas – aber bis auf ihre eigene Verwirrung, Überraschung und Unsicherheit fühlte sie nichts, höchstens ein kaum wahrnehmbares Gefühl von Unbehagen.

»Zavah?«, fragte Scott.

»J-ja?«, antwortete Zavah, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem jungen Adeligen zu. Sie räusperte sich und schob demonstrativ die Brauen zusammen, um Konzentration vorzugaukeln.

Der junge Lord lehnte sich erwartungsvoll vor.

»Du wolltest sagen …?«, sagte er und untermalte die Frage mit einer elegant ausholenden Geste.

»Ich – ich bin mir nicht sicher«, murmelte Zavah.

Scarletts Gesicht verzog sich alarmiert.

»Was ist?«, sagte sie in ihrem unverwechselbaren Ton. Sie kniff die Augen zusammen. »Du hast doch irgendwas.«

»Ach, es ist wahrscheinlich nichts«, erwiderte Zavah abwehrend und kam sich schon dumm vor, ehe sie den Satz beendete. »Nein – nein. Wartet.« Sie atmete bewusst ein und aus, dann sah sie zurück an die Stelle, an der sie zuvor den vermeintlichen Eindruck Tybalts wahrgenommen hatte. »Ich – glaube, ich habe Tybalt gesehen.«

Scotts Augen wurden groß.

»Hier?«, sagte er aufmerksam. »Bist du dir sicher?«

Zavah schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Hm«, machte Scott nur und rieb sich seinen imaginären Rauschebart. Zavah kam nicht umhin, zu fühlen, wie es sich ein kleines Schmunzeln auf ihren Lippen gemütlich machte – herzallerliebst, wie sich seine Denkerstirn immer so in Fältchen legte. »War das das erste Mal, seitdem du hier bist? Dass du glaubst, ihn gesehen zu haben, meine ich?«

Zavah wurde schlecht, als sie bemerkte, wie leicht ihr die Lüge über die Zunge kam. Brennende Scham breitete sich in ihrem Brustkorb aus, als sie sagte: »Es war das erste Mal.« Sie rieb die Lippen aneinander, dann fügte sie hinzu: »Ich habe ihn nur einmal gesehen – dort vorn.« Sie deutete auf die Stelle, etwa zehn Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes. Kurz horchte sie darauf, ob ihre Ergänzung ihr Schamgefühl abmilderte. Das tat es nicht.

Scarlett wechselte einen langen Blick mit ihrem Bruder.

»Kein Risiko?«, sagte sie. »Wenn er wirklich hier ist, dauert es wahrscheinlich nicht lang, bis irgendwo jemand anfängt, zu schreien.«

»Kein Risiko«, erwiderte Scott nickend und hob seufzend eine Augenbraue. »Wir bleiben dicht zusammen.« Er bedachte Zavah mit einem nachdenklichen Blick. »Und wenn du dich irrst, dann haben wir halt ein wenig Zeit mit dem aufmerksamen Studium unserer Umgebung verbracht – stets ein lohnenswertes Unterfangen, mehr, als man landläufig annehmen mag.«

Scarlett verdrehte die Augen. Ihr Bruder zückte unauffällig eine seiner Pistolen und warf sich zeitgleich seinen Umhang so über die Schulter, dass er die Waffe ungesehen am langen Arm tragen konnte. »Aber wenn du recht hast, dann erwischt man uns zumindest nicht mehr so eiskalt wie einst.« Er schien sich lebhaft an die Begegnung auf dem Anwesen von Arminius zu erinnern und räusperte sich pikiert.

Seine Schwester sah zu Boden und kickte ein Steinchen zur Seite. Zavah wurde übel. Was man mit ihr – mit ihnen allen – dort auf dem Anwesen des Ordensmeisters getan hatte, was die Nachtkreaturen sich genommen hatten … es war, als hätte jemand die Grenze zwischen der Realität und ihren schlimmsten Albträumen einfach weggewischt.

»Ich weiß nicht, ob ich eine große Hilfe bin, wenn er wirklich hier sein sollte«, sagte die Jägerin kleinlaut.

»Wir sind zu dritt«, beteuerte Scott. Es klang vernünftig, doch leider nicht besonders überzeugend. »Eine mystische Madame der – ähem – arkanen Künste, eine unüberwindbare Bestie und ein mehrfach royal ausgezeichneter Meisterschütze. Er mag gut sein, sicher, aber so gut bestimmt nun auch wieder nicht.«

Zavah und Scarlett schwiegen steinern, dann, nur wenige Momente später, machten sie sich gemeinsam auf den Weg.

Sie beobachteten zwei der feierlichen Prozessionen durch den Ort. Verfolgten einen Mann mit langem Umhang, ergebnislos. Sprachen mit einer alten Frau und zwei jungen Männern, die gemeinsam auf das Fest gekommen waren. Es dauerte noch einige Minuten des ziellosen Umherirrens, bis Zavah ihn tatsächlich ein zweites Mal sah – noch flüchtiger als zuvor. Er stand mit dem Rücken zu ihnen, den langen Mantel vom kalten Wind erfasst, vor einem der umfunktionierten Marktstände, an denen man gebrannte Mandeln und Starkbier feilbot. Kaum einen Wimpernschlag später verschwand er abermals.

»D-da!«, stieß Zavah aus, ein lautes Flüstern.

Scarlett legte ihre Hand auf ihr Rapier. »Wo?«

»Er – er war bei dem Stand dort hinten.«

Scotts Haltung wurde angespannt. »Exakt diesen Stand habe ich in den letzten Sekunden genauestens ins Auge gefasst – ich muss zugeben, dass ich nicht das Geringste gesehen habe. Bist du dir wirklich sicher?«

Zavah verzog die Lippen. »Ich habe ihn gesehen.«

Scarlett schob abschätzend den Unterkiefer vor. »Könnte das vielleicht eine von deinen Ahnungen sein? Vielleicht … vielleicht war er ja schon einmal hier oder wird noch herkommen oder so etwas? Eine Weissagung?«

»Nein«, beteuerte Zavah. »Das fühlt sich nicht danach an. Es ist weder ein Echo aus vergangener Zeit noch eine Vorahnung.« Sie knetete eine ihrer Haarsträhnen. »Aber in letzter Zeit ist alles so –« Sie brach ab. »Normalerweise fühlt man die Präsenz einer der ihren schon, bevor sie einen Ort mit ihrer Ankunft verunreinigen.« Zumindest tun das Lichtbewahrer, dachte Zavah bitter.

»Dann lasst uns – nur zur Sicherheit – noch einige Momente die Augen offen halten«, ergänzte Scott und sah sich aufmerksam um, während sie ihren Weg fortsetzten. Sie waren jetzt langsam, aber sicher am östlichsten Ende des Marktplatzes angelangt. Auch hier begegneten ihnen Laternen tragende Kinder, Kerzen verteilende alte Frauen und grobschlächtige Männer, die sich lächelnd unterhielten. Selbst als sie sie passierten, schien sich die Laune der Feiernden nicht zu verschlechtern – im Gegenteil grüßte man sie sogar freundlich, wenn auch nur flüchtig. Tiefer im Ort wurden die Bragoviszter zwar weniger, doch ganze Pfade aus winzigen Lampen säumten die kunstvollen kleinen Wege, die alles zwischen den Gässchen miteinander verbanden.

»Könnte glatt schön sein, wenn es hier in der Gegend nicht so viele Blutsauger geben würde«, merkte Scarlett an. »Könnten wir zu Hause ja mal einführen, so ein Funkenfest.«

Das zauberte Zavah zu ihrer eigenen Überraschung ein warmes Lächeln ins kalte Gesicht. »Das wäre sehr schön«, sagte sie und genoss das kurze, angenehme Glücks-Prickeln in ihrem Bauch.

»Dem stimme ich durchaus zu«, ergänzte Scott, sein Gesicht jedoch hoch konzentriert. Zavah legte ihm, ohne es selbst im ersten Augenblick zu bemerken, dankbar eine Hand an den Unterarm, wollte sich wie ganz selbstverständlich bei ihm einhaken –

Zavah erstarrte.

Tybalts Silhouette flackerte hinter einer Hausecke auf, schien über einem reglosen Schatten zu kauern –

– doch dieses Mal verschwand sie nicht.

Scarlett

Scarlett bemerkte es als Erste.

Neben ihr fror die Seherin ein.

Scott ging zwei Schritte voraus, ehe es ihm auffiel.

Scarletts Blick huschte hinüber zu der Stelle, an der die Gestalt lehnte, dann zu ihrem Bruder, der nur abgehackt nickte und Zavah anwies, hinter ihm zu bleiben. Scarlett zog ihr Rapier. Scott beide Pistolen.

Zeitgleich vergewisserten sie sich, ob sie Gefahr liefen, Unschuldige mit in einen Kampf zu ziehen, doch sie hatten sich inzwischen weit genug vom Marktplatz entfernt. Die einzigen Menschen, die man jetzt noch sah, waren drei Frauen, die sich vor einem Hauseingang miteinander unterhielten, ohne sie zu bemerken – jedoch viele Meter entfernt.

Also gut, dachte Scarlett und gab ihrem Bruder mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken zu verstehen, dass sie nun bereit war. Achtsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, stets darauf bedacht, so wenig Laute wie nur irgendwie möglich von sich zu geben. Schööön langsam …

Als sie sich näherten, hielt die Form zum ersten Mal inne. Scarlett erkannte deutlich einen hohen Kragen, zu einem Zopf gebundenes Haar und einen eleganten Dreispitz. Es wurde schlagartig kälter. Die Laute des Marktplatzes verblassten. Die Häusergasse schluckte Licht und Geräusche – bis plötzlich das Krächzen eines Raben von den angrenzenden Dächern schallte. Scarlett beschlich das sonderbare Gefühl, den Startschuss eines Wettrennens gehört zu haben. Der Schatten schien nun nach etwas zu suchen …

Scarlett ging in die Knie, um die letzten Schritte zu pirschen – Scott passte sich an ihre Bewegungen an, legte ihr rechts und links die Läufe seiner Pistolen über die Schultern und zielte standfest auf den Rücken der Haemophage. Hinter ihnen hielt Zavah hörbar den Atem an und –

Der Schatten verschwand.

»Haben wir di–!«, rief Scott, doch hielt inmitten seiner Vorwärtsbewegung inne.

Sie schauten nun alle drei gemeinsam in die einsame dunkle Gasse – und fanden lediglich einen trunkenen Mann vor, der wohl noch kurz zuvor eine Möglichkeit gesucht und gefunden hatte, sich zu erleichtern.

»Jôrbash!«, lallte der Bragoviszter noch, sah sie wankend an, nickte übertrieben und stolperte an ihnen vorbei in Richtung Marktplatz. Er trug eine Art Kostüm und da hörte die Ähnlichkeit zu Tybalt auch schon auf.

Scarlett ließ ihre Schultern und ihr Rapier sinken. »Für eine Seherin hast du dich ganz schön versehen«, sagte sie. »Wenn du –«

Ein grässlicher Schrei durchschnitt die Nacht.

»Was beim –«, keuchte Scott und sie alle drei standen so kerzengerade nebeneinander, als wären sie vom Blitz getroffen worden. »Das kam vom Marktplatz!«

Es dauerte nicht lang, bis mehrere Häusertüren in ihrer Nähe aufgerissen wurden und alarmierte Bragoviszter verwirrt und aufgebracht aus ihren Behausungen traten. Einige machten sich ohne jedwede Umschweife direkt auf den Weg in Richtung Marktplatz.

»Da müssen wir hin!«, rief Scarlett und marschierte los, während eine Frau und ein Mann an ihr vorbeiliefen. Zavah machte einen unsicheren Schritt zurück und an Scarlett vorbei, als Glockenschläge und aufgelöste Rufe laut wurden.

»Wenn wir ihn aber doch hier gesehen haben«, begann Scott und verengte seine Augen zu Schlitzen. »Wenn Zavah uns doch hergeführt hat, dann –«

»Aber –«, hörte Scarlett sie noch hervorbringen, ehe die Seherin abrupt verstummte.

»Oh, wir Idioten!«, fluchte Scott und wirbelte seine Pistolen zurück an die Innenhalterungen seines Mantels. »Das – das mit seinem vermeintlichen Auftauchen war ein verdammtes Ablenkungsmanöver! Er war es tatsächlich – er wollte uns weg vom Marktplatz haben! Ich wusste es! Ich wusste, dass heute etwas –«

Scarlett blieb wie angewurzelt stehen, wandte sich um. Alles in ihr zog sich zusammen.

»Oder es war eine Falle«, fügte sie trocken hinzu.

»Was?!«, rief Scott und rannte bereits, ehe er sich zu ihr umwandte – und seine Augen sich weiteten.

»Z-zavah?«, rief er in die leblose Gasse hinein. Sein Blick zuckte unkontrolliert hin und her. Panik loderte in seiner Stimme auf. »Zavah?!«

Scarlett fluchte.

Die Seherin war fort, als hätten die Schatten selbst sie geschluckt.

Antanasia

Der Abstand war groß genug – so hoffte Antanasia zumindest. Mit verschränkten Armen und ihren Tüchern tief im Gesicht stand sie gerade weit genug weg, um aus dem Augenwinkel nicht sonderlich aufzufallen. Der Versuchung, einfach einen der herrlich duftenden Stände zu überfallen, war allerdings kaum zu widerstehen. Antanasia schmunzelte amüsiert bei dem Gedanken. Sie hätte doch nicht einmal gewusst, womit sie zahlen sollte!

Ein wohlbeleibter Schnauzbartträger mit festlicher Karpatenkleidung marschierte über den Marktplatz und zog Antanasias Aufmerksamkeit auf sich, entgegen den meisten Bragovisztern, die sich alle so schnell wie möglich von einem der schiefen Fachwerkhäuser entfernten.

Zweifelsohne der Bürgermeister.

Ein staksiger Mann hielt ihn auf und gestikulierte wild.

»Es – es ist zu den Androschs ins Haus gelaufen!«, rief er. »Ich habe es genau gesehen! Sie trug ein bunt besticktes Kleid, Armreifen und hatte lange schwarze und zerzauste Haare – sie ist es, Gavrilo! Diese Augen! Diese furchtbaren, glühenden Augen! Die, die wir alle in den Schatten gesehen haben!«

»H-hol die anderen!«, bellte der Bürgermeister zurück, jegliche Farbe aus seinem Gesicht verflogen. »Holt Piken, Sensen, Hämmer und Mistgabeln! Fort mit den Kindern und Alten!« Er sah voller Schrecken zu dem Haus, auf das der Mann gedeutet hatte. »Und schafft mir unbedingt diese Dreikäsehochs vom Orden hierher, auf der Stelle! Alle vier!«

Antanasia lehnte sich vor, ihre Züge ungläubig.

»Wie bitte?«, hörte sie sich ungläubig murmeln.

»Bei den Lichtern!«, rief eine Frau. »Eine Kreatur der Finsternis!«

Antanasia seufzte dramatisch.

Na, hervorragend, hallte es ihr durch den Kopf.

Scarlett

Wohin war die Seherin denn plötzlich verschwunden?

»Das darf doch nicht wahr sein!«, rief Scarlett und sah sich wild um. Dann fluchte sie lautstark – nichts außer durcheinanderlaufenden Bragovisztern weit und breit. »Zavah?!« Sie wandte sich an Scott, der noch immer mit ausgestreckter Hand und leicht geöffnetem Mund auf die Stelle starrte, an der vor wenigen Augenblicken noch ihre Freundin gestanden hatte. »Was sollen wir jetzt machen? Wir müssen sie finden!«

Scarletts Bruder zögerte – seine Augen waren glasig –, dann fing er sich sichtlich und nickte ihr stirnrunzelnd zu.

»Nein, das müssen wir nicht«, sagte er ernst und richtete den Kragen seines Mantels auf.

Scarlett stockte. Sie war sich sicher, dass sie sich soeben verhört hatte. »Ähm – wie bitte? Sag mal, wie kalt–«

»Die Menschen in diesem Dorf brauchen unsere Hilfe – wir können jetzt nicht einfach blindlings nach Zavah suchen, wenn hier Leben auf dem Spiel stehen!«

»Ich –«, Scarlett knurrte frustriert auf und zog ihr Rapier. »Verdammt, das weiß ich doch auch! Aber wir können Zavah doch jetzt nicht einfach –!«

»Sei vernünftig, Red!«, antwortete Scott und zog seine Pistolen.

»Das versuche ich ja! Aber manchmal weiß ich nicht, ab welchem Punkt das einfach nur grausam ist!«

»Wenn man uns vom Marktplatz fernhalten wollte – wo sollen wir denn jetzt deiner Meinung nach suchen?«

»Keine Ahnung – aber wir –«

»Kannst du ihre Fährte aufnehmen?«

»Ich – nein – nein, kann ich nicht«, gestand Scarlett frustriert ein und ließ die Schultern sinken. Sie biss die Zähne zusammen.

Scott musterte sie streng. »Dachte ich es mir. Darüber müssen wir später zweifelsohne reden, hörst du, Red?«, sagte er und winkte sie hinter sich her, als er losmarschierte. »Gibt es diesbezüglich sonst noch irgendetwas, das du mir mitteilen willst?«

»Ich bin mir da selbst nicht so sicher«, sagte Scarlett und schloss auf. Ihnen kamen jetzt immer mehr Menschen entgegen, die angsterfüllte vallachische Flüche ausstießen. Hoffentlich hatte Zavah sich einfach nur irgendjemandem von ihnen angeschlossen und half nun, wo sie konnte – alles andere wollte Scarlett in diesem Augenblick nicht wirklich an sich heranlassen. »Sagen wir mal, ich und meine innere Bestie pflegen zurzeit nicht das allerbeste Verhältnis zueinander.«

Scott hob eine Augenbraue. »Ich war mir nicht im Klaren darüber, dass derlei Dinge wie ein Verhältnis überhaupt mit einer – ähem – inneren Bestie zu pflegen sind«, sagte er und kramte etwas aus den Untiefen seines Mantels hervor. »Für dich. Ich hoffe, sie passen.«

Er streckte ihr einen der beiden stählernen Ritterkragen entgegen – Scarlett hatte sie auf ihrer Reise liebevoll Zahnfee getauft – und sie überraschte sich selbst mit einem Schmunzeln.

»Wurde auch Zeit, dass wir einmal die neue Ausrüstung testen.«

Scarlett legte die Zahnfee umständlich an – ihr Bruder tat es ihr gleich, und sehr zu ihrer Überraschung geriet er dabei überhaupt nichts ins Straucheln wie sonst, wenn er mehr als eine Sache auf einmal mit seinen dünnen Gliedmaßen anstellte, bewegte sich sogar überaus elegant weiter.

»Sehr wohl, Schwesterherz«, bestätigte Scott und drückte ihr einen blitzsauberen Fährtenbeutel in die Hand. »Hier – ich habe mir erlaubt, die Rezeptur ein wenig zu konfigurieren.«

»Ist da dieses Aal-Zeug drin?«

»Exakt.«

»Und was hast du daran verändert?«

»Ich habe ein Granulat daraus hergestellt«, erklärte Scott und wich einer weinenden Frau aus. »Und es mit Schwarzpulver gemischt.«

Dieses Mal war es Scarlett, die eine Augenbraue hob. »Also hast du jetzt so etwas wie eine Pfeffer-Pistole für Haemophagen?« Sie schnüffelte an dem Beutel und verzog das Gesicht. »Und was mache ich dann damit?«

»So wie ich dich kenne«, keuchte Scott und beschleunigte seinen Lauf, »wirst du es irgendeiner armen Haemophage bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zwischen die Kiefer prügeln.«

Scarlett grinste kampflustig. »Jetzt sprichst du meine Sprache, Bruderherz.«

Der Marktplatz sah aus, als wäre er dem letzten Akt von einem dieser dramatischen Theaterstücke entsprungen, die Scott so gern hatte: Etwa zwei Dutzend Menschen hatten mit Fackeln und Mistgabeln eine Gasse vor einem der größeren Häuser des Ortes gebildet – der Rest der Leute aus Bragoviszte schien sich noch immer halb kopflos gegenseitig durch die Gassen zu scheuchen.

»Warten die auf uns, oder …?«, fragte Scarlett vorsichtig, denn es mutete ein wenig so an, als könnte der Aufruhr ihnen gelten und nicht einer dahergelaufenen Haemophage.

Scott zögerte mit gehobener Augenbraue. »Um ganz ehrlich zu sein, Schwesterherz – ich bin mir nicht sicher.«

Einer der Bewaffneten, ein hagerer Mann mit einem groben Hammer, sah sie und deutete mit wilden Bewegungen auf Scarlett und Scott. Einige Rufe wurden laut, und daraufhin setzte sich, wie Scarlett nach wenigen seiner Schritte erkannte, der Bürgermeister höchstpersönlich in ihre Richtung in Bewegung. Neben Scarlett deutete ihr Bruder bereits eine beschwichtigende Geste an, noch bevor sich ihre Hand wie von selbst auf den Griff ihres Rapiers legte.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Scarlett feixend. »Ist dein Vallachisch schon besser?«

»Selbstverständlich«, antwortete Scott. »Und deines?«

Der Bürgermeister sah überhaupt nicht amüsiert aus. Er atmete schwer aus, verschränkte missmutig die Arme und musterte sie finster. Scarlett war sich sicher, dass die Angst hinter seinem Blick nicht ihnen galt – er schien soeben eine schwere Entscheidung abzuwägen.

»Mer-kurrius?«, fragte er nur.

Scott nickte aufrichtig und das schien dem Bürgermeister zu genügen.

Der Mann deutete auf das Heim, vor dem sich nun immer mehr bewaffnete und weinende Menschen sammelten. Er benetzte auf sonderbare Weise die trockenen Lippen, ehe er mit einer Schutzgeste weitersprach. »Sztrigâ.«

Scarlett richtete einen fragenden Blick auf ihren Bruder – Scott lehnte sich aufmerksam vor und hob die Augenbrauen, dann plapperte er los: »Sind Sie sich sicher? Wie sah sie aus? Welche Form hatten die Handfänge, harpyienartig oder skythisch? Hatte sie die charakteristische Lumineszenz der Iris? Wann hat sie Ihrer Einschätzung nach das letzte Mal getrunken? Gab es Anzeichen für –«

Der Bürgermeister funkelte sie ungeduldig und wütend, aber auch mit beinahe hilfloser Besorgnis an – flehend.

»Sztri-gâ!«, wiederholte er.

»Was sagt er da?«, fragte Scarlett unruhig.

»Er hat einen Phänotypen beschrieben«, erklärte Scott. Seine Züge verdunkelten sich. »Striga. Wird auch die ›unstillbare Nimmersatt‹ genannt. Eine der blutrünstigsten Haemophagen, die du dir überhaupt vorstellen kannst.« Er erwiderte den ernsten Blick des Bürgermeisters. »Klassischer Blutdurst.«

»Können die reden?«, fragte Scarlett stirnrunzelnd.

»Nein – der Großteil ihres Gehirns zieht sich nach der Verwandlung zurück, damit der Körper mehr Aufnahmevolumen für Blut hat, genau wie die anderen Organe auch. Diese Haemophagenart kann dadurch nahezu doppelt so viel Blut in sich aufnehmen, wie ein Mensch mit derselben Größe an Maximalkapazität hätte. Mit den – ähem – kognitiven Kapazitäten ist es dann nicht mehr weit her, wie du dir sicher vorstellen kannst.«

»Igitt«, machte Scarlett und verzog das Gesicht. Dann verdrehte sie mit anerkennender Miene den Kopf und machte sich daran, einfach an dem Bürgermeister vorbeizuspazieren. »Dann mal los, würde ich sa–«

Der Mann hielt ihr den Arm in den Weg und sagte etwas.

Als Scarlett stehen blieb, warf sie abermals einen fragenden Blick hinüber zu ihrem Bruder.

»Was hat er?«, fragte sie, während der Bürgermeister weitersprach. Es wirkte nachdrücklich, hektisch.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Scott hoch konzentriert. »Er – ich glaube, er fragt – er fragt nach …« – Scott runzelte die Stirn und hob fragend die Hand – »vatâ?«

Der Bürgermeister nickte energisch und hob dann zwei Finger.

»Doâ vete«, brummte er.

Scott kniff die Augen zusammen.

»Doâ?«, wiederholte er überrascht und verwirrt, dann schenkte er dem schnauzbärtigen Mann ein aristokratisches Kopfschütteln. »Ähm, nein, ähm – oh vatâ. Wir sind nur mit einer Freundin hier.« Die Augenbrauen des Bürgermeisters verkeilten sich förmlich ineinander.

»Unde est'ea?«, sagte er. Sein Ton war misstrauisch, warnend.

Scott räusperte sich entschieden. »Sir, auch wenn ich Ihrer Sprache nicht mächtig bin, möchte ich hiermit zum Ausdruck bringen, dass Zeit in dieser Angelegenheit essenziell ist. Ich kann Ihnen versichern, dass unsere Begleiterin sicher bald wieder auftauchen –«

Scarlett sah dem Bürgermeister klar an, dass er mit so einer Antwort nicht wirklich zufrieden war, dann schloss er resigniert seufzend die Augen und nickte ihnen fast befehlshaberisch zu. Sein Finger deutete steif auf das Haus. Er schwitzte, obwohl es beinahe klirrend kalt war.

»Fâ rog«, sagte er leise und sah Scarlett dabei durchdringend an. »Hel-fen. Vemei ci kopii.« Dann ließ er sie gehen.

»Was war das?«, fragte Scarlett flüsternd, als sie sich gemeinsam mit Scott auf das Haus zubewegte. Die Blicke der anderen Menschen, die ihnen beinahe Spalier standen, wankten zwischen Angst, Erleichterung und blanker Fremdenfeindlichkeit. Eine Allee aus Bragovisztern teilte sich vor ihnen wie ein graublaues Meer.

»Was genau?«, fragte Scott leise zurück und versuchte deutlich, sich nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm ihm die Situation war. »Meinst du die letzten beiden Worte, die er an dich gerichtet hat?«

»Ja.«

»Ich glaube, das bedeutete so viel wie … ›Frauen und Kinder‹.«

»Das meinte ich nicht«, antwortete Scarlett, konnte sich aber nicht gegen das mulmige Gefühl wehren, das Scotts Übersetzung hinterließ. »Das davor.«

»Mit den zwei Mädchen in unserer Begleitung?«, sagte Scott und winkte ab. »Vielleicht habe ich ihn auch falsch verstanden. Aber ich glaube, er wollte vor allem wissen, wo Zavah in diesem Augenblick steckt.«

Ein mehr als ungutes Gefühl breitete sich in Scarletts Bauch aus, als die Menschen hinter ihnen wieder zusammenflossen und sie an dem Haus vor ihnen hinaufsah.

»Das wüsste ich allerdings auch gern«, seufzte sie. »Hoffentlich ist sie in Ordnung.«

Zavah

Finsternis.

Ein Meer aus flüsternden Schattenspielen.

Und ein Wort …

Herzlos.

Die zwei leichenkalten Hände, die ohne jede Vorwarnung aus dem Häuserschatten hinter Zavah in ihrem Sichtfeld erschienen waren, pressten sich noch immer auf ihren Hals und ihren Mund. Ihr Herz sollte schlagen wie verrückt, sich panisch gegen das Innere ihres Brustkorbs werfen wie ein verängstigtes Tier – doch stattdessen war da eine schreckliche Ruhe, fast ein erwartungsvolles Herbeisehnen.

Die andere Seite …

Man hörte noch immer die Stimmen Bragovisztes, seinen Lärm, konnte das Feuer und das Bratenfett riechen, doch alle Sinneswahrnehmungen waren sonderbar gedämpft, so als würde jemand Zavah die Ohren zuhalten und einen pechschwarzen Schleier über ihr Augenlicht winden.

»Zavah?«, rief Scotts Stimme inmitten des ausbrechenden Chaos. »Zavah!?«

H-hier! Hier!

Alles versank, weiter fort von den Stimmen, tiefer in die Dunkelheit. Zavah spürte, dass sie sich irgendwie wehren musste, kratzen, treten, schreien, doch jeder Ansatz von Gegenwehr wurde direkt in ihrem Inneren im Keim erstickt. Eine widerlich süßliche, aber eiskalte Vorfreude breitete sich in ihrem Bauch aus, doch Zavah wusste genau, welche bösartige Täuschung dahinter lag. Sie sollte sie einlullen, schläfrig machen, unwachsam …

N-nein …!

Ein kehliges, zurückhaltendes Lachen erklang.

Tybalt.

»Oh, welch trister Ort«, flüsterte seine Stimme so nah an Zavahs Ohr, dass sich eine Gänsehaut auf ihrer Wange und ihrem Hals ausbreitete. Das widerwärtige Geräusch langsam springenden Porzellans erklang – und plötzlich schwebten zwei nadelspitze Eckzähne über Zavahs pulsierender Halsschlagader. »Er könnte wirklich ein wenig Farbe vertragen, findest du nicht? Wie wäre es mit einem Sprenkel … Rot?!«

Scarlett

Scarlett wagte es kaum, Luft zu holen, als sie über die Schwelle traten. Es lag nicht an dem überwältigenden Geruch von Kupfer, kaltem Schweiß oder Räuchergehölzen. Da war etwas ganz und gar Sonderbares, was über diesem Haus lag, wie ein unsichtbares Gewicht, das sich in das Holz grub und es ächzen ließ …

»Scott?«, flüsterte Scarlett, so leise sie konnte.

Irgendwo, weit oben, raunte das Haus, Bretter knirschten, altes Holz knackte peitschenartig, dann herrschte gespenstische Stille.

»Direkt hinter dir, Red.«

Ein Schluchzen erstickte in den Schatten um sie herum. Scarletts Blick zuckte vorwärts. Eine umgestürzte Laterne warf wild flimmernde Schatten auf den Boden des ausgestorbenen Hausflurs. Scott deutete auf die zerbeulten Treppenstufen, die weiter ins Dachgeschoss und auf den Dachboden führen mussten, dann gab er Scarlett mit einem Wink zu verstehen, zuerst das Erdgeschoss absuchen zu wollen. Scarlett pirschte vorwärts, alle Muskeln in ihrem Körper so gespannt wie der Pfeil in einer Armbrust. Sie sah die winzige Küche, einen offenen Vorratsraum – und die Überbleibsel von dem, was einmal der Zugang zur guten Stube gewesen sein musste.

Die Tür war vollkommen zerfetzt. Kratzspuren, von denen jede größer und länger war als Scarletts Unterarm, hatten die beiden Holzbalken, von denen sie einst eingerahmt gewesen sein musste, an mehreren Stellen durchgebrochen. Die zugehörige Wand sah aus, als wäre eine Meute rasender Bullen immer und immer wieder mit dem Kopf davor gelaufen.

»Hallo?«, machte Scott. Plötzlich schien er in sich zu gehen und flüsterte: »S-sey av-avlar – wie war doch gleich – kinewâ – ähm – acolô?«

Etwas daran, wie sich seine laut gewordene Stimme mit der bis zum Zerreißen gespannten Luft mischte, ließ Scarlett schaudern. Sie hielt ihren Bruder an der Schulter zurück und warf ihm einen beunruhigten Blick zu, der ihn augenblicklich verstummen ließ. Alles in ihr, jeder Instinkt, schien ihr zuzurufen – keinen Laut mehr!

Die Antwort war ein plötzliches Rascheln – direkt aus der Stube vor ihnen. Ein sonderbarer Laut erklang, als wenn jemand ein Wort durch einen schweren Schal rufen würde. Scarlett winkte ihren Bruder mit der Spitze ihres Rapiers vorwärts.

Scott atmete tief durch, dann hob er seine Pistolen und hielt sichtbar die Luft an – wie immer, wenn er genau schießen wollte. Scarlett wusste nicht, was hier auf sie und ihren Bruder wartete – aber eines stand fest: Auf so engem Raum, mit so wenig Möglichkeiten, auszuweichen, sich wegzuducken – eingeschlossen mit einem wild gewordenen Etwas, das längst tot war, keine Schmerzen spürte, und nur von alles verzehrendem Hunger angetrieben wurde … hier würde es sehr schnell hässlich werden.

Scarlett trat durch die Überreste der Tür – und zuckte überrascht zusammen, bei dem Anblick, der sich ihr bot.

Es waren mindestens acht Gestalten. Scarlett blinzelte: zwei Bragoviszter in hohem Alter, die sich aneinander festhielten und ein wimmerndes Mädchen in ihrer Mitte schützten. Ein bewusstloser vollbärtiger Mann mit Holzsplittern in der Schulter. Eine junge Frau mit gütigen Zügen, die zwei kleine Jungen umklammerte und mit der freien Hand versuchte, den Mann zu wecken. Als sie Scarlett sahen, wurden ihre Augen groß. Das ältere Paar schüttelte heftig mit dem Kopf, während das Mädchen sich noch fester an sie schmiegte. Scarlett wollte instinktiv den Mund öffnen, um etwas zu fragen – als sie augenblicklich von der jungen Frau unterbrochen wurde, die panisch den Kopf schüttelte und einen Finger vor den Mund legte.

Scott haspelte ungelenk ein Wort auf Vallachisch, wies auf den Flur und den offen stehenden Hauseingang, durch den ein rot glühender, scharf geschnittener Lichtkegel hineinfiel.

Das ältere Paar sah sich an, der betagte Mann sprach beruhigend auf seine Frau ein, half ihr und dem Mädchen auf. Die kleinen Jungen, die sich an die jüngere Frau pressten, schienen kurz davor zu sein, lautstark in Tränen auszubrechen.

Scarlett wurde hellhörig, als es über ihr laut knackte – und es Staub von der Decke rieselte. Irgendetwas schleicht da oben noch umher, dachte sie, dann nickte sie energisch in Richtung des Flurs, der in Richtung Marktplatz führte, und funkelte die zusammengekauerte Familie auffordernd an.

Das Kopfschütteln wurde immer verzweifelter – die junge Frau wies mit dem Blick immer wieder nach oben zur Decke, wobei ihr langes nussbraunes Haar ihr schweißdurchnässt an ihrer Stirn festklebte. Ihre Augen flackerten derart vor Furcht, dass man denken konnte, es wären Irrlichter darin eingeschlossen. Scarlett sah jetzt, dass der Fuß der Frau in einem unnatürlichen Winkel abstand und dick angeschwollen war.

Scott half dem erwachenden Mann neben der Tür auf, der zuerst erschrak, dann aber eifrig nickte, als Scarletts Bruder ihn nach draußen wies.

Gerade als Scarlett dachte, es hätte schlimmer kommen können – nahezu die Hälfte der Familie war bereits auf dem Weg ins Freie –, begann irgendwo hoch oben über ihnen ein Kind zu weinen. Direkt gefolgt von einem ohrenbetäubenden Krachen und einem Brüllen, so widernatürlich, dass sein Laut allein für einen Monat voll bitterschwarzer Albträume ausgereicht hätte.

»Agnya – mika nastrâ Agnya!«, stammelte die junge Frau, sprang plötzlich auf die Treppe zu und brach unter ihrem verletzten Fuß zusammen. Sie biss die Zähne aufeinander und Tränen liefen ihr über das Gesicht, aber sie gab keinen Mucks von sich. Als ihr flehender Blick den ihrigen traf, spürte Scarlett, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten – aber nicht vor Angst.

Dieser Blick … machte etwas mit ihr.

Zu wissen, dass jemand Wehrloses dort oben vollkommen allein mit einem tatsächlichen Monster war, ließ ein silbernes Feuer über ihre Schultern, ihren Rücken und ihren Hals flackern. Der Griff um ihr Rapier wurde für einen langen Moment so fest, dass sich ihre Finger in dessen lederumwickeltes Metall senkten.

»Ich lasse nicht zu, dass ihr etwas passiert«, hörte sich Scarlett murmeln. Der alte Mann half der Frau zurück in den Stand und stützte sie auf dem Weg hinaus. Als sie an Scarlett vorbeihinkte – und ihr mit tiefer Dankbarkeit in den Augen eine zitternde Hand auf das Brustbein legte –, da musste Scarlett kein Wort Vallachisch verstehen, um zu wissen, dass die Frau sie soeben gesegnet hatte.

Scott sah der flüchtenden Familie noch einen Augenblick nach, dann blickte er in dem kleinen Treppenhaus nach oben.

Das Poltern und Knurren verstummte schlagartig.

Bereit?, fragte Scotts Blick. Eine Warnung schwang darin mit. Eine Erinnerung an ihr letztes Aufeinandertreffen mit Haemophagen.

Scarlett hielt sich die gesegnete Stelle unter ihrem Schlüsselbein, die noch immer leicht prickelte, schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und nickte ihrem Bruder entschlossen zu.

Bereit.

Dann begannen sie den Weg nach oben.

???

Die Stille blieb unerträglich leer. Bis …

Poch.

Was geschah hier?

Pa-poch.

Nein!

Warum klang es so anders, so fürchterlich falsch?

Pa-poch.

Nein, bitte nicht!

Ein sonderbarer Schleier der Taubheit legte sich über die Welt.

Pa … poch …

Pa …

Poch …

Und die Stille kehrte zurück.

Gnadenlos.

Kalt.

Endgültig.

»… abermals dorthin«, hallte es aus der Schwärze hinter Zavah. Sie verstand nicht, was diese Laute bedeuteten, und es kümmerte sie auch nicht. Einfache Worte waren nun auch nicht mehr von Belang, hier, an diesem Ort der Düsternis. Gefühle waren belanglos in solcher allumfassenden Finsterkeit. Einst, so meinte sie sich zu erinnern, hätte sie diese ach so klaren Wahrheiten als Lügen bezeichnet, doch … dieses Leben schien nun eine Ewigkeit her zu sein. Nichts, nichts blieb mehr.

Außer einem.

Der Durst.

»Wundervoll«, schallte es erneut wider, aus allen Richtungen gleichzeitig. »Und jetzt geh spielen.«

Scott

Das Dachgeschoss war nur noch wenige Meter entfernt – doch die Stufen schienen endlos.

Scott trat