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Es ist Sommer in der kleinen Stadt Millers Kill im Norden des Staates New York. Ein neues Verbrechen lässt aus der wachsenden Zuneigung von Clare Fergusson, der couragierten Pastorin und Ex-Helikopterpilotin, und Sheriff Russ Van Alstyne erst einmal nichts werden. Ein Arzt und mehrere andere Männer wurden brutal zusammengeschlagen und dann grausam ermordet. Sind es Verbrechen aus Hass, oder ist es kalte Berechnung? Augenscheinlich geht es in großem Maßstab um Grundstücksspekulation und lukrative Bauaufträge. Russ möchte Clare diesmal aus dem Fall heraushalten, doch das entspricht nicht Clares Temperament. Sie lässt sich nicht beirren und ermittelt auf eigene Faust …
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Seitenzahl: 564
Veröffentlichungsjahr: 2012
Julia Spencer-Fleming
Kriminalroman
Aus dem Amerikanischen von Stefan Troßbach
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Es ist Sommer in der kleinen Stadt Millers Kill in den Adirondacks im Norden des Staates New York, und die Menschen leiden unter einer außergewöhnlichen Hitze. Die Pastorin und Ex-Helikopterpilotin Clare Fergusson und Polizeichef Russ Van Alstyne versuchen ihre wachsende Zuneigung zueinander im Zaum zu halten. Ein weiterer Fall sorgt dafür, dass dies gar nicht so einfach ist: Ein Arzt und mehrere Homosexuelle werden zuerst brutal zusammengeschlagen und dann grausam ermordet. Russ würde die couragierte Pastorin der Episkopalkirche am liebsten von den Ermittlungen fernhalten, aber Clares Temperament lässt das nicht zu. So zu tun, als wäre die kleine Stadt in den Bergen das pure Idyll, liegt ihr nicht. Clare will unbedingt herausfinden, wie es möglich ist, dass jemand einen solchen Hass entwickelt. Außerdem scheint es in großem Maßstab um Grundstückspekulationen und lukrative Bauaufträge zu gehen. Und Mitglieder ihrer Gemeinde könnten darin verwickelt sein …
Widmung
Motto
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
Dank
Zum Gedenken an
Victor Hugo-Vidal
1933–2002
Er wird in unserm Kreise fehlen,
wenn leer sein Stuhl inmitten steht,
wir werden warm zurück ihn sehnen,
raunt unser Mund das Nachtgebet.
Henry J. Washburn undGeorge D. Root
Es ist ein Brunnen voller Blut, dem Blut Emmanuels,
Und alle Sünde tilgt die Flut dies wundersamen Quells.
Der Dieb in seiner Todespein zog freudig zu ihm hin;
Nicht minder sündhaft und gemein wusch ich mich rein darin.
Dass doch die Welt, o Opferlamm, an deinem Blut genest,
Bis Gottes Kirche insgesamt von Sünde sei erlöst!
Den Strom, der deinem Fleisch entquillt, setz’ ich im Glauben fort,
Der Heilskraft deiner Liebe gilt dereinst mein letztes Wort.
Die Liebe, die sich uns erbarm’, tu ich noch höher kund,
Liegt diese Zunge, schwach und arm, einst in des Grabes Grund.
† William Cowper in Conyers Collections of Psalms and Hymns
Die kleine Abendessensgesellschaft verabschiedete sich gerade voneinander, da kamen sie vorbei: ein paar junge Rowdys, drei oder vier, die sich als verschwommener heller Streifen von Führerkabine und Ladefläche irgendeines alltäglichen Pick-up abhoben. Emil Dvorak hörte ihre Hupe gellen, als er sich eine Flasche Wein unter den Arm klemmte und seinen beiden Gastgebern die Hand schütteln wollte. Es klang wie ein Horn, das zu einer wilden, fröhlichen Jagd blies. Dann erschien der Wagen von der Five Mile Road her im Flutlicht des Landhotels.
»Schwule Säue!«, schrien mehrere raue Stimmen. »Fahrt zur Hölle!« Obszönere Zurufe schwerer Zungen wurden von der Nachtluft verschluckt, während der Pick-up vorbeibrauste. Die Hunde im Auslaufgehege hinter dem Haus reagierten mit hellem, aufgeregtem Gebell.
»Verdammt!«, sagte Ron Handler.
»Hast du diesmal das Nummernschild erkannt?«, fragte Stephen Obrowski.
Sein Partner schüttelte den Kopf. »Zu schnell. Zu dunkel.«
»Kam das schon öfter vor?« Emil steckte seine Flasche unter den anderen Arm. Der Strahler an der Außenwand des Hotels gab ihm plötzlich ein Gefühl der Schutzlosigkeit; sein Auto war hell beleuchtet, die Gesichter seiner Gastgeber deutlich erkennbar. Und bestimmt auch sein eigenes. Er stellte fest, dass seine Hand feucht war. »Habt ihr das der Polizei gemeldet?«
»Es passiert erst seit zwei, drei Wochen«, antwortete Steve. »Wahrscheinlich nur so ein paar High-School-Abgänger, die sich aufführen, weil sie nicht mehr die Schulbank drücken müssen.«
»Ich glaube eher, die sind aus dem Knast entlassen worden«, sagte Ron.
»Wir haben es der Polizei gemeldet. Das Hotel steht jetzt auf der Liste von Objekten, wo die Streife vorbeifährt.«
»Nicht, dass es was nutzen würde«, fügte Ron hinzu. »Die Bullen haben Besseres zu tun, als Schwulenklatscher zu jagen. Wenn die überhaupt mal kontrollieren, dann nur, weil das Hotel kostbare Turista-Dollars bringt.«
»Ja, der Tourismus hält Millers Kill am Leben«, bestätigte Emil, »aber Chief Van Alstyne ist in Ordnung. Der würde solche Vorfälle nicht dulden, egal, auf wen oder was dieser Abschaum es abgesehen hat.«
»Besser, ich rufe im Polizeirevier an und sage Bescheid, dass wir wieder belästigt wurden. Ein Glück, dass unsere Gäste alle schon im Bett sind.« Ron drückte Emil freundschaftlich den Oberarm. »Danke für deinen Besuch. Tut mir leid, dass der Abend so mies ausgeklungen ist.« Er verschwand hinter dem Hoteleingang, einer mit Schnitzereien verzierten Flügeltür.
Steve sah mit zusammengekniffenen Augen die Straße hinab. »Meinst du wirklich, dass dir nichts passiert? Du so ganz allein unterwegs, wo sich solche Rowdys rumtreiben – das gefällt mir nicht.«
Emil machte eine hilflose Geste. »Schau mich doch an. Ein Typ mittleren Alters in einem Chrysler mit Arzt-Kennzeichen. Was könnte normaler und bürgerlicher sein?« Er legte Steve eine Hand auf die Schulter und schüttelte ihn leicht. »Mir passiert schon nichts. Sobald mich jemand verfolgt, schlage ich ihm mit diesem vorzüglichen Chardonnay den Schädel ein.«
»Untersteh dich! Die Flasche wird auf dem freien Markt höher gehandelt als du.«
Emil lachte, und sie verabschiedeten sich voneinander. Während er die Weinflasche unter den Beifahrersitz seines Le-Baron-Kabrio klemmte, überlegte er, ob er das Verdeck zumachen solle. Er seufzte. Er wurde alt, wenn ihn ein paar betrunkene Schreihälse so nervös machten. Zum Teufel mit ihnen! Die waren es nicht wert, dass man zwanzig Minuten mit dem Verdeck kämpfte oder in einer warmen Juninacht auf den frischen Fahrtwind verzichtete.
Das im viktorianischen Stil erbaute Hotel verschwand hinter ihm, während er ostwärts fuhr. Er bog von der Five Mile Road auf die Route 121 ab, eine zweispurige Landstraße, die einerseits vom Millers Kill begrenzt wurde, dem Fluss, dem die Provinzmetropole ihren Namen verdankte, andererseits von Milchviehfarmen und Getreidefeldern. In der dunklen Neumondnacht waren die Ahornbäume und Platanen entlang der Straße nichts als graue Schatten vor tiefem Schwarz. Die Scheinwerferkegel, die auf das saftig-sommerliche Grün des Laubes fielen, erinnerten Emil an Tauchgänge in der Karibik: Farbe und dunkle Schatten direkt voraus, am Rande des Blickfelds ein vereinzeltes Blinken in der Schwärze.
Ein rot-weißes Lichterpaar blitzte auf, und sekundenlang sah er vor seinem geistigen Auge Korallenfische. Er blinzelte. Die Lichter nahmen die Gestalt von Rückleuchten an. Großer Gott! Er trat auf die Bremse, riss fast instinktiv den Lenker nach rechts und bemerkte einen winzigen Moment zu spät, dass das falsch, falsch, falsch war, denn schon drehte sich der Wagen um die eigene Achse, schlitterte und kam mit einem knirschenden Ruck zum Stillstand, der Dvoraks Kopf an die Kopfstütze schmetterte.
Überall war der Geruch von Chardonnay, so intensiv, dass einem schlecht davon wurde. Emil rauschte es in den Ohren. Steve würde ihn umbringen, weil er diese Flasche kaputtgemacht hatte. Er holte tief Luft, hielt aber sofort den Atem an, als er ein Stechen in der Brust fühlte. Quetschung, vom Sicherheitsgurt. Er fasste sich in den Nacken. Wahrscheinlich geprellt. Irgendein scheußlicher Hiphop-Song hämmerte hinter ihm, dazwischen ein schnelles Stimmengewirr. Er stellte den Motor ab. Besser mal nachsehen, ob jemand ärztliche Hilfe brauchte, bevor er sich die Versicherungsnummer des Fahrers notieren würde. Dieser Idiot.
Eine Tür schlug zu, und im selben Moment hörte er Schuhe oder Stiefel auf dem Asphalt, dann das Knirschen von Glas. »Schau, schau! Wen haben wir denn da!«, sagte die Stimme eines jungen Mannes voll unterdrückter Erregung. »Das ist doch eine von den Schwuchteln!« Wieder ein dumpfes Knallen, wieder knirschendes Glas und dazu johlende Stimmen, die den dröhnenden Bass fast übertönten. Dvoraks Hand erstarrte auf dem Türgriff. Idiot? Wer war hier der Idiot? Er beugte sich zu dem Handy auf dem Beifahrersitz, drückte die Einschalttaste und schaffte es, eine Neun und eine Null zu tippen, bevor ihn ein Schlag auf den Unterarm traf und er das Telefon fallen ließ. Von einem brennenden Schmerz durchzuckt, schnappte er nach Luft. Ein langer Arm streckte sich nach dem Handy und fischte es aus dem Auto.
Dvoraks Jacke wurde von mehreren Händen gepackt, die ihn zur Tür hinzerrten, und er sah das Handy durch den Rand der Lichtkegel in den dichten jungen Mais fliegen. »Hey, Schwuchtel! Stehst du auf Schwanzlutschen? Stehst du auf kleine Jungs?« Sein Herz hämmerte doppelt so schnell wie der dumpfe, bedrohliche Song, während er die Hände abzuschütteln versuchte und nach seinem Zündschlüssel tastete. Vielleicht käme er hier ja doch noch raus, vielleicht könnte er ja doch noch fliehen. Da schlug ihn einer der jungen Männer fest auf die Schläfe. Supraorbitale Fraktur, dachte der Arzt in Dvorak – ein Teil seiner Persönlichkeit, den er nie abschalten konnte –, aber gleichzeitig trübte sich sein Sichtfeld, und der Schlüsselbund fiel klirrend außer Reichweite.
Die Scheinwerfer beleuchteten den Mais, der so grün war, dass es einem in die Augen stach, und der von der Straßenböschung durch einen umgesackten Stacheldrahtzaun getrennt war. Die Fahrertür wurde aufgerissen, und Emil wollte an Paul denken, an seine Kinder, aber er hatte nur eins im Kopf: dass dieser Zaun genau wie der auf dem Umschlag des Time Magazine aussah – der Zaun, auf dem Matthew Shepard gestorben war, genau wie auch er jetzt sterben würde, und dass es mehr wehtun würde als sonst was.
»Komm, du schwule Sau«, sagte einer der Typen, während Emil von seinem Sitz gezerrt wurde. Und die Qual begann.
Dieses Zeug wird uns alle umbringen!«
»Wozu überhaupt diese Versammlung? Das Problem hätte schon 1977 gelöst werden sollen.«
»Ich möchte wissen, ob meine Enkel in Gefahr sind!«
Die Hände des Bürgermeisters von Millers Kill umklammerten den Mikrofonständer, als könne er das anschwellende Stimmengewirr dadurch abwürgen. »Bitte, Leute. Ruhe! Versuchen wir doch die Diskussionsordnung einzuhalten! Ich weiß, es ist heiß, und ich weiß, dass ihr euch Sorgen macht. Skiff und ich hier werden eure Fragen so gut wie möglich beantworten. Jetzt setzt euch erst mal, meldet euch per Handzeichen und wartet, bis ihr dran seid.« Jim Cameron betrachtete seine Wähler mit erbostem Blick, bis die Hitzigeren unter ihnen wieder ihre angewärmten metallenen Klappstühle einnahmen.
Reverend Clare Fergusson, die Pastorin der Episkopalkirche St. Alban’s, rutschte auf ihrem Platz ein paar Zentimeter zur Seite, denn sie war mit dem Direktor des Altenpflegeheims von Millers Kill hier, und sosehr sie diesen zusätzlichen Experten begrüßte, war Paul Foubert gute eins neunzig groß und zirka hundertdreißig Kilo schwer, sodass er nicht nur über die Sitzfläche seines Stuhles quoll, sondern auch noch Hitze ausstrahlte. Clare versuchte vergeblich, ihren Priesterkragen zu lösen. Da saß sie am letzten, schweißtreibend schwülen Juniabend neben einem lebenden Heißwasserkessel – auf einer Bürgerversammlung, die schon eine Stunde länger dauerte als geplant.
»Ja bitte. Everett Daniels hat das Wort.«
Ein schlaksiger Mann mit schütterem Haar stand auf. »1976 damals, als das ganze Trara losging, da hieß es, wir bräuchten nichts zu befürchten, weil wir flussaufwärts von den Fabriken in Fort Edward und Hudson Falls wohnen, wo sie dieses PCB-Zeug verwendeten. Darf ich das jetzt so verstehen, dass es durch den Hudson nach Millers Kill raufkommt?«
»In unserem Fluss, Everett, wurden erhöhte PCB-Werte festgestellt. Natürlich fließt das Wasser nicht rückwärts, ganz klar. Aber wir sind schrecklich nah an den Kontaminationszentren, unser Fluss mündet nur ein paar Meilen von hier in den Hudson, und die Leute vom staatlichen Umweltschutz wissen nicht, wo das Zeug herkommt – aus dem Hochwasserbett, übers Grundwasser oder sonst wie.«
Eine Frauenstimme durchschnitt die Luft wie ein Peitschenhieb. »Warum sagen Sie nicht die Wahrheit? Das Zeug kommt von dieser verdammten Giftmülldeponie im Steinbruch, die wir 1970 genehmigt haben! Und der Bau des neuen Freizeitbades wühlt die Chemikalien wieder auf, sodass sie geradewegs in unser Gemeindegebiet fließen!«
»Mrs. Van Alstyne, ich habe gebeten, dass jeder, der etwas zu sagen hat, sich vorher zu Wort meldet!«
Clare fuhr fast von ihrem Stuhl hoch. Von den Van Alstynes kannte sie nur einen persönlich: Russ, den Polizeichef. Seine Frau Linda war angeblich ganz hinreißend. Clare versuchte, die feuchten Strähnen zurückzuschieben, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatten, und reckte den Hals.
Eine kleine Dame, etwa Anfang siebzig, hatte sich erhoben. Sie war fest und stämmig wie ein Hydrant, und ihre dichte weiße Dauerwellenfrisur reichte kaum über die Köpfe der Platznachbarn. Clare bemühte sich, um diese Leute herumzuschauen. Sie sah keine Linda Van Alstyne – niemanden, der als Russ’ Frau in Frage kam.
»Ich habe es schon 1970 gesagt, und ich sage es heute: Diese PCB-Deponie ist und bleibt ein Riesenfehler. Es hieß damals, sie wäre luft- und wasserdicht, und man hielt den Stadtverordneten ein dickes Geldbündel unter die Nase, bis sie schließlich umkippten und ihren Segen dazu gaben. Dann hat man dieses vermaledeite Zeug in den alten Tonschiefer-Steinbruch geschafft, selbst wenn jeder Geologielehrer – so wie seinerzeit du selbst, Jim Cameron – Ihnen hätte sagen können, Tonschiefer ist ein sehr poröses, sehr durchlässiges Gestein!« Sie drehte ihren Kopf zu den Platznachbarn. »Also undicht!«
»Mrs. Van Alstyne, ich muss protestieren!«, sagte der Bürgermeister. Und da erkannte Clare: Das war gar nicht Russ’ Frau. »Das ist seine Mutter«, sagte sie halblaut. Paul Foubert sah sie verwundert an. Clare fühlte ihre Wangen noch wärmer werden.
»Der Staat hat das Gelände ’79 saniert«, fuhr Bürgermeister Cameron fort. »Die letzten Untersuchungen weisen zwar Spuren von PCB nach, aber in einem akzeptablen Rahmen.«
»Ja, klar! Das Dreckszeug ist ja auch auf den Felsgrund abgesickert. Und jetzt kommt BWI-Bau mit der gleichen Leier wie damals, nur werden uns heute viele Touristendollars und viele Arbeitsplätze versprochen. Und was tut der Bauausschuss? Er kippt wieder um und gibt seinen Segen, dass BWI auf den über fünfzig Hektar des Landry-Anwesens mit Baggern und Sprengen anfangen darf. Jetzt arbeiten sie drei Monate dort, und plötzlich finden wir PCB im Spielplatz der Dewitt-Grundschule. Dieses Zeug verursacht Krebs, und es ist in unserem Kinderspielplatz!«
»Könnten wir die Hysterie vielleicht sein lassen und uns schlicht an die Fakten halten!« Eine kantige blonde Frau in der ersten Reihe stand auf. Im Gegensatz zur legeren Kleidung der übrigen Teilnehmer an diesem Mittwochabend war ihr Kostüm so streng geschnitten, dass es kugelsicher wirkte. »Vor dem Beginn der Bauarbeiten mussten wir uns erst einmal eine Genehmigung vom Umweltschutzamt besorgen. Das hat zwei Jahre gedauert. Zwei Jahre! Der Steinbruch wurde untersucht. Das Wasser. Sogar die verfluchten Bäume, soviel ich weiß. Und das Ergebnis: Die PCB-Werte auf dem Baugrundstück sind akzeptabel. Akzeptabel. Die Werte. Kann sein, dass im Fluss mehr von dem Zeug ist, aber es besteht kein Grund, so zu tun, als wäre mein Land eine einzige Giftmüllhalde!«
»Verdammt, Peggy, warte gefälligst, bis du dran bist!«
Die Frau drehte sich wieder um und ging auf den Bürgermeister los. »Ich bin heute Abend hier, weil es hieß, man wolle aufgrund der so genannten PCB-Krise einen Baustopp beantragen.« Sie deutete auf den Tisch des Stadtrats. »Mein Land ist von der Umweltbehörde für unbedenklich erklärt worden. Ich habe die entsprechenden Bescheinigungen vorgelegt, in denen, wenn Sie die Güte hätten, sie zu lesen, klipp und klar steht, die Bodenbelastung bewege sich innerhalb der vom Staate New York festgesetzten Grenzwerte. Ferner liegen Ihnen Kopien unserer Baupläne und unserer Baugenehmigung vor. Alles Dokumente, die Sie, meine Herren, erst vor sechs Monaten selbst unterschrieben haben!«
Der Bürgermeister wandte sich vom Mikrofon ab und beugte sich über den breiten Holztisch. Während die vier Stadträte ihre Köpfe zu ihm vorstreckten, hantierten sie mit Papieren wie Kartengeber beim Blackjack. Clare gab Paul einen Stoß in die Rippen. »Wer ist das?«, flüsterte sie.
»Peggy Landry. Ihr gehört ein großes Stück Land nordwestlich vom Stadtgebiet, das sie seit Jahren zu bebauen versucht, aber bisher hatte sie höchstens die Mittel, dort ein paar Wege zu planieren. Wenn sie etwas daran verdient hat, dann nur durch ein paar Freizeitsoldaten, die mit Farbpistolen aufeinander schießen – Sie wissen schon, diese so genannten Paintball-Teams –, und durch ein paar Öko-Freaks, die modernen Komfort wie Toilette, Dusche oder eine richtige Camping-Anlage mit Verachtung strafen.« Er verdrehte die Augen. »Vor ungefähr einem Jahr ist es ihr gelungen, eine Gruppe drüben in Baltimore für das Grundstück zu interessieren. Das war, bevor Sie hierher kamen. Diese Leute bauen Luxus-Kurhotels, Freizeitbäder, Erholungszentren, all so was. Die Nachricht hat damals in der Stadt natürlich für viel Aufsehen gesorgt, wegen der Hoffnung auf neue Arbeitsplätze. Ich wusste nicht, dass sie schon –«
Jim Cameron richtete sich wieder auf. »Genehmigungsanträge von Landry Immobilien-AG und BWI-Bau, Kommanditgesellschaft«, las er von einem Stück Papier vor. »Okay, Peggy, die Stadt wird Ihre Bauerlaubnis nicht zurückziehen.« Mehrere Leute schimpften. Der Bürgermeister runzelte die Stirn. »Immer mit der Ruhe! Laut Auskunft unserer Anwälte haben wir nun mal nicht das Recht, ordentlich genehmigte Bauprojekte zu stoppen, solange der Staat darin nicht einen Verstoß gegen die Umweltschutzbestimmungen sieht.«
»Und was ist, wenn noch mehr Schadstoffe freigesetzt werden?«, fragte Mrs. Van Alstyne. »Wie viel von diesem Gift steckt noch im Fels und wartet nur darauf, durch die Sprengarbeiten rauszukommen? Das wird dann schnurstracks den Berg runtergespült, in den Fluss und in die Stadt!«
»Wer soll für die Sanierung aufkommen?«, fragte jemand. »Sieht so aus, als würden die Landrys ein dickes Geschäft machen, und wir dürfen die Rechnung bezahlen.«
Jim Cameron hob die Hände. »Leute, wenn ihr euch nicht an die Diskussionsordnung haltet, dann blase ich das Ganze ab!«
Direkt neben Peggy Landry erhob sich ein Mann, der Mrs. Van Alstyne mit solcher Feindseligkeit betrachtete, dass eine zierlichere Frau rücklings auf ihren Stuhl gefallen wäre. »Herr Bürgermeister? Dürfte ich wohl ein Wort zu der Sache sagen?«
Es war geradezu rührend, wie dankbar Jim Cameron für diese Beachtung der Diskussionsordnung schien. »Gern. Ich erteile das Wort an …«
»Bill Ingraham. BWI-Bau.« Cameron forderte ihn mit einer Geste auf zu reden. Ingraham war korpulent, mittelgroß, mittleren Alters und besaß die sonnengebräunte Haut eines Menschen, der viel Zeit an der frischen Luft verbringt. Auf Clare wirkte er eher wie ein Installateur als der Bauherr eines luxuriösen Freizeitbades, aber sie hatte ja auch noch nie einen kennen gelernt. »Mein Partner und ich – bitte steh auf, John, damit dich die Leute einmal anschauen können.« Ein sportlich gekleideter Typ, der wie ein Geschäftsmann aussah, winkte kurz und verschwand dann wieder auf seinen Stuhl. »John und ich sind hier, um ein neues Freizeit- und Erholungszentrum zu schaffen, die ideale Mischung zwischen den Berghotels des alten Adirondack und einem top-angesagten Erlebnisbad. Und wir tun das, weil wir glauben, wir werden damit jede Menge Kohle machen.« Schnaubendes Gelächter wurde im Keim erstickt. »Ich glaube aber, dass es auch Ihrer Gemeinde eine ganze Menge Kohle bringt, denn wir sehen darin ein Urlaubsziel, wo die Besucher nicht nur übernachten, um tagsüber nach Saratoga zu fahren. Und das bedeutet: Geld für Ihre Stadt und Jobs für die Einheimischen – das ganze Jahr, weil die Touristen auch das ganze Jahr kommen werden.« Vereinzelter Beifall ertönte. »John und ich investieren in mehr als einer Hinsicht. Wir sponsern den diesjährigen Volkswettlauf zum Nationalfeiertag, wir planen für nächsten Winter ein Skifahrertreffen auf einem der Berge dieser Gegend, und schließlich möchten wir in jeder Jahreszeit eine besondere Veranstaltung unterstützen.« Er rieb sich theatralisch die Hände. »Gebt diesen Touristen doch einen kleinen Anreiz, in eure Stadt zu kommen und dort ein bisschen Geld rauszuwerfen.«
Das Gelächter, das ertönte, war stärker als der vorherige Applaus. Ingraham pausierte einen Moment. »Mir gefällt es hier«, fuhr er fort. »Ich möchte diese Gegend genauso wenig verseucht sehen wie ihr. Aber ich möchte auch ehrlich sein: In unserem Budget für das Algonquin-Freizeitbad ist kein Geld für etwaige Auflagen der Umweltbehörde eingeplant. Mit der hatten wir schon als Projektpartner bei einer Anlage in Georgia zu tun, und wir zahlen dort bis heute, um den PCB-Schlamm wegschippen zu lassen. Es war ein Verlust auf der ganzen Linie. In dieses Projekt investieren wir nur, weil Peggy schon die Vorarbeit mit den Behörden geleistet hat. Daher Folgendes: Sollten Sie den Staat um eine nochmalige Untersuchung des Baugeländes bitten, dann nur zu. Fällt das Ergebnis jedoch für uns negativ aus, dann machen wir dicht; meiner Erfahrung nach lässt die Regierung nämlich erst dann locker, wenn der Boden so lupenrein ist wie nie zuvor. Wir haben weder die Zeit noch das Geld, um die nächsten zehn Jahre mit der Jagd nach irgendwelchen Lecks zu verbringen.«
»Was?« Peggy Landry drehte sich zu Bill Ingraham um und packte ihn am Arm. »Sie können doch nicht –« Der Rest dessen, was sie sagte, ging unter, weil sie Ingraham zu sich herunterzog.
»Tja. Wenn das Geschäft platzt, dann bestimmt auch Ihre großen Plänen«, sagte Paul und schüttelte den Kopf. »Großgrundbesitzer in Adirondack sein, das ist auch nicht mehr das, was es einmal war.« Im ganzen Saal hoben die ordnungstreuen Bürger ihrer Hände, und solche, die sich nicht an die Ordnung hielten, riefen laute Fragen.
Clare bemerkte aus dem Augenwinkel, dass die große Flügeltür aufging. Ein hoch gewachsener Mann in braun-und beigefarbener Uniform schlüpfte herein. Trotz seiner Größe hielt er sich unauffällig im Hintergrund neben der Tür und schaute über die Menge, als würde er jemanden suchen. Clare sah schnell wieder nach vorne, wo eine Rothaarige mit Krankenschwesternjacke über die gesundheitlichen Auswirkungen von PCB referierte. Clare hatte letzten Dezember spontan mit dem Polizeichef Freundschaft geschlossen, als es um die Aufklärung einer Kindesaussetzung auf den Stufen von St. Alban’s ging. Seitdem hatte sie ihn aber kaum mehr gesehen und wenn, dann nur von fern. Dabei hatte sie so gut mit ihm reden, lachen, einfach sie selbst sein können, ohne dass sie sich um diese Mann/Frau-Geschichte Gedanken machen musste; er war schließlich verheiratet. »Schwer verheiratet«, wie sie einmal zu ihrer Pfarrsekretärin gesagt hatte. Und trotzdem tat ihr das Verdrängen ihrer Gefühle bis heute weh – ein weiblicher Saulus auf der Straße nach Damaskus, bis plötzlich die Offenbarung über sie kam und sie merkte, dass sie jemand mit Haut und Haaren verfallen war. Peinlich war das, oberpeinlich. Aber sie würde auch darüber hinwegkommen!
Als Clare wieder einen Blick in seine Richtung warf, schaute Russ sie direkt an, und selbst von der anderen Seite des Raumes konnte sie seine Augen unter der Brille himmelblau funkeln sehen. Er schaute sie weiter an, wobei sich seine Lippen zu einer Art Lächeln verzogen, und Clare stieg die Röte ins Gesicht. Sie setzte eine freundliche Miene auf und winkte kurz. Sein Blick fiel auf den Platz neben sie, und er runzelte die Stirn. Dann deutete er mit dem Finger und bewegte lautlos den Mund, als wolle er ihr etwas sagen. Sie zuckte mit den Schultern. Er deutete erneut, diesmal nachdrücklicher. Sie zog die Augenbrauen hoch. Paul Foubert schien in die Ausführungen der Krankenschwester vertieft. Clare zeigte mit dem Daumen auf ihn. Russ nickte.
»Ich glaube, Russ Van Alstyne möchte mit Ihnen sprechen«, sagte sie.
»Hm? Der Chief? Wusste gar nicht, dass er auch hier ist.«
»Er ist gerade erst gekommen. Mittwochnacht fährt er immer Streife.«
»Sie kennen seinen Dienstplan?« Paul machte ein verwundertes Gesicht.
»Ich habe ein gutes Gedächtnis für Zahlen und Uhrzeiten. Naturtalent. Jetzt gehen Sie.«
Ächzend erhob sich Paul von seinem Stuhl. »Wahrscheinlich wieder so ein verirrter Alzheimer-Patient.«
Clare unterdrückte ihren Drang, dem Direktor des Altenpflegeheims zu folgen, konnte es sich aber nicht verkneifen, den Kopf zu drehen. Sie wollte zu gerne wissen, was los war. Russ machte ein ernstes Gesicht, ein todernstes. Es wirkte trotz seiner Sonnenbräune im Licht der Neonlampen bleich und erschöpft. Als Paul zu ihm kam, nahm er sein stählernes Brillengestell ab. Dann fasste er den riesenhaften Mann an der Schulter und zog ihn näher heran. Ein Gefühl der Unruhe regte sich in Clares Magen, gefolgt von einer Art Krampf und Übelkeit, als Paul sich abrupt aus Russ’ Griff befreite und gegen die Wand sackte.
Bis Clares Blick und der von Russ sich wieder trafen, war sie schon aufgesprungen und bahnte sich unter vielen Entschuldigungen einen Weg durch das Gedränge im Mittelgang. Der Chief gab ihr mit einer ruckartigen Kopfbewegung ein Zeichen. Paul lehnte am Aushangbrett, das Gesicht einem rosafarbenen Zettel zugewandt, der die Sperrmüllabholung für den Sommer bekanntgab. Seine mächtige Faust war zusammengeballt und zitterte.
»Was ist?«, fragte Clare leise. »Irgendwas nicht in Ordnung?«
»Emil«, sagte Paul. »Er wurde überfallen.«
Clare blickte auf. »Ich wüsste nicht, dass ich jemanden namens Emil kenne.«
Russ setzte seine Brille wieder auf. »Emil Dvorak. Unser Gerichtsmediziner.« Seine dünnen Lippen pressten sich zu einem Strich zusammen. »Guter Bekannter von mir. Man hat ihn vor einer Weile an der Route 121 entdeckt. Sieht aus, als hätte er einen Zusammenstoß gehabt und wäre von der Straße abgekommen.« Russ kniff sich unter der Brille in den Nasenrücken. »Er wurde überfallen. Zusammengeschlagen. Liegt jetzt im Glens Falls Hospital.« Er deutete mit einem Kopfnicken auf Paul. »Emil ist Pauls, äh, Freund.«
»Lieber Gott.« Clare drückte Paul eine Hand auf die Schulter. Dann trat sie näher heran, um ihm ihren anderen Arm auf den Rücken zu legen. »Oh, Paul, das tut mir so leid.« Sie hatte zwar gewusst, dass Paul in einer Beziehung lebte, aber bei ihren Gesprächen im Altenpflegeheim war nie ein Name gefallen. Sie sah zu Russ. »Wir sind zusammen hier. Ich fahre ihn zum Krankenhaus.«
»Danke, das schaff ich schon. Mir fehlt nichts«, antwortete Paul mit hauchdünner Stimme – ein seltsamer Laut von einem so großen, kräftigen Mann. Als sie ihn hörte, tat es Clare in der Seele weh. Paul straffte sich und schaute sich um, als hätte er das Rathaus noch nie gesehen.
»Nein. Clare hat Recht. Sie sollten nicht fahren, Paul.« Russ strich sich mit einer Hand durch sein schütteres braunes Haar. »Glauben Sie, Sie finden das Glens Falls Hospital?« Clare nickte. »Okay, dann treffen wir uns dort.«
Russ hielt ihnen die Tür auf, während Clare Paul aus dem Sitzungssaal schob. Trotz der heißen Luftschwaden, die vom Asphalt aufstiegen, zitterte sie, als sie Russ’ letzte, geflüsterte Anweisung aufschnappte: »Beeilen Sie sich.«
Das wirbelnde Rotlicht auf Russ’ Streifenwagen ergab zusammen mit dem grellen Blaulicht der Ambulanz einen Stroboskopeffekt, als er zur Notaufnahme des Glens Falls Hospital einbog. Er parkte auf einem Platz, der mit »Reserviert für Polizei« markiert war, und stieg aus der relativen Kühle seines Autos in die drückende Schwüle eines aufziehenden Gewitters. Mit energischen Schritten überquerte er den Asphalt und war schon fast an der Notaufnahme, da glitt zischend die Tür auseinander, und Clare kam herausgewankt. Einzelne Strähnen hingen aus ihrem Haarknoten, und ihr Gesicht war so eingefallen, dass ihre hohen Wangenknochen und ihre Nase sich scharf abhoben. Bei Russ’ Anblick machte sie den Mund auf.
»Gott sei Dank, da sind Sie ja.« Sie packte ihn am Ärmel seiner Uniform und zog ihn von der Tür weg. »Es steht schlimm um ihn. Sie bereiten ihn für einen Rettungsflug nach Albany vor.«
»Großer Gott. Können die ihn nicht mit dem Krankenwagen fahren?«
»Nein. Gehirnerschütterung. Ich habe nicht mal die Hälfte von dem verstanden, was der Arzt zu Paul sagte, aber anscheinend kommt es auf jede Minute an. Es war schrecklich da drinnen, Russ. Sie wollten Paul nicht mitfliegen lassen, weil er kein Ehepartner oder Blutsverwandter ist. So eine blöde, bürokratische Zeitverschwendung …« Sie zog sich eine Haarsträhne aus dem Nacken, zwirbelte sie verärgert zwischen den Fingern und steckte sie wieder fest. »Paul ist völlig … Na, Sie können sich’s ja denken. Oh, ich habe so eine Wut gekriegt. Ich sagte, wenn er nicht in den Hubschrauber darf, dann würde ich selbst einen mieten und Paul fliegen. Diese Armleuchter.«
Russ grinste unwillkürlich. »Können Sie sich das denn leisten?«
»Nein.« Sie sah zu ihm auf und grinste ebenfalls. »Aber ich glaube, die Vorstellung, dass eine Geistliche einen Hubschrauber fliegt, hat sie so verblüfft, dass sie sich etwas anderes einfallen ließen. Wie sich herausstellte, haben Paul und Emil eine gegenseitige Patientenvollmacht. Wir haben uns vom Washington County Hospital eine Kopie faxen lassen.« Sie sah kurz zurück zur Tür der Notaufnahme. »Ich muss jetzt den Wagen holen. Emil ist jede Minute transportbereit, und ich fahre Paul. Der Heli landet auf dem Parkplatz der Feuerwache von Glens Falls/West – keine Ahnung, wo das ist. Wenn ich mich nicht an den Krankenwagen dranhänge, verirre ich mich bestimmt.« Sie legte Russ eine Hand auf den Unterarm. »Sie kommen doch mit, oder?«
Er verspürte den bizarren Impuls, ihre Hände zu nehmen und sie zu küssen. Aber er verdrängte diesen Gedanken und nickte. »Auf jeden Fall. Holen Sie Ihren Wagen, dann fahre ich Ihnen nach.« Sie warf ihm ein kurzes, strahlendes Lächeln zu. Dann rannte sie im Laufschritt davon, und ihr langer schwarzer Rock flatterte ihr um die Knöchel. Wie, zum Teufel, schaffte sie es nur, so verdammt nett, offen und normal zu sein, dass er sich in ihrer Nähe wie ein Siebzehnjähriger vorkam? Er war ihr seit letztem Dezember, als er diese unsichtbare Grenze überschritten hatte, aus dem Weg gegangen. Seine Gefühle, sagte er sich, müssten eine Art von Midlife-Schwachsinn sein, und durch Distanz würde ihm Clare gleichgültig werden. Aber es hatte nicht geklappt, so viel stand fest. Wenn er sie zufällig im Park entdeckte, wenn er ihr im Supermarkt über den Weg lief oder auch nur, wenn er am Pfarrhaus vorbeifuhr, krampfte sich etwas in seiner Brust zusammen und er bekam einen Kloß im Hals. Vielleicht wäre es ja besser so – einfach als Freunde weiterzuleben und diese andere Geschichte außen vor zu lassen. Verdammt – wenn er sich normal benähme, vielleicht würden dann auch seine Gefühle wieder normal.
Eine Explosion von Geräuschen und Bewegungen lenkte seine Aufmerksamkeit zurück zur Notaufnahme. Zwei Sanitäter, ein Arzt und eine Krankenschwester schoben in kontrollierter Eile eine Bahre auf das offene Heck des Rettungswagens zu, der in der Einfahrt wartete. Zwischen den Menschen, die Emil umgaben, konnte Russ einen Blick auf ihn erhaschen und verzog schmerzlich das Gesicht. Lieber Gott. »Vorsicht! Langsam! Damit sich die Schläuche nicht verheddern!«, sagte der Arzt, während er sich ins Heck stemmte und die Sanitäter den angeschnallten Körper hineinbugsierten. Dann reichte die Krankenschwester den Infusionsständer nach, den sie über ihrem Kopf hielt, und kletterte ebenfalls auf ihren Platz.
Wieder glitt die Notaufnahmetür zischend auseinander, und Paul erschien in Begleitung einer zweiten Krankenschwester. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck, den Russ aus Vietnam kannte: wenn ein Mann vor den Augen seines besten Kameraden in Stücke gerissen wurde. Eine Mischung aus Schock, Furcht und schrecklicher Erkenntnis. »Paul!«, rief Russ ihm zu. Der hünenhafte Mann blickte auf. »Clare holt gerade ihren Wagen. Ich fahre Ihnen nach, zum Landeplatz.« Paul nickte, als wäre sprechen momentan zu viel für ihn.
Einer der Sanitäter hatte die Bahre im Wagen festgeschnallt und sprang gerade aus dem Heck, da bog ein kleiner rot-weißer Shelby Cobra mit quietschenden Reifen in die Einfahrt. Clare saß am Steuer. Sie winkte Paul, der mit schwerfälligen Schritten herüberkam und sich auf den winzigen Beifahrersitz quetschte. Der Sanitäter schlug das Heck des Rettungswagens zu, verriegelte es, hastete hinter den Lenker, und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, noch ehe die Tür ganz geschlossen war.
Russ und die Ambulanz ließen ihr Blau- und ihr Rotlicht den ganzen Weg über eingeschaltet. Russ konnte die Erinnerung an Emils zerfleischtes Gesicht nicht abschütteln. Freunde waren sie nur durch ihren Beruf gewesen – für jemand, der in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, hatte Emil verdammt wenig echte Freunde, wurde Russ plötzlich klar –, aber in den fünf Jahren, die er jetzt als Polizeichef fungierte, hatte er sehr viel Zeit mit Emil Dvorak verbracht: in der Pathologie, im Krankenhaus, auf den Gängen des Gerichtsgebäudes. Er dachte an den messerscharfen Witz des Mediziners, an dessen ordentliches Büro voll dicker Bücher und Opern-CDs, an dessen Sucht nach Polit-Debatten am Sonntagvormittag. An die Beschädigung dieses empfindlichen Gehirns, als jemand wieder und wieder darauf eingeschlagen hatte. Russ stieg die Galle hoch, dass er daran zu ersticken glaubte. Er folgte dem Krankenwagen über die Kreuzung und auf den Parkplatz der Feuerwache. Strahlendes Licht fiel aus den offenen Garagenboxen, ließ die eingestellten Lösch- und Rettungsfahrzeuge glänzen und brach sich in den Reflektorstreifen des Transporthubschraubers, der mitten im Hof gelandet war. Mehrere Feuerwehrmänner sahen vom Innern der Boxen aus zu. Russ folgte Clares Wagen in die hinterste Ecke des Parkplatzes, wo die Privatfahrzeuge standen.
Das Team des Rettungshubschraubers – Notarzt, Krankenschwester und Pilot – kam im Laufschritt herbeigeeilt, um Emil ausladen zu helfen. Clare sprang aus dem Auto und wartete, während Paul sich aus dem Beifahrersitz hochkämpfte. Russ trat zu ihnen, um die Rettungsmannschaft nicht zu behindern, die Emil vorsichtig in den Helikopter verfrachtete.
»Paul«, sagte er, »eine Frage bitte: Wo war Emil heute Abend?« Eine der Krankenschwestern trug den Infusionsständer, während die Bahre in den Laderaum des Hubschraubers hinaufgeschoben wurde. »Wissen Sie, was er gemacht hat? Mit wem er zusammen war?«
Paul ließ die Gestalt nicht aus dem Auge, die nun im Rumpf des Helikopters verschwand. Dabei rieb er sich unentwegt die Hände an den Nähten seiner Shorts. »Emil ist bei ein paar Freunden von uns zum Abendessen gewesen. Stephen Obrowski und Ron Handler. In ihrem Hotel, dem Stuyvesant Inn. Er wollte direkt nach Hause fahren …« Seine Stimme verklang.
»In Ordnung. Danke. Morgen werde ich mich mit denen unterhalten. Ich verspreche Ihnen: Die Kerle schnappen wir.« Russ wusste, das war ein schwacher Trost, gemessen an Emils zerschundenem Körper dort im Hubschrauber. Mit großen, rot geränderten Augen sah Paul Russ an.
»Paul«, sagte Clare, »es wird Zeit. Der Pilot wirft gleich das Triebwerk an.«
Es sah nicht aus, als wolle der Pilot so bald ins Cockpit steigen. Er hatte die Gurte neben der Tür festgemacht. Aber Clare musste es schließlich wissen; sie hatte diese Ungetüme in der Army geflogen, nicht Russ. Also ging er mit zur Einstiegsluke, der Pilot verschwand tatsächlich, und eine Sekunde später hörten sie das unangenehme Winseln anspringender Turbinen.
Paul trat vor. Und stockte. »Die Hunde«, sagte er zu Clare. »Habe ich Sie schon gebeten, sich um die Hunde zu kümmern?«
»Ja.« Sie rieb seinen Arm. »Gleich morgen früh. Ich werde sie in meinen Wagen packen und zum Hundezwinger rüberbringen. Nur keine Sorge.«
Der Rettungsarzt sprang aus dem Helikopter. »Schnell«, sagte er. »Zeit zum Abflug.« Er hielt Paul einen Helm hin und half dem mächtigen Mann dabei, ihn aufzusetzen. Dann deutete er auf die Trittstange und die Gurte, wo Paul eine Art Notsitz einnehmen könnte. Der Infusionsständer hing zitternd an einem Haken, und die mit einem Flugoverall bekleidete Krankenschwester beugte sich über Emil, um etwas zu richten.
Paul drehte sich zu Clare um. Sein struppiges braunes Kopf- und Barthaar stand unter dem Helm hervor. »Clare«, sagte er laut, »ich selber hatte mit Religion ja nie was am Hut, aber Emil war … Emil ist katholisch …«
Clare trat direkt an ihn heran, damit er unter seinem massigen Helm von ihren Lippen ablesen könne. »Ich werde für ihn beten«, sagte sie mit normaler Lautstärke. »Für Sie beide werde ich beten.« Sie drückte ihm fest die Hand. »Haben Sie keine Scheu, die tröstende Hand Gottes zu ergreifen, wenn Ihnen danach zu Mute ist. Sobald es Emil besser geht, können Sie ja wieder Atheist werden. Ich verrate es niemand.«
»Sir, wir müssen los!«, drängte der Notarzt und winkte Paul ins Innere des Hubschraubers. Er hievte sich hinauf, während Clare und Russ zurückwichen. Der Rotor über ihnen begann sich langsam, dann immer schneller zu drehen, bis sein hartes »Tschack-tschack-tschack« mit dem Winseln der Turbinen wetteiferte. Clare blieb vor dem Kühler des Rettungswagens stehen. Die Haare, die sich aus ihrem Knoten gelöst hatten, tanzten honig-, karamell- und sirupfarben im Aufwind des Rotors. Russ stutzte, als er den Ausdruck auf Clares Gesicht bemerkte.
»Das vermissen Sie wohl?«, brüllte er durch den Motorenlärm. Sie zuckte mit den Schultern, ohne den Hubschrauber aus den Augen zu lassen. Russ spürte die Erschütterung durch seine Schuhsohlen. Bei einem Blick in das Cockpit erkannte er hinter der rauchfarbenen Plexiglasscheibe schemenhaft und verzerrt die Umrisse des Piloten. Der Rhythmus der Rotorblätter schwoll zu einem Geräusch an, das er bis heute manchmal in seinen Albträumen hörte. Dann erhoben sich die Kufen vom Boden, prallten noch einmal leicht auf, blieben zirka fünfzehn Zentimeter über dem Asphalt in der Schwebe, und einen Moment später stieg die ganze Maschine himmelwärts – ein dickes, fliegendes Fabelwesen, das in die Dunkelheit über Glens Falls entschwand.
Clare und Russ sahen ihr nach. Ein frischer Wind kam auf, und von den Bergen vernahm Russ ein Grollen. »Ist das nicht gefährlich, wenn sich ein Unwetter zusammenbraut?«, fragte er Clare.
»Hm. Kein Problem. Sie fliegen südwärts, vor der Gewitterfront. Sie kann sie nicht einholen.« Eine Bö blies einen Zeitungsfetzen über den Asphalt. »Tut gut, was?«
»Ich hasse Hubschrauber«, sagte er.
Sie sah ihn verblüfft an. Etwas klopfte an die Windschutzscheibe des Rettungswagens hinter ihrer Schulter, und der Fahrer lehnte sich aus dem Seitenfenster. »Würdet ihr wohl ’n bisschen Platz machen, Leute? Ich muss wieder zur Klinik. Meine Schicht fängt an.«
Russ und Clare zogen sich zu ihren Autos zurück, und Russ winkte dem Krankenwagen nach.
»Hassen Sie Hubschrauber an sich oder hassen Sie das Fliegen darin?«, fragte Clare, während sie die Arme verschränkte.
»Ich weiß nicht. Beides, nehm ich an. Ich hatte mal ein schlimmes Erlebnis mit einem.« Sein Gehirn wurde von Bildern bedrängt. »Scheiße! Ich wollte ja mit dem Arzt reden! ’tschuldigen Sie den Kraftausdruck.«
»Ich habe ihm bei seinem Gespräch mit Paul zugehört. Viel Fachlatein, aber der Kern der Sache waren wohl mehrere Rippenbrüche, innere Blutungen, Gehirnerschütterung … Klingt, als hätte jemand Dr. Dvorak die Scheiße aus dem Leib geprügelt.« Sie blickte zu Russ auf. »’tschuldigen Sie den Kraftausdruck. Was ist passiert? Weshalb, um Gottes willen, sollte jemand versuchen, den Bezirkspathologen totzuschlagen?«
Russ schüttelte den Kopf. »Vielleicht ist es ja genau das. Er arbeitet jetzt zehn Jahre für uns als Pathologe, und wenn er auch nie in einen schweren Kriminalfall verwickelt war, hat er bestimmt einige Leute nach Comstock gebracht – möglicherweise jemandes Bruder oder Kumpel. Vielleicht ist jemand, der durch ihn ins Kittchen kam, entlassen worden, ohne dass die Rehabilitierung zum Musterbürger gelungen ist.«
Clare warf Russ einen erbitterten Blick zu. »Kommen Sie mir bloß nicht damit. Wenn wir Strafgefangenen mehr Hilfe bieten könnten, dann –« Sie winkte ab und schnaubte. »Vergessen Sie’s. Jedenfalls scheint mir dieses Szenario ein bisschen weit hergeholt. Ich meine, angenommen, Sie wären so ein Typ, frisch aus dem Gefängnis entlassen und rachelüstern?«
»›Lüstern‹?«
Sie ignorierte ihn. »Wären Sie dann zuerst hinter dem Pathologen her, der irgendeinen Beweis erbracht hat? Oder hinter dem Anklagevertreter, den Ermittlungsbeamten – sogar Ihrem eigenen Anwalt?«
»Sie kennen meine Einstellung zu Anwälten. Die würde ich mir unbedingt als Erstes vorknöpfen.« Clare gab ihm einen leichten Klaps auf den Arm. »Nein, ich weiß schon. Ihre Einwände haben etwas für sich. Aber es gibt noch eine Möglichkeit: einen Autounfall, nicht schwer genug, um Emils Verletzungen zu erklären, aber immerhin so, dass jeder der Beteiligten ziemlich was abkriegte. Vielleicht hat der andere Fahrer durchgedreht. Ist auf ihn losgegangen.«
»Amoklauf eines erbosten Kraftfahrers?«
»Das kommt vor.«
Sie nagte an ihrer Unterlippe. »Könnte auch etwas Persönliches dahinter stecken? Ein Bekannter von ihm?«
Russ nickte. »Bei den meisten Gewaltdelikten kennen Täter und Opfer sich persönlich. Deshalb habe ich Paul ja gefragt, wo Emil gewesen ist.« Er fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar. »Ich weiß nicht. Bisher sind zu viele Möglichkeiten offen. Das gefällt mir nicht. Das Einzige, was wir mit Bestimmtheit wissen, ist die Farbe des anderen Wagens. Wir haben rote Lackspuren an Emils linkem vorderem Kotflügel gefunden.«
»Und wir wissen, dass er nicht ausgeraubt wurde.«
Russ zog die Brauen hoch.
»Eine der Krankenschwestern hat Paul Dr. Dvoraks persönliche Habseligkeiten gegeben – Kleider und dergleichen. Darunter auch eine sehr teure Armbanduhr und eine Brieftasche voller Kreditkarten. Alles nicht angerührt.«
»Ich wünschte fast, man hätte ihn bestohlen. Wir werden auf Emils Wagen ein paar gute Fingerabdrücke finden, aber die nützen uns gar nichts, wenn der Täter nicht bekannt ist.« Der Donner grollte, näher und lauter als vorher. Russ sah zum Himmel. Schwere Wolken, auf deren Bauch matt die Straßenbeleuchtung von Glens Falls schimmerte, zogen herauf. »Zeit zum Aufbruch. Wenn Sie wollen, können Sie mir nach Millers Kill nachfahren.«
Clare griff in die Tasche ihres Rockes und zog die Schlüssel heraus. »Das muss ich sogar.« Er sah zu, wie sie in diese lächerliche Wanze von einem Auto stieg. Wieder so ein unpraktisches kleines Ding, und ein Kabrio obendrein. Er schüttelte den Kopf. Letzten Winter war sie mit ihrem alten MG so oft gerutscht, geschlingert und liegen geblieben – hatte bei dem Versuch, den Tenant Mountain in einem Schneesturm zu überqueren, den Wagen sogar zu Schrott gefahren –, dass man meinen sollte, sie hätte es besser wissen und sich etwas Vernünftiges zulegen müssen, mit Allradantrieb. Aber Fehlanzeige!
Als Russ in seinen Streifenwagen stieg, wurde ihm plötzlich klar, dass er sich nicht mehr wie ein hormongeplagter Teenager vorkam, sondern wie … ein guter Bekannter. Ein Kamerad. Das Zusammensein mit Clare hatte ihm gefallen, ohne dass er sich deshalb zum Affen machte. Er griff nach dem Mikrofon seines Funkgeräts und gab sein Fahrtziel durch. Endlich würde er sie hinkriegen, diese Gute-Freunde-Geschichte.
Bei ihrem Erwachen am Donnerstagmorgen hatte Clare das Geräusch von Rotorblättern im Kopf. Während die Sonne aufging, joggte sie durch die von Bäumen gesäumten Straßen ihres Viertels, bog nach Osten ab und lief entlang der Route 117 zurück, parallel zum Riverside Park und zu den leer stehenden Fabriken aus dem neunzehnten Jahrhundert. Donnerstags joggte sie nie lange, um duschen zu können und rechtzeitig für die Morgenandacht, werktags um sieben Uhr, fertig zu sein. Diese Andacht mochte sie besonders gern: eine heitere, intime Veranstaltung mit den fünf, sechs Gesichtern, die regelmäßig dort erschienen. Seit dem Heldengedenktags-Wochenende vor einem Monat war ihre Sonntagsgemeinde dahingeschmolzen wie Schnee in der Sonne. Sie konnte von Glück sagen, wenn sich zum Zehn-Uhr-Gottesdienst dreißig Gesichter blicken ließen. Aber auf ihre Schäfchen bei der Morgenandacht war Verlass, und egal, wie nervös und aufgewühlt Clare erschien, sie fand in der geordneten Abfolge von Gebeten, Psalmen und Gesängen immer ihren seelischen Mittelpunkt.
Als sie heute allerdings mit ihrer winzigen Gemeinde das Zweite Lied Jesaja las, das Quaerite Dominium, überkam sie plötzlich der Gedanke an Paul und Dr. Dvorak. »Lasset das Böse seinen Weg aufgeben und den Ungerechten seine Gedanken; lasset ihn zum Herrn zurückkehren, und Er wird sich seiner erbarmen …« Pauls hoffnungsloser, verirrter Gesichtsausdruck. Dvoraks starre Gestalt im Zentrum eines Wirbelsturms von Aktivität. »Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege nicht eure Wege, spricht der Herr.« Sie versuchte sich vorzustellen, was jemand dazu veranlassen konnte, einen harmlosen Menschen halb tot zu prügeln. Das schien unendlich viel feindseliger, von unendlich mehr Hass erfüllt als Amerikas klassische Mordmethode: erschießen mit einem billigen Revolver. »So auch das Wort, welches strömt aus meinem Munde: Es wird nicht leer zu mir zurückkehren …« Irgendwann während ihrer allwöchentlichen Besuche im Altenpflegeheim war Paul für sie zum Freund geworden, einer der wenigen Menschen in Millers Kill, die der Anblick von Clares Priesterkragen nicht ins Stocken brachte. Jemand, der sich tagein, tagaus der Schwächsten und Verwundbarsten unserer Gesellschaft annahm. Nun war im Handumdrehen seine ganze Welt zusammengebrochen. Weshalb? Durch skrupellose Bosheit? Kalte Berechnung? Durch einen spontanen Wutausbruch? »Sondern es wird erfüllen, worum ich bitte, und gedeihen in dem, wozu ich es entsandt.« Sie wollte es genau wissen. Sie wollte wissen, warum. Und wer es getan hatte. Ein Monster? Sie glaubte nicht an Monster. Sie glaubte an die Erlösung. Aber an manchen Tagen fiel ihr das schrecklich schwer.
Nach der Morgenandacht schaute sie in ihren Terminkalender. Zwei Traugespräche, drei nächste Woche. Wer die Behauptung aufgestellt hatte, die Generation X sei an der Ehe nicht interessiert, der kannte die Adirondacks nicht. Anschließend die Probe für die MacPherson-Engels-Hochzeit am Freitagabend. Diesen Termin unterstrich sie. Sie hinterließ Lois, ihrer Pfarrsekretärin, eine Notiz, den Küster beziehungsweise Organisten daran zu erinnern, dass er Samstagmorgen um acht das Portal aufschließen solle, damit die Floristin Gelegenheit hätte, das Hochzeitsdekor zu arrangieren. Dann stürmte sie ins Pfarrhaus nebenan, um sich umzuziehen. Sie wählte ein langes, lose sitzendes Kittelhemd aus schwarzem Leinen und befestigte einen weißen Kragen daran – ein Kompromiss zwischen ihrer normalen Priestertracht und dem Wetter.
Es versprach wieder ein Tag von über dreißig Grad zu werden, aber das Gewitter gestern Abend hatte die Luft gereinigt. Der leichte, trockene Wind erinnerte Clare an das wunderschöne Wetter in West Virginia bei ihren Eltern. Sie hatte das Verdeck ihres Kabrios zurückgeklappt, und wenn erst Pauls Hunde versorgt wären, bliebe vor ihren beiden Traugesprächen heute Nachmittag vielleicht noch ein bisschen Zeit für eine Spritztour.
Bei der Ankunft vor Emils und Pauls malerischem altem Farmhaus gerieten ihre Pläne zum ersten Mal ins Wanken. Aus irgendeinem Grund hatte sie sich die Hunde klein vorgestellt – wie Jack Russells oder Pudel vielleicht. Die beiden Tiere, die aus der angebauten Scheune erschienen, waren hingegen groß. Richtig groß. Zwei zottige, springende, bellende schwarz-weiße Bernhardiner. Sie schaute auf die winzige Rückbank des Shelby, wo zwei Jack Russells gemütlich Platz gehabt hätten. Dann schaute sie wieder zu den Hunden, die aufgeregt an einem unsichtbaren Zaun entlangjagten. »Oh … Schande«, sagte sie.
Die Tiere waren völlig aus dem Häuschen, Clares Bekanntschaft zu machen. Sie sprangen an ihr hoch, während sie vom Zufahrtsweg querfeldein über den Rasen ging, drückten und rieben sich an ihr, patschten mit ihren Pfoten nach dem knöchellangen Kleid und leckten ihr frenetisch die Hand. »Ihr seid nicht gerade schüchtern, was?«, sagte Clare. Die beiden Hunde entdeckten Clares sandalenbekleidete Füße und fingen sofort an, ihr die Zehen zu lecken. »Aus!«, kreischte sie. »Platz!« Sie ließen ihr Hinterteil auf den Boden plumpsen, blickten erwartungsvoll zu ihr hoch und klopften dabei mit ihren Schweifen auf den Rasen. Clare suchte zwischen Händen voll seidigen Fells nach den Hundemarken der beiden. »Okay, Gal und … Bob?« Die Tiere wedelten noch energischer mit dem Schweif. »Wie kann man denn einen Hund Bob nennen?« Sie seufzte. In der Notaufnahme hatte Paul gesagt, die Fressnäpfe und Leinen seien in der Scheune. »Na los, kommt«, sagte Clare. »Holen wir eure Sachen. Und dann versuchen wir, euch im Wagen zu verstauen.«
Zu guter Letzt musste sie Gal, die etwas kleiner war, quer auf die Rückbank quetschen, sodass Kopf und Schwanz des Tieres über die Seiten hinausragten. Bob hingegen balancierte mit tellergroßen Pfoten auf der Kante des glatten Beifahrersitzes. Der Kofferraumdeckel wollte über dem Sammelsurium von Leinen, Fressnäpfen, fünfzig Pfund Futter und Quietsche-Spielzeug kaum zugehen – Letzteres angeschleppt und Clare vor die Füße gelegt, als sie die Sachen einlud.
Beim Hundezwinger wurden ihre Pläne erneut vereitelt. »Tut mir leid, Reverend Fergusson«, sagte die mollige blonde Besitzerin, während sie die Tiere am Kopf kraulte. »Unsere großen Laufgehege sind nächste Woche alle ausgebucht. Es ist Nationalfeiertag, und viele Leute fahren übers Wochenende weg.« Sie ging in die Hocke, um Gal mit geballter Faust die Schlappohren zu massieren und sie auf die Schnauze zu küssen. »In etwas Kleinerem kriegen wir diese beiden nicht unter. Du könntest dich ja gar nicht bewegen, nicht wahr, Süße?« Die Frau blickte bedauernd zu Clare auf. »Drüben in Saratoga gibt es natürlich noch ein paar Zwinger, aber da würde ich vorher anrufen. Dieses Wochenende dürfte es schwer sein, freie Plätze zu finden. Vielleicht können sich ja irgendwelche Freunde oder Bekannten um die Tiere kümmern?«
Und so kam es, dass Clare ihre »kleine Spritztour« unerwartet mit einer Ladung von neunzig Kilo Hund unternahm. Sie kannte nur zwei Freunde von Paul und Emil: die Eigentümer des Stuyvesant Inn, die Paul gestern Abend erwähnt hatte. Vielleicht würden die ihr ja ihre Schützlinge abnehmen. In Hotes liefen doch immer mal Katzen und Hunde herum.
Die Straße zum Stuyvesant Inn führte am Fluss entlang – einem Gewässer, das die frühen holländischen Siedler als »Kill« bezeichneten –, durch grüne Schatten und Sonnenschein, und bog dann nach Westen ab, um durch üppige Felder voll zartblättrigem Mais und saftige Wiesen bergan zu steigen, die so dicht und gleichmäßig waren wie ein Flokatiteppich und wo Holstein- und Hereford-Kühe malerisch grasten. Moosscheckige Felsen und Disteln oder wild wachsende Blumen bildeten einen harmonischen Kontrast dazu. Immer wieder führte die Straße bergauf und bergab, bis sie eine Anhöhe erklomm und Clare das farbenfroh gestrichene Hotel vor sich sah, ein gründlich renoviertes, skurriles Beispiel für »Zimmermannsgotik«, mit Dekorationen in Mauve, Koralle und Wasserblau. Dahinter gingen Beete von ganzjährig blühenden Pflanzen und Zierbäumen nahtlos in eine Wiese über, die hinter einem sanften Hügel verschwand. Das Ganze überragte ein Vorgebirge, dessen Gipfel meergrün und dunstig in der Vormittagssonne lagen. Als Clare in die halbkreisförmige Zufahrt bog, war sie nicht überrascht, im Schatten der mächtigen Ahornbäume, die den Hof beschirmten, bereits ein Polizeifahrzeug von Millers Kill zu sehen.
Sie hatte den Zündschlüssel kaum herausgezogen, da quetschte sich Gal an Clares Schulter vorbei von der engen Rückbank herunter. Beide Tiere sprangen ins Freie und schnupperten um die Autos, die Bäume und die sauberen Ränder der Pflanzenbeete herum, ehe sie sich an einem Pfosten und am Hinterreifen des Streifenwagens erleichterten. »Gal! Bob! Hierher!« Die Hunde schlossen sich ihr an, während Clare die breite Veranda hinaufstieg und klingelte.
Einen Moment später erschien ein grauhaariger Mann mit einem Gesicht, das freundlich zerknittert war wie ein ungemachtes Bett, in der Mahagonitür. »Guten Tag, kann ich – Na, wenn das nicht Bob und Gal sind! Hallo, ihr beiden!« Die Hunde sprangen vor, um ihre Köpfe an den Knien des Mannes zu reiben. »Nur immer hereinspaziert«, sagte er, während er sich bemühte, die Tiere zu kraulen und Clare gleichzeitig die Hand zu geben. »Ich bin Stephen Obrowski.« Er machte die Tür weiter auf und trat in einen breiten Flur zurück, der mit Samt tapeziert und mit so hässlichen Stühlen und Tischen möbliert war, dass Clare wusste, sie mussten echt viktorianisch sein.
Die Krallen der Hunde klickten auf dem gebohnerten Parkettboden, als sich die beiden an Obrowski vorbeidrängten. »Vielen Dank. Ich bin Clare Fergusson, Pastorin der Episkopalkirche St. Alban’s.« Sie befingerte instinktiv den Priesterkragen, der am Halsauschnitt ihres Kittelhemds befestigt war. Dann merkte sie, dass der Leinenstoff eher wie Mohair aussah: über und über voll weißer Hundehaare.
»Bitte kommen Sie doch mit in die Küche. Wir haben gerade mit Chief Van Alstyne über gestern Abend gesprochen. Der arme Emil. Kaum zu glauben. Man liest so was ja in der Zeitung, aber wenn es einen Freund oder Bekannten trifft …«
Clare folgte Obrowski durch den langen Flur in eine Küche, die unter einer Treppe mit gedrechselten Geländerpfosten lag und, Gott sei Dank, nicht stilecht war. Russ stand neben einer Kochinsel aus Edelstahl und putzte gerade seine Brille mit einem Papiertuch. Als Clare hereinkam, schaute er mit kurzsichtigem Blick zu ihr auf. Ein attraktiver Mittdreißiger war dabei, Kaffee in zwei einfache Keramiktassen zu gießen. Er sah aus wie ein nordischer Skifahrer: groß, blond, braungebrannt. Es hätte Clare nicht erstaunt, wenn er Hans oder Ulf geheißen hätte. »Das hier ist Ronald Handler, unser Meisterkoch. Ron, das ist Reverend Clare Fergusson. Sie beide kennen sich ja wohl schon?«, sagte er mit Blick auf Russ.
Russ setzte seine Brille wieder auf und steckte das Papiertuch in die Tasche. »So ist es. Was suchen Sie denn hier, Reverend?«
Noch bevor sie antworten konnte, zwängten sich die mächtigen Hunde durch die Tür und liefen mit Schwänzen, die hin und her peitschten wie Gartenschläuche, und mit heraushängender, sabbernder Zunge in die Küche. Ron Handler trat an eine vorhangbedeckte Tür, links neben dem großen Herd. »Gal! Bob! Raus hier!« Die Bernhardiner sprangen nach draußen in die Sonne.
»Bob?«, wunderte sich Russ.
Handler hielt Clare die Kanne hin. »Kaffee?«
»Ja bitte. Also, haben Sie schon etwas Neues herausgefunden? Wissen Sie, was gestern Abend passiert ist?«
Obrowski nahm seine Tasse und blies den Dampf weg. »Wir haben es gerade schon dem Chief erzählt. Gestern Abend waren ein paar Freunde hier zum Essen – nur Emil, Samuel Marx und Rick Profitt. Samuel und Rick wohnen zurzeit bei uns. Sie kommen aus New York City.«
Handler reichte Clare eine Tasse Kaffee. »Sie betreiben ein kleines Reisebüro. Schicken uns jede Menge Gäste.«
»Das Ganze war ziemlich spontan, weil wir einen freien Abend hatten. Das ist in dieser Saison eher die Ausnahme. Ich verstehe einfach nicht, wie jemand davon gewusst haben konnte, wenn er gegen Emil Böses im Schilde führte.«
Russ wechselte sein Standbein. »Ihre anderen Gäste, Marx und Profitt – kannten die Emil bereits?«
»Nein«, antwortete Obrowski. »Und sie sind auch beide auf ihr Zimmer gegangen, als er weg war. Haben nicht mal was von dem Pick-up mitgekriegt, der hier vorbeifuhr.«
»Vielleicht sind sie ja hinter Emil her und haben sich die Regenrinne runtergehangelt, während wir vom Abwasch abgelenkt waren. Nicht wahr, Chief?«, sagte Ron. »So wie in diesen britischen Krimis auf PBS.«
Russ überging diese Bemerkung und sah weiterhin zu Obrowski. »Irgendein Gast, der nicht erschienen ist? Oder haben Sie irgendwelchen Händlern und Vertretern davon erzählt, irgendwelchen Lieferanten?«
»Nein. Nicht nötig. Ron kann aus allem, was gerade zur Hand ist, eine Fünf-Sterne-Mahlzeit zaubern.« Stephen Obrowski deutete auf den Küchenchef, der sich verneigte. »Natürlich waren auch Paul und unser anderer Gast, Bill Ingraham, eingeladen, aber die mussten beide auf die Bürgerversammlung.«
»Bill Ingraham?«, sagte Clare. »Der Bauunternehmer?«
»Richtig. Er wohnt seit letztem Winter mindestens ein Mal pro Monat bei uns.« Obrowski zeigte auf ein Fenster mit Mittelkreuz, das genau über einem Edelstahlbecken lag und den Ausblick auf die Berge umrahmte. »Das Anwesen der Landrys, wo er arbeitet, beginnt zirka eine Meile westlich von uns. Dieses Haus hier war mal ihr Familiensitz. Die Landrys wurden mit Holz und Grundstücksspekulationen reich. Archibald Landry hat sogar eine eigene Eisenbahnlinie in den Adirondack Park gebaut, um Baumstämme und Feriengäste zu transportieren, aber aus den Anschlussgleisen, die andere legen sollten, ist nie was geworden; deshalb enden die Schienen einfach irgendwo in der Wildnis.« Obrowski nippte an seinem Kaffee. »Dann, im Ersten Weltkrieg, starb ein Sohn von ihm. Und beim großen Börsen-Crash ging das meiste vom Familienvermögen den Bach runter. In den Dreißigern haben sie dieses Grundstück verkauft.«
»Ingraham ist also derjenige, der das neue Hotel baut?«
»Das neue Luxus-Erholungszentrum«, berichtigte Obrowski. »Sehr interessantes Projekt. Es wird viele Leute und viel Geld herbringen. Viel Reiseverkehr, direkt vor unsere Haustür.«
»Und er konnte gestern nicht zu Ihrem Abendessen kommen?«
»Er war auf der Bürgerversammlung, gar keine Frage«, sagte Clare. »Es gab dort ziemlich viel Wirbel um das PCB hier in der Gegend, weil es eventuell aus dem alten Steinbruch auf dem Baugelände kommt. Ingraham stand auf und hat das Projekt in den höchsten Tönen gepriesen, aber er sagte auch, dass er nicht weitermachen würde, falls die Gemeinde eine neue Bodenuntersuchung veranlasst.«
»Alles, nur das nicht! So etwas wäre ja eine Katastrophe. Hoffentlich trommeln die nicht voreilig die Umweltbehörde herbei. Viele Leute verlassen sich darauf, dass es mit dem Erholungszentrum vorwärts geht.«
»Nicht zuletzt diese Landry.« Handler verdrehte die Augen.
»Hör auf mit dem Unsinn. So übel ist die gar nicht.«
»Joan Crawford auf Hormontherapie.«
Russ kicherte, und Clare verkniff sich ein Lächeln. »Und was ist mit seinem Partner?«, fragte sie. »Wohnt der auch hier?«
Handler und Obrowski wechselten einen raschen Blick. »Na ja …«, sagte Obrowski.
»Früher schon«, antwortete Handler, und der andere seufzte.
»Sie hatten hier Ende Mai einen Riesenkrach. Die Art, wo Ron und ich uns immer verkriechen. Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen.«
Clare stellte ihre Tasse hin. »Aber er war gestern Abend auf der Versammlung. Mr. Ingraham hat ihn vorgestellt.«
»Er hat was?« Handler betrachtete sie mit großen Augen.
»Moment. Moment«, lachte Obrowski. »Leicht untersetzter, kräftiger Typ mit ’ner riesigen schwarzen Mähne, so nach hinten gegelt?«
»Ja, genau. John noch-was.«
»Opperman. John Opperman.« Obrowski sah grinsend zu Handler. »Sie meint seinen Geschäftspartner.«
»Ach so. Wir dachten, Sie sprechen von der Schlampenkönigin«, sagte Handler.
»Seiner Freundin?«
»Seinem Freund.«
Russ zuckte zusammen. »Ingraham ist schwul?«
Handler grinste, dass seine scharfen Zähne zum Vorschein kamen. »Wir sind überall. Unheimlich, was?«
»Halt die Klappe, Ron«, sagte Obrowski.
Russ’ Wangen röteten sich unter seiner Sonnenbräune. »Hat Ingraham Emil gekannt?«
»Nein, nicht dass ich wüsste. Er war nie von der kontaktfreudigen Sorte«, sagte Obrowski. »Wenn er bei uns wohnt, dann trifft er sich meistens nur mit Subunternehmern, stiefelt durch die Wälder, tüftelt die Anlage aus und überwacht die bisherigen Baumaßnahmen – Bäume abholzen, Wege planieren, all so was. Opperman, sein Geschäftspartner« – er neigte den Kopf in Clares Richtung – »der erledigt den Papierkram. Er ist jetzt ebenfalls oft hier, aber er wohnt in einem dieser Betonklötze am Northway.«
»Ich sage dir ja, Steve: Wenn wir ein paar miese Ölgemälde aufhängen und alles mit Textilboden auslegen, dann bekommen wir auch solche Kunden.«
»Ron …«
»Wie wär’s mit einem Getränkeautomaten draußen auf dem Gang?«, schlug Clare vor. Handler schien begeistert.
»Okay.« Russ räusperte sich. »Wahrscheinlich wusste also niemand, dass Emil gestern Abend hier sein würde. Wodurch die vorhin besprochene Möglichkeit bleibt.«
Obrowski sah in seine Kaffeetasse. Handlers strahlendes Lächeln wich einem ängstlich-besorgten Gesichtsausdruck.
»Und die wäre?«, fragte Clare. »Was meinen Sie?«
»Als wir Emil gestern Abend nach draußen begleitet haben, fuhr jemand vorbei.« Stephen Obrowskis freundliche Stimme nahm einen harten Ton an. »Ein Pick-up mit einer Bande Halbstarker, die lauter schwulenfeindlichen Mist gebrüllt haben. Sie waren schon ein paar Mal hier, aber bisher sind höchstens ein paar Bierdosen auf den Rasen geflogen.«
»Und diese Bande fuhr auf der Route 21 weiter Richtung Osten?«, fragte Russ.
»Wir sagten Emil, er sollte noch warten. Ich machte mir Sorgen, weil er die gleiche Strecke hatte wie dieser Pick-up.« Obrowski schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, weiß Gott, ich hätte nicht nachgegeben. Wenn wir die Ankunft der Polizei abgewartet hätten, dann würden wir jetzt nicht dieses Gespräch führen.«
Clare sah zu Russ.
»Sie haben den Vorfall direkt danach gemeldet«, sagte er. »Ein Mann von uns war oben in Cossayuharie und sah dann hier nach dem Rechten. Auf dem Rückweg in die Stadt entdeckte er Emils Wagen.«
»Glauben Sie, es war ein Hassdelikt?« Clare stellte ihre Tasse hin. »Dass jemand ihn halb tot geprügelt hat, weil Emil schwul ist?«
»Es wäre nicht das erste Mal, dass so etwas geschieht«, sagte Handler.
»Vielleicht wussten die Typen ja auch gar nicht, dass Emil schwul ist«, sagte Obrowski, an seinen Partner gewandt. »Vielleicht wurde er überfallen, weil er aus unserem Hotel kam. Hast du dir das schon mal überlegt?«
Russ hob seine Hände. »Hüten wir uns vor allzu wilden Spekulationen. Wir – und damit meine ich Polizei und Geschäftsinhaber der Gemeinde – sollten keine Gerüchte über eine Bande von Rowdys in die Welt setzen, die es auf schwule Unternehmer abgesehen haben. Und ich möchte auch nicht behaupten, bei der Sache gehe es auf jeden Fall um so genanntes Schwulenklatschen.«
Ron Handler schien hellauf empört. »Sollen wir etwa die Augen vor der Tatsache verschließen, dass wir getötet werden könnten, weil wir so sind, wie wir sind? Dass sich unsere Freunde und Gäste möglicherweise in Gefahr befinden? Das ist –«
»Das habe ich nicht gesagt.« Russ nahm seine Brille ab und putzte sie an seiner Hemdbrust, wobei das Stahlgestell gegen die Polizeimarke klickte. »Wenn man etwas als Hassdelikt bezeichnet, dann wird es dadurch regelrecht geadelt. Überfall und Vandalismus klingen dann wie ein politisches Statement, und politische Statements rufen nun mal Nachahmer auf den Plan. Ich habe das selbst schon erlebt. Da bringt die Presse es riesig raus, dass jemand ein Hakenkreuz in eine Unterführung geschmiert hat, und schon macht jedes geltungssüchtige Arschloch, das nur eine Dose Sprühfarbe besitzt, es nach. ’tschuldigen Sie den Kraftausdruck.«
»Aber was Emil passiert ist, steht doch auf einem ganz anderen Blatt«, wandte Clare ein. »Hakenkreuze zu sprühen ist sicherlich eine Schande, aber Hackfleisch aus jemandem machen, ist wesentlich schlimmer.«
»Bislang sind unsere einzigen Anhaltspunkte rote Lackrückstände an Emils Wagen und die Tatsache, dass etwa eine halbe Stunde vor dem Überfall dieser Pick-up hier vorbeifuhr. Wir können die Angelegenheit nicht so mir nichts, dir nichts als Hassdelikt abstempeln.«
»Sie sollen ja auch nicht felsenfest behaupten, was Emil passiert ist, sei ein Hassdelikt«, sagte Clare. »Aber wir müssen die Gemeinde vor einer Wiederholung warnen. Wir müssen sie davor warnen, dass möglicherweise noch mehr Homosexuelle überfallen werden könnten. Und wenn die Leute erst wissen, dass ihre Freunde und Nachbarn gegebenenfalls in Gefahr sind, stehen die Chancen viel besser, dass Nachahmer von vornherein abgeschreckt werden.«
»Sie haben wirklich ein erhebendes Menschenbild, Clare, aber machen wir uns nichts vor: Wenn sich herumspricht, dass jemand in Millers Kill vielleicht Jagd auf Homosexuelle macht, dann wird höchstwahrscheinlich alle Welt von den potentiellen Opfern abgeschreckt. Lassen Sie die Polizei in Ruhe ihre Arbeit tun, und ich verspreche Ihnen: Wir werden diese Mistkerle schnappen.«
»Der Chief hat Recht«, meinte Obrowski. »Schlechte Publicity, selbst zu einem guten Zweck, kann tödlich für ein Geschäft sein, besonders wenn es von Mundpropaganda lebt wie unseres.«
»Das heißt, wir verkriechen uns wieder in unser Mauseloch und warten, dass die große starke Polizei uns rettet? Bis zum nächsten Mal?« Handler machte eine verzweifelte Geste und sah zu Clare.
