Die Perlenprinzessin. Lucky Jim - Iny Lorentz - E-Book
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Die Perlenprinzessin. Lucky Jim E-Book

Iny Lorentz

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Beschreibung

Aufbruch von Tahiti: »Perlenprinzessin« Ruth muss noch einmal Segel setzen. In Band 4 der historischen Familiensaga vom Anfang des 19. Jahrhunderts von Besteseller-Autorenduo Iny Lorentz erfährt Ruth, dass sie jahrelang über das Schicksal ihrer Familie in Hamburg belogen wurde.  Auf Tahiti hat Ruth sich nicht nur ein kleines Handelsimperium aufgebaut – sie findet auch endlich mit »Lucky Jim« James Hutton zusammen. Als der Wahlfänger Namasket das kleine tropische Paradies im Südpazifik anläuft, ist die Freude zunächst groß: An Bord befindet sich Ruths Bruder David, der als auf See verschollen galt. Doch was David von der Familie in Hamburg erzählt, lässt Ruth erkennen, dass sie jahrelang gefälschte Briefe erhalten hat. Voller Sorge um ihre Mutter und die jüngeren Schwestern gibt Ruth den Bau eines hochseetauglichen Schiffes in Auftrag, um selbst nach Hamburg zu reisen. Noch ahnen weder sie noch James, wie nah die Feinde ihrer Familien einem Sieg sind …  Gekonnt verwebt Iny Lorentz in der »Südsee-Saga« dramatische Schicksale, ein opulentes exotisches Setting und spannende historische Fakten zu einer großen Familiensaga. Die »Südsee-Saga« besteht aus folgenden historischen Romanen: - Band 1: Die Perlenprinzessin. Rivalen - Band 2: Die Perlenprinzessin. Kannibalen - Band 3: Die Perlenprinzessin. Missionare - Band 4: Die Perlenprinzessin. Lucky Jim - Band 5: Die Perlenprinzessin. Schwarze Tränen Entdecken Sie weitere historische Familiensagas von Bestseller-Autorin Iny Lorentz mit dramatischen Schicksalen und farbenprächtigen, fundiert recherchierten Schauplätzen: - Farbenprächtig, einfühlsam, spannend: Berlin-Trilogie, Band 1 »Tage des Sturms« - Mutig, abenteuerlich, dramatisch: Die Auswanderer-Saga, Band 1 »Das goldene Ufer« - Spannend, schicksalhaft, ergreifend: Preussen-Trilogie, Band 1 »Dezembersturm« 

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Seitenzahl: 656

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Iny Lorentz

Die Perlenprinzessin

– Lucky Jim –

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Dramatisch, exotisch, opulent

 

1825: Ruth hat sich auf Tahiti ein kleines Handelsimperium aufgebaut. Als es ihrer Freundin Aipua auch noch gelingt, sie und Lucky Jim Hutton zusammenzubringen, scheint ihr persönliches Glück vollkommen. Dann aber läuft der Walfänger Namasket mit ihrem Bruder David Tahiti an und Ruth erfährt, dass ihre Familie in Hamburg in höchster Gefahr schwebt. Rettung kann nur eine Person bringen, und das ist sie selbst …

 

Der vierte Band der neuen großen Familiensaga von Iny Lorentz

Inhaltsübersicht

Was vor Band vier geschah

Band eins: Rivalen

Band zwei: Kannibalen

Band drei: Missionare

Erster Teil | Die Lehre von Yin und Yang

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Zweiter Teil | Der Triumph der Feinde

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Dritter Teil | Eine anständige Frau

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Vierter Teil | Die Hochzeit

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Fünfter Teil | Ein Wiedersehen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Sechster Teil | Vergebliche Suche

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Siebter Teil | Neue Wege

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Achter Teil | Eine verzweifelte List

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Neunter Teil | Die Arche Noah

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Zehnter Teil | Die Gesegnete der Götter

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Historischer Überblick

Glossar

Personen

Was vor Band vier geschah

Band eins

Rivalen

Die beiden Hamburger Kapitäne Simon Simonsen und Jörgen Mensing sind Rivalen um die Gunst der schönen Mina Thadde. Als Mensing die Reedertochter durch Intrigen gewinnt, wird aus der Rivalität bittere Feindschaft. Mit Minas Mitgift baut Mensing sich eine kleine Reederei auf. Simon Simonsen erhält durch seinen einstigen Schiffer Hauke Lüders eine Chance. Dafür aber muss er dessen Tochter Erna heiraten, wider Erwarten wird es eine sehr glückliche Ehe.

Simon Simonsen macht sich in der Folge mit dem Handelsschiffer Samuel Bartlett und dem englischen Seeoffizier Gervase Smyth zwei weitere Feinde. Sein Sohn Jakob Simonsen rettet etliche französische Royalisten vor der Guillotine, darunter ist auch Frieda, seine spätere Ehefrau.

Als Napoleon Bonapartes Truppen Hamburg besetzen, folgen schlimme Jahre. Simon Simonsen wird von Jörgen Mensings Sohn Derek als englischer Spion denunziert und von den Franzosen standrechtlich erschossen. Jakob und Frieda Simonsens kleine Tochter Ruth erschießt mit der Pistole einen französischen Soldaten, der Molly Steeden, eine Freundin der Familie, vergewaltigen will.

Jörgen Mensing überlebt den Krieg ebenfalls nicht. Simon Simonsens einstige Liebe Mina Mensing will eine Aussöhnung zwischen den Familien herbeiführen und schlägt ihrem Enkel Mathias vor, Ruth Simonsen zu heiraten. Mathias will jedoch die Simonsens vernichten und gleichzeitig seinen Bruder Hinrich beseitigen, um alleiniger Herr der Reederei zu werden. Daher schlägt er vor, dass Hinrich Ruth heiraten soll.

Da Mathias Mensing seinem Bruder den Posten eines Missionars in der Südsee verschafft hat, müssen Ruth und Hinrich überstürzt nach England, um das Schiff zu erreichen, das sie dorthin bringen soll. Angeblich leben auf der ausgewählten Insel Menschen, die sanften Gemüts und leicht zu lenken seien.

Der Kapitän dieses Schiffes ist Gervase Smyth, ein Handlanger von Samuel Bartletts Sohn Zechariah. An Bord ist mit James Hutton ein Verwandter von Zechariah Bartletts Ehefrau Ellinor. Aufgrund der komplizierten Erbregelung der Huttons steht nur noch James zwischen Ellinor und ihrer Nachfolge ihres Vaters als Countess of Huttonsfield. Sowohl Ruth und Hinrich Mensing wie auch James Hutton sollen den Befehlen Zechariah Bartletts und Mathias Mensings zufolge die Südsee nicht mehr lebend verlassen.

Band zwei

Kannibalen

Auf Tahiti heuern Ruth und Hinrich den Eingeborenen Tahitoa als Diener und Dolmetscher an. Wie auch James Hutton warnt Tahitoa sie vor der Insel Hiva Oa, auf der Hinrich missionieren will. Dieser nimmt ihre Warnungen jedoch nicht ernst.

Der Stamm der Hanatea empfängt Hinrich und Ruth zunächst freundlich. Es gibt jedoch bald Probleme zwischen Ruth und Hinrich. Damit sie sich von den dort heimischen Frauen abhebt, verlangt Hinrich von ihr, weiter ihre für das Klima ungeeigneten Kleider zu tragen. Als Ruth schwanger wird, wird es für sie doppelt schlimm.

In der Zeit landen die Walfänger um Rave Wally an der Insel an, machen die Eingeborenen samt Hinrich betrunken und wollen mit reichlich Beute und Gefangenen verschwinden. Ruth verhindert es mithilfe der Waffen, die ihr Mann von James Hutton erhalten hat. Der Preis ist jedoch hoch, denn sie verliert danach ihr Kind.

Bald darauf wird Ruth erneut schwanger und bringt mit Jan ihren ersten Sohn zur Welt. Dann aber will der Stamm der Hanamate die Hanatea angreifen. Hinrich kann sie mit den bereits erwähnten englischen Waffen zurückschlagen. Der oberste Häuptling der Feinde wird gefangen und soll in einer großen Zeremonie rituell verspeist werden. Als Hinrich dies begreift, zertrümmert er im heiligen Zorn die Götterstatuen der Hanatea. Daraufhin wird er von den empörten Inselbewohnern getötet und soll nun selbst verspeist werden. Ruth kann seinen Leichnam retten und flieht mit ihrem Sohn, Tahitoa und dessen Frau Aipua mit einem Kanu nach Tahiti.

Unterdessen hat Captain Smyth den Auftrag Bartletts erfüllt und James Hutton heimlich niedergeschlagen und über Bord geworfen. James trägt allerdings den Namen Lucky Jim nicht zu Unrecht, denn er konnte sich auf ein winziges Atoll retten. Anschließend lauert Smyth Ruths Vater Jakob Simonsen auf, der mit seinem neusten Schiff aufgebrochen ist, um seine Tochter aufzusuchen. Dabei wird Ruths Vater ermordet.

Band drei

Missionare

Ruth hat nach ihrer Flucht von Hiva Oa Tahiti erreicht und lebt dort in der Siedlung der Missionare. Als schöne Witwe mit einem kleinen Sohn spricht sie die ritterlichen Gefühle des jungen Missionars Hiram Perell an, den Mildred Wiggles, die Ehefrau des Leiters der Mission, jedoch für ihre Tochter gewinnen will. Daher überzeugt Mistress Wiggles ihren Mann davon, Ruth den Posten als Leiterin des Handelspostens zu verschaffen, in der Hoffnung, dass die Witwe scheitert und in Verruf gerät. Reverend Wiggles will dabei jedoch die Zügel selbst in der Hand behalten. Zu seinem Pech erweist sich Ruth – Tochter eines Reeders und Handelsherrn – als äußerst fähig und lässt sich nicht von ihm beherrschen.

Der auf einem winzigen Atoll gefangene James Hutton wird von Rave Wallys Mannschaft gerettet und muss als Walfänger arbeiten. Eine Walkuh rächt jedoch den Tod ihres Jungen, indem sie die Walboote und zuletzt auch das Schiff zerstört. Außer James Hutton und Wally überleben nur wenige Walfänger. Diese werden von einem Schiff gerettet und nach Tahiti gebracht. Dort erkennt Wally in Ruth die Frau, die ihn und seine Männer von Hiva Oa verjagt hat, und will sich rächen. Außerdem will er ihr neues Schiff stehlen und damit fliehen. James bekommt Wind von diesen ruchlosen Plänen und greift auf Ruths Seite ein. Wally stirbt durch eine Kugel, und Ruth schlägt James vor, ihre Hiva Oa als Kapitän zu führen.

Nach einer Probefahrt bricht James Hutton mit Tahitoa und dem chinesischen Gehilfen Lu Po zusammen nach China auf, um von dort Waren mitzubringen. Sie können sich dort gegen üble Schurken durchsetzen und kehren früh genug zurück, damit Ruth ihre Schulden bei der Krone Tahitis zahlen kann.

In England gelingt es unterdessen Zechariah Bartlett, seine Frau Ellinor als neue Countess of Huttonsfield durchzusetzen, nachdem Captain Smyth bei seiner Rückkehr James Huttons Tod vermeldet.

Mathias Mensing vergiftet derweil in Hamburg Frieda Simonsens Verstand durch eine Droge. Deren Mann ist verschollen, ebenso ihr jüngster Sohn David. Allerdings wurde David von Walfängern gerettet, die zu ihren Fanggründen im Südpazifik unterwegs sind.

Mathias Mensing hält sowohl Jakob Simonsen wie auch David für tot und holt nun zum Schlag gegen Ruths älteren Bruder Jeremias aus. So redet er ihm zu, David zu suchen und dafür Zechariah Bartlett in London aufzusuchen. Dieser soll Jeremias umbringen lassen. Bartlett entscheidet sich jedoch dafür, Jeremias zu betäuben und auf ein Sträflingsschiff bringen zu lassen, das nach Australien unterwegs ist. Dort sollen Jeremias und Bill Butcher, ein vielleicht vierzehnjähriges Bürschlein, mit dem er seinen Verschlag teilt, lebenslang Zwangsarbeit leisten.

Erster Teil

Die Lehre von Yin und Yang

1.

Amüsiert ließ Ruth Mensing den Blick über die Teerunde schweifen, die sie um sich versammelt hatte. Die englischen Damen aus der Missionssiedlung wären schockiert gewesen, hätten sie ihre jetzigen Gäste sehen können. Zu ihrer Rechten saß Lu An, die weit über siebzig Jahre alt war und klein und verhutzelt wirkte. Trotz ihres hohen Alters erschien sie lebendiger, als es die englischen Damen je sein würden. Außerdem beherrschte sie ihre Sippe mit eisernem Griff. Selbst Lu Po, der älteste Sohn ihres ältesten Sohnes und offiziell das Oberhaupt der Lu-Sippe auf Tahiti, wagte es nicht, sich dem Willen der Matriarchin zu widersetzen.

Der energischen alten Dame entging nichts. So bekam gerade ihre Urenkelin Lu Yi ihren Zorn zu spüren. »Was bist du nur für ein dummes, unnützes Ding!«, schalt sie das Mädchen. »Du hättest Schläge verdient, deine Herrin derartig zu kränken, indem du ihr eine angeschlagene Tasse vorsetzt. Schande über dich! Ich werde ein anderes Mädchen bestimmen müssen, das Frau Men Sing Ru Ti besser bedient als du.«

»Verzeih, alte Drachenfrau! Es war ein Versehen und wird nicht wieder vorkommen«, rief Lu Yi und warf sich vor ihrer Großmutter auf den Boden.

Diese versetzte ihr einen Fußtritt, bei dem Ruth durchaus merkte, dass er mehr angedeutet als fest war, dann wandte die alte Frau sich ihr zu und verneigte sich. »Ich bitte dich, diese nichtsnutzige Lu Yi so zu bestrafen, wie du es für richtig hältst.«

»Ich werde mit ihr zum Strand gehen und ihr den Hai zeigen, dem wir sie vorwerfen werden, wenn sie Ruhutia einmal richtig erzürnt«, witzelte Aipua, Ruths Dienerin und engste Freundin, die nun ihr Kleid öffnete, um ihre kleine Tochter an die Brust zu legen.

Lu An sah ihr wohlgefällig zu. »Das ist ein schönes, gesundes Kind!«, sagte sie, und wandte das Gesicht einer jungen Frau zu, die am anderen Ende des Tisches saß. »Ich hoffe, bald zu sehen, dass Lu Mei ebenfalls ein Kind nährt, am besten einen Sohn, der meinem Enkel Po einmal als Oberhaupt der Lu nachfolgen wird.«

Lu Mei stand auf und verbeugte sich. Dabei erklärte sie zwitschernd in ihrer Sprache, dass ihr Ehemann Lu Po und sie alles tun würden, um der alten Drachenfrau diesen Wunsch so rasch wie möglich zu erfüllen.

Ruth wurde das von Lu Yi leise übersetzt. Längst wunderte sie sich nicht mehr über die fremdartigen Sitten der Söhne und Töchter der Han, wie die Chinesen aus Lu Pos Sippe ihr Volk nannten. In Hamburg hätten Enkel und Enkelinnen, welche die Großmutter »alte Drachenfrau« nannten, äußersten Anstoß erregt. Auch hätte keine Großmutter die Enkelin bei einem sanften Tadel ein dummes und unnützes Ding genannt, das Schläge verdiente. Und Lu Ans Erwähnung geschlechtlicher Angelegenheiten, um der Frau ihres Enkels zu erklären, wie ein Sohn am schnellsten gezeugt werden konnte, wäre in Hamburg als Tischgespräch ganz bestimmt nicht geeignet gewesen.

Lu An erteilte Lu Mei jedoch unbefangen ihre Ratschläge. Obwohl Ruth zunächst ein wenig die Nase darüber rümpfte, übte die bildhafte Erzählung eine gewisse Wirkung auf sie aus. Sie war eine junge Frau und hatte das intime Zusammensein mit ihrem Ehemann stets als angenehm empfunden. Nun war Hinrich bereits über zwei Jahre tot und ihre Trauer zu einem stillen Gedenken geworden. Mit einem gewissen Spott sagte sie sich, dass sie solche Ratschläge, wie Lu An sie von sich gab, nicht mehr brauchte, denn sie hatte bereits einen Sohn. Jan war mittlerweile ein Wirbelwind von gut drei Jahren und sammelte gerade mit Tahitoa in ihrem Kokoshain Kokosnüsse.

Bei dem Gedanken an Tahitoa wanderte Ruths Blick zu dessen Ehefrau hinüber, und sie nahm den zärtlichen Ausdruck auf Aipuas Gesicht wahr, mit dem diese ihre kleine Tochter anschaute. Plötzlich erfasste Ruth die Sehnsucht, das Kind in den Armen zu halten, und so bat sie Aipua, ihr die Kleine zu reichen, sobald sie satt sei.

»Ein wirklich schönes Kind!«, erklärte Lu An noch einmal und strich dem Säugling mit dem Zeigefinger zärtlich über die Wange.

»Heirani ist ein wunderschönes Kind«, bestätigte Ruth und blickte wie verzaubert auf die Kleine. Dabei entgingen ihr die Blicke, die Aipua und Lu An miteinander wechselten.

»Ich hoffe, dass Lu Mei meinem Enkel nicht nur einen Sohn gebiert«, fuhr die alte Frau fort. »Ein Sohn allein ist zu wenig. Wie leicht kann ein Unglück geschehen oder das Schicksal auf andere böse Weise eingreifen. Ich habe siebzehn Kinder geboren. Elf davon überstanden die Kindheit und blieben am Leben. Meinen Ehemann und drei unserer Söhne haben die Soldaten des Statthalters während der Zeit der Unruhen getötet. Zwei Töchter und mehrere Schwiegertöchter wurden verschleppt, und wir haben nie mehr etwas von ihnen gehört. Nun lebt von meinen Söhnen nur noch Lu Yang.«

Lu An verstummte für einen Augenblick und sah Lu Mei nachdenklich an. »Möge Hsi Wang Mu geben, dass die Zeit der Prüfungen für die Lu vorüber sind und wir auf Tahiti eine Heimat gefunden haben.«

»Das hoffe ich auch!«, antwortete die junge Frau.

Lu An wandte sich wieder Ruth zu. »Wir Lu sind dir zu großem Dank verpflichtet. Du hast uns aus An Tsing und damit der Armut holen und hierherbringen lassen. Auf Tahiti leben wir besser, als wir es je getan haben. Es ist zwar nicht die gelbe Erde unserer Ahnen, doch ein sehr schönes Land mit freundlichen Menschen. Vor allem lohnt sich die Arbeit, die wir hier tun. Lu Yang führt für dich die Herberge, Lu Po den Laden und meine Schwiegertochter Lu Tse das Haus der Blumen und Weiden. Habe ich einen vergessen? Ach ja, Lu Wei und seine Wäscherei. Auch sie bringt Geld.«

Die alte Frau wirkte hochzufrieden, doch Ruth war es ebenfalls. Mit Lu Pos Hilfe und der seiner Verwandten war es ihr gelungen, den Handelsposten auf Tahiti, den man ihr vor gut zwei Jahren übertragen hatte, auszubauen und mit ihm gute Einnahmen zu erzielen. Mittlerweile hatte sie nicht nur neue Gebäude für den Laden, die Wäscherei und das Gasthaus errichten lassen, sondern besaß auch mit der Hiva Oa und der Tahuata zwei Schiffe für den Handel zwischen den Inseln. Ihr Großvater Simon Simonsen hatte seinerzeit in Hamburg mit weniger anfangen müssen.

Dazu wurde nur wenige Hundert Schritt von ihrem Haus entfernt gerade letzte Hand an ihr neuestes Schiff gelegt. Es war weit größer als die bisherigen und dazu bestimmt, sie und Jan, sobald die Zeit gekommen war, nach Hamburg zurückzubringen. Sie hatte es Mohotani nennen wollen, nach der Insel, auf der ihr Ehemann Hinrich begraben lag, sich dann aber aus einer gewissen Scheu heraus für Poerava – Schwarze Perle – entschieden.

Während die Frauen sich weiter angeregt unterhielten, glitten Ruths Gedanken in die weit entfernte Heimat. Vor fast sechs Jahren hatte sie Hamburg verlassen und gehofft, ihr Vater oder ihr Bruder Jeremias würden die lange Seefahrt in die Südsee einmal wagen. Doch die beiden waren nicht gekommen, sondern hatten ihr nur Briefe geschickt. Die letzten hatte die englische Fregatte Andromache mitgebracht, die als Ablösung für die Penelope nach Tahiti gekommen war. Laut diesen Briefen ging es ihren Lieben zu Hause gut. Alle hatten sie grüßen lassen, ihr aber auch geraten, so lange in der Südsee zu bleiben, bis Jan mindestens sieben oder acht Jahre alt war. Jünger, so hatte ihr Vater erklärt, könne er diese Reise womöglich nicht überstehen, und da er Hinrichs einziger Sohn sei, müsse sie alles dafür tun, damit er das Vermächtnis seines Vaters weiterführen könne.

Obwohl ihr Vater und ihre Mutter liebe und freundliche Worte gefunden hatten, zog es Ruths Herz zusammen, wenn sie die Zeilen las. Sie glaubte, eine gewisse Kälte darin zu spüren, so, als hätten ihre Lieben sie während der langen Abwesenheit bereits halb vergessen.

Ein Stupsen riss Ruth aus ihren Gedanken. Sie blickte auf und sah Aipua den Kopf schütteln. »Du denkst zu viel nach, Ruhutia, und vergisst ganz, dass du Gäste hast. Lu An fragte gerade, wo sich Te’ema befindet?«

Te’ema, das war James Edward Hutton, früherer Seeoffizier der englischen Marine und nun ihr bester Kapitän. Tahitoa und Aipua hatten ihm diesen Namen nach hiesiger Sitte gegeben. So wie Hinrich einst Hiniriki genannt worden war und man sie immer noch als Ruhutia bezeichnete. Auch Lu An hatte ihren Namen resolut auf die Art ihres Volkes umgeändert. Für die Chinesen auf Tahiti war sie Men Sing Ru Ti, da die Chinesen aus Ruth unverständlichen Gründen den Familiennamen voransetzten. Es war ein sehr langer Name, der die Achtung ausdrücken sollte, welche die Lu-Sippe für sie empfand.

»James ist mit der Tahuata auf Handelsfahrt zu den Tuamotu-Inseln unterwegs«, erklärte sie und musste schmunzeln. »Im Gegensatz zu Missionaren ist er dort willkommen, und das sind auch die Waren, die das Schiff dorthin bringt.«

»Die Missionare sind … nun ja, Leute, die besser dort geblieben wären, wo sie hergekommen sind.« Lu An machte kaum einen Hehl daraus, wie wenig ihr die Bewohner der Missionarssiedlung behagten. Gewohnt, sich den Lebensunterhalt mit eigenen Händen zu erarbeiten, waren ihr die Missionare suspekt, die sich dafür, dass sie zwei- oder dreimal in der Woche für eine Stunde in der Kirche predigten, von den Eingeborenen der Inseln wie hohe Herrschaften versorgen ließen.

»Gewiss wird Te’ema dir wieder ein paar wunderschöne Perlen mitbringen«, sagte Aipua.

Ruth errötete leicht, denn die schwarzen Perlen der Südsee übten einen besonderen Reiz auf sie aus. Wo es nur ging, besorgte sie sich welche. Die einfacheren wollte sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat verkaufen, die schönsten aber selbst behalten und tragen.

»Ja, ich vermute, er wird wieder ein paar auftreiben«, antwortete sie.

»Der Kapitän ist auch ein besonderer Mann. Obwohl er eine Langnase ist, würde ich, falls er eine meiner Enkelinnen als Ehefrau wünscht, mir überlegen, ob ich sie ihm nicht doch geben sollte«, erklärte Lu An kichernd.

Ruth fühlte einen leichten Ärger, ohne so recht zu begreifen, warum. Die alte Frau empfand sie heute als anstrengend, denn deren unverblümten sexuelle Anspielungen reizten ihren Körper, der schon seit langer Zeit auf ein eheliches Beisammensein hatte verzichten müssen. Auch gefiel ihr Lu Ans Bereitschaft, James mit einer ihrer Enkelinnen zu verheiraten, ganz und gar nicht. Sie war daher froh, als Lu Pos Großmutter befand, dass es Zeit sei, nach Hause zu gehen, und sich von ihr verabschiedete.

»Diese Chinesen sind wirklich ein seltsames Volk«, sagte Ruth, sobald sie mit Aipua allein war.

Die Polynesierin lachte. »Ich glaube nicht, dass wir in ihren Augen weniger seltsam sind als sie für uns. Ich mag sie auf jeden Fall lieber als die Paratane in der Missionarssiedlung.«

Die Paratane, das waren die Engländer oder Briten auf der Insel. Da sie großen Einfluss auf den Hofstaat der Königin ausübten, besaßen sie Macht, und es war daher nicht klug, es sich mit ihnen zu verderben. Mit Wiggles, dem früheren Leiter der Mission, hatte Ruth so manchen Strauß ausfechten müssen. Das neue Oberhaupt der Missionare, George Pritchard, ließ ihr beim Handel jedoch freie Hand. Ihn interessierten nur die Steuern und Abgaben, die sie an die Krone und die Mission bezahlen musste. Sowohl die Königin wie auch Pritchard wussten das Geld zu schätzen. Während Aimata Vahine Pomare IV. mit diesem gerne Feste ausrichtete, baute Pritchard dafür Kirchen und Schulen. Er sorgte zudem dafür, dass die Missionare wieder etwas schlichter lebten als zu Reverend Wiggles’ Zeiten. Sechs Bedienstete, wie dessen Ehefrau Mildred sie sich geleistet hatte, waren in seinen Augen ein Zeichen von Hochmut und Stolz, die im Widerspruch mit den Regeln der Missionsgesellschaft standen.

Mit einem gewissen Spott dachte Ruth daran, dass Harriet Baker, Susan Peabody, Margery Longfellow und wie sie alle hießen, nun selbst die Hände rühren mussten, wenn sie nicht George Pritchards Missfallen und das von dessen Ehefrau Eliza erregen wollten.

»Du denkst heute wieder zu viel!«, tadelte Aipua sie. »Kannst du eine Weile auf Heirani aufpassen? Ich will sehen, wie weit Maire mit dem Abendessen ist.«

»Aber bis dorthin sind doch noch ein paar Stunden Zeit«, rief Ruth überrascht, doch da war ihre Freundin schon verschwunden.

2.

Eigentlich hatte Ruth nach Lu Ans Besuch ihre Rechnungsbücher nachtragen wollen. Nun aber hielt sie Aipuas und Tahitoas kleine Tochter im Arm und brachte es nicht übers Herz, diese auf eine Matte zu legen, um sich ihren Pflichten zu widmen. Stattdessen setzte sie sich auf ihren Stuhl und wiegte das Kind.

Heirani war allerliebst. Nun lächelte sie Ruth an und fasste mit ihren kleinen Händen nach ihren Haaren, aber ohne daran zu zerren, wie Jan es in ihrem Alter gelegentlich getan hatte. Ruths Herz schmolz förmlich dahin, und obwohl sie sich zunächst ein wenig geärgert hatte, weil Aipua ihr die Kleine aufgedrängt hatte, bedauerte sie es direkt, als ihre Freundin zurückkehrte und ihr Kind wieder übernahm.

»War Heirani auch brav?«, fragte Aipua.

»Das war sie«, antwortete Ruth und streckte die Hand aus, um die Kleine zu streicheln.

Aipua bemerkte es mit einem feinen Lächeln. Sie sagte jedoch nichts, sondern legte ihre Tochter in die Wiege und begann aufzuräumen.

»Aber das können doch Vaimiti und Lu Yi erledigen«, wandte Ruth ein.

»Die beiden sind nicht hier. Vaimiti ist in den Laden gegangen, und Lu Yi begleitet ihre Großmutter nach Hause.«

»Es ist ihre Urgroßmutter«, korrigierte Ruth sie freundlich.

»Auf jeden Fall ist sie eine sehr alte Drachenfrau«, erklärte Aipua und lachte. »Du hast schon recht! Diese Chinesen sind wirklich seltsame Leute.«

»Wie kommst du jetzt darauf?«, fragte Ruth verwundert.

»Schon allein, wie sie heiraten! Erinnere dich, wie Lu Po an seine Frau gekommen ist.«

»Und wie?« Ruth hatte nur gehört, dass Lu Mei auf der Rückkehr von der letzten Handelsfahrt nach An Tsing auf dem Schiff gewesen war. Lu Po hatte sogar eine Steuer an die Krone entrichtet, damit sie Tahiti betreten durfte, und das war etwas, was er bei seinen übrigen Verwandten nicht getan hatte.

»Warte, ich mache zwei Kokosnüsse auf, so dass wir deren Saft trinken können! Dann erzähle ich es dir«, sagte Aipua fröhlich und verschwand kurz.

Als sie zurückkehrte, brachte sie zwei noch unreife Kokosnüsse mit, dazu ein Haumesser und zwei halbierte Kokosnussschalen, die als Trinkgefäße dienen sollten. Zwar gab es auch Gläser und Porzellanbecher, doch Aipua zog die Schalen der Kokosnüsse vor. Nachdem sie beide Nüsse geöffnet hatte, füllte sie die Schalen und reichte Ruth eine davon.

»Lu Yi hat es mir erzählt«, begann sie. »Lu Pos Großmutter hat noch, bevor sie mit diesem zusammen China verließ, eine Vermittlerin beauftragt, eine passende Braut für ihn zu suchen. Sie mussten aber zu schnell abreisen, um auf ein Ergebnis warten zu können. Daher hat sie bei den weiteren Handelsfahrten nachfragen lassen, ob die Vermittlerin bereits jemanden gefunden habe. Bei der vorletzten Fahrt gab diese einen Brief für sie mit, in dem die Vorzüge der infrage kommenden Mädchen beschrieben worden sind. Lu An hat sich dann für Lu Mei entschieden. Diese wurde bei der letzten Fahrt auf das Schiff gebracht und hierhergeschafft. Sie wusste weder, wie Lu Po aussieht, noch, was für ein Mensch er ist, und er dies ebenso wenig von ihr. Da ist es kein Wunder, dass Lu An die beiden drängt, so oft wie möglich die Matte zu teilen. Dies sorgt nicht nur dafür, dass Lu Mei schwanger werden kann, sondern lässt die beiden auch Gefallen daran finden, miteinander verheiratet zu sein.«

»Das war aber ein langer Vortrag«, sagte Ruth amüsiert. Sie stellte sich das Paar für einen Augenblick in der Zurückgezogenheit ihrer Schlafkammer vor, schüttelte diesen Gedanken jedoch rasch wieder ab, da er ihr allzu schlüpfrig erschien, und schnupperte hörbar. »Es sieht aus, als müsstest du Heiranis Windeln wechseln!«

»Kannst du es für mich übernehmen? Dann verlernst du es nicht, wenn du später einmal ein weiteres Kind haben wirst«, antwortete Aipua.

»Wie soll ich zu einem Kind kommen? Mein Mann ist tot!«, antwortete Ruth. Dabei spürte sie schon geraume Zeit, dass sie einer zweiten Ehe bei Weitem nicht mehr so ablehnend gegenüberstand wie noch vor mehreren Monaten.

Mit einer spöttischen Bemerkung holte sie die Kleine, legte sie auf eine Matte und löste die Windel. Heirani gluckste und streckte die Arme nach ihr aus.

»So geht es nicht!«, tadelte Ruth sie sanft und begann, sie zu säubern. Aipua reichte ihr etwas Noni-Öl, um die Kleine einzucremen, und entfernte dann die volle Windel, während Ruth eine neue anbrachte und diese dann kritisch musterte.

»Wie du siehst, kann ich es noch«, sagte sie zu Aipua.

»Ja, das kannst du noch!« Aipua lächelte zufrieden, da ihr nicht entging, welche Wirkung ihre Tochter auf Ruth ausübte. Wie es aussah, begann die Sehnsucht nach einem neuen Leben in ihrer Freundin zu erwachen. Da zu einem Kind auch ein Mann gehörte, der es zeugte, würde gewiss bald die Sehnsucht nach trauter Zweisamkeit in ihr aufkommen, und dafür gab es einen sehr guten Kandidaten. Der aber hielt sich derzeit noch auf den Tuamotu-Inseln auf. James Hutton würde jedoch bald zurückkommen, und bis dorthin galt es für sie und ihre Mitverschworenen Lu An, Lu Yi, Maire und Vaimiti, dafür zu sorgen, dass er auch auf Ruths Matte willkommen war.

Aipua konnte nicht ahnen, wie erfolgreich sie war. In dieser Nacht träumte Ruth zum ersten Mal seit Hinrichs Tod davon, in den Armen eines Mannes zu liegen, und dieser Mann trug die Züge von Lucky Jim, wie James Edward Hutton einst von den Matrosen des Schiffes, auf dem er gedient hatte, genannt worden war.

3.

James Hutton musterte den Häuptling mit einer gewissen Anspannung. Obwohl er selbst nicht gerade ein Zwerg war, überragte der Mann ihn um mehr als einen halben Kopf. Da der Häuptling lediglich einen knappen Lendenschurz trug, konnte man sehen, dass sein Leib, seine Beine und Arme, ja, sogar das Gesicht und der kahl rasierte Kopf über und über mit Tataus bedeckt waren, jeder Quadratzoll Haut wies diese blauschwarzen Zeichnungen auf. Gleichförmige Linien zierten seine fast mannslange hölzerne Keule als Schnitzerei. Es musste eine mühselige Arbeit gewesen sein, diese Waffe so zu verzieren. Spuren am Schlagkopf zeigten zudem, dass sie nicht nur als Standessymbol diente, sondern durchaus gebraucht wurde.

Selbst in dem Augenblick bestand diese Gefahr. Wenn der Häuptling sich ärgerte, war diesem zuzutrauen, seine Waffe gegen ihn zu schwingen. Die geladene Muskete, die einer seiner Matrosen in der Hand hielt, konnte in diesem Fall lebensrettend sein, aber nur dann, wenn der Mann die Situation rasch genug erkannte.

Der Handel mit den Tuamotu-Inseln war stets ein Risiko. Allerdings war er lohnend, und so fuhr James immer wieder diese Atolle an. Auch diesmal hatte er Messer, Kochkessel und andere Dinge bei sich, die für die Eingeborenen von Wert waren. Dem Häuptling lag allerdings offensichtlich nichts an diesen Waren. Stattdessen äugte er gierig auf die Muskete.

»Du geben Feuerstock vieles und bekommen drei Perlen für jeden!«, versuchte er, mit James ins Geschäft zu kommen.

James wusste, dass neun von zehn Händlern darauf eingehen würden. Ruth Mensing war jedoch strikt dagegen, den Eingeborenen Feuerwaffen zu verkaufen, mit denen sie sich gegenseitig niedermetzeln konnten. Hätte er die Ausrede gelten lassen, dass die Insulaner sich mit diesen Musketen gegen üble weiße Schurken wie den glücklicherweise verstorbenen Raphael Wally verteidigen und sie nicht aufeinander richten würden, wäre auch er in Versuchung geraten, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis, den der Häuptling dafür bot, war nämlich hoch. Auch wenn die schwarzen Perlen der Südsee hier nur als schöner Schmuck galten, war jede davon in Europa mehr wert als ein Dutzend Musketen.

Doch ebenso wie für Ruth Mensing galt auch für ihn Moral mehr als Gewinn. Daher schüttelte er den Kopf. »Ich verkaufe keine Musketen. Entweder du nimmst die Messer und andere Waren, die wir dir anbieten, oder wir laden alles wieder ein und kehren zu unserem Schiff zurück.«

Für einige Augenblicke sah es so aus, als wolle der Häuptling es darauf ankommen lassen, denn er wusste zwanzig erfahrene Krieger hinter sich. Das Knacken, mit dem der Matrose die Muskete spannte, wie auch die Mündungen der beiden Kanonen auf der in der Lagune ankernden Tahuata ließen ihn jedoch davon absehen.

»Ihr bekommen für all das«, er wies auf die Auswahl an Waren, die James an Land hatte schaffen lassen, »drei Perlen!«

Das wiederum war James zu wenig, und so schüttelte er den Kopf. »Zehn Perlen – und zwar schöne große!«

»Ich nicht haben so viel. Drei Perlen und zehn, die kleiner!«

»Zeigen!«, sagte James.

Der Häuptling warf einen begehrlichen Blick auf die Waren, die James anbot, und winkte einen seiner Männer herbei. Dieser reichte ihm zwei kleine Beutel aus Fischhaut. Aus dem etwas größeren zählte der Häuptling zehn kleine Perlen in verschiedenen Farbtönen von Silber bis Grau.

»Die sind in Ordnung«, sagte James und war gespannt auf die drei anderen Perlen.

Der Häuptling öffnete die Bastschnur, mit der der zweite Beutel verschlossen war, und legte James drei Perlen von schier unwahrscheinlicher Größe und Reinheit hin, so dass dieser überrascht die Luft einsog. Allein für diese Perlen hätte James ihm die Waren überlassen. Um den Mann nicht zu betrügen, befahl er seinem Helfer Lu Mong, ihm noch einmal halb so viel zu reichen, wie bereits vor dem Häuptling lag, und machte diesem klar, dass alles ihm gehörte.

Der Eingeborene musterte ihn erstaunt und nickte dann. »Du Mann von Prinzessin der Perlen. Sie gerecht! Anders als andere weiße Männer!«

Es klang anerkennend, und James fragte sich, wie Ruths Ruf bereits in dieses abgelegene Atoll der Tuamotu-Inseln gelangt sein konnte. Er war jedoch zufrieden und reichte dem Polynesier die Hand. »Dieses Schiff ist ein Schiff der Perlenprinzessin. Sie ist unser …«, er suchte nach einem Ausdruck, den der andere verstehen konnte, und entschied sich für »Häuptling!«.

»Du willkommen! Nicht aber Männer mit Buch, die fluchen auf den roten Oro, auf Makemake und auf Tangaroa!« Mit diesen Worten legte der Häuptling James kurz die Hand auf die Schulter und wies seine Männer an, die Waren in das etwa zweihundert Schritt entfernte Dorf zu tragen. Dann wandte er sich wieder James zu.

»Du und deine Männer bleiben. Gast bei Vahine!«

Es war das Angebot, die Nacht mit einer Frau dieser Insel zu verbringen. Einem Europäer mochte dies seltsam erscheinen, doch James hatte begriffen, dass damit den Stämmen frisches Blut zugeführt und der Inzucht durch die Abgelegenheit ihrer Inseln vorgebeugt werden sollte.

Abwehrend hob er die Hand. »Wir müssen heute noch weiter! Die Perlenprinzessin wartet auf uns.«

Er atmete auf, als der Häuptling nickte. Ihn zu verärgern oder gar zu beleidigen, hätte ein Ende des Handels mit diesem Atoll bedeutet. Da es hier die schönsten schwarzen Perlen der Südsee gab, wäre dies ein herber Verlust gewesen.

Er verabschiedete sich und kehrte mit Lu Mong und den drei tahitianischen Matrosen, die ihn begleitet hatten, an Bord der Tahuata zurück. Das Schiff war kleiner als die Hiva Oa, mit der er sonst die Meere befuhr, und verfügte nur über eine kleine Heckkajüte. Da James sich angewöhnt hatte, außer bei Regenwetter wie die Matrosen an Deck zu schlafen, nutzte er sie kaum. In der Kajüte befand sich jedoch der Kasten, in den er die eingetauschten Perlen legte. Er hatte auf dieser Fahrt bereits einige erhalten und in drei Gruppen eingeteilt. In der untersten waren die unterschiedlich gefärbten kleinen Perlen wie die zehn, die er hier erhalten hatte. Die mittlere Gruppe bestand aus größeren, ebenfalls verschieden gefärbten Perlen und die oberste aus großen, reinschwarzen Perlen. Als er die drei Neuerwerbungen dazulegte, war er fast so weit, für diese eine vierte als höchste Kategorie einzuführen. Es waren Perlen von einer Güte, die Ruth Mensing niemals verkaufen, sondern selbst behalten würde.

James atmete tief durch, als er an Ruth dachte. Sie war nicht nur eine wunderschöne Frau, sondern auch durchsetzungsfähig und klug. Daher war es ihr in den letzten zwei Jahren gelungen, sich gegen den Willen der Missionare ihren Platz auf Tahiti zu erkämpfen, und mittlerweile war sie reich und mächtig genug, um dort keinen Gegner mehr fürchten zu müssen. Doch gerade das machte es ihm unmöglich, ihr zu zeigen, was er für sie fühlte. Sie war die Herrin und er der Knecht.

Mühsam schüttelte er diesen Gedanken ab und stieg wieder an Deck, um das Lichten des Ankers und das Auslaufen zu überwachen. Seine Matrosen waren fröhliche Männer, die vergnügt ihre Arbeit taten, und es war kein Vergleich zu den englischen Matrosen, bei denen oft genug der Tampen des Bootsmannes oder die neunschwänzige Katze für den nötigen Arbeitseifer sorgen musste.

Lu Mong trat neben ihn. Er war kein Matrose, sondern für die Waren an Bord zuständig. Doch wenn es nottat, packte auch er mit an. »Wir haben gute Geschäfte getätigt, Captain Sir! Die große Herrin wird mit uns zufrieden sein!«

James nickte. »Ja, das wird sie.«

»Sie wird uns eine schöne Prämie geben, Captain Sir«, fuhr Lu Mong fort. Auf sein sonst so unbewegtes Gesicht trat ein Lächeln. »Bald werde ich genug Geld haben, um mir eine Frau aus meiner Heimat holen zu lassen. Vielleicht wird das bereits auf Ihrer nächsten Fahrt nach An Tsing geschehen. Die alte Drachenfrau wird Ihnen einen Brief an die Vermittlerin mitgeben. Es gibt viele Familien dort, die froh sind, wenn sie eine ihrer Töchter gut verheiraten können. Vielleicht sollten Sie sich auch eine Frau aus Ihrer Heimat schicken lassen.«

James lachte leise. »Ich weiß niemanden in meiner Heimat, der eine – wie sagten Sie? –, eine Vermittlerin kennt. Zudem würde keine Familie ein Mädchen, das meinen Ansprüchen genügt, in die Ferne schicken.«

»Es ist nicht einfach, ein Captain Sir zu sein, wenn man heiraten will«, philosophierte Lu Mong. »Als Matrose könnten Sie sich gewiss ein einfaches Mädchen aus Ihrer Heimat schicken lassen.«

»Als einfacher Matrose wäre ich zu arm, um mir eine Frau aus England schicken zu lassen. Als solcher würde ich eine Tahitianerin heiraten und mit ihr glücklich werden.« James lachte immer noch, während seine Gedanken erneut zu Ruth wanderten. Sie war die Sonne, die hoch am Zenit stand. Ohne sie konnte er nicht leben, doch ebenso wenig war er in der Lage, zu ihr aufzusteigen und sie zu bitten, die Seine zu werden.

»Ja, Mister Lu Mong, es ist nicht leicht, ein Captain Sir zu sein«, antwortete er und befahl dem Rudergänger, zwei Strich nach Backbord abzufallen.

4.

Viele Tausend Meilen von den Tuamotu-Inseln und Tahiti entfernt beobachtete Mathias Mensing die Schneeflocken, die vom Wind durch die Straßen geweht wurden. Draußen war es kalt, und die Schiffe im Hafen lagen fest vertäut und warteten darauf, bis das Wetter es wieder zuließ, mit den verschiedensten Gütern beladen die sieben Meere zu befahren.

Dazu zählten auch die Schiffe der Reederei Mensing und die der Reederei Simonsen. Mathias entfuhr ein leises Lachen, als er daran dachte. Die Reederei Simonsen existierte nur mehr dem Namen nach. Er befand sich in dem Gebäude, in dem die Familie gelebt hatte, und wartete auf die Herren des Senats, die ihm bescheinigen mussten, dass er die Reederei im Namen der Witwe und deren Töchter weiterführen sollte. Dabei handelte es sich um eine reine Formalität, denn immerhin war sein Bruder mit einer Simonsen verheiratet gewesen. Hinrich war tot, und seine Schwägerin weilte in der Südsee und würde auch in den nächsten Jahren nicht nach Hamburg zurückkommen. Bis jetzt wusste niemand in Hamburg von Hinrichs Tod, da er vorgab, als lebe dieser noch und ließe ihm Briefe zukommen. Nun bot ihm diese Verwandtschaft die Gelegenheit, offiziell der Treuhänder der vier Frauen dieser Familie zu werden.

Ein Blick auf seine Taschenuhr verriet ihm, dass nicht mehr viel Zeit blieb, bis die Herren Sölter und Godehard und deren Begleiter hier erscheinen würden. Mathias betrat die gute Stube, einen durchaus beachtlichen Raum, der Platz für etwa dreißig Gäste bot. An den Wänden hingen die gemalten Porträts der Simonsens, vom alten Simon Simonsen und dessen Ehefrau Erna angefangen über deren Sohn Jakob, dessen Frau Frieda bis hin zu deren Kindern Jeremias, David, den Zwillingen Anna und Esther sowie Ruth, die durch die Heirat mit seinem Bruder nun den Namen Mensing trug.

Mathias stellte sich vor, wie er diese Bilder in den Hof schaffen, auf einen Haufen werfen und verbrennen lassen würde. Doch das hatte Zeit. Zunächst galt es, den fürsorglichen Treuhänder zu spielen, bis die Hamburger vergessen hatten, dass es hier jemals einen Simonsen gegeben hatte. Bis dorthin hatte er deren Reederei mit der seinen vereinigt und konnte nach einer passenden Heirat darauf pochen, in den Senat gewählt zu werden. Dann hatte er das erreicht, von dem schon sein Großvater Jörgen Mensing geträumt hatte.

Ein Diener erschien und neigte kurz den Kopf. »Verzeihen Sie, Herr Mensing. Die Herren der Kommission sind erschienen. Soll ich sie hierherführen?«

Nun spürte Mathias die Kälte in dem Raum, der seit vielen Tagen nicht beheizt worden war, und rieb sich die klammen Hände. Er schüttelte den Kopf. »Nein, führe sie in einen Raum, in dem es warm ist, und sorge dafür, dass Punsch gebracht wird. Die Herren wollen sich gewiss aufwärmen.«

Und ich mich auch, fügte er insgeheim hinzu.

»Das Kontor ist geheizt, da die Kommis noch einige Schreibarbeiten zu erledigen haben. Wenn es genehm ist?«, fragte der Diener.

»Es ist genehm!«, antwortete Mathias.

Wenn er die Handelsherren in Jakob Simonsens Kontor empfing, war dies wie ein Symbol dafür, dass er ab diesem Zeitpunkt die Geschäfte der Reederei führte. Daher folgte er dem Diener.

Seit sein Bruder Hinrich Ruth geheiratet hatte, war er öfter im Kontor gewesen, doch an diesem Tag war es anders. Er betrachtete den Raum mit seinen dunklen Möbeln, dem großen Schreibtisch und den Gemälden mit den Schiffen der Reederei an den Wänden und musste an sich halten, um seinen Triumph nicht hinauszuschreien. Bereits als Knabe hatte er sich gewünscht, die Simonsens in den Staub treten und vernichten zu können. Jahrelang hatte es so ausgesehen, als würde ihm das auf keinen Fall gelingen. Ausgerechnet der Versuch seiner Großmutter Mina, den alten Streit mit den Simonsens durch Hinrichs Heirat mit Jakob Simonsens ältester Tochter zu beenden, bot ihm nun die Möglichkeit dazu.

Mathias widerstand dem Wunsch, sich hinter den Schreibtisch zu setzen und die Herren vom Senat so zu empfangen, als wäre er hier der Hausherr. Stattdessen begrüßte er sie stehend und neigte bei jedem kurz den Kopf, um ihm seine Hochachtung zu bezeugen. Im Geiste nannte er sie vollgefressene Narren, die irgendwann an ihrer eingebildeten Wichtigkeit ersticken würden.

»Guten Tag, meine Herren!«, sagte er und forderte den Diener auf, dafür zu sorgen, dass genug Stühle gebracht wurden.

Erst als die Senatoren Platz genommen hatten, setzte er sich auf den Stuhl, von dem aus Jakob Simonsen lange Jahre die Reederei geleitet hatte. Er wartete, bis jeder ein Glas Punsch erhalten hatte, und trank von dem seinen. Danach zauberte er den betrübten Ausdruck auf sein Gesicht, den er in den letzten Tagen vor dem Spiegel eingeübt hatte.

»Meine Herren, ich danke Ihnen, dass Sie sich bei diesem Wetter die Mühe gemacht haben, hierherzukommen!«, setzte er an.

»Es ist nicht gerade mollig draußen. Doch der gute Punsch vertreibt die Kälte aus den Knochen«, erklärte Sierk Godehard.

Dolf Sölter und die beiden anderen Männer der Kommission nickten zustimmend. Ein Senatsschreiber, der sie begleitete, zog nun aus einer Mappe amtlich aussehende Papiere mit großen Briefköpfen und Siegeln und reichte sie Mathias.

»Hier steht alles verzeichnet, was in dieser Situation von Wichtigkeit ist«, erklärte er.

Mathias nahm das erste Dokument an sich und las es durch. Es besagte, dass er befugt sei, die Reederei Simonsen im Auftrag der Frauen der Familie zu führen. Bei dem Zusatz, dass er der vom Senat eingesetzten Kommission Rechenschaft abzulegen habe, schnaubte er leise. Diese Herren nahmen sich wahrlich zu wichtig. Da er jedoch auf ihr Wohlwollen angewiesen war, gab er vor, mit den einzelnen Paragrafen einverstanden zu sein.

Das nächste Blatt beurkundete seine Vormundschaft für Frieda Simonsen und ihre Töchter. Auch hier gab es etwas, das ihm nicht gefiel. Es waren außer der Mutter nur Anna und Esther aufgeführt. Ruths Name hingegen fehlte.

»Ist diese Urkunde vollständig?«, fragte er.

»Was sollte fehlen?«, klang es von Godehard zurück.

»Nun ja, der Name meiner Schwägerin und meines Neffen. Immerhin soll ich auch ihr Erbe verwalten!«, erklärte Mathias mit nur mühsam unterdrückter Schärfe.

»Ruth Simonsen ist die Frau Ihres Bruders und steht unter dessen Vormundschaft«, erklärte der Schreiber. »Die treuhänderische Verwaltung ihres Erbes ist in der nächsten Urkunde verzeichnet! Sie haben für Ruths Erbteil Ihrem Bruder Hinrich gegenüber Rechenschaft abzulegen.«

»Wie soll das gehen, solange mein Bruder und seine Frau auf irgendeiner Südseeinsel sitzen?«, fragte Mathias und wurde nun doch etwas laut.

»In dieser Urkunde ist auch verzeichnet, dass unsere Kommission während der Abwesenheit Ihres Bruders und Ihrer Schwägerin die Abrechnungen bezüglich deren Geschäftsanteile stellvertretend prüfen wird«, erklärte Sierk Godehard begütigend.

»Es sei denn, Sie wollen persönlich in die Südsee reisen, um mit Ihrem Bruder darüber zu sprechen, wie er sich die Verwaltung des Erbes seiner Ehefrau vorstellt«, ergänzte Dolf Sölter. Er klang spöttisch, und Mathias verfluchte die Tatsache, dass ausgerechnet dieser Mann vom Senat zum Vorsitzenden der Kommission ernannt worden war.

Sölter sprach auch gleich weiter. »All diese Verfügungen sind vorläufiger Natur und in dem Augenblick obsolet, in dem wieder ein männliches Mitglied der Familie Simonsen erscheinen sollte. Ebenso erlöschen sie bei der Volljährigkeit Ihres Neffen Johannes. Als Sohn der ältesten Simonsen-Tochter gebührt ihm das Vorrecht, die Leitung der Reederei zu übernehmen.«

Mittlerweile hatte Mathias sich wieder im Griff und nickte. »Das ist selbstverständlich!«

Insgeheim amüsierte er sich. Von Jakob Simonsen wusste er hundertprozentig, dass dieser tot war. Das Schiff mit seinem jüngeren Sohn David war in einen Hurrikan geraten und gesunken, und Jeremias war durch seinen Onkel Zechariah Bartlett aus dem Weg geschafft worden. Überdies war sein Bruder Hinrich den Kannibalen in der Südsee zum Opfer gefallen, und dessen Sohn war noch ein kleines Kind.

Während Godehard noch einige Punkte vorbrachte, dachte Mathias an den letzten Brief seines Vetters Anthony aus London. Darin hatte dieser sich über einen Testamentsvollstrecker lustig gemacht, der durch alle möglichen Einwände die Übernahme des Grafentitels der Huttons durch Anthonys Mutter habe hinauszögern wollen. Wie dieser Anwalt, so kamen ihm auch die löblichen Herren vor, die der Senat zu ihm geschickt hatte. Die Angelegenheit war erledigt, und er hatte das alleinige Verfügungsrecht über die Reederei Simonsen.

Doch nun brachte sich Sölter wieder in Erinnerung. »Wie ich gehört habe, haben Sie Frau Frieda Simonsen und ihre Töchter fortschaffen lassen!«

Das hört sich nicht gerade freundlich an, dachte Mathias. Er hatte sich jedoch eine Ausrede zusammengestellt, die auch dem misstrauischsten dieser Herren einleuchten musste.

»Bedauerlicherweise ist mir nichts anderes übrig geblieben. Wie Sie alle wissen, hat Frieda Simonsens Geist unter den Schicksalsschlägen, die ihre Familie getroffen haben, schwer gelitten. Sie war zuletzt so weit, dass wir sie von ihren Töchtern trennen mussten, aus Angst, sie könnte ihnen etwas antun. Ein Arzt, den ich zu Rate gezogen habe, schlug vor, sie in eine andere Gegend schaffen zu lassen, fernab der See und der Elbe, da deren Anblick ihren Wahn nur verstärken würde. Er empfahl mir einen Freund, der ein Haus für geistig verwirrte Menschen führt, und erbot sich, Frau Frieda dorthin mitzunehmen. Ich sah keinen Grund, dies auszuschlagen.«

»Den sehe ich auch nicht«, antwortete Godehard, der in dieser Sache zwar streng nach dem Gesetz handeln wollte, aber nicht vergaß, dass Mathias Mensing bereits hatte andeuten lassen, er könne sich seine Tochter Adele als Hausfrau vorstellen.

Auch Sölter vermochte nichts dagegen zu sagen, waren Frieda Simonsens Tobsuchtsanfälle doch bereits Stadtgespräch gewesen. Eine Sache aber störte ihn. »Warum haben Sie Frau Friedas Zwillingstöchter aus Hamburg wegbringen lassen? Die beiden Mädchen hätten doch wohl in der Stadt bleiben können!«

»In diesem Haus konnte ich sie allein nicht wohnen lassen, und sie zu mir zu nehmen, verbietet sich, solange ich noch unvermählt bin. Daher habe ich sie zu Frau Molly Steeden geschickt, einer alten Freundin der Familie Simonsen. Deren Ehemann Geert Steeden war viele Jahre Handelsagent in Sankt Petersburg und lebt nun als Repräsentant einer großen Handelsgesellschaft auf Sizilien.« Mathias Mensing lächelte bei diesen Worten, während er insgeheim über die Abordnung des Senats spottete. Diese Männer hatten nicht die geringste Ahnung, was wirklich geschehen war und noch geschehen würde. Anna und Esther befanden sich zwar an Bord eines Schiffes, doch das würde sie nicht nach Palermo bringen, sondern nach Tunis, wo sie als Sklavinnen verkauft würden. Ihre Mutter befand sich auch nicht in einem angenehmen Heim für geistig Verwirrte besseren Standes, sondern in einem entsetzlichen Narrenhaus in einer abgelegenen Ecke des Königreichs Bayern. Damit waren bis auf Ruth und ihr Balg alle Simonsens beseitigt. Bei den beiden hoffte er, dass sie bereits von den Kannibalen der Südsee aufgefressen worden waren oder bald aufgefressen wurden. Sollten sie wider Erwarten überleben, würde er sich für sie etwas Besonderes einfallen lassen. Das aber hatte noch Zeit. Zuerst musste er die Reederei der Simonsens übernehmen und mit seiner eigenen vereinen. Wenn dann sein Neffe als letzter Besitzer starb, war er dessen natürlicher Erbe.

»Meine Herren, darf ich Ihnen vielleicht noch etwas Stärkeres anbieten als Punsch?«, fragte er. »Im Haus befindet sich ein ausgezeichneter Cognac, der Ihnen gewiss munden wird!«

»Sehr gerne!«, antwortete Godehard.

Doch Sölter brannte noch eine Frage unter den Nägeln. »Können Sie uns die Adresse der Anstalt mitteilen, in die Sie Frau Simonsen haben einweisen lassen?«

»Sehr gerne!«, antwortete Mathias mit einem Lächeln, das ihn sehr viel Selbstbeherrschung kostete. »Sie werden aber warten müssen, bis der Arzt, der sie dorthin begleitet hat, zurückgekehrt ist. Ich habe mich voll und ganz auf dessen Urteil verlassen.«

»Das verstehe ich«, sprang Godehard ihm bei. »Ich würde eine solche Angelegenheit, sollte sie in meinem Haus vorkommen, auch den Ärzten überlassen. Was unsere Herren Doctores über Frau Frieda gesagt haben, wissen wir alle.« Er lachte kurz und nickte Mathias zu. »Dann wünschen wir Ihnen Glück und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!«

»Ein wenig mehr darf es schon sein«, antwortete Mathias und spottete in Gedanken erneut über die Herren.

Der Arzt, der ihm jenes Narrenhaus empfohlen hatte, hatte Frieda Simonsen zusammen mit zwei gemieteten Knechten dorthin gebracht. Dort war sie unter falschem Namen in die Liste eingetragen worden, so dass niemand wusste, wer sie war oder woher sie stammte. Selbst dem Arzt, der ein besserer Scharlatan war und für Geld die eigene Großmutter verkaufen würde, hatte er Friedas wahren Namen verschwiegen, so dass er auch in dieser Beziehung abgesichert war. Zu gegebener Zeit würde er ein gefälschtes Schreiben vorlegen, das ihr Ableben bekundete, und bald darauf würde die Frau von jedermann vergessen sein. Auch das Schicksal der Zwillinge konnte nicht bis zu ihm zurückverfolgt werden, da er diese Sache wie schon so manches andere seinem Onkel Zechariah Bartlett überlassen hatte. Dieser würde ihn zu gegebener Zeit von Ruth und ihrem Sohn befreien.

5.

Während in Hamburg die Schneeflocken durch die Straßen wirbelten, herrschte auf Tahiti ewiger Sommer. Wieder einmal hatte Ruth eine Teegesellschaft um sich versammelt. Diesmal waren es die Damen aus der Missionarssiedlung, und da ging es bei Weitem nicht so lustig zu, wie wenn Aipua, Lu An und einige Tahitianerinnen bei ihr eingeladen waren.

Die Damen saßen aufrecht am Tisch, tranken ihren Tee und naschten ein wenig Trockenkuchen. Ihre Gespräche wurden mit gedämpfter Stimme geführt und alle irgendwie anzüglichen Themen meilenweit umgangen. Wenn einer tatsächlich ein Wort entschlüpfte, das als zweideutig gesehen werden konnte, blickte die Sprecherin erschrocken zu Eliza Pritchard hinüber, der Ehefrau des Leiters der Mission auf den Gesellschaftsinseln. Anders als sein Vorgänger Wiggles achtete George Pritchard darauf, dass die ihm unterstellten Missionare und deren Familien ein frommes und gottgefälliges Leben führten. Auch die Tahitianer mussten sich den strikten Regeln beugen, die die Gesellschaft vorgab. Die Einzige, die sich einen gewissen Freiraum hatte schaffen können, war Königin Aimata Vahine Pomare IV. Doch auch sie wurde bedrängt, weniger Tänzern zuzusehen und Liedern zu lauschen, als vielmehr zu beten.

Ruth war in Hamburg aufgewachsen und hatte dort ein gefestigtes Christentum erlebt. So streng aber, wie George Pritchard die Bibel auslegte, hatten es die Pastoren in der Heimat niemals getan. Für die Tahitianer, in deren Kultur Gesang und Tanz hoch geachtet wurden, waren diese Regeln bedrückend. Auch taten ihr die englischen Frauen leid, denen hier eine sinnvolle Beschäftigung fehlte. Wären sie in England die Ehefrauen einfacher Landpastoren, würden sie dort Kranke besuchen, Armen Almosen bringen und die Ehefrauen besser betuchter Herrschaften in wohltätigen Zirkeln um sich versammeln.

Hier hatten sie hingegen nicht viel mehr zu tun, als ihre Hausangestellten zu überwachen und Kleider für sich und ihre Kinder zu nähen. Dabei waren ihnen nicht die Kupferstiche der Modezeitschriften das Vorbild, sondern die sittsame Tracht, die ihre Missionsgesellschaft für richtig hielt. Da helle Farben verboten waren, wirkten die Frauen auf Ruth wie eine Schar dunkelbrauner und grauer Hühner. Kräftiges Tuch und mehrere Unterröcke sowie eine Stoffhaube waren unerlässlich, obwohl diese gänzlich ungeeignet für das hiesige Klima waren. Einen aus Palmblattfasern geflochtenen Hut, so wie Ruth ihn sich aufsetzte, wenn sie ins Freie ging, galt den frommen Damen bereits als frivol.

Gerade erzählte eine der jüngeren Missionarsfrauen, wie sich ihr Sohn das Knie aufgeschlagen habe und von einem Tahitianer zu einem einheimischen Heiler gebracht worden sei. Die Mutter ließ sich lang und breit über die Salbe aus, die dieser Mann auf die Wunde gestrichen hatte. »Ich habe sie natürlich sofort entfernt und das Knie so verbunden, wie es sich gehört«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.

Um Ruths Lippen spielte ein verächtliches Lächeln. Sie kannte die Arzneien der Inselbewohner und verwendete sie gerne für Jan und sich. Ein fester Verband auf einer schlichten Abschürfung war in diesen Breiten falsch. Die Haut darunter würde schwitzen und das Knie womöglich eitern.

In ihren ersten Monaten auf Tahiti hatte Ruth noch versucht, den Frauen Ratschläge zu erteilen. Da sie damit auf wenig Gegenliebe gestoßen war, ließ sie es mittlerweile sein. Sie hatte auch schon überlegt, ihre Teenachmittage aufzugeben, da das, was die Damen zu sagen hatten, sich immer und immer wieder in leichten Variationen wiederholte. Allerdings mochte sie den Kontakt zu den Europäern auf der Insel nicht gänzlich abbrechen, denn sie erfuhr doch gelegentlich etwas, das auch für sie von Interesse war.

An diesem Tag wirkten ihre Gäste ein wenig bedrückt und ungewöhnlich wortkarg. Ruth hoffte schon, dass die Frauen nicht mehr zu lange bleiben würden, als Harriet Baker sie direkt ansprach. »Ich weiß nicht, ob Sie es bereits gehört haben, Mistress Mensing?«

Ruth drehte ihr den Kopf zu. »Da ich nicht weiß, worum es geht, kann ich es nicht sagen.«

»Der arme Mister Collins! Wir haben gehört, dass er von den Kanaken umgebracht und … noch Schlimmeres wurde.«

Ruth strich sich mit dem Zeigefinger über die Stirn. »Nein! Das war mir bis jetzt unbekannt.«

»Der arme Mister Collins!«, wiederholte Margery Longfellow seufzend. »Er war ein so freundlicher und bescheidener junger Mann, wie man sich einen angehenden Missionar nur wünschen kann.«

»Und nun ist er tot!« Susan Peabody wischte eine imaginäre Träne von der Wange.

»Er wollte das Christentum zu den Tuamotu-Inseln tragen, nachdem er hier eine schwere Enttäuschung erlitten hatte.«

Der Blick, mit dem Harriet Baker Ruth bei den Worten maß, verriet dieser deutlich, wem die Missionarsgattin die Schuld an der schweren Enttäuschung gab, die Archibald Collins dazu bewogen hatte, auf den Tuamotu-Atollen das Christentum predigen zu wollen.

Ruth schnaubte leise. Sollten ihr die Damen auf diese Weise kommen, würden sie in den nächsten Wochen auf die Teenachmittage in ihrem Haus verzichten müssen. Collins war einer der beiden Jungmissionare gewesen, die sich Hoffnungen gemacht hatten, sie heiraten zu können. Der Zweite, Hiram Perell, hatte vor einiger Zeit die Mission verlassen und nach England zurückkehren müssen, weil er das Bordell frequentiert hatte. Ob er die gut dotierte Pfarrstelle und das Erbe, das er sich von einem Onkel erhofft hatte, nach seiner Rückkehr auch bekommen würde, hielt Ruth für zweifelhaft. Mehrere Missionare und deren Frauen hatten seine Fehltritte in ihren Briefen an seine Angehörigen ausführlich beschrieben.

Mitleid mit Perell empfand Ruth nicht, denn dafür war der Mann zu sehr von sich eingenommen gewesen. Ihre Trauer um Collins hielt sich ebenfalls in Grenzen. Anders als Perell hatte dieser den bescheidenen und nur für seinen Glauben lebenden Mann gespielt, um seinen brennenden Ehrgeiz zu verbergen. Insgeheim hatte er ihr sogar angeboten, die Handelsstation für sie zu führen. Sie hatte eine gewisse Geldgier bei ihm bemerkt – und auch eine Unduldsamkeit, der sie sich niemals ausgeliefert hätte. Außerdem war ihr der Handel zu wichtig, um ihn einem Mann zu überlassen, der nichts davon verstand.

»Sie sagen nichts dazu, Mistress Mensing?«, stichelte Harriet Baker.

»Ich tröste mich damit, dass Mister Collins als Märtyrer seines Glaubens von unserem Herrn Jesus Christus an der Hand genommen und an dessen rechte Seite gesetzt wurde«, antwortete Ruth mit einem sanften Lächeln, bei dem jene, die sie besser kannten, auf der Hut gewesen wären.

Die Damen sprachen nun ausführlich über Archibald Collins und lobten seine Bescheidenheit, seine Stärke im Glauben und etliche Vorzüge, die Ruth niemals an ihm bemerkt hatte. Zu ihrer Erleichterung bezog man sie kaum in diese Unterhaltung ein, so dass sie genussvoll ihren Tee trinken und von dem guten Kuchen essen konnte, den ihre Köchin Maire gebacken hatte.

»Ich sage, man kann diesen Eingeborenen einfach nicht trauen«, erklärte Margery Longfellow eben. »Selbst hier auf Tahiti würde ich es nicht wagen, des Nachts durch die Straßen zu gehen.«

»Wenn es denn Straßen gäbe!«, spottete Susan Peabody. »Hier gibt es nur Trampelpfade, auf denen man nicht einmal reiten kann, geschweige denn mit einem Wagen fahren.«

Das war eine Übertreibung, fand Ruth. Es gab einige gute Wege und auch leichte Kutschen und Pferde, die jedoch nicht von der Mission benützt wurden, sondern von der Königin und einigen Europäern, die sich hier angesiedelt hatten, um Plantagen anzulegen. Noch war deren Ertrag gering, doch Ruth ging davon aus, dass sich dies in wenigen Jahren ändern würde. Spätestens, wenn sie in der Lage war, Schiffe bis nach Europa zu schicken, würden auch die Plantagenbewohner gutes Geld verdienen. Ob es ihnen allerdings gelang, die Bedeutung der Missionare auf der Insel zu übertreffen, bezweifelte Ruth. Dafür hatten diese bereits zu viel Macht an sich gerissen und standen als grimmige Wächter zwischen dem Diesseits und dem Himmelreich.

Ruth verwarf diese Überlegung, um sich wieder ihren Gästen zu widmen, denn Eliza Pritchard erwies ihr die Ehre, ein paar Worte an sie zu richten.

»Sie leben hier gut, Mistress Mensing!«

In Ruths Ohren klang es so, als wünschte die Frau sich, dass sie bescheidener leben solle, um die anderen Missionarsfrauen nicht in Versuchung zu führen.

»Ich bin Händlerin, Mistress Pritchard, und dadurch gezwungen, wohlhabend zu erscheinen. Von meinem Vater habe ich gelernt, dass ein Handelsmann, der zu bescheiden auftritt, bei seinen Handelspartnern leicht als zu arm gilt, um weiterhin gute Geschäfte mit ihm zu tätigen. Würde aber mein Handel zurückgehen, wäre es auch ein Schaden für die Missionsgesellschaft, da meine Abgaben geringer würden!«

Ruth lächelte, während Eliza Pritchard säuerlich das Gesicht verzog. Der Hinweis auf den Handel entwaffnete diese jedoch. Ohne das Geld, das sie George Pritchard übergab, würden die Missionarsfamilien noch weit bescheidener leben müssen, als es bereits jetzt der Fall war.

Nach diesem kurzen Einwand saß die Ehefrau des Missionsleiters wieder schweigend da und hob nur hie und da eine Augenbraue, um anzuzeigen, dass ihr eine Bemerkung oder Formulierung nicht zusagte. Da Mistress Pritchard auch nicht auf Archibald Collins und dessen schreckliches Ende einging, verloren die anderen Frauen bald das Interesse an diesem Thema und sprachen wieder über ihre Kinder, den Ärger mit ihren Hausangestellten und über die kleinen Schwächen ihrer Ehemänner, die so harmlos waren, dass in Hamburg kein Hahn danach gekräht hätte.

Plötzlich wurde es draußen laut, und Jan stürmte herein. In den Händen hielt er eine riesige Kokosnuss und stellte diese mitten auf den Tisch.

»Die habe ich selbst hierhergetragen, Mama!«, rief er fröhlich.

Die Missionarsfrauen starrten das Kind konsterniert an. Jans Haut war von der Sonne gebräunt, um die Hüften trug er ein Lendentuch wie die Eingeborenen, dazu war er barfuß und nicht allzu sauber.

»Sie lassen Ihren Sohn aber wirklich verwildern!«, rief Harriet Baker entsetzt.

Mit einem tadelnden Blick auf ihren Sohn nickte Ruth. »Ich muss Ihnen recht geben, Mistress Baker, denn ich merke einen Mangel an Manieren bei ihm, den ich nicht goutieren kann. Jan, wie du siehst, haben wir Gäste! Wie hast du dich da zu benehmen?«

Der Junge schluckte, nahm die Kokosnuss wieder vom Tisch und reichte sie Vaimiti, die ihm helfend die Hände entgegenstreckte. Danach wandte er sich den Frauen zu und verbeugte sich. »Ich wünsche den Damen einen wunderschönen Tag und hoffe, dass Sie sich in unserem Haus wohlfühlen! Fāna’o maita’i!«

Das Letzte verstanden Ruths Gäste nicht und sahen sie fragend an.

»Mein Sohn wünscht Ihnen eine gute Zeit«, antwortete diese mit zuckenden Lippen. Die Verwandlung vom kleinen Rabauken zu einem ebenso kleinen Kavalier hatte die Missionarsfrauen sichtlich verblüfft.

»Ich schließe mich der Meinung der Tahitianer an, dass man ein Kind nicht mit Strenge erziehen soll. Höflichkeit aber muss sein! Hätte Aipua seinen Auftritt gesehen, wäre Jan eine Strafpredigt nicht erspart geblieben, und auch Captain Hutton hätte ihn aufgefordert, vor Ihnen seinen Diener zu machen, wie es sich gehört«, erklärte Ruth den Frauen.

»Der gute Captain Hutton!«, sagte Harriet Baker seelenvoll. »Er ist ein so freundlicher und höflicher junger Mann. Man muss bedauern, dass er nicht zu unserer ehrenwerten Missionsgesellschaft zählt. Mein Mann will unsere Abigail leider nur mit einem anderen Missionar verheiraten, müssen Sie wissen. Aber derzeit befindet sich kein junger, aufstrebender Missionar auf der Insel.«

Ruth ärgerte sich zunehmend über diese verbohrten Frauen. Damals, als James Hutton als abgebrannter Matrose eines gesunkenen Walfängers nach Tahiti gekommen war, hatten die Bewohner der Missionarssiedlung ihn keines zweiten Blickes gewürdigt. Nun aber, da er als Kapitän in ihren Diensten stand, schien Harriet Baker ihn als passenden Ehemann für ihre Abigail ins Auge zu fassen und eine weitere Missionarsfrau mit einer heiratsfähigen Tochter ebenso.

Mit einem weiteren Schnauben dachte Ruth daran, dass sie keine dieser faden Schnepfen, wie sie die Missionarstöchter insgeheim nannte, auch nur halbwegs für einen Mann wie James Edward Hutton geeignet hielt. Dabei kannte man hier auf Tahiti nicht einmal seine wahre Herkunft, denn tatsächlich war er, wenn der alte Earl of Huttonsfield bereits das Zeitliche gesegnet hatte, dessen Nachfolger als der neue Earl. Ob er diese Stellung je würde einnehmen können, war allerdings zweifelhaft, denn seine Verwandtschaft hatte alles darangesetzt, seine Erbfolge zu verhindern, und war dabei auch vor Mordanschlägen nicht zurückgeschreckt. Wahrscheinlich galt er in England bereits als tot. Hinsegeln und behaupten, der echte James Edward Hutton zu sein, würde ihm angesichts der Macht seiner Feinde wenig nützen.

Erneut schlugen Ruths Gedanken eigene Wege ein, und sie war froh, als die Damen sich nach der dritten Tasse Tee und dem zweiten Stück Kuchen verabschiedeten. Diese kleine Völlerei war die einzige Schwäche, die sie sich erlaubten, und für einen Augenblick schämte Ruth sich, weil sie ihnen diese missgönnte.

»Ich würde mich freuen, wenn Sie mich nächsten Dienstag wieder besuchen könnten«, sagte sie daher freundlich und hielt sich dabei für eine arge Pharisäerin. In Wahrheit wäre sie froh gewesen, mit diesen Frauen nichts mehr zu tun zu haben.