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Englands Großmeister der Angst! Existiert das verrufene Fortyfoot-Haus wirklich, oder ist es eine Spiegelung aus Vergangenheit oder Zukunft? Und was haust dort auf dem Dachboden? Ratten? Nein, es ist Brown Jenkin ? und der ist weitaus schlimmer, als es Ratten je sein könnten. Bestsellerautor Graham Masterton zollt mit diesem großartigen Alptraum in Prosa seinem Vorbild H. P. Lovecraft Tribut. Peter James: 'Masterton erzählt die ungewöhnlichsten und schaurigsten Geschichten.' L'Express Paris: 'Mastertons Romane sind faszinierend, gewagt und gespenstisch zugleich. aber immer hervorragend recherchiert.' San Francisco Chronicle: 'Der Hohepriester des Schreckens, der würdige Erbe von Edgar Allan Poe!'
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Seitenzahl: 544
Veröffentlichungsjahr: 2014
Aus dem Englischen von Ralph Sander
1. Auflage Juli 2014
Originaltitel: Prey
Copyright © 1992 by Graham Masterton
Copyright © dieser Ausgabe 2014 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Daniel Berard – www.danielberard.com
Alle Rechte vorbehalten
eBook 978-3-86552-344-0
»Kleiner Junge, aß ’ne Pflaum, Cholera kam, aus der Traum.
Größ’rer Junge, Möwennest: Seil gerissen, Leichenfest.
Kleines Mädchen, Farbenspaß, leckt am Pinsel, biss ins Gras.
All die Kinder, oh du Graus, nunmehr sind sie Jenkins Schmaus.«
Viktorianischer Kinderreim, 1887
»Das Objekt, das nicht größer als eine ausgewachsene Ratte war und von den Leuten im Dorf ›Brown Jenkin‹ genannt wurde, schien die Folge einer Massenhysterie gewesen zu sein, da 1692 nicht weniger als elf Personen ausgesagt hatten, es gesehen zu haben. Es gab auch Gerüchte jüngeren Datums, die bemerkenswerte und beunruhigende Übereinstimmungen aufwiesen. Zeugen erklärten, es habe langes Haar und die Gestalt einer Ratte gehabt, während das pelzige Gesicht mit seinen spitzen Zähnen etwas bösartig Menschliches aufwies und die Pfoten an winzige menschliche Hände erinnerten. Die Stimme glich einem abscheulichen Kichern und es konnte in allen Sprachen sprechen. Von allen bizarren Monstrositäten, die Gilman in seinen Träumen sah, erfüllte ihn keine mit größerer Panik und stärkeren Schwindelgefühlen als dieser blasphemische und winzige Hybride. Dessen Bild verfolgte ihn in seinen Visionen tausendmal hasserfüllter als alles andere, was sein Verstand aus den antiken Aufzeichnungen und neuzeitlichen Berichten abgeleitet hatte.«
H. P. Lovecraft, The Dreams in the Witch-House
Kurz vor Sonnenaufgang wurde ich von einem verstohlenen, schlurfenden Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Ich lag da und lauschte. Schlurf. Dann wieder. Schlurf, schlurf, schlurf. Anschließend Stille.
Die dünnen, mit Blumenmustern verzierten, Vorhänge vor dem Fenster wurden von einer schwachen Brise bewegt, die auch die Fransen des Lampenschirms zucken ließ wie die Beine eines von der Decke herabhängenden Tausendfüßlers. Ich lauschte, so intensiv ich nur konnte, aber ich vernahm nur die rauschende See und das geschwätzige Flüstern der Eichen.
Wieder ein Schlurfen. Diesmal aber so weit entfernt und so schnell, dass es alles Mögliche hätte sein können, vielleicht ein Eichhörnchen auf dem Dachboden oder eine Schwalbe unter dem Dachgiebel.
Ich drehte mich um und vergrub mich tief in die glatte Satinbettwäsche. In fremden Häusern schlafe ich immer schlecht – seit Janie mich verlassen hatte, schlief ich nirgends mehr gut. Nach der gestrigen Fahrt von Brighton, nach dem Übersetzen von Portsmouth hierher und nach einem ganzen Nachmittag, den ich damit verbrachte, Koffer auszupacken, war ich todmüde.
Danny war in der Nacht auch zweimal aufgewacht. Zuerst, weil er Durst hatte, und später, weil er sich fürchtete. Er sagte, er habe irgendetwas auf der anderen Seite seines Schlafzimmers gesehen, etwas Zusammengekauertes und Dunkles, aber es waren nur seine Kleider gewesen, die über der Stuhllehne hingen.
Mir fielen die Augen zu, aber ich konnte nicht einschlafen, so sehr ich auch wollte. Ich hätte alles dafür gegeben, eine Nacht, einen Tag und, ja, noch eine Nacht einfach nur durchzuschlafen. Ich döste nur, und einen Moment lang träumte ich, dass ich wieder in Brighton war, dass ich unter einem grauen Himmel durch die Straßen von Preston Park ging, entlang an Terrassen aus roten Ziegelsteinen. Ich träumte, dass ich jemanden aus meiner Parterrewohnung eilen sah, eine große männliche Gestalt mit langen Beinen, die mir ihr spitzes weißes Gesicht zuwandte und mich anstarrte, um dann davonzurennen. ›Der Schneider aus dem Struwwelpeter, der dem Daumenlutscher die Daumen abschneidet‹, schoss es mir durch den Kopf. ›Es gibt ihn wirklich.‹
Ich versuchte, ihm nachzulaufen, aber auf irgendeine Weise hatte er es geschafft, auf die andere Seite des Zauns zu gelangen, der sich um den Park zog. Blassgraues Gras, Pfaue, die wie misshandelte Kinder schrien. Ich konnte nichts anderes machen, als auf meiner Seite des Zauns neben ihm herzulaufen und darauf zu hoffen, dass er immer noch in Sichtweite sein würde, wenn ich endlich ein Tor erreichte.
Mein Atem dröhnte wie Donner in meinen Ohren. Meine Füße klatschten wie die eines Clowns auf dem geteerten Weg. Ich sah aufgeblasene Gesichter, weiße Ballons mit menschlichem Antlitz, die mich angrinsten. Und ich hörte ein kratzendes, schlurfendes Geräusch, so als wäre ein Hund dicht hinter mir, dessen Pfoten auf dem Asphalt ein leises Klicken verursachten. Ich drehte mich um, und mit einem Mal war ich wach. Ich hörte ein wildes, lärmendes Umhereilen, viel lauter als von einem Eichhörnchen oder einem Vogel.
Ich befreite mich aus der Decke und setzte mich auf. Die Nacht war heiß gewesen und meine Laken waren zerknittert und schweißgetränkt. Ein weiteres schwaches, zögerliches Kratzen war zu hören, dann herrschte wieder Stille.
Ich nahm meine Uhr vom Nachttisch. Es war noch nicht hell, aber das wenige Licht genügte, um zu sehen, dass es 5:05 Uhr war. Jesus!
Ich schleppte mich aus dem Bett und ging hinüber zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Der Himmel war so weiß wie Milch und hinter den Eichen zeigte sich auch die See in einer milchig weißen Färbung. Das Fenster meines Schlafzimmers war nach Süden ausgerichtet. Von hier konnte ich den größten Teil des zur See hin abfallenden Gartens sehen, die vernachlässigten Rosenbeete, die Sonnenuhr, dahinter die Stufen, die hinunterführten zum Fischteich, und den Weg, der danach im Zickzack zwischen den Bäumen bis zum hinteren Gartentor verlief.
Danny hatte bereits herausgefunden, dass es von diesem Gartentor bis zur Küste nur ein kurzer, steil abfallender Spaziergang war, der an einer Reihe hübscher kleiner Cottages mit Blumenkästen voller Geranien auf jeder Fensterbank entlangführte. Am Strand: Steine, eine schaumige Brandung, an Land getriebener Tang und ein kühler salziger Wind, der von Frankreich herübergeweht kam. Wir waren am Abend zuvor dort hinabgestiegen, hatten uns dann den Sonnenuntergang angesehen und mit einem Fischer aus dem Dorf gesprochen, der Schollen und Heilbutt fing.
Weiter links vom Garten, am anderen Ufer eines schmalen überwucherten Bachs, stand eine zerfallene Steinmauer, dick mit Moos überzogen. Von der Mauer fast völlig verdeckt wurden 60 bis 70 Grabsteine – Kreuze und weinende Engel – und eine kleine gotische Kapelle, deren Fenster kein Glas mehr aufwiesen und deren Dach vor langer Zeit eingestürzt war.
Laut Mr. und Mrs. Tarrant hatte die Kapelle einst Fortyfoot House und dem Dorf Bonchurch gedient, doch mittlerweile fuhren die Bewohner zum Gottesdienst nach Ventnor, falls sie sich überhaupt irgendwohin in eine Kirche begaben. Fortyfoot House stand leer, seit die Tarrants ihr Fliesengeschäft verkauft hatten und nach Mallorca ausgewandert waren.
Ich fand den Friedhof nicht besonders unheimlich, eher traurig, weil man ihn so hatte verkommen lassen. Hinter der Kapelle erhoben sich die dunklen, einer Zirruswolke ähnlichen Umrisse einer riesigen uralten Zeder, einer der größten, die ich je gesehen hatte. Etwas an diesem Baum verlieh der Landschaft eine Aura der Erschöpfung und des Bedauerns, dass es nie wieder so sein würde wie früher. Aber irgendwie verlieh er auch eine Aura der Kontinuität.
Um diese Zeit am frühen Morgen war der Garten so farblos wie alles andere auch. Fortyfoot House sah so aus wie auf dem alten Schwarz-Weiß-Foto von 1888, das im Flur hing. Das Bild zeigte einen Mann, der mit einem schwarzen Zylinder und einem schwarzen Frack im Garten stand. Mir war, als könnte er jeden Augenblick zurückkehren, genau so, wie er dort zu sehen war, farblos, streng, mit einem Backenbart und den Blick starr auf mich gerichtet.
Ich konnte mir eigentlich einen Kaffee machen; sinnlos, zu versuchen, noch etwas länger zu schlafen. Die Vögel hatten zu zwitschern begonnen, und die Finsternis zog sich so rasch zurück, dass ich schon die schlaffen Tennisnetze auf der anderen Seite des Rosengartens, das mit Flechten überzogene Gewächshaus und die verwilderten Erdbeerbeete erkennen konnte, die im Westen an Fortyfoot House grenzten.
»Ich hoffe, dass es Ihnen Spaß macht, Mr. Williams, Ordnung im völligen Chaos zu schaffen«, hatte Mrs. Tarrant gesagt und durch ihre kleine Sonnenbrille auf ihren Garten geblickt. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass sie Fortyfoot House nicht sehr mochte, auch wenn sie immer und immer wieder erklärt hatte, wie sehr sie es vermisse.
Ich öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür, um Danny nicht aufzuwecken, der im Zimmer nebenan schlief, dann schlich ich leise durch den schmalen Flur im Obergeschoss. Egal, wo ich hinsah, überall entdeckte ich etwas, das für mich Arbeit bedeutete. Feuchtigkeit hatte auf der blassgrünen Tapete große Flecken hinterlassen, die Deckenfarbe schälte sich ab, die Fensterbretter waren verrottet. Die Heizkörper waren undicht, die Ventile mit Kalk überzogen. Das gesamte Haus roch verwahrlost.
Ich erreichte die oberste Stufe der steilen, schmalen Treppe und wollte gerade nach unten gehen, als ich das Schlurfen erneut hörte – es war mehr ein Huschen als ein Schlurfen. Ich zögerte. Es klang so, als komme das Geräusch vom Dachboden. Nicht vom Dachvorsprung, was ich erwartet hätte, wenn es nistende Vögel gewesen wären. Sondern von der Mitte des Dachbodens, fast so, als habe sich etwas diagonal über den Fußboden bewegt.
Eichhörnchen, dachte ich. Ich hasse Eichhörnchen. Sie sind so zerstörerisch und sie essen ihre Jungen auf. Vermutlich hatten sie den gesamten Dachboden übernommen und ihn zu einem riesigen stinkenden Eichhörnchenreich gemacht.
Neben dem Treppenabsatz gab es eine kleine, mit Tapete beklebte Tür, die nicht direkt ins Auge fiel. Mrs. Tarrant hatte mir gesagt, dass dies der einzige Zugang zum Dachboden sei, auf dem sie auch nur wenige Möbelstücke eingelagert hatten.
Ich öffnete die Tür und spähte hinein. Der Speicher war stockfinster und der Luftzug wehte mir von Trockenfäule geprägte, stickige Luft entgegen. Ich horchte, konnte aber nur den Wind hören, der sich unter den Dachziegeln fing. Das Kratzen war wieder verstummt.
In der Nähe der Tür ertastete ich einen altmodischen braunen Lichtschalter, doch egal, wie oft ich ihn betätigte, es passierte nichts. Entweder war die Glühbirne durchgebrannt oder die Leitungen waren verrostet. Vielleicht hatten auch die Eichhörnchen die Kabel durchgebissen. Am gegenüberliegenden Treppenabsatz sah ich einen großen Spiegel, den ich so ausrichtete, dass er das wenige Sonnenlicht des frühen Morgens reflektierte und wenigstens die ersten Stufen der auf den Dachboden führenden Treppe schwach beleuchtete. Ich fand, dass es eine recht gute Idee war, mich zumindest einmal schnell umzusehen, damit ich wusste, mit wem oder was ich es zu tun hatte. Ich hasse Eichhörnchen, aber sie sind mir immer noch lieber als Ratten.
Ich zog den Teppich aus dem Flur herüber, damit er die Tür zum Speicher daran hinderte, hinter mir zuzufallen, dann betrat ich vorsichtig die ersten drei Stufen. Sie waren extrem steil und mit dickem braunem Filz belegt, wie ich ihn seit 20 Jahren bestimmt nirgends mehr gesehen hatte. Der Luftzug wehte mir beständig entgegen, aber es war keine frische Luft, eher wie verbrauchter Atem, so als atme der Dachboden aus.
Auf der vierten Stufe hielt ich kurz inne, um wieder zu horchen, gleichzeitig konnten sich meine Augen an den schwachen Lichtschein gewöhnen. Es überraschte mich, dass zwischen den Dachziegeln kein einziger Lichtstrahl hindurchdrang. Offenbar befand sich das Dach noch immer in gutem Zustand. Das bleiche Licht, das der Spiegel reflektierte, war keine große Hilfe, aber ich konnte immerhin einige Umrisse auf dem Dachboden ausmachen. Etwas, das aussah wie ein Sessel. Etwas, das aussah wie ein kleiner Schreibtisch. Im Winkel zwischen Fußboden und Dach etwas, bei dem es sich um einen Berg alter Kleidung handeln mochte, das aber ebenso gut ein sonderbar geformtes Möbelstück unter einem Laken sein konnte.
Es hing Trockenfäule in der Luft. Das roch ich. Aber es war auch noch ein anderer Geruch da. Ein schwacher süßlicher Geruch wie der von Gas oder von einem verwesenden Vogel, der sich in einem Kamin verfangen hatte. Ich konnte nicht sagen, was es war, aber zumindest, dass ich diesen Geruch nicht mochte. Ich beschloss, später noch einmal mit einer Taschenlampe hierherzukommen, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Gerade wollte ich wieder nach unten gehen, als ich erneut das Scharren hörte. Es kam aus der Ecke, die am weitesten von mir entfernt und wo der Dachboden am dunkelsten war. Hier oben war das Geräusch schwerer, es hatte mehr Substanz – nicht das, was ein Eichhörnchen oder ein Vogel verursachen würde. Es ließ eher an einen großen Kater oder eine sehr große Ratte denken oder sogar an einen Hund. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein Hund auf den Dachboden hätte gelangen sollen.
»Pssssssttt!«, zischte ich in die Richtung, um das Tier zu erschrecken.
Das Kratzen brach abrupt ab, jedoch nicht, um sich erschrocken und überhastet zurückzuziehen, sondern eher auf eine Weise, als wolle das Geschöpf abwarten, um herauszufinden, was ich als Nächstes machen würde. Ich lauschte intensiv, und einen Augenblick lang glaubte ich, ein raues Atmen zu hören, aber das war wohl nur der Wind.
»Pssssssttt!«, wiederholte ich, diesmal noch nachdrücklicher.
Es kam keine Reaktion. Ich hatte keine Angst vor der Dunkelheit und ich hatte auch keine große Angst vor Tieren, nicht einmal vor Ratten. Ich hatte einen Freund, der in London für Islington Council Ratten fing. Einmal hatte er mich kilometerweit durch die Kanalisation geführt und mir schmierig graue Ratten gezeigt, die durch die Fäkalien der Menschen schwammen. Ich glaube, danach gab es nichts mehr, was mir Angst einjagen konnte.
»Sie haben uns eine Woche lang im Chigwell Reservoir trainieren lassen«, hatte mein Freund gesagt, »damit wir einen menschlichen Körper sofort erkennen können.«
»Ihr braucht eine Woche Training?«, hatte ich ihn ungläubig gefragt.
Ich erklomm die letzte Stufe, machte einen großen Schritt und starrte weiter in die Dunkelheit. Am anderen Ende des Dachbodens konnte ich eine Gestalt ausmachen, aber ganz sicher war ich mir nicht.
Sie war nicht so groß wie ein erwachsener Mann, es konnte gar kein Erwachsener sein, dafür war zwischen Dach und Boden kein Platz mehr. Aber auch kein Kind, denn dafür wirkte sie zu klobig. Andererseits existierte auch keine derart große Katze.
Nein, meine Augen spielten mir sicher einen Streich. Es war vermutlich nichts Unheimlicheres als ein alter Pelzmantel, der über einem Stuhl lag. In der Dunkelheit sah ich Formen und sich bewegende Schatten, wo sich nichts befinden oder bewegen konnte. Ich sah, wie durchsichtige Kügelchen vor meinen Augen hin und her schwirrten, Staub oder Tränen.
Ich tat noch einen Schritt. Mein Fuß stieß gegen die Kante eines harten rechteckigen Objekts – eine Truhe oder eine Kiste. Ich horchte wieder, während ich leise atmete. Obwohl ich das Gefühl hatte, dass sich etwas auf dem Dachboden befand, das mich beobachtete und darauf wartete, dass ich mich noch weiter vorwagte, kam ich zu dem Entschluss, weit genug gegangen zu sein.
Die Wahrheit war, dass ich sicher war, es sehen zu können. Etwas äußerst Finsteres, Kleines. Es bewegte sich nicht, sondern wartete angespannt, dass ich mich bewegte. Es war mir peinlich, so sicher zu sein. Die Logik sagte mir, dass es schlimmstenfalls eine Ratte sei.
Ich hatte keine Angst vor Ratten. Genauer gesagt, ich hatte keine allzu große Angst vor Ratten. Ich hatte einmal versucht, einen Horrorroman über Ratten zu lesen, der nichts weiter bewirkt hatte, als mich friedlich einschlummern zu lassen. Ratten waren nur Tiere und sie hatten mehr Angst vor uns als wir vor ihnen.
»Pssssssttt!«, zischte ich etwas vorsichtiger und glaubte, dass es sich im gleichen Moment bewegt hatte.
»Pssssssttt!«
Keine Reaktion. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. Die Luft auf dem Dachboden war wie erstarrt. Ich trat einen Schritt zurück, dann noch einen und suchte mit der Hand nach dem Treppengeländer. So gleichmäßig wie möglich zog ich mich in Richtung des schwachen Lichtscheins zurück, der vom Spiegel reflektiert wurde.
Ich bekam das Geländer zu fassen. Da hörte ich das Ding wieder rumoren. Es bewegte sich, aber nicht fort von mir. Es zog sich nicht in irgendeine dunkle Ecke zurück, so wie es Ratten tun, sondern kam auf mich zu. Es bewegte sich sehr langsam und verursachte ein Geräusch, das nach Fell und Klauen klang, aber auch noch nach etwas anderem. Etwas, das mir zum ersten Mal seit dem Tag, da ich in die Kanalisation von Islington hinabgestiegen war, wieder Angst einjagte.
»Pssssssttt! Geh weg! Husch!«, rief ich.
Ich kam mir albern vor. Was, wenn da überhaupt nichts war? Ein Berg alter Wäsche, eine Taube, die auf dem Holzboden scharrte. Und überhaupt: Was sollte es sein außer einem Vogel oder einem kleinen Nager? Eine Fledermaus? Vielleicht. Aber Fledermäuse sind ungefährlich, außer sie haben Tollwut. Und Ratten? Die interessieren sich viel mehr für ihr eigenes Überleben, anstatt jemanden anzugreifen – es sei denn, sie sind ausgehungert oder fühlen sich in höchstem Maß bedroht. Ratten sind feige, weiter nichts.
Ich stieß mit dem Rücken gegen das Geländer. So schnell wie möglich wollte ich jetzt den Dachboden verlassen. Als ich die oberste Stufe erreicht hatte, verrutschte der Teppich, der die Tür offen gehalten hatte, und die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. Ich stand in völliger Finsternis da.
Ich tastete mit meinem Fuß nach der nächsten Stufe, aber egal, wie weit ich ihn nach unten bewegte, ich konnte sie nicht erreichen. Die Treppe kam mir so leer wie ein Aufzugschacht vor. Obwohl ich allmählich in Panik geriet, konnte ich mich nicht dazu durchringen, den Schritt in das scheinbare Nichts zu wagen.
»Danny!«, brüllte ich. »Danny! Ich bin’s, Daddy! Ich bin auf dem Speicher!«
Ich lauschte, hörte aber keine Reaktion. Danny war so müde gewesen wie ich, und normalerweise konnte ihn nichts wecken, weder schwere Gewitter noch Musik noch seine Eltern, wenn sie sich lautstark stritten.
»Danny! Ich bin auf dem Speicher! Die Tür ist zugefallen!«
Wieder keine Reaktion. Ich bewegte mich an der obersten Stufe der Treppe entlang und klammerte mich an das Geländer, das meine einzige Orientierung darstellte. Ich versuchte, meine Augen so sehr anzustrengen, wie es mir nur möglich war, aber es gab nicht das mindeste Licht auf dem Dachboden. Es war schwärzer als unter einem Berg von Bettdecken.
»Danny!«, schrie ich, hatte aber nicht die Hoffnung, dass er mich hörte. Warum, zum Teufel, konnte ich die Stufe nicht finden? Ich wusste, dass die Treppe steil war, aber nicht so steil. Ich tastete mit meinem Fuß so tief es nur ging, aber ich fand keinen Halt.
In diesem Moment hörte ich wieder das Schlurfen.
Es war jetzt wesentlich näher. Derart nah, dass ich instinktiv so weit zurückwich, wie es mir möglich war, ohne das Geländer loslassen zu müssen.
»Danny«, sagte ich mit gedämpfter Stimme. »Danny, hier ist Daddy.«
Schlurf.
Mein Herz schlug einen langen, langsamen Takt. Mein Mund war so trocken wie ein Schwamm. Zum ersten Mal seit den Tagen meiner Kindheit wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich glaube, es war das Gefühl der völligen Hilflosigkeit, das mir mehr Angst machte als alles andere.
Schlurf.
Dann hörte ich ein hohes kicherndes Geräusch, als würde jemand in einer fremden Sprache sprechen, die er selbst nicht sehr gut beherrschte. Es war völlig unverständlich. Es konnte ein Mensch gewesen sein, der Thai oder irgendetwas anderes sprach, aber ebenso gut das Quieken eines aufgeregten Tiers, das Blut gerochen hatte.
»Pssssssttt!«, erwiderte ich. Doch das Kichern hörte nicht auf, sondern wurde eher noch schneller und aufgeregter. Ich hatte das unerträgliche Gefühl, jeden Augenblick sterben zu müssen.
DANNY. Hatte ich das laut gesagt? Ich wusste es nicht. DANNY, HIER IST DADDY.
Dann huschte etwas an mir vorbei, etwas, das sich abscheulich, kalt und borstig anfühlte, so groß wie ein zehnjähriges Kind, aber so schwer wie eines mit Übergewicht. Es kratzte mich mit einer Kralle in den Arm. Ich schrie laut auf, strauchelte und verlor den Halt. Ich stürzte nach hinten, schlug mit der Schulter gegen eine Kiste und hörte das Geschöpf nur Zentimeter von mir entfernt mit einem triumphierenden Zischen vorbeischlurfen.
Hih-hih-hih-hih-hih!
Ich rollte mich zur Seite, stieß mit großer Wucht irgendwo an und fiel die Treppe hinunter. Es war, als würde ich von einem 30 Meter hohen Gebäude in die Dunkelheit stürzen. Mit meinem Fuß hatte ich die Stufen nicht finden können, aber jetzt fand ich sie – auf schmerzhafte Weise. Bis zum Fuß der Treppe erwischte ich jede einzelne Stufe – mit Kopf, Schulter, Hüfte, Ellbogen. Als ich unten ankam und mit dem Knie gegen die Tür stieß, die sich daraufhin öffnete, fühlte ich mich, als habe mich jemand mit einem Cricketschläger zusammengeschlagen.
Reflektiertes Sonnenlicht blendete mich.
»Oh, Herr!«, rief ich aus.
Danny stand auf dem Treppenabsatz in seinem gestreiften Schlafanzug von Marks & Spencer und erwartete mich bereits.
»Daddy!«, rief er aufgeregt. »Du bist gefallen!«
Ich lag rücklings auf dem Teppich, meine Füße befanden sich noch auf der Treppe.
»Alles in Ordnung«, beruhigte ich ihn, obwohl ich es eigentlich mehr sagte, um mich selbst zu beruhigen. »Das Licht funktioniert nicht und ich bin gestolpert.«
»Du hast geschrien«, beharrte Danny.
»Ja«, sagte ich und stand auf, um die Tür zum Dachboden zu schließen und zu verriegeln. War da ein Schlurfen zu hören, auch nur ein leichtes Kratzen?
»Warum hast du gerufen?«
Ich sah ihn an, dann zuckte ich mit den Schultern. »Die Tür war zugefallen. Ich konnte nichts sehen.«
»Aber du hattest Angst.«
»Wer sagt, dass ich Angst hatte? Ich hatte keine Angst.«
Danny sah mich ernst an: »Du hattest Angst.«
Ich sah die Tür zum Dachboden länger an als nötig. »Nein«, sagte ich schließlich. »Es ist alles in Ordnung. Es war dunkel, weiter nichts. Ich konnte bloß nichts sehen.«
Wir saßen beim Frühstück in der altmodischen großen Küche zusammen. Der Boden bestand aus paprikaroten unglasierten Fliesen, die lindgrünen Schränke waren von der Art, wie sie in den 30er-Jahren hochmodern gewesen war. Das flache weiße Spülbecken sah so aus, als habe man es früher einmal für Autopsien benutzt. Durch das Fenster konnte ich den Rest der Turmspitze erkennen, die zu der zerfallenen Kapelle gehörte.
Danny saß am Tisch, vor sich eine Schale Weetabix. Er baumelte mit den Beinen und die Sonnenstrahlen ließen die Haare auf seinem Kopf wie eine strahlende Pusteblume wirken.
Er sah seiner Mutter so sehr ähnlich – große, braune Augen, dünne Arme, dünne Beine. Er sprach auch wie seine Mutter, schlicht und praktisch. Ich hätte von Anfang an wissen sollen, dass ich niemals allzu lange Zeit mit einer schlichten und praktischen Frau zusammenleben konnte. Dafür war ich viel zu sehr Theoretiker – immer bereit, mich mehr auf meine Inspiration zu verlassen statt auf die Vernunft.
Janie und ich waren uns auf dem Brighton Art College begegnet; ich war im letzten, sie im ersten Jahr gewesen. Sie hatte viel gekichert und ihr Gesicht immer hinter ihren Haaren versteckt, aber sie war so atemberaubend schön, dass ich immer irgendeinen Grund fand, um mit ihr zu reden.
Drei Jahre später begegneten wir uns an einem Sommerabend auf einer Party in Hastings wieder. An jenem Abend trug sie ein langes, lilaweißes Kleid aus feiner indischer Baumwolle und um ihren Kopf ein lila Tuch. Ich hatte mich augenblicklich und unwiderruflich in sie verliebt. Ich liebte sie noch immer, aber auf eine dumpfe, resignierte Art. Zahllose Wutausbrüche und viele lautstarke Diskussionen hatten mir gezeigt, dass sie und ich einfach nicht zusammenbleiben konnten.
Ich betrieb in der North Street in Brighton ein Geschäft für Inneneinrichtung. An einem nasskalten Februarmorgen kam sie zu mir in den Laden, um mir zu sagen, dass sie mich verlässt. Wenigstens besaß sie den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen. Sie wollte mit jemandem namens Raymond nach Durham umziehen und dort für den Stadtrat arbeiten. Ob ich ein paar Monate lang auf Danny aufpassen könne?
»Viel Glück«, hatte ich gesagt. »Ich hoffe, du und Raymond werdet unglaublich glücklich miteinander.«
Die Türglocke hatte geklingelt, dann war sie fort. Draußen hatte ein bärtiger, fürsorglich aussehender Mann in einem regennassen beigefarbenen Dufflecoat auf sie gewartet. Der verdammte Raymond.
Ich verlor in der Folge völlig das Interesse an der Inneneinrichtung. Stattdessen unternahm ich mit Danny ausgedehnte Spaziergänge an der Küste entlang und ignorierte das Telefon. Nach drei Monaten musste ich meine Tapeten und meine Musterbücher verkaufen und mich nach einer Arbeit umsehen – jedoch ohne großen Erfolg, wie sich herausstellen sollte.
Kurz nach Anfang des Sommers traf ich im King’s Head in der Duke Street auf Chris Pert. Chris war einer meiner alten Saufkumpane von der Kunsthochschule – bleiches Gesicht, etwas verschlossen und sonderbar, voll auf dem Zen-Trip und ein fanatischer Träger brauner Cordhosen. Wir spendierten uns abwechselnd einige Runden ›Tetley’s Bitter‹ und erzählten uns gegenseitig unser Elend. Seine Mutter war gestorben, woran ich nicht viel ändern konnte. Allerdings schlug ich ihm vor, Madame Tzigane auf dem Brighton Pier aufzusuchen, ihr ein paar Münzen in die Hand zu legen und sie zu fragen, ob er mit seiner Mutter auf der anderen Seite reden könne. Chris konnte mir dagegen sehr helfen. Er war der Stiefneffe von Mr. und Mrs. Bryan Tarrant, den Teppichfliesen-Millionären und Eigentümern von Fortyfoot House auf der Isle of Wight. Chris erwähnte, dass die Tarrants ohne großen finanziellen Aufwand das Haus renovieren und reparieren und den Garten von Unkraut befreien lassen wollten, um es dann zu verkaufen. »Insgesamt aufpolieren« war die Formulierung, die er benutzte. Das hörte sich genau nach dem ruhigen, zurückgezogenen Job an, den ich suchte. Ich konnte den ganzen Sommer mit Danny verbringen, ohne dabei denken zu müssen.
Gestern am späten Nachmittag waren wir mit der Fähre von Portsmouth auf der Isle of Wight angekommen, dann bis zum südlichsten Zipfel der Insel, nach Bonchurch, gefahren. Bonchurch war ein Küstendörfchen, das aus einem typisch britischen Kinderbuch hätte stammen können: ordentliche Cottages und schattige Wege, säuberlich gepflegte Gärten.
Ich war nie zuvor auf der Isle of Wight gewesen. Wenn man nicht gerade seinen Kindern einen billigen Urlaub am Meer bieten wollte – oder wenn man nicht gerade ein Student der viktorianischen Geschichte war, der einen Blick auf Königin Viktorias Haus in Osborne werfen wollte –, dann gab es keinen vernünftigen Grund, auf die Isle of Wight zu reisen. Es handelt sich um eine kleine Insel in der Form eines Diamanten, vor der Südküste Englands gelegen, mit der Autofähre nur 20 Minuten von Portsmouth entfernt. Knapp 30 Kilometer erstrecken sich zwischen der West- und der Ostküste, vom nördlichsten bis zum südlichsten Teil der Insel sind es gerade mal 20 Kilometer. Es ist ein verirrtes Fragment der Hampshire Downs, das von den Römern Vectis genannt worden war.
Die meisten Städte und Dörfer sind Touristenfallen, mit Cottages und Puppenmuseen, mit Miniaturdampfloks und Flamingoparks. Doch in Richtung Westen gewinnt die Insel mit ihren von Mauern umgebenen Gärten und ihren Zedern allmählich an Höhe und geht in die Sandsteinklippen von Alum Bay und die kirchturmartigen Dachspitzen von Needles über. Von diesen Klippen aus, und damit weit weg von den Menschenmengen, konnte man die wahre Isle of Wight sehen. Eine idyllische Landschaft, die eine seltsame Aura der Zeitlosigkeit ausstrahlt, eine Aura, die heraufbeschwor, dass hier die Römer an Land gegangen waren, dass die Angelsachsen auf den breiten Hügeln Schafe gezüchtet hatten, dass Viktoria und Albert durch die gepflegten Gärten spaziert waren, dass in den 20er-Jahren Busse auf ihren Ballonreifen und mit ihren steil aufragenden Windschutzscheiben durch die von Hecken gesäumten Straßen gefahren waren.
Darum gefiel es mir hier, und weil es gemütlich war. Danny gefiel es ebenfalls, und das war das Einzige, was zählte. Vielleicht spürten wir beide, dass wir vor der Realität flohen, die von bankrotten Geschäften und verlorenen Müttern geprägt war, um an einer endlosen goldenen Küste Zuflucht zu suchen, die von Seesternen, Pfützen im Sand und Schaufel und Eimer bestimmt wurde.
Kurz nach unserer Ankunft hatte ich Janie in Durham angerufen und ihr unsere Telefonnummer gegeben und ihr gesagt, dass Danny wohlauf war. »Du hetzt ihn doch nicht gegen mich auf, oder, David?«
»Warum sollte ich das? Er braucht eine Mutter, so wie jeder Junge.«
»Aber du wirst bei ihm nicht den Eindruck erwecken, ich hätte ihn sitzen lassen?«
»Warum sollte ich diesen Eindruck erwecken? Um Himmels willen, Janie, das Gefühl hat er sowieso schon.«
Sie hatte schwer geseufzt: »Du hast versprochen, ihn nicht gegen mich aufzuhetzen.«
»Es geht ihm gut«, hatte ich ihr versichert. Ich wollte mich nicht schon wieder streiten, nicht am Telefon und nicht in diesem Moment. »Ich sehe schon zu, dass ich dich so oft erwähne, wie es angebracht ist.«
»Und wie oft ist das?«
»Janie, hör endlich auf, ja? Ich sage dauernd Dinge wie: ›Ich frage mich, was Mom jetzt gerade macht.‹ Oder: ›Ich möchte wetten, dass deine Mom dich gerne in dieser Hose sehen würde.‹ Was soll ich noch tun?«
Langes Schweigen war die erste Reaktion, dann hatte Janie ernsthaft niedergeschlagen gesagt: »Er fehlt mir so sehr.«
Ich hatte das Gesicht verzogen, was sie natürlich nicht hatte sehen können. Keine sarkastische Grimasse, sondern eine von diesen Mienen, die man macht, wenn man sein Bestes gegeben hat und es immer noch nicht genug ist, wenn man den Rest seines Lebens mit den schmerzhaften Konsequenzen verbringen muss. »Ich weiß«, hatte ich gesagt. »Ich mache morgen Fotos, wenn wir am Strand sind. Ich schicke dir ein paar.«
Ohne ein weiteres Wort hatte Janie den Hörer aufgelegt.
»Also, was sollen wir heute unternehmen?«, fragte ich Danny.
Er stand auf den moosüberzogenen Steinplatten der Veranda an der Rückseite des Hauses, die Beine extrem weit gespreizt, die Hände in die Hüfte gestemmt und die Unterlippe vorgeschoben. Diese Haltung nahm er ein, wenn er erwachsen aussehen wollte. Er trug ein rot-grün gestreiftes T-Shirt und eine rote Sporthose mit Gummizug.
»Erkundungsrundgang«, schlug er vor.
Ich sah mich um und hielt die Hand vor die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen. »Ich schätze, du hast recht. Komm, lass uns einmal ums Haus gehen, damit wir wissen, was zu tun ist.«
»Du hast da einen blauen Fleck«, sagte er und zeigte auf meine linke Wange.
»Ich weiß. Ich bin die Treppe runtergefallen, ich bin mit blauen Flecken übersät.«
»Wir brauchen eine Taschenlampe«, erklärte er.
»Auf jeden Fall. Lass uns die Gegend erkunden, und dann gehen wir los und kaufen die unglaublichste Taschenlampe, die je ein Mensch gesehen hat.«
Danny ging vor mir die Stufen hinunter. Zwischen den einzelnen Steinen wucherte Gras, das Moos war an manchen Stellen sogar so dick, dass es wie ein tiefer grüner Teppich aussah. Ich erinnerte mich an einen Teppich, der fast genauso ausgesehen hatte. Den hatte man aus einem Haus in Brighton geschleppt, in dem zwei kleine Mädchen bei einem Brand ums Leben gekommen waren.
Danny lief an der Mauer entlang, die die Veranda umgab, und sang ›The Grand Old Duke of York‹.
»Ich habe gestern mit Mom telefoniert, nachdem du ins Bett gegangen warst«, sagte ich.
Danny ruderte weiter mit den Armen und sang: »He had ten thousand men ...«
»Sie sagt, dass sie dich lieb hat. Und dass sie dich vermisst. Sie sagt, dass sie dich bald besuchen wird.«
»And he marched them down again.«
»Danny ...«
Er blieb am Ende der Mauer stehen. Über seinem Kopf drehte sich eine Möwe im Wind und schrie wie ein Kleinkind. Es war bereits warm, und der blaue Himmel war mit kleinen Wolken übersät, die wie Wattebäusche aussahen.
»Sie hat gesagt, dass sie dich lieb hat und dich vermisst.«
Eine einzelne Träne lief über seine Wange. Ich ging auf ihn zu, um ihn in die Arme zu nehmen, doch er wich einen Schritt zurück. Er wollte nicht in die Arme genommen werden.
»Danny, ich weiß, dass das schwer für dich ist.«
Ich hörte mich an wie eine Figur in einer schlechten australischen Seifenoper. Woher sollte ich wissen, wie schwer es für ihn war? Woher sollte ich wissen, was es für einen Siebenjährigen bedeutet, seine Mutter zu verlieren?
Ich wandte mich hilflos ab und sah hinüber zum Fortyfoot House – zu der Seite des Fortyfoot House, die zum Garten und zur See wies. Da der Garten so abrupt abfiel, wirkten die Mauern unnatürlich hoch. Sie waren mit Ziegelsteinen verkleidet, die so dunkelrot schimmerten, dass sie fast die Farbe von Kastanien hatten. Das riesige missgestaltete Dach war mit moosbewachsenen braunen Ziegeln bedeckt. Ursprünglich waren alle Fensterrahmen aus Eiche gewesen, jedenfalls hatte Mrs. Tarrant das gesagt. In den 20er-Jahren hatte man sie durch glänzende Metallrahmen ersetzt, die dann schwarz gestrichen worden waren. Eine der ersten Entscheidungen, die ich für das Fortyfoot House getroffen hatte, lautete, alle Metallrahmen wieder weiß zu streichen.
Die Schornsteine hatten alle noch ihre ursprüngliche Höhe und waren so entworfen, dass sie Kohlenfeuer heiß und heftig brennen ließen. Auch wenn jetzt fast subtropisches Klima herrschte, konnte ich mir vorstellen, dass die Winter in Bonchurch äußerst unangenehm werden konnten.
Irgendwann einmal musste die gesamte Rückseite des Hauses mit Kletterpflanzen überzogen gewesen sein, doch waren sie vor langer Zeit verkümmert und abgefallen. Zurückgeblieben waren nur ein paar trockene Ranken, die sich im Mauerwerk verfangen hatten.
Etwas an den Proportionen des Fortyfoot House irritierte mich. Aus irgendeinem Grund schienen die Winkel nicht zu passen. Das Dach wirkte viel zu groß, und es sah so aus, als falle ein Ende viel zu steil ab. Ich ging ein paar Schritte zur Seite, und die Winkel veränderten sich, wollten aber noch immer nicht so richtig zusammenpassen. Fortyfoot House war eines der abnormsten Gebäude, denen ich jemals begegnet war. Ganz egal, aus welcher Richtung man es betrachtete, immer erschien es unangenehm, hässlich und unausgewogen.
Dieses Unangenehme war so allgegenwärtig, dass sich mir fast der Verdacht aufdrängte, der Architekt habe es mit Absicht so entworfen. Von jeder Seite sah es so aus, als bestehe es nur aus einer Fassade, ohne jegliche Tiefe. Mich überkam das Gefühl, dass sich hinter den Wänden, die ich mit meinen eigenen Augen sehen konnte, nichts befand, abgesehen von einem vergessenen, leeren Garten. Es war, als existiere Fortyfoot House nicht wirklich.
Danny wollte nicht an meiner Hand gehen und sprang von der Mauer. Dann trottete er mürrisch vor mir her, vorbei an den blütenlosen Rosensträuchern, und ich folgte. Mir war so schlecht, als hätte ich einen Kater. Wie konnten Janie und ich ihm so ein Elend bereiten? Manchmal hatte ich das Gefühl, es wäre besser gewesen, ihn gar nicht erst zu zeugen. Es war so mies wie die Zucht von Jagdvögeln, nur um sie abzuschießen.
»Ich glaube, auf dem Dachboden ist eine Ratte«, sagte ich zu ihm, während wir auf dem Kiesweg am Strand weitergingen.
Er sagte nichts.
»Wenn wir die Taschenlampe haben, gehen wir nach oben und suchen nach ihr, ja?«
Er blieb stehen, drehte sich um und sah mich finster an. »Ratten können beißen.«
»Ja, sicher. Aber wenn man eine dicke Hose und stabile Handschuhe trägt, kann nicht viel passieren. Außerdem haben sie meistens mehr Angst vor uns als wir vor ihnen. Ich habe mal welche in der Kanalisation gesehen.«
»Ich könnte meine Wasserpistole mitnehmen«, schlug Danny vor.
Ich nahm seine Hand. »Ja, das wäre nicht schlecht«, sagte ich. »Vielleicht kannst du sie mit roter Tinte füllen, so wie in den Comics. Das sieht dann wie Blut aus, wenn du sie triffst. Und wenn wir sie wieder sehen, wissen wir, mit welcher Ratte wir es zu tun haben.«
Danny gefiel diese Idee. Er begleitete mich bis zur Vorderseite des Hauses und begutachtete zusammen mit mir ernsthaft die Rhododendronbüsche. Den Zustand des Dachs kommentierte er mit einigen fachmännischen Lauten. Ich liebte den Jungen.
Er begann, von der Schule zu erzählen und von Button Moon im Fernsehen, und dass er beschlossen habe, bei den Comics auf Beano umzusteigen, weil der jetzt erwachsener war. Er fragte mich, ob es möglich sei, seinen Teddy so hoch zu werfen, dass der in eine Umlaufbahn um die Erde einschwenkte. Wenn er ihn so richtig schnell wirbeln und dann loslassen würde? Er hatte Angst gehabt, es zu versuchen, weil es sein konnte, dass er seinen Teddy für alle Zeit verlieren würde. Seine Mom hatte ihm den Teddy geschenkt, und er wäre am Boden zerstört gewesen, wenn er ihn verloren hätte.
Wir setzten uns auf die weiß lackierte gusseiserne Gartenbank, um über die Gärten in Richtung See zu blicken. Das Gras und das Unkraut waren kniehoch gewuchert. Der Wind wehte uns warm ins Gesicht und zerzauste unser Haar.
»Manchmal können Leute einfach nicht zusammenleben«, sagte ich ihm. »Sie lieben sich, aber sie können nicht zusammen sein.«
»Das ist blöd«, sagte Danny.
»Ja«, stimmte ich ihm zu. »Das ist es.«
Danny sang leise und ließ die Beine baumeln, und ich blickte beiläufig und neugierig hinüber zum Fortyfoot House. Sogar von hier aus schienen die Winkel des Dachs ungewöhnlich. Ich konnte das Dachfenster meines Zimmers sehen, das nach Süden hin lag, und die Ziegel zu beiden Seiten. Das Sonderbare daran war aber, dass die westliche Wand entgegen meinen Erwartungen völlig vertikal verlief, bis hinauf zur Dachkante, obwohl die Decke in meinem Zimmer auf dieser Seite auch abfiel.
Mit anderen Worten: Es gab einen abgeteilten Raum, der wie eine auf den Kopf gestellte Pyramide zwischen meiner geneigten Decke und der vertikalen Außenwand des Hauses lag.
Was diesen Gedanken an einen abgeteilten Raum noch verwirrender machte, war die Tatsache, dass ich unter dem weißen Verputz ganz schwach einen rechteckigen Umriss erkennen konnte, wenn ich meine Augen gegen die Sonne abschirmte. So als habe sich dort einmal ein Fenster befunden, das vor sehr langer Zeit zugemauert worden war. Irgendwann einmal musste mein Zimmer eine gerade Wand nach Westen hin gehabt haben – und ein Fenster, das den Ausblick auf die hohen Fichten ermöglicht hatte, die sich hinter den Erdbeerbeeten erhoben.
Ich konnte mir keinen vernünftigen Grund vorstellen, warum man dieses Fenster zugemauert und die Decke in meinem Zimmer so geneigt hatte, als würde dort das Dach verlaufen. Vielleicht wegen Trockenfäule oder Feuchtigkeit oder wegen eines Baufehlers, der sich auf die Konstruktion auswirkte. Aber ein Fenster zuzumauern, das schien mir nicht der richtige Weg, um solche Probleme zu lösen.
Ich sah das Dach so lange gedankenverloren an, bis Danny aufhörte zu singen und mich fragte: »Was ist los?«
»Nichts«, antwortete ich.
Er blickte ebenfalls hinauf zum Dach. »Da oben war mal ein Fenster«, erklärte er überzeugt.
»Stimmt. Man hat es zugemauert.«
»Warum?«
»Das habe ich auch gerade überlegt.«
»Vielleicht wollten sie nicht, dass jemand rauskommen konnte.«
»Vielleicht«, stimmte ich ihm zu, dann wunderte ich mich: »Wie kommst du auf ›rauskommen‹?«
»Na ja, das ist zu hoch. Reinkommen kann da keiner«, sagte Danny.
Ich nickte.
Es beeindruckte mich immer wieder aufs Neue, wie analytisch Kinder denken. Sie wischen all die Vorwände und Kompromisse beiseite, die Erwachsene bereitwillig akzeptieren, und sie sehen alles klar und unverfälscht, wie in einem Bilderbuch. Und sie besitzen noch etwas: einen sechsten Sinn, eine Verbundenheit mit der Natur. Sie können zu den Bäumen und Tieren und Fröschen reden und bekommen manchmal sogar eine Antwort.
»Ich frage mich«, sagte Danny, »wer da in dem Zimmer gelebt hat.«
»Wie meinst du das?«
»Ich meine, wen sie da nicht rauslassen wollten.«
»Ach so. Hmm, irgendjemanden.«
Wir gingen zurück zur Veranda; jeder von uns hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, Vater und Sohn einträchtig nebeneinander.
»Kommt Mom uns hier besuchen?«
»Ich weiß nicht. Wohl eher nicht. Jedenfalls nicht in nächster Zeit. Sie hat viel zu tun, oben in Durham, mit Raymond.«
»Du könntest wieder heiraten«, schlug Danny vor.
Ich sah zu ihm hinunter, lächelte und schüttelte dann den Kopf. »Daran habe ich nicht mal gedacht. Noch nicht.«
»Aber du wirst einsam sein.«
»Wie könnte ich einsam sein, ich habe doch dich.«
Danny griff nach meiner Hand.
»Wollen wir uns den Friedhof ansehen?«, fragte ich. Alles war mir lieber, als um Fortyfoot House herumzuspazieren, dieses Haus mit seinen beunruhigenden Winkeln und dem außergewöhnlichen Eindruck, dass es sich nicht nur hier, sondern auch noch woanders befand. Es war wie bei einem Stock, den man ins Wasser taucht und der dann geknickt zu sein scheint. Welcher Winkel ist der richtige? Welche Welt ist die richtige?
Wir durchquerten den Garten und näherten uns dem kleinen Bach, der unter den überhängenden Farnen viel schneller floss, als ich erwartet hatte. Außerdem war er laut und sehr kalt. Danny und ich balancierten über die Steine, die vom Wasser und Moos rutschig waren, dann kletterten wir den steilen Hügel hinauf, der zur Friedhofsmauer führte. Der Wind trug den intensiven Geruch von wildem Thymian mit sich, der mich an irgendetwas erinnerte, was ich vor sehr langer Zeit einmal gekannt hatte. Ein sonderbares Gefühl, kaum zu bestimmen. Und je mehr ich versuchte, mich zu erinnern, umso mehr entglitt mir das Gefühl.
Danny stieg über die eingestürzte Mauer, während ich um sie herumging und das quietschende Eisentor öffnete.
Auf dem Friedhof wehte der Wind nicht mehr und es war deutlich wärmer. Seite an Seite gingen wir durch das hohe trockene Gras. Schmetterlinge tanzten um uns herum und die riesige Zeder knarrte und stöhnte monoton. Ich verspürte ein überwältigendes Gefühl von Frieden und Zeitlosigkeit. Wir hätten hier an einem beliebigen Sommertag entlanggehen können – oder an allen Sommertagen gleichzeitig. Hier existierte kein Kalender, die Vergangenheit lag hier direkt neben der Zukunft.
Wir erreichten das erste Grabmal, einen umgestürzten weißen Stein mit einem blinden Engelsgesicht.
›Gerald Williams, im Alter von sieben Jahren von Gott zu sich berufen, 7. November 1886‹.
Danny strich mit seinen Fingern über die Buchstaben. »Er ist nicht sehr alt geworden, oder?«
»Nein, er war so alt wie du. Aber früher sind Kinder an Krankheiten gestorben, die heute nicht mehr tödlich sind. So wie Mumps oder Scharlach oder Keuchhusten. Die Leute hatten nicht die Medikamente, um sie zu heilen.«
»Armer Gerald Williams«, sagte Danny gerührt.
Ich legte meinen Arm um seine Schulter und gemeinsam gingen wir zum nächsten Grab. Der Stein war aus Marmor und hatte die Form einer aufgeschlagenen Bibel.
›Hier ruht in Frieden Susanna Gosling. Gestorben am 11. November 1886 im Alter von fünf Jahren‹.
»Noch ein Kind.«
»Vielleicht eine Epidemie«, überlegte ich. »Weißt du, wenn in einer ganzen Stadt oder einem Dorf jeder krank wird.«
Wir gingen weiter zu den nächsten Gräbern. Ein Engel hielt einen Olivenzweig in der Hand. Ein großes keltisches Kreuz. Ein einfaches Rechteck. Wieder lagen dort Kinder begraben. Henry Pierce, zwölf Jahre. Jocasta Warren, sechs Jahre. George Herbert, neun Jahre.
Insgesamt fanden wir auf dem von Unkraut überwucherten Friedhof 67 Kindergräber. Keines der Kinder war jünger als vier Jahre oder älter als 13 Jahre. Und sie alle waren im November 1886 in einem Zeitraum von zwei Wochen gestorben.
Ich stand neben der halb in sich zusammengefallenen Mauer der Kapelle unter dem leeren gotischen Fenster und sah mich um. »Hier muss irgendetwas wirklich Sonderbares geschehen sein, dass diese Kinder alle fast zur gleichen Zeit gestorben sind.«
Danny nickte ernst. »Eine Epidemie, hast du doch gesagt.«
»Aber es gibt keine Erwachsenen, die in dieser Zeit gestorben sind. Nicht einen einzigen. Wenn alle diese Kinder an einer Krankheit gestorben wären, dann hätte es zumindest auch einen Erwachsenen treffen müssen.«
»Vielleicht ein Feuer«, sagte Danny. »Bei Lawrence hat es auf einer Geburtstagsparty auch mal gebrannt. Seine Mama hat den Kuchen reingebracht und dabei die Vorhänge in Brand gesteckt. Das wären auch alles Kinder gewesen.«
»Das könnte sein. Aber wenn es wirklich ein Feuer oder irgendeine andere Katastrophe war, dann hätte es doch wenigstens auf einigen Grabsteinen stehen müssen.«
»Wenn ich vom Bus überfahren werde, möchte ich aber nicht, dass das auf meinem Grabstein steht. ›Hier liegt Danny, vom Bus platt gemacht‹.«
»Das ist was anderes.«
»Ist es nicht.«
»Na gut, dann ist es nichts anderes. Komm, wir sehen uns mal die Kapelle von innen an.«
»Ich dachte, das ist eine Kirche.«
»Ist es auch. So eine Art jedenfalls. Eine Kapelle ist eine kleine Kirche.«
Die von Wind und Wetter ausgeblichenen Türen zur Kapelle waren aus ihren verrosteten Scharnieren gefallen und hatten sich verkantet. Ich drückte meine Schulter gegen den rechten Türflügel und konnte ihn mit etwas Mühe so weit bewegen, dass Danny und ich uns hindurchzwängen konnten.
»Pass auf, dass du nicht mit deinem T-Shirt an dem Nagel da hängen bleibst.«
Es gab kein Dach mehr, seine Überreste lagen auf dem Boden verstreut, Hunderte von zerbrochenen Dachziegeln, die von Gras, Huflattich und Disteln überwuchert wurden. Die Mauern waren noch immer gekalkt, wiesen aber schwarze Flecken auf, die von der Feuchtigkeit herrührten. Efeu hatte den größten Teil der westlichen Mauer erobert. Wir gingen weiter und die Dachziegel zerbrachen unter unseren Füßen. Erst als wir den hohen Sandsteinaltar erreicht hatten, sahen wir uns in Ruhe um. Die Kapelle wirkte nicht mehr besonders heilig, nur verfallen. Vögel waren die einzige Kirchengemeinde, und das Stöhnen der Zeder war der einzige Psalm, der zu hören war.
»Hier ist es unheimlich«, fand Danny.
»Das kommt dir nur so vor, weil alles verlassen ist.«
Wir bahnten uns unseren Weg zurück zum Eingang, als Danny plötzlich sagte: »Sieh mal da. Fußabdrücke.«
»Fußabdrücke? Wovon redest du?«
»Sieh doch, hier.«
Er ging hinüber zur westlichen Mauer und zeigte auf den Boden, dicht unter dem überhängenden Efeu. Tatsächlich war dort ein Paar nackter Füße aufgemalt worden.
»Das ist ein Wandgemälde«, erklärte ich ihm. »Vermutlich eine Station auf dem Kreuzweg.«
»Was ist das?«
»Ich werd’s dir zeigen.« Ich nahm den Efeu in beide Hände und schob ihn Stück für Stück zur Seite. Er gab ein Geräusch wie zerreißendes Leinen von sich und klammerte sich so hartnäckig am Mauerwerk fest, als besäße er Finger, mit denen er Halt fand. Schließlich legte ich aber das Wandgemälde schrittweise frei, zuerst ein paar in Weiß gekleidete Beine, dann eine Hand, eine Schärpe und noch eine Hand.
»Da«, sagte ich zu Danny. »Sieht aus wie Jesus.« Doch dann zog ich einen letzten Wust raschelnden Efeus zur Seite und legte das Bild einer Frau mit wallendem rötlichen Haar, einem roten Stirnband und einem außergewöhnlichen, ergreifenden Gesichtsausdruck frei. Ein Großteil der Farbe war vom Wetter und dem austrocknenden Effekt des Efeus ausgeblichen, doch die Frau war noch immer beeindruckend, und das Gemälde war so lebensecht, dass ich fast das Gefühl hatte, die Frau spreche zu uns.
Was mich störte, war nicht die realistische Darstellungsweise der Frau, sondern das, was um ihren Hals lag. Das Gemälde war so blass geworden, dass ich es zuerst für eine dunkle Pelzstola hielt. Aber als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass es sich um eine große Ratte handelte – oder um etwas, das einer Ratte sehr ähnlich sah. Das Tier hatte ein weißes längliches Gesicht und schräg stehende Augen, aber der Gesichtsausdruck wirkte eher wie der eines Menschen als der eines Tieres. Spöttisch, berechnend und verschlagen.
»Das ist nicht Jesus«, sagte Danny nachdrücklich.
»Nein.«
»Und wer ist es dann?«
»Ich weiß nicht, ich habe keine Ahnung.«
»Was ist das da auf den Schultern? Dieses hässliche Ding?«
»Vermutlich eine Ratte.«
»Das ist hässlich.«
»Du hast recht. Komm, wir verdecken es wieder.«
Ich versuchte, den Efeu wieder vor das Gemälde zu ziehen, aber nachdem ich ihn einmal von der Wand gezerrt hatte, weigerte er sich, wieder in seine alte Position zurückzukehren. Schließlich musste ich die Wand freigelegt lassen. Damit blieb die Frau genauso für jedermann sichtbar wie die verschlagen aussehende Ratte. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund empfand ich beide als ausgesprochen unangenehm und irritierend, vor allem störte mich die in dem Bild angedeutete unausgesprochene Symbiose zwischen ihnen – die Implikation, dass die Frau die Ratte ebenso benötigte wie umgekehrt.
»Können wir gehen?«, drängte Danny, und ich nickte, auch wenn es mir schwerfiel, meinen Blick von der Frau zu lösen. Danny lief voraus und kletterte auf einen Haufen zerbrochener Dachziegel und Steine, um aus dem leeren gotischen Fenster zu blicken. »Von hier aus kann ich den Strand sehen«, sagte er. »Schau mal, da ist das Gartentor.«
Ich stellte mich neben ihn und stützte meine Ellbogen auf die Fensterbank. Der Ausblick war von hier aus wunderschön – die großen Bäume, die Gärten, der Weg, der langsam zur See hin abfiel. Aus dieser großen Entfernung wirkten die Gärten bemerkenswert gepflegt. Sogar die Erdbeerbeete schienen frei von Unkraut zu sein, mit Früchten, die rot leuchteten. Der Fischteich glitzerte im morgendlichen Schein der Sonne, auf seiner Oberfläche spiegelten sich die langsam dahintreibenden Wolken.
»Da hinten ist ein Fischerboot«, rief Danny. Durch die Bäume hindurch konnte ich das rostfarbene dreieckige Segel ausmachen, während sich das Boot langsam der Küste näherte.
»Irgendwann werden wir auch mal mit einem Boot aufs Meer hinausfahren«, versprach ich ihm. »Solange du mir versprichst, dass du schwimmen lernst.«
»Ich kann ja Schwimmflügel anziehen«, schlug er vor.
Ich sah hinüber zu Fortyfoot House. Der Verputz schien im Sonnenlicht viel heller zu sein und die Fenster schienen zu strahlen. Merkwürdig war, dass es von hier aus so wirkte, als befänden sich an jedem Fenster Gardinen, obwohl die einzigen Gardinen im gesamten Haus jene waren, die ich in Dannys und in meinem Schlafzimmer aufgehängt hatte.
Ich legte die Stirn in Falten und kniff die Augen zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Von hier aus war Fortyfoot House nicht das heruntergekommene, von Feuchtigkeit gezeichnete Gebäude, das ich renovieren sollte. Von hier aus waren die Gärten nicht zugewuchert, die ich vom Unkraut befreien sollte. Von hier sah Fortyfoot House fast aus wie neu, die Gärten waren makellos.
Es sah genauso aus wie auf der alten Fotografie des Hauses, die im Erdgeschoss im Flur hing. Fortyfoot House im Jahre 1888.
Als würde mir Eiswasser über den Rücken geschüttet, wandte ich meinen Blick ab und schaute hinüber zu den Cottages unten am Strand. Sie wirkten nicht so stark verändert, allerdings war von den Dachantennen nichts mehr zu entdecken. Ich konnte sie jetzt auch viel besser sehen, weil nicht so viele Bäume und Hecken die Sicht verdeckten.
Ich blickte nach unten auf den Friedhof; das Gras war ordentlich gemäht, Geranien blühten in kreisrunden Beeten. Und es gab keine Grabsteine, nicht einen einzigen konnte ich erkennen.
»Danny«, sagte ich und legte meine Hand auf seine Schulter. »Wir sollten jetzt gehen.«
»Ich möchte nur noch sehen, wie das Fischerboot vor Anker geht.«
»Du kannst auch zum Strand runterlaufen und es dir von dort anschauen.«
Bevor ich hinunterklettern konnte, sah ich im Augenwinkel, dass jemand aus der Küche des Fortyfoot House kam und selbstsicher und ruhig über die sonnenbeschienene Veranda ging. Es war ein Mann in einem schwarzen Frack, er trug einen hohen schwarzen Hut. Während er ging, hielt er sein Revers fest und blickte nach rechts und links, als würde er etwas inspizieren.
Er erreichte die Mitte des Rasens und blieb stehen, verschränkte die Hände auf dem Rücken und genoss offensichtlich die leichte Brise, die von der See herüberwehte.
Während er da stand, sah ich, dass sich noch etwas anderes bewegte. In einem der oberen Fenster des Hauses entdeckte ich ein blasses Gesicht. Ich sah noch einmal genauer hin, und einen Moment lang glaubte ich, die Gesichtszüge jener Ratte wiederzuerkennen, die sich um die Schultern der Frau an der Kapellenmauer gelegt hatte.
Dann war es verschwunden, das Fenster war wieder dunkel.
»Hey!«, rief ich dem Mann auf dem Rasen zu. Falls er real war, falls ich nicht halluzinierte, dann musste er mich hören.
»Hey, Sie da!«, schrie ich. »Ja, Sie da, auf dem Rasen!«
»Wer ist denn das?«, fragte Danny.
»Siehst du ihn auch?«
»Na klar. Er trägt einen lustigen Hut.«
»Sie da!«, rief ich erneut und ruderte mit den Armen.
Der Mann wandte sich um und blickte zur Kapelle. Sein Gesicht hatte einen düsteren, missbilligenden Ausdruck. Er zögerte einen Moment lang, als überlege er, ob er zur Kapelle und damit zu uns kommen solle, doch dann drehte er sich um und ging zügig zurück zum Haus. Bauz! Da geht die Türe auf, Und herein in schnellem Lauf, Springt der Schneider in die Stub’, Zu dem Daumen-Lutscher-Bub.
»Hey«, rief ich ihm nach. »Hey, bleiben Sie stehen!«
Der Mann nahm aber keinerlei Notiz von mir und ging mit weit ausholenden Schritten weiter in Richtung Haus.
»Komm, Danny!«, sagte ich. »Wir müssen ihn einholen.«
Wir stiegen von dem Geröllhaufen und zwängten uns durch die Tür. Als wir draußen standen, stellte ich erstaunt fest, dass der Friedhof wieder überwuchert war. Und die Grabsteine standen dort wie zuvor – umgestürzt, vernachlässigt. Aber sie waren da, sie waren real. Wir eilten den Abhang hinab, balancierten wieder über den Bach, dann liefen wir keuchend über den Rasen in Richtung Veranda. Während wir uns dem Haus näherten, sah ich, dass die Küchentür einen Spaltbreit offen stand. Ich wusste ganz sicher, dass ich sie geschlossen hatte, als wir aus dem Haus gegangen waren.
Ich bedeutete Danny, hinter mir zu bleiben, und näherte mich langsam der Küchentür. Ich versuchte, dabei so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Ich gab der Tür einen Stoß und ließ sie auffliegen, bis sie gegen die Wand schlug, erzitterte und dann in ihrer Position verharrte.
»Wer ist da?«, rief ich. »Ich warne Sie, dies ist Privatbesitz!«
Keine Antwort. Ich konnte die Muffigkeit der Küche riechen – verstopfte Abflüsse, Schränke, die zu lange geschlossen gewesen waren, und Domestos. Die Sonne, die durch die Fenster fiel, teilte die Küche in kleine Quadrate auf.
Ich hielt inne und lauschte, dann rief ich: »Ich weiß, dass Sie da sind! Kommen Sie raus!«
Du willst, dass er rauskommt? Dieser finster dreinblickende Mann mit seinem hohen Hut?
»Das ist Privateigentum, ich fordere Sie auf, sofort rauszukommen!«
»Daddy, ist jemand drinnen?«, fragte Danny.
»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Hören kann ich niemanden. Du vielleicht?«
Danny legte eine Hand an sein Ohr. »Ich höre nur das Meer.«
Ich ging zwei oder drei Schritte in die Küche hinein. Von allen Räumen in einem Haus ist in der Küche immer am meisten los, wenn dort eine Familie lebt. Und wenn diese Familie nicht mehr da ist, dann ist es der stillste Raum. Eine Reihe von Küchenutensilien hing an Haken, eine Schöpfkelle, ein Kartoffelstampfer, eine Vorlegegabel. Die Griffe waren abgenutzt, was darauf hindeutete, wie stark sie beansprucht worden waren. Jetzt aber waren sie nur noch kalt, sauber und unberührt. Utensilien, mit denen höchstens noch Erinnerungen verbunden waren, nicht mehr das Vergnügen einer gemeinsamen Mahlzeit.
»Wenn da jemand ist, dann sollte er besser herauskommen«, warnte ich den unsichtbaren Jemand. »Ich werde die Polizei rufen und Sie wegen Hausfriedensbruchs festnehmen lassen.«
Wieder folgte Stille, eine ganze Weile, dann hörte ich plötzlich ein rasches schlurfendes Geräusch aus dem Flur, schließlich öffnete jemand die Vordertür. Ich musste in jenem Moment verrückt gewesen sein, denn ich rannte ohne zu zögern durch die Küche und riss die Tür zum Flur auf, um gerade noch zu sehen, wie eine dunkle Silhouette durch die Vordertür des Hauses verschwand und die steile Einfahrt hinaufeilte.
Ich lief hinterher, wusste aber, dass ich nicht den Mann mit dem Backenbart und dem großen Zylinder verfolgte. Als ich die Straße erreicht hatte, die hinauf nach Bonchurch führte, sah ich, dass ich einer zierlichen jungen Frau folgte – mit strähnig blondem Haar, einem schwarzen Sweatshirt und Baumwollshorts, mit einem randvollen Wäschebeutel über der Schulter. »Stopp«, rief ich außer Atem. »Um Himmels willen, bleib stehen. Ich werde nicht die Polizei rufen.«
Die junge Frau blieb stehen, beugte sich vor, stützte ihre Hände auf die Knie und rang nach Luft. »Tut mir leid«, japste sie. »Ich wusste nicht, dass in diesem Haus jemand lebt.«
Seite an Seite standen wir in dem Schatten der Ulmen, beide versuchten wir, zu Atem zu kommen. Danny kam durch die Vordertür gelaufen und blieb stehen, um uns zu beobachten.
»Tut mir leid«, wiederholte die junge Frau. Sie strich mit einer Hand ihre Haare nach hinten und hob den Kopf. »Ich wusste nicht, dass jemand dort wohnt.«
Ich betrachtete sie von oben bis unten. Sie war vielleicht 19 oder 20, kaum älter, ihr Gesicht war oval mit sehr großen Augen, deren Farbe sich irgendwo zwischen Blau und Violett bewegte. Sie trug den billigen Silberschmuck, wie ihn vor allem Studenten tragen: Ohrringe mit Halbedelsteinen. Sie sprach in einem recht gebildeten Englisch mit einem Hauch Hampshire- oder Mid-Sussex-Akzent. Auf eine unvollendete Weise war sie ausgesprochen hübsch, jedenfalls unvollendet für einen Mann, der selbst 33 Jahre zählte und einen siebenjährigen Sohn hatte und dessen Ehe ein Scherbenhaufen war. Und sie war recht klein, was ich nicht gewöhnt war, nicht größer als 1,60 Meter, während ihr schwarzes Sweatshirt erkennen ließ, wie vollbusig sie war.
»Was suchen Sie hier?«, fragte ich sie.
»Ich suche gar nichts. Ein Freund hat mir gesagt, das Haus würde leer stehen.«
»Und?«
»Und ich wollte hier für den Sommer unterkommen. Ich kann mir kein Zimmer leisten. Na ja, ich könnte mir ein Zimmer leisten, aber wenn ich Miete bezahlen müsste, dann würde mein ganzes Geld dafür draufgehen.«
»Aha«, sagte ich und sah mich um. »Sie haben nicht zufällig einen Mann im Haus gesehen?«
»Wie? Was für einen Mann?«
»Ein Mann war im Haus, er trug eine dunkle Jacke und einen hohen schwarzen Hut. Er sah ziemlich altmodisch aus.«
Sie schniefte und schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe niemanden gesehen.«
»Tut mir leid, dass ich Sie gejagt habe. Ich hatte einen Mann im Garten gesehen und gedacht, Sie wären er. Ich soll mich um das Haus kümmern und es auf Vordermann bringen.«
»Oh, ich verstehe«, sagte sie.
»Da wartet verdammt viel Arbeit auf mich«, sagte ich ihr.
»Es ist aber ein schönes altes Haus, nicht wahr?«, erwiderte sie.
Ich nickte und dann zuckte ich mit den Schultern. Im Augenblick wusste ich nicht, was ich von Fortyfoot House halten sollte. Nachdem ich dem Ding auf dem Dachboden begegnet war und den schwarz gekleideten Mann im Garten gesehen hatte, war ich gar nicht so sicher, dass ich hier bleiben wollte.
Die junge Frau warf sich den Wäschebeutel über die Schulter. »Also, ich mache mich dann auf den Weg.«
»Wohin wollen Sie gehen?«
»Oh, in Ventnor gibt es ein leerstehendes Wollgeschäft. Da werde ich mein Glück versuchen.«
»Hören Sie ...«, sagte ich, während Danny näher kam. »Wir wollten zum Strand gehen, um was zu trinken. Möchten Sie mitkommen? Ihre Tasche können Sie solange hierlassen.«
»Das wäre toll«, sagte sie. »Wenn Ihre Frau nichts dagegen hat.«
»Ich lebe getrennt. Danny und ich sind jetzt allein.«
Die Frau lächelte Danny freundlich an. »Hallo, Danny, ich bin Elizabeth. Du kannst mich auch Liz nennen, aber nicht Lizzie. Das hasse ich nämlich.«
»Hallo«, sagte Danny argwöhnisch. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Danny, wenn er statt Augen Maschinengewehre gehabt hätte, jede Frau, mit der ich mich unterhielt, in dem Moment niedergemäht hätte, als sie den Mund öffnete. Seine Mom war fort, doch er stellte sich immer noch schützend vor sie.
»Elizabeth kommt auf einen Drink mit uns«, eröffnete ich ihm. »Möchtest du ein Eis?«
Danny nickte.
»Ich habe für den Sommer einen Job im Tropical Bird Park. Ihr könnt mich dort besuchen, ich kann euch sogar umsonst reinlassen. Und ...« – zu mir gewandt – »... sag Liz zu mir.«
»Einverstanden«, sagte Danny.
»Gib her«, sagte ich und nahm den Wäschesack, und dann gingen wir gemeinsam zurück zum Haus. »Arbeitest du professionell mit Vögeln?«, fragte ich sie. »Ornithologin oder so was?«
»Nein, ich studiere Sozialwissenschaften in Essex im dritten Jahr. Ich werde mich nicht mit Vögeln befassen. Ich hasse Vögel, ich kann ihre kleinen Augen nicht ertragen. Ich schmeiße Hamburger auf den Grill.«
Wir gingen ins Haus. Danny lief voraus bis in die Küche.
»Gibt es irgendeinen bestimmten Grund, warum du ausgerechnet zur Isle of Wight gekommen bist?«, fragte ich Liz.
»Ich weiß nicht, es ist eine Insel, weiter nichts. Inseln sind immer anders. Sie sind irgendwie in der Zeit stecken geblieben, weißt du, was ich meine?«
»Ja«, antwortete ich. »Das weiß ich.« Aus irgendeinem Grund munterte sie mich auf. »Du kannst deine Tasche hier abstellen, das Café sollte inzwischen geöffnet sein.«
Sie sah sich um. »Hier hätte ich mich gerne einquartiert. Ziemlich luxuriös im Gegensatz zu dem, was ich sonst gewohnt bin.«
Sie folgte Danny auf die Veranda. Ich blieb in der Küche und sah zu, wie die beiden dort im Sonnenschein standen. Danny sagte etwas, Liz nickte, dann begann sie, ihm irgendwas zu erklären. Sie gestikulierte viel, während Danny sie aufmerksam ansah. In dem Moment wusste ich, dass die beiden sich verstehen würden. Liz war jung und aufgeschlossen und Danny brauchte unbedingt eine Frau in seinem Leben. Was ich dagegen brauchte, war ein wenig Ausgeglichenheit.
Von der Stelle aus, an der ich stand, konnte ich das Foto von Fortyfoot House sehen, das im Flur an der Wand hing. Ich zögerte einen Moment, dann ging ich hinüber und studierte es genauer.
Es war eines von vielen Bildern, die man dort aufgehängt hatte. Da war ein Ölgemälde des Kaschmir-Gebirges, das ein Offizier der indischen Armee aus dem Gedächtnis gemalt hatte. Jedenfalls hatte Mrs. Tarrant das erzählt. Es gab einen Stich, der die Regent Street in London zeigte, und ein Foto von ›Master Denis Lithgow‹, dem ersten Jungen, der nach Ägypten flog, bei der Ankunft in Alexandria. Und da war ›Fortyfoot House, 1888‹. Exakt das Haus mit demselben Mann im Garten, in seinem schwarzen Frack und seinem hohen schwarzen Zylinder. Ich betrachtete es sorgfältig. Es gab keinen Zweifel, dass der Garten haargenau so aussah wie durch das glaslose Fenster der Kapelle.
Wenn Danny es nicht auch gesehen hätte, wäre ich überzeugt gewesen, einer Halluzination erlegen zu sein. Müdigkeit, Stress, der plötzliche Ortswechsel. Aber Danny hatte es auch gesehen. Fortyfoot House, wie es vor über einhundert Jahren einmal ausgesehen hatte.
»Daddy, kommst du?«, rief Danny.
