Die Polidoris (Bd.2) - Anja Fislage - E-Book

Die Polidoris (Bd.2) E-Book

Anja Fislage

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Beschreibung

Folge den Krähen. Finde den Eisfuchs. Wage das Abenteuer! Die Polidoria ist klar zum Auslaufen: Petronella und ihre Geschwister sind wild entschlossen, mit dem uralten Familienschiff auf große Fahrt zu gehen und ihren Vater zu retten. Doch wo ist Dr. Oscar? An der tiefsten Stelle des Atlantiks? Oder im Nordpolarmeer? Dorthin führen jedenfalls die Spuren von Hodder Morkel. Denn der tote Walfänger ist mit all seiner dunklen Macht zurück! Und während die Wispernden Segel die Namen der Todgeweihten in den Wind flüstern, droht Hodder, Dr. Oscar in die Ewige Finsternis zu stoßen. Die Polidoris würden bis zum Äußersten gehen, um das zu verhindern ... und das müssen sie auch. Ein neues Polidoris-Abenteuer für Kinder ab 11 Jahre aus der Feder von Anja Fislage – voller Herzenswärme, Geschwister-Ärger und düsterer Geheimnisse, die darauf warten, entdeckt zu werden! Opulent in Szene gesetzt von der preisgekrönten Illustratorin Verena Wugeditsch.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sie will es so, du sollst ertrinken!Tief nach unten sollst du sinken,bis zum Grund der See hinab,in dein nasses Grab.

Kalt ist deine letzte Welle,ihre Krone weiß!Kalt ist deine letzte Welle,ihr Gewand aus Eis!

JAGDGESANG DER MEERESTIERE

Inhalt

Prolog

Teil 1 An Bord der Polidoria

Kapitel 1 Onkel Udolpho

Kapitel 2 Wispernde Segel und spitze Zähne

Kapitel 3 Die Rückkehr der Toten

Kapitel 4 Ein Leben für ein Haus

Kapitel 5 Das Spionportal

Kapitel 6 Jagdgesang

Teil 2 Im Eismeer

Kapitel 7 Die Schwebende Taucherin

Kapitel 8 Die Polidorischen Archivkammern

Kapitel 9 Die Elende Else

Kapitel 10 Inuk

Kapitel 11 Im Angesicht der Wildnis

Kapitel 12 Der Sternenmantel

Kapitel 13 Kälter als Eis

Kapitel 14 Der Schwur, der niemals bricht

Teil 3 Eine gute letzte Reise!

Kapitel 15 Die tiefste Stelle der Weltmeere

Kapitel 16 Der Finsternis-Detektor

Kapitel 17 Die Kraft der Familie

Kapitel 18 Die Macht der Tiefe und der Stürme

Kapitel 19 Melanocetus polidorius

Kapitel 20 Die Vertreibung der Finsternis

Kapitel 21 Auf Wiedersehen, Familie!

Prolog

Es waren die Eisfischer gewesen, die das schwarze Schiff zuerst gesichtet hatten. Langsam schob es sich in die Bucht, drohend wie ein Ungeheuer auf Beutefang. Selbst das Ewige Eis schien zu weichen, als fürchtete es sich.

Man sah, dass die Zeit und die Meere ihre Spuren hinterlassen hatten. Die Planken der Polidoria waren morsch, hundert Jahre alte Seufzer schlummerten in den Kojen und die Segel wisperten die Namen der Todgeweihten in den Wind. Doch in ihrem Bauch trug die Polidoria etwas, das alle Zeiten überdauert und allen Stürmen getrotzt hatte: eine Finsternis, schwärzer als das Ebenholz der modrigen Planken, ja, sogar schwärzer als die See. Eine Kraft, stärker als der höchste Wellengang.

Man kannte diese Art von Finsternis hier in der winzigen Siedlung, kilometerweit entfernt von den Lichtern der nächsten Stadt. Vor einer halben Ewigkeit war es der Walfänger aus dem Süden gewesen, der sie mitgebracht hatte. Damals hatte die Angst Einzug gehalten. Überall. In jedem Haus, unter jedem Stein, in jeder Schneewehe, vor allem aber in der Finsternis. Denn die Angst wohnte in der Finsternis.

So erzählten es die Alten und so erzählten es nun die Eisfischer. Dieses Schiff, sagten sie, hatte die Angst an Bord.

Teil 1

An Bord der Polidoria

Kapitel 1

Onkel Udolpho

»Worauf warten wir eigentlich noch?«, fragte Roberta und blies sich ungeduldig eine mitternachtsblaue Haarsträhne aus der Stirn.

In einem Meer von gepackten Koffern, Taschen, Schachteln und Kisten standen die Polidoris auf dem Weg aus zerbrochenen Muschelschalen vor dem Polidorium. Bereit zum Aufbruch, denn heute war der große Tag. Heute würde das eintreten, was Roberta sich eigentlich schon immer sehnlichst gewünscht hatte: Sie würde ein richtiges Abenteuer erleben. Eins von der Sorte, wie sie in all ihren Lieblingsbüchern nachzulesen waren. Mit einem echten Schiff (wenn sie den Ausführungen ihrer Großeltern glauben durfte) und einem großen Ziel: der tiefsten Stelle der Weltmeere. All das könnte so aufregend werden!

Ja. Könnte. Wenn da nicht dieses Gefühl in ihr wäre. Als würde sie abwärts sinken, als wäre sie in einen dunklen Ozean gefallen, tief nach unten – tiefer mit jedem Tag, den sie auf ein Lebenszeichen von Dr. Oscar wartete. Ihr Vater war wie vom Erdboden (oder besser gesagt: vom Ozean) verschluckt. Das war ein schrecklicher Gedanke. Wie sollte sie sich so auf ein Abenteuer einlassen? Davon stand nichts in ihren Büchern. Aber eines war klar: Roberta würde keinen weiteren Tag tatenlos zu Hause herumsitzen! Das hatte sie sich geschworen. Am liebsten keine weitere Minute!

»Was ist, wieso brechen wir nicht auf?«, bohrte sie nach.

Petronella und Pellegrino blickten ratlos zu Großmutter, die wiederum stur in eine andere Richtung schaute, und zwar zum Deichweg. »Mein Vögelchen, wir müssen noch eine Winzigkeit erledigen, bevor wir aufbrechen«, flötete sie und beschattete mit der Hand ihre Augen, als würde sie dadurch besser sehen können. (Dabei brach die Januarsonne kaum durch die grauen Wolken.) Dann wurde ihre Miene schlagartig bitter. »Dass wir jetzt warten müssen, ist natürlich lachhaft! Ich hätte es wissen müssen.«

Roberta schnaubte. »Und hättet ihr die Güte, uns zu verraten, worauf wir warten?« Dass die Großeltern immer aus allem ein Rätsel machen mussten!

»Wir warten auf euren Onkel Udolpho«, verkündete Großvater feierlich. Er hatte die Hände auf dem Rücken zusammengelegt und den Blick, wie Großmutter, auf den Deich geheftet.

»Wir kriegen Verwandtenbesuch? Jetzt?«, rief Roberta entrüstet. »Wieso das denn?«

»Wer ist Onkel Udolpho?«, fragte Pellegrino.

»Ein toter Mann«, erklärte Großmutter, »wenn er nicht in der nächsten Minute hier auftaucht.«

»Gibt es dort hinten etwas Interessantes zu entdecken?«, ertönte da eine fremde Stimme von oben. »Oder warum starrt ihr unentwegt dorthin?«

Roberta riss den Kopf herum, im selben Moment wie ihre beiden Geschwister. Die Großeltern ließen sich mehr Zeit.

»Herrje, Udolpho!«, zischte Großmutter, während sie ihren Blick auf das Dach richtete. »Wir warten seit Ewigkeiten.«

Der Mann, der offenbar Onkel Udolpho war, stand auf dem Dachfirst und schaute zu ihnen herunter, wobei ein überhebliches Grinsen seine Mundwinkel umspielte. Er trug einen Anzug unter seinem offenen Mantel, an seinem Arm baumelte ein schwarzer Regenschirm.

»Well, ich bin ein viel beschäftigter Mann«, verkündete er. »Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich mir überhaupt die Zeit genommen habe. Nur weil du es bist, liebe Tante.«

»Was macht er auf unserem Dach?«, fragte Petronella.

»Es schien mir der sicherste Landeplatz.« Onkel Udolpho strich sich den nicht vorhandenen Staub von der Mantelschulter, ohne Petronella anzusehen.

»Landeplatz?«, fragten Petronella und Pellegrino im Chor.

Roberta musterte Onkel Udolpho. Sie wusste nicht, ob sie sich ärgern sollte, dass sich ihre Abreise verzögerte, oder freuen, einen weiteren Polidori kennenzulernen. Wobei dieser auf den ersten Blick eher wie ein langweiliger feiner Pinkel wirkte (aber immerhin ein langweiliger feiner Pinkel auf einem Dach).

»Sicher doch«, näselte der feine Pinkel. »Für meinen Schnellballon.«

Okay. Ein langweiliger feiner Pinkel auf einem Dach mit einem Schnellballon, was auch immer das sein mochte. Das schwarze Ungetüm, das hinter ihm aufragte, sah jedenfalls aus wie eine in Leder gehüllte Gewitterwolke.

Großmutter stöhnte auf. »Geh uns nicht mit deinen albernen Erfindungen auf die Nerven, Udolpho! Wir haben jetzt wirklich keine Zeit mehr. Komm sofort da runter!«

»Ich eile, liebe Tante.« Onkel Udolpho ließ seinen Schirm kreisen und stolzierte an der Dachkante entlang, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwand.

»Wird Onkel Udolpho uns auf unserer Reise begleiten?«, fragte Pellegrino.

Großmutter lachte auf. »Himmel! Nein!«

Die schwarze, Ehrfurcht gebietende Tür des Polidoriums schwang von innen auf und Onkel Udolpho erschien im Türrahmen. »Ihr habt Löcher im Dach, wisst ihr das?«, sagte er und richtete dabei seinen Schlips.

»Willkommen in unserem bescheidenen Heim, Udolpho«, brummte Großvater würdevoll. »Wir übergeben uns ab jetzt vertrauensvoll in deine Hände.«

»Übergeben es – nicht uns, Pernell!«, verbesserte Großmutter ihn harsch. »Wir übergeben unser Heim …«

»Aber natürlich, Gloria.« Großvater hüstelte und hielt Onkel Udolpho den Messingschlüssel für die Eingangstür aus Ebenholz unter die Nase. »Bitte sehr, mein lieber Udolpho. Damit du künftig das Haus wie ein richtiger Polidori betreten kannst.« Er zog eine Augenbraue in die Höhe, ein seltener Ausdruck des Missfallens in seinem Gesicht. »Eine dreißigseitige Anleitung zur Führung des Instituts liegt im Meergrünblauen Salon für dich bereit. Alles Weitere steht in unserer Ausgabe der Familienchronik.«

»Sicher doch. Macht euch diesbezüglich keine Gedanken. Mit Toten kenne ich mich aus, wie ihr wisst.« Onkel Udolpho grinste erneut und nahm den Polidoriumsschlüssel entgegen. »War es das?«

Großmutter trat auf ihn zu, nahm seine Hände in ihre – was Onkel Udolpho sichtlich unangenehm war – und sah ihm tief in die Augen. »Bitte behandle unser Polidorium pfleglich. Wir verlassen uns auf dich!« Der letzte Satz klang wie eine Todesdrohung.

»Was ist ein Schnellballon, Onkel Udolpho?«, fragte Pellegrino.

Sein »Onkel Udolpho« klang, als würde er den Mann bereits seit seiner Geburt kennen, wie Roberta Augen rollend feststellte. Ihr kleiner Bruder war immer viel zu schnell viel zu vertrauensselig. (Das war ja schon einmal ordentlich in die Hose gegangen, woraufhin sie ihn aus einer Seekiste – Hodder Morkels Kiste! – in der Tidekammer unter dem Polidorium befreien mussten. Roberta fröstelte bei dem Gedanken an Hodder Morkel. Zum Glück war der tote Walfänger nun fort!)

Onkel Udolpho würdigte Pellegrino keines Blickes. »Oh please. Das ist nichts für Kinder. Und selbstverständlich streng geheim.«

»Fahren wir jetzt endlich zum Hafen?«, drängelte Roberta. Onkel Udolpho fing an, ihr auf die Nerven zu gehen.

»Zum Hafen, mein Vögelchen?« Großmutter musterte sie besorgt, als hätte Roberta gerade etwas völlig Verrücktes gesagt.

»Na ja, zum Schiff!«, rief sie und verschränkte die Arme vor der Brust. »Oder fahren wir etwa doch nicht mit einem Schiff? Und wie wollen wir uns dann bitte auf dem Meer fortbewegen?«

»Selbstverständlich reisen wir mit unserem Familienschiff«, antwortete Großmutter hoheitsvoll. »Und das liegt natürlich nicht im Hafen von Tildrum!«

»Meine liebe Tante, bist du dir wirklich sicher, dass ihr diese … Kinder mit auf die Polidoria nehmen wollt? Sie erscheinen mir doch – well – recht naiv und unwissend.« Während Udolpho sprach, musterte er die Fingernägel seiner linken Hand. Weil die Antwort allgemeines eisiges Schweigen war, blickte er nun auf – und in fünf finstere Gesichter.

»Ich will dir einmal etwas sagen, mein lieber Udolpho«, setzte Großvater an. »Du magst ein begnadeter Leichenarzt sein, aber …«

»Gerichtsmediziner ist die korrekte Bezeichnung«, warf Onkel Udolpho ein. »Ansonsten bevorzuge ich den Ausdruck Genie.«

»… aber aus den Angelegenheiten der Lebenden hältst du dich besser raus.«

»Es hat doch keinen Zweck mit ihm, Pernell«, raunte Großmutter und hob dann gebieterisch ihren Arm. »Adieu, Udolpho! Alle anderen: Folgt mir!«

Roberta warf Onkel Udolpho zum Abschied noch einen weiteren bösen Blick zu, dann raffte sie ihr Reisegepäck zusammen, was bei einem Rucksack, zwei Koffern und ihrer neuen Schreibmaschine (einer Hokus 3.5.0!) gar nicht so leicht war. Doch so eine Reise zur tiefsten Stelle der Weltmeere würde natürlich einige Zeit dauern und man musste gut vorbereitet sein. Angst und Ungeduld durchfluteten Roberta und mischten sich mit einer Spur Aufregung. Da war es wieder, dieses Gefühl, abwärts zu sinken. Was, wenn sie Dr. Oscar nicht fanden? Und was, wenn sie ihn fanden?

Sie blinzelte. Hatten sich nicht eben die Vorhänge bewegt, dort im Meergrünblauen Salon?

»Dr. Stella?«, murmelte Roberta und spürte im selben Moment, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Ihre Mutter war, seitdem ihre Seele zurückgekehrt war, vom Polidorium verschluckt worden. Sie war spurlos verschwunden, hatte keine einzige Frage mehr über Dr. Oscars möglichen Aufenthaltsort beantwortet. »Können wir nicht … Ich meine, wir können doch Dr. Stella nicht einfach so allein hier zurücklassen, oder?« Robertas Stimme klang flehender als beabsichtigt. »Und außerdem … wissen wir doch gar nicht, wo wir nach Dr. Oscar suchen müssen!«

»Du hattest es doch gerade eben noch so eilig!«, sagte Petronella anklagend.

»Mein armes Vögelchen«, wandte Großmutter sich an Roberta. »Wie oft sollen wir denn noch alles absuchen? Eure Mutter ist und bleibt unauffindbar. Wir müssen es nun so probieren – und damit basta!« Ihre funkelnden Brillengläser duldeten keinen Widerspruch mehr, so viel war klar.

»Oh dear«, näselte Onkel Udolpho. »Wie lächerlich! Für solche albernen Kinderspielchen fehlt mir die Zeit.«

Roberta wischte sich über die Augen und warf Onkel Udolpho ihren Spezialblick zu, den sie ausschließlich für Personen reserviert hatte, die Nervstufe fünf erreichten. (Petronella und Pellegrino hatten bisher nur Stufe vier geschafft.)

Aus seiner Westentasche holte Onkel Udolpho eine Taschenuhr und betrachtete, demonstrativ schweigend, mit zusammengekniffenen Augen das Ziffernblatt.

Nervstufe fünfeinhalb. Roberta ließ ihr Gepäck zu Boden plumpsen.

Großvater holte ebenfalls seine Taschenuhr hervor. »Nun«, sagte er. »Ich bedaure dies zutiefst, aber die Zeit ist tatsächlich ein knappes Gut dieser Tage.«

Großmutter wandte sich zum Gehen. »Exakt. Lasst uns in See stechen! Kommt, meine Vögelchen!«

Roberta starrte Großmutters hutbedecktem Hinterkopf hinterher, während diese elegant davonhinkte. Dann schaute sie zurück zum Fenster. Dr. Stella war natürlich immer noch nicht zu sehen. Robertas Magen zog sich zusammen.

»Was glotzt ihr denn so«, herrschte sie die Zwillinge an, die mit hängenden Armen neben ihr standen.

Pellegrino zuckte hilflos mit den Schultern und Petronella stülpte die Oberlippe über ihre beiden viel zu groß geratenen Schneidezähne. »Es stimmt, Roberta«, murmelten sie fast gleichzeitig, und Petronella fügte hinzu: »Ich würde ja auch lieber hierbleiben …«

»… aber wir müssen Dr. Oscar retten«, ergänzte Pellegrino.

»Könnt ihr mal mit eurem bescheuerten Zwillingsgehabe aufhören?«, schnappte Roberta. »Wer hat denn was von Hierbleiben gesagt?«

Onkel Udolpho, der die Unterhaltung mit verschränkten Armen verfolgt hatte, verzog den Mund zu einem arroganten Lächeln. »Also dann, liebe Tante!« Er tippte sich an den Hut und schloss ohne einen weiteren Gruß die Ebenholztür hinter sich.

»Würdet ihr Vögelchen nun bitte endlich kommen?« Großmutter, eine kleine Reisetasche am Arm und eine Hutschachtel in der freien Hand, wandte sich noch einmal um. Großvater ergriff zwei Koffer. Dann trat er neben seine Gattin und gemeinsam gingen die beiden auf die wild wuchernde Ginsterhecke zu, die den Garten des Polidoriums umschloss – und verschwanden raschelnd darin.

»Komm, Roberta«, sagte Petronella. Manchmal verstand sie die Stimmungswechsel ihrer großen Schwester einfach nicht. »Wir haben keine Wahl, oder? Wir müssen Dr. Oscar suchen. Das hat Dr. Stella schließlich selbst gewollt. Und du wolltest doch am allermeisten –«

Roberta schnaubte ein Atemwölkchen in die Winterluft und drehte sich weg. Dann nahm sie als einziges Gepäckstück ihre Schreibmaschine und schritt zum Ginster. Pellegrino blickte Roberta hinterher, schulterte seinen Rucksack, nahm sich zwei weitere Gepäckstücke und sah dann Petronella an. Los, komm, Nelli!, sagte er mit seinen Augen. (Die Gedankensprache war ein weiteres Zwillingsding, das Roberta regelmäßig auf die Palme brachte.) Eilig folgte er den anderen durch die Hecke.

Petronella biss die Zähne zusammen und belud sich mit dem restlichen Gepäck. Sie wollte sich ja auch nicht von Dr. Stella trennen – wo auch immer sie sein mochte! Und im Gegensatz zu Roberta hatte Petronella nie Lust auf ein großes Abenteuer verspürt. Nicht schon wieder … und vor allem nicht gerade jetzt, wo es angefangen hatte, gut zu werden. Jetzt, wo sie endlich eine Freundin (ja, eine Seelenverwandte!) gefunden hatte … Sie spürte den Halbkugel-Anhänger der Freundschaftskette an ihrem Hals. Immer wenn sie an Marie-Hedwig dachte, schien er leicht zu vibrieren.

Petronella sah noch einmal zurück. Bis bald, Mama!, schickte sie in Gedanken zum Polidorium, ohne eine Antwort zu erwarten.

Das Leben verläuft nie so, wie du es dir wünschst. Aber das heißt nicht, dass du nicht trotzdem das bekommst, was du dir von ihm wünschst.

Petronella hielt inne. War diese Stimme in ihrem Kopf nur eine Erinnerung oder kam sie wirklich von Dr. Stella?

»IHR VÖÖÖGELCHEN«, hörte sie Großmutter von weiter weg dröhnen. »WIR WÜRDEN WIRKLICH UNGERN OHNE EUCH ABREISEN!«

Eilig ging Petronella zur Hecke und machte einen Schritt hinein. Zweige ratschten ihr durchs Gesicht, doch irgendwie kämpfte sie sich hindurch. Und stand schließlich im verwunschenen Garten. Dort bei den Rosenbüschen, die mitten im Winter in voller Pracht blühten, starrten die Steinengel sie anklagend an. Dahinter, am Ende des Gartens, hörte sie das Meer rauschen. Sie war noch nie weiter als bis zum Schwarzen Tümpel vorgedrungen, wo die Wildnis immer dichter wurde. Aber genau dorthin mussten die anderen gegangen sein.

Petronella umschloss die Koffergriffe fest mit den Händen und kämpfte sich durch das Dickicht des Gartens. Um sie herum brummte, zirpte und atmete es, als hätte die Natur soeben beschlossen, sich aufzubäumen – gegen den Winter, gegen Onkel Udolphos Einzug und gegen Petronellas Abschied. Dornenranken tasteten nach ihr und wollten sie festhalten, stachen kleine Löcher in den Stoff ihres Wintermantels und hinterließen einen blutenden Ratscher in ihrem Gesicht.

»Lasst mich!«, rief Petronella. »Lasst mich gehen!«

Ein Koffer wurde ihr aus den Händen gerissen – Petronella wollte danach greifen, aber da war er schon im Gestrüpp verschwunden. Erschrocken blieb sie stehen. Kurze Zeit später hörte sie ein deutliches Knacken und dann ein Platschen. Sie erschauderte. Der Schwarze Tümpel, das Portal zur Ewigkeit, hatte seine Eisschicht geöffnet, um den Koffer zu verschlucken. Was auch immer sich darin befunden hatte – nun war es für immer verloren.

Doch offenbar schien die Wildnis sich fürs Erste mit dem Koffer zu begnügen, denn die Ranken lockerten ihren Griff und entließen Petronella in die Freiheit.

»Sag mal, bist du bescheuert?! Das war meiner!«, schrie Roberta, die plötzlich neben ihr stand, sie empört an. »O Mann, du Erdnuss … da waren all meine Lieblingsbücher drin!«

Deswegen war der so schwer, dachte Petronella und fühlte eine kleine Wut in sich aufsteigen. Doch sie atmete tief durch. Keine Tornados mehr!, hatte sie sich vorgenommen.

»Hättest ihn ja selber tragen können«, sagte sie also kühl und zerrte ihren Wintermantel zurecht. »Es müssen nicht immer alle nach deiner Pfeife tanzen, weißt du?« Ärgerlicherweise fingen ihre Wangen an zu brennen.

Sie erhaschte noch einen Blick auf Robertas zorniges Gesicht, und bevor ihre Worte ihr leidtun konnten, teilte sie mit beiden Händen den Strandhafer … und sah das Meer. Petronella ließ das Summen und Brummen des Gartens hinter sich und trat zwischen zwei Walknochenzaunlatten hinaus ins Freie. Tief sog sie die Luft ein. Sie prickelte salzig, das Meer rauschte winterlich. Natürlich hatte Petronella immer gewusst, dass sich hier das Ende der Landzunge befand und damit auch die See. Aber dieser Strand hinter dem verwunschenen Garten des Polidoriums war ein beinahe unwirklicher Ort, den sicherlich nur wenige Menschen jemals betreten hatten.

»HIERHER, MEINE VÖGELCHEN! Wir haben wirklich keine Zeit mehr zu verlieren!«, schallte Großmutters Stimme von links.

Petronella wandte sich um und erblickte einen langen Steg, an dessen Ende die Großeltern warteten. Doch etwas anderes nahm ihren Blick gefangen: Ein monströser Dreimaster lag dort vor Anker und reckte seine Masten majestätisch in den Wind.

Die Polidoria war bereit.

Petronella hatte noch nie so ein riesiges Schiff aus der Nähe gesehen, geschweige denn betreten. Es war allerdings nicht nur die schiere Größe, die Furcht einflößend wirkte: Die Polidoria war Jahrhunderte alt und das hatte natürlich seine Spuren hinterlassen. Das schwarze Ebenholz, aus dem das Schiff bestand, war gezeichnet vom Wind und vom Salz des Meerwassers. An vielen Stellen war es mit Seepocken, Algen und Muscheln übersät. Petronella hatte das Gefühl, eine eigene Welt zu betreten, als sie nun den Großeltern an Bord folgte und ihre Füße die morschen Planken berührten. Überall roch es nach Moder, Algen, Salz, Lilien und etwas Bittersüßlichem, wie Petronella es auch aus dem Polidorium kannte. Düster und golden war diese Welt, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, alt und noch immer Ehrfurcht gebietend. Wie das Polidorium und die Großeltern. Natürlich, es handelte sich ja schließlich um das Familienschiff der Polidoris …

Roberta schritt mit stolz erhobenem Kopf und ihrer Schreibmaschine unter dem Arm an allen vorbei an Deck.

»Wie schön, dass ihr es noch pünktlich geschafft habt, meine Vögelchen«, flötete Großmutter. »Wir wären wirklich ungern ohne euch abgereist!«

Da hörte Petronella ein vertrautes »Krah!«. Und dann noch eines und noch weitere. Ihre Krähen! Nacheinander ließen die Vögel sich auf den Segelmasten nieder. Sie legte den Kopf in den Nacken und erhaschte einen Blick in die kleinen, klugen Augen. Prompt erklangen die Stimmen der Vögel in Petronellas Gedanken:

Bleib hier!Bleib hier! Bleib hier! Geh nicht! Geh nicht!Bleib hier! Bleib hier!Bleib hier! Bleib hier! Geh nicht! Bleib hier!Bleib hier! Bleib hier!Bleib hier! Geh nicht!

Ihr seid nicht besonders hilfreich. Petronella setzte die Koffer ab. Passt auf das Polidorium auf, während ich weg bin! Macht diesem Udolpho-Idioten die Hölle heiß!

Das Gleichgewicht!Er wird das Gleichgewicht zerstören!Das Gleichgewicht!Er wird es zerstören!Das Gleichgewicht!Er wird das Gleichgewicht zerstören!

Na toll. Ihr wollt es mir also so schwer wie nur möglich machen. Vielen Dank! Petronella seufzte tief.

Die Krähen flogen auf, kreisten eine Weile über dem Schiff, bis sie sich erneut niederließen, die meisten auf der Reling. Zwei Vögel aber landeten auf Petronellas Schultern, ein weiterer auf ihrem Kopf. Petronella hielt still und streckte ihre Arme aus, damit noch mehr Krähen landen konnten. Komischerweise beruhigte sie das Gewicht der großen schwarzen Vögel. Ihr war klar, dass sie einen seltsamen Anblick bieten musste – aber seltsam, das war sie wohl nun einmal. Wie der Rest ihrer Familie auch.

Jemand trat neben sie. Es war Pellegrino, der sich an die Reling lehnte und auf das Meer hinausblickte, während die Polidoria sich langsam, aber sicher vom Steg entfernte.

»Glaubst du, wir werden Dr. Oscar finden?«, fragte er und fügte dann eifrig, ohne ihre Antwort abzuwarten, hinzu: »Ich glaube fest daran. Und nicht nur das. Ein Traum wird wahr: Ich werde mit eigenen Augen die Tiefsee erblicken. Nelli! Glaubst du, ich werde eine neue Art entdecken? Ich würde sie natürlich nach mir benennen. Vielleicht eine Unterart der Gespensterfische. Macropinna pellegrinii …« Sein Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an –

»Ach, zum Teufel!«

Ein Platschen war zu hören, eigentlich mehr ein Plumpsen, als wäre ein größerer Gegenstand ins Wasser gefallen. Es dauerte einen Augenblick, bis Petronella begriff, was sie sah: Ein kleines schwarzes Boot entfernte sich mit klatschenden Ruderschlägen von der Polidoria. Darin saß ihre große Schwester.

Roberta war von Bord gegangen.

Kapitel 2

Wispernde Segel und spitze Zähne

»Roberta!«, schrie Petronella mit sich überschlagender Stimme und lehnte sich über die Reling.

Die Krähen stießen ein empörtes »Krah!« aus und erhoben sich in die Lüfte, nur um in einigen Metern Entfernung erneut auf dem Deck zu landen.

Petronella sah, wie Roberta das Ruderboot mit anfangs hektisch paddelnden, dann immer sichereren Bewegungen in Richtung Steg lenkte. Sie blickte sich kein einziges Mal um.

»Komm zurück!«, brüllte Petronella, während die Polidoria mit ungnädig wachsender Geschwindigkeit in die andere Richtung davonsegelte. »Hilfe! Großmutter! Großvater! Mann … äh … Roberta über Bord!« Wild blickte sie um sich. »Wo ist der Rettungsring? Pelle, jetzt hilf mir doch mal!«

Pellegrino stand mit bleichem Gesicht und hängenden Armen neben ihr und starrte wie hypnotisiert auf den kleinen schwarzen Punkt, der Roberta war und der sich unbeirrt immer weiter entfernte.

»Herrje! Was ist denn hier los?«, dröhnte Großmutter da hinter ihnen.

»Wo ist denn eure Schwester?«, fragte Großvater und blickte irritiert zwischen ihnen hin und her.

»Sie ist … sie hat … einfach das Rettungsboot genommen«, schluchzte Petronella und deutete mit zittrigem Finger in Richtung Landzunge, wo das kleine Ruderboot sich langsam, aber sicher auf den Strand zubewegte.

»Donnerschlag!«, murmelte Großmutter. »Da dreht man euch einmal kurz den Rücken zu …«

»Aber wir haben doch das Boot nicht gestohlen, Großmutter!«, sagte Pellegrino. »Wir sind doch noch hier und wir gehen auch nicht weg! Nicht wahr, Nelli?«

Petronella war wie betäubt. Sie sah Robertas wütendes Gesicht vorhin im Garten vor sich, und ihr fiel ein, dass Roberta gar nichts erwidert hatte, als sie sie angefahren hatte. Daran hätte sie gleich merken müssen, dass etwas nicht stimmte. Roberta behielt nämlich normalerweise immer das letzte Wort.

Petronella presste die Lippen zusammen und ihr Herz klopfte vor Scham. Es müssen nicht immer alle nach deiner Pfeife tanzen, hatte sie gesagt. Dabei war Roberta offensichtlich verzweifelt gewesen … Sicherlich nicht nur wegen ihrer Lieblingsbücher.

»Wir müssen zurück!«, rief sie. »Wir können doch nicht ohne sie fahren!«

Großvater seufzte und schüttelte bedauernd den Kopf. »Deine Schwester hat sich entschieden. Sie ist alt genug und sie weiß, was sie tut. Niemand, nicht einmal wir, kann die Polidoria jetzt noch von ihrem Kurs abbringen.«

»Was?«, rief Petronella entsetzt. »Wer steht denn am Steuerrad … oder wie das heißt?«

»Natürlich niemand, wer soll denn da stehen?« Großmutters Tonfall klang, als hätte Petronella gefragt, wer den Mond aufgehängt hätte.

Großvater hob einen langen Zeigefinger. »Da. Sie hat den Strand erreicht.«

»Ge-nau-so ein Dickschädel wie Stella«, fluchte Großmutter. »Und wie euer Onkel Udolpho«, fügte sie hinzu.

Zielstrebig glitt die Polidoria über die ruhige Nordsee. Sie erinnerte Petronella an einen riesigen schwarzen Sarg, den jemand ins Wasser gestoßen hatte. Die Segel des Dreimasters flatterten im Wind und machten dabei ein sirrendes Geräusch.

Einar Hansen … Lisa Zahnbecker … Martha Turkow …

»Hört ihr das auch?«, fragte Petronella.

»Ich höre Stimmen«, sagte Pellegrino.

Die Großeltern standen Arm in Arm am Heck und hatten ihren Blick auf das immer kleiner werdende Polidorium gerichtet. Roberta und das Rettungsboot waren längst nicht mehr zu sehen.

»Es sind die Segel. Sie wispern die Namen der Todgeweihten in den Wind«, erklärte Großvater in dem ihm eigenen feierlichen Tonfall.

Petronella erschauderte. »Wie bitte? Diese Namen gehören Menschen, die bald sterben?«

Großvater nickte mit ernster Miene. »Ganz richtig, meine Liebe: Die Segel nennen die Namen aller Personen im Umkreis von drei Seemeilen, die bald von uns gehen werden.«

»Es ist recht nützlich«, bemerkte Großmutter. »Wenn die Segel wispern, wissen wir: Es sind Menschen in der Nähe. Nun ja, wenngleich auch nicht mehr lange, jedenfalls nicht diejenigen, die bald –«

»Das ist ja schrecklich!«, unterbrach Petronella sie entsetzt.

»Nun, du musst zugeben, dass es einen praktischen Nutzen hat, Nelli«, sagte Pellegrino mit erhobenem Zeigefinger.

Petronella blickte hoch zu den schwarzen Segeln, die sanft im Südwind flatterten. »Manchmal glaube ich, ich bin die Einzige mit Gefühlen in dieser Familie«, murmelte sie – aber nur so leise, dass die drei sie nicht hörten. Sie ließ sie an der Reling stehen und beschloss, sich auf dem Schiff umzusehen.

Als Erstes fiel ihr die Galionsfigur am Bugspriet auf. Es handelte sich um eine Art Meerjungfrau oder Nixe, die früher einmal golden gewesen sein musste. Mittlerweile hatte sie sich grünbraun verfärbt und war wie der Rest des Schiffs übersät mit Algen, Seepocken und Muscheln – was ihr Antlitz allerdings nicht weniger unheimlich erscheinen ließ, als es zu ihren Glanzzeiten gewesen sein musste: Die Nixe verfügte über zwei Köpfe mit je einem Mundvoll nadelspitzer Zähne und zwei kalt glotzenden Augen, die aus ihren Höhlen hervorquollen. Anstelle von Haaren wuchsen dicke, glitschig aussehende Stränge aus ihren Köpfen. Ihr muskulöser, menschenähnlicher Oberkörper steckte in einem schuppigen Fischschwanz und in einer Hand hielt sie einen Dreizack.

»Du meine Güte, wer bist du denn?«, flüsterte Petronella. »Na ja, das ist ja mal wieder typisch. Sind Galionsfiguren nicht normalerweise Schutzpatroninnen? Und unser Familienschiff hat natürlich ein Monster …«

Petronella zuckte vor Schreck zusammen, als die Galionsfigur beide Köpfe drehte und sie mit vier Glubschaugen musterte, wobei sie jeweils eine zweite Reihe scharfer Zähne entblößte.

»Wir sind Melusine … Melusine «, sagten die Köpfe im Kanon. Dabei entstanden dumpf platzende Blasen vor ihren Mündern. Die albtraumhafte Nixe reckte ihren Dreizack in die Höhe. »Wir töten Feinde … töten Feinde!«

Erschrocken wich Petronella zurück, doch Melusine war schneller. Mit ihren starken Armen hangelte sie sich den Bug hinauf und stieß sich schwungvoll ab. In der nächsten Sekunde landete sie mit einem harten Schlag auf Petronellas Brust, was sie beide zu Boden warf. Die Nixe war nicht groß, aber schwer und kalt und glitschig. Und bevor Petronella um Hilfe rufen konnte, drückte ihr die unheimliche Meerjungfrau die Spitze ihres Dreizacks an die Kehle.

»Töten …«, blubberten ihre Köpfe. »Töten …!«

Roberta schnappte nach Luft, weiße Wölkchen standen vor ihrem Mund. Die Haut unter ihren durchnässten Hosenbeinen brannte, als würden sich Tausende nicht allzu feine Nadeln hineinbohren. Sie schlotterte. Es waren nur wenige Meter gewesen, die sie zu Fuß durchs eiskalte Wasser zurücklegen musste, um das kleine, aber überraschend widerspenstige Ebenholzboot an den Strand zu ziehen und mit letzter Kraft dort zu vertäuen; doch nun, an Land, konnte sie keinen weiteren Schritt mehr tun. Sie ließ sich in den Sand fallen und streifte sich die durchweichten Stiefel ab, um jeweils einen kräftigen Schwall Nordsee herauszuschütten.

Das hatte sie sich einfacher vorgestellt. Wobei sie zugeben musste, dass sie nicht eine Sekunde lang darüber nachgedacht hatte, bevor sie das Rettungsboot gekapert hatte. Es war einfach so passiert. Als wenn das Polidorium sie magnetisch zu sich zurückgezogen hätte …

Zitternd schleppte sie sich auf nassen Socken durch die Wildnis des Gartens. Die schien sie mit offenen Armen zu empfangen: Als würden die wilden Rosen sie anschieben, Richtung Polidorium, stand sie innerhalb weniger Minuten, ohne einen einzigen Kratzer abbekommen zu haben, vor den Flügeltüren der Bibliothek.

»HEY!«, brüllte sie und schlug mit ihren rot gefrorenen Händen gegen die Fenster.

Es dauerte kaum eine Sekunde, da tauchte Onkel Udolphos schlaksige Gestalt in der Bibliothek auf. Mit einer hochgezogenen Augenbraue musterte er sie durch die Scheibe wie etwas Unappetitliches, das ihm die Katze vor die Tür gelegt hatte.

Das war das erste Mal, dass Roberta ihre Blitzentscheidung bereute. Sie hatte nicht bedacht, dass sie mit dieser Nervensäge von einem Onkel zusammenwohnen müsste. Na toll.

Onkel Udolpho schien genauso wenig begeistert von dieser Aussicht. Er lächelte säuerlich und öffnete Roberta die Tür.

»Halt!«, erklang Großvaters tiefe Bassstimme. In beschwörendem Ton fügte er hinzu: »Ich verweise dich an deinen Platz, Melusine!«

Über ihnen war das vielstimmige Gekrächze der Krähen zu hören, die sich nun auf Melusine stürzten und mit den Schnäbeln auf sie einhackten.

»Töten …«, wiederholten Melusines Köpfe, doch der Druck des Dreizacks an Petronellas Kehle ließ nach.

Widerwillig rollte die Nixe sich von ihrer Brust und die Krähen ließen von ihr ab. Mit einer Mischung aus Winden, Robben und Hangeln beförderte sie sich zurück an ihren Platz am Bugspriet, wo sie anschließend bewegungslos verharrte, als sei nichts geschehen.

»W-was war das denn?!«, stammelte Petronella und wollte aufspringen, was mit ihren weichen Knien gar nicht so einfach war. »Ich … hatte … echt Todesangst!«

»Petronella gehört zu uns«, schmetterte Großmutter in Melusines Richtung und tätschelte Petronellas Hand. »Herrje, du sollst sie beschützen, Melusine, und nicht umbringen!«

»Wir beschützen nur das Schiff … nur das Schiff!«, verkündeten Melusines Köpfe. »Nicht die Besatzung … Besatzung!«

»So ein Unsinn!«, rief Großmutter und klopfte Petronella wie einem Kleinkind den Hintern ab.

»Das kann ich selbst«, fauchte Petronella. Dabei ließ sie Melusine nicht aus den Augen. Ihr Puls raste. Doch ihre Angst hatte sich mittlerweile in Wut verwandelt, beinahe spürte sie ihren inneren Tornado aufbrausen. »Was ist das für eine …? Ich meine, wieso … lebt sie?«

»Mein Vögelchen, sie gehört zur Polidoria wie du und ich«, sagte Großmutter.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich dann zur Polidoria gehören will, lag Petronella auf der Zunge, doch sie stülpte rasch die Oberlippe über ihre Schneidezähne und sagte nichts.

»Weißt du«, begann Großvater und machte eine allumfassende Handbewegung, »die Polidoria ist genauso wenig ein gewöhnliches Schiff, wie wir eine normale Familie sind. Deine Urururgroßtante Hortensia hat es bauen lassen. Wie schon bei den zahlreichen architektonischen Tricks in unserem geliebten Polidorium, hat sie – dank des Paktes, dank Spiramentum polidorium – die Finsternis genutzt, um das Schiff zu stärken. So erschuf sie Melusine und die Wispernden Segel und noch einige nützliche Dinge mehr, die uns allen sicherlich noch zugutekommen werden.«

Petronella atmete tief durch und wurde ruhiger. Dieses Schiff war also nicht nur genauso alt und morsch wie ihr Zuhause. Es steckte auch, genau wie das Polidorium, voller dunkler Überraschungen.

Verschwinde lieber, ich bin gefährlich!, schien der Dreimaster ihr knarrend aus all seinen feuchten Winkeln und dunklen Kojen zuzuraunen.

Und plötzlich war es wieder da, genau das gleiche Kribbeln, das Petronella verspürt hatte, als sie das Polidorium zum ersten Mal betreten hatte. Vorfreude! Sie konnte es kaum erwarten zu entdecken, welche weiteren Geheimnisse sich in den modrigen Ritzen des unheimlichen Familienschiffs verbargen.

»Ich sehe mich mal weiter um«, murmelte sie und verschwand unter Deck, bevor sie jemand davon abhalten konnte.

Gemütliche Kajüte

stand auf einem Messingschild an einer ebenholzschwarzen Tür.

Hier war es erstaunlich warm und, was noch unerwarteter war, tatsächlich ziemlich gemütlich. In einem großen Raum waren Polstermöbel versammelt, die wie eine exakte Kopie der Sitzgruppe im Kaminzimmer des Polidoriums wirkten, nur dass sie nicht korallenrot, sondern ozeangrün waren. An den Wänden prangten neben Gemälden der Polidoria Porträts mehrerer Familienmitglieder und Abbildungen unterschiedlichster Meerestiere. Petronella fühlte sich sofort zu Hause.

Sie ließ sich in einen der Sessel fallen und berührte mit der Fingerspitze die kleine Halbkugel an ihrer Freundschaftskette, die sie von Marie-Hedwig zu Weihnachten bekommen hatte. Dabei schloss sie die Augen und dachte fest an ihre Seelenverwandte. Es funktionierte: Sie hatte wirklich das Gefühl, Marie-Hedwig wäre bei ihr – oder zumindest ein Teil von ihr.

Sie holte ihr Reisetagebuch aus ihrem Rucksack und das Tintenfässchen. Als sie es kurz vor ihrer Abreise aus ihrer abschließbaren Schreibtischschublade in ihrem Turmzimmer genommen und eingesteckt hatte, schien es sich wie von Geisterhand selbst aufgefüllt zu haben (zum Glück war es bei Melusines Angriff nicht zu Bruch gegangen). Mit tiefseeschwarzer Tinte schrieb Petronella:

Ein jämmerlicher Klagelaut ließ sie zusammenzucken. Ihr Blick fiel auf einen Weidenkorb mit einer Gittertür, der in einer Ecke der Gemütlichen Kajüte stand. Durch die Streben hindurch starrten sie zwei grüne Augen missgelaunt an.

»Puffi!«, rief Petronella und fragte ihn dann in Gedanken: Hat Roberta dich eingeschmuggelt? Das habe ich gar nicht bemerkt …

Aber ich!, fauchte es in ihrem Kopf. Mach die Tür auf – sofort! –, damit ich dich mit einem Pfotenhieb zermalmen kann!

Petronella legte ihr Tagebuch zur Seite. Ist ja gut. Auch wenn du in Sachen Überzeugungskünsten noch einiges zu lernen hast.

Sie kniete sich vor den Korb und öffnete das Gitter. Sofort schoss der Kater heraus und in den Sessel, auf dem sie gerade noch gesessen hatte. Dort begann er, sein Fell zu putzen. Er warf ihr einen bösen Blick zu. Pfui. Ich hasse Körbe. Ich hasse Schiffe. Geh jetzt! Lass mich in Ruhe, du erbärmlicher kleiner Mensch, bevor ich mich vergesse … Dann rollte er sich zu einem weißen Fellkreis zusammen und schlief sofort ein.

»Sag bloß nicht Danke oder so was«, murmelte Petronella und musste grinsen.

Nachdem sie ihr Reisetagebuch wieder im Rucksack verstaut hatte, verließ sie die Gemütliche Kajüte, um einen Blick in die Kombüse zu werfen. Hier gab es eine Eckbank um einen Esstisch. Neben sehr vielen gerahmten Bildern unterschiedlicher Fischarten hingen ein paar verbeulte Töpfe und Pfannen an den Wänden. Petronella dachte an Hein und wie er im Polidorium immer für sie gekocht hatte. Er war nun nicht mehr da – wer würde jetzt für ihr leibliches Wohl sorgen auf dieser langen Reise? Niemand in der Familie war in der Lage, auch nur einen Toast zuzubereiten, ohne dass er anbrannte. Sie verspürte ein Ziehen im Magen, als sie an Heins sanfte Stimme dachte. In diesem Moment hörte sie ein unregelmäßiges Klopfen, das aus dem Bauch des Schiffes zu kommen schien.

»Ähm … hallo?«, rief sie und lauschte. Von oben hörte sie Gemurmel, eindeutig Pellegrinos Fragestimme und das Raunen ihrer Großeltern. Das beruhigte sie –

Doch dann erklang das Klopfen erneut, unrhythmisch und fordernd.

Wenn die anderen oben waren … wer mochte dann hier unten sein? Vielleicht hatte die grauenhafte Galionsfigur wieder ihren Platz verlassen und wütete nun irgendwo im Inneren der Polidoria? Oder war hier noch jemand – oder etwas – anderes mit ihnen auf dem Schiff?

»Bändige deine Angst«, sagte Petronella laut, um sich selbst Mut zu machen. »Beobachte und ziehe deine Schlussfolgerungen!«

Sie ging den engen Gang unter den Bullaugen entlang, bis sie zu einer schmalen Treppe kam, die nach unten in den Frachtraum führte. Hier war es weniger gemütlich. Als sie die Tür öffnete, verschlug ihr ein erdiger Geruch den Atem. Es war dunkel und feucht.

»Hallo?«, rief Petronella erneut ins Dunkel.

Das Klopfen hatte aufgehört. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte eine Ansammlung von Kisten, neunzehn Stück, wenn sie richtig zählte. Sie waren alle gleich groß und – Petronella schluckte – sargähnlich geformt.

Das Klopfen setzte wieder ein und jetzt hörte sie ganz deutlich noch ein anderes Geräusch: ein Kratzen wie von Fingernägeln auf Holz … Sie unterdrückte einen Schrei und schlug die Tür zu.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, wenn das Polidorium nicht von seinen typischen Geräuschen erfüllt gewesen wäre – dem konstanten Heulen, Wispern und Knarren –, die Roberta schmerzlich an ein Schiff erinnerten. Steif hockte sie auf der vorderen Kante des korallenroten Sofas im Kaminzimmer, rührte in ihrer Teetasse und fühlte sich unwohl. Auch wenn Onkel Udolpho die Teezeiten genauso strikt einzuhalten schien wie die Großeltern, war es seltsam, hier ohne sie und stattdessen mit ihm zu sitzen.

Ihr Onkel schien ungefähr dasselbe zu denken wie Roberta, während er kerzengerade, die langen Beine übereinandergeschlagen, in Großvaters Sessel thronte und mit einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck ebenfalls in seinen Tee starrte. Nun sah er von der Tasse auf, verzog den Mund zu einem Lächeln und sagte: »Well … Wir müssen reden, young lady. Was gedenkst du zu tun?«

Gute Frage. Darüber hatte Roberta vorhin unter der Dusche auch schon gegrübelt, nachdem sie mehrmals vergeblich nach Dr. Stella gesucht und gerufen hatte. Aber dass sie im Moment noch keinen Plan B hatte, durfte sie auf keinen Fall zeigen, nicht diesem … Reptil von einem Onkel.

»Ich bleibe natürlich hier«, sagte sie darum bemüht lässig und fügte angriffslustig hinzu: »Schließlich ist das mein Zuhause.«

Onkel Udolphos Lächeln glitt von seinem Gesicht, während er die Teetasse mit abgespreiztem kleinem Finger zum Mund führte. »Oh my goodness«, murmelte er sich selbst zu, und es war natürlich Absicht, dachte Roberta, dass sie ihn trotzdem hören konnte. Dann setzte er sein geziertes Grinsen wieder auf und sagte betont freundlich: »Sorry, aber da muss ich dir leider widersprechen. Ich bin ein viel beschäftigter Mann und kann mich nicht um dich kümmern. Du erwartest doch nicht etwa, dass ich mir dieses Anwesen mit einem … Kind wie dir teile?«

»Nö.« Roberta schluckte ihren Ärger über das Kind zusammen mit einem Mundvoll warmem, duftigem Tee hinunter. »Du kannst sehr gern auf der Stelle wieder abreisen mit deinem … Luftballon.«

»Schnellballon«, verbesserte Onkel Udolpho und sah dabei aus, als hätte er Zahnschmerzen. »Und nein, das werde ich nicht tun. Deine Großeltern haben mir einen Auftrag erteilt, den ich auszuführen gedenke. Oder möchtest du, mein Kind, das Institut weiterführen? Ich denke nicht.«

»Ich denke schon.« Roberta stellte klirrend ihre Tasse ab und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Oh please!« Onkel Udolpho lachte spöttisch auf und stellte dann ebenfalls seine Teetasse ab, allerdings mit lautloser Sorgfalt, um ein kleines Notizbuch aus der Tasche seiner Weste hervorzuholen. »Wenn das so ist … Let’s see. Trudi Bleeker«, las er vor. »Zum Todeszeitpunkt siebenundneunzig Jahre alt. Physiologische Altersatrophie, Todesursache: R54 … Well.« Er zückte einen altmodischen Füllfederhalter und machte eine Notiz. »Ich würde sagen, R68.8 ist in diesem speziellen Fall wesentlich zutreffender … Oder was meinst du, my dear?« Natürlich erwartete er ganz offensichtlich keine Antwort, klappte das Notizbuch zu und verstaute es wieder. »Du solltest dann jetzt schleunigst in den Keller gehen und die Leiche vorbereiten. Du weißt ja sicherlich, was im Einzelnen zu tun ist.«

Roberta blies in ihren Tee, um Zeit zu gewinnen. Natürlich wusste sie gar nichts darüber. Petronella hatte jede freie Minute unten bei Großvater und Hein verbracht, aber sie, Roberta, hatte sich nie für die Toten interessiert.

(Hein … Sie schluckte. Verschwindet aus meinem Kopf!, sagte sie zu Heins viel zu schwarzen Augen, die sich vor alle anderen Gedanken schieben wollten.)

Sie lehnte sich zurück. »Okay«, sagte sie dann gönnerhaft und setzte ihr Speziallächeln auf (das sie im Gegensatz zu ihrem Spezialblick eigentlich nur Menschen schenkte, die sie ausstehen konnte). »Eins zu null für dich. Von mir aus darfst du bleiben, Onkel Udolpho.«

»Wie überaus freundlich.« Aus Onkel Udolphos Stimme troff die Ironie. (Das Speziallächeln schien bei ihm nicht so richtig zu wirken.)

Roberta lag bereits eine spitze Entgegnung auf der Zunge, als sie von einer ganz anderen Stimme unterbrochen wurden, einer Stimme, die nicht menschlich war und die sowohl von den Wänden als auch von der Decke herabzusinken schien.

Lass dich von dem alten Spielverderber nicht ärgern, meine kleine Koralle!

»Dr. Stella!« Roberta sprang auf. »Endlich! Ich hab schon gedacht –«

Roberta Lophelia!

Das Teeservice klapperte und der Lampenschirm wackelte, als der geisterhafte Schall die Wände erzittern ließ. Hätte Roberta nicht gewusst, dass dies die Seele ihrer eigenen, geliebten Mutter war, die da sprach – sie hätte es glatt mit der Angst zu tun bekommen.

Habe ich dir etwa nicht beigebracht, was ein echtes Abenteuer ist?, hallte die Stimme. Es klang wie das vielfach verstärkte Echo einer Standpauke, die Dr. Stella ihren Kindern zu Lebzeiten immer wieder gehalten hatte.

»Stella, bist du das?« Onkel Udolpho war aufgestanden und blickte sich mit eingezogenem Kopf um, als witterte er Unheil. Und anscheinend irrte er sich nicht.

Udolpho! Halt die Klappe, du … Vollidiot!

Zusammen mit dem Stimmenhall rauschte ein Luftzug durch das Zimmer, der das Feuer im Kamin löschte und Onkel Udolpho zurück in den Sessel warf. Für einen Moment krallte er seine Finger mit angstverzerrtem Gesicht in die Sessellehnen und sah dabei aus wie ein unfreiwilliger Passagier einer Achterbahn.

»Wie unhöflich!«, zischte er dann. »Well. Ich sehe schon, weder das Leben noch der Tod haben dich verändert, Stella. Schade, wirklich schade!«

Du bist und bleibst eine schreckliche Nervensäge, Udolpho!, schallte Dr. Stellas Stimme. Und glaub ja nicht, dass ich vergessen habe, was du damals mit Aronnax gemacht hast!

Onkel Udolpho, der gerade einen Kamm (auf dem die Initialen U. P. eingraviert waren) gezückt hatte, um damit seine durcheinandergeratene Frisur zu richten, hielt inne. »Aronnax? Dieses blöde Stoffpony? O Stella, please!«

Es war kein Pony, es war mein –

»Könntet ihr mal bitte damit aufhören?«, schnaubte Roberta. »Ihr seid kindisch! Wovon redet ihr überhaupt?«

»Well.« Udolpho strich seine Anzugsweste glatt. »Leider habe ich in meiner Kindheit viel zu viel Zeit hier im Polidorium verbringen müssen, weil meine Eltern mich wegen meiner schwachen Lunge«, er hüstelte, »in jeden Ferien hierhergeschickt haben. Immer! Wegen der ach so guten Seeluft.« Mit den Fingern setzte er Anführungszeichen um die »gute Seeluft« und verzog das Gesicht. »Und leider war deine Mutter damals auch schon ständig hier.«

Nervensäge!

»Selber!«

Roberta rollte mit den Augen.

DU hast doch angefangen!

»Nein, das warst du, Stella. Das war schon immer so …«

»Hey, ich bin auch noch da!« Roberta war aufgestanden und blickte sich um, aber natürlich war ihre Mutter nicht zu sehen. »Hallo, Dr. Stella? Ich bin extra wegen dir –«

»Aarrgh!«, brüllte Onkel Udolpho und sprang auf. Eine unsichtbare Hand hatte ihm den Tee über die Hose gekippt.

»Dr. Stella!«, rief Roberta. »Wo ist Dr. Oscar? Hör zu, ich weiß zwar nicht wie, aber du musst den anderen sagen, wo sie nach Dr. Oscar suchen sollen! Hallo? Hörst du mich?«

Keine Antwort.

Dr. Stella war wieder verschwunden.

Also gut, dachte Roberta wütend und stapfte aus dem Kaminzimmer. Dann nicht.

Manchmal hatte sie das Gefühl, sie wäre die Vernünftige und Dr. Stella das Kind. Aus irgendeinem Grund hatte sie angenommen, das würde nun anders sein, nach allem, was passiert war. Doch das Einzige, was sich geändert hatte, war die traurige Tatsache, dass sie ihre Mutter nicht mehr in die Arme schließen konnte. Dr. Stella war da und gleichzeitig nicht da.

Frustriert knallte Roberta die Ebenholztür hinter sich zu, band sich im Gehen ihren an den Enden noch meerwasserfeuchten Schal um und stapfte in den goldenen Stiefeletten, die sie in Großmutters Schrank gefunden hatte, zur Bushaltestelle am Deich, ohne sich noch einmal umzusehen.

Auf einmal fühlte sie sich schrecklich allein.

»Scheiße!«, brüllte sie in den Küstenwind.

Sie stieg in den nächsten Bus und sah düster zu, wie die Landschaft vor dem verschmierten Fenster an ihr vorbeizog.

Nun saß sie hier in Tildrum also fest.

Sie sehnte sich nach ihrer Hokus 3.5.0, die sie auf der Polidoria zurückgelassen hatte, und nach ihren Büchern, die nun im Koffer auf dem Grund des Schwarzen Tümpels lagen (wenn dieser bescheuerte Tümpel denn überhaupt einen Grund hatte, was sie bezweifelte).

Unfassbar!

Sie würde sich alle Bücher der Miss-Moonpenny-Reihe neu kaufen müssen. Aber trotz ihrer Wut auf Petronella musste sie zugeben, dass sie ihre Geschwister und Großeltern sogar noch mehr vermisste als ihre Schreibmaschine und jedes Buch. Es fühlte sich komplett falsch an, hier zu sein – mit einem dickköpfigen Geist, der ihre Mutter war, und einem lächerlichen Idioten von einem Onkel –, während der Rest ihrer Familie die Ozeane überquerte, um ihren Vater zu retten.

Sie bemerkte kaum, wohin sie fuhren, bis eine Mikrofonstimme durch den Bus schepperte: »NEBELKLAUSE! ENDHALTESTELLE! ALLE AUSSTEIGEN!«

»Da unten«, keuchte Petronella, »im Lagerraum, da sind diese Kisten und …«

Sie hatte die Großeltern und Pellegrino auf der Kommandobrücke vorgefunden, wo Großmutter mit konzentrierter Miene neben dem Steuerrad stand.

»Meine Liebe, es sind nur Kisten«, brummte Großvater, der sich mit auf dem Rücken gefalteten Händen über einen Tisch mit einer riesigen Seekarte beugte. »Nichts, was dich beruhigen sollte.« Er drehte sich um und warf seiner Gattin einen warnenden Blick zu, was Petronella sehr wohl bemerkte.

»Du meinst beunruhigen, Pernell.« Großmutter erwiderte seinen Blick und flötete dann Petronella zu: »Alles in bester Ordnung, mein Vögelchen!«

Dieses betont unauffällige Verhalten konnte nur eins bedeuten: Mit den Kisten stimmte etwas nicht – und die Großeltern wussten es ganz genau.

»Was befindet sich in diesen Kisten?«, fragte Petronella deshalb.

»Nichts«, sagte Großmutter.

»Nichts als Erde«, sagte Großvater.

»Und warum habe ich dann dieses Klopfen gehört? Und ein Kratzen … wie von Fingernägeln …?«

Die Großeltern wechselten erneut einen Blick.

»Das ist …«

»… nicht möglich!«

»Großmutter, Großvater … Bitte lügt mich nicht an!« Petronella atmete tief durch. Ihre Stimme bebte nur ein kleines bisschen. Noch war ihr innerer Tornado nicht entfacht, dafür war das mulmige Gefühl in ihrem Bauch zu stark. »Was befindet sich in diesen Kisten?«

»Wir sagten es doch, meine Liebe: Erde, nur ganz gewöhnliche Erde.« Großvater hüstelte. »Nun ja, fast.«

»Erde kratzt und klopft nicht!«

»Ganz genau, mein Vögelchen«, antwortete Großmutter.

»Du wirst dich verhört haben. Ja. So wird es gewesen sein.« Sie warf Großvater einen weiteren Blick zu und schüttelte dabei mit gerunzelter Stirn den Kopf.

Petronella schnaubte. »Also gut. Wenn ihr es mir nicht verraten wollt, dann werde ich eben selbst nachsehen.« Mit entschlossenen Schritten eilte sie zur Treppe, die unter Deck führte.

»Nelli, warte!« Pellegrino folgte ihr. »Bist du dir sicher, dass du dich nicht geirrt hast?«

»Todsicher.« Petronella blieb auf halber Treppe stehen, in der Hoffnung, dass sie doch nicht allein gehen musste.

Hinter sich hörte sie die flüsternden Stimmen der Großeltern.

»Pernell, das kann nicht sein. Die Kisten sind doch noch völlig leer …«

»Aber wenn das Kind es doch gehört hat? Vielleicht Ratten?«

»Pah! Ratten? Auf der Polidoria? Wohl kaum!«

»Ich gehe lieber mit hinunter, Gloria, man weiß ja nie … Das könnte gefährlich werden.«

Petronella hörte Großvaters Schritte auf den Planken knarren. »Ich begleite euch, meine Lieben. Hier entlang.«

Petronella erhaschte einen Blick in Großvaters besorgtes Gesicht und jetzt machte das mulmige Gefühl sich in ihrem Bauch so richtig breit. Doch sie wollte keine Minute länger mehr mit diesen Kisten an Bord sein, wenn sie nicht wusste, was sich darin befand!

Großvater hatte eine tragbare Petroleumlampe dabei, mit der er den Lagerraum erhellte. Ihre drei Schatten tanzten in dem schummrigen Lichtschein an der Wand entlang, als sie die Kisten abschritten.

»Kannst du sagen, aus welcher dieser Kisten die Geräusche kamen?«, fragte Großvater.

Petronella schüttelte den Kopf. So etwas hätte Roberta mit ihrem Detektivinnenblick vielleicht bemerkt, aber sie selbst war nicht so abgebrüht.

»Nun denn.« Großvater warf Petronella und Pellegrino einen ernsten Blick zu. »Haltet euch bereit. Wenn ich sage: Lauft!, dann lauft!«

Er stellte die Lampe ab. Mit beiden Händen stemmte er den Deckel der ersten Kiste an und machte drei schnelle Schritte zurück. Petronella und Pellegrino taten es ihm gleich.

Nichts passierte.

Vorsichtig näherten sie sich der Kiste und Großvater leuchtete hinein.

Sie war bis zum Rand mit Erde gefüllt.

»Auf ein Neues«, raunte Großvater und hob mit aller Kraft den Deckel der zweiten Kiste an.

Dieses Mal blieben sie alle stehen und starrten auf die dunkle Masse in der Kiste.

»Wieder nichts«, sagte Petronella. »Wir sollten … Moment mal! Da! Hört ihr das?«

Ein leises, schabendes Geräusch durchdrang die Stille.

»Es kommt aus dieser hier«, flüsterte Pellegrino.

Großvater bedeutete ihnen, zurückzubleiben, und näherte sich der Kiste vorsichtig. Dann riss er den Deckel auf und sprang zurück.

Einen Moment lang blieben sie alle drei reglos stehen. Das Geräusch war ein bisschen lauter geworden: als würde sich jemand mit einer kleinen Schaufel unbeirrt durch die Erde graben.

»Was ist das?«, flüsterte Petronella.

Im Schein der Petroleumlampe erkannte sie eine Bewegung. Erde rieselte, ein kleines Loch bildete sich und dann … erschien ein spitzer Gegenstand.

Petronella hielt den Atem an, als eine zweite Spitze neben der ersten aus der Erde emporragte. Beide wurden länger, bis ein winziges Geweih sichtbar wurde, darunter ein kleines felliges Gesicht und zwei Pfoten.

»Was ist das, ein Eichhörnchen?«, fragte Petronella verblüfft.

»Sciurus besitzt kein Geweih«, widersprach Pellegrino.

»Und keine Flügel«, fügte Großvater hinzu. Auch er schien überrascht zu sein; was auch immer er erwartet hatte – das hier war es wohl nicht.

»Tja, dieses Eichhörnchen hat beides«, stellte Petronella fest.

Tatsächlich sah das Wesen, das inzwischen komplett aus der Erde hervorgekrochen war, am ehesten aus wie ein Eichhörnchen mit einem Geweih in Miniaturformat und gefiederten Flügeln. Vorn hatte es Pfötchen, aber Hühnerkrallen statt Hinterläufen.

Wer oder was bist du? Petronella blickte ihm in die braunen Knopfaugen in der Hoffnung, seine Stimme in ihrem Kopf zu hören.

Doch die Augen starrten nur stumpf zurück und gaben keine Antwort.

»Äußerst eigentümlich.« Pellegrino schob seine Brille hoch bis zu der Furche über seiner Nasenwurzel. »Ich würde sagen, hierbei handelt es sich um eine bislang unbekannte Säugetierart, aber –«

»Pscht!«, zischte Petronella. »Da ist noch was!«

Da war es wieder. Das Klopfen.

Und es war so laut, dass es von einem deutlich größeren Wesen stammen musste.

»Es ist diese Kiste hier.« Großvater legte einen Zeigefinger auf seine Lippen.

Ganz still verharrten sie einige Sekunden, bis Großvater den Deckel mit einem kräftigen Ruck öffnete und zur Seite sprang. Sie schrien alle gleichzeitig auf, denn aus der Kiste starrte sie ein menschliches Gesicht an.

Kapitel 3

Die Rückkehr der Toten

»Ein Kind!«, rief Großvater betroffen. »Wie um alles in der Welt kommt ein Kind in diese Kiste?«

»Ist es tot?«, fragte Pellegrino. Er betrachtete das erdverschmierte Gesicht. Offenbar handelte es sich um einen Jungen. Unterhalb seines Kinns hob und senkte sich die Erdschicht kaum merklich. Die Atemfunktion war also noch vorhanden.

»Er lebt«, flüsterte Petronella.

In diesem Moment riss der Junge Augen und Mund gleichzeitig auf. Dann blinzelte er gegen das Licht der Petroleumlampe und drehte sein Gesicht weg.

»Du meine Güte!«, rief Großvater. »Ist er ohnmachtslos?«

Da setzte der Junge sich in der Erde auf und kletterte steif, aber erstaunlich schnell aus der Kiste. Er war von oben bis unten voller Dreck, der konstant zu Boden rieselte, und starrte Großvater aus seinem erdverschmierten Gesicht an.

»Ohnmächtig«, sagte er. Seine näselnde Stimme erinnerte Pellegrino an irgendjemanden, doch er kam nicht darauf, an wen. »Man sagt: ohnmächtig. Oder bewusstlos. Aber nicht ohnmachtslos.«

Mit offenem Mund sah Pellegrino dem Jungen dabei zu, wie er die Taschen seiner kurzen Hose absuchte und einen Klappkamm zutage förderte, auf dem die Buchstaben C.V.P. eingraviert waren. Nachdem er sorgfältig seinen Mittelscheitel nachgezogen hatte, klappte der Junge den Kamm wieder zusammen und ließ ihn in seiner Hosentasche verschwinden. Dann atmete er geräuschvoll aus, streckte seine Arme und machte drei Kniebeugen.

»Entschuldigung, darf ich mal?«, näselte er und schob sich an Großvater vorbei.

Der zog eine Augenbraue hoch und legte die Hände auf dem Rücken zusammen, während er dem Jungen zusah, wie er an die andere Kiste trat und dem seltsamen Tierwesen, das noch immer darin hockte, seine Hand hinhielt. Der Junge schnalzte mit der Zunge, daraufhin machte das Ding ein Geräusch, das entfernt an eine rostige Türangel erinnerte. Es sprang aus der Kiste und wieselte den Arm des Jungen hoch, um schließlich auf seiner Schulter Platz zu nehmen.

Nun machte der Junge eine steife Verbeugung, wobei das Wesen über seinen Nacken auf die andere Schulter lief und abermals quietschte. »Darf ich mich vorstellen: Claus.«

»Du verlierst Erde«, bemerkte Pellegrino und verschränkte die Arme vor der Brust. Misstrauisch beäugte er den Jungen, der etwa in seinem Alter war, und das unbekannte Tier.

Claus wiederum musterte Pellegrino prüfend von oben bis unten. Sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. »Du musst Pellegrino sein«, sagte er. »Und folgerichtig bist du Petronella.«

»Ähm«, machte Petronella. »Woher weißt du das?«

»Oh, ich weiß viele Dinge.« Claus lachte selbstgefällig und strich sich mit beiden Händen über seinen akkuraten Mittelscheitel.

Aus irgendeinem Grund fand Pellegrino diese Aussage … bedrohlich. Das verstand er selbst nicht so genau, denn er wusste ja auch viele Dinge. Aber, dachte er, ich würde jedenfalls nicht darüber lachen. Ich lache nur, wenn etwas lustig ist.

»Nun ja«, fuhr Claus fort. »Ich werde es euch erklären: Mein Vater hat mir eure Namen verraten.« Bei dem Wort Vater zuckte zum ersten Mal etwas wie eine Gefühlsregung über sein Gesicht. Er senkte die Stimme: »Apropos verraten. Mein Vater darf nicht wissen, dass ich hier bin.«

»Wie sollen wir dich verraten«, entgegnete Pellegrino. »Wir kennen deinen Vater ja nicht.« Vielleicht wusste dieser Claus doch nicht so viel, wie er selbst dachte.

»Freilich«, antwortete Claus leichthin. »Er müsste euch inzwischen vorgestellt worden sein. Sagt euch der Name Udolpho Polidori etwas? Das ist mein Vater. Ich bin euer Cousin. Zweiten Grades.«

Natürlich! Nun wusste Pellegrino auch, an wen ihn das Näseln in Claus’ Stimme erinnerte.

Großvater, der das Gespräch bisher schweigend verfolgt hatte, atmete hörbar aus. »Du bist Udolphos Sohn? Aber ich dachte, der wäre …« Er hielt inne.

»Ja?« Claus horchte auf und legte die Hände auf den Rücken, ganz wie Großvater, wobei er ihn herausfordernd ansah.

Irgendetwas an seiner selbstbewussten Art gefiel Pellegrino überhaupt nicht, aber er konnte es nicht genau benennen.

»… in Ingolstadt«, fuhr Großvater fort.

Pellegrino wusste nicht, woher sein Eindruck kam, dass Großvater eigentlich etwas Anderes hatte sagen wollen.

»Wie du siehst, bin ich das nicht, Großonkel«, lächelte Claus, aber es war kein nettes Lächeln. Überheblich ist wohl die richtige Bezeichnung, dachte Pellegrino. »Ach, übrigens: Das