Die Prophezeiung der Hawkweed - Irena Brignull - E-Book

Die Prophezeiung der Hawkweed E-Book

Irena Brignull

4,5
8,99 €

Beschreibung

Zwei Mädchen. Zwei Welten. Eine Prophezeiung

Ember und Poppy kommen in derselben Gewitternacht in weit entfernten Teilen des Landes zur Welt. Und durch einen mächtigen Fluch werden sie noch in der Sekunde ihrer Geburt vertauscht. So wächst das Mädchen Ember in einem Clan von Hexen auf. Und Poppy, die Hexe, in einer Kleinstadt in England.
Doch Poppy fliegt von jeder Schule, weil ihr dauernd seltsame Dinge passieren: Wenn sie wütend wird, zerspringen in ihrer Nähe Fensterscheiben oder Dinge fliegen durch den Raum. Ihre Mitschüler halten sie für einen Freak, und Poppys einzige Freunde sind die Katzen. Nur draußen vor der Stadt fühlt sie sich wirklich frei.
Ember hingegen hat keine Ahnung, wie man die Kräfte der Natur heraufbeschwört oder einen Zauber ausspricht, und für das Leben im Wald bei den Frauen des Hexen-Clans ist sie zu zart und verletzlich.

Immer und überall spüren die beiden, dass sie anders sind und nicht dazugehören. Doch von der uralten Prophezeiung, die ihr Schicksal bestimmen wird, ahnen sie nichts. Erst als sie sich eines Tages gegenüberstehen, wissen sie, dass es einen Ort geben muss, an dem sie glücklich sind. Und dass es höchste Zeit ist, für dieses Glück zu kämpfen. Denn in irgendeinem Städtchen im Süden ist Embers leibliche Mum gerade dabei, den Verstand zu verlieren. Und in den Wäldern im Norden formieren sich die Hexenclans für die letzte Schlacht um den Thron.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 471

Bewertungen
4,5 (40 Bewertungen)
27
7
6
0
0



Irena Brignull

Die Prophezeiung der Hawkweed

Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt

FISCHER E-Books

Inhalt

Widmung15 Jahre zuvor1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. KapitelDanksagung

Für Theo, Athina und Phoenix

15 Jahre zuvor

Die zwei Mädchen kamen zur Welt, als die Uhren Mitternacht schlugen. Während die winzigen Kinder aus dem Bauch ihrer Mütter glitten, nass und klebrig, mit geballten Fäustchen und geschlossenen Augen, die Gesichter zerknautscht von der Mühsal der Geburt, verschwand der Vollmond hinter einer düsteren Wolke, und draußen im Wald wurde der Himmel schwarz. Eine Fledermaus stürzte im Flug leblos zu Boden, und ein Silberlachs trieb tot auf dem Fluss. Schnecken verdorrten in ihren Häusern, Motten zerfielen im Nachtwind zu Staub, und eine Eule fraß ihre Jungen.

Der Zauber war gewirkt.

So kam es, dass zwei Mädchen, geboren in derselben Sekunde derselben Stunde in weit entfernten Teilen des Landes, vertauscht wurden. Rasch wie ein Wimpernschlag geschah es – so schnell, dass niemand es bemerken konnte. Die Neugeborenen sausten durch die Luft, begegneten sich vielleicht sogar, landeten in anderen Armen und wurden einer fremden Mutter überreicht.

Und als diese Mütter – auf einer abgewetzten Matratze die eine, in einem sterilen Klinikbett die andere – ihr Kind zum ersten Mal erblickten, ahnten beide nicht, dass es nicht ihr eigen Fleisch und Blut war, das sie an ihre Brust legten. Die Mütter bestaunten die wundersame Schönheit ihrer blutigen runzligen Mädchen und entdeckten sogar Ähnlichkeiten, die ganz und gar eingebildet waren.

»Sie hat die Nase meiner Mutter!«

»Das Kinn meiner Schwester!«

»Dein Lächeln!«

Einen ganzen Winter lang hatten die Frauen darauf gewartet, endlich ihr Kind sehen zu können, und nun waren sie glückselig. Die Bindung war seit Monaten gewachsen. Die Liebe war bereits da. Es gab nicht den geringsten Anlass zu Zweifel oder Misstrauen.

Die Hexe Raven Hawkweed wusste das nur allzu genau. Heimtückisch hatte sie gegrübelt, ihren bösen Plan geschmiedet und jedes grausame Gefühl aus ihrem Inneren heraufbeschworen – seit jenem Tag, an dem ihre jüngere Schwester Charlock dem Hexenzirkel eröffnet hatte, sie erwarte eine Tochter. Bis zu jenem Tag war Charlock verdammt gewesen, immer wieder nur Söhne in ihrem Bauch zu tragen.

Keine Hexe aus dem Zirkel bekam jemals Söhne. Das war noch nie geschehen, auch nicht in der Vergangenheit. Männliche Kinder wurden mit einem Gift schon im Mutterleib getötet. Die wenigen Jungen, die dennoch bis zur Geburt überlebten, waren so anfällig und schwächlich, dass sie die Helligkeit und den Lärm der Welt nicht ertragen konnten. Sie schlossen die Augen und kehrten zurück in die vertraute Dunkelheit, bis ihr Atem versiegte.

Doch diesmal war ein Mädchen in Charlock herangewachsen.

Sie hatte gezittert, als sie es Raven erzählte. Hatte Raven am Ärmel gezupft, sie von den anderen weggezerrt. Charlocks Augen strahlten so unnatürlich und ihre Wangen waren so rot, dass Raven ihr die Hand auf die Stirn legte.

»Du siehst gar nicht gesund aus. Bist du sehr müde?«, fragte Raven besorgt, als sie Charlocks Lider nach unten zog, um ihrer Schwester in die Augen zu spähen.

»Nein, mir geht es gut, Raven. Ganz besonders gut sogar.« Charlock klang atemlos.

»Streck die Zunge raus«, befahl Raven.

Charlock öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Raven grapschte sich sofort die Zunge ihrer Schwester und begutachtete sie. Dann runzelte Raven finster die Stirn und kniff die Augen zusammen.

»Du bist schwanger?«

Charlock nickte.

Mit einem leichten Kopfschütteln wandte Raven sich ab. »Ich bereite den Trunk vor.«

»Nein … kein Gift.« Charlock flüsterte nur, aber ihre Worte dröhnten so laut wie Donnerhall in den Ohren ihrer Schwester, die jetzt wie angewurzelt stehen blieb und Charlocks nächste Worte abwartete. »Diesmal nicht.«

Raven spürte Charlocks Lächeln. Spürte die Wärme am Rücken und wusste nur allzu gut, was das zu bedeuten hatte.

»Ein Mädchen?«

»Ja.«

Die Gewissheit traf Raven wie ein Faustschlag, mit solcher Wucht, dass sie sich unwillkürlich in die Lippe biss und Blut schmeckte. Raven trat zum Waschzuber und tat, als sei sie mit der Wäsche beschäftigt. Ein Tropfen Blut rann in das schmutzige Wasser.

»Ein Mädchen, Raven. Endlich! Dir wollte ich es zuerst sagen, weil ich doch weiß, wie sehr du dich darüber freust.«

Charlock war immer schon ein schlichtes Gemüt gewesen, aber zum ersten Mal hasste Raven ihre Schwester für ihre Einfältigkeit.

»Du freust dich doch, nicht wahr?«, fragte Charlock.

Raven wischte sich das Blut von den Lippen, bevor sie sich umdrehte. »Gewiss. Wie denn auch nicht?«

Charlock strahlte. »Ich weiß – es ist eine große Überraschung. Aber denk doch nur: Du wirst eine Nichte bekommen und Sorrel eine Cousine!«

Allerlei Zaubersprüche, die nur durch Wut und Verzweiflung heraufbeschworen werden, schossen Raven durch den Kopf, und sie musste tief atmen, um sie nicht anzuwenden. Es ging hier schließlich um Charlock, ihre jüngere Schwester, für die Raven immer gesorgt hatte, der sie Lieder vorgesungen, Geschichten erzählt und das Lesen beigebracht hatte. Die Schwester, die um so vieles sanfter und weicher war – so zartbesaitet, dass die Härten des Lebens sie schmerzten und verletzten. Und es war immer wieder Ravens Aufgabe gewesen, ihre kleine Schwester zu trösten. Das leise pochende Herz einer heranwachsenden Nichte konnte Raven sehr wohl hassen, nicht jedoch Charlock. Raven liebte ihre Schwester, vielleicht mehr noch als sich selbst.

Nicht mehr als Sorrel jedoch.

Die fünfjährige Sorrel, ein dünnes knochiges Mädchen, war groß für ihr Alter und der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten – und sie war Ravens einziges Kind. Schwangerschaft und Geburt hatte Raven als solche Tortur empfunden, dass sie das nicht noch einmal durchmachen wollte. Eine Tochter reichte ihr vollkommen aus. Raven brauchte niemanden außer Sorrel.

Wäre der Größenunterschied nicht gewesen, hätte man die beiden von hinten nahezu verwechseln können. Sorrel bewegte sich mit der gleichen gebückten Haltung wie ihre Mutter. Beide trugen die Haare in der gleichen Länge und flochten sie morgens und abends zu einem Zopf im Nacken, der beim Gehen hin und her schwang wie ein Schweif. Sorrel kaute gerne an ihrem Zopfende herum, aber dann sammelten sich Haare in ihrem Rachen, und Raven musste ihr stärkstes Elixier anwenden, um das Haarknäuel in Sorrels Kehle wieder aufzulösen. Beide hätten gerne eine wilde schwarze Mähne gehabt wie die Hexen in Märchenbüchern, doch ihre Haare waren nicht rabenschwarz, sondern so stumpf graubraun wie Mausfell. Um diesen Mangel auszugleichen, trugen beide den besonders langen Zopf.

Als Sorrel noch ein Säugling gewesen war, hatte Raven immer geglaubt, ihre Tochter würde später alle durch ihre besonderen Begabungen und magischen Kräfte beeindrucken. Doch schon bald merkte Raven, dass Sorrel einfach nur ein ganz gewöhnliches Mädchen war, das über keinerlei besondere Fähigkeiten verfügte. Diese bittere Enttäuschung schluckte Raven hinunter, wartete, bis ihr Bauch zu schmerzen begann, und spie dann den Inhalt ihres Magens auf den Komposthaufen unter der großen alten Eiche. Als Raven sich wieder aufrichtete, beschloss sie, von nun an ihr Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Was die Natur ihr versagte, würde die Erziehung richten müssen. Sorrel würde ganz einfach lernen müssen, alle anderen zu übertreffen.

Denn Ravens Tochter war zu Großem bestimmt.

So war es von der Prophezeiung vorhergesagt worden.

Vor vielen Jahrhunderten waren die Würfel gefallen, war jene Prophezeiung ausgesprochen worden – zu einer Zeit, als Hexen noch auf selbstgeschnitzten Besen durch die Lüfte ritten und ihre Zauberelixiere in schweren Eisenkesseln brauten. Ertappte man sie dabei, wurden sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder an einen Stuhl gefesselt und in Flüssen oder Seen ertränkt. Jener Zirkel, der die Prophezeiung empfing, war eine verfolgte Schar alter Jungfern und Witwen. Tief im dunklen Wald kamen sie überein, dass die Hawkweed-Schwestern in dreihundertunddrei Jahren ein Mädchen hervorbringen würden, das fortan Königin aller Hexen sein würde.

Die Gerippe jener Hexenschwestern verwitterten längst unter dornigen Hecken und Ranken, die Schädel lagen mit Sand gefüllt am Meeresgrund, die Asche war verstreut in alle Winde … doch die Worte überdauerten die Zeit. Von Generation zu Generation wurde die Hawkweed-Prophezeiung weitergegeben, bis sie auch Raven und Charlock zu Ohren kam, die damals noch als kleine Mädchen zu Füßen ihrer Mutter spielten.

Eine ihrer Töchter würde dereinst Hexenkönigin sein.

Nie hatte Raven vergessen, welche Erregung sie erfasst hatte, als sie zum ersten Mal von der Prophezeiung hörte. Ihr Herzschlag dröhnte in ihren Ohren, ihr Blut floss schneller durch die Adern. Raven war damals erst sechs Jahre alt, doch sie fühlte sich plötzlich größer und reifer. Bis zu diesem Augenblick hatte es für sie nur Gegenwart gegeben, sie hatte nie zurück oder nach vorne geblickt. Jetzt jedoch schaute sie in die Zukunft und entdeckte dort Zeichen, die ihr den Weg weisen wollten. Charlock, die damals noch zu klein war, um die Worte der Mutter zu begreifen, sah die große Schwester fragend an. Denn von ihr hatte Charlock auch gelernt, dass Spinnen Netze woben, Bienen Honig erzeugten und Vögel ein Federkleid trugen. Aber in diesem Fall erklärte Raven nicht, was die Mutter verkündet hatte, und verlor auch später nie mehr ein Wort darüber. Ravens Hoffnungen und Ängste köchelten so beständig in ihr wie die Elixiere, die ihre Mutter in den Kesseln braute. Nichts durfte überkochen und herausquellen.

Als die beiden Schwestern heranwuchsen und Charlock zwar körperlich größer wurde als Raven, ihr geistig aber unterlegen war, fegte Raven die Fragen der jüngeren Schwester stets so hastig beiseite, wie man Krümel vom Tisch wischt.

»Wird sie eine Krone tragen?«

»Wer?«, fragte Raven, als habe sie keine Ahnung, worüber ihre Schwester sprach.

»Diese Tochter von uns.«

Charlock hatte noch nicht begriffen, was Raven längst wusste – dass es künftig wir oder uns nicht mehr geben würde. Die Seile der schwesterlichen Verbundenheit waren nicht mehr verknotet, sondern lagen wirr umher, gefährlichen Fußangeln gleich.

»Wird sie ein Schloss haben?«

Raven raunte kaum hörbar einen Zauber, und Charlock musste niesen – einmal, zweimal, dreimal. Ihre Schwester reichte ihr ein Tuch zum Naseputzen. »Mutter sagt, du sollst heute Abend Pflanzen sammeln gehen«, log Raven. »Aber wasch dir gut die Hände, wenn du den Nachtschatten berührt hast«, fügte sie hinzu, um ihre Lüge zu überspielen.

»Kommst du denn nicht mit?«, fragte Charlock enttäuscht.

»Ich muss lernen.«

»Immer musst du lernen.« Charlock wandte sich vorwurfsvoll ab, um ihre Gekränktheit zu verbergen.

Wahrhaftig war aus der wilden ungebärdigen Raven eine eifrige Schülerin geworden. Sie beeindruckte alle Hexen des Zirkels mit ihrem Fleiß und überflügelte sämtliche anderen Mädchen mit ihrem Wissen über Pflanzen, Gifte und Zauber aller Art. Bis spät in die Nacht studierte Raven jede Schrift und jedes Buch, das sie in die Finger bekam. Sie fertigte präzise Zeichnungen von Insekten und Reptilien an und experimentierte so lange, bis sie wusste, welches Auge von welchem Molch und welches Krötenbein am besten geeignet waren, um die Macht ihrer Zauber zu verstärken. Raven wusste genau, welche Beere so schlimmes Bauchweh verursachte, dass die Eingeweide aufplatzten und ihr Inhalt sich über die Beine ergoss, und welche Strauchfrucht einen Ausschlag erzeugte, der tagelang höllisch juckte und brannte. Es gab Kräuter, von denen man rote tränende Augen bekam; Giftpilze, von denen einem alle Haare ausfielen, und Schlangengift, an dem man so langsam und qualvoll verendete, dass man sich wünschte, möglichst schnell erlöst zu werden.

Je mehr Wissen sich Raven aneignete, desto unbeliebter wurde sie bei ihren jungen Hexenschwestern, denn durch Ravens Erfolg traten deren Mängel umso deutlicher zutage. Wann immer Raven die richtige Antwort parat hatte, musste sie prompt die Verwünschungszauber der anderen abwehren und umkehren. Unversehens wurde sie so zur Außenseiterin, blieb ausgeschlossen von der Runde der Freundinnen, die lachten, herumalberten und sich mit boshaftem Klatsch und Tratsch amüsierten. Einzig Charlock war gerne mit Raven zusammen, wobei Charlock nun genau die Person war, auf die Raven am allerwenigsten Wert legte.

Denn all ihre Mühen dienten nur einem Zweck: Ihre Tochter sollte dereinst Königin sein. Und Raven selbst musste so stark und mächtig werden, dass sie dieses Ziel weiterverfolgen konnte. Ohne Verdacht zu erregen, musste sie alle Rivalinnen von vornherein vernichten. Die simpelste Lösung wäre freilich gewesen, Charlock zu töten. Doch trotz allem empfand Raven noch immer eine tiefe und unerschütterliche Liebe für ihre kleine Schwester. Außerdem war Mord plump und grob und gänzlich ohne Magie. Nur die Unwerten – die gewöhnlichen Menschen der Draußenwelt – bedienten sich solcher Mittel, nicht jedoch die Hexenschwestern. Und Raven war fest entschlossen, alle anderen Hexen zu übertreffen, um künftig die würdige Mutter einer Königin zu sein. Einen Zauber wollte sie ersinnen, der so raffiniert und mächtig war, dass er alle anderen Schwestern sprachlos machte vor Staunen. Denn in ihrer Welt zählte der Weg viel mehr als das Ergebnis.

Ihre gesamte Jugend widmete Raven also dem Bemühen, einen Zauber zu kreieren, mit dem sie verhindern konnte, dass Charlock ein Mädchen gebären würde. Und Ravens Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Ein Tröpfchen der Tinktur, perfekt temperiert, im passenden Moment in Charlocks Tee gemischt, begleitet vom richtigen Zauberspruch kurz vor Neumond – und Charlock brachte immer wieder Jungen zur Welt.

Doch dann schlug die Krankheit zu, in einem Winter, in dem die gefrorene Erde hart war wie Stein und der Frost im Gras so gnadenlos, dass Würmer erstarrten und entzweibrachen, als seien sie aus Glas. Im Zirkel hörte man, die Kälte sei eine Vergeltung vom Hexenclan des Südens, weil deren Anführerin beleidigt worden war. Dreizehn Tage dauerte die Heimsuchung. Eiter troff aus Beulen, Blut tropfte aus den Ohren. Dann, ganz plötzlich, war das Elend so schlagartig vorbei, wie es begonnen hatte. Weder Schorf noch Narben kündeten von den Plagen. Alle Frauen, alle Mädchen waren genau wie zuvor, als hätte es den ganzen Spuk nie gegeben.

Bis auf Charlock.

Sie war schwanger – und diesmal würde sie eine Tochter bekommen.

Die Hexenschwestern jubilierten. Wie immer, wenn eine von ihnen ein Kind erwartete, legten sie die Schwangere mit entblößtem Bauch auf den Holzboden und umringten sie. Dann beugten sich alle Hexen des Zirkels, ob jung oder alt, schön oder hässlich, über die schwangere Charlock.

Raven hielt den Ring, der an einem Faden befestigt war, dicht über den gewölbten Bauch. Viele Jahrhunderte alt war dieser Ring, doch nun, frisch poliert, schimmerte und funkelte er wie neu. Einst war er der Ehering eines unglückseligen Bauernmädchens gewesen, das eine greise, zahnlose Krämerin übers Ohr gehauen und dafür mit ihren Fingern bezahlt hatte.

Die Hexen begannen mit den Gesängen. Aus dem Raunen wurde ein Murmeln, aus dem Murmeln Geschrei. Alle Gesichter waren verzerrt, die Augen wie trübes Glas, die Münder wie klaffende Wunden.

Dann bewegte sich der Ring. Ein klein wenig hierhin, dann dorthin. Rückwärts und vorwärts, als könne er keine Entscheidung treffen. Charlock schloss die Augen, atemlos vor Spannung. Die Gesänge waren jetzt ohrenbetäubend laut. »EIN MÄDCHEN! EIN MÄDCHEN! EIN MÄDCHEN!«

Raven gab die Hoffnung noch nicht auf. Sie sprach die Worte, wünschte sich jedoch mit aller Macht, sie sollten ein Irrtum sein. Dann schien der Ring sich entschieden zu haben – er begann zu kreisen. Langsam zu Anfang, dann immer schneller und schneller, bis man ihn kaum noch erkennen konnte. Plötzlich riss der Faden, und der Ring, heiß wie Feuer, fiel auf Charlocks Bauch und versengte die Haut. Die Gesänge verstummten abrupt, und es war vollkommen still im Raum. Ravens Körper und Geist erstarrten, wurden reglos wie Felsgestein.

Charlock schlug die Augen auf und lächelte.

1. Kapitel

Die Schuluniform – aus dem Secondhandladen und zu eng – fühlte sich wie eine Zwangsjacke an. Poppys Vater hatte schon vor geraumer Zeit beschlossen, nie mehr eine ungetragene Schuluniform anzuschaffen. Als kleines Mädchen war Poppy immer mulmig gewesen, wenn sie wieder einmal auf eine neue Schule kam. Jetzt, als Jugendliche, war ihr das alles gleichgültig. Nur die Uniform hasste sie immer – diese dumme Idee, dass man durch identische Kleidung das gleiche Ziel verfolgte, wie in einer Mannschaft oder beim Militär. Ich seh doch aus wie ein Sträfling, dachte Poppy verdrossen, als sie vor dem Spiegel stand. Weinrot – die hellen waren am schlimmsten. Poppy kam sich vor wie verkleidet. Aber sie wusste ohnehin, dass sie anders war als alle anderen. Keine Schuluniform der Welt würde das jemals verbergen können. Denn in Kürze würde sie auf ihre elfte Schule gehen.

Nach einer Weile fand Poppy die Schuhe endlich wieder – ganz unten in einem Karton, den sie noch nicht ausgepackt hatten. Draußen auf der Straße wirbelte der Wind Blätter und Unrat durch die Luft, und Poppy starrte eine Weile hinaus und fragte sich müßig, wie lange man sie wohl auf dieser Schule dulden würde. Ein ganzes Jahr war bislang Poppys Rekord. Irgendwas lief immer schief. Absichtlich oder versehentlich – über kurz oder lang verstieß Poppy gegen zu viele Regeln, sorgte für zu viel Unruhe oder regte sich auf und wurde wütend, und dann geschah immer ein Unheil. Wie damals, als Mrs Barker, ihre Biolehrerin, stürzte und sich das Handgelenk brach. Mrs Barker schwor, Poppy habe ihr ein Bein gestellt, und obwohl Poppy darauf beharrte, dass sie die Lehrerin nur angesehen habe, hatte dieser Vorfall den Ausschlag gegeben. Man hatte ihren Vater von der Arbeit weggeholt, und Poppy war von der Schule geflogen. Andere Schulen waren etwas dezenter vorgegangen und hatten höflich, aber entschieden, erklärt, Poppy sei hier fehl am Platz und anderswo sicher besser aufgehoben.

John Hooper, Poppys leidgeprüfter Vater, hatte bereits alles versucht. Er hatte sie auf die teuersten konservativen Internate, auf die fortschrittlichsten Ganztagsschulen des Landes und einmal sogar auf eine Klosterschule geschickt. (Was gar kein gutes Ende genommen hatte: ein zerbrochenes jahrhundertealtes Buntglasfenster und eine immens hohe Reparaturrechnung.) Am schlimmsten jedoch war der letzte Rauswurf gewesen, nach einer Serie von Bränden, die Polizei und Feuerwehr empört hatten.

Poppy erinnerte sich noch daran, wie ihr Vater aus dem Qualm hervortrat, ohne jede Hast und Eile. Sie hörte nur die schweren müden Schritte eines Mannes, der vor Enttäuschung aufgegeben hatte. Inmitten der Hitze waren seine Augen blaue Teiche, die kalt wie Eis wurden, als er Poppy sah. Auf der Heimfahrt versuchte Poppy abzustreiten, dass sie etwas mit den Bränden zu tun habe, aber ihr Vater wollte nichts davon wissen.

»Hör auf! Sei einfach still!«, knurrte er.

»Aber ich –«

Er unterbrach sie sofort. »Kein einziges Wort mehr.«

Poppy wusste, dass es ihm ernst war.

Der Rest der Fahrt verlief in unbehaglichem Schweigen. Poppy starrte aus dem Fenster auf all die Menschen, die ihrem Alltag nachgingen, und fragte sich, ob auch nur einer von denen sie jemals verstehen würde. Hatte sich irgendwer überhaupt jemals so gefühlt wie sie? Denn Poppy hatte den Alarmknopf wirklich nie berührt. Und auch die Brände nicht gelegt. Dennoch wusste sie in ihrem tiefsten Inneren genau, dass sie dieses Chaos irgendwie verursacht hatte.

Sie war frustriert, wütend und traurig gewesen … und der verzweifelte Wunsch, dass dieser Schultag endlich vorbei sein sollte, war irgendwie aus ihr herausgebrochen. Sie hätte nur eine kleine Pause gebraucht, nur einen Moment Abwechslung – aber ehe sie sich’s versah, plärrte der Alarm los. Die Lehrerin hörte mit ihren öden Prüfungsfragen auf, die ganze Klasse rannte nach draußen, und an der frischen Luft beruhigte sich Poppy nach wenigen Minuten.

»Ich gebe auf«, sagte ihr Vater unvermittelt, als sie vor dem Haus hielten, und blickte so starr geradeaus, als wolle er seine Tochter nicht einmal mehr ansehen. Beide waren so stumm und reglos wie das Auto. Dann riss ihr Vater die Tür auf und marschierte zum Haus. Drinnen holte er sofort die Koffer heraus und befahl Poppy zu packen. Und so war sie am anderen Ende des Landes in einem neuen Haus gelandet, steckte in einer weiteren unangenehmen Uniform und würde in Kürze ihre elfte Schule kennenlernen.

Ihr Vater war schon zur Arbeit aufgebrochen. Poppy und er hatten die üblichen Nettigkeiten zwischen Vater und Tochter eingestellt. Kein Küsschen auf die Wange, kein fertig gedeckter Frühstückstisch, keine aufmunternden Worte wegen des ersten Schultags – nicht einmal ein Guten Morgen. Poppy wusste, dass ihr Vater sich anstrengen musste, um sie überhaupt noch in seiner Nähe zu ertragen. Er hatte seine neue Stelle schon angetreten, die noch schlechter bezahlt war als die letzte, weil er so kurzfristig keine große Wahl gehabt hatte. Mit jedem Umzug war ihr Lebensstandard weiter gesunken, aber noch nie hatten sie so weit entfernt von Poppys Mutter gewohnt.

Poppy hatte sich längst daran gewöhnt, dass ihre Eltern getrennt lebten. Ihre Mutter, die ständig in neuen Psychiatrien und Rehakliniken untergebracht wurde, gehörte für Poppy schon lange nicht mehr zu ihrem Zuhause. Doch bei diesem Umzug hatte Poppy das Gefühl, die Familie würde endgültig zerreißen.

Als sie in dem stillen leeren Haus ihre Schultasche packte, ertappte sie sich bei dem Wunsch, ihre Mum wäre da, die sie – wie andere Mütter es tun – daran erinnern würde, keine Bücher zu vergessen und sich warm genug anzuziehen. Poppy fühlte sich sofort komplett idiotisch, weil sie sich so eine Vorstellung überhaupt erlaubte. Denn ihre Mutter würde sie bestimmt nicht vermissen – sie hatte wahrscheinlich nicht mal bemerkt, dass Poppy gar nicht mehr da war.

* * *

Melanie Hooper war wach gewesen, als ihre Tochter und ihr Mann sich von ihr verabschiedeten. Die letzten Jahre hatte Melanie größtenteils dösend oder in einem durch Medikamente erzeugten Dämmerschlaf verbracht. Aber diesmal war sie wach und trug sogar mal etwas anderes als einen Pyjama. Sie lag zwar immer noch im Bett – Poppy versuchte sich zu erinnern, wann sie ihre Mutter zum letzten Mal aufrecht erlebt hatte –, aber die Vorhänge im Zimmer waren aufgezogen, und das Licht brachte ein wenig Hoffnung in die triste und düstere Atmosphäre.

Eine Träne rann ihrer Mutter über die Wange, als John verkündete, sie würden in den Norden ziehen. Dann wiederholte Melanie wie ein Kind Johns Worte, dass es wohl »das Beste« sei, und versprach, tapfer zu sein.

Als John hinausging, um Kaffee zu holen, nahm Melanie Poppys Hand und fragte drängend: »Was war es diesmal?«

»Ein Brand«, murmelte Poppy.

»Du kannst nichts dafür«, sagte ihre Mutter eindringlich und drückte Poppys Hand ganz fest.

Poppy stockte der Atem; die unerwartete Hoffnung, verstanden zu werden, schnürte ihr die Kehle zu. Sie sah ihre Mutter an und, nach kurzem Zögern, erwiderte sie den Händedruck. Melanies Nägel gruben sich in Poppys Fleisch, und ihre Mutter schob die Lippen vor.

»Es ist der Teufel in dir«, flüsterte sie.

Poppy zuckte zusammen, als sei sie geschlagen worden, und zog ihre Hand zurück. In diesem Moment kam John wieder herein und reichte seiner Frau ein Hochglanzmagazin, das sie begeistert in Empfang nahm. Dann erlosch die Lebendigkeit in ihrem Gesicht, und die übliche Teilnahmslosigkeit kehrte zurück.

Poppy erfuhr niemals, dass ihre Mutter in dieser Nacht tränenüberströmt erwachte und von drei Pflegekräften gebändigt werden musste.

»Mein Baby! Mein Baby!«, schluchzte Melanie verzweifelt und weinte hemmungslos, bis man ihr Medikamente verabreichte und sie einnickte.

Als Melanie einschlief, sank sie in Träume von der Vergangenheit, von einer Person, die sie kaum noch wiedererkannte …

Eine hübsche junge Frau mit weichem blondem Haar betrachtete ihr Baby in der Wiege. Das waren sie selbst und Poppy, dämmerte es Melanie in den Tiefen ihres Traums. Stundenlang hatte sie ihr Mädchen damals angesehen. Irgendwo klingelte das Telefon, aber Melanie beachtete es nicht. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen, ihre Hände und Füße kribbelten, ihr Kreuz tat weh. Sie war müde – noch nie hatte sie sich so unendlich müde gefühlt.

Poppy dagegen schien niemals müde zu sein. Sie trug eine winzige rosa Jacke mit einem Häschen vorne drauf, die überhaupt nicht zu ihren dunklen wilden Augen und Locken passte, und starrte ihre Mutter unverwandt an. Erst ein paar Wochen alt war die Kleine, und auf ihrem Gesicht zeigte sich nicht das geringste Gefühl – sie wirkte komplett beherrscht und unabhängig.

Melanie schossen zahllose Gedanken wirr durch den Kopf.

Sie ist noch so klein und braucht mich schon nicht mehr!

Das ist doch nicht normal.

Wieso liebe ich sie nicht?

Doch, doch, ich liebe sie natürlich!

Und dann, schuldbewusst: Was für eine Mutter bin ich eigentlich, dass mir überhaupt so ein Gedanke kommt?

Der nächste Gedanke wurde laut als Schrei, gefolgt von den Worten: »Um Himmels willen, John! John!!! Poppys Auge hat gerade die Farbe gewechselt!«

Melanie sprang auf ihre halb tauben Füße, ohne das Kribbeln zu beachten, nahm Poppy aus der Wiege, hielt sie auf Armeslänge von sich weg und starrte sie an. Und wirklich: Eines von Poppys blauen Augen war jetzt grün und wies neben der Pupille einen schwarzen Fleck auf. Schaudernd legte Melanie Poppy rasch in die Wiege und wich zurück, als John in der Tür erschien.

»Was ist los, Mel? Was ist passiert?«

»John! Komm her und schau dir das an!«

Die Kinderärztin hatte es auch nicht erklären können. Ein seltsames Phänomen, wobei es durchaus normal war, dass die Augen von Babys die Farbe wechselten. Bei Poppy war das wohl nur etwas schneller und einseitig passiert. Unterschiedlich farbige Augen kamen nicht oft vor, seien aber doch sehr apart, meinte die Ärztin. Melanie lächelte matt; sie konnte nicht erklären, weshalb diese Sache sie so furchtbar beunruhigte. Die Ärztin – eine junge Frau, deren Haut und Haare so strahlend schimmerten, dass Melanie sich vorkam, als stünde sie im Schatten – machte sich Notizen.

»Schlafen Sie ausreichend? Kommen Sie überhaupt zum Schlafen?«, fragte die Ärztin lächelnd.

Melanie überlegte, ob sie die Wahrheit sagen sollte, und beschloss dann, dass sie zu erschöpft und müde war, um alles zu erklären. »Schlaf ist eigentlich kein Problem«, seufzte sie.

Doch das war eine Notlüge. Poppy störte sie tatsächlich nie. Wenn es Melanie gelungen wäre, hätte sie zwölf Stunden durchschlafen können. Das eigens angeschaffte Babyphon gab nie auch nur einen einzigen Ton von sich. Weshalb Melanie jede Nacht hellwach im Bett lag und sich nichts so sehr wünschte wie einen kleinen Laut von ihrem Baby.

Die Ärztin schrieb sich noch etwas auf. »Hat deine Mami nicht ein Riesenglück, dass sie dich bekommen hat?«, sagte sie dann zu Poppy in diesem Tonfall, in dem Erwachsene mit kleinen Kindern sprechen.

Melanie begann erst zu weinen, als sie draußen vor der Tür war.

Das war nicht ihr letzter Besuch bei der Kinderärztin, sondern der Anfang einer Reihe von Terminen, die sich in den folgenden Monaten immer mehr häuften. Poppy lächelte nie. Sie lachte auch nicht, gab keine Plappertöne von sich … und weinte nicht einmal. Andere Mütter beneideten Melanie um so ein pflegeleichtes Kind, weshalb sie noch mehr Zweifel an sich selbst bekam. Wie sollte sie diesen Frauen denn auch erklären, dass Poppy nicht pflegeleicht war, sondern … anders, sehr seltsam und … nicht normal.

Melanie blickte ihrer kleinen Tochter in die verschiedenfarbigen Augen und versuchte, eine Verbindung herzustellen. Aber Poppy starrte nur zurück, ohne zu blinzeln, und zeigte nicht die geringste Gefühlsregung. Melanie liebte ihr Kind trotz allem, spürte aber mit großer Gewissheit, dass ihre Tochter diese Liebe nicht erwiderte. Woran auch eine Fülle an Babybüchern, Teddybären und Musikspielzeug nichts ändern konnte. Das Einzige, was bei Poppy irgendeine Reaktion hervorrief, waren Katzen.

Sie kamen nachts. Zunächst nur eine, dann ein paar und schließlich immer mehr. Auf Fensterbänken und auf dem Dach hockten sie und miauten den Mond an, als wollten sie Poppys Ankunft in der Welt verkünden. Als Gaben hinterließen die Katzen tote Mäuse und einmal auch ein winziges Eichhörnchen. Melanie schrie laut auf, als sie es entdeckte, und trug John auf, es möglichst schnell verschwinden zu lassen. Wenn es einer der Katzen gelang, sich ins Haus zu schleichen, sprang sie in die Wiege und schmiegte sich schützend an Poppys Kopf. Schaute Melanie dann in die Wiege, schienen die Augen ihrer Tochter zu funkeln, als sei sie beinahe fröhlich.

Immer wieder erschien Melanie mit ihren Ängsten und Sorgen bei der Ärztin, und die nickte, machte sich Notizen, fragte erneut, wie Melanie zurechtkäme und ob sie genügend Schlaf fand – bis die junge Frau dann eines Tages ein mildes Antidepressivum und Schlaftabletten verordnete, damit Melanie diese schwierige Zeit besser verkraften könne. Zunächst wollte sie protestieren, aber das Rezept in ihren Händen fühlte sich wie eine Erlösung an. Wenn sie schon kein Heilmittel für ihr Baby finden konnte, dann wenigstens für sich selbst.

Als auf dem beigen Teppichboden in Poppys Zimmer immer wieder tote Fliegen lagen, schwarz und so trocken, dass sie knackten, wenn man auf sie trat, schrie Melanie nicht, sondern holte den Staubsauger. Wenn Poppy ihren Puppen sonderbare Zeichen auf den Bauch malte oder die Wasserhähne auf- und zudrehte, obwohl sie in ihrem Babystuhl festsaß; wenn sie Liedchen summte, die Melanie noch nie gehört hatte, die aber Spinnen dazu brachten, riesige Netze vor den Fenstern zu weben, fein wie Spitzentücher; wenn Poppy so schrille Schreie ausstieß, dass die Gläser zersprangen – dann schluckte Melanie einfach nur die nächste rosa Pille gegen ihre Verstimmung.

John versuchte, dagegen anzugehen. Er bat und bettelte, er wurde wütend und tobte, er weinte vor Verzweiflung.

»Sie ist nicht unser Kind«, wiederholte Melanie immer wieder aufs Neue. »Sie gehört nicht zu uns.«

John schlug gegen die Wand und rief dann einen Arzt. Ein Krankenwagen holte Melanie ab, und nach monatelanger Behandlung kehrte sie frisch und munter und erholt zurück. Es dauerte jedoch nie lange, bis sie erneut zusammenbrach.

»Wo ist unser Kind?«, schrie sie dann. »Was ist aus unserer Tochter geworden?«

Die Ärzte diagnostizierten eine schwere postnatale Depression und sagten John, er müsse den Zustand seiner Frau sehr ernst nehmen und ausgesprochen geduldig mit ihr sein. John bemühte sich nach Kräften, aber weil seine Frau ihren Verstand verlor, verlor John auch seine Zukunft, und er konnte seinen Zorn nicht mehr zügeln. Als er Melanie anbrüllte, sie sei doch »verrückt geworden«, sah Poppy, die inzwischen ein Kleinkind war, ihren Vater mitleidig an. Als er für Melanie den Koffer packte und ihre Kleider hineinlegte, brachte Poppy ihm das Buch, das ihre Mutter gerade las, ihr Parfum und ihre Handcreme. Dinge, die er tatsächlich vergessen hätte.

Es dauerte nicht mehr lange, dann waren Poppy und er nur noch zu zweit.

2. Kapitel

Bevor Poppy zu ihrer neuen Schule aufbrach, stellte sie Futter für die Katzen unter die Hecke am Haus. Die Katzen strichen um Poppy herum und rieben sich dankbar an ihren Beinen. Es war ein kühler Herbstmorgen, und Poppy freute sich über die Wärme der Tiere. Seit sie hier so weit im Norden an der Landesgrenze angekommen waren, fror Poppy und fürchtete, dass sie nie wieder Sonnenlicht sehen würde. Diese Gegend, die ins Meer hineinragte, kam Poppy vor wie das Ende der Welt – als könne man nirgendwohin fliehen, nur im eiskalten Wasser ertrinken. Am Anfang hatte sie sich gefragt, wie sie es nur hier aushalten solle, in dieser tristen langweiligen Kleinstadt, die auf einer Seite von bewaldeten Bergen und auf der anderen vom trostlosen grauen Ozean umgeben war. Aber kurz bevor Poppy durchdrehte, tauchten die Katzen auf. Sie hatten sieben Tage gebraucht, um die vielen Hundert Meilen zurückzulegen, und es ging ihr sofort besser, als sie entdeckte, wie die Katzen es sich auf dem Dach bequem machten.

Als könne sie ihre Gedanken lesen, miaute die Rote, die Poppy Minx genannt hatte, und Poppy bückte sich, um sie zu streicheln. Zu Minx hatte sie die stärkste Verbindung, weil sie als winziges Kätzchen zu ihr gekommen war. Damals hatte sie noch in eine Hand gepasst. Minx war nicht die hübscheste oder stärkste der Gruppe, aber aus irgendeinem Grund fühlte Poppy sich ihr sehr nah. Vor einigen Jahren hatte sie Minx mit reingenommen, in der Hoffnung, John überreden zu können, sie als Haustier behalten zu dürfen. Aber Minx hatte sich gesträubt und gewunden und war wieder hinausgerannt. Sie fühlte sich nicht wohl im Haus, und Poppy konnte das gut verstehen, denn ihr ging es genauso. Ab und an sprang Minx mitten in der Nacht durchs Fenster und schmiegte sich an Poppys Kopf wie ein Fellhut, schlich aber wieder davon, bevor es hell wurde.

Als Poppy Minx am Kinn kraulte, schnurrte sie zufrieden. Am liebsten hätte Poppy den ganzen Tag nur mit den Katzen gekuschelt, wie in ihrer Kindheit – weit weg von allen Menschen und dem ganzen Stress. Ihre wirklichen Freunde waren die Katzen, doch das musste ein Geheimnis bleiben, damit ihr Vater nicht misstrauisch wurde. Während Poppy heranwuchs, hatte sie gelernt, alles zu verbergen, was ihren Vater vielleicht beunruhigen könnte. Die Katzen spürten also schon lange, dass sie nur zu Poppy kommen durften, wenn sie alleine war. Auch die Spinnen huschten davon, sobald John nach Hause kam, und die Insekten verkrochen sich in dunklen Ritzen und Winkeln.

So war es Poppy gelungen, ihren Vater im Glauben zu lassen, dass nichts an ihr außergewöhnlich oder rätselhaft war. Und als sie ins Teenageralter kam, ging John dazu über, Poppys Probleme auf den Zustand ihrer Mutter zurückzuführen. Gelegentlich glaubte Poppy das auch selbst. Dann sagte sie sich, Melanies psychischer Zusammenbruch sei ein traumatisches Erlebnis gewesen, das sie zwar nicht bewusst erlebt, das sie aber stark geprägt hatte. Ihr fehlte die Liebe ihrer Mutter und das weibliche Vorbild, sagte Poppy sich manchmal. Aber dann geschah wieder irgendetwas absolut Unerklärliches – zum Beispiel wusste sie, dass Onkel Bob noch vor dem Sommer sterben würde, und zwei Tage später erfuhren sie, dass er todkrank war. Er starb Ende Mai, und am Tag nach seinem Begräbnis gab es zum ersten Mal in diesem Jahr warmes Sommerwetter.

Nach dieser Sache hörte Poppy damit auf, sich irgendwelche Erklärungen auszudenken, sondern versuchte nur noch, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie offenbar anders war als andere. So vieles konnte sie einfach nicht verstehen, aber solange sie in der Schule nicht aneckte und sich zu Hause unauffällig benahm, würde ihr Vater sie in Ruhe lassen. Doch es war kein gutes Gefühl, sich und anderen dauernd etwas vormachen zu müssen, und ein Teil von Poppy beneidete ihre Mutter darum, dass sie sich wenigstens damit nicht herumquälen musste. Denn man wurde sehr einsam, wenn man nie so sein konnte, wie man wirklich war.

* * *

Poppy sah sich in dem Klassenzimmer um und entdeckte den einzigen freien Tisch, nicht weit entfernt vom Fenster. Draußen ragte ein Baum auf. Seine Äste bogen sich im Wind, schienen Poppy heranzuwinken.

Schnell und leise, mit gesenktem Kopf, eilte sie zu dem Tisch. Doch als sie sich gerade setzen wollte, spürte sie, wie sich die Härchen auf ihren Armen sträubten.

»Was soll ’n das werden?« Der Akzent war erstaunlich hart für diese Gegend, stachlig wie Disteln.

Poppy richtete sich auf. »’tschuldigung«, murmelte sie, ohne hochzuschauen.

»Such dir ’n andern Platz.«

Poppy warf einen kurzen Blick auf das Mädchen, sah wütend verkniffene Augen und aggressiv vorgeschobene Lippen. »Bitte schön, du kannst den Platz gerne haben.«

»Das will ich auch hoffen!«

Die anderen fingen an zu lachen. Draußen zerrte ein heftiger Wind an den Ästen des Baumes und rüttelte am Fenster. Poppy sah sich verzweifelt nach einem Platz um.

»Nichts frei für dich?«, höhnte das Mädchen.

Ein dünner Junge mit langen Haaren zog den Stuhl neben sich heraus. »Sie kann hierher, Kelly.«

Poppy starrte den Jungen an und versuchte zu entscheiden, ob sie ihm vertrauen konnte. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie das lieber bleiben lassen sollte. Mädchen reagierten feindselig und aggressiv auf sie, bei Jungs aber spürte sie immer Angst. Was Poppy gar nicht verstehen konnte, denn sie war eher klein und überhaupt nicht bedrohlich; Jungs waren normalerweise viel kräftiger als sie. Aber die Angst sah Poppy jetzt auch wieder in den Augen des Jungen, verborgen hinter der Großspurigkeit.

»Willst du nun oder nicht?«, fragte er herausfordernd und zog den Stuhl so weit heraus, dass sie sich setzen konnte.

Poppy merkte, dass alle sie ansahen und dass ihr keine Wahl blieb. Sie ging an einigen Mädchen vorbei, und der durchdringende Geruch von Parfüm, Kaugummi und Cola Light drehte ihr fast den Magen um.

»Danke«, murmelte sie, als sie bei dem Jungen ankam.

In dem Moment, als sie sich setzte, hörte sie das Scharren der Stuhlbeine und ein dumpfes Rumsen, als sie auf den Boden knallte. Ein heftiger Schmerz fuhr ihr in den Rücken. Die anderen brachen in lautes Gelächter aus – einige hielten sich verschämt die Hand vor den Mund, andere waren unverhohlen schadenfroh. Poppy starrte auf ihre Schuhe. In ihrem Kopf dröhnte ihre eigene Stimme, versuchte den Krawall auszublenden. Nicht beachten … beachte sie gar nicht … bloß nicht aufregen … nicht wütend werden … nur atmen … tief atmen. Heiße Tränen schossen ihr in die Augen, während die Stimme sie beschwor und zu beruhigen versuchte. Poppy blinzelte heftig und schaute zu dem Jungen auf, der aggressiv die Achseln zuckte, aber sehr nervös wirkte. Dann ließ Poppy den Blick durch den Raum schweifen, betrachtete die Gesichter, monströs verzerrt vom Lachen.

Ein Ast schlug gegen das Fenster, es knackte, und die anderen zuckten erschrocken zusammen. Zuerst schien der Riss in der Scheibe nur klein zu sein, doch dann breitete er sich aus … langsam zu Anfang, dann immer schneller, bis sämtliche Fenster zerbarsten und sich ein Hagel spitzer Splitter über die Klasse ergoss. Alle schrien auf und versuchten sich zu schützen.

»Ich hab was in den Haaren!«, kreischte Kelly, das Mädchen, das Poppy verhöhnt hatte, und versuchte, die glitzernden Glasscherben aus ihren Haaren zu pflücken, ohne zu merken, dass ihr Blut über die Stirn rann. »Was glotzt du so?«, schrie sie Poppy an.

Wortlos rappelte sich Poppy auf, setzte sich auf den Stuhl und rückte ihn zurecht. Der Junge wich zurück, und Poppy begann ruhig und unbeirrt, ihre Sachen auszupacken. Ihre Bücher legte sie ordentlich neben ihr Federmäppchen, aus dem sie Bleistift und Füller nahm. Der Junge starrte Poppy mit offenem Mund an.

»Nirgendwo Platz für dich?«, fragte sie lässig.

Der Junge wich verängstigt noch weiter zurück und stolperte dabei über einen Rucksack.

Kelly fegte die funkelnden Splitter von ihrem Rock. »Was bist du denn für ein Monster!«, rief sie.

»Ich sag dir was.« Poppy zog ihren Füller auf. »Du bleibst mir vom Hals, und ich mach dasselbe bei dir. Was hältst du davon?«

Kelly zog provozierend die Augenbrauen hoch.

»Und vielleicht möchtest du dir das Blut vom Gesicht wischen«, fügte Poppy sachlich hinzu.

Kelly schnappte sich ihre Tasche und kramte darin herum, bis sie ihren Taschenspiegel gefunden hatte. Als sie ihn aufklappte und sich sah, kreischte sie laut auf. Poppy schüttelte den Kopf. Großmäulige Mädchen wie Kelly verletzten mit Worten und provozierten, aber sobald sie Blut zu Gesicht bekamen, gingen sie in die Knie. Kelly raste, sich den Kopf haltend, hinaus, vorbei am Lehrer, der gerade hereinkam. Er sah ihr nach, als seien solche hysterischen Szenen an der Tagesordnung. Dann betrat er den Raum und bemerkte die zerbrochenen Fenster. In diesem Moment erschütterte der Sturm das Gebäude und fegte durchs Klassenzimmer, so dass Papiere herumflogen, Röcke flatterten und Frisuren zerzaust wurden.

»Mark!«, schrie der Lehrer den Stuhl-Jungen an. »Steh hier nicht rum wie eine Salzsäule! Geh und hol Mr Harding!«

Mark spurtete hinaus, sichtlich froh, etwas tun zu können. Der Lehrer blickte im Klassenzimmer umher.

»Okay, alle setzen.« Sein Blick ruhte auf Poppy. »Das neue Mädchen, richtig?« Er schaute auf eine Liste. »Poppy Hooper?«

»Ja, Sir.«

»Aufregender Anfang für dich. Aber du hast offenbar schon einen Sitzplatz gefunden.«

Die Andeutung eines Lächelns erschien auf Poppys Gesicht. »Ja. Hat gut geklappt, Sir.«

3. Kapitel

Man musste zu zweit arbeiten, um das Schlangengift abzuzapfen. Schwester Ada, deren Haut so rissig und ledrig war wie die der Nattern, befahl ihren Schülerinnen, sich in Paaren zusammenzufinden.

Ember blickte in die Runde der Mädchen, die im Schneidersitz unter der großen alten Esche am Nordwestrand des Lagers saßen. Alle sprangen jetzt auf und stürzten auf ihre Wahlpartnerin zu. Ember blieb sitzen und wartete, aber wie üblich wurde sie von niemandem ausgesucht. Es machte sie traurig, dass sie nach so langer Zeit immer noch als Letzte übrigblieb. Heute war das besonders unangenehm, weil Ember dann mit Schwester Ada arbeiten musste, einer älteren Hexe, die trotz ihres Respekts für Charlock keinen Hehl aus der Abneigung gegenüber Ember machte. Ada ließ spitze Bemerkungen fallen, warf Ember gehässige Blicke zu und ging ihr nach Möglichkeit aus dem Weg. Und nun musste Ember vor der gesamten Klasse stehen, so dicht bei Schwester Ada, dass sie deren lange Kinnhaare und die gerötete Truthahnhaut an ihrem Hals direkt vor Augen hatte.

Schwester Ada packte eine der Nattern und hielt ihren Kopf über das alte Becherglas auf dem verwitterten Holztisch. Ember wäre am liebsten weggelaufen, war aber nicht sicher, wovor sie sich mehr fürchtete – vor der Natter oder vor Schwester Ada.

»Die Zähne müssen die Membran durchdringen, die eure Glasbecher bedeckt. Dann wird die Schlange ihr Gift absondern.« Mit einer schnellen sicheren Bewegung brachte Schwester Ada ihre Natter in die beschriebene Position.

Die Schlange starrte Ember mit glänzenden Augen so vorwurfsvoll an, als sei sie verantwortlich für die Misere des Reptils. Ember versuchte verzweifelt, nicht mehr zu zittern.

»Dieser Bursche hat offenbar keine Lust.« Schwester Ada betrachtete Ember misstrauisch. »Ich spüre großes Unbehagen.«

Ember, die niemals geglaubt hätte, dass sie etwas mit Schlangen gemein haben könnte, empfand einen Anflug von Mitgefühl für das bedauernswerte Wesen. Die Natter wollte offenbar genauso wenig hier sein wie Ember selbst.

»Streich mit dem Finger über die Stelle zwischen den Augen«, hörte sie Schwester Ada sagen. »Das können Schlangen nicht leiden. Sollte ausreichen, um sie so wütend zu machen, dass sie beißt.«

Ember versuchte, ihren Arm dazu bringen, sich zu bewegen, doch es wollte nicht gelingen, und sie merkte, wie ihr übel wurde.

»Schwester Ada, die kotzt gleich wieder!«

Ember wusste nicht, wer das gesagt hatte, aber alle Mädchen kicherten und plapperten.

»Ember Hawkweed! Augenblicklich berührst du diese Schlange!«, keifte Schwester Ada, wobei sie Ember Speichel ins Gesicht sprühte.

Embers Arm gehorchte jetzt und hob sich. Der Zeigefinger ihrer rechten Hand streckte sich aus. Ihre Schulter bewegte sich vorwärts … die Fingerspitze war nur noch Millimeter von der Stirn der Schlange entfernt. Die Schlange guckte, wartete und zuckte dann.

Und Ember rannte davon.

»Ember Hawkweed! Komm sofort zurück, du erbärmliches Exemplar einer Hexe!«, kreischte Schwester Ada.

Doch Ember lief immer weiter, aus dem Hexenlager hinaus, an den alten hölzernen Wohnwagen vorbei, an denen die Farbe abblätterte, vorüber an den Gemüsebeeten, zwischen den Felsen hindurch, die das Lager umgaben, hinein ins Gestrüpp, durch den großen Wald und hinaus in die erfrischende Luft am Fluss. Dort blieb sie stehen, wie immer – zu ängstlich, um noch weiterzulaufen, aber auch zu beschämt, um kehrtzumachen.

* * *

Eine Stunde später, als Ember sich etwas beruhigt hatte, ließ sie das kalte Flusswasser in ihre Hände rinnen und klatschte es sich unter die Arme. Sie hatte am ganzen Körper Gänsehaut, und ihre Zähne schlugen aufeinander. Das Seifenstück, das sie immer in der Rocktasche herumtrug, war nur noch ein schmaler durchscheinender Streifen, roch aber immer noch nach Lavendel, wie Ember nicht ohne Stolz bemerkte. Denn während die anderen Mädchen tagtäglich giftige Tränke brauten, stellte Ember Seife her.

Das war mitnichten einfach. Die ersten Stücke waren zunächst zu brüchig, dann zu matschig gewesen, bis Ember die richtige Mischung aus Öl, Lauge und Wasser gefunden hatte. Danach hatte sie sich an Parfüm gewagt. Während die anderen Mädchen die Dornen der Rose verarbeiteten, hatte Ember nur Interesse an den Blütenblättern. Nachts gab sie dann ein paar Tropfen von der Tinktur auf ihr Kopfkissen und atmete in tiefen Zügen den süßen Blumenduft ein. Das Hexenlager roch gar nicht gut, weil dort überall Tierkadaver und Fischgräten herumlagen. Für die uralten Hexenkünste waren offenbar die abscheulichsten Zutaten vonnöten. Ember fragte sich immer wieder besorgt, ob der faulige, ranzige Gestank schon in ihr Haar und ihre Haut eingedrungen war. Deshalb flüchtete sie so oft wie möglich zum Fluss und wusch und schrubbte sich dort, bis die Seife schäumte und sämtliche üblen Gerüche verschwunden waren.

Ember sah zu, wie der Fluss die letzten schaumigen Blasen der Seife davontrug, und sann wie immer darüber nach, wo der Fluss wohl hinführen mochte. Und wie jedesmal wünschte sie sich, dass sie mutig genug wäre, ihm um die nächste Biegung zu folgen und ihr Leben hinter sich zu lassen, eine andere Welt zu entdecken. Wenn sie nur nicht so ängstlich wäre – dann würde sie die Zehen ins Wasser strecken und dann hinauswaten in den tieferen Teil, sich ins Wasser legen und von der Strömung davontragen lassen.

Aber Ember war eben nicht mutig. Ganz und gar nicht. Feige war sie, ein erbärmliches, weichliches Ding. Das hatte sie so oft zu hören bekommen, dass sie es sich schon lange nicht mehr zu Herzen nahm. Es war schließlich die Wahrheit – weshalb also sollte sie das ableugnen? Sie fürchtete sich vor so vielen Dingen – vor Nesseln, Mäusen, Eulen, Zaubersprüchen, Bannflüchen, Schlangen. Die Liste war endlos, und dabei wünschte Ember sich sehnlichst, so zu sein wie die anderen. Sie hatte es wahrlich versucht. Aber sie bekam leicht blaue Flecken, und ihr kamen immer so schnell die Tränen, dass Ember keine Chance hatte, sie zu unterdrücken. Um zum Hexenzirkel zu passen, hätte sie stark und zäh wie ein Tau sein müssen – doch ihr Körper war weich und empfindsam. Wenn man sich mit der Nacht verbünden wollte, musste man dunkle Haare haben, Embers Haar jedoch schimmerte hell wie Licht, so dass jeder auf den ersten Blick sehen konnte, wie fehl am Platz sie in ihrer Umgebung war.

Trotz all dieser Nachteile mochte Ember ihr Aussehen insgeheim. Sie wusste wohl, dass sie sich eigentlich hätte wünschen sollen, so auszusehen wie ihre Cousine Sorrel, konnte sich aber einfach nicht dazu zwingen. Ember war in einer Gemeinschaft von Frauen aufgewachsen, denen ihr Aussehen vollkommen einerlei war. Derartige Lappalien interessierten die Hexen nicht – ihnen ging es um höhere Ziele. Ember hatte sich große Mühe gegeben, es ihnen gleichzutun – aber sie liebte es, ihr helles Haar so lange zu bürsten, bis es schimmerte; sie wollte saubere Fingernägel haben, unter denen keine schwarze Erde haftete; und sie konnte es nicht ausstehen, wenn die Haare an ihren Beinen wucherten und aus ihren Achseln wuchsen. Ember hatte eine Schwäche für die schönen Dinge des Lebens wie die Zartheit von Libellenflügeln, das Blütenmeer eines Obstbaums und die schillernden Farben am Hals eines Erpels. Und obwohl sie es nicht beweisen konnte, wusste sie instinktiv, dass auch sie selbst schön war.

Es hatte sich schon früh herausgestellt, dass Ember in keiner Hinsicht als Hexe taugte. Das lag nicht nur an ihrem Aussehen – man hatte ihr gesagt, damit könne man ja noch leben, wenn sie nur nicht so zimperlich und rührselig wäre. Und überdies besaß sie nicht das mindeste bisschen Geschick zum Hexen. Noch nie hatte jemand aus dem Zirkel so wenig Begabung für die magischen Künste an den Tag gelegt. Jahrelang hatten die Ältesten gewartet, ob sich nicht doch noch irgendein Talent zeigen würde, zumindest ein kleines. Bei den meisten Mädchen aus dem Clan kamen die magischen Fähigkeiten schon zum Vorschein, bevor die Kleinen auch nur laufen konnten. Sogar die unbegabtesten beherrschten irgendetwas. Einige hatten das zweite Gesicht. Andere konnten gut zaubern – sie mussten sich nur konzentrieren und einen Zauberspruch denken, dann geschah irgendetwas Eigenartiges. Und alle waren eng verbunden mit der Natur. Jede junge Hexe konnte das Wetter vorhersagen, indem sie die Luft witterte und Erde zwischen den Fingern verrieb. Einem Hexenmädchen gelang es schon im Kleinkindalter, Vögel herbeizurufen und deren Gefieder zu streicheln. So viele Jahre hatte Ember versucht, wenigstens diese einfache Aufgabe zu bewältigen. Doch die Vögel flatterten so ängstlich vor ihr davon, als sei sie ein bedrohlicher Feind.

Ember konnte den Hexenzirkel mit gar nichts beeindrucken. Ihre Beschwörungen gerieten zu harmlosen Liedchen, die sie sehr zum Verdruss aller anderen vor sich hin trällerte. Sie war allergisch gegen Tierfell und fiel beim Anblick von Blut in Ohnmacht. Und bekanntermaßen musste sie sich sofort übergeben, wenn ihr ein Reptil unter die Augen kam. Das einzige Unterrichtsfach, an dem Ember Spaß hatte, war Geschichte. Die Berichte über ihre mutigen Ahninnen – unabhängige Frauen, die man nicht selten aus der Gemeinschaft verstoßen hatte und die häufig ihr Leben opfern mussten, um sich selbst und ihrer Berufung treu zu bleiben – faszinierten Ember. Doch dann erwachte sie nachts schreiend aus Albträumen über diese Geschichten und flüchtete sich zu Charlock ins Bett. Mit dem Kopf in der Armbeuge ihrer Mutter und der Wange an deren Busen lauschte Ember dann Charlocks Herzschlag, bis sie wieder einschlummerte.

Jetzt wandte sie sich vom Fluss und all seinen Verheißungen ab und machte sich auf den Rückweg. Ihre Mutter wartete sicher schon. Bestimmt hatte sie von dem Vorfall mit der Schlange gehört und ahnte, wo Ember sich verkrochen hatte. Charlock kannte Embers Eigenheiten nicht nur, sondern duldete sie auch. Seit jeher schützte Charlock ihre Tochter vor der Kritik der anderen und versuchte, alle Schwächen auszugleichen. Die Liebe ihrer Mutter umgab Ember wie eine wärmende Decke und verhinderte, dass Embers Herz durch Hohn und Spott erkaltete.

Ember stand jedoch auch unter dem Schutz ihrer Tante, und niemand wagte es, Raven anzugreifen. Die Ältesten im Zirkel hatten Raven den Vorsitz am Tisch zuerkannt; niemals zuvor hatte eine so junge Hexe diese Stellung innegehabt. Doch Raven war die mächtigste Hexe des Nordens, und niemand legte sich ungestraft mit ihr an. Sie beherrschte Zauber, von denen noch niemand je zuvor gehört hatte und die niemand auch nur für möglich hielt. Landaus, landein und auch in der Ferne eilte Raven ihr Ruf voraus, und Embers Cousine Sorrel brüstete sich gerne damit und sonnte sich im Ruhm ihrer Mutter.

Charlock verhielt sich eher zurückhaltend. Sie war zwar die Schwester der glorreichen Hexe, machte aber kein Aufhebens davon. Vielleicht fürchtete Charlock, dem Vergleich nicht standhalten zu können, aber Ember vermutete, dass ihre Mutter einfach bescheiden war und keinen Wert auf Geltung legte. Charlock war eine begabte Heilerin mit einem großen Wissen über Pflanzen und Arzneien, die jedoch nur über beschränkte Zauberkünste verfügte. Die Prophezeiung für die Familie, die Raven so ungemein wichtig war, interessierte Charlock nicht. Sie freute sich für Raven und Sorrel, dass sie die Erwählten waren. Und Ember war auch ungeheuer froh, dass sie als Anwärterin ausschied. Sie oder Sorrel würde die nächste Königin sein, hieß es in der Prophezeiung, und es gab keinerlei Zweifel daran, dass Ember für diese Rolle nicht in Frage kam.

Als sie ins Lager zurückkehrte, erspähte sie ihre Cousine mit ein paar anderen Junghexen und duckte sich rasch hinter ein paar Laken, die draußen zum Trocknen aufgehängt waren.

»Zu spät, Em!«, schrie Sorrel.

In Embers Magen rumorte es, wie immer in solchen Momenten.

»Wir sehen deine Beine«, kicherte eine der Junghexen.

»Wir haben gehört, was mit Schwester Ada und dir los war. Du kannst dich nicht ewig verstecken!« Das war wieder Sorrel.

Ember überlegte, ob sie wegrennen sollte, aber sie hatte Charlock gelobt, sich künftig zur Wehr zu setzen. Deshalb trat sie nun hinter der Wäsche hervor, und die anderen kamen auf sie zu.

»Riecht sie nicht wieder lieblich?«, höhnte Kyra, Sorrels Hauptverbündete.

Sorrel beugte sich vor und beschnüffelte Ember, worauf Sorrels Nase zu zucken begann. Es folgte ein Niesanfall. Die Mädchen lachten lauthals, und Ember stimmte in das Gelächter ein. Aus Rache zog Sorrel ihre Cousine an den Haaren.

»Au, das hat weh getan!«, rief Ember.

»Oh, arme kleine Em, soll ich dich heilen?«, erwiderte Sorrel und imitierte dabei Embers helle Stimme.

»Nein!«, sagte Ember so fest wie möglich. »Bitte, Sorrel …«

Ember versuchte, das Zittern zu unterdrücken, aber die Angst hatte sie schon gepackt. Für gewöhnlich hielten solche Hilfsangebote von Sorrel nämlich weiteres Ungemach für Ember bereit – Pockenkrater und Narben aller Art sprachen Bände. Ember schloss die Augen und hob die Arme vors Gesicht. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie das noch immer machte, weil ihre Arme sie natürlich überhaupt nicht schützen konnten. Sorrel wandte weitaus schlimmere Mittel als Schläge an, aber Ember konnte auf diese Geste einfach nicht verzichten.

»Sorrel Hawkweed. Kein Schaden um des Schadens willen.« Charlocks Stimme, laut, klar und fest.

Ember öffnete die Augen und sah, wie Sorrel vor Ärger das Gesicht verzog und dann rasch ein heuchlerisches Lächeln aufsetzte, bevor sie sich zu Charlock wandte.

»Gewiss doch, Tante. Kein Schindluder treiben mit Macht und Magie.«

Ember sah ihre Mutter an, die den Kopf schräg gelegt und die Augenbrauen hochgezogen hatte. Charlock ließ sich nicht täuschen. Dann wandte sie sich mit mahnendem Blick zu ihrer Tochter und sagte: »Los doch, Ember. Trödel nicht herum. Es gibt viel zu tun.«

Als Ember an den Mädchen vorbeieilte, streiften ihre Röcke die ihrer Cousine. Sorrel murmelte: »Du bist so eine Blamage«, und Ember warf ihr einen beinahe entschuldigenden Blick zu.

Sie verzieh ihrer Cousine all die Gemeinheiten, weil Ember wusste, wie schwer es für Sorrel war, eine Verwandte wie sie zu haben. Als sie noch klein waren, hatte die fünf Jahre ältere Sorrel Ember wie ein Schoßhündchen behandelt, und Ember war ihrer Cousine auf Schritt und Tritt gefolgt und hatte bewundernd zu ihr aufgeblickt. Doch als Sorrel irgendwann verstand, wie unfähig Ember war, ging sie auf Abstand. Und um das Gesicht zu wahren, verhöhnte und verletzte Sorrel ihre Cousine nun immer, bevor die anderen es taten, und erwies Ember damit vermutlich sogar einen Gefallen. Denn die anderen Hexenmädchen hätten ihr noch viel schlimmer zugesetzt als jemand aus ihrer eigenen Familie.

Auch ihre Mutter litt unter Embers zahllosen Schwächen. Das gab Charlock zwar nie zu, aber Ember spürte es. Die Einzige aus der Familie, die Ember nicht das Gefühl vermittelte, eine Last zu sein, war Raven. Sie schien ihre Nichte so anzunehmen, wie sie war, stellte keine Erwartungen an sie und zeigte keine Enttäuschung.

Auf dem Weg zum Wohnwagen schwieg Charlock. Ember merkte wohl, dass ihre Mutter vor Wut nicht sprechen konnte, und wusste, dass ihr Zorn nicht nur Sorrel und ihrer Bande galt, sondern auch ihrer Tochter. Wieder einmal hatte Ember versagt. Um etwas wiedergutzumachen, bereitete Ember später das Abendessen zu. Sie kochte Gemüse, das sie aus ihrem Beet geholt hatte, und Tee aus selbstgesammelter Minze, den sie mit dem letzten Rest Honig aus der Bienenwabe süßte, wie Charlock es gerne mochte. Das hatte nichts mit Hexerei zu tun, und man brauchte dafür keine besonderen Talente oder Fertigkeiten. Aber es war das Einzige, was Ember zustande brachte.

4. Kapitel

Eine Biene schwirrte laut brummend in Poppys Kopf herum. So fühlte es sich zumindest an. Das passierte immer mal wieder aus heiterem Himmel; als habe Poppy den Sender für die Welt verschaltet und höre nur noch Rauschen. Diesmal allerdings war es schlimmer als je zuvor. Poppy legte sich hin und schloss die Augen, aber dabei wurde es nur noch unerträglicher. Ihr Zimmer, das Haus, die Stadt – alles war so bedrückend. Ihr Vater war ausgegangen. Poppy wusste nicht, wo er sich aufhielt; sie wusste nur, dass sie hier am Wochenende alleine herumsaß und das leere Haus sich nicht leer genug anfühlte. Sie musste sich bewegen, frische Luft atmen.

Poppy eilte die Straße entlang, die am schnellsten aus der Stadt herausführte. Sie bemerkte kaum, wie die Häuser zurückblieben und aus der Straße ein Feldweg wurde. Über ein Tor kletterte sie auf eine Wiese, wanderte einen Abhang hinauf Richtung Wald. Die Bäume ragten so hoch auf wie eine Festung, die alles schützte, was sich in ihr verbarg. Aber auf der Landkarte ihres Vaters hatte Poppy gesehen, dass der Ozean hinter diesem riesigen Wald lag, einem abweisenden und unwirtlichen Stück Land, das sich über viele Kilometer erstreckte und um das alle einen weiten Bogen machten.

Beim Gehen hörte Poppy wechselnde Geräusche, als versuche sie vergeblich über ein altes Radio eine Nachricht zu empfangen. Plötzlich wurden diese Laute so unerträglich wie das Kratzen von Fingernägeln auf einer Schiefertafel, und Poppy hielt sich unwillkürlich die Ohren zu, weil sie vergessen hatte, dass der schreckliche Lärm nur in ihrem Kopf und nicht draußen war. Sie kauerte sich auf den Boden, machte sich so klein wie möglich, als könne sie sich damit vor dem Schmerz verstecken. Schaukelte vor und zurück und versuchte angestrengt, sich auf angenehmere Geräusche zu konzentrieren. Die Rufe von Vögeln am Himmel; der Wind, der durchs Gras fegte und die Schnallen an ihren Stiefeln zum Klackern brachte; das Muhen von Kühen in der Ferne. Als dieses Potpourri die Oberhand gewann und das Brummen übertönte, konnte Poppy wieder den Kopf heben und die Augen öffnen.

Zuerst war alles so verschwommen, dass sie blinzeln musste, um das Tier zu erkennen, das sich ihr näherte. Poppy rieb sich verblüfft die Augen, aber es kam immer näher, und dann verstand Poppy, dass es tatsächlich real war – ein waschechter Hase mit langen Beinen, schmalem Kopf, zuckender Nase und zitternden Tasthaaren. Der Hase legte fragend den Kopf schief, nickte Richtung Wald und hoppelte los. Dann hielt er an, blickte zu Poppy zurück und wartete. Poppy drehte sich um und schaute auf die Stadt, wie um sich zu vergewissern, dass sie noch da war – grau wie Asche inmitten des leuchtenden Grüns. Der Hase machte einen riesigen Sprung, damit Poppy ihn wieder ansah, blieb erneut stehen und schien ihr zu winken. Als sie sich aufrichtete, wurde ihr schwindlig. Der Hase zappelte ungeduldig.

»Schon gut«, murmelte Poppy. »Ich komme ja.«