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Ein Mann in mittleren Jahren lernt zwei junge Frauen kennen und fährt mit ihnen von Berlin in seine alte Heimatstadt Karlsruhe. Einen Tag nach der Ankunft liegt er erschlagen in einem Kornfeld. Ohne Hinweise auf seine Identität. Eine schwierige Suche beginnt: Wer ist er, wer hat ihn ermordet, was war das Motiv?
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Marlene Holsten
Thomas Stegemeyer – Marlenes Freund
Andreas – sein Sohn
Alex – Thomas‘ Freund
Inge – Marlenes Freundin
Charlotte Siebers – ehemalige Geliebte von Thomas
Katharina – ihre Tochter, blond
Julia – deren Freundin, rothaarig
Hauptkommissar Klaus Weidemann – HK in Berlin Simon Herbert – sein Kollege
Kommissar Ulf Schreiber – Kommissar in Karlsruhe Oberpolizeimeister Markus Petzel – sein Kollege Marina Falten – Rechtsmedizinerin
Gisbert Eckner – Mann in Karlsruhe
Lisa – seine Frau
Frank – ihr Sohn
Franz Reuschen – Lisas Vater
Fredi – Kneipenwirt
Tanja – Serviererin
Albert Zielinski – Mann am Tresen
Wolfgang Schneider – Mann in der Ecke
Reimann – Tischler, Chef von Katharina und Julia
Der Jüngste ist er wahrhaftig nicht mehr, denkt Marlene, während Thomas telefoniert und sie ihn ungehindert und unbemerkt mustern kann. Das ist mir bisher gar nicht so aufgefallen. – Na ja, schließlich sind wir beide keine siebzehn mehr. Die Siebzig winkt! Ein paar Jahre noch, dann ist es so weit.
Träge lehnt sie sich in einen der beiden üppigen Sessel in ihrem Wohnzimmer zurück, ohne den Blick von ihrem Freund zu wenden. Kein einziges weißes Haar hat sich bis jetzt in seine braune Mähne verirrt. Wahrscheinlich färbt er heimlich. Die Jeans kann er immer noch gut tragen mit seinen hohen Beinen, aber die Rundung vom Po hat sich nach vorne verlagert. Schade! Leise kichert Marlene vor sich hin. Für einen Adonis hält er sich trotzdem immer noch.
Thomas hat das Gespräch beendet. »Was erheitert dich so, meine Liebe?« Das unterdrückte Kichern hat er sehr wohl bemerkt, und auf ihrem Gesicht entdeckt er auch noch Spuren ihres Lachens.
»Nichts, es ist nichts«, antwortet Marlene, »ich hab nur an was Lustiges gedacht.«
»Und das wäre?«
»Dass wir allmählich alt werden.«
»Und das findest du lustig?«
»Ja, wie wir damit umgehen, das finde ich lustig. – Hast du dich jetzt mit Alex für heute Abend verabredet?«
Thomas schaut Marlene verblüfft an. Das findet sie lustig! Er betrachtet sie prüfend. Zum ersten Mal seit langer Zeit sieht er sie wieder richtig an. Ja, sie sieht immer noch ganz passabel aus, schlank und groß, versteht sich elegant zu kleiden. Aber ihr wahres Alter kann sie natürlich nicht verbergen. Die Haut einer 65jährigen ist eben nicht mehr die eines jungen Mädchens. Die Linien in ihrem Gesicht erzählen von den Jahren, die hinter ihr liegen. Das ist ganz normal. Aber traurig. Nicht lustig.
Wie war sie schön, damals, als er sie zum ersten Mal auf einem dieser Mega-Amüsier-Events entdeckte, die Alex einmal im Vierteljahr zu veranstalten pflegte. Und bis heute noch veranstaltet, der verrückte Hund. Jetzt allerdings halbjährlich. Der kann einfach nicht alt werden.
Über ihre erste Jugend war Marlene auch damals schon hinaus. Eigentlich stand Thomas nicht auf reife Frauen.
Zu anstrengend, zu eigenwillig. Und zu alt. Aber irgendetwas, abgesehen von ihrem beeindruckenden Aussehen, hatte ihn an Marlene fasziniert. War es ihr freundliches, offenes, selbstbewusstes Auftreten? Ihre Fähigkeit, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu halten? Ihre Gelassenheit? Ihr – zugegeben: manchmal seltsamer – Humor?
Heiraten kam für ihn nicht in Frage. Dafür war Marlene ihm nun wirklich schon zu alt. Aber als Verhältnis, Beziehung, Liaison – wie immer man das heute bezeichnete – war das, was zwischen ihnen bestand, angenehm und ungemein praktisch.
»Ich hatte dich etwas gefragt, Thomas.«
»Du hattest mich was gefragt?«
»Ja, ob du dich für heute Abend mit Alex verabredet hast. Ihr habt doch miteinander telefoniert.«
»Ach so, entschuldige, ich war ganz in Gedanken.« Sagt er ihr jetzt, dass er sich nicht verabredet hat? Dann gibt es keinen Grund, den Abend nicht mit Marlene zu verbringen.
»Ja, wir wollen uns gegen acht treffen.« So ist der Abend gerettet, er kann gehen und tun und lassen, was er will. Das ist der Vorteil, wenn jeder seine eigene Wohnung hat.
Ein gemeinsamer Haushalt stand für sie beide nie zur Debatte. Sicher, es wäre kostengünstiger gewesen. Aber in ihrem Alter hat man bereits eingefahrene Gewohnheiten – Marlene nennt es »Schrullen« –, die, täglich ausgelebt, den Partner nerven und die Beziehung belasten. Außerdem ist es gut, sich eine gebührende Portion Freiheit zu erhalten. Findet Thomas. Und Marlene wohl auch.
»Wollen wir dann vorher hier noch was essen?«
Thomas zögert. Bequemer ist es natürlich, hier noch ein Abendbrot vorgesetzt zu bekommen. Und billiger. Andererseits …
»Wie spät ist es denn?«
»Gleich sechs«, ruft Marlene, mittlerweile aus der Küche.
Zeit genug wäre noch. Aber da er sich nun entschieden hat, den Abend nicht mit Marlene zu verbringen, zieht es ihn mit Macht hinaus. Mal sehen, wer sich in seiner gemütlichen Stammkneipe heute Abend herumtreibt. Letztes Mal haben zwei bildhübsche junge Mädchen, vielleicht siebzehn, höchstens neunzehn, seine Aufmerksamkeit im wahrsten Sinne des Wortes erregt. Vielleicht sind sie heute wieder da. Sie schienen hier aus der Gegend zu sein, sich auszukennen, so, wie sie mit einigen Leuten quer über den Tresen flachsten. Keine Kinder von Traurigkeit. Und was sie hatten, zeigten sie auch: kleine, feste Brüstchen unter den knappen Shirts, lange, schlanke Beine, bronzebraun, nur notdürftig von einer Rockandeutung bedeckt bei der einen, betont durch knappe Shorts bei der anderen, grazile Taille.
»Ja, einen Happen kann ich noch bei dir essen. Aber mach keinen großen Aufstand. Wirklich nur eine Kleinigkeit.«
*
Um sieben ist noch nicht viel los in der Kneipe. Thomas nimmt auf einem der hohen Hocker am Tresen Platz, bestellt bei der durchaus ansehnlichen Bedienung ein Pils und lässt den Blick schweifen. Nein, die Nymphchen sind nicht da. Noch nicht? Oder kommen sie heute gar nicht?
Außer Thomas sitzt nur noch ein älterer Mann am Tresen, am anderen Ende. Der nimmt jetzt Glas und Bierdeckel und kommt rüber zu Thomas, setzt sich auf den Hocker neben ihm.
»Was’n Glück, dass ich hier mal jemand aus meiner Altersklasse treffe. Sind sonst fast alle jünger, die hier rumsitzen.«
Peinlich berührt sieht Thomas abwechselnd zur Bedienung und zu diesem Mann neben ihm, als erwarte er von der Serviererin eine Erklärung. Wer ist dieser Typ? Wie kommt der dazu, mich seiner Altersklasse zuzurechnen? Ich hab den hier noch nie gesehen, er tut aber so, als ob er Stammgast wäre.
»Nich’ sehr gesprächig heute, was?«, hakt der Mann nach.
»Hören Sie, ich möchte hier einfach nur in Ruhe mein Bier trinken.«
»Na, ich hab Sie aber schon anders erlebt. Da haben Sie ’ne Menge geredet.«
»Ich kenne Sie überhaupt nicht. Und hier habe ich Sie noch nie gesehen.«
»Glaub ich gern. Weil sonst sitz ich immer da hinten an dem Ecktisch. 1a-Überblick von da aus. Könn’ Sie mir glauben.«
Thomas blickt dem Unbekannten fest ins Gesicht, versucht, etwas Bekanntes darin zu finden, etwas, das ihn sagen lassen würde: Ah ja, jetzt erkenne ich Sie wieder. Aber nein. Fehlanzeige. Er bezweifelt, dass der Mann jemals in dieser Kneipe gesessen hat. Hat da hinten am Tisch überhaupt mal jemand gesessen?
Inzwischen hat sich das Lokal gefüllt. Die neu angekommenen Gäste nicken Thomas einen kurzen Gruß zu und verfolgen dann diskret interessiert aus der Distanz das Gespräch, das er mit dem Unbekannten führt.
»Ich kann mich beim besten Willen nicht an Sie erinnern.«
»Das is’ mir klar. Sie haben mich nie wahrgenommen, waren immer zu beschäftigt. Mal mit ’nem Kumpel hier am Tresen, mal mit der Serviererin oder dem Chef und letztes Mal mit den beiden jungen Dingern. Die saßen auch hier am Tresen.
Da haben Sie die Augen gar nich’ mehr von losbekommen. Aber gesprochen haben Sie mit denen nich’.«
Wie kommt dieser Kerl dazu... Am liebsten würde Thomas ausholen und … Zumindest einmal kurz reinhauen in dieses Gesicht mit dem blöden Lächeln. Aber dann wäre dieses Lokal als Stammkneipe für ihn gestorben. Er könnte sich hier nicht mehr blicken lassen, denn außer – offenbar – diesem Typen kennen ihn hier auch fast alle anderen Gäste.
»Nix für ungut, der Herr! Ich werd’ mich dann mal auf die Socken machen. Angenehmen Abend noch!«
Der Unbekannte rutscht von seinem Hocker, deutet mit der Hand einen militärischen Gruß an und hat die Gaststätte schon verlassen.
»Wer war das denn?«, wendet sich Thomas an die Serviererin hinter dem Tresen. Die streicht sich eine schwarze Haarsträhne aus dem hübschen, etwas blassen Gesicht, zapft, ohne aufzusehen, weiter und zuckt die Schultern.
»Du musst den doch kennen, Tanja. Er sagt, er sitzt immer da hinten in der Ecke. Dann musst du ihn doch schon bedient haben.«
Jetzt hebt Tanja den Blick ihrer dunklen Augen und richtet ihn unverwandt auf Thomas. »Hör mal, ich kenne hier nicht jeden Gast, vor allem wenn er keinen Ton sagt außer »ein Bier« und »bitte« und »danke«. Kann sein, dass ich den schon mal bedient habe, aber gesprochen hab ich mit ihm garantiert nicht. Was hat er denn von dir gewollt?«
»Das weiß ich auch nicht so genau. Mich anmachen. Oder mir den Abend versauen.«
»Ach, Thomas, lass dir doch von so ’nem Typen nicht in die Suppe spucken. Komm, ich mach dir noch ’n Bier. Geht aufs Haus. Willste auch ’n Schnaps dazu?«
»Nee, danke. Muss nicht sein. Aber ´n Bier ist okay. – Kennst du vielleicht den Typen, der mich angequatscht hat, Albert?«, wendet sich Thomas an den Mann, der zwei Hocker weiter sitzt.
»Den, der gerade rausgegangen ist?«
»Ja, genau.«
»Gesehen hab ich den hier schon mal. Aber direkt kennen tu ich den nicht. Ich dachte, ihr kennt euch, weil ihr so – so, ach, ich weiß nicht, wie. Eben weil ihr miteinander gesprochen habt.«
»Mir ist der Kerl völlig unbekannt. Aber er scheint sich sehr für mich zu interessieren. Er muss öfter da hinten an dem Ecktisch sitzen und mich beobachten. Warum, ist mir allerdings ein Rätsel.«
»Vielleicht steht er auf dich«, sagt Albert mit anzüglichem Grinsen.
»Quatsch! So einer ist das nicht. Der ist eher so was wie ’n Spitzel. Privatschnüffler oder so was Ähnliches. Ich will doch nicht hoffen, dass mir Marlene so was auf den Hals hetzt.«
»Marlene? Nie im Leben. Das würde die nie tun.«
»Woher willst denn du das wissen? So genau kennst du sie doch gar nicht.«
»Na, du hast sie doch oft genug hierher mitgeschleppt. Klar, so gut wie du kenn ich sie natürlich nicht. Aber sie ist nicht der Typ, der so was macht. Privatschnüffler engagieren. Das sieht ihr einfach nicht ähnlich.«
»Ja, hast ja recht, Albert«, gibt Thomas zu. »Irgendwie passt das nicht zu ihr. Vor allem, wo sie überhaupt nicht eifersüchtig ist. Ich glaube, wenn sie was rauskriegen wollte, würde sie sich eher selbst auf die Socken machen.«
»Genau!«, bestätigt Albert. »So’n Privatschnüffler ist ja auch irre teuer.«
»Kommt Peter heute nicht?«, wechselt Thomas das Thema.
»Nee, der ist runter nach Baden-Baden, wo er herkommt, zum Klassentreffen. Hat er gesagt.«
»Wieso ›hat er gesagt‹? Glaubst du ihm nicht?«
»Doch, schon«, lenkt Albert ein. »Es ist nur – er hat nie was von Schule, Klassenkameraden, Freunden von früher oder so erwähnt. Aber es wird schon stimmen. Warum sollte er mir Märchen erzählen?«
»Ja, warum sollte er? Und wann will er wiederkommen?«
»Am Montag. Übers Wochenende wollte er noch da unten bleiben. Er hat da ja mal gelebt, als er Kind war.«
»Ich komm auch aus der Gegend. Karlsruhe, weißt du? Vielleicht sollte ich auch mal wieder runterfahren.«
*
Hahahahahah. Laut lachend schwingen die beiden Mädchen ins Lokal. Blond mit Nachhilfe die eine, naturfeuerrot die andere. Beide in knallengen Jeans und Girly-Tops bis gerade mal über die kleinen, spitzen Hügel.
»Da seid ihr ja!«, entfährt es Thomas begeistert und viel zu laut. Die Mädchen sehen sich einen Moment erstaunt an und prusten dann wieder los. Da sie so enthusiastisch empfangen werden, nehmen sie ohne Zögern direkt neben Thomas Platz. Der schaut zur Sicherheit noch einmal in die Ecke, nein, an dem Tisch dort sitzt niemand.
»Hallo!«, sagt die Blonde; »hallo!«, sagt auch die Rote.
»Hallo!«, sagt Thomas, nicht mehr ganz so laut. »Möchtet ihr was trinken?«
»Klar!«
»Und was?«
»’ne Cola mit was drin.« Die Rote ist offenbar die Redeführerin.
»Mit was drin?« Thomas versteht nicht, was die Rote meint.
»Na, mit ’nem kleinen Klaren oder mit ’nem Schuss Rum. Cuba libre oder so was in der Art.«
Thomas sieht die beiden unsicher an. Sind die schon achtzehn?
»Wie alt seid ihr denn?«, fragt er vorsichtshalber.
»Zwanzig!«, kommt es wie aus der Pistole geschossen von beiden.
Könnte stimmen. Oder auch nicht. Mit reichlich ungutem Gefühl gibt Thomas die Bestellung auf. Als die Getränke vor den Mädchen auf dem Tresen stehen, schaut die Blonde Thomas mit einem atemberaubenden Augenaufschlag an. »Danke! Das ist sehr nett von Ihnen, uns was zu spendieren«, sagt sie mit belegter Stimme. »Ja, danke!«, sagt auch die Rote, »na denn: prost!« Sie nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Glas.
»Wohnt ihr hier in der Nähe?«, tastet sich Thomas vorsichtig heran.
»Ja, drüben in dem Neubau«, gibt die Rote bereitwillig Auskunft. »Wir wohnen da zusammen. Im vierten Stock.«
»Aber noch nicht lange, oder?«
»Nee, erst seit einem Vierteljahr.«
»Wohnt ihr da mit euren Eltern?«
»Das fehlte noch! Ich hab doch gesagt, wir wohnen zusammen. Wir teilen uns eine Wohnung. Unsere Eltern haben da nichts zu suchen.«
Reichlich forsch, die Rote, findet Thomas. Aber andererseits – so jung, so herrlich jung!
»Geht ihr noch zur Schule?«, will er wissen.
»Nee, dann könnten wir uns die Wohnung ja gar nicht leisten.« Die Blonde übernimmt nun das Gespräch. »Wir arbeiten bei Reimann in der Tischlerei. Der hat von allen Bewerbern nur uns Mädchen genommen als Azubis. Keinen einzigen Jungen«, erklärt sie voller Stolz.
Wird schon seine Gründe gehabt haben, der alte Lustmolch, denkt Thomas.
»Und was machen Sie so?«, erkundigt sich die Rote.
»Julia!«, will die Blonde die Neugier ihrer Freundin zügeln.
»Ich weiß nicht, was du hast. Er hat uns doch auch ausgequetscht.«
»No problem«, beendet Thomas den offensichtlich inszenierten Streit. »Ist kein Geheimnis, was ich mache. Ich bin Ingenieur.« Das ist nicht mal gelogen. Aber dass er seit einigen Jahren bereits im Ruhestand lebt, erwähnt er nicht.
»Habt ihr noch was vor heute Abend?«, erkundigt er sich. Man könnte ja mit den jungen Dingern noch ein bisschen über die Dörfer ziehen. Zwei so hübsche und blutjunge Gewächse würden ihm sicher gut stehen. Außerdem ist Freitag, da ist überall was los.
»Nee, eigentlich nicht«, antwortet die Rote und sieht ihn erwartungsvoll an.
»Hättet ihr Lust, noch woanders hinzugehen?«
»Ja, warum nicht. Irgendwohin, wo man tanzen kann.«
Mit der Roten kommt man schnell ins Geschäft, denkt Thomas, aber eigentlich gefällt mir die Blonde besser. Die ist zurückhaltender, nicht so kess, wartet ab, beobachtet. Irgendwie erinnert sie mich an jemand. An wen nur?
»Okay, soll mir recht sein. Ihr beredet, wo ihr hingehen wollt und ich zahle inzwischen.« Einen kurzen Blick wirft Thomas noch nach hinten zum Ecktisch. Nein, niemand sitzt dort. Und alle anderen sind beschäftigt, mit Trinken, mit Quatschen, mit Skat oder Backgammon; die werden gar nicht bemerken, dass er das Lokal mit den beiden Mädchen verlässt.
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»Weißt du, Marlene, ich hab mir überlegt – ich hätte mal wieder Lust, nach Karlsruhe zu fahren. Mal sehen, ob ich dort noch alte Kumpel von damals finde, und gucken, was die so machen.«
Amüsiert sieht Marlene Thomas in die Augen. »Ja, ja, genau das meinte ich gestern: Wir werden alt. Jetzt hast du schon Lust auf eine sentimental journey in deine jugendliche Vergangenheit – eine typische Alterserscheinung. Aber warum nicht? Vielleicht machst du tatsächlich ganz spannende Erfahrungen. – Wann willst du fahren?«
Marlenes Gelassenheit überrascht ihn immer wieder. Thomas kennt andere Reaktionen auf seine Pläne. Misstrauen. Protest. Vorwurf. Tränen. Nichts davon bietet Marlene.
»Ich dachte ans übernächste Wochenende. Am Freitag hin und am Montag zurück, vielleicht auch ein paar Tage länger.« Und mit wenig Begeisterung fügt er hinzu: »Willst du nicht mitkommen?«
»Ach nein, Thomas! Das sind deine Erinnerungen. Nicht, dass ich mich nicht für deine Vergangenheit interessieren würde, aber – na ja, ich hab doch daran keinen Anteil, keine Beziehung dazu – jedenfalls nicht die Beziehung, die du dazu hast.«
»Ja, du hast recht.« Thomas hat Mühe, seine Erleichterung zu verbergen.
»Übernächstes Wochenende...?«, überlegt Marlene. »Das trifft sich gut. Da wollte Inge mich besuchen. Du weißt, Inge aus Hamburg. Wenn du nicht da bist, können wir uns ganz ungeniert zwei lustige Weibertage machen.«
Unsicher sieht Thomas Marlene an. »Was meinst du denn mit ›lustigen Weibertagen‹?«
»Na, wir können ausgehen – wann wir wollen und wohin wir wollen, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Und wenn wir keine Lust zum Ausgehen haben, bleiben wir eben einfach zu Hause und quatschen.«
