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Als Aline erfährt, dass sie in einen verrückten Bürgerkrieg um ein berüchtigtes Rätsel geraten ist, ergibt Manches, was sie jüngst erlebt hat, auf einmal Sinn. Sie möchte das Rätsel für den Zauberer Koppschoster lösen, obwohl die Hexe Pumpe sie aufhalten will, mit immer gewiefteren Schandtaten. Die Schlachtfelder erstrecken sich bald über die Erzählung hinaus; so lässt sich etwa der Autor leichtfertig seine Schmierzettel von Aline stehlen, und sogar der Leser wird hinein verwickelt, als man ihm zumutet, Aline aus einem Irrgarten herauszuhelfen.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorrede
1. Patsch und Pech
Intermezzo: Von den Naks im Schlamm
2. Nebel und Kreide
3. Wie man ein schlechtes Blatt wenden lässt
Verlorenes Kapitel
5. Das Rätsel
6. Federn
7. Cäcilia zählt bis zehn
8. Durch alle Gefilde
Unmögliches Kapitel
10. Verzettelt
11. Zu den Ausgängen!
Kein Kapitel
Geneigter Leser, zuallererst nehmen wir an, eine Erzählung wäre imstande, wie eine Person Handlungen zu begehen, etwa sich selbst vorzustellen.
»Madame Fabula. Meisterin des Umgarnens und Verstrickens.«
Wir danken der Madame so weit.
Dann stellen wir fest, dass uns ihr Handwerk des Umgarnens und Verstrickens nicht vertraut ist. Wie haben wir uns das auszumalen? – Nun, unlängst zog ich Erkundigungen über Madame Fabula ein, da ich am selben Strang wie sie zu ziehen beabsichtige, und daher sehe ich mich in der Lage, ihre Vorgehensweise beschreiben zu können: Entweder begegnet sie einem, der sich in seine Angelegenheiten verheddert hat, und wickelt den Hilflosen in ihr Garn ein, oder aber sie geht mit Bedacht vor, macht ihr Opfer ausfindig, lauert ihm mit der Schlinge auf und fällt darüber her, um eine feste Bindung zu knüpfen.
Welche Variante auf vorliegende Erzählung zutrifft, magst Du beizeiten selbst beurteilen.
Man täte aber der Madame Unrecht, würde man sie als eine Spinne hinstellen, denn sie führt die Aufsicht über zu viele Stränge, als dass sie sich erlauben dürfte, ihre Beutefiguren anders zu traktieren als mit nüchternem Kalkül.
Meinem Eindruck nach sind die Anforderungen an die Madame erschreckend hoch, und sie mag Gefahr laufen, sich in ihre eigenen Fäden zu verknäulen.
Und Dich, geneigter Leser, will ich warnen, dass Du nicht selbst hineingerätst! Stell es Dir vor wie ein Getriebe, das mit einer unwuchtigen Welle nach Deinem Ärmel schnappt. Du würdest dich unversehens wiederfinden als eine der Figuren, eingewickelt im Gespinst. Daher lautet die Empfehlung, den konventionellen Abstand von einer halben Armeslänge einzuhalten!
In diesem Moment macht die Madame ihren Fang. Wir befinden uns im späten zwanzigsten Jahrhundert vor der Wohnungstür von Aline, Studentin an einer unbedeutenden Hochschule. Madame Fabulas Aufmerksamkeit mag dadurch erregt worden sein, dass Aline ein begehrter Anlaufhafen für aufkreuzende Missgeschicke zu sein scheint.
Das jüngste Missgeschick nähert sich: als Aline im Begriff ist, ihre Wohnung zu verlassen, entdeckt sie, dass man ihr die Nachbarin wie eine mächtige Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur vor die Tür gesetzt hat, schräg angelehnt, abgestützt nur mit einem Ohr.
Die Nachbarin trug Einkaufstüten in beiden Armen und war nicht fähig, allein mit dem Haupt den Halt zu finden an der sich öffnenden Tür. Im Abrutschen verfehlte der Kopf den Knauf, und so ging die Frau zu Boden. Halb lag sie in Alines Wohnung, halb ragte sie mit den Beinen ins Treppenhaus.
Die Hingestürzte hieß Regina Pumpe. Sie war nicht allein Alines Nachbarin, sondern auch die Hausbesitzerin und Vermieterin. An Alter und Statur nahm sie es zwei- bis dreimal mit Aline auf.
Eine der Einkaufstüten lag unter der Frau begraben. Vieles war gequetscht worden, manches davon zerplatzt oder zerbrochen. Frau Pumpe wälzte sich rollend von der Bescherung wie der dicke Stamm eines umgehauenen Apfelbaums. Auf der Baumrinde zeigte sich ein Gesicht voller Verdruss.
»Nur eben abstützen – das denkt man so bei sich – und mit dem Schuh die Wade kratzen. Man will sich das Absetzen einer Tüte ersparen, bloß um eine Hand frei zu haben … Aber man muss sich ja zum Abstützen ausgerechnet die Tür vom Tolpatsch aussuchen!«
Aline hatte gleich erraten, dass Frau Pumpe an der Tür gelauscht hatte, und wie jeder andere, der schon länger als ein Quartal im Haus wohnte, war sie an solche Vorfälle gewöhnt. Nur wollte ihr kein dickes Fell dagegen wachsen, denn sie bekam von Natur aus keine Borsten, sondern nur Espenlaub, und daher wurde ihr diese Person zunehmend unerträglich.
Das Schlimmste war, dass die Vermieterin hin und wieder in die verlassenen Wohnungen eindrang. Sie befingerte die Dinge, ohne sie wieder auf ihre Plätze zu rücken, und gelegentlich ließ sie sogar den Kater zurück, der Küche, Bad und Bett durchstöberte. Und obwohl sie es nicht einmal für nötig hielt, solche Spuren zu vermeiden, stritt sie es laut ab, wenn man sie je darauf ansprach.
Weniger gravierend war das Nachstellen im Treppenhaus, aber man ertappte sie beinahe täglich dabei, und dann sog sie sich was aus den Fingern und wurde bissig.
Aline glaubte zwar, Frau Pumpe müsse sich Tag für Tag schämen, aber tatsächlich ahnte sie wohl nicht, was in der Frau vorging.
Jetzt, als sie die Vermieterin in den Einkäufen daliegen sah, half ihr dieser gerechte Anblick, um ein wenig Hilfsbereitschaft vorzutäuschen, und sie erkundigte sich höflich, ob sie sich was getan habe.
»Ich sag's ihr schon«, erwiderte Frau Pumpe, »sobald ich meine Knochen wieder fühle.«
Aline schwankte noch, ob sie eine helfende Hand reichen könnte, da kam Frau Pumpe aus eigener Kraft auf die Beine, um unverzüglich das Wenige von ihren Einkäufen zu retten, was noch der Mühe wert schien.
Aline beschaffte Tüten und half mit, um Frau Pumpe loszuwerden und die Tür schließen zu können. Sie verschaffte sich einen Überblick und entdeckte, dass die Post von Frau Pumpe in einer Apfelmuslache eingeweicht wurde. Sie fischte danach, aber Frau Pumpe, die das bemerkte, streckte gleich die Hand aus und knurrte: »Na, na, na!«
Alines Blick war aber an der Anschrift des obenauf liegenden Briefes hängen geblieben, und sie erkannte ihre eigene Adresse und hielt den Umschlag auch Frau Pumpe unter die Nase.
Die zwinkerte und zog die Hand zurück. »Unsinn!«, stellte sie fest und sammelte Essiggurken auf.
Aline war der Ansicht, dass man die Angelegenheit dieses Mal nicht auf sich beruhen lassen durfte, und sie rang um ihre Fassung und stellte die Vermieterin zur Rede wegen des Schnüffelns in fremder Post.
Frau Pumpe ließ die Beschuldigung über sich ergehen und bot das Bild einer missverstandenen Kreatur. »Man will ja was Gutes tun, also nimmt man Studenten billig ins Haus auf … Sicher, man hat Umstände, man muss ein Auge auf sie haben, aber man kann sich weiß Gott nicht auch noch kümmern, wo die Post liegen bleibt. Im Regenschirm, im Mülleimer, im Apfelmus … Wo ein Student keine Briefe rein rutschen lässt, das gibt's gar nicht.«
Während Aline sich das Theater anhören musste, verlor sie die Geduld, und mit bebender Stimme brachte sie die vergangenen fünf bis sechs Monate – so lange wohnte sie bereits im Haus – gestapelt aufs Tapet: das Belauschen, das Heimsuchen, den Kater auf dem Kopfkissen.
Aline machte sich auf den Gegenschlag gefasst, den sie in der Vorstellung vorwegnahm: Frau Pumpe würde eine Schimpftirade ausstoßen wie eine Harpyie ihr Gewölle.
Aber zunächst zeigte Frau Pumpe keine Regung. Erst nach einer Weile machte sie eine Miene wie dazumal der arme Namenspatron jener Dreyfus-Affäre.
»Da werden einem Sachen an den Kopf geworfen … Na, wenn einer seine Wohnungstür mal nicht ordentlich ins Schloss gezogen hat, dann kann er doch dankbar sein, dass man reinschaut, wenn sich keiner meldet … Man macht sich doch Sorgen … Man hört ja immer wieder von Einbrüchen und Unfällen … Na, und streunende Katzen … Da reicht ein Türspalt und dazu ein ungespülter Teller … Und die Postboten tun auch ihr Bestes, aber da braucht bloß mal eine Vertretung zu kommen, und wenn der die unleserlichen Beschriftungen auf den Postfächern nicht unterscheiden kann, dann wirft er in seiner Not den Brief eben bei uns ein … in den Briefkasten der Hausverwaltung …«
Nach all den Monaten erhaschte Aline mit einem Mal eine Falschheit in Frau Pumpes Blick, die ihr so abgründig erschien, dass sie sich alarmiert zurücknahm, so als hätte sie die Giftigkeit einer Kreatur erkannt.
Trotzdem wollte sie ausgerechnet auf der eigenen Türschwelle nicht zurückweichen, und deshalb ließ sie die Vermieterin wissen, sie wolle sich nach Rechtsbeistand umsehen.
Frau Pumpes Pupillen sprangen eine Weile hin und her, dann raunte sie: »Hat sie denn jemals Post von einer Rechtsschutzversicherung erhalten?« Gleich darauf schüttelte sie stumm den Kopf.
Und da lief mit einem Schwall von Galle Alines Fass über. Sie wandte sich seitwärts zur Wand, wo ihr großer Garderobenspiegel hing, packte den Rahmen beidhändig, hob ihn mit wütender Wucht von den Schrauben und streckte der Vermieterin die Spiegelfläche entgegen. Einen Moment später hätte sie zu gerne einmal Schlagfertigkeit bewiesen, indem sie entweder Frau Pumpe unterstellt hätte, sie sei doch wohl ein Mitternachtsscheusal ohne Spiegelbild, oder ihr die Frage an den Kopf geworfen hätte, ob sie sich selbst noch in die Augen schauen könne, ohne auf der Stelle zu Salz zu erstarren. Doch Frau Pumpe riss auf einmal die Arme hoch, als wollte sie sich wehren, und zugleich blaffte sie: »Rübe runter!«
Jedenfalls glaubte Aline, sie habe diese Worte vernommen, und das verstörte sie dermaßen, dass ihre Hände für eine winzige Weile ohne Aufsicht waren, und der Spiegel entglitt und zersprang auf dem Fußboden. Und im Zerspringen zeigte sich, dass die Glasscheibe im Rahmen unter Spannung gestanden hatte, wodurch nun die Scherben in der Art einer Splitterbombe gegen beide Kontrahentinnen prasselten, um anschließend harmlos von ihnen abzuregnen.
Aline hatte die Hand auf den Mund gepresst und blinzelte durch eine Schreckensträne hindurch.
Frau Pumpe war schon dabei, die Tüten aufzuklauben wie Reisigbündel vom Waldboden, und anschließend watschelte sie mit hängenden Armen zur Tür nebenan. Unterwegs hörte man sie murmeln: »Weitere sieben Jahre Pech …«
Die ersten sieben Jahre, die Aline seit ihrer Kindheit hinter sich gebracht hatte, waren ausreichend gewesen, um ein Unentschieden im Grabenkampf mit dem Alltag zu erreichen.
Es hatte tausend und ein Missgeschick gegeben. Gestern erst war Aline von der rechten Seite her aufs Fahrrad gestiegen, weil zur Linken gerade zwei Leute scheußlich gestritten hatten, und daraufhin war sie mit dem Rad zusammengebrochen, und ihr Mantel war aufgescheuert worden, aber sie kaufte Jacken und Hosen aus Prinzip im Second-hand-Laden.
Am Montag war sie über die straff gespannte Leine eines Hundes, den man zu seinem Leidwesen vor einem Laden angebunden hatte und den Aline nicht auch noch scheuchen mochte, elegant hinweg gestiegen, und dabei war sie mit dem Absatz an der Leine hängengeblieben und hatte den Terrier in Not gebracht, der daraufhin mit einigem Recht nach ihr geschnappt hatte, aber sie war nicht ungeübt darin, Hunde zu beschwichtigen.
Vorige Woche war ihr ein ausgesonderter Infusionsbeutel in die Hände gefallen, und den hatte sie dazu benutzt, um ihre Zimmerpflanzen zu gießen, auf deren wohltuende Anwesenheit sie nicht verzichten wollte, und dann hatte sich herausgestellt, dass der Beutel wegen eines Lecks ausgesondert worden war, und das Wasser war nicht in den zugewiesenen Topf entleert worden, sondern auf das Buch aus der Universitätsbibliothek, das dadurch wellig geworden war, aber sie verstand sich seit Jahren darauf, wie man Papier einigermaßen glattbügelt.
Aline hatte ihre Gegenmaßnahmen entwickelt und ließ sich bislang nicht unterkriegen. Auch jetzt nahm sie sich seufzend das Gemenge vor, das auf ihrer Türschwelle verstreut und verschmiert war.
Während sie die Scherben aufsammelte, rauschte in ihren Ohren noch immer der Satz: »Weitere sieben Jahre Pech«. Sie glaubte zwar, Frau Pumpe habe nach dem Zerbrechen des Spiegels lediglich eine Floskel geäußert, ganz so als wünschte man »Gesundheit« nach dem Niesen. Aber das Gemurmel blieb hängen mit dem Wörtchen »weitere«. Frau Pumpe hatte ihr weitere Pechjahre in Aussicht gestellt, ganz so als wüsste sie von den voran gegangenen. Allerdings, so dachte Aline, hatte Frau Pumpe sie zuvor als »Tolpatsch« beschimpft, und vielleicht scherte die Vermieterin Tolpatsche und Pechvögel über einen Kamm, weswegen »weitere sieben Jahre Pech« nichts anderes heißen musste als »einmal Tolpatsch, immer Tolpatsch«.
In diesem Punkt nahm Aline es sehr genau. Mochten die Symptome von Tolpatsch und Pechvogel auch dieselben sein, nämlich die Missgeschicke, so war doch die Ursache jeweils eine andere. Wenn sie ein Tolpatsch wäre, so sagte Aline sich, dann hätte sie ihre Missgeschicke allesamt selbst ausgelöst. Als Pechvogel hingegen wäre sie das Opfer einer undurchsichtigen Nachstellung, wie es etwa der biblische Hiob war. Und nun, da Frau Pumpe als feindselige Akteurin identifiziert war, bewegte sich der Zeiger auf der Skala erstmals Richtung Pechvogel. Sie wollte jedoch nicht leugnen, dass ihre Bekanntschaft mit Frau Pumpe kaum ein halbes Jahr währte, so dass man der Vermieterin vor diesem Zeitraum schwerlich etwas zur Last legen durfte. Sie gelangte zum vorläufigen Fazit, dass sie momentan beides sein mochte, sowohl Tolpatsch, als auch Pechvogel, und sie taufte diesen traurig komischen Zustand in ihren eigenen Worten »Patsch und Pech«.
Nachdem sie mit den Scherben fertig war, hob sie den Holzrahmen auf und fand darunter ein gefaltetes Stück Papier, von dem sie annahm, es sei zwischen Rahmen und Spiegel eingeklemmt gewesen und habe dadurch vielleicht die Glasscheibe unter Spannung gesetzt.
Sie entfaltete das Papier, welches man sieben Mal mittig gefalzt hatte, und stellte, indem sie es mit dem Rahmen verglich, fest, dass das Blatt die Spiegelscheibe passgenau abgedeckt hätte.
Sie fand darauf etliche Strophen einer langen Ballade in kunstvoller Handschrift.
Geneigter Leser, ich kann nicht umhin, Dir die ganze Ballade am Stück vorzusetzen, denn die tragikomischen Ereignisse, die darin besungen werden, haben nun einmal mit unserem Fall zu tun.
Mir ist allerdings bekannt, dass derzeit die allermeisten Leser mit einer Lyrik-Unverträglichkeit geschlagen sind. Bei einigen ist dieses Leiden so ausgeprägt, dass die Betroffenen ein Attest ihres ehemaligen Deutschlehrers vorweisen können, welches sie von jeglicher Dichtkunst befreit.
Glücklicherweise liegt aber noch eine weitere Überlieferung besagter Ereignisse vor. Wie ich nämlich erfahren habe, unternahm Heinz Sielmann seinerzeit eine Expedition ins Schlammland, um einen Naturfilm über die Naks zu drehen. Der Film als solcher ist leider nicht erhalten, aber es gelang mir, das Skript mit Sielmanns Kommentaren aufzutreiben, die für unsere Zwecke gerade ausreichend sind.
Die Ballade von den Naks im Schlamm
… oder Sielmanns Kommentar zum verschollenen Naturfilm »Im Reiche der Naks«
Im Loch lauert Jéminak, Fürst vom Morast, der Chef seiner Sippe seit je.
Der Grund rundherum: eine Landschaft nur fast. Der Anblick tut alle Welt weh.
Hier, im Schlammland, hat der Nak sein Revier. In einer Senke lauert ein Männchen. Wir haben es Jéminak genannt.
Wo früher Gehölz und Getier eine Zier, blieb Baumstumpf und Knochen und Keil.
Durch Wasser und Wühl'n ward die Scholle zu Schmier.
Es grünt nur der Grünspan am Beil.
Die Population ist angewachsen, und die natürlichen Ressourcen des Reviers sind nahezu erschöpft.
Voll Habgier gafft Jéminak über den Fluss, wo gleichfalls kein Grün ist, nur Schlick.
Doch thront dort Ojóttnak zu seinem Verdruss, betrampelt sein Trachten nach Glück.
Aufgrund der Knappheit scheint ein territorialer Konflikt mit dem Nachbarrudel bevorzustehen.
Er zeigt seine Zähne und brummt in den Bart: »Ojóttnak, das Schicksal schlägt zu!
Mein Krauchen wird künftig weit weniger hart, wenn ich drüben führe, nicht du.«
Jéminak muss das Alpha-Männchen des konkurrierenden Rudels unterwerfen, um dessen Revier zu übernehmen.
»Die Krume ist karg, und sie reicht nicht für zwei!«
Zur Kostprobe puhlt er im Schlamm.
Die Beute: ein Egel, ein Eidechsenei.
»Nur Kleinvieh, und wieder mal klamm!«
Die vereinten Reviere würden das Überleben seines Rudels vorerst sicherstellen.
Da zeigt sich die Sonne, es schallert ein Schaf.
Die Ungeduld sticht unsern Wicht.
Am Nachbargestade beschließt man den Schlaf
und wittert den Wahnsinn noch nicht.
Bei Tagesanbruch ist das benachbarte Rudel noch ahnungslos.
Er legt seinen Köder und zieht sich zurück, und glucksend gelangt er zum Fleck, wo hold das Gehöft liegt, sein sesshaftes Glück: Verschläge auf Stecken im Dreck.
Vorerst zieht sich Jéminak zurück zum Bau. Trotzdem deutet seine Erregung auf einen nahen Kampf hin.
Beim Herd hockt die Perle, die Töchter dabei, verschwiegert und eigene Brut.
Er flüstert von Ferne »Hört her!« und »Herbei!«. Das Hirn liegt dem Herrn nicht im Blut.
Alle Weibchen des Rudels sind beim Bau versammelt, wo sie rohe Nahrung aufbereiten.
Der Hirnschmalz hat längst nicht den Bizeps besiegt.
Wer scharren kann, schimpft sich so schlau. Und wenn noch im Loch etwas Essbares liegt, bekommt man ein Fräulein zur Frau.
Jéminaks Rang beruht auf großer Körperkraft, die es ihm ermöglicht, Nahrung im Erdreich zu erschließen.
Da langt er beim Herd an und hechelt noch lang. Voll Sorge sieht jedermann auf.
Sein Weib, Omeináka, bedrängt ihn schon bang: »Sind Hammel und Hühner wohlauf?«
Seine Unruhe überträgt sich auf die Weibchen, darunter auch das Alpha-Weibchen.
»Das Vieh ist gefeit«, so beschwichtigt er sie.
»Die Söhne versorgen es gut.
Ich walle vor Wut auf Ojóttnak, und wie!
Der Lump lässt in Bälde sein Blut!«
Er beginnt damit, die Weibchen auf den Revierkampf einzustimmen.
Sein Weib meint: »Den Zank, den vom Zaune ihr brecht,
den hat noch ein jeder bereut!
Noch nie hat ein Rächer als letzter gerächt, und schlimmer: was lästern die Leut!«
Das Alpha-Weibchen will ihn beschwichtigen, denn Revierkämpfe bedeuten stets eine Strapaze für das Rudel.
Da zündet der Brennstoff in Jéminaks Brust, so hart und so schwarz wie Brikett.
Es qualmt ihm der Kopf, und er tüftelt mit Lust, bis all sein Komplott ist komplett.
Als erfahrenes Alpha-Männchen findet Jéminak einen Dreh, um doch noch ans Ziel zu gelangen.
Er heuchelt die Reue und macht auf Bedacht:
»Ich hab mich vergessen, verzeih!
Der Nachbar, der hat zwar euch Frauen verlacht.
Was ist denn schon Schlimmes dabei?
Er kokettiert mit seiner übertriebenen Beschützerrolle.
Auch Áchdunak, der – als der knochige Sohn – euch Weiber mit Worten geschützt, empfing eine Faust auf das Auge zum Lohn.
Mich dünkt, dass Entrüstung nichts nützt.«
Indirekt täuscht er eine Bedrohung vor. Eine beachtliche kommunikative Leistung.
Es kommt, was kein Adamssohn jemals geahnt; die Damen der Sippe sind stumm.
Da packt ihn die Alte beim Barte und mahnt:
»Lass hören, sonst wring' ich dich um!«
Die Strategie der Täuschung führt zum Erfolg.
Der Blitz des Begreifens schlägt ein, dass es kracht: Wer Weiber des Feindes verhöhnt, entfacht jede schwelende Fehde mit Macht.
Und Jéminak traut sich und tönt:
Die Unruhe unter den Weibchen übersteigt schließlich einen Schwellenwert.
»Er sagte, ihr werdet nicht besser vom Bier, seid tumbe wie trockenes Brot.
Es wäre zum Wohle – so sagte er mir – aus Mitleid schlägt einer euch tot.«
Jéminak stachelt die Stimmung durch weitere Täuschungen an.
Ein Zischen und Knirschen von Zähnen erschallt, und Jéminak weiß, es wird wahr:
Die Furien fordern Vergeltung alsbald!
Dein Ende, Herr Nachbar, ist nah!
Die Weibchen verfallen in einen aggressiven Rausch.
Er denkt sich: Da dünkt mich, wieso nicht schon lang, Ojóttnak so spottet und spricht.
Der ehrlose Kerl ist wahrhaftig so bang, dass ich hier verrichte die Pflicht.
Auch Jéminak erliegt schließlich seiner eigenen Täuschung.
Und wie er sich weidet am Kreischen der Schmach, am Rufen nach Rache und Tod, verbreitet sich jählings ein Jaulen vom Bach, als hätte ein Hund seine Not.
Plötzlich ertönt ein Jaulen vom Fluss, der die Reviere trennt.
Der Jéminak wittert sein Stichwort und spricht:
»Soeben gelang uns ein Fang!
So leiht mir das Ohr, denn ich narre euch nicht!
Gerechtigkeit geht ihren Gang!«
Jéminak stellt seinen ersten Kampferfolg heraus.
»Man sagt sich, Ojóttnak wuchs vierbeinig auf; Kojoten, die zogen ihn groß.
Auch heute noch hält er sich Hunde zuhauf.
Das macht ihn zum Meister des Flohs.«
Er setzt den Konkurrenten herab.
»Zudem hat der Mistkerl die Meute dressiert, damit sie die Furt überquert und Losung auf unserem Boden verliert.
Der Schuft ist gehörig gestört!«
Er stellt ihn als Bedrohung dar.
»Ich schlich mich im Frühtau zum Flussufer raus und wühlte mit Wonne ein Loch.«
Es schauen die Frauen zum Tatort hinaus und loben die Fallgrube hoch.
Er imponiert den Weibchen.
»Am Grund hockt ein Hund, der als Geisel noch nützt!«
Der Prahlhans posaunt es hinaus.
Da sieht er die Söhne – und wie er da schwitzt.
Sie kommen mit Hunger nach Haus.
Die rangniederen Männchen kehren zum Bau zurück.
Von Krebsen gekniffen springt Jéminak auf, und gleich ist er los galoppiert.
Und schon wird dem Schwächling – es flöge sonst auf – per Veilchen das Auge verziert.
Jéminak führt die Täuschung fort.
Die Sippe versammelt sich hockend am Herd, palavert mit Happen vom Hecht.
Nur einer sitzt solo, das Auge versehrt.
Man macht es nicht jedermann recht.
Das erregte Rudel nimmt gemeinsam Nahrung auf.
Sie schmähen dem Nachbarn aufs Schlimmste seit je und fluchen mit Wucht auf ihn ein.
Da rauscht überraschend ein Stein aus der Höh' und tunkt in den Suppentopf ein.
Im Rudel verfestigt sich die Bereitschaft zum Kampf.
Es fallen nach dieser Granate noch mehr; sie schlagen wie Hagel auf Schlamm.
Da hallt es von drüben: »Den Hund wieder her!
Ich schwöre, sonst schwillt uns der Kamm!«
Doch das Nachbarrudel hat etwas gewittert und zeigt sich unerwartet kampfbereit.
Am andern Gestade gewahrt man den Feind.
Er zeigt sich in ziemlicher Zahl.
Da fliehen die Frauen und Kinder vereint; es kämpfen nur Kerle im Kral.
Alle ausgewachsenen Männchen nehmen an Revierkämpfen teil.
Man trommelt den Torso, macht Fratzen und lacht.
Es mehren sich Blutdurst und Mut.
Die Wurfsteine sammelt man auf mit Bedacht.
Man sagt sich: die sind ja noch gut.
Dem eigentlichen Kampf geht ein stimulierendes und drohendes Gehabe voraus.
Dann stapft man hinaus in den Matsch mit Geschrei, gesellt sich zum Gegner am Fluss, und so stimmt man ein in die Steinwerferei.
Bis dato ist damit nicht Schluss.
Der Fluss verhindert jeden Nahkampf. Der Konflikt hält vorerst an und bleibt womöglich unentschieden.
Am Abend dieses spätherbstlichen Tages waren die Straßen bis zu den Dachrinnen hinauf mit einem Nebel angefüllt, so vollgesogen und undurchsichtig, dass manche Gasse zum Wassergraben wurde. Am Grunde eines Grabens bahnte sich Aline ihren Weg wie ein Einsiedlerkrebs, mit dem Kopf in der dicken Schneckenhausmütze.
Sie war unterwegs zu ihrer Schwester Cäcilia, deren Quartier in einem anderen Stadtteil lag. Cäcilia war die Erstgeborene mit dem Abstand einiger Jahre. Die Schwester arbeitete mittlerweile als Selbständige, und kürzlich hatte sich wohl ein geschäftlicher Anlass zum Feiern gefunden, woraufhin Aline auf einen gemütlichen Adventabend unter Geschwistern eingeladen worden war.
Der Nebel machte Aline indes zu schaffen. Das Laternenlicht war nur eine milchige Ahnung, und ihre Sinne wurden zurückgeworfen. Solcherweise von äußeren Eindrücken abgeschnitten, kamen die inneren Angelegenheiten überall hervorgekrochen. Vor allem die unangenehmen Erlebnisse des Nachmittags zappelten noch glitschig in den Netzen und mussten nun vor der Zeit angerührt werden.
Der innere Projektor zeigte die Szene mit Frau Pumpe, ganz so als würde ein Schattenriss auf die Nebelwand geworfen. Aline schaute zu, wie beim Zusammenstoß mit Frau Pumpe der Spiegel zu Bruch ging, wieder und wieder, und jedes mal trug auch ihre Moral einen weiteren Knacks davon.
Aline war unglücklich darüber, wie zäh sie zu Fuß vorankam. Vor nicht einmal einer Viertelstunde, nachdem sie das Haus schon verlassen hatte und sich bereits auf dem Fahrrad davon strampeln sah, musste sie entdecken, dass man ihr den Hinterreifen zerstochen hatte. Und eingeflochten in die Speichen war – wie eine höhnische Visitenkarte – eine Spielkarte: der Pik-Bube. Sie zog die Karte heraus und riss den Buben entzwei.
Gleich darauf erklang undeutlich eine Frauenstimme.
Kindchen will es wagen? Meinen Schergen schaden? Wallt, ihr trüben Schwaden, weht ihr an den Kragen!
Der Nebel schluckte die Stimme zur Hälfte, machte sie dünn, und Aline hätte nicht sagen können, woher sie erklang. Sie sah sich um, konnte jedoch keine Urheberin entdecken. Sie bemerkte lediglich schräg über ihr ein Fenster bei Frau Pumpe, das trotz der Witterung weit offen stand. Drinnen flackerte irgend etwas, sonst war nichts zu erkennen. Doch dann hatte sie den Eindruck, es wabere Rauch über die Fensterbank nach draußen, um sich mit dem Nebel zu vermischen, und dazu drang ihr ein Geruch wie von gekochten Äpfeln in die Nase.
Gleich darauf war der Nebel dichter geworden, so dass von dem Fenster nur noch ein flackernder Schimmer übrig geblieben war, und Aline hatte sich eilig zu Fuß auf den Weg gemacht.
Seither war eine Viertelstunde verstrichen, und Aline durchlebte nur noch selten einen klaren Moment. Ihre Sinne waren schließlich vollends benebelt, ihre Schritte verzögert, und sie durchlief den missratenen Tag in einer Schleife. Sie vermochte nicht zu entkommen, wurde bei jedem Ausscheren zurückgedrängt durch die Nebelwand, umkreiste sich selbst als Schallplatte, und der trübe Fokus wanderte wie der Tonarm allmählich auf den Nabel zu, während die Umdrehung langsamer wurde. Die Schallplatte plärrte und knarrte mit tiefer und tiefer sinkender Stimme Missgeschick um Missgeschick hinaus, jedes eine lähmende Last. Es fehlte nicht viel, und Aline würde mitten im Nebel zum Stehen kommen, den blinden Blick eingerastet am eigenen Nabel.
Mit dem letzten schleppenden Schritt war aus dem glatten Plattenbelag ein holperiger Untergrund geworden, und Aline bekam wie von Ferne mit, wie sie auf Kopfsteinpflaster trat. Sie war am »Tjostenfeld« angelangt, einem quadratischen Platz in der Fußgängerzone.
Noch einmal drang eine Stimme durch den Nebel, eine Männerstimme diesmal.
A Eins bis H Acht, gebt Acht! Die Dame in Nebel und Nacht! Müsst türmen und laufen und springen, die Dame zum König zu bringen.
Aline blieb endgültig stehen, wippend auf einem Kopfsteinbuckel. Und dann spürte sie eine aufkeimende Regung, ihr Gemüt reckte die Glieder und schien draußen Halt gefunden zu haben, um sich aus dem trüben Tran herauszuziehen. Aber im selben Zug empfand sie einen Widerwillen, der es ihr verwehrte, einfach drauf los, über den Platz zu laufen.