Die Pyramide. - Brockenhexe - E-Book

Die Pyramide. E-Book

Brockenhexe

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Beschreibung

Dieses ist die Geschichte einer Krankenschwester – um die 30 – die bisher keine ernsthafte Partnererfahrung hat. Sie ist befreundet mit einem Mann, dessen große Liebe sie ist, dem sie aber nur kameradschaftliche Gefühle entgegenbringt. Heimlich träumt sie von dem Prinzen, der eines Tages kommen wird. Der kommt tatsächlich eines Tages, und sie wirft ihr ganzes bisheriges Leben hin. Sie erkennt nicht, dass sie nur benutzt wird, um Opfer in einem perfekten Mord zu sein. Doch es kommt der Tag, an dem sie sich rächen kann. Wird sie ihrerseits in der Lage sein, den perfekten Mord zu begehen?

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Brockenhexe

Die Pyramide.

Im Zeichen des Orion.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Einführung

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Weitere Bücher der Autorin.

Impressum

Einführung

Am 28. August verließ ich morgens um 7.45 Uhr das Haus mit der festen Absicht, einen Menschen zu töten. Diese Vorstellung löste einen Adrenalinstoß in mir aus, der mich in einen Rauschzustand versetzte. Als die Haustür ins Schloss fiel, blieb ich einen Augenblick auf dem Treppenabsatz stehen. Die Sonne schob sich langsam den wolkenlosen Himmel hinauf. Über den liebevoll gepflegten Gärten lag ein leichter Morgendunst. In unserer Straße war es seit einigen Jahren zu einem stillen Wettbewerb gekommen, bei wem denn die schönsten Rosen blühten. Mir bot sich ein Bild wie ein Aquarell. Ich genoss es einen Augenblick lang, denn ich hatte das Gefühl, von etwas Abschied nehmen zu müssen. Hanne von gegenüber stand im geöffneten Fenster, Lockenwickler im Haar, und wienerte ihre Scheiben. Jeder wusste, dass dies ein Tick von ihr war. Sie selber wiederholte häufig, dass sie Flecken auf der Scheibe nicht leiden könne, und so hatte sie mit Abstand die saubersten Fensterscheiben in der Straße. Einige spotteten, sie putze nur deshalb so häufig, weil sie dann ungeniert alles Geschehen auf der Straße beobachten könne und nicht verstohlen hinter der Gardine stehen müsse. Hanne kannte die Mär und lachte:

„Ich weiß sehr genau, wer hinter der Gardine steht.“

Sie winkte mir zu und rief

„Guten Morgen“

Ich winkte und grüßte zurück. Während ich in Richtung Bushaltestelle lief, fiel mir plötzlich ein, dass heute Goethes Geburtstag war. „Go-ethe ist ein Pöt“, hatten wir in der Schule gealbert. Was für eine komische Einrichtung dieses menschliche Gehirn ist! Während ich mit dunklen Mordgedanken beschäftigt war, produzierte es sinnlosen Unfug. Gänzlich abwesend stieß ich mit Specki zusammen. Eigentlich hieß sie Heidrun. Da sie aber über ein funda­mentales Hinterquartier verfügte und eine mächtigen Veranda vor sich herschob, hatte sie schnell ihren Spitznamen weg. Manche frotzelten und fragten sie, wann sie denn zuletzt ihre Füße gesehen habe.

„Mensch, Rosi,“ rief sie, „wo bist Du mit Deinen Gedanken? Welches Menschenleben rettest Du denn gerade?“

Ich schrak zusammen.

„Guter Gott, Specki, Du wucherst ja den ganzen Bürgersteig zu. Vielleicht solltest Du Dich entschließen, seitwärts zu gehen. – Obwohl.... ob das viel ausmacht, weiß ich nicht.“

Wir lachten, und sie seufzte:

„Ich versuch´s ja.“

Ich strich ihr mit dem Rücken meiner Finger über die drallen Wangen.

„Speckilein, Du schadest Deiner Gesundheit. Du solltest wirklich etwas Gewicht verlieren.“ Sie stieß noch einen tiefen Seufzer aus und zuckte die Achseln.

Eigentlich geht es mir doch gut, überlegte ich, und ich zweifelte einen Moment lang, ob ich meine finsteren Pläne verwirklichen sollte. Ich kam mit den meisten Nachbarn gut aus, ich fühlte mich in der Straße zu Hause, ich war hier glücklich mit Mann und Kind. Sollte ich wirklich? Und Goethe, würde er mein Leben spannend genug finden, um ein Drama darüber zu schreiben? Er hatte doch von seinen Liebeserlebnissen gezehrt und je mehr er litt, desto er­greifender gedichtet. Nun, er war dahin. Auf ihn konnte ich nicht mehr hoffen.

Vor der Bushaltestelle gab es ein Grundstück, dessen blühende Pracht in diesem Jahr alle anderen Gärten in den Schatten stellte. Die Morgensonne, die auf die Tautropfen in den Spinnweben und Rosen fiel, verwandelte den Garten und das kleine gepflegte Fachwerkhäuschen in ein Märchen. Man sollte meinen, das perfekte irdische Glück wohne in dem Haus hinter dem Blüten­traum. Bei näherem Hinsehen wurde man aber gewahr, dass die ersten Anzeichen von Verwelken und Tod sich bemerkbar machten. Einige Rosensträucher hatten Rost, andere Mehltau. Die Blüten hatten ihre schönste Zeit hinter sich. Es roch leicht nach Herbst. Der Tod kündigte sich an. Ich trug ihn in meiner kleinen Kühltasche bei mir. Der Bus kam, den ich im Laufschritt noch erwischte. Ganz benommen von diesem herrlichen Morgen kamen mir Zweifel an meinem Vorhaben. Als ich jedoch die Eingangshalle der Klinik durchschritt, kehrte der feste Entschluss zurück, ein für allemal mit den Gespenstern aus meiner Vergangenheit aufzuräumen. Ich würde diesen perfekten Mord begehen.

Kapitel I

Als sich die Zellentür hinter mir schloss und der Riegel vorgeschoben wurde, sah ich zuerst die unscheinbare kleine Frau, die auf dem Bett saß. „Graue Maus“ stellte ich fest. Haare grau, Haut grau, Augen grau. Sie trug einen verwaschenen Jogginganzug; könnte auch mal grau gewesen sein. Auf der Brust die Aufschrift „University of Cambridge“. Gütiger Himmel! Sie sah mich erwartungsvoll an.

„Ich bin Anne-Kathrin“.

Klang irgendwie nach wohlhabenden Eltern, fand ich.

"Man nennt mich Ännchen", fügte sie hinzu.

„Ännchen von Tharau“ fiel mir ein.

„Gut, Ännchen. Ich heiße Rosemarie. Man nennt mich Rosi,“ sagte ich.

Sie beugte sich etwas vor und sagte konspirativ:

„Ich bin eine Mörderin. Habe meinen Herrn Gemahl umgebracht.“

Fassungslos schaute ich sie an. Sie hatte es so lässig ausgesprochen, wie wenn jemand sagt, er habe mal eben einen kleinen Spaziergang gemacht.

„Zyankali“, sagte sie und kicherte, wohl wegen meines ziemlich dämlichen Gesichtsausdrucks.

„Ich habe meinem Alten Zyankali in den Kaffee gekippt.“

Dann fügte sie schnell hinzu:

„Du brauchst keine Angst zu haben, ich morde nur Männer. Und Du, was hast Du angestellt?“ „Nichts“, antwortete ich.

„Nicht mal´n kleinen Mord?“

Sie blickte mich verschwörerisch an. Ich zuckte die Achseln und sah mich in der Zelle um. An zwei gegenüberliegenden Wänden stand je ein Bett.

„Das da ist noch frei“, sagte Ännchen von Tharau.

“O.k.“, ich legte meine Handtasche und die Bettwäsche auf das Bett

.“ Die linke Seite kannst Du haben“, sagte sie dann und zeigte auf einen zerkratzten grauen Spind.

Meine Verhaftung war so schnell gegangen, dass ich nichts bei mir hatte, was ich in den Schrank hätte einsortieren können.

„Du bist aber elegant“, plapperte sie weiter und starrte auf mein Designer-Outfit.

„Frisch von der Silvesterfeier verhaftet?“

Ich nickte. Es stank und mein Blick wanderte zur Toilette. Ach du liebe Zeit. Hier also sollte ich quasi öffentlich meine Notdurft verrichten, und jederzeit konnte jemand hereinkommen und uns bei unseren intimen Verrichtungen besichtigen. Ich werde verrückt! Unter dem Fester stand ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Ich setzte mich und schloss völlig erschöpft die Augen. Mein Kopf dröhnte, meine Wahrnehmung war auf „Hall“ gestellt. Jedes Geräusch verursachte einen Knall in mir, mein Magen drehte sich; ich lief zur Toilette und musste mich übergeben. Ich wusch mein Gesicht und blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Unbeschreiblich, was ich dort sah. Mein sorgfältig aufgetragenes Make-up vom Vorabend befand sich jetzt im Handtuch, die Wimperntusche war in den Augenhöhlen verschmiert, die vom Friseur festgesteckten Löckchen hatten sich verselbständigt und standen wirr vom Kopf ab. Ich wankte zu meinem Bett und tastete nach der Bettwäsche.

„Komm, ich helfe Dir,“ sagte Ännchen und ergriff das Laken.

Ich streifte meine unbequemen Schuhe ab, die Füße schmerzten, stieg aus meinem Kleid und warf mich auf das harte Lager. Augenblicklich fiel ich in einen komaähnlichen Schlaf.

Irgendwann wurde ich wach, weil jemand an mir rüttelte.

„Aufwachen, aufwachen!“

Ich öffnete die Augen und erblickte eine dralle Gefängniswärterin.

„Ihr Anwalt wartet auf Sie. Ziehn´se sich an. Hier sind ´n paar Klamotten. Hat Ihr Anwalt für Sie mitgebracht“.

Dann verschwand Sie, und ich quälte mich hoch. Das Cocktailkleid lag auf dem Boden vor meinem Bett. Ich konnte es ja wohl nicht wieder anziehen. In den Sachen fand ich einen bequemen Jogginganzug und ein paar Ballerinas, eine Wohltat für meine gefolterten Füße.

Die Zellentür ging auf und die Dralle erschien wieder.

„Kommen´se, Krause,“ rief sie wichtigtuerisch. Ich erhob mich und versuchte würdevoll zu erscheinen.

„Frau Krause, bitte“ belehrte ich sie.

Sie betrachtete mich giftig:

„Dich krieg ich auch noch klein, Frau Krause,“ zischte sie.

„Glaub ich,“ erwiderte ich, „im Kleinkriegen haben Sie sicher Erfahrung.“

Dann rief ich mich zur Ordnung: Rosemarie, wenn Du so weitermachst, hast Du in zwei Tagen das gesamte Gefängnispersonal gegen Dich. Ich nahm mir vor, künftig lieber die Klappe zu halten.

Jochen hatte Wort gehalten und mir sofort einen guten Anwalt geschickt. Lange würde ich sowieso nicht im Gefängnis bleiben müssen. Dachte ich.

Im Besprechungsraum traf ich auf Dr. Kluge, den ich nicht mochte. Er solle mich von Jochen grüßen.

„Wann kommt Jochen?“ fragte ich.

„Er hat im Moment den Kopf voll. Man hat nämlich seine Frau ermordet, wie Sie ja selbst wissen. Die Formalitäten der Beerdigung, die Verhöre.“

Er seufzte, und sah mich an, wie man ein lästiges Kind ansieht. Mir war klar, dass er mich für die Mörderin hielt. Fieberhaft überlegte ich, wen ich zu meiner Verteidigung bestellen könnte. Diesen Kluge wollte ich nicht, auch wenn er, wie ich wusste, einen sensationellen Ruf als Strafverteidiger hatte. Aber dieser Kerl hatte mich schon immer aufgebracht.

Wir setzten uns und Kluge schlug seine elegante Krokomappe auf.

„Leider befinden Sie sich in einer sehr prekären Lage,“ dozierte er. „Sie sind sozusagen auf frischer Tat erwischt worden.“

„Aaber.....“

„Gut, gut, liebe Frau Krause. Wir alle wissen, dass Sie unschuldig sind. Nur, der Anschein spricht gegen Sie, und für den Mord kommen nicht viele Leute in Frage. Haben Sie im Verhör irgendwelche Aussagen gemacht?“

„Nein, ich habe gesagt, dass ich zuerst mit meinem Anwalt sprechen möchte.“

„Sehr gut. In der Tat sieht es so aus, dass, wenn man keinen anderen Täter findet, Sie verurteilt werden dürften.“

„Was genau wollen Sie damit sagen?“

„Tja,“ Kluge rieb sein Kinn. „Ich habe das schon kurz mit Jochen, ich meine Herrn Fischer, besprochen. Am besten Sie zeigen sich reuig und gestehen. Man könnte versuchen, auf Totschlag zu plädieren. Das gäbe dann höchstens acht bis zehn Jahre, und Sie kämen bei guter Führung nach ca. fünf Jahren wieder frei.“

„Haben Sie dafür eine Garantie vom Staatsanwalt? Haben Sie schon mit ihm gekungelt?“ „Nein, nein,“ er hob entsetzt die Hände, und ich wusste, dass er log. Das war doch alles eine Clique.

„Ich musste ja zuerst mit Ihnen sprechen.“

Hatte er mich verkauft?

„Kann es sein, dass Sie zuviel DALLAS gesehen haben?“ fragte ich kühl und stand auf.

“ Ich werde mir das alles durch den Kopf gehen lassen“.

Wir verabschiedeten uns und ich wurde in meine Zelle zurückgebracht. Kluge war wahrscheinlich wie der Staatsanwalt Mitglied im Rotary-Club. Bei einem Mittagessen würde man über die kleine Krause, dieser Geliebten von Jochen Fischer, sprechen. Kluge verschaffte der Staatsanwaltschaft einen schnellen Erfolg und hatte für sein Honorar nicht allzu viel zu tun. Warum hatte Jochen diesen Vorschlag so offensichtlich akzeptiert? Wollte er denn nicht, dass ich möglichst schnell wieder frei wäre? Ich war äußerst beunruhigt und misstrauisch. Dann fiel mir Mark ein. Er war Rechtsanwalt, schlug sich aber mehr schlecht als recht durch. Es ging das Gerücht, dass er mit seinen Methoden nicht sehr pingelig sei, wenn es um die Durchsetzung der Rechte seiner Mandanten ginge. Er war in mich verliebt und hatte mir einmal leicht alkoholisiert zugeflüstert, für mich würde er alles tun, selbst mich aus der Hölle holen. Jetzt war ich in der Hölle, und ich beschloss, ihn beim Wort zu nehmen.

Als die Zellentür hinter mir zuschepperte, hatte ich wieder dieses hohle Dröhnen im Kopf. Ohne auf meine Zellengefährtin zu achten, setzte ich mich auf mein Bett und starrte auf das vergitterte Fenster.

„Ach, übrigens, Frohes Neues Jahr noch,“ hörte ich sie plötzlich sagen.

„Ja, ja“, antwortete ich, „Dir auch“.

„War was mit Deinem Anwalt?“

„Nö, hab ihn nur entlassen.“

„Super, und jetzt?“

„Ich habe einen guten Freund. Man hat mir erlaubt ihn anzurufen, aber er hat sich nicht gemeldet. Der muss wahrscheinlich seinen Silvesterrausch ausschlafen und ist in den nächsten Tagen halbtot. Morgen früh werde ich in seinem Büro eine Nachricht hinterlassen. Er wird sich schon melden.“

„Du meinst, Du willst Dein Schicksal einem alten Saufbold anvertrauen? Hast Du se noch alle?“

Ja, hatte ich sie denn wirklich noch alle? Wie zum Trost dachte ich

„Wenigstens hast Du jetzt Deine Zahnbürste, Deine Kosmetik, frische Unterwäsche und Deine eigene bequeme Garderobe.“

Wie bescheiden man doch wird.

Kapitel II

Ich sah Ännchen von Tharau an. Sie hatte mir über zwei Stunden lang ihr Leben erzählt und wie es zu dem Mord an ihrem Mann gekommen war. Der Richter müsste sie eigentlich freisprechen, denn sie war schon vor dem Mord bestraft worden.

Mit zwanzig hatte sie einen fast gleichaltrigen Mann geheiratet, weil ein Kind unterwegs war. Sie hatten beide kaum Schulbildung und gerade mal seit zwei Jahren eine Lehre abgeschlossen. Er als Kfz-Mechaniker, sie als Verkäuferin. Ersparnisse gab es nicht, das Einkommen war gering. Der Hausstand wurde auf Pump gegründet. Der Mann war mehr arbeitslos als beschäftigt. Immer hangelten sie sich von Arbeitslosen-Unterstützung zu Arbeitslosen-Unter­stützung . Sie arbeitete als Verkäuferin und verdiente samstags als Putzfrau noch etwas dazu. Schließlich hatten sie drei Kinder und sie konnte nicht mehr arbeiten, denn er war nicht dazu zu bewegen, sich um Haushalt und Kinder mitzukümmern. Mehr und mehr verfiel er dem Alkohol mit all den bekannten Begleiterscheinungen: Prügeln von Frau und Kindern, Vergewaltigung und schließlich völlige Überschuldung und Kreditunwürdigkeit, eine Frauenkarriere, die häufiger vorkommt als öffentlich bekannt wird.

Dabei hatte sie als junges Mädchen ihre Mutter nicht verstanden, die von ihrem Ehemann genauso behandelt worden war. Nie hatte sie ein Leben wie ihre Mutter führen wollen. Aber Mütter geben die Verhaltensmuster an ihre Töchter weiter, und diese heiraten dann Männer wie ihre Väter.

Ännchen hatte Tränen in den Augen. Nach einundzwanzig Jahren ehelicher Qualen hatte sie sich Zyankali beschafft und ihren Mann vergiftet. Sie litt darunter, war aber trotzdem froh frei zu sein.

„Ich sehe das auch positiv“, meinte sie.

Sie musste irgendeinem Seelenklempner in die Hände gefallen sein.

„Ich habe alles zugegeben Mein Anwalt sagt, ich krieg mildernde Umstände. Bei lebenslänglich kann ich in 15 Jahren wieder draußen sein. Inzwischen kann ich was lernen. Irgendetwas, was mir Spaß macht. Mein Anwalt sagt, er will auf Totschlag plädieren. Dann wird´s weniger.“

Alarmiert fuhr ich hoch.

„Bei Giftmord auf Totschlag plädieren. Das habe ich heute schon einmal gehört.“

„Wie hast Du´ s denn gemacht?“ fragte sie mich.

„Zyankali, Schwester“, antwortete ich sarkastisch.

Das war ja ein merkwürdiger Zufall! „Ich bin unschuldig“, bemerkte ich etwas halbherzig und wusste, dass sie mir nicht glaubte.

„Ehrlich?“ fragte sie gutmütig, „das sagen nämlich alle hier. Gib´s lieber zu, das kommt immer gut an.“

Am Nachmittag des 2. Januar kreuzte Mark auf. Ich wurde wiederum in den Besprechungsraum geführt. Er sah mich bekümmert an.

„Junge, Junge,“ sagte er nur und kratzte sich am Kopf. „Erzähl mal. Und zwar alles. Ich will die Wahrheit! Wenn Du lügst, dreh ich Dich durch den Wolf.“

„Mark, ich war es ganz bestimmt nicht“, beteuerte ich, nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt hatte.

„ICH glaube Dir. Aber selbst, wenn Du es getan hättest, würde ich Dich hier rausholen. Ich weiß nur noch nicht wie.“

Er überlegte laut.

„Du hast bisher schlauerweise keinerlei Aussage gemacht. Sie werden Dich verhören. Dabei will ich anwesend sein. Du wirst sagen, Jochen habe Dich gebeten, Du mögest im Ruheraum der Toilette nach seiner Frau sehen, und sie fragen, ob sie denn auch die ihr verordneten Medikamente genommen habe, was sie bejahte. Du habest ihren Puls gemessen, der war beschleunigt. Du habest ihr ein Glas Wasser zum trinken gereicht, ihr geraten, sich flach hinzulegen, tief durchzuatmen und zu versuchen sich zu entspannen. Du habest ihr noch ein Kissen unter die Beine geschoben und gesagt, Du kämest bald wieder. Präge Dir diese Aussage ein. Die Frau, die auf der Toilette war, hat das Gespräch offenbar nicht genau mitbekommen. Sie hat was von Arzt und Tablette gehört. Ihre Zeugenaussage ist nach meiner Meinung eher zu Deinen Gunsten. Ich denke, was die in der Hand haben, ist dünn. Ich werde möglichst bald einen Haftprüfungstermin beantragen. Außerdem werde ich Verlegung in eine Einzelzelle verlangen. Diese Zyankaligeschichte Deiner Zellengenossin gefällt mir ganz und gar nicht. Die hat ihre Tat gestanden und Kluge wollte Dich auch zu einem Geständnis überreden. Ich wittere Unrat.“

„Das mit der Verlegung in eine andere Zelle lass lieber bleiben. Wenn ich niemand zur Unterhaltung habe, fällt mir die Decke auf den Kopf. - Jochen war immer noch nicht da,“ fügte ich deprimiert hinzu.

„Na, ja, der steht auch unter Verdacht. Ihr könntet den Mord gemeinsam geplant haben. Aber dem gerissenen Hund passiert bestimmt nichts,“ beruhigte er mich grinsend.

Ich sah ihn prüfend an.

„Wieso seid Ihr beiden eigentlich befreundet?“

„Na ja, wir haben ein paar gemeinsame Leichen im Keller. Und wir haben uns nach etlichen Besäufnissen auf dem Nachhauseweg oft aneinander geklammert und uns gegenseitig schwankend Halt gegeben. Das verbindet.“

Ich mochte ihn und die Art, mit der er versuchte mich aufzuheitern. Er war ein witziger Unterhalter. Wie oft hatte ich bei seinen Erzählungen Tränen gelacht

Auf dem Rückweg in meine Zelle überkam mich plötzlich ein starkes Gefühl der Zuversicht. Mark würde mir helfen. Warum nur hatte Jochen mir diesen Dr. Kluge geschickt und nicht Mark, mit dem ihn doch offensichtlich einiges verband?

Meinen letzten Gedanken hatte ich halblaut vor mich hingemurmelt.

„Dieser Jochen“, fragte Ännchen, „hat er was mit Deinem Mord zu tun?“

Sie platzte vor Neugier, und ich beschloss, es ihr zu erzählen. Es war ohnehin an der Zeit, die ganze Geschichte noch einmal Schritt für Schritt in Gedanken ablaufen zu lassen.. Vielleicht würde ich mich dabei an etwas Entscheidendes erinnern.

******

„Besuch für Sie, Frau Krause“ rief die dralle Wärterin mit übertriebener Betonung auf dem Wort ‚Frau’.

„Vielen Dank“, sagte ich ebenso übertrieben liebenswürdig.

Ich rechnete mit Mark, aber es war Jochen. Meine Freude war übergroß, und ich wollte ihm um den Hals fallen.

„Keine körperlichen Kontakte!“ bestimmte der anwesende Wärter.

„Wie geht es Dir, warum kommst Du erst jetzt, warum hast Du mir diesen Kluge geschickt?“ Ich hätte noch 20 weitere Fragen gestellt, doch Jochen unterbrach mich.

„Wir haben wenig Zeit,“ sagte er kühl und nüchtern, „lass uns das Wichtigste besprechen. Bitte! Warum hast Du Kluge gegen Mark ausgetauscht? Es war gar nicht so einfach, Kluge für den Fall zu engagieren. Er will gewinnen; aussichtslose Fälle übernimmt er normalerweise nicht.“

Ich war fassungslos. Ich war also ein aussichtsloser Fall und Jochen schien verärgert.

„Bist Du denn eigentlich aus dem Schneider? Mark sagte, Du stündest auch unter Verdacht. Und Du hast mir schließlich die Pille gegeben.“

Er biss sich auf die Unterlippe.

„Wir wollen uns doch nicht gegenseitig Vorwürfe machen“, sagte er sanft und strahlte mich an.

„Natürlich haben sie mich verhört. Aber da ich frei herumlaufe, ist das ein gutes Zeichen für Dich.“

„Nur hat der Richter im Haftprüfungstermin meine weitere Inhaftierung angeordnet,.“ sagte ich sarkastisch.

„Nun, es spricht wirklich vieles gegen Dich,“ sagte er und blickte mich traurig an. „Was glaubst Du, was mich das alles mitgenommen hat? Der Tod von Marianne, die Beerdigung. Die vorangegangene Obduktion. Dann die vielen Verhöre. Ich weiß, dass Du es nicht getan hast. Die Kripo weiß das nicht. Sie glaubt, Du warst es. Was meinst Du zählt mehr, mein Wissen oder deren Glaube?“

Er hatte wieder einmal recht und ich war plötzlich sehr unsicher. Am liebsten hätte ich mich in seine Arme geworden und mich von ihm streicheln und trösten lassen. Aber der Wärter machte schon wieder eine Abwehrbewegung und ich ließ resigniert den Kopf sinken.

„Lass Kluge mit dem Staatsanwalt reden. Fünf Jahre sind im Endeffekt besser als fünfzehn.“ Er redete beschwörend auf mich ein.

„Mark hat akzeptiert, dass er diese fantastischen Verbindungen von Kluge nicht hat. Er nimmt es Dir nicht übel, wenn Du ihn entlässt.“

Sein liebevoller, besorgter Blick ruhte auf mir, und ich nickte weinend. Fünf Jahre ohne ihn! Ich war verzweifelt.

„Ich warte auf Dich,“ sagte die weiche, warme Stimme, die ich so liebte.

„Betrachte es als Prüfung.“

„Zeit ist um“, kam es schneidend aus der Ecke des Wärters.

„Komm bald wieder“; flehte ich, und er nahm trotz Wärter meine Hand in seine beiden Hände.

Ich sah mich noch einmal um, als ich durch die Tür geschoben wurde. Er stand mitten im Raum und warf mir eine Kusshand zu. Ich vertraute ihm, so wie ich es immer getan hatte. Wenn er glaubte, dass Kluge das Beste für mich herausschlagen würde, dann war es richtig.

*****

„Schnell“, rief Ännchen. „Sonntags gibt´s immer Kuchen, und der Kaffee ist noch heiß“ Sonntag! Ich wusste nicht einmal mehr, welcher Wochentag gerade war. Der Kaffee war plürrig, aber der Streuselkuchen war frisch. Jochen war da gewesen, es war Sonntag, und ich empfand unsere Zweisamkeit in der Zelle plötzlich als ausgesprochen gemütlich. Ännchen bemutterte mich. Sie nahm an meinem Schicksal Anteil, und obwohl sie eine einfache Frau und noch dazu eine Giftmörderin war und ich eine Hotelmanagerin, die den Umgang mit den sogenannten „feinen Leuten“ gewohnt war, begann ich, ihr in dieser schlecht gelüfteten Zelle meine Geschichte zu erzählen.

Kapitel III

Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her“, begann ich, „da flog ich mit einem Freund nach Mallorca.“

„War das Jochen?“ fragte Ännchen eifrig.

„Nein,“ sagte ich, „er heißt Kurt, von mir Kurti genannt.“

„Wo ist denn Kurti heute?“ Ännchen war ob meines Männerverschleißes ganz erregt.

„Ich nehme an, er lebt noch in Hannover“.

Zum ersten Mal seit vielen Monaten dachte ich wieder an Kurti. Ich hatte lange nichts von ihm gehört. Früher hätte ich ihn in einer so schwierigen Situation angerufen, und er wäre gekommen, um mir zu helfen.

„Vielleicht hat er inzwischen geheiratet“.

Das konnte ich mir allerdings gar nicht vorstellen.

„Also, unsere Beziehung war so, dass wir zwei Einzelzimmer buchten,“ erläuterte ich ihr.

„Du meinst,“ fragte Ännchen erstaunt, „Du fährst mit einem Mann in Urlaub, und der will nichts von Dir?“

„So ist es,“ bekräftigte ich. „Er hatte gerade keine Freundin, ich keinen Freund; er hatte viel gearbeitet, ich hatte viel gearbeitet. Wir waren beide erschöpft und wollten einfach nur faulenzen. Da bot es sich an, dass wir das gemeinsam taten, oder?“

„Kann ich mir gar nicht vorstellen, ein Mann ohne Hintergedanken!“

Ännchen schüttelte den Kopf.

„Na, ja,“ gab ich zu, „wir haben es in einer schwachen Stunde einmal versucht, aber es war ein Flop.“

„Du meinst,“ fragte Ännchen, „nix Schwanz hoch?“

Sie kugelte sich vor Lachen.

„Ich war nicht sein Typ“, sagte ich. „Er schwärmte für Frauen mit breiten Hüften. Dann kriegte er richtig glänzende Augen. Ich habe ihm einmal gesagt: `lieber Himmel, die Frau hat eine Figur wie eine Bratsche,` Und Kurti sagte: `Du siehst, ich bin ein musikalischer Mensch`“. Wir lachten so, dass das Guckloch in der Zellentür geöffnet wurde und eine Wärterin rief, wir sollten nicht so laut sein.

„Ich nahm das nicht so tragisch. Er ist ein netter Kerl, aber meine große Leidenschaft war er nie. Von da an waren wir einfach Kameraden und haben nicht wieder über den Vorfall gesprochen.

„Ist wahrscheinlich immer so“, sinnierte Ännchen, „wenn die Männer nicht können, reden se von Freundschaft. Oder sie warten auf besseres Wetter,“ gab sie gackernd zu bedenken.

Ich hätte nie gedacht, dass sie so drollig sein könnte.

*****

Kurti und ich hatten zu Ostern eine Pauschalreise nach Pagueira gebucht, Hotel am Wasser mit Vollpension. Das Hotel war einfach, die Mahlzeiten ebenfalls. Aber es gab eine große ins Meer gebaute Sonnenterrasse mit Liegestühlen und Sonnenschirmen und nebendran eine kleine Sandbucht. Jeden Morgen deponierten wir noch vor dem Frühstück ein Handtuch auf eine der Liegen, die wir dann nach dem Frühstück bezogen. Wir schmierten uns mit Sonnenöl ein und streckten alle Viere von uns.

Ich war zu der Zeit Oberschwester auf der Station Inneres des Universitäts-Klinikums in Hannover, und Kurti leitete die Abteilung Rechnungswesen in der Tochterfirma eines großen Konzerns. Wir hatten wenig Zeit uns zu entspannen. Bei Kurti waren es Überstunden und Wochenendarbeit, bei mir Überstunden und Nachtdienste. Das führte auch zu Problemen bei der jeweiligen Partnersuche, und so waren wir oft froh, dass wir uns hatten. Wir gingen zusammen ins Theater oder ins Restaurant, wenn wir zufällig einmal zum gleichen Zeitpunkt frei hatten.

Juan von der Hotelbar kurvte mit vollen Tabletts zwischen den Liegestühlen umher. Kurti und ich guckten uns an: „Was hältst Du von einem Campari nach dem Frühstück?“ fragte er. Mir war alles recht, wenn es nur verrückt war. „Juan, dos Camparis“, schrieen wir auf Kommando und hielten ihm zur Bestätigung Zeige- und Mittelfinger wie ein V-Zeichen entgegen. Die Camparis wurden serviert. Inzwischen gab es niemanden mehr, der ohne ein Glas mit der roten Flüssigkeit nebst Strohhalm in der Hand in seinem Liegestuhl lag. Bis zum Mittagessen waren mindestens drei Gläser fällig. Schließlich musste man sich gegen die fremde Kost und ihre Wechselfälle absichern. Die Stimmung auf der Terrasse wurde immer besser, und ganz Mutige machten sich auf, um mit ihren Zehen vorsichtig das Wasser zu befühlen. Um diese Zeit war das Mittelmehr noch recht kühl. So wurden jedes Mal Wetten abgeschlossen, wenn jemand, vom Alkohol inspiriert den Einfall hatte, ein bisschen schwimmen zu gehen.

Nach dem Mittagessen mussten wir uns von den Strapazen des bisherigen Tages erholen. Dann ging es auf zu einem Spaziergang in die nächste Bucht. Der Weg, oder besser ein Trampelpfad, führte über die Klippen und zeigte uns die grandiose Schönheit der Insel. Auf einigen Felsnasen gab es Landsitze, die die Sehnsucht nach Wohlstand und Reichtum in uns aufkommen ließen. Dort zu wohnen, wenigstens für ein paar Wochen im Jahr, musste der Gipfel des Glücks sein.

„Ach,“ seufzte ich, „wo krieg ich nur ´nen reichen Mann her?“

In der Bucht fielen wir in die nächste Strandbar ein, in der bereits ein Teil der Hotelgäste ein volles Glas vor sich stehen hatte. Diesmal war spanischer Billigsekt angesagt, ein Gesöff, dessen Konsum ich zu Hause nicht einmal erwogen hätte. Hier bestellten wir uns eine ganze Flasche, und auf dem Heimweg erstrahlte das Meer, die Felsen, die Landsitze im doppelten Glanz von Abendsonne und Champagnerperlen.

Nach dem Abendessen im Hotel ging es ins Nachtleben. Es gab eine Reihe von Pinten in Pagueira, die die landesüblichen Getränke servierten. Die meisten waren leer. Es gab nur einen Ort, wo die Touristen abends sein wollten, und das war „La Sangria“. Hier einen Sitzplatz zu ergattern war ein großes Kunststück. Wer einen hatte, gab ihn nicht auf, und viele Gäste standen an der Tür, um sich auf den nächsten frei werdenden Platz zu stürzen. Der Grund für diesen Andrang war nicht allein die leckere Sangria, sondern in erster Linie die Tanzkapelle „Los Tres de Mallorca“.

*****

Inzwischen war es in unserer Zelle dunkel geworden. Ich hatte erzählt, das Abendessen war gekommen, das Licht wurde ausgemacht und Nachtruhe angemahnt.

„So etwas hätte ich auch gern mal erlebt,“ flüsterte Ännchen zu mir herüber. Ich bin eigentlich nie in Urlaub gewesen. Edi hat unser Geld immer versoffen.“

Am nächsten Vormittag wurde ich beim Hofgang aufgerufen.

„Sie sollen reinkommen, Ihr Anwalt ist da,“ sagte die Wärterin.

‚Dieser unsägliche Kluge’, dachte ich.

Aber es war Mark, der etwas verlegen im Besucherraum stand.

„Du?“, fragte ich überrascht, „hat Jochen nicht mit Dir gesprochen?“

„Du hast mir eine Vollmacht gegeben. Noch bin ich Dein Anwalt. Ich bin also für Dich verantwortlich. Ohne dass Du mir den Fall offiziell entziehst, muss ich weiter für Dich tätig sein.“

„Das ist mir aber sehr peinlich. Ich will Dich wirklich nicht verärgern. Jochen hatte gemeint, Ihr wäret Euch einig, dass Kluge einen Totschlag für mich aushandelt.“

Ich war völlig ratlos.

„Komm, setz Dich mal. Das mit der Kungelei solltest Du nicht so laut sagen. Ich hätte Kluge nicht für so unvorsichtig gehalten, dass er völlig ungeniert über seine Rotary-Kontakte spricht. Es könnte ihn die Lizenz kosten. An der Sache ist was faul. Man will Dich zumindest für einige Jahre hinter Gitter sehen.“

„Aber warum denn,“ rief ich völlig außer mir. „Jochen liebt mich. Er wird die fünf Jahre auf mich warten.“

Ich brach in Tränen aus. Leise und eindringlich redete Mark auf mich ein:

„Ich muss Dir sehr weh tun. Du weißt, Jochen ist mein Freund. Aber ich liebe Dich auch, und ich sehe, dass er Dich die ganze Zeit hintergeht. Er hat eine andere Freundin, ein junges Mädchen aus begüterter Familie. Ihr Geld würde ihm sehr gelegen kommen, um seine Schulden abzubauen. Ich sehe, dass der Tod seiner Frau allein für ihn Vorteile hat.“

Er machte eine Pause, und ich sah ihn entgeistert an.

„Mark,“ sagte ich langsam, „Du bist eifersüchtig, und Du verleumdest einen guten Freund.“ „Ich bin eifersüchtig, rasend eifersüchtig. Aber ich verleumde keinen guten Freund.“

Ich schüttelte resigniert den Kopf. Was sollte ich nur denken, wem glauben? Ein quälendes Misstrauen zerrte an mir, und ich hatte das Gefühl als ob jeden Moment riesige Felsbrocken auf mich herabstürzen müssten.

„Glaub mir doch“!

Er sah mich eindringlich, beinahe beschwörend an.

„Sie werden Dich noch einmal verhören. Dabei sollst Du gestehen. Wenn Du gestehst, hast Du bei einem späteren Widerruf schlechte Karten. Und widerrufen wirst Du, wenn Du merkst, dass aus dem versprochenen Deal nichts wird.“

„Ich muss meine Gedanken erst einmal sortieren“, stammelte ich hilflos.

„Tu das“, Mark drückte meine beiden Hände so fest, dass sie schmerzten. „Sage nichts ohne meine Anwesenheit, versprich mir das!“

Ich erreichte meine Zelle wie unter Hypnose. Meine Be­wegungen erfolgten mechanisch, mein Körper gehörte mir nicht mehr. Ich stand neben mir und sah mir zu. Jemand nahm meinen Arm und schüttelte ihn heftig. Erstaunt sah ich in Ännchens besorgtes Gesicht.

„Rosi, Rosi,“ rief sie, „was ist denn passiert? Komm, setz Dich doch. Komm, erzähl mir doch von Mallorca.“

Langsam kehrte ich in meinen Körper zurück und merkte, wie er zitterte.

Kapitel IV