Die Reise in die Welt im blauen Licht - Nikolaus Ohne Insel - E-Book

Die Reise in die Welt im blauen Licht E-Book

Nikolaus Ohne Insel

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Beschreibung

Ein blinder Mönch behauptet, tief in einer Höhle bis an den Fluss der Unterwelt gelangt zu sein. Wir befinden uns im Dreißigjährigen Krieg, Seuchen brechen aus, und man hört vermehrt von Hexerei. Viele sehen das Jüngste Gericht kommen. Daher stellt sich die Frage, ob sich tatsächlich ein Tor zur Hölle aufgetan hat. Ein junger Mönch wird zum Unterweltfahrer und reist mit einem bunten Haufen von Gefährten durch eine unentdeckte Welt. Unterwegs im Auftrag des Fürstbischofs sind sie angehalten, nach einem Zugang zur Hölle zu suchen. Sie sollen es mit jeder Gefahr aufnehmen, seien es Dämonen, seien es die Völker Gog und Magog.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


Inhalt

Fünf Eichen

Der Durchgang

Die Nachtwache

Das blaue Licht

Die Inquisition

Über den Albertusbach

Hinter die Mauer

Bei den Pilzfleischlern

Die Geschichte von Tolaif

Die Kammer des Pilzkönigs

Durch die Abfallgrube

Zur Hintertür

Im Bau der Teufel

Flammen und Rauch

Der Weg hinaus

Nachwort

FÜNF EICHEN

Als wir jene folgenschwere Entdeckung in den Wäldern machten, gehörte es zu meinen Aufgaben, Bruder Albert bei Bedarf auf seinen Spaziergängen zu begleiten.

Bruder Albert ist blind. In jungen Jahren konnte er sehen wie irgendeiner, doch er wurde krank und verlor sein Augenlicht. Aber weil er schon immer in Bewegung gewesen war und daher nicht selten Aufgaben außerhalb der Klostermauern oder wenigstens im Garten wahrgenommen hatte, so ließ er sich auch durch seine Erblindung nicht davon abbringen, seine täglichen tausend Schritte zu tun.

Anfangs lief er noch im Kreuzgang an den Wänden hin und her, wobei er sich mit der Hand an ihnen entlang tastete. Doch bald darauf ging er dazu über, an der Klostermauer auf und ab zu streichen, wobei er stets Gebete für die armen Seelen wisperte. Der Abt selbst nannte ihm die Namen jener Verblichenen, deren Angehörige eine Fürsprache in Auftrag gegeben hatten.

Unser Kloster gehört dem Orden der Benediktiner an. Es steht auf einer Erhebung und teilt sich dieselbe mit dem Schloss des Fürstbischofs von Osnabrück in engster Nachbarschaft, ja, die beiden Anlagen teilen sich sogar die eine oder andere Mauer. Einzig nach Osten hin fällt das Gelände nicht gar so jäh ab, und daher schmiegt sich gerade dort ein Städtchen an, welches ebenfalls von einer Mauer umgeben ist.

Der Abt selbst war es, welcher nicht mehr mit ansehen wollte, wie Bruder Albert an den Klostermauern seine Pfade immer tiefer austrat, so als wäre er in einem Käfig eingesperrt, und da er jenem viel zu verdanken hatte, sorgte er dafür, dass Bruder Albert seine Mauermärsche auf die Innenseite der Stadtmauer ausdehnen konnte.

Mir wurde befohlen, ihn zu begleiten. Obwohl es eigentlich kaum eine Viertelstunde gebraucht hätte, um das Städtchen zu umrunden, benötigte Bruder Albert dafür eine gute Stunde, da er nicht nur zaghaft seine Schritte setzte, sondern auch mit den Männern an den Stadttoren – es gab deren drei – und selbst mit den ein- und austretenden Passanten einige Worte wechselte.

Nach kaum einer Woche waren ihm die wenigen tückischen Stellen vertraut, und auch die Leute hatten sich an ihn gewöhnt, so dass stets jemand zur Stelle wäre, falls ein unvorhergesehenes Hindernis auf seinem Weg läge. Nachdem ich ihn also eine Woche lang begleitet hatte, dankte Bruder Albert mir und entließ mich zunächst aus meiner Pflicht.

Als ein halbes Jahr vorüber war, sprach es sich herum, Bruder Albert sei trittsicher geworden, und zwar in einem solchen Maße, dass es sich keiner erklären konnte. Nicht nur dass er nicht länger darauf angewiesen sei, mit der Hand oder mit dem Pilgerstab, welchen er mit sich führte, nach der Mauer zu tasten, sondern er sei auch in der Lage, etwa einen Schubkarren zu bemerken, welchen ihm irgendein Bengel auf den Weg geschoben hatte. Wie ich wusste, hatte ihm zuvor sein Stab, welchen er wie ein Bein weit ausschreiten ließ, solch ein Hindernis angezeigt, indem er dagegen stieß. Doch nun, so hieß es, verlangsame Bruder Albert bereits vorher seinen Schritt und taste nur noch wie zur Bestätigung nach jenem Karren.

Weiter hieß es, dass Engel ihn auf seinen Wegen geleiteten, aber mir kam auch ein Gerücht zu Ohren, wonach Bruder Albert das zweite Gesicht habe und Zaubersprüche zische.

Schließlich erreichte das Gerede auch den Abt, woraufhin derselbe Bruder Albert anwies, mich bis auf weiteres auf seine Rundgänge mitzunehmen und gemeinsam mit mir die Gebete zu sprechen, um jede unselige Nachrede im Keim zu ersticken.

Er war freilich besorgt, wie leichtfertig die Leute von Zauberei redeten, welche doch nirgendwo sonst ihren Ursprung nehmen kann als beim Teufel.

So kam es, dass ich Bruder Albert aufs Neue begleitete, und ich gestehe, ich war anfangs durchaus nicht frei von Unruhe, denn da schien eine Stimme zu sein, welche mir die Frage zuraunte, ob nicht doch ein Körnchen Wahres in dem Gerücht steckte.

Beim ersten Mal holte ich Bruder Albert erst bei der Klosterpforte ein, da ich sein Vorankommen unterschätzte. Gerade wollte ich ihm den Gruß entbieten, da vernahm ich sein Gezische, welches man schwerlich für ein frommes Gebet halten würde. Nur mit Mühe erkannte ich die lateinischen Worte, denn er stieß die Laute p, t und s, wie sie etwa im pater noster vorkommen, derart heftig aus, dass sie zischten, knackten und schnalzten, was dem einfältigen furchtsamen Ohr wie gottlose Lästereien oder eben Zaubersprüche vorkommen mochte.

Im nächsten Moment hatte Bruder Albert das Portal durchschritten, und er bog plappernd um die Ecke, ohne auch nur einmal die Mauer angerührt zu haben, so als könnte er sie wahrnehmen.

Eingeschüchtert durch jenen Eindruck nahm ich folgsam den Schritt auf und stimmte mit einem Tonfall, wie er dem andächtigen Menschen zu eigen ist, in das Gebet ein.

Erst jetzt schien Bruder Albert meine Anwesenheit bemerkt zu haben, denn er blieb stehen und wandte sich halbwegs um. Ich holte nun doch die Begrüßung nach, welche er rasch erwiderte, um sogleich die Bitte anzufügen, ich möge das stille Gebet suchen, da mein Gemurmel es ihm äußerst schwer mache , sich zurecht zu finden. Und als er bemerkte, wie ich stutzte und seine Worte nicht begriff, setzte er mir auseinander, wie er sich behalf, um das fehlende Augenlicht auszugleichen.

Was er allerdings als Behelfen abtat, ist doch in Wahrheit eine recht außergewöhnliche Fähigkeit. Es verhielt sich nämlich so, dass Bruder Albert seine eigenen Worte von den Mauern widerhallen hörte.

Auch unsereins ist in der Lage, bei geschlossenen Augen zu sagen, ob er in einer Kirche steht oder nicht, sofern die Gesänge der Mönche oder auch nur schwere Schritte ertönen. Auch hört man den Unterschied zwischen einer Kammer mit Mobiliar und derselben Kammer, nachdem die Schränke und Truhen hinaus geschafft worden sind. Der Blinde aber hört immer besser als der Sehende und mag jenen wohl um ein Vielfaches darin übertreffen.

Mit der Zeit verlief sich das Gerede über Bruder Albert, und darum durfte er das Kloster wieder allein verlassen.

Im darauf folgenden Jahr löste er sich von der Stadtmauer und bewegte sich durch die Straßen. Er besuchte Kranke, bestellte auch mal einen Handwerker und erledigte Besorgungen, welche der Abt ihm gelegentlich auftrug.

Einmal nahm ihn dann der Bootsmann mit, als im Wald neue Hopfenstangen geschnitten wurden, und das war das erste Mal, dass Bruder Albert seit seiner Erblindung die Stadt verließ.

Ich wüsste keinen zuverlässigeren Menschen zu nennen als den Bootsmann.

Als junger Mann hatte er viele Jahre lang die Weltmeere befahren und war auch wirklich ein Bootsmann gewesen, bis er die Seefahrt wegen einer Fiebererkrankung hatte aufgeben müssen. So wie er früher an Bord eines Schiffes die Matrosen zur Arbeit eingeteilt hatte, so kümmerte er sich heute um die Wirtschaft des Klosters, indem er die Diener und Bauern anwies.

Er war unmittelbar dem Abt unterstellt und hatte eine Kammer außerhalb des Klosters in einem Stadthaus.

Der Bootsmann verkehrte zwar nicht mit uns Brüdern, weil er, wie er vorgab, zu viel trank und lästerte, aber er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, welche Hochachtung er Bruder Albert entgegen brachte. Jener hatte sein Los angenommen und das Beste daraus gemacht. Und man darf wohl annehmen, dass der Bootsmann dasselbe versucht und mit seinem Schicksal gehadert hatte oder noch immer haderte.

Und so kam es gewiss von Herzen, als er dem Abt anbot, Bruder Albert in die Wälder mitzunehmen, und der Abt hatte auch keine Einwände und schickte mich auch noch mit.

Aus gutem Grund lebt der Mönch in einem Kloster, denn das ist die Stätte, wo er beten und arbeiten kann, wie es Gott gefällt. Aber woher ist denn der Mönch gekommen? Und wer hat das Kloster erbaut? Manchmal muss der Mönch sogar zur See fahren, um das Wort Gottes von der Insel der Heiligen zu den Heiden zu tragen. Und manchmal muss er mit seinen Mitbrüdern das Kloster zunächst errichten, wie es auch hier vor gut fünfhundert Jahren geschehen ist.

Vor gerade einmal fünfzig Jahren ist dieser Flecken zum ersten und einzigen Mal belagert und gebrandschatzt worden, und angesichts der kriegerischen Umstände, wie sie derzeit die deutschen Lande überziehen und peinigen, würde nur ein Narr darauf bauen, künftig unbehelligt zu bleiben. Auch ein Mönch mag sich unversehens wiederfinden zwischen anderen Flüchtlingen, als Eremit in den Wäldern oder in Gefangenschaft.

Darum ist es gut, die Mauern auch ohne Not immer aufs Neue zu verlassen, damit man weiß, wie es zugeht und auf welchen Wegen man Hilfe findet.

Die Weisheit, welche in den voran gegangenen Worten liegen mag, kam erst später mit der Erfahrung zu mir, und zu jenem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie dankbar ich hätte sein sollen. Dankbar dafür, dass der Abt mich fortwährend dazu bestimmte, Bruder Albert außerhalb des Klosters zu begleiten, wie auch dankbar dafür, dass der Bootsmann bei dieser Gelegenheit feststellte, ich sei nicht auf den Kopf gefallen, und daraufhin zum Abt ging und jenen davon überzeugte, mich zu seinem Gehilfen zu bestimmen.

Als wir nun mit dem Bootsmann und einigen Bauern in die Wälder gingen, um besagte Stangen für den Hopfen zu schlagen, da unternahm ich es, Bruder Albert die Tätigkeiten zu beschreiben, wie sie jeweils im Gange waren, wie auch ein Bild von der Lage zu vermitteln.

Wir hielten uns stets auf dem Waldweg auf, wo auch der Ochsenkarren stand, während der Bootsmann mit den Männern den Hang hinauf zog und diejenigen Hölzer aussuchte, welche gehauen und zum Wagen gebracht werden sollten.

Und einmal kam der Bootsmann zu uns und sagte, Bruder Albert habe einen braven Helfer gefunden, und ich wusste, dass es ein ehrlich gemeintes Lob war.

Als mich dann einige Zeit darauf der Abt zur rechten Hand des Bootsmanns bestimmte, war mir trotz allem mulmig zumute, denn der Bootsmann galt als ein ausgesprochen weltlicher Gevatter. Bei den Wirtschaftsgebäuden hatte er einen kleinen Schuppen, welchen er seine Klause nannte, und dort war er sein eigener Herr. Sooft er dort sein Logbuch in Ordnung brachte, brummte er Seemannslieder, und in einem Winkel stand eine Flasche Branntwein, deren Pegel sich mit dem Kalender änderte.

Wenn einmal ein arger Schaden eintrat, sei es durch Diebesgesindel, durch Wildschweine oder auch nur durch einen Dummkopf, dann entfuhr ihm immer ein kräftiger Fluch, und es kam mir vor wie eine Litanei aller Übel.

Wie man sich denken kann, erfuhr ich Manches über die Welt jenseits der Klostermauern, wonach ein junger Mönch nicht trachten würde.

Gerade zu jener Zeit war auch Bruder Albert dabei, nachdem er nun einmal die Stadtmauern überwunden hatte, seine Märsche bis in das Umland und gerade auch bis in die Wälder auszudehnen, so weit Wege oder Pfade vorhanden waren. Und jedes Mal, wenn er eine neue Strecke in Angriff nahm oder wenn er unsicher war, ging ich mit und half ihm dabei, schwierige Strecken zu handhaben und den rechten Weg zu wählen und zwar auf eine derart einprägsame Weise, dass er künftig allein zurecht kommen musste.

Er ging seine Strecken wie einen Kreuzweg, von Station zu Station, wobei jede Station eine Landmarke war, wie etwa eine Weggabelung, ein plätschernder Bach oder ein dicker Baum. Weg und Wegesrand unterschied er am Bewuchs. Und wie schon innerhalb der Stadtmauern, vermochte er auch hier, den Hall seiner eigenen Laute wahrzunehmen, wie sie zwar nicht von Mauern und Hauswänden, dafür jedoch von den Stämmen der Bäume zurück geworfen wurden.

Obwohl Bruder Albert den Tag herbei wünschte, an dem er mich los wäre – hieße es doch, er käme auf sich allein gestellt zurecht –, hatten dennoch meine Dienste für ihn stets Vorrang vor anderen Pflichten oder Aufgaben.

Und so hatte ausgerechnet der Bootsmann oftmals das Nachsehen, obwohl er mich, anders als Bruder Albert, durchaus nicht los sein wollte, sondern vielmehr meine Hilfe begrüßte und beförderte, da er in mir den künftigen Stellvertreter, wenn nicht gar seinen Nachfolger sah.

Nichtsdestotrotz gönnte er Bruder Albert meine Dienste wie irgendeiner.

Für ein knappes Jahr war ich der Diener zweier Herren – und ich hätte wohl weit mehr Zufriedenheit und Dankbarkeit dafür verspüren sollen, als ich es tat –, bis dann im Spätherbst ein schwerer Sturm wütete.

Der Sturm kam in der ersten Adventwoche und richtete während der Nacht einigen Schaden an, so dass der Bootsmann mit dem ersten Tageslicht auf einen Schlag mehr als genug zu tun bekam und noch vor dem Frühstück schlimmer fluchte als sonst den ganzen Herbst über.

Wir beeilten uns, einige Helfer zu bestellen, dazu auch mehrere Mitbrüder. Vor allem mussten die schadhaften Dächer instand gesetzt werden, um die Vorräte, das Vieh, den Hausrat und nicht zuletzt die Bibliothek vor Nässe zu schützen.

Auch das Schloss nebenan war nicht verschont worden, und in der Stadt war kaum ein Haus völlig unversehrt geblieben.

Im Umland blickte man auf viele Bäume, welche umgerissen worden waren. Wo die Bäume auf die Straßen und Wege gefallen waren, da zog man sie mit Pferden und Ochsen beiseite. Die Straße über den Pass nach Osnabrück war bereits am ersten Tag nach dem Unwetter wieder passierbar, während auf den wenig begangenen Pfaden noch wochenlang die Hindernisse umgangen werden mussten.

Bruder Albert musste sich nach dem Sturm einschränken. Zwar wagte er sich durchaus hinaus, fand aber beinahe jede Strecke irgendwo versperrt, so dass er nur umkehren konnte.

Wegen des schlechten Wetters und der Arbeiten, welche ich dem Bootsmann abnehmen konnte, kam ich erst ab der dritten Adventwoche wieder dazu, mit Bruder Albert zu marschieren. Es gab wohl noch keinen freien Rundweg, welchen wir beschreiten konnten, also nahmen wir uns vor, aufs Geratewohl tiefer in die Wälder vorzudringen und denselben Weg wieder zurückzulaufen.

Wir folgten jenem Weg, welcher uns in ein Nachbardorf, etwa einen halben Tagesmarsch entfernt gelegen, geführt hätte, fanden aber ein Tal derart morastig vor, dass wir einen Hangweg hinaufstiegen, über welchen wir zu einem brach liegenden Steinbruch kamen.

Wir durchquerten den Kessel des Steinbruchs ohne Mühe und gelangten kurz darauf an eine Stelle, wo fünf alte Eichen dicht an dicht in Reih und Glied standen, aber gerade der mittlere Baum war umgestürzt, was wohl daher kam, dass früher schon der Blitz in ihn eingeschlagen war, wie man dem alten Stamm deutlich ansehen konnte.

Als ich Bruder Albert den Anblick beschrieb, erinnerte er sich, wie er früher einmal hier gewesen war, und sprach von »Donnereichen«. Er wusste, dass der Freiwald des Fürstbischofs sich bis auf dieses Gebiet erstreckte. Einzig unserem Kloster war es erlaubt, seinen Bedarf an Holz im Freiwald zu decken, und so war er vor vielen Jahren hier gewesen, als das Kloster Teile seiner Einrichtung erneuert hatte und zu diesem Zweck geeignete Eichen hatte schlagen lassen.

Die Waldarbeiter hatten sich nicht dazu bewegen lassen, ihre Äxte an die Donnereichen zu legen, und hatten behauptet, die Bäume ständen schon über tausend Jahre da, und jeder, der je versucht hätte, sie zu fällen, sei zu Tode gekommen.

Bruder Albert lächelte nachsichtig, als er davon erzählte, und meinte, es sei ein alter heidnischer Aberglaube, der sich seit den Germanen gehalten habe.

Die umgestürzte Eiche war, wie mir auffiel, von einer Fäule befallen gewesen. Der Blitz schien bis tief in die Wurzel gefahren zu sein, und aus dem Spalt quoll ein Schwamm, wie ich noch keinen gesehen hatte.

Mir fiel auf, wie Bruder Albert die Nase in die Luft hielt. Er schien von einer Unruhe ergriffen zu sein und näherte sich der faulen Wurzel, weil sie wohl, wie ich annahm, einen schlechten Dunst ausströmte, welcher für meine Nase zu fein war.

Einige Wurzelstrünke ragten wie krumme Pfähle hervor und umfassten noch Brocken von Sandstein. Darunter klaffte das dunkle Erdloch, über welches Bruder Albert sich beugte, um seine Laute hinein zu plappern und dabei sein Haupt mit der Kapuze hin und her zu wenden wie das aufgestellte Ohr eines Hundes.

Ich wartete geduldig, bis er sich ein Bild gemacht hatte, und gleich darauf befand er, es sei für den Tag gut gewesen, und wir kehrten zurück.

Er legte bald die Hand auf meine Schulter, ließ sich so von mir führen und blieb recht still, und ich glaubte, er habe sich zu viel zugemutet.

In den folgenden Tagen verließ Bruder Albert das Kloster nicht, und ich begrüßte es, dass er sich angesichts der nasskalten, windigen Witterung und des bevorstehenden Winters offenbar einzuschränken gedachte, was die Ausflüge betraf. Als ich mich einmal nach ihm erkundigte, kam mir zu Ohren, dass er viel Zeit in der Bibliothek verbringe und sich aus den Büchern vorlesen lasse, wobei er es auch nicht versäume, den einen oder anderen Schoppen unseres Biers zu verkosten, angerichtet nach eine bewährten Rezeptur gegen das Gliederreißen.

Es war wohl kaum noch eine Woche bis zum Weihnachtsfest, da suchte Bruder Albert mich bei den Wirtschaftsgebäuden auf, wo ich dem Bootsmann zur Hand ging, und mit dessen Erlaubnis nahm er mich beiseite und bat darum, ich möchte ihn nochmals in die Wälder begleiten, zur umgestürzten Eiche, denn er habe dort etwas beobachtet, was eine beunruhigende Nachwirkung auf ihn gehabt habe, und das Gewissen lasse ihm keine Ruhe, ehe er den Verdacht nicht auf die Probe gestellt habe, und sei es auch eigentlich abwegig.

Ich konnte überhaupt nicht erraten, wovon er sprach, wollte ihn aber durchaus begleiten und versprach überdies leichten Herzens, die Sache vorerst für mich zu behalten.

Wir wollten gleich am nächsten Morgen losgehen, und erst als Bruder Albert mir am Ende noch auftrug, ein Seil zu beschaffen, beschlich mich doch noch eine ungute Vorahnung.

Um niemanden in Verlegenheit zu bringen, nahm ich das Seil später am Abend, nachdem der Bootsmann gegangen war, und ich verbarg es unter meinem Gewand wie ein Dieb, was mir gar nicht recht war, jedoch folgte und vertraute ich dem Beschluss von Bruder Albert.

Als ich dann morgens nach dem Gottesdienst aus der Klosterkirche trat, war ich erleichtert, aufbrechen zu können und den Mitbrüdern nicht länger ausweichen zu wollen.

Ich holte das Seil aus meiner Zelle, traf Bruder Albert bei der Pforte, und nach einem zügigen Marsch bei leidlichem Wetter standen wir erneut bei der umgestürzten Eiche.

DER DURCHGANG

Wir begaben uns gleich zum Erdloch, welches der Baum hinterlassen hatte, und Bruder Albert wies mich an, in das Loch zu steigen und zu schauen und zu prüfen, wie weit die offenen Wurzelgänge in den Erdboden hinabreichten, und ich sollte mich vorsehen, falls in irgendeinem Winkel der Untergrund nachgäbe, und ich sollte das Seil festmachen und mich daran halten.

Ich merkte durchaus, dass Bruder Albert nicht wohl dabei war, mich an seiner Statt in das Loch zu schicken. Er wollte gewiss nicht, dass ich in Folge einer Unachtsamkeit oder eines Fehltritts am Ende zum Kloster zurück humpeln müsste, und darum band ich das Seil an einen Ast und hielt es fest, auch wenn es mich eher hinderte, als dass es mir half.

Ich stieg die felsige Böschung mit wenigen Schritten hinab, und dabei löste sich ein schwerer Stein und rollte in jenen Spalt hinunter, in welchem die wohl größte der Pfahlwurzeln gesteckt hatte. Ich trat prüfend auf den Stein und glaubte nicht, dass mein Bein tiefer als bis zum Knie einsinken könnte, doch da gab auf einmal der halbe Krater nach, und ich rutschte ein Stück in einen abschüssigen Hohlraum hinein, ehe das Seil straff wurde, und ich mit gestrecktem Arm daran hing und um mein Leben bangte.

Sobald ich gewahr wurde, dass sich nichts mehr rührte und ich auf festem, wenn auch geneigtem Grund lag, fasste ich mich wieder und versicherte Bruder Albert, ich sei unversehrt.

Bis zum Hals war ich in eine Art Bau hineingerutscht, groß genug jedenfalls, dass ein Bär hineinginge. Meine eigenen Füße vermochte ich noch zu sehen, aber weiter unten herrschte Dunkelheit. Ich drehte mich auf den Bauch, und halb zog ich mich am Seil hinauf, halb strampelte ich gegen den Boden an, welcher nur oberflächlich aus Stein und Waldboden zu bestehen schien, darunter aber aus Scheiten und Stücken von Holzkohle, wie mich dünkte. Einige Steine sprangen und rollten knirschend durch die Kohle, ehe sie auf steiniger Bahn in die Tiefe polterten.

Während ich mich mit dem Aufstieg abmühte, nahm ich auch einen recht unangenehmen Dunst wahr, welcher sich schwallartig aus der Öffnung erhoben zu haben schien. Ich wusste nicht, was ich da roch, aber es ließ mich denken an Moder, an Laub und Pilze im dunklen Unterholz, und es bereitete mir ein Unbehagen, welches mich aus dem Erdloch hinaustrieb, und ich war erleichtert, als ich wieder oben neben Bruder Albert stand.

Er ließ mich zunächst versichern, dass mir nichts fehlte, und verlangte gleich darauf eine genaue Beschreibung, wie das Loch beschaffen sei und was ich festgestellt hätte, also schilderte ich meine Eindrücke. Er nickte einige Male, so als hätte er gewisse Dinge bereits vermutet oder gewusst, welche ich ihm nur noch bezeugen sollte.

Ich vermochte, meine Neugier nicht länger zu zügeln, und nahm mir die Frage heraus, wie er denn habe voraussehen können, dass mich das Seil retten würde, und dabei ließ ich meine Vermutung unausgesprochen, er habe womöglich eine Vision von jenen Vorgängen gehabt.

Er runzelte besorgt die Stirn und sagte, der Geruch, welchen ich wahrgenommen hätte, sei ihm bereits bei unserem ersten Aufenthalt beißend in die Nase gestiegen, und er habe im Nachhinein befürchtet, es verberge sich hier ein gottloser Ort unter der Erde. Mehr wollte er mir nicht sagen, aber er kündigte an, dass er eine Unterredung mit dem Abt verlangen wollte, bei welcher er mich als Zeugen dabeizuhaben wünschte. Dann drängte er zum Aufbruch.

Ich wickelte das Seil auf, schlug mir den Dreck aus den Gewändern und hängte zuletzt noch einen Rosenkranz in die unteren Zweige jener Eiche, welche zur Rechten des Loches stand. Der Rosenkranz war geweiht, und Bruder Albert hatte ihn für eben jenen Zweck mitgebracht.

Auf dem Rückweg berührten wir die Angelegenheit nicht, sondern sprachen beflissen unsere Gebete, und bevor wir am Kloster auseinander gingen, ergriff Bruder Albert meinen Arm und drückte ihn, während er mir mit bebender Stimme dankte. Dann fügte er noch hinzu, ich möge mich bereit halten, um vor den Abt zu treten, und einstweilen müsse ich meine Lippen versiegeln.

Und dann handelte ich unbesonnen, indem ich mich unverzüglich zu jenem Schuppen begab, aus welchem ich das Seil genommen hatte, denn als ich es an seinen Platz zurücklegte, musste mir der Bootsmann über den Weg laufen.

Es wäre klug gewesen, zuallererst meine verdreckte Kleidung zu wechseln und das Seil erst später an Ort und Stelle zu schaffen, wenn keiner mehr auf dem Gelände beschäftigt gewesen wäre. So jedoch brauchte ich mich nicht zu wundern, dass ich Rede und Antwort zu stehen hatte.

Der Bootsmann war kein bierernster Geselle und meinte bei meinem Anblick, ich sei wohl Schlitten gefahren, nur ohne Schnee und ohne Schlitten. Es widerstrebte mir aber, ihm einen Bären aufzubinden, und ebenso wenig konnte ich ihn einfach stehen lassen, also gab ich ihm gegenüber preis, dass Bruder Albert und ich in den Wäldern eine Angelegenheit untersucht hätten, worüber ich Stillschweigen zu bewahren hätte.

Solche hochtrabende Geheimniskrämerei schien den Bootsmann nicht im Mindesten zu kränken, vielmehr musterte er mich erstaunt und meinte dann, falls er sich in dieser Angelegenheit nur irgend nützlich machen könne, dann sollten wir nur nicht zögern und ihn ins Vertrauen ziehen.

Ich war versucht, ihm alles zu offenbaren, was ich erlebt und beobachtet hatte, da ich große Stücke auf seine Ansicht gegeben hätte, aber ich nickte nur in meiner Verlegenheit.

Ich wusste nicht, wann Bruder Albert mit dem Abt sprechen würde, aber den Nachmittag über war ich darauf gefasst, dass man nach mir schickte, und so war ich nur selten bei der Sache.

Erst nachdem ich bereits zur Nachtruhe meine Zelle aufgesucht hatte, pochte es an der Tür, und ich vernahm die Aufforderung, mich unverzüglich zum Abt zu begeben.

Ich eilte ins Officium und bekam zu hören, dass Bruder Albert auf dem Klostergelände nicht aufzufinden sei, und mir wurde die Frage gestellt, ob ich etwas über seinen Verbleib wisse.

Das stürzte mich in ein Gefühl großer Schuld und Sorge, denn ich konnte mir nichts anderes denken, als dass Bruder Albert in die Wälder zu dem Erdloch gelaufen war, wenn ich auch nicht erraten konnte, welche Gründe ihn dazu getrieben haben mochten. In jedem Fall aber hätte er dieses Wagnis nicht eingehen können, wenn er den Weg nicht sicher kennen würde, und zu eben jener Sicherheit hatte kein anderer als ich ihm verholfen.

Der Abt hatte seine liebe Not, mich zu beruhigen, um eine zusammenhängende Aussage von mir zu erhalten, aber er war erleichtert darüber, dass ich ihm überhaupt etwas zu sagen hatte. Kurz darauf hatte er von mir alles erfahren, was wir entdeckt hatten, und es stellte sich auch heraus, dass Bruder Albert bis zur Stunde nicht mit ihm darüber gesprochen hatte.

Der Abt kam zu dem Schluss, dass Bruder Albert entweder gewichtige Gründe für sein Fortbleiben habe, oder dass ihm etwas zugestoßen sei. So oder so befände jener sich während der Nacht in Gottes Hand. Er trug mir auf, mich bei Sonnenaufgang auf die Suche zu begeben, und er nannte mir zwei Mitbrüder, die mich begleiten sollten, da sie ohnehin von Bruder Alberts Fehlen Kenntnis hätten. Schließlich ermahnte er mich, über die Angelegenheit nach bestem Vermögen zu schweigen, und entließ mich.

Am Morgen machten wir uns auf den Weg, sobald es dämmerte. Beim Stadttor sprachen uns die Wachleute an und sagten, sie hätten von der vorigen Wache gehört, der blinde Bruder sei gestern noch vor der Dämmerung in die Wälder gegangen, aber bis zur Ablösung nicht zurückgekehrt, und sie selbst hätten auch nichts von ihm gesehen.

Bruder Bernhard, der älteste von uns, sprach ganz selbstverständlich für uns drei, und das war mir nur recht, denn da er, anders als ich, nichts weiter ahnte und kein Geheimnis zu hüten hatte, durfte er unbeschwert reden. Er dankte den Wachen fürs Bescheidsagen und ließ sie wissen, dass wir den Verirrten finden und heil nach Hause bringen wollten, falls es Gottes Wille sei.

Auf dem Weg durch den Wald machten wir zwar keine Umwege, jedoch ließen wir ohne Unterlass unsere suchenden Blicke schweifen, denn es war ja nicht ausgeschlossen, dass Bruder Albert vom Weg abgekommen war, nicht etwa wegen der Dunkelheit der Nacht – seine Tage waren ebenso dunkel wie seine Nächte –, sondern wegen jenes seelischen Aufruhrs, welcher ihn zur Nacht in die Wälder getrieben hatte.

Ich wusste nicht, was mich auf dieser Suche erwarten mochte, aber als wir das Erdloch erreichten und feststellten, dass Bruder Albert nicht dort war, packte mich eine Furcht, welche mich verzagen ließ.