Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Rettung der Welt E-Book

Dieter Nuhr

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E-Book-Beschreibung Die Rettung der Welt - Dieter Nuhr

Wer steckt wirklich hinter dem Fall der Mauer? Wie kam Papst Johannes Paul II. auf den Heiligen Stuhl? Und warum ist es pädagogisch wertvoll, bei Rot über die Straße zu gehen? Dieter Nuhr stellt unsere Geschichtsschreibung auf den Kopf und offenbart sich als heimlicher Hintermann des Weltgeschehens. Von der Entwicklung des Computers über die Eurokrise bis zur WM-Vergabe, überall hat er seine Finger im Spiel, um die Menschheit in eine glückliche Zukunft zu führen. Der Faktenlage nach geht sein Plan auf, doch was sagen seine Mitmenschen? Die motzen getreu dem mentalen Gesetz der Deutschen: §1 Die Welt ist schlecht. §2 Es wird immer schlimmer. Dieter Nuhr hält charmant überzeugend dagegen und erklärt, warum die Welt noch nie so gut war wie heute. Seine anti-alarmistische Botschaft: Alles wird gut! Der Bestseller-Autor Dieter Nuhr schreibt die erstaunlichste Autobiografie aller Zeiten.

Meinungen über das E-Book Die Rettung der Welt - Dieter Nuhr

E-Book-Leseprobe Die Rettung der Welt - Dieter Nuhr

Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

DIE 60ER

GEBURT

DÜSSELDORF

SOMMER AN DER SEE

DIE EXTRATERRESTRIER

INTERVENTIONEN

68

STASI

DIE WAHRHEIT ÜBER MEINE ELTERN

MONDLANDUNG

DAS ENDE DER 60ER

DIE 70ER

1970

DIE POST-HIPPIEZEIT

GYMNASIUM

FRÜHE PUBERTÄT

POLITIK

HOHE PUBERTÄT

DER AUTOFREIE SONNTAG

URLAUB

1977

DAS ENDE DER 70ER

NEUES UND DIE ELTERN

NEUE MUSIK

DIE 80ER

DIE ALTERNATIVEN – AUFBRUCH IN DIE 80ER

DER WEG ZUM ENDE DER SPALTUNG DER WELT

NEUE TRENDS

VERWEIGERUNG

GORBATSCHOW, WOJTYLA UND KOHL

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

RELIGIÖSE VERWIRRUNG

KONSEQUENZEN

KUNST UND GESCHICHTE

DER EISERNE VORHANG

MEIN PAPST

DER WEG ZUR DEUTSCHEN EINHEIT

PFLASTERMALER

MACINTOSH

CHALLENGER, TSCHERNOBYL UND VOLKSZÄHLUNG

MAUERFALL

DER GANG DER DINGE

EXAMEN

DIE 90ER

ANFÄNGE

DRESDEN

RUSSLAND

NEUE MENSCHEN

REGIERUNGSWECHSEL

KULTUR DER 90ER

TUTTI FRUTTI

WELTENTWICKLUNG

NIVEAULIMBO

FERNSEHEN

ROT-GRÜN

DIE 00ER

DER MILLENNIUM BUG

DAS JAHR 2000

DIE KONKURRENZ

9/11

PUTIN

BUSH

SADDAM

VOM ERDLOCH IN DIE ZUKUNFT

BÜHNE

SPRACHE

PARTY

REISEN

POLITISCHES

FORTSCHRITTE

ANGST

STATISTIK

IPHONE

KRISE

DIE EMPÖRTEN

GLOBALISIERUNG UND FRIEDEN

DIE LÖSUNG

FAMILIE

DAS ENDE DER 00ER JAHRE

DIE 10ER

STRATEGIEWECHSEL

MEIN BEGINNENDES JAHRZEHNT

ARABISCHER FRÜHLING

DESTABILISIERUNG

GEWALT

NARZISSMUS UND POPULISMUS

BEBEN

A CLOCKWORK ORANGE

ALGORITHMEN

2012

SEIN UND WAHRNEHMUNG

DER NIEDERGANG DES KATHOLIZISMUS

GRIECHENLAND

PFERD

FLÜCHTLINGE

KURZ VOR DER GEGENWART

BOTS

DIE UNZUFRIEDENHEIT DER MENSCHEN

TRUMP UND DIE WELT ALS INSZENIERUNG

GEGENWART

JETZT

ZUKUNFT

BALD

DER PROZESS

DAS ENDE DER ZEIT

ENDE DER UMBAUARBEITEN

DIE SINNFRAGE

ABGANG

Über dieses Buch

Wer steckt wirklich hinter dem Fall der Mauer? Wie kam Papst Johannes Paul II. auf den Heiligen Stuhl? Und warum ist es pädagogisch wertvoll, bei Rot über die Straße zu gehen? Dieter Nuhr stellt unsere Geschichtsschreibung auf den Kopf und offenbart sich als heimlicher Hintermann des Weltgeschehens. Von der Entwicklung des Computers über die Eurokrise bis zur WM-Vergabe, überall hat er seine Finger im Spiel, um die Menschheit in eine glückliche Zukunft zu führen. Der Faktenlage nach geht sein Plan auf, doch was sagen seine Mitmenschen? Die motzen getreu dem mentalen Gesetz der Deutschen: §1 Die Welt ist schlecht. §2 Es wird immer schlimmer. Dieter Nuhr hält charmant überzeugend dagegen und erklärt, warum die Welt noch nie so gut war wie heute. Seine anti-alarmistische Botschaft: Alles wird gut! Der Bestseller-Autor Dieter Nuhr schreibt die erstaunlichste Autobiografie aller Zeiten.

Über den Autor

Dieter Nuhr ist Kabarettist, Comedian, Moderator, Autor und Fotokünstler. Seit zwanzig Jahren ist er mit seinen Soloprogrammen in ganz Deutschland auf Tour. Die Vorstellungen sind durchweg ausverkauft. Er ist der einzige Künstler, der sowohl den deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Kabarett als auch den Deutschen Comedypreis gewonnen hat sowie viele weitere Auszeichnungen. Er ist außerdem einem breiten Fernsehpublikum durch Formate wie Satire Gipfel, Nuhr im Ersten und nuhr gefragt bekannt.

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Originalausgabe

Der öffentliche Vortrag des Werkes oder von Auszügen daraus ist ohne ausdrückliche Genehmigung des Nutzungsberechtigten nicht gestattet

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: KD Langenstein, Köln

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Fotos im Innenteil: © Dieter Nuhr

eBook-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-7325-3337-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

GEBURT

Als ich im Herbst 1960 zur Welt kam, schrie meine Mutter Eleonore vor Freude. Ich blickte von innen durch den Geburtskanal und sah das Licht am Ende des Tunnels, während mein Vater, Walter, 50 Kilometer entfernt in einer Amtsstube sitzend seinen Griffel spitzte. Kerle ging das nichts an. So war das damals in der Nachkriegszeit.

Als Mann ließ man sich nach getaner Arbeit von der erfolgreichen Abnabelung berichten, fuhr dann zur Abnahme ins Krankenhaus und gratulierte recht herzlich. In den 60ern ersparten sich die Männer den Anblick von Presswehen und Dammschnitten. Man wollte die Dame des Hauses in bester Erinnerung behalten, falls es zu Komplikationen kam.

Als Kerl empfing man den Nachwuchs in gewaschenem Zustand und wunderte sich, dass der frisch entbundene Thronfolger keinen entschlosseneren Händedruck hatte. Man entschied, in der Erziehung auf Strenge zu achten und bei den diesbezüglich Zuständigen, den Ehefrauen, Großmüttern und Kindermädchen, vorstellig zu werden. Das Leben war hart und Weichlinge unerwünscht.

Die Nachkriegszeit ging ins Land. Zweimal hatte das Volk, dem ich bis heute angehöre, Kriege ausgelöst, seine Nachbarn überfallen und viel schlechte Laune hinterlassen. Größenwahn, Pathos und Naivität hatten zur ultimativen Katastrophe der Menschheitsgeschichte geführt. Doch als ich 1960 dazukam, war das Schlimmste vorbei. Die Zeit des Kohlenklauens war vorüber, Deutschland holte bei den Olympischen Spielen in Rom zwölfmal Gold, gemeinsam mit der DDR und den Athleten aus dem frisch dem Bundesgebiet beigetretenen Saarland. Doping war damals noch kein Thema, und wenn es vorkam, dann fraßen die Athleten tellerweise Steroide, die die Frauen wie Käpt’n Hook und die Männer wie Tiroler Bauernschränke aussehen ließen. Mit anderen Worten: Man zahlte seinen Preis.

1960 gab es immerhin schon wieder Unterkünfte und fließendes Wasser. Sicherheit galt als höchstes Gut. So kam ich mit Sturzhelm zur Welt.

Und mit drei Beinen! Ich war die Sensation der Entbindungsstation. Das hatte es seit Jahren nicht mehr gegeben. Und nun trat dieses Phänomen ausgerechnet beim Kind eines Beamten auf, eines geradlinig denkenden Protestanten, dem alles Überflüssige, ja Exzentrische zuwider war. Mein Vater lehnte jegliche Form des Überflusses ab und war entsetzt über die Normabweichung im eigenen Haus. 15 Jahre nach Beendigung des Krieges war der Luxus einer zusätzlichen Stehhilfe geradezu obszön!

Ich vermutete damals, dass das dritte Bein der genetischen Linie meines Vaters entsprungen war. Er, der Sicherheit zur obersten Lebensmaxime erkoren hatte, sollte doch glücklich sein über meinen stabilen Stand. Der Mensch, geworfen ins Leben, ein fragiles Konstrukt mit der Lebenszeit von etwa einem kosmischen Blinzeln, sterblich, verletzlich, zerbrechlich, war auf zwei Beinen dem labilen Gleichgewicht ausgesetzt, immer der Gefahr unterworfen, nach hinten oder vorn zu kippen. Ich aber stand vom ersten Tag an stabil wie ein Beistelltischchen.

Leider währte die Freude nicht lange. Mein Bein wurde als körperliche Abnormität erkannt und daraufhin nicht gänzlich entfernt, aber umgebaut. Fortan war ich ein Junge. Ich hatte gelernt: Abweichung von der Norm war nicht erwünscht und im Notfall Anlass zur medizinischen Einflussnahme. Der Herbst ging ins Land.

Meinen Sturzhelm durfte ich nur zum Schlafen ausziehen. Die zahlreichen Kriegsbrachen machten die Welt meiner Kindheit zu einer vulkanischen Landschaft. In meiner Erinnerung knallte und rauchte es überall. Ständig waren die Detonationen der aus dem Zweiten Weltkrieg übrig gebliebenen Blindgänger zu hören. Oft musste man sich neue Freunde suchen, wenn die alten wieder einmal in Rauch aufgegangen waren. Harte Zeiten.

Um zum Krämer zu gelangen, der uns mit Butter, frischen Brötchen und Schmierseife versorgte, musste man die Täler und Berge der niederrheinischen Verheerungen überqueren. Ich erinnere mich an die endlosen Landschaften aus Bombentrichtern, Trümmern und, viel erschreckender noch, die Neubauten der 50er Jahre, traurige schmucklose Gebäude im Stil eines aus der Zerstörung geborenen Funktionalismus, der Geschosshöhen nach unten korrigierte und jedes ästhetische Empfinden beleidigte.

Das Einkaufen glich auch 15 Jahre nach dem Krieg immer noch der Tätigkeit früherer Jäger und Sammler. Tragetaschen mussten von zu Hause mitgenommen werden, denn Plastiktüten, die Symbole des deutschen Wirtschaftswunders, existierten bis dato nur in der Welt des Jetsets. Im harten Winter verabschiedete man sich vor dem Einkauf wie vor einer Polarexpedition. Man wusste nie, ob man die Familie wiedersehen würde.

In meiner Erinnerung war es draußen selten wärmer als minus vierzig Grad. Nicht mal Klimaerwärmung konnten wir uns leisten. Drinnen heizte man, indem man die Möbel anzündete. Eiche rustikal brannte am längsten, vor allem, wenn zahlreiche Schnitzereien Luftwirbel erzeugten, die das Holz umzüngelten. Furnier war verpönt. Der Leim ließ die Erstickungsgefahr im Haus steigen und dezimierte den Nachwuchs. Viele schreckte das nicht. Nahrung war knapp und Mitesser im Grunde unerwünscht.

Wir hatten nichts, aber gerade das schweißte uns zusammen. Wir beteten viel. Der Krieg hatte illusionslose Menschen zurückgelassen, die sonntags morgens in die Kirche gingen, um sich ein bisschen Seelenheil ins Leben zu zaubern. Meine Mutter war katholisch. Sie hörte gern dem Herrn im Kaftan zu, der die Geschichten des Gefolterten und Hingerichteten wie eine Soap-Opera inszenierte. Sein Vater habe ihn zur Welt gebracht, hieß es im Buch der Bücher, indem er eine Jungfrau fernbefruchten ließ, die ihn als Leihmutter austragen musste. Am Ende wurde der zum Mann gereifte Knabe geopfert und dadurch die Menschheit von einer Sünde erlöst, die sie nicht begangen, sondern geerbt hatte.

Was dem Erwachsenen sofort als irrationales Geknatter erscheint, war harter Tobak für uns Minderjährige. Philosophisch fühlte ich mich überfordert. Was sollte das? Diese ganze Story mit den Stigmata des Gekreuzigten, der Dornenkrone, dem Haupt voll Blut und Wunden, ein bisschen Fantasy, ein bisschen Splattermovie, das war nicht meine Welt.

Aber mir gefielen die Bilder von den Schafen. Und wenn man einen Platz erwischte, unter dem es nicht reinregnete, machte einem der Weihrauchqualm ein wohliges Gefühl verrauchter Seligkeit. Entrückte Großmütterchen wiegten sich in Apathie, starrten ins Leere.

Jahrelang streifte ich durch die umliegenden Parks auf der Suche nach brennenden Dornbüschen. Was ich dort sah, prägte mich fürs Leben. Viele Menschen hatten damals zu Hause keinen Platz für die Liebe. Ich sah, wie sich die Verknoteten hinter Parkbänken wanden, und musste mir selbst zusammenreimen, dass der biblischen Liebe andere Formen der Zuneigung gegenüberstanden, über die der Schamane im Dom nur wenig zu sagen hatte. Wahrscheinlich war es so: Was er wusste, behielt er für sich, häufig aus strafrechtlichen Gründen, was oft erst Jahrzehnte später herauskam.

Meine ersten Studien, das Leben betreffend, musste ich vom Kinderwagen aus betreiben. Das war nicht einfach, denn der Wagen, aus heutiger Sicht ein Oldtimer mit viel Chrom und ausladender Silhouette, ließ kaum einen Blick nach außen zu. Für mich bestand die Welt aus Himmel, mal grau, mal blau. Dass es auch andere Farben gab, lernte ich daheim, das Braun der Möbel, das Orange des Feuerscheins, das Schwarz der Asche, die fleischfarbene Unterwäsche meiner Mutter, die zigarettenfarbenen Zähne des Vaters, das Gelb meiner Windeln.

Das Leben war ein Fluss, der damals noch häufig zufror. Ich lebte in Wesel, einer Stadt, in der nur ein einziges Haus den Krieg unbeschadet überstanden hatte, das Haus des Bäckers Willy Arera. Er sorgte für die Versorgung der Stadt mit Teigwaren und durfte dafür in seinen Öfen abbrennen, was der Krieg übrig gelassen hatte. Wir wohnten am Viehtor. Um die Ecke, Brückstraße, lebten die Großeltern, Leute aus dem landwirtschaftlichen Fach, die weder Land noch Tiere besaßen und deshalb viel Zeit hatten.

Meine Großmutter Heidelinde Baff, eine geborene Senftel, die größten Wert darauf legte, in ihrer Ahnenreihe einen Herrn von Ziege zu haben, war ausgebildete Ausdemfensterguckerin, während mein Großvater Heinrich Gutachten schrieb, die schäbiges Ackerland zum idealen Untergrund für Autobahnen erklärten. Damit ließ sich gut Geld verdienen, das man in Zigarren umtauschen konnte. Meinen Großvater habe ich als Wolke in Erinnerung.

Oma und Opa quarzten, was das Zeug hielt. Luft war in ihrer Nähe niemals zu finden, wohl aber teeriger, muffelnder Dunst, der die Lunge eines Neugeborenen mit feinstaubigen Feststoffen zu füllen in der Lage war. Damals galt ein Besuch bei der Kriegsgeneration als Überlebenstraining. Wer die Stunden ohne Sauerstoff überlebte, war hart genug, auch die anderen Prüfungen zu bestehen, die das Leben für uns bereithalten sollte, ein Dritter Weltkrieg, die Pest oder Schlagermusik.

Mein Großvater war begeisterter Militarist, aber glühender Gegner der Nazis. Er freute sich an den Erfolgen der Wehrmacht, die seiner Meinung nach durch den wahnsinnigen österreichischen Gefreiten, der sich selbst zum Führer ernannt hatte, in seiner Selbstüberschätzung zerstört worden waren. Dünkirchen war für ihn ein großer Sieg, und von mir als Einjährigem wollte er nicht hören, dass die Schlacht, bei der die Amerikaner zwar verloren, aber nicht vernichtet wurden, der Wendepunkt des Krieges war, weil zu wenig alliierte Schlagkraft zerstört wurde.

Als Anhänger des katholischen Zentrums war mein Großvater ein Vertreter derer, die in Militarismus und christlicher Nächstenliebe keinen Widerspruch erkennen konnten. Die Niederlage schmerzte wie ein Oberschenkeldurchschuss. Der Nazipöbel hatte für ihn die Schönheit des uniformierten Tötens zerstört. Hitler machte er persönlich verantwortlich dafür, dass das Sterben im Krieg nie wieder wirkliche Romantik ausstrahlen würde. Ein Männertraum war dahingegangen, und Opa war traurig. Dass er trotzdem immer gute Laune ausstrahlte, lag am Qualm, der seinen Kopf vollständig ausfüllte und alles Negative vertrieb. Mein Opa war Rheinländer durch und durch. Helau!

Den Krieg hatte Großvater im Wesentlichen in Paris verbracht. Von dort sandte er Reizwäsche an meine Großmutter, die Sexualität als skurrile Abnormität einer ansonsten perfekten Schöpfung betrachtete, deren vornehmste Erscheinung der Mensch in seiner reinsten Form war, allerdings ausschließlich, wenn er angezogen am Tisch saß. Zwei Kinder hatten die beiden gezeugt, sollte es damit nicht genug sein? Warum einen Prozess weiterhin vollziehen, dessen erhabenstes Ziel, die Fortpflanzung, nicht weiter angestrebt wurde?

Seine sexuelle Begierde erstickte mein Großvater im Nebel des brennenden Zigarrenteers, den er so tief in sich einsog, dass er innen völlig schwarz wurde. Mein Opa war dadurch in der Lage, mitten am Tag das Licht aus dem Raum zu saugen, ein Zaubertrick, den er mir manchmal vorführte, vielleicht wurde ich aber auch einfach nur ohnmächtig wegen des Qualms. Jedenfalls saßen wir gerne tagsüber im Dunkeln und freuten uns an der Reizlosigkeit des Nichts.

Irgendwann starb er. Mein Großvater liebte Erdbestattungen, wäre aber auch gar nicht brennbar gewesen, denn er bestand schon vor seinem Tod zum größten Teil aus Asche.

Ich verbrachte viel Zeit bei meinen Großeltern. Wenn Opa rauchte, und das tat er immer, wenn er nicht schlief, dann krümmte sich der Raum in sich selbst und ließ die Zeit zur Schleife werden, in der Ein- und Ausatmen zu einer einzigen Bewegung wurden. Qualm und Mensch wurden eins. Dazwischen ich, der ehemalige Dreibeiner, der nun, des dritten Standbeins operativ beraubt, mühsam laufen lernen musste. Ich benutzte die von meinem Großvater überall abgelegten Zigarren, monströse phallusartige Gebilde, als Gehstöcke, lernte so schneller als andere das Balancieren auf zwei Beinen und war nach sechs Monaten intensiven Trainings in der Lage, zweibeinig den Balkon zu erreichen, um meinem Körper ab und zu Sauerstoff zuzuführen. Noch viel später führte ich die übernatürliche Leistungsfähigkeit meines Gehirns auch auf das frühkindliche Training zurück, bei dem ich lernte, meine Denktätigkeit praktisch ohne Einfluss von Sauerstoff aufrechtzuerhalten.

Auch mein Vater qualmte, was das Zeug hielt. So erschien mir die Geschichte der 60er Jahre als ewiger Dunst. Die Erinnerung an meine ersten Lebensmonate bleibt schemenhaft. Ich spielte im Kinderwagen mit meinen Zehen, die ich aber nicht sehen konnte, denn sie lagen hinter dem vom blauen Dunst verdeckten Horizont.

Bolivien

Hier befinde ich mich 5435 Meter über dem Meeresspiegel. Meine Experimente zum sauerstoffarmen Wandern in halluzinogener Sauerstoffarmut sorgten in der Fachwelt für Aufsehen.

Die Unabhängigkeit Burkina Fasos, die Wahl Kennedys zum Präsidenten, die Gründung der OECD, ich gebe zu, dass mich all dies nicht weiter tangiert hat. War ich unpolitisch? Narzisstisch? Hedonist? Ich glaube, ich hatte genug mit mir selbst zu tun. Mein Verhalten war legitim, vielleicht sogar notwendig, wie im Flugzeug, wenn die Sauerstoffmasken aus der Decke fallen. Erst muss man sich selbst mit Sauerstoff versorgen, eh man den anderen helfen kann.

Das Sprechenlernen machte mir keine sonderlichen Schwierigkeiten. Bücher wie „Katz und Maus“ von Günter Grass oder die Werke des Literaturnobelpreisträgers von 1961, Ivo Andrić („Bosnische Trilogie“), prägten meine ersten Lebensjahre. Meine Eltern hatten oft Schwierigkeiten, mich zu verstehen, nicht weil ich genuschelt hätte, sondern weil meine Sätze zu verschachtelt waren.

Außerdem wuchsen meine Zähne waagerecht nach innen, eine genetische Mutation, die mir wahrscheinlich in späteren Jahren das Rauchen erleichtern sollte. So weit kam es nie. Da ich durch die Feinstaubbelastung gezwungen war, tiefer als andere Kinder zu atmen, sorgte der harte Luftdruckwechsel in meinem Mund dafür, dass die Zähne im Strom des steten Windes ihre Stellung wechselten. Die Kraft meiner Lungen saugte den blauen, sämigen Luftbrei aus unserer Wohnung in meine Atemwege und drückte dann den von jeglichem Sauerstoff befreiten und mit Kohlendioxid angereicherten gasförmigen Muff mit einer solchen Kraft von innen gegen das Gebiss, dass die Zähne langsam, aber sicher aus ihrer waagerechten Innenausrichtung nach außen gepustet wurden. Eine Zeit lang standen sie kerzengerade nach unten, dann wandten sie sich wie Bajonette nach vorne. Fächerartig aggressiv gegen meine Mitmenschen gerichtet, entsprach mein Gebiss so gar nicht dem Charakter meines Gemüts, das eher heiter, gelassen und freundlich anmutete. Mit seiner stacheligen Anmutung verwirrte es meine Umwelt. Ich war es satt und warf meine Milchzähne ab. Danach wurde es besser.

DÜSSELDORF

Als Kennedy erschossen wurde, lag ich auf der Couch und spielte mit den Zehen. Leise brabbelte ich in mich hinein: „Oswald war’s, der alte Kommunist.“ Woher ich das wusste? Keine Ahnung. Jedenfalls hatte ich den CIA informiert. Oder er mich? Meine Erinnerung an diese ersten Lebensjahre ist ein wenig löchrig, merkwürdig inkonsistent.

Manchmal spielt mir das Gedächtnis Streiche, weil meine in den ersten Lebensmonaten häufigen Updates immer Datenreste zurückließen. Da ich extrem oft neu programmiert wurde, liegen viele bruchstückhafte Erinnerungsreste im Speicher. Die Rekonstruktion meiner ersten Lebensjahre könnte somit von Imaginationsfüllseln kontaminiert sein. Das Hirn neigt dazu, Leerstellen mit Interpolationen zu füllen, ein sehr komplexes Problem. Ignorieren wir es einfach …

Als ich vier Jahre alt war, beschloss ich, meine Geburtsstadt zu verlassen. Wesel war schön, keine Frage, die einzige Stadt in Deutschland, meines Wissens, die ihr Rathaus verkaufte, um am selben Platz ein Kaufhaus zu bauen. Zum Einkaufen eignete sich Wesel nie – oder sagen wir, nur in begrenztem Maße. Eier, Grünkohl, Klopapier. Das ging. Je nach Saison auch Pflaumen. Das war es.

Der Markt vor dem Willibrordi-Dom war ein Highlight der Stadt. Hier trafen sich die Eingeborenen, um Essbares zu verhökern oder zu erwerben. Man redete über das, was vorgefallen war, eine uneheliche Schwangerschaft, die Regierung oder diese englische Halbstarkenband, die sich nach einem Stück von Muddy Waters „The Rolling Stones“ nannte, in England mit „It’s All Over Now“ die Hitparaden stürmte und dadurch ganz offenbar den Untergang des Abendlandes auslösen wollte, indem sie die Jugend mit ungebührlichem Verhalten, unverhohlener Sexualität und anarchistischer Attitüde infizierte. Für den Weselaner war das unvorstellbar! Am Niederrhein verstand kaum jemand, warum diese jungen Menschen nicht einsahen, dass sie ihr Leben ruinierten. Spätestens mit 30 würden sie dem Sozialsystem zur Last fallen. Rücksichtsloses Pack!

Wir jungen Leute mochten den kruden Krempel. Als ich die Stadt, die mir zu eng wurde, verließ, nahm ich meine Eltern mit. Ich wollte sie nicht zurücklassen. Vier Jahre lang hatten sie sich daran gewöhnt, dass ich ihnen sagte, wo es langging. Nun konnte ich sie nicht einfach sitzen lassen. Sie brauchten mich.

Bruder und Schwester allein konnten und wollten sich nicht kümmern. Da der eine, Ewald, fünf, die andere, Uta, erst drei Jahre alt war, waren sie unreif. Mein Bruder bereitete sich auf eine führende Rolle bei der Weltrevolution vor. Außerdem war er mit der Zerstörung meiner Spielsachen beschäftigt.

Er ging Karneval als Indianer und wähnte sich ganzjährig im Kampf gegen die Weißen, weil er nicht begriff, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist. Es war mir egal, welche Kämpfe er mit seiner Umwelt austrug, ich würde mein eigenes Ding machen, das wusste ich. Meine Schwester guckte. Mehr nicht. Fertig.

Ich ging Karneval als Koch. Im restlichen Teil des Jahres hatte man in Bekleidungsfragen keinerlei Wahlmöglichkeiten. Im Sommer trug man kurze Lederhose, steif wie Sperrholz, graue Hose im Winter. Auf die Knie meines Karnevalskostüms waren zwei Herzen aufgenäht, ein Zeichen meiner sonnigen Gesinnung. Ich hatte einfach Freude am Leben, an der Liebe und den Luftschlangen, die ich begierig aufaß. Dann legte ich mich hin, spielte mit meinen Füßen und genoss mein Leben, während mein Bruder kindliche Klassenkampfgesänge ausstieß und vom letzten Gefecht der Internationalen träumte. Sein Geplärr störte die Nachbarn, blieb aber ansonsten weitgehend unerhört.

Wir verließen die Stadt und zogen nach Düsseldorf, damals eine Metropole am Rhein, die bereits über Leuchtreklamen, mehrspurige Straßen und fließend warmes Wasser verfügte.

Meine frühkindliche Bildung sollte im Kindergarten gefördert werden. Dort sorgte Schwester Agnes für ein zeitgenössisches Klima im Stil der frühen 60er, ihr Blick hart wie Kruppstahl unter dem pelzbesetzten Stirnbein, der Schädel wulstig, behaart, auch zwischen Nase und Oberlippe. Das schwarze Tuch mit der weißen Stirnfront, das sie als Nonne und damit als Frau auswies, versuchte vergeblich, das Schlimmste zu verdecken. Wenn sie sich näherte, verdunkelte sich die Sonne. Mein Eintritt in die Ausbildung hätte freudvoller verlaufen können.

Im braunen Ledertäschchen um meinen Hals langweilten sich die Brote. Ich spielte mit allem, gerne auch mit Puppen. War es Schwester Agnes, die mich den, wie man damals sagte, „weibischen“ Spielzeugen zuführte, da sie alles Männliche verachtete, weil sie hasste, was sie im Spiegel sah? Ich hätte es verstanden.

Da im Kindergarten nicht geraucht wurde, begann mit meiner Aufnahme ein neuer Lebensabschnitt. Ich erfuhr, dass es Innenräume gab, die Luft enthielten und dass sich im Zimmer nicht automatisch bei Schließung der Türe Nebel bildete. Schwester Agnes musste nicht rauchen. Ihr Atem war auch ohne Zigarette faulig.

Ich blies farbige Tinten über Papier und erzeugte so kreative Gespinste mit der avantgardistischen Anmutung der Nachkriegsmoderne, Informel, abstrakter Expressionismus. Die documenta III unter Arnold Bode und Werner Haftmann hatte ihre Spuren in meinem Schaffen hinterlassen. Norbert Krickes Werk „Große Mannesmann“ inspirierte mich und fand später seinen Platz vor dem Wellenbad meiner Heimatstadt, in dem man als Pubertierender aufblühende Körper in feuchten Bikinis sehen konnte. Und wo die Skulptur ihre Energie in den Raum hinaus richtete, musste man drinnen in knapper Badehose darauf achten, dass das nach außen Drängende unsichtbar blieb. Ich greife vor. Auch Jackson Pollock durfte sich durch meine Blasebilder geehrt fühlen.

Als ich meinen abstrakten Drip-Paintings den Titel „Hommage an J.P.“ gab, dachten meine Eltern, ich hätte Johanna Peters gemeint, die fette Nudel aus der Mondgruppe. Sie sorgten sich um meinen Frauengeschmack. Ich aber wusste: Als Kunstinteressierter hatte man es nicht leicht im Biedermeier der frühen 60er.

Warum Schwester Agnes diese Einbrüche der Moderne in unser Leben duldete, blieb unklar. Wahrscheinlich erkannte sie in der verlaufenden Farbe das Blut des Schmerzensmannes. Spiegelte sich vielleicht wirklich die blutrünstige Ekstase der Ermordung Jesu in meinen Bildern? Wahrscheinlich waren die Blasebilder einfach das Ergebnis meiner Freude, im Kindergarten ein paar Stunden frei atmen zu dürfen. Mein düsterer Zigarettenatem von zu Hause gab den Farben das Erdige.

Im Kindergarten verlor ich meine stets beklemmende Angst, mit dem Kopf gegen eine Wolke aus Qualm zu stoßen. Ich zog meinen Sturzhelm aus und lief fortan ungeschützt und frei durchs Leben. Die einzige Bedrohung, die ich in der Vorschule erkennen konnte, war Schwester Agnes, die mir Furcht einflößte, nicht wegen zu erwartender körperlicher Züchtigungen, sondern aufgrund ihrer schieren Erscheinung, die mich fürchten ließ, dass ich erblinden oder versteinern könnte, wenn ich die Gorgonin zu lange anschaute.

Sie erschien mir als Bote der finsteren Mächte des Mittelalters, aber ich lernte, dass es im Leben Dinge gibt, die nicht zu ändern sind, an denen man deshalb vorbeischauen muss, um keine seelischen Schäden davonzutragen.

Mein Höhepunkt des Jahres 1965 war der Besuch der englischen Königin in Düsseldorf. Elisabeth die Zweite, damals noch jung und schön, traf sich mit dem Bürgermeister meiner neuen Heimatstadt und erzählte von ihrem Leben im Hundertjährigen Krieg und ihrer aus dieser Zeit rührenden Abneigung gegen die Franzacken unter Philipp VI. Natürlich war sie inzwischen eine Botschafterin des neuen, sich damals noch einigenden Europas. Das Wort „Brexit“ existierte damals noch nicht.

Ich sah sie auf dem Rathausplatz. Ihr Wagen war offen, Menschenmassen hatten sich versammelt, um sie zu sehen. Der Himmel war ebenso grau wie Mäntel, Anzüge, Taschen und Gesichter. Farbe war gerade erst erfunden worden und hatte sich noch nicht durchgesetzt. Sogar im Lichtspieltheater ging es damals noch mehrheitlich schwarz-weiß zu. Mein Vater stand dem neumodischen koloristischen Krempel kritisch gegenüber, blaue Autos, der neu erfundene Farbfernseher, Waschmaschinen mit Buntwäscheprogramm.

Er hatte keinen Führerschein und fuhr weiter mit der Bahn, las fotofreie Zeitungen, und für die Wäsche gab es die Frauen, denen der Säuberungswille seiner Meinung nach genetisch zu eigen war. Noch heute glaubt mein Vater, dass alles Unglück dieser Welt mit der bezahlten Berufstätigkeit der Weiber begonnen hat. Diese sei eingeführt worden, um der grenzenlosen Gier der Konzerne billige Arbeitskräfte zuzuführen. Immerhin hatten wir einen Kühlschrank, schon weil meine Mutter nicht in der Lage war, mit der bloßen Hand Eiswürfel zu erzeugen.

Der Besuch einer richtigen Majestät war eine gelungene Abwechslung. Auf den Bildern in meinem Kopf sehe ich mich am Straßenrand stehen. Die Herrscherin des ehemaligen Weltreiches fährt in einer Kutsche durch meine Stadt, gezogen von acht Einhörnern. Leider sind die Viecher in meiner Erinnerung verblasst, ich sehe sie nicht mehr deutlich vor mir, aber ich kann nicht glauben, dass mich meine Gedanken täuschen. Einhörner waren damals wahrscheinlich nichts Seltenes, ebenso wie Wolpertinger, Elfen und Drachen, schon weil die chemische Verschmutzung der Umwelt in Wirtschaftswunderzeiten, der stinkende Rhein, die säurehaltige Luft, die ölverschmierten Tankstellen und die verseuchte Nahrung die Mutation der Gene förderten und die Evolution beschleunigten. Wahrscheinlich gab es damals auch fünfbeinige Eichhörnchen oder Fische, die an Land gingen, besorgt über ihre Lebensbedingungen in der verseuchten Jauche des Rheins hinter Leverkusen.

Der Kalte Krieg bestimmte unser Leben. Immer wieder hörte man Gerüchte, dass der Russe käme und bewaffnet im Park brave deutsche Mädel schwängern würde. Wir Jungs lagen oft im Gebüsch auf der Lauer, um das Schauspiel nicht zu verpassen, wenn es denn so weit sein sollte. Natürlich hätten wir nicht nur zugeschaut, sondern auch rettend eingegriffen. Doch so weit kam es nie.

Während die ersten Napalmbomben auf Nordvietnam fielen, führten Indien und Pakistan Krieg um Kaschmir. Auch an uns gingen die Krisen der Welt nicht spurlos vorüber. Bei einem Orkan im Dezember 1965 wurden drei Bootshäuser durch den Hochwasser führenden Rhein beschädigt, vielleicht Auswirkungen der durch die Explosionen im asiatisch-pazifischen Raum verursachten Winde. Sagt nicht die Chaostheorie, der Flügelschlag eines Schmetterlings im Fernen Osten könnte Stürme in Europa auslösen? Was soll’s, wir überlebten.

Doch meine Eltern waren besorgt. In den USA gab es Rassenunruhen. Auch meine Freunde und ich fragten sich: Wieso werden Schwarze immer noch benachteiligt, während Schwester Agnes als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft galt? Die Welt war uns ein Rätsel, und erst viel später erfuhr ich, dass sich dieses Gefühl auch im hohen Alter nicht ändern würde.

Der neue Feind stand im Osten. Nach der Abtrennung des Ostblocks durch den Mauerbau stieg das Wirgefühl im Westen. Nun begann die Zeit, an die ich mich erinnere, als wäre es gestern gewesen. Offenbar war mein Betriebssystem fertig installiert.

Das innerdeutsche Verhältnis wurde von Spannungen belastet. Ich bot mich als Schlichter an, aber Ulbricht war gegen mich. Es war die Angst des Alters vor der nachfolgenden Generation. Mein Vorschlag, die dem Untergang geweihte DDR unter Gesichtswahrung aller Beteiligten in einen Freizeitpark umzuwandeln und dadurch profitabel zu machen, fiel nicht auf fruchtbaren Boden. Er kam mehr als zwanzig Jahre zu früh.

Wahrscheinlich waren es die kommunistischen Hardliner in der Sowjetunion, die den von mir vorgeschlagenen Namen Phantasialand ablehnten. Meine Planung beinhaltete Fahrgeschäfte und Restauration, im Winter eine Eisrevue. Das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands sollte zur Geisterbahn umgebaut werden. Die alten Männer lehnten ab. Eine von mir vorgesehene Achterbahn zwischen Nordhausen und Görlitz galt unter den Entscheidungsträgern als kapitalistische Höllenmaschine, die nur dazu dienen würde, die Werktätigen von der Erfüllung des Plansolls abzuhalten. Ich musste warten, die Zeit war noch nicht reif für mich und meine Ideen.

SOMMER AN DER SEE

Unsere Sommer verbrachten wir an der See. Mir wurde das Ganze als Urlaub verkauft, aber vielleicht waren auch meine Eltern, aus welchen Gründen auch immer, auf der Flucht vor Schwester Agnes.

Damals waren die Sommer noch richtige Sommer. Es regnete. Ab und zu kam die Sonne heraus und versuchte vergeblich uns zu wärmen. Der Golfstrom hinderte die Nordsee an der Bildung von Eisschollen. Die Kälte sollte uns Kindern klarmachen, wie sich die Winter im Krieg anfühlten. Das Brechen der Wellen gemahnte uns als im Frieden geborene Generation an das Geräusch fallender Bomben, die Sandburgen an Bombentrichter. Und wir genossen es. Wir kannten es nicht anders, wussten nichts von Palmen oder vom gezeitenfreien warmen Meer ein paar Hunderttausend gefühlte Kilometer weiter südlich. Wir hielten Südsee- oder Mittelmeerparadiese für eine Vision derer aus Entenhausen.

Auf den ersten farbigen Fotos sieht man mich ohne Füße. Ursache dafür war nicht eine etwaige körperliche Behinderung, sondern die damals übliche Lichtbildtechnik: viel Himmel, keine Extremitäten, das zu Fotografierende irgendwo unscharf am Rand, in der Mitte Leere, der Horizont abfallend ins Nichts. Ich vermute, meine Eltern fotografierten damals unter dem Einfluss von Theodor W. Adorno, der in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ 1951 den Gedanken formuliert hatte, nach Auschwitz seien romantisierende oder ästhetisierende Kunstäußerungen ethisch nicht mehr vertretbar. Meine Eltern machten in der Folge selbst aus einer prächtigen Dünenlandschaft eine abschüssige Wüste unter leerem Himmelszelt, verwackelt, überbelichtet, verzerrt.

Das Übrige erledigte die schlechte Kameratechnik. Durch die Linse des kleinen schwarzen Apparates erscheinen die Bilder meiner Kindheit gewölbt, die Mitte hervorstechend, die Ränder verschwimmend. Höllische Aberrationen und Vignettierungen betonen die Irrealität der Abbildung. Ich sehe mich im Sand stehend, pinkelnd an einen Holzmast, der ein Volleyballnetz hält. Meine Mutter wird mich darauf hingewiesen haben, dass wir die Menschen, die mir zusahen, nie wiedersehen würden. Sie kannte keine Peinlichkeit. Mütter sind Pragmatiker. Wenn die Wassertemperatur unter zwölf Grad sank, konnte man als Junge aus physiologischen Gründen nicht mehr ins Wasser pinkeln, weil die Harnröhre zufror. Also musste es am Strand passieren, wenn der Stoffwechsel aufrechterhalten werden sollte.

In einem Holzboot sitzend kämpfte ich mich durch die Priele. Das Leben war Rudern gegen den Wind. Ich wollte zu neuen Ufern, doch dort war die gleiche Leere wie da, wo ich in See gestochen war. Ich erkannte: Ich muss mir Ziele für mein Leben suchen!

Deutschland

Wo keine Raumtransporter oder Gravitationsentkoppler zur Hand sind, muss es auch schon mal mit dem Kanu vorwärtsgehen.

Ich wollte mehr vom Sein, als in geliehenen Nussschalen durch die Fluten zu pflügen, und beschloss, neue Horizonte zu entdecken. Ich wollte Wissenschaftler werden, Künstler oder Führungspersönlichkeit, vielleicht auch Straßenbahnfahrer oder Millionär. Ich wollte Großes erreichen! In dieser Zeit kam mir zum ersten Mal die Idee der Weltherrschaft, sie erschien mir aber damals noch irreal.

War dies mein eigener Wille? Oder waren es Außerirdische, die mir die Idee implantierten, mehr zu sein als ein Teil des üblichen biologischen Gekreuchels auf der dünnen ausgekühlten Haut unseres im Inneren glühenden Planeten? Ich hatte damals aufgrund meiner kulturellen Erfahrungen häufig das Gefühl, dass fremde Mächte auf mein Leben Einfluss nahmen. Die Geschichten aus Entenhausen, das Schicksal von Batman und Fernsehserien wie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ ließen in mir eine Ahnung aufkommen, dass es Einflüsse auf mein Leben gäbe, die ich noch nicht einschätzen konnte. Gab es eine Bathöhle unter unserer Wohnung? Angreifende Extraterrestrier? Tresore, in denen man in Münzgeld baden konnte? Ließ sich ein Bügeleisen für interstellare Kommunikation nutzen?

Die härteste Prüfung meiner noch fragilen Persönlichkeit war Belphégor, das Phantom im Louvre, erstes Programm, 18:10 Uhr. Juliette Greco als schizophrene Mörderin, die sich am Ende selbst richtet. Ihr Erscheinen, nachts allein im Museum, in schwarzem burkaartigem Gewand über kubischem Deckel, eine Gruselmaske aus Bronze über dem bis zur letzten Folge unbekannten Gesicht, löste in mir Ängste aus, die mich bis zum Erwachsensein daran hinderten, mein Fahrrad in den dunklen Altbaukeller zu bringen. Alles Schwarze schien ihr Kommen zu verheißen. Ich war seelisch am Ende und beschloss, das Böse zu bekämpfen! Ein guter Plan! Belphégor musste vernichtet werden! Begann hier mein konkreter Traum von der Weltrettung?

Freitag war im Fernsehen der Tag der Angst. Im Abendprogramm suchte Eduard Zimmermann, der gerne auch an anderen Wochentagen Nepper, Schlepper und Bauernfänger verfolgte, in „Aktenzeichen XY … ungelöst“ Gauner, Räuber und Mörder und betonte bei jeder Gelegenheit, dass das im Fernsehen Gezeigte „leider kein Einzelfall“ sei. Das Böse sei überall, so seine These, vor allem freitags!

Welch eine Wohltat dagegen war der Montag: Schweinchen Dick, Kater Sylvester, Daffy Duck oder Bugs Bunny hießen die Rollenmodelle der Babyboomer. Jeder strebte ihnen nach. Wer im Fernsehen war, war Superstar und Vorbild. Und es kamen nur wenige hinein. Die Sendeplätze waren rar.

Es gab in meiner aktiven Zeit als Fernsehkonsument erst nur zwei, später dann drei Programme, die aber niemals Vollzeit sendeten, sondern stundenweise Content in die Wohnzimmer strahlten. Am Ende kam täglich der sogenannte Sendeschluss. Das bedeutete: Es erschien nichts, zumindest nichts Sichtbares, außer einem sogenannten Testbild, das Testbild hieß, weil man mit ihm testen konnte, ob überhaupt Empfang vorlag. Da das Signal analog über Luft übertragen wurde, kam es zum sogenannten Rauschen, wenn die Antenne nicht richtig stand. Dann musste Vater aufs Dach. Die Männersterblichkeit war hoch in diesen Tagen, und fast jeder kannte einen, der beim Einrichten der „Kanäle“ vom Dach geweht worden war. Die Straßen waren voller Rollstühle, lauter Männer, die den Krieg überlebt, aber durch die Einführung des Fernsehens versehrt worden waren. Täglich karrten die Bestatter die sterblichen Überreste der Fernsehtechniker auf die viel zu kleinen Friedhöfe. Es war grauenhaft, aber es machte uns härter!

Mein Vater erledigte solcherlei Dinge nie selbst. Er war wie ein Adliger des 17. Jahrhunderts. Er hatte noch nie einen Nagel in die Wand geschlagen oder einen Stecker repariert. Er dachte, im Inneren der Steckdose wäre eine Klappe, die, wenn nichts in der Steckdose war, verhinderte, dass der Strom auf den Teppich kleckerte. Oder er stellte sich vor, dass die kleinen Stromtierchen brav in der Wand warteten, bis meine Mutter etwas einsteckte und dadurch das Türchen öffnete. Für meinen Vater war schon ein Wasserhahn ein wahres Teufelsgebilde, komplex, unverstehbar, wunderlich. Wie gesagt: Mein Vater war Beamter. Und wenn es jemanden gab, der das Bild des Beamten prägte, dann war es mein Vater. Er lebte es. Er war es.

Da er nicht wusste, was eine Antenne ist, holte er den sogenannten Fernsehtechniker, der ihm erklärte, dass der tückische Wind für die Empfangsstörung verantwortlich wäre. Mein Vater nickte ob der Klärung des Sachverhaltes und wartete auf Erledigung des Vorgangs. Andere Väter wären vielleicht selber todesmutig aufs Dach gestiegen, hätten Kopf und Kragen riskiert, um störungsfrei Hans-Joachim Kulenkampff zu empfangen, und hätten mit dem Leben bezahlt, nicht so er, der das Risiko berechnete, lieber das Geld für den Handwerker aufbrachte und anschließend fluchte, dass das Geld nichts mehr wert sei. Handwerk war schon damals teuer.

Ich stellte mir meinen Vater im Traum als Superhelden vor, der sich mit seinem messerscharfen Verstand fragte, wie Bilder durch die Luft übertragen werden konnten. Selbst in meiner kindlichen Vorstellung, in der Väter Helden waren, schien es unmöglich, dass er bei seiner Überlegung zu einer physikalisch stringenten Erklärung kam. Am Ende, so war ich sicher, würde er finstere Machenschaften vermuten. Das Rauschen hätte er als Störung der täglichen Freizeit angeprangert und dann Gerechtigkeit herbeigeführt. Leider fiel mir selbst im Traum nicht ein, wie mein Vater dies bei seinen handwerklichen Fähigkeiten hätte anstellen sollen. Da er auch nicht zur Religion neigte, fiel sogar Beten vor der Flimmerkiste aus. Das Rauschen blieb bis zum Aufwachen.

Auch ich war alles andere als ein Handwerksgenie. Baukästen blieben ungenutzt, die Legokiste reichte gerade für ein Einfamilienhaus mit Walmdach und Gaube. Ich hatte Wichtigeres zu tun.

Die soziale Marktwirtschaft stand erst am Anfang. Ständig nervte Ludwig Erhard am Telefon. Er hatte sich in seinem Amt als Wirtschaftsminister der Adenauerära als Vater des rheinischen Kapitalismus feiern lassen und suchte nun meinen Rat. Ich hatte irgendwann in einem mehrseitigen Leserbrief an die führenden Zeitungen der Republik geäußert, dass der Nachkriegsaufschwung mit seinen Wachstumsraten endlich sei, und galt seitdem unter Insidern als einziges kompetentes Orakel der Volkswirtschaft.

Die Entscheider suchten schon damals meinen Rat. Mein Ruf als unbestechlicher Analyst hallte schon damals wie ein Donner durch die Führungsetagen. Das einfache Volk bekam davon selbstverständlich nichts mit.

Natürlich war ich nicht der Einzige, der die Endlichkeit des Nachkriegsaufschwungs begriffen hatte, aber meine Argumentation war die stringenteste: What goes up must come down. Diese Weisheit war gar nicht von mir, sondern von meinem viel zu früh verstorbenen Freund Isaac Newton, dem Entdecker der Schwerkraft. Leider hatten wir uns nicht mehr kennengelernt, aber ich bin sicher, wir hätten uns prima verstanden. Die Gesetze der Gravitation hätte ich auch selbst herausfinden können, aber Sac hatte mir die Arbeit bereits abgenommen. Danke!

Erhard paffte in Kanzlerpose seine fetten Zigarren, wenn ich mit ihm telefonierte. Ich sprach ins Blaue. Selbst der Telefonhörer qualmte. Ich erklärte, es sei wichtig, die Sozialpartner zusammenzubringen, wenn man die Klassenkämpfe der ersten Jahrhunderthälfte nicht wiederholen wollte. Außerdem musste ich ihm beibringen, dass seine unerträglichen Stummel billigste Kiste seien, besser wären Cohibas, auch wenn sie aus Kuba kämen. Nebel in der Leitung.

Erhard sah nicht gut aus, die Haare mit dem Butterbrot gekämmt, die Haut in feisten Fettfalten, Anzüge, die ihren Namen nicht verdienten. Unsere komplette Führungsschicht hatte die Bedeutung der kommenden Mediengesellschaft noch nicht erkannt. Man lief weiter mit fettigen Frisuren herum, in grauen Säcken aus Stoffen, die heutzutage nicht einmal als Putzlappen Verwendung finden würden, schon weil sie alles abperlen ließen, sogar Buttersoße und Rotze.

Schnaps und Schweiß waren die Flüssigkeiten der Zeit. Während der Fusel aus den Mundwinkeln floss, liefen die Tropfen aus den Achselhöhlen! Schweiß galt als Merkmal der Arbeitsfähigkeit, war Ausweis eines Ethos der Anstrengung als Selbstzweck. Der Schweiß dieser schütter behaarten Männergeneration lief innerhalb des Anzugs hinunter bis in die Schuhe, wo die eingedickte Flüssigkeit abends fürchterliche Gärungsprozesse auslöste. Die Zeit stank.

DIE EXTRATERRESTRIER

Ich war dankbar, als mich die Außerirdischen zum ersten Mal offiziell besuchten, um mich über meine Besonderheit aufzuklären und mir mitzuteilen, dass ich der Auserwählte wäre, um die kommenden Prozesse der Umwälzung anzustoßen. Sie klärten mich auch über meine Herkunft auf. Meine Mutter wäre unbefleckt schwanger geworden, verrieten sie mir, eine Fernimplantation irgendwo aus dem zweiten Quadranten zwischen Sirius und Beteigeuze.

Als die Untertasse damals irgendwo auf meinem Nachttisch landete und kleine grüne Männchen herauskletterten, um mir zu erklären, ich sei der kommende Weltverweser und Erdenherrscher im Auftrag des universalen Imperiums, müsse allerdings im Untergrund agieren, um die Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen, wollte ich erst ablehnen. Dann erkannte ich, dass ich meinem Schicksal nicht ausweichen konnte. Oder hatte ich geträumt? Offenbar nicht.