Die Phantomfrau - Heike Gabriele Wagner - E-Book

Die Phantomfrau E-Book

Heike Gabriele Wagner

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Beschreibung

Eigentlich ist Hauptkommissarin Alexandra Brückner spät dran und auf dem Weg zur Personalratsversammlung. Doch vor ihrem Büro wartet eine ältere Frau und bittet sie verzweifelt um Mithilfe bei der Suche nach ihrer Schwester Ulrike, die nach einem Klassentreffen in Erfurt spurlos verschwunden ist. Als die Frau zu dem verabredeten Termin am nächsten Tag nicht erscheint, macht sich die Kommissarin auf die Suche nach den verschollenen Schwestern. Die Spur in ihrem dritten Fall führt Alexandra Brückner in die Vergangenheit. Langsam beginnt sie dem düsteren Geheimnis näher zu kommen, für das jemand bereit ist, über Leichen zu gehen. Eine packende Story mit einer Ermittlerin, die versucht aus Lügen und Intrigen die Wahrheit ans Licht zu bringen.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Heike Gabriele Wagner

Die

Phantom

Frau

Impressum

© 2026 RhinoVerlag Dr. Lutz Gebhardt & Söhne GmbH & Co. KGAm Hang 27, 98693 Ilmenau

Tel.: 03677 / 46628-0, Fax: 03677 / 46628-80

rhinoverlag

www.RhinoVerlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck, Vervielfältigung und Verbreitung – auch von Teilen – bedürfender ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Das gilt insbesondere fürÜbersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verbreitung in elektronischen Systemen. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Weise zum Zweck des Trainings von Technologien oder Systemen der künstlichen Intelligenz verwendet oder reproduziert werden. In Übereinstimmung mit Artikel 4 (3) der Richtlinie über den digitalen Binnenmarkt 2019/790 wird dieses Werk ausdrücklich von der Ausnahme für Text- und Data-Mining ausgenommen.

Umschlagbilder: catnipsflavour unter Verwendung von KI-generierten Bildern (erstellt mit Adobe Express)

Layout, Satz: Sibylle Senftleben

Schrift: Garamond

Umschlaggestaltung: catnipsflavour

1. Auflage 2026

ISBN 978-3-95560-712-8 (EPUB)

Die Hauptkommissarin-Brückner-Reihe im RhinoVerlag:

Der Rattenfänger – Hauptkommissarin Alexandra Brückners erster Fall,

978-3-95560-507-0, eBook: 978-3-95560-706-7

Der Rosenkiller – Hauptkommissarin Alexandra Brückners zweiter Fall,

978-3-95560-508-7, eBook: 978-3-95560-707-4

Die Phantomfrau – Hauptkommissarin Alexandra Brückners dritter Fall,

978-3-95560-509-4, eBook: 978-3-95560-712-8

Kapitel 1

Eine Windböe erfasste die Frau, als sie aus der massiven alten Tür des Hauses trat. Sie fröstelte, blieb stehen, knöpfte ihre Jacke zu und zog den dicken Schal noch fester um Kinn und Schulter. Der April machte seinem Namen alle Ehre. Vor einer halben Stunde noch hatte die Sonne am strahlend blauen Himmel sie verleitet, ihr Auto auf dem provisorischen Parkplatz auf der Anhöhe stehen zu lassen und den Rest des Weges in der schönen, warmen Frühlingsluft zu Fuß zu gehen. Aber nun rasten wilde Wolkenformationen über den tiefblauen Himmel und das eben noch laue Frühlingslüftchen hatte sich in eisige Windstöße verwandelt. Sie bereute es schon, ihren Wagen so weit weg geparkt zu haben. Sie ging nachdenklich die Treppe hinunter, kramte aus ihren Manteltaschen die Lederhandschuhe und zog sie an. Langsam, sich gegen die Windböen stemmend, lief sie die kleine Anhöhe hinauf. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gehört hatte. Nach so langer Zeit des Suchens hoffte sie endlich einen Hinweis gefunden zu haben. Einen Lichtblick nach der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit der letzten Monate. Sie war sich sicher, der Wahrheit näher gekommen zu sein. Hier stimmte etwas nicht.

Es kam ihr vor, als hätte man sie nach Strich und Faden belogen. Sie würde nicht aufgeben, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Vielleicht hätte sie nicht erwähnen sollen, sich in diesem Fall an die Polizei zu wenden. Tief im Inneren spürte sie eine unerklärliche Bedrohung. Hatte sie vielleicht etwas in Bewegung gebracht, was nicht mehr zu kontrollieren war? Ihr Blick fiel rechts auf die kleine Landstraße, die im weiten Bogen hinunterführte. Ein Auto kam langsam heraufgefahren. Sie erreichte die Anhöhe und hatte noch genügend Zeit, um vor dem Wagen über die Straße zu gehen. Auf dem Schotterplatz vor ihrem Audi blieb sie stehen und suchte in der Tasche nach ihrem Handy. Sie musste unbedingt ihre Tochter anrufen, um ihr ihre Vermutungen mitzuteilen, doch sie fand es nicht. Wahrscheinlich lag es noch auf dem Tisch in ihrem Zimmer.

Das Aufheulen eines Motors ließ sie zusammenzucken. Erschrocken schaute sie sich um, aber noch ehe sie reagieren konnte, hatte sie der Wagen mit voller Wucht erfasst und schleuderte sie weit über sich hinweg. Ihr Körper knallte auf den Asphalt der Straße und blieb liegen.

Langsam öffnete sie die Augen. Ihre Stirn schien nach dem harten Aufprall auf die Straße zu bluten. Sie spürte, wie etwas warm ihre Wange entlanglief. Sie starrte auf das Auto, das ungefähr zehn Meter vor ihr stehen geblieben war. Es war groß, die riesigen, breiten Reifen wirkten bedrohlich. Die Bremslichter leuchteten, doch der Fahrer stieg nicht aus. Angst kam in ihr auf. Das sind sie, dachte sie entsetzt, sie wollen mich nicht gehen lassen. Ich muss hier weg. Sie versuchte aufzustehen, doch ihr Körper verweigerte den Dienst. Wieso konnte sie ihre Beine nicht mehr spüren? Sie hörte die Schaltung des Autos. Panisch versuchte sie erneut, sich aufzurichten, auf die Ellenbogen zu stützen, um sich von der Straße zu ziehen. Ich muss hier weg. Sie bringen mich um. Lieber Gott, hilf mir. Doch die Kraft fehlte ihr und ihr Kopf fiel wieder auf die Straße in ihre eigene Blutlache zurück. Sie lassen mich nicht mehr gehen. Es war zu spät. Sie wusste, dass sie hier nicht mehr lebend wegkam. Geschockt schaute sie auf den Wagen, dessen Reifen sich auf der Stelle drehten und Staub und Splitt aufwirbelten. Dann gab der Fahrer Gas. Mit aufgerissenen Augen sah sie die riesigen Reifen auf sich zukommen. Sie schrie auf, als das Auto sie erreicht hatte. Ihr Schädel und ihre Knochen zerbrachen unter der schweren Last der Reifen. Sie spürte nicht mehr, dass der Wagen noch ein weiteres Mal über sie hinweg rollte.

Kapitel 2

Dienstag, 9. April

Alexandra füllte die Lunchboxen der Kinder mit Broten, Obst und kleinen Leckereien. Im Radio wurden die Sieben-Uhr-Nachrichten angekündigt. Die Zwillinge saßen am Frühstückstisch. Nur Lisa, ihre fünfzehnjährige Tochter, brauchte wieder eine Ewigkeit im Bad.

„Lisa, wenn du dich beeilst, kann ich dich mitnehmen, wenn ich die Jungs an der Schule absetze“, rief sie in die obere Etage hinauf. Ein lang gedehntes „Ja, ich komme gleich“, war zu hören. Dann wandte sich Alex an ihre Jungs. „Ihr zwei hört jetzt auf mit dem Herumalbern und macht euch gleich fertig.“

Tim stopfte sich die letzten Bissen seines Honigbrötchens in den Mund. Seine schicke Kurzhaarfrisur saß perfekt. Alex hatte den Verdacht, er habe sich ein wenig an ihrem Frisiergel bedient. Sie bewunderte immer seinen Ordnungssinn und sein gepflegtes Äußeres. Da kam er ganz nach seinem Vater. Während sein Bruder Leon das ganze Gegenteil von ihm war. Er liebte sein halblanges, lockiges Haar, das am heutigen Morgen noch keinen Kamm gesehen hatte. Das zerknitterte T-Shirt trug er bereits das ganze Wochenende. Seine Sachen lagen im Haus verstreut, was immer wieder Anlass für Ermahnungen und Streitigkeiten gab. Leons Hyperaktivität nervte alle. Es gab keinen Sport, den er nicht mochte, aber am liebsten spielte er Fußball. Er aß für sein Leben gern, nichts war vor ihm sicher. Alex war froh, dass er trotz des gesteigerten Appetits seine sportlich schlanke Figur behielt.

Bereits zum zweiten Mal füllte er seine Müslischale voll und goss Milch nach, doch dann hielt er inne.

Tim sah seine Mutter verwundert an. „Schau mal Mama, mit Leon ist etwas.“

Alex blickte auf ihren Sohn, der versuchte, irgendetwas herunterzuschlucken.

„Was ist mit dir?“ Leon hob den Kopf und konnte kaum sprechen. „Ich kann gar nicht mehr schlucken, das ist hinten ganz dick“, krächzte er heiser und schnappte nach Luft. Alex fasste ihn am Kinn. „Mach mal den Mund auf.“ Leons Mund und Rachen waren völlig rot und geschwollen.

„Was hast du denn gegessen?“, wollte seine Mutter beunruhigt wissen. Er zeigte auf eine runde Dose auf dem Tisch. Alex nahm sie und warf einen Blick darauf, konnte aber keinen deutschen Text darauf finden. Sie riss den Deckel ab und blickte hinein. „Ist das Müsli? Wo ist denn das her?“, wollte sie aufgeregt wissen.

„Das war mit in meiner T-Shirt-Lieferung als Probierpackung. Wieso?“, antwortete Lisa, die plötzlich hinter ihr stand. Alex lief zu dem Arzneischränkchen und durchstöberte es in aller Eile. Sie fuhr ihre Tochter an. „Mensch Lisa, auf dem Ding steht nichts in Deutsch drauf. Du weißt nicht, was da alles drin ist. Das nächste Mal zeigst du mir das vorher.“ Endlich fand sie die Allergietabletten und versuchte vorsichtig, mit einem Schluck Wasser, Leon zwei davon einzuflößen. Mühsam schluckte er sie runter. Sein ganzes Gesicht bekam rote Flecken und das Luftholen fiel ihm schwer. Alex geriet langsam in Panik, versuchte aber vor den Kindern, sich nichts anmerken zu lassen. „Hast du auch davon gegessen“, wollte sie von Tim wissen. Doch der schüttelte den Kopf.

Sie wandte sich an Lisa. „Du bringst Tim und dich pünktlich in die Schule und ich fahre mit Leon in die Notaufnahme. Und das Zeug nehme ich gleich mit.“ Sie griff nach der Müslidose, warf alles in ihre große Tasche, schnappte sich den nach Luft ringenden Leon, zog ihm in aller Eile Mütze, Schal und Anorak an, nahm ihren Mantel, brachte Leon ins Auto und fuhr mit Blaulicht in die Notaufnahme des Heliosklinikums. Ein junger Arzt nahm sich sofort dem noch immer nach Luft ringenden Leon an. Da Alex wegen Infektionsgefahr erst einmal nicht mit in den Behandlungsraum eintreten durfte, ließ sie sich erschöpft auf einen noch leeren Stuhl im vollen Wartesaal fallen. Erst jetzt spürte sie die Anspannung, die langsam von ihr abfiel. Sie atmete tief durch, der Tag fing ja schon gut an. Hoffentlich konnte man Leon schnell helfen. Sie wollte es sich nicht ausmalen, wenn sie es nicht mehr rechtzeitig geschafft hätte. Alex vertrieb den Gedanken. Ausgerechnet heute. Sie sah auf die Uhr. Zur Personalratsversammlung würde sie es nicht mehr pünktlich schaffen. Genervt rief sie ihre Kollegin Regina an und erklärte ihr kurz den Grund ihrer heutigen Verspätung.

Nach einer Viertelstunde kam eine Schwester auf Alex zu. Leon ging es schon wesentlich besser. Er lag noch zur Beobachtung im Behandlungsraum auf einer Liege und wurde von einem Krankenpfleger umsorgt. Die Allergietabletten, die ihm Alex noch zu Hause gegeben hatte, zeigten eine schnelle Wirkung, so blieb Leon eine lebensrettende Spritze erspart.

Der behandelnde Arzt trat auf den Gang und reichte Alex die Müslidose. „Tut mir leid, wir konnten auf die Schnelle den Inhalt der Dose nicht analysieren. Sie sehen ja, was hier los ist.“ Er deutete mit dem Kopf auf den völlig überfüllten Warteraum der Notaufnahme. „Mein Kollege sagt: Es sind oftmals exotische Beeren darin, die nicht von allen gut vertragen werden können. Am besten schmeißen Sie das Zeug in den Müll.“

Alex nickte. „Und Leon?“ Ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund. „Dem geht es schon wieder gut, er plappert wie ein Wasserfall. Die Schwellungen im Mund und Rachen sind abgeklungen und die Flecken am Hals und im Gesicht werden auch noch verschwinden. Ich würde ihn aber heute nicht mehr in die Schule schicken und ihn ein wenig unter Beobachtung lassen. Morgen kann er wieder gehen.“

„Ich danke Ihnen, Doktor.“ Erleichtert gab Alex ihm die Hand und holte Leon ab. Auf dem Weg zum Parkplatz strich sie ihrem Sohn liebevoll über den Kopf. „Der Doc sagt: Du brauchst heute nicht mehr in die Schule.“

Ein Jauchzer kam über seine Lippen. „Und was machen wir jetzt?“

„Du wolltest doch schon immer einmal zur Kriminalpolizei?“

Leon nickte und schaute seine Mutter erwartungsvoll an.

„Dann lade ich dich heute dazu ein, mich ins Polizeipräsidium zu begleiten.“

Leon strahlte über das ganze Gesicht. „Da wollte ich schon immer mal hin. Aber“, er blieb stehen, „was mache ich heute mit dem Fußballtraining?“

Alex lachte. „Da rufst du nachher mal deinen Trainer an, erklärst ihm die Situation und entschuldigst dich für heute.“

Leon verzog das Gesicht, „Och Mama, kannst du das nicht machen?“

Alex schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss jetzt arbeiten, da musst du dich schon selber drum kümmern. Du willst doch immer so selbstständig sein, dann mach mal.“

Alex und Leon betraten das Präsidium. Die Gänge und Wartezonen in ihrer Etage wirkten verwaist. Nur ein paar vereinzelte Personen saßen im Wartebereich. Anscheinend waren viele Kollegen in der Personalratsversammlung. Sie schaute auf die Uhr, sie kam eine halbe Stunde zu spät. Alex führte Leon in das Großraumbüro. Bis auf Matze Bösemann, ihren jungen Computerspezialisten, und zwei der diensthabenden Beamten waren alle Kollegen der Abteilung bei der Versammlung. Die Themen wie Lohnentwicklung, Gleitzeit, Beförderung und neue Ausrüstung der Polizei schienen ein großes Interesse bei allen Bediensteten hervorzurufen.

Matze saß in seinem winzigen, verglasten Büro, das er sich selbst ausgesucht hatte. Ihn konnte bisher niemand dazu bewegen, sein Kabuff mit einem der großen Schreibtische in der vorhandenen Bürolandschaft zu tauschen. Seine wilde, lockige Haarmähne hing über den Computer und obwohl ihn Alex behutsam ansprach, schreckte er von seiner Arbeit hoch. „Ach du bist es, Chefin.“ Etwas verwirrt schaute er auf den elfjährigen Jungen, der ihn neugierig betrachtete. Alex stellte beide einander vor und erklärte Matze den Grund seines Daseins. „Ich würde jetzt auch gerne zur Versammlung gehen. Würdest du dich bitte um Leon kümmern? Du kannst mich ja anklingeln, wenn etwas Wichtiges reinkommt.“

Matze hob hilflos die Hände. „Was soll ich denn mit ihm anfangen?“

Alex kramte aus ihrer Tasche Geld und drückte es ihm in die Hand. „Ihr geht jetzt runter in die Kantine und ich lade euch beide zu einem ausgiebigen Frühstück ein. Und dann führst du ihn ein bisschen rum: Fuhrpark usw. Leon möchte sich bestimmt einmal in ein Polizeiauto setzen. Stimmt’s Leon?“ Sie schaute ihren Sohn an, der begeistert nickte. „Das wär’ cool.“

Als Alex noch schnell ihre Tasche in ihrem Büro ablegen wollte, trat eine Frau auf sie zu. Sie schien schon länger gewartet zu haben. „Entschuldigen Sie bitte, sind Sie Hauptkommissarin Brückner?“

„Ja“, antwortete Alex und wandte sich der Frau zu. Sie schätzte die gut gekleidete Frau auf Ende 50. Ihr Gesicht wirkte besorgt, aber freundlich. Die grau-braun melierten Haare hatte sie zu einem Dutt gesteckt. Ihre dunklen Augen schauten die Kommissarin lebhaft an.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Alex.

„Ich hoffe ..., ich benötige Ihre Hilfe. Sie sind meine letzte Hoffnung und wurden mir von Frau Langenhahn, der Hotelchefin vom Magdalenenhof, empfohlen. Ich weiß, Sie haben zusammen bei der Polizei angefangen und Frau Langenhahn hält große Stücke auf Sie.“ Fast flehentlich blickte sie auf Alex.

Die konnte sich an Frauke sehr gut erinnern. Beide hatten zur gleichen Zeit ihre Ausbildung bei der Polizei begonnen und sich angefreundet. Alex bedauerte es bis heute, dass die immer gut gelaunte Frauke ihre Ausbildung nach einem Jahr abbrechen musste, um nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters den elterlichen Hotelbetrieb zu übernehmen. Damals hatten sie sich noch öfter getroffen, aber dann aus den Augen verloren.

„Woher kennen Sie Frau Langenhahn?“

„Ihr gehört das Hotel Magdalenenhof, in dem ich gerade wohne, ein sehr schönes Anwesen. Ich soll Sie von ihr herzlichst grüßen.“ Alex öffnete ihre Bürotür und bat die Frau einzutreten. „Danke, aber wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Frau zögerte einen Augenblick, sie schien zu überlegen, wie sie beginnen sollte. „Mein Name ist Marianne Kaminski. Ich wohne schon seit vielen Jahren in Suhl, bin seit vier Jahren verwitwet und komme jetzt hierher, um meine Schwester Ulrike Berger zu suchen. Ulrike wohnt eigentlich in Köln, eine erfolgreiche Bankerin. Anfang November ist sie zum Schulkameradentreffen nach Erfurt gereist. Sie müssen wissen, meine Familie stammt aus Erfurt, wir haben bis zur Wende hier gewohnt. Meine Schwester ist damals gleich Anfang der 90er in den Westen nach Köln gegangen und meine Eltern und ich sind nach Suhl gezogen. Man hat damals meinem Vater einen Posten als Chefarzt im Suhler Krankenhaus angeboten. Im November vorigen Jahres hatte meine Schwester beschlossen, das erste Mal an einem Klassentreffen hier in Erfurt teilzunehmen. Sie ist damals im gleichen Hotel abgestiegen wie ich jetzt. Wir haben noch telefoniert. Sie sagte: ‚Das Treffen war ein voller Erfolg.‘ Sie hatte sich mit allen gleich gut verstanden. Später hat sie mir noch erzählt, dass sie sich noch ein wenig auf die Spuren der Vergangenheit begeben und ein paar Leute besuchen will. Danach wollte sie zu mir nach Suhl kommen. Wir wollten uns ein paar schöne Tage machen. Aber sie ist nie erschienen, seitdem spurlos verschwunden.“

Traurig schaute die Frau Alex an, während sich deren Miene verdüsterte. „Ist denn eine Vermisstenanzeige aufgenommen worden?“

„Ja, gleich zwei Tage später bin ich hier gewesen und als ich gehört habe, dass sie in ihrem Hotel nicht wieder aufgetaucht ist, habe ich bei der Polizei, bei einer Kommissarin Nöthlich, die Anzeige aufgegeben.“ Verzweifelt rang die Frau mit ihren Händen. „Aber da passiert nichts. Ich habe schon so oft angerufen. Meistens ist die Kommissarin krank oder nicht zu erreichen. Und wenn ich sie mal am Telefon habe, bekomme ich nur nichtssagende Ausflüchte zu hören. Die machen überhaupt nichts.“

Erregt zog sie ein Taschentuch aus der Manteltasche, denn ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Alex hatte die Namen und Telefonnummern auf einem Zettel mitgeschrieben. Sie schaute auf ihre Armbanduhr und machte Frau Kaminski einen Vorschlag. „Hören Sie, ich bin im Moment spät dran und müsste schon lange in einer Besprechung sitzen. Ich werde mit Ihnen für morgen Vormittag um halb zehn einen Termin ausmachen. Ich nehme mir Zeit für Sie. Sie erzählen mir die ganze Geschichte, bringen alles mit und ich versuche, den Vorgang der Vermisstenanzeige auf meinen Schreibtisch zu bekommen. Einverstanden?“

Marianne Kaminski lächelte ihr erleichtert zu. „Da wäre ich Ihnen sehr dankbar. Ich weiß sonst nicht, an wen ich mich wenden könnte.“ Sie versicherte Alex, am nächsten Tag pünktlich zu erscheinen und verabschiedete sich.

Kurz vor Mittag war die Personalratsversammlung beendet, einige Kollegen standen noch in Grüppchen auf dem Flur und diskutierten angeregt über die anstehenden Veränderungen. Es würde bessere Ausrüstung, mehr Geld geben und die Gleitzeitbestimmungen, die im vergangenen Jahr zur Probe eingeführt wurden, blieben bestehen. Alex war zufrieden. Sie stand neben Antonia Schellenberger, genannt Toni, einer jungen Kommissarin, die erst im vergangenen Jahr aus Leipzig zu ihnen gekommen war und das Quartett des K3 vervollständigt hatte. Sie war einen Kopf größer als Alex, sehr schlank und sehr sportlich. Auf ihre Integrität und ihre gute Kombinationsgabe konnte sich das Team immer verlassen. Im Großraumbüro des Fachkommissariats für Tötungsdelikte unterrichtete Alex ihr Team über den Fall der vermissten Schwester. „Morgen früh kommt Marianne Kaminski. Das mit ihrer verschwundenen Schwester klingt sehr mysteriös. Ich würde den Fall gern übernehmen.“ Ihre ältere Kollegin, Hauptkommissarin Regina Wegener, sah ihre Chefin verwundert an. „Hast du das schon mit Ackermann geklärt?“

„Noch nicht“, schüttelte Alex den Kopf. „Ich höre mir das morgen früh erst einmal an und entscheide dann.“

Sie beobachtete ihren Sohn Leon, der an einem leeren Schreibtisch am Computer saß. Das Spiel hatte ihn völlig in den Bann gezogen. Seine langen Haare hingen ihm ins Gesicht. Fasziniert bediente er den Joystick wie ein Profi.

Toni grinste: „Das hat ihm Matze gezeigt und wie du siehst: Kakao, Obst und Plätzchen, Regina hat ihn auch schon bemuttert.“

„Naja, es ist nur für heute. Morgen geht er wieder in die Schule.“ Sie stieß ihre Kollegin ein wenig an. „Behalte ihn ein bisschen im Auge, ich habe noch in meinem Büro zu tun.“

Kapitel 3

Mittwoch, 10.04.

Der Mittwoch zeigte sich frühlingshaft mild, lediglich der Wind, der aus östlicher Richtung kam, war kalt und unangenehm böig. Aber wenigstens fing der Tag etwas ruhiger an als der vorige. Alex erledigte noch ein paar Sachen an ihrem Schreibtisch, während sie versuchte, die Kommissarin Nöthlich aus der Vermisstenabteilung ans Telefon zu bekommen. Als ihr das nicht gelang, begab sie sich in die Abteilung, um die Kollegin persönlich zu sprechen. Eine junge Frau, die Nöthlichs Schreibtisch gegenüber saß, teilte ihr mit, dass die Kommissarin sich die nächsten 14 Tage im Urlaub befand. Na toll, dachte Alex, den hat sie sich sicher verdient. „Es geht um den Vermisstenfall Ulrike Berger. Ich brauche die Unterlagen, ich konnte im Computer noch nichts weiter finden.“ 

„Naja“, sprach schulterzuckend die junge Frau. „Frau Nöthlich ist halt sehr oft krank. Ich kenne den Fall und schaue mal, ob ich auf ihrem Computer noch Berichte, Beweise oder Ähnliches finde. Ich stelle Ihnen alles zusammen und bringe es vorbei.“ Alex bedankte sich und fügte noch hinzu: „Wäre schön, wenn es schnell ginge. Nachher halb zehn kommt die Schwester der Vermissten.“

„Etwa die Frau Kaminski?“, fragte sie fast spöttisch. „Ja, wieso?“, wollte Alex wissen. „Ach, die hat hier ständig angerufen und wollte den Stand der Ermittlungen erfragen: Was mit ihrer Schwester passiert ist.“

„Und, konnten Sie der Frau helfen und Auskunft geben?“ Alex trat interessiert an ihren Schreibtisch heran.

„Naja“, sie klang jetzt irritiert. „Frau Nöthlich hat sich da immer etwas zurückgehalten.“ „Zurückgehalten, im Sinne, weil sie die Frau schonen wollte oder im Sinne, weil sie nichts hatte?“, unterbrach Alex sie unwirsch. Die Kollegin zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht mein Fall, aber so viel ich mitbekommen habe, ist alles ziemlich im Sande verlaufen.“ „Ok, ich mache Ihnen ja keinen Vorwurf, stellen Sie mir bitte nur alles zu diesem Fall zusammen, was Sie finden können. Danke.“ Alex nickte der Kollegin zu und verließ den Raum.

Sie schaute auf die Uhr. Fünf vor zehn brachte die Kollegin der Vermisstenstelle das Dossier. Sie nahm die dünne Akte und blätterte sie kurz durch. Verwundert sah sie auf. „Ist das alles?“ Die junge Frau nickte. Kopfschütteln bei Alex, erneut blätterte sie in den wenigen Seiten. „Handy-Verfolgung und -Auswertung – gar nichts?“

„Ich konnte nichts dergleichen finden.“ Sie zuckte mit den Schultern und fügte erklärend hinzu. „Ich habe bei den Kollegen nachgefragt, die haben auch nichts. Sollte ich noch etwas finden, maile ich es Ihnen zu.“ Mit einer gleichgültigen Geste und einem „Ich muss jetzt wieder“, verabschiedete sie sich und verließ den Raum.

Alex sichtete die wenigen Informationen. Ulrike Berger wurde am 8. November 2018 von ihrer Schwester Marianne Kaminski als vermisst gemeldet. Am Dienstag, dem 6. November, zwei Tage nach dem Abend des Klassentreffens, wurde sie vom Hotelpersonal das letzte Mal im Frühstücksraum gesehen. Seitdem blieb ihr Bett unbenutzt.

Alex schaute sich die Fotos vom Zimmer 207 genauer an. Das Reinigungspersonal hatte bereits ganze Arbeit geleistet. In dem großzügigen Raum war gründlich aufgeräumt und sauber gemacht worden. Ein rotes Abendkleid hing auf einem Bügel am Schrank, ein Paar rot gemusterte High Heels und ein Paar Badeschlappen standen davor. Das Bild von Ulrike Berger zeigte eine attraktive, selbstbewusste Frau mit dunklem, halblangem Haar. Allerdings konnte Alex nicht einschätzen, wie alt das Bild war, denn am Tag ihres Verschwindens war Frau Berger bereits 53 Jahre. Eine Aufzählung ihrer persönlichen Gegenstände und Utensilien lag bei. Die Sachen wurden in die Asservatenkammer eingelagert und bis heute aufbewahrt. Handtasche, Geldbörse, Papiere, Schlüssel und Handy wurden nicht gefunden. Alex blätterte weiter und stieß auf ein paar Zeugenbefragungen einiger Klassenkameraden, die sich am 3. November nach vielen Jahren wieder getroffen hatten. Sie überflog die Aussagen, die aber keinen Hinweis auf das Verschwinden von Ulrike Berger ergaben. Ihr neuer, weißer 5er BMW konnte trotz Fahndung bis jetzt nicht gefunden werden. Genauso wenig brachte eine Handyortung: Anscheinend hatte die Frau an dem Tag ihr Handy ausgeschaltet. Anfragen bei der Kölner Bankfiliale und eine Durchsuchung ihrer Kölner Wohnung lieferten ebenfalls keine Hinweise.

Alex schaute auf die Uhr, halb elf. Sie konnte sich nicht erklären, warum Frau Kaminski sich so verspätete oder überhaupt nicht erschien. Sie suchte den Zettel mit der Handynummer und versuchte, die Frau zu erreichen, aber es meldete sich nur die Mailbox.

Alex betrat das Großraumbüro. Ihr 24-jähriger Computerspezialist Matze saß in seinem kleinen Kabuff und diskutierte angeregt mit Toni darüber, ob das K3 den Vermisstenfall übernehmen sollte oder nicht. „... Hier liegt doch eindeutig ein Verbrechen vor, Ulrike Berger ist einfach nicht der Typ, der plötzlich ohne Vorwarnung verschwindet“, erwiderte Toni und wackelte ein bisschen mit dem Kopf hin und her. Das tat sie immer, wenn sie sich über etwas sehr aufgeregt hatte. Die engagierte, junge Frau konnte dabei den leichten sächsischen Slang in ihrer Stimme nicht verbergen. Ihre freche, blonde Kurzhaarfrisur ließ ihre großen, grünen Augen und das schmale Gesicht erst richtig zur Geltung kommen.

Als Vierte im Bunde vervollständigte die 52-jährige Regina Wegener das Team. Mit einem sportlichen Outfit versuchte sie immer, ihre etwas mollige Figur zu kaschieren. Sie kümmerte sich oft um ihre drei Enkel und konnte vorzüglich backen, was ihren Kollegen oft zugutekam. Sie war sehr zuverlässig und loyal und Alex mochte ihre lockeren Sprüche.

„Hör mal Regina, Frau Kaminski ist heute gar nicht aufgetaucht, das macht mich etwas stutzig. Was hat die mich gestern regelrecht angefleht, dass ich ihr helfe, ihre Schwester zu finden. Sie ist im Hotel Magdalenenhof abgestiegen und der gehört Frauke Langenhahn. Sie hat die Kaminski sogar direkt zu uns geschickt. Sagt dir der Name etwas?“

Regina überlegte kurz. „Der Name, Frauke Langenhahn, sagt mir zwar etwas, aber ich habe überhaupt kein Gesicht dazu.“

„Naja“, Alex winkte ab. „Sie war auch nur ein Jahr zur Ausbildung da. Ihr Vater starb so plötzlich und sie musste den Magdalenenhof übernehmen. Der war damals völlig heruntergewirtschaftet.“

„Was?“, erwiderte Regina. „Das kannst du aber heute nicht mehr sagen. Mein Schwiegersohn hat uns letztens dort zum Essen ausgeführt, das war sehr fein und lecker. Und was für ein Schmuckstück ist daraus geworden.“

„Ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache. Mein Schreibtisch liegt zwar noch voller Arbeit, aber ich mache heute eher Schluss und schaue auf dem Magdalenenhof vorbei. Ich hoffe, es gibt eine einfache Erklärung, wieso die Frau nicht erschienen ist.“

Alex legte die Mappe auf Reginas Tisch. „Das ist übrigens die Akte von der Vermisstenmeldung der Schwester, Ulrike Berger. Die hatte Kommissarin Nöthlich aufgenommen und sie hat auch ein bisschen ermittelt, aber die nächsten Wochen ist sie erstmal im Urlaub.“

Regina nahm die Akte und blätterte in ihr herum. „Viel ist es ja nicht. Weißt du eigentlich, wie die Nöthlich von ihren Kollegen genannt wird?“ Alex schüttelte den Kopf. Regina grinste: „Die maulende Myrte.“

Alex lenkte den Wagen auf den hübsch hergerichteten Parkplatz. Nach Anzahl der parkenden Autos schienen das Hotel sowie das Restaurant gut besucht zu sein. Aus dem ehemals heruntergewirtschafteten Dreiseitenhof am Rande der Stadt war ein edles Romantikhotel mit bäuerlichem Ambiente entstanden. Ein weiteres Gebäude, in dem sich das Restaurant befand, schien neu zu sein. Es wurde passend zu den schon bestehenden Häusern im Fachwerkstil erbaut. Der Innenhof war mit altem Pflaster ausgelegt, das sich mit wunderbar bepflanzten Rabatten abwechselte. An den geschnittenen Platanen öffneten sich die ersten Knospen im zarten Grün. Die grellen Farben der Frühjahrsblüher ließen das Areal bunt und freundlich erscheinen.

Alex steuerte geradewegs die Rezeption an und verlangte nach Frauke Langenhahn. Die Chefin trat aus ihrem Büro und als sie Alex sah, blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie wirkte sehr verändert. Die immer etwas jugendlich aussehende Frauke hatte sich zu einer gestandenen Geschäftsfrau gemausert. Der dunkle Hosenanzug, die weiße Bluse und ein klassisch geschnittener Bob unterstrichen ihre Stellung im Hotel. Ihr ovales Gesicht war leicht geschminkt, ihre blauen Augen wirkten müde. Aber dann kam sie auf Alex zugelaufen und fiel ihr um den Hals. „Alex, wie lange ist das schon her? Ist das schön, dich zu sehen. Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

Alex war gerührt. „Viel zu lange, wir hätten uns nicht aus den Augen verlieren dürfen.“ Frauke zog sie mit sich in ihr Büro und hatte plötzlich viel zu erzählen. Alex bewunderte Frauke, wie sie aus dem alten, in die Jahre gekommenen Gasthof, eine moderne Hotelanlage mit gehobener Gastronomie geschaffen hatte. Das kostete viel Kraft und so blieb ihr kaum Zeit, eine eigene Familie zu gründen.

Frauke goss Kaffee aus einer hübschen Kanne nach. „Ich kann es nicht glauben, du und gleich drei Kinder und Michael hast du zum Teufel gejagt. Jetzt kann ich es dir ja sagen, den konnte ich noch nie leiden.“ Sie lachte herzlichst auf. „Deinen Dominik würde ich aber gern einmal kennenlernen, auch noch so einen bekannten Künstler. Wie bist du denn zu dem gekommen?“

Alex’ Augen blitzten kurz auf. „Nach meiner Auszeit und einem halben Jahr Auffrischungskursen war das mein erster Fall. Die skeptischen Augen der Kollegen auf mich gerichtet, meine drei Kinder, die Scheidung von Michael und ich Dussel verliebe mich gleich bei der ersten Befragung in meinen Hauptverdächtigen, Dominik.“ Alex lächelte. „Und er sich in mich. Die Sache war knapp und der Fall wäre mir bald um die Ohren geflogen. Trotzdem, ich habe es mit ihm nie bereut. Die Kinder mögen ihn sehr.“

„Wohnt ihr zusammen?“ Frauke ließ ihrer Neugierde freien Lauf. „Nein, nicht so richtig“, kam es gedehnt. „Er wohnt und arbeitet auf seinem Künstlerhof. Das ist ein Vierseitenhof in Daasdorf bei Weimar, eine tolle Anlage. Und ich wohne mit den Kindern in unserem Haus hier in Erfurt. Es wurde mir bei der Scheidung zugesprochen. Wir sehen uns, so oft es nur geht. Ich habe meine Arbeit und er ist sehr häufig beruflich unterwegs. Wir müssen uns halt arrangieren.“

„Ja, das kenne ich zu gut. Kommt doch einfach mal vorbei, mit den Kindern zum Essen oder auch nur so“, schlug Frauke vor. Alex nickte zustimmend. „Das mache ich gern.“

„Ich beneide dich, dass du als Kommissarin wieder arbeiten kannst. Ich würde sofort mit dir tauschen.“ Frauke schaute sie etwas verträumt an.

„Ja, das glaube ich dir.“ Alex wurde ernst. „Ich bin auch beruflich da. Es geht um die Schwestern Berger und Kaminski. Du hast Marianne Kaminski zu mir geschickt. Ich war heute mit ihr verabredet, aber sie ist nicht erschienen und telefonisch meldet sich nur ihre Mailbox.“

„Was, das kann doch nicht sein? Ich habe sie allerdings heute auch noch nicht gesehen, nur gestern in aller Frühe, da wollte sie zu dir.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Warte mal.“ Sie stand auf und lief zur Tür. „Ich frage schnell bei meinen Leuten nach, ob sie jemand die zwei Tage gesehen hat.“

Alex blieb alleine in dem hellen, schicken Büro zurück und sah sich um. Sie konnte keine persönlichen Bilder entdecken.

Aufgeregt stürmte Frauke zurück ins Büro. „Seit gestern Morgen hat sie keiner mehr gesehen.“ Dann hielt sie eine Zimmerkarte in der Hand. „Los, wir gehen jetzt nachschauen, Zimmer 207.“

Alex erhob sich. „Sie hatte das gleiche Zimmer wie ihre Schwester, 207?“

„Ja.“ Frauke nickte. „Sie hatte darauf bestanden und mich nach ihrer Schwester gefragt. Ich konnte aber gar nicht viel über sie erzählen. Erstens war ich damals gar nicht vor Ort und zweitens war es nur ein Gast von vielen, der einfach nicht wieder aufgetaucht ist. Eine Kommissarin hat damals ihre ganzen Sachen abgeholt und das Personal befragt. Das war alles. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört, erst als ihre Schwester vor mir stand.“

Der moderne Fahrstuhl fuhr sie sanft und schnell in die zweite Etage. Im Flur fing der dicke, terracottafarbene Teppich jedes Laufgeräusch auf. Frauke klopfte an die Tür von Zimmer 207. Als keine Reaktion erfolgte, öffnete sie diese und beide Frauen traten ein und standen in einer schick eingerichteten Suite im modernen Landhausstil. Alex staunte. „Wow, an so etwas könnte ich mich auch gewöhnen, da hast du wirklich nicht gekleckert, alles sehr geschmackvoll eingerichtet.“ Frauke lachte in sich hinein. „Danke, aber frage nicht, was das für Nerven gekostet hat. Vorigen Monat mussten wir in den ganzen Etagen neue Teppiche legen lassen. Nach einem Jahr lösten sich die alten schon auf, eine Fehlproduktion.“

„Tut mir leid.“ Alex zog sich Handschuhe über und begann sich im Zimmer umzuschauen. „Es sieht aus, als hätte sie den Raum nur einen Augenblick verlassen. Vielleicht übernachtet sie bei Freunden. Wenn da nicht die Geschichte mit ihrer verschwundenen Schwester wäre, hätte ich gesagt, wir warten erst einmal 48 Stunden ab. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie in Gefahr schwebt.“ Dann entdeckte sie auf dem Sideboard das Handy. „Oh, schau mal, sie hat ihr Handy vergessen. Deshalb konnte ich sie nicht erreichen.“ Alex versuchte das Gerät einzuschalten, aber der Akku schien leer zu sein. Sie warf einen Blick in die Reisetasche, in den Schrank und in verschiedene Schubladen, aber sie konnte außer ein paar Kleidungsstücken und Toilettenartikeln nichts Besonderes entdecken. Vor dem kleinen, angedeuteten Schreibtisch blieb Alex stehen und griff nach dem Stapel Fotos. Während sie sich die Bilder ansah, sprach sie mit Frauke. „Kannst du das Zimmer noch ein paar Tage entbehren, ich muss es versiegeln?“

Frauke legte grübelnd den Kopf zur Seite. „Kann ich. Ich glaube, sie hat sogar bis Ende der Woche bezahlt.“ Dann verdüsterte sich ihre Miene. „Aber zu Ostern brauche ich alle Zimmer!“ Neugierig trat sie neben Alex. „Hast du etwas gefunden?“

„Ja, schau, alte Fotos.“ Alex hielt ihr ein vergilbtes Farbfoto hin. „Die zwei jungen Mädels hier sind doch bestimmt die zwei Schwestern. Die rechts sieht aus wie Marianne und die links wie Ulrike.“ Frauke stimmte ihr zu. Alex studierte bereits ein anderes Bild. „Dann scheint es sich hier um das 10.-Klasse-Abschlussfoto zu handeln, und zwar von Ulrike. Schau!“ Sie hatte das junge Mädchen auf dem Klassenbild entdeckt und zeigte mit dem Finger drauf. „Aber frage mich jetzt nicht, warum hier einige eingekreist sind.“ Einige der Schüler waren mit einem Stift markiert. Alex nahm ihr Handy und fotografierte die farbigen Bilder ab. „Das muss ich mir genauer anschauen. Vielleicht können sie uns etwas Aufschluss geben.“ Frauke deutete auf ein Bündel quadratischer Schwarz-Weiß-Fotos. „Was ist denn mit denen passiert, da kann man ja kaum etwas erkennen?“ Alex lächelte. „So etwas habe ich vor kurzem erst gesehen. Ich habe mit meiner Mutter alte Fotos angeschaut und sie hatte zur Jugendweihe eine Kinderkamera bekommen. Die Bilder sahen genauso aus, wie die hier, kaum noch etwas zu erkennen.“ Alex legte die Bilder wieder zurück, wie sie sie vorgefunden hatte.

„Nimmst du die nicht mit?“, wollte Frauke wissen.

„Nein, das kann ich nicht“, meinte Alex, „ich weiß ja noch gar nicht, wo Frau Kaminski steckt, vielleicht taucht sie auch wieder auf.“ Sie zog die Handschuhe aus. „Ich kann dir nicht versprechen, ob ich das Zimmer bis zu den Feiertagen frei geben kann. Ich werde Frau Kaminski zur Fahndung ausschreiben lassen. Ich bin der Meinung, dass sich die Frau in einer bedrohlichen Situation befindet.“ Sie ließ noch einmal ihren Blick durch den Raum schweifen.

„Oder sie taucht heute Abend wieder auf“, konterte Frauke.

Alex nickte. „Das wäre mir am liebsten.“ Sie verließen den Raum und Alex versiegelte mit einem Klebestreifen der Polizei die Tür. „Was ist mit ihrem Wagen? Steht der auf dem Parkplatz?“

Frauke schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe schon unseren Sven befragt, unseren Facility Manager, der sich auch um die Autos der Gäste kümmert. Jedes Zimmer hat seinen eigenen Parkplatz, ihrer ist leer. Sie hatte so einen kleinen blauen Audi mit schwarzem Dach. Die Autonummer muss ich erst nachschauen.“

Die Frauen blieben noch einen Moment vor dem Hotel stehen. Frauke schaute Alex lächelnd an. „Aber bitte, lass mich nicht wieder so lange warten.“

„Das mache ich nicht“, versicherte ihr Alex. „Ich halte dich auf dem Laufenden und sollte noch etwas sein oder Frau Kaminski taucht auf, dann kannst du mich Tag und Nacht anrufen.“ Sie legte Frauke ihre Visitenkarte in die Hand und sah auf ihre Armbanduhr.

„Jetzt muss ich aber zu meinen Kindern, sonst streiken sie, wenn ich heute schon wieder zu spät komme.“ Frauke drückte sie zum Abschied noch einmal. „Ich nehme dich beim Wort.“

Die Zwillinge halfen ihrer Mutter beim Abräumen des Abendbrottisches und stellten das schmutzige Geschirr in den Spüler. Leon schob sich noch ein Stück Wurst in den Mund und nuschelte mit vollen Backen. „Wann kommt eigentlich Dominik zurück, er wollte doch am Wochenende mit uns ins Kartcenter?“

„Das glaube ich aber nicht, dass Dominik dieses Wochenende gemeint hat, er ist dann noch geschäftlich in Amsterdam unterwegs. Außerdem seid ihr dieses Wochenende bei eurem Vater“, meinte Alex und schloss den Spüler. „Dürft ihr denn überhaupt mit 11 Jahren so einen Wagen auf der Kartbahn fahren?“ „Ja, sogar schon mit 8.“ Tim stand hinter ihr und grinste. Seine Mutter sah ihm streng entgegen. „Fein, da habe ich aber auch noch ein Wort mitzureden.“ Die Jungs verzogen ihre Gesichter, doch Alex blieb eisern. „Jetzt ab unter die Dusche, Schulzeug packen, ich komme dann noch mal rauf. Und sagt bitte eurer Schwester, sie soll die Musik etwas leiser machen.“

Erschöpft ließ sich Alex in den Sessel fallen, legte die Beine hoch, nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Sie fuhr den Sessel in eine leichte Liegeposition, aber sie gab sich Mühe, nicht einzuschlafen, denn sie wartete noch auf einen Anruf von Dominik.

Das Handy klingelte, Alex fuhr aus dem Schlaf hoch. Einen Augenblick brauchte sie, um sich zu sammeln. Doch es war nicht Dominik am Telefon, sondern ein Polizeibeamter der Bereitschaft. Er teilte ihr mit, dass der blaue Audi von Marianne Kaminski auf einem abgelegenen Parkplatz in der Nähe des Flughafens gefunden wurde. Im Kofferraum des Wagens lag eine entsetzlich zugerichtete Leiche. Man konnte vor Ort nicht feststellen, um welche Person es sich handelte. Er schickte ihr die Koordinaten aufs Handy.

Alex saß noch einen Augenblick auf dem Rand des Sessels und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Bitte nicht Marianne Kaminski.

Sie raffte sich auf, sagte den Kindern Bescheid und fuhr zu dem angegebenen Fundort. In der Dunkelheit konnte sie den Parkplatz schon von Weitem sehen. Die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge tauchten die Umgebung in einen pulsierenden Blauton. Alle Scheinwerfer waren auf den Audi gerichtet, der am Rande des Platzes stand. Ein Pavillon stand über dem geöffneten Kofferraum und zwei starke Scheinwerfer erhellten den hinteren Teil des Wagens mit grellem Licht. Alex parkte ihren BMW hinter Doc Browns alten VW-Bus. Der kalte Wind und leichter Nieselregen veranlassten Alex, ihren Mantel bis zum letzten Knopf zu schließen. Hinter ihr quietschten Bremsen und Toni stieg aus ihrem kleinen, roten Polo. Sie zog den großen Schal noch enger um die Schultern und setzte eine Mütze auf. „Mein Gott, ist das eine Kälte, ich habe schon fast im Bett gelegen“, schimpfte sie.

Der Polizist Carsten Feldmann kam auf die beiden Frauen zu. „Guten Abend, der Audi wurde vor einer Stunde von den Kollegen der Streife gefunden. Die beiden waren natürlich geschockt, als sie den Kofferraum öffneten, wirklich kein schöner Anblick. Die KTU ist benachrichtigt, der Doc war auf dem Heimweg, deshalb ist er schon da.“

„Danke, Kollege.“ Die zwei Kommissarinnen traten an den geöffneten Wagen heran, über den der kauzige Gerichtsmediziner sein weißes Haupt gebeugt hatte. Doktor Wolter, den alle nur Doc Brown nannten, weil er dem Schauspieler Christopher Lloyd im Film „Zurück in die Zukunft“ zum Verwechseln ähnlich sah, unterbrach seine Arbeit und begrüßte freundlich die beiden Frauen, aber ganz besonders Alex. Jeder im Team wusste, dass er eine kleine Schwäche für sie hegte. Sie lächelte zurück. „Doc, Sie haben doch sicher schon etwas für uns.“

„Aber natürlich.“ Er trat zurück und gab den Blick auf die Leiche frei. Toni gab einen Laut des Entsetzens von sich, hielt sich die Hand vor den Mund und unterdrückte ein Würgen. Auch Alex musste einen Augenblick wegschauen, sich sammeln, um erneut auf den Leichnam zu blicken. Es sah aus, als wurde der Körper platt gewalzt. Er lag in einer tief dunklen Blutlache. Der Schädel war regelrecht zerborsten, breit gedrückt. Man konnte kaum die natürlichen Gesichtszüge erkennen. Die Haare waren mit Blut und Schmutz verklebt. „Was ist passiert?“, wollte Alex wissen.

Der Doktor hatte sich wieder über die Leiche gebeugt und sah Alex von unten an. „Eins kann ich sicher sagen, es ist eine Frau. Ich mutmaße jetzt. Sie wurde mehrmals von einem schweren Fahrzeug überrollt. So kann ich mir die Verletzungen nur erklären, denn ich habe schon oft Opfer von Verkehrsunfällen auf meinem Tisch gehabt, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen.“

„Könnten Sie uns etwas zum Todeszeitpunkt sagen?“, fragend schaute Alex den Gerichtsmediziner an. Er richtete sich auf, wiegte den Kopf hin und her und schien zu rechnen. „Wenn ich die Außentemperatur mit einberechne, würde ich sagen: gestern Nachmittag. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen.“

Toni hatte sich wieder im Griff. Sie trat an Alex heran und flüsterte ihr förmlich ins Ohr. „Sieht aus, als wäre sie von einer Dampfwalze überfahren worden. Ist das Marianne Kaminski?“

Alex beugte sich nach vorn, um die Tote besser sehen zu können. Sie betrachtete ausgiebig die Kleidung, sie war völlig verschmutzt und teils mit Blut durchtränkt. „Ja, das könnte sie sein. Ich erkenne den schwarzen Mantel, die Stiefel und ganz besonders das gemusterte Tuch um ihren Hals. Das trug sie gestern bei mir im Büro. Die Haarfarbe stimmt auch.“

Der Doc wunderte sich. „Sie kennen die Frau?“

„Ja“, versicherte Alex. „Wir haben vermutet, dass sie in Gefahr ist und haben nach ihr gefahndet.“

„Das tut mir leid.“ Er richtete sich auf und wischte die Pinzette in seiner Hand an einem Tuch ab. „Ich werde die Leiche hier nicht aus dem Kofferraum heben lassen. Wir nehmen den ganzen Wagen mit in die Gerichtsmedizin.“

„Ok, Doc. Wann können wir mit ersten Ergebnissen rechnen?“ Alex sah ihn ungeduldig an.

Er lächelte. „Ich melde mich bei Ihnen.“

„Danke.“

Toni sah sich auf dem Parkplatz um und rief Polizeihauptmeister Carsten Feldmann herbei.

„Es sind zwar schon alle hier herumgetrampelt und ein Haufen Fahrzeuge ist hier entlang gefahren, aber vielleicht können Sie zusehen, ob man noch ein paar brauchbare Reifenspuren findet.“

„Okay, ich kümmere mich darum.“ Er drehte sich um und wandte sich an seine Kollegen.

Auch Alex sah sich nach den Reifenspuren um. „Na, ob wir da noch etwas finden?“ Sie sah auf und trat stirnrunzelnd an Toni heran. „Mich erschreckt die Brutalität, mit der die Frau ermordet wurde. Das grenzt ja fast an Übertötung.“ Toni nickte. „Ja, der Täter wollte ganz sicher gehen. Aber er schien keine Zeit zu haben, um die Leiche und das Auto