Die Rügen-Revolte - Thomas Schwandt - E-Book

Die Rügen-Revolte E-Book

Thomas Schwandt

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Beschreibung

Der deutsch-amerikanische Geologe Hauke Bendrix stößt bei getarnten Bohrungen auf Deutschlands größter Insel Rügen auf ein gigantisches Erdölreservoir. Die Entdeckung verändert alles. Bendrix, in Diensten des US-Konzerns Mexley Oil, verheimlicht die Quelle, will auf eigene Faust reich werden. Vom Ölfund erfährt zufällig der Rüganer Bundestagsabgeordnete Bernhard Großfeld. Unzufrieden im Berliner Politikbetrieb versteigt er sich zu dem verwegenen Plan, zum „Regenten von Rügen“ aufzusteigen. Per Referendum will er die Insel abspalten und Schweden angliedern. Das Königreich herrschte schon einmal 200 Jahre über die Insel. Die Skandinavier lockt das Öl. Doch die „Rügen-Revolte“ läuft nicht ohne Mexley Oil.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Thomas Schwandt

Die Rügen-Revolte

T·H·R·I·L·L·E·R

swb media publishing

Die Geschichte des Erdöls ist nicht zu Ende

Kapitel 1

Das schwarzbraune Öl kroch über den schmutzig-weißen Kreideboden auf seine Arbeitsschuhe zu. Wie eine sich raumgreifend ausbreitende Blutlache auf heller Keramik. Unaufhaltsam und nicht versickernd. Hauke Bendrix rührte sich keinen Zentimeter. Das Öl begann, die Schuhsohlen zu umzingeln. In Sekundenbruchteilen entrückte die ölverschmierte Szenerie, explodierten die Gedanken. Die Lache und der feine, finstere Regen verschwammen zu einem euphorisierenden glutrot-orangenen Himmel, vor dem sich bedächtig arbeitende Ölförderpumpen abzeichneten. Sie ähnelten wippenden Pferdeköpfen. Das Bild symbolisierte den amerikanischen Traum von unermesslichem Reichtum, von sprudelnden Petrodollars. Er spürte die nieseligen Tröpfchen nicht, die sich aus der dunklen Fontäne lösten und Stirn und Wangen trafen. Bis hoch in die Spitze des Bohrzeltes schoss das Erdöl aus dem Boden.

„Das sieht aus wie Erdöl.“

Die erstaunt, ahnungslose Bemerkung von Theobald, dem Belgier, einem seiner zwei studentischen Helfer, riss Bendrix weg von den Pferdeköpfen, verhinderte ein diabolisches Freudengeheul, einen pitschenden Hüpftanz in der größer werden Ölpfütze. Der erfahrene Erkundungsingenieur antwortete nicht. Er dachte nicht mehr darüber nach, was er sah. Unzählige Male hatte er das gesehen, unzählige Male in dieser Situation sofort das Bohrgestänge getrennt und nach dem Eruptionskreuz geschrien. Der Christmas Tree, wie es die Amerikaner nannten. Die Assoziation an einen Weihnachtsbaum schien ihm weit hergeholt, aber bei ein wenig abstrakter Phantasie auch nicht abwegig. Das Konstrukt, bestehend aus einen mittelstarken vertikalen Rohr, von dem Stutzen abgingen und das mit verschiedenen Druckmessern und Bediengeräten behangen war, diente dazu, das Bohrloch zu verschließen. Ein eigentümlicher, zentnerschwerer Absperrhahn, der das druckvoll aus dem Erdinneren entweichende Rohöl bändigte.

„Das Eruptionskreuz, schnell, schnell!“

Bendrix weckte mit einer rudernden Handbewegung Theobald und Janusz, den polnischen Studenten, aus ihrer staunenden Starre. Sie hakten das kreuzähnliche Rohr an einen Flaschenzug. Dieser war an dem Stahlgerüst angebracht, welches das Bohrgestänge kurz zuvor in der Vertikalen hielt. Bendrix packte das Kreuz, zog es zu sich heran. Mit zugekniffenen Augen und das Gesicht von der Ölfontäne abgewandt, bugsierte er den Flansch am unteren Ende über das Bohrloch.

„Die Bolzen und den Schrauber, steht nicht herum“, trieb Bendrix zur Eile. In der Stimme lag jetzt etwas Blaffendes. Der Verschluss musste sehr rasch erfolgen, um nicht ringsherum alles im Öl ersaufen zu lassen. Routiniert gelang es dem 52-jährigen Geologen, die fingerdicken Bolzen in den zwölf Löchern im Flansch zu fixieren und festzuziehen. Kurz darauf war das Getöse des austretenden Erdöls erstorben und einen Augenblick war es mucksmäuschenstill. Ein flüchtiger Geruch von Schwefel erfüllte das Zelt. Der Christmas Tree thronte fest über der unterirdischen Erdöl-Säule. Er hatte etwas von einem kunstvoll verunstalteten Hydranten.

„Jungs, da hat euer Master mal wieder den richtigen Riecher gehabt. Bei Tiefenbohrungen macht es sich immer gut, ein Eruptionskreuz griffbereit zu haben. Man kann nie exakt vorbestimmen, was einem da unten erwartet.“

Bendrix wischte sich mit einem Putzlappen die öligen Hände sauber und die größten spürbaren Spritzer aus dem Gesicht. Er grinste Theobald und Janusz an, seine hellen Augen und Zähne leuchteten in der Ölmaske.

„Schaut euch mal an, ihr seht nicht aus, als wäret ihr auf der Suche nach Kreide gewesen.“ Die beiden Studenten blickten verdutzt an sich herab und dann einander an. Sie lachten laut los und deuteten jeweils mit dem Zeigefinger auf den anderen. Ihre Heiterkeit vertrieb den Schrecken, der ihnen in die Knochen gefahren war. Die Exploration von Erdöl kannten sie nur aus Lehrbüchern und Videoanimationen. Jetzt klebte das schwarze Gold an ihren blauen Overalls.

„Master“, Bendrix hatte die Studenten vergattert, ihn so anzusprechen, er vermied förmliche Anreden im Umgang mit jungen Leuten, „was passiert jetzt, muss das dem Bergbauamt gemeldet werden?“

Theobald fand als erster zurück in die Spur. Ein gedrungener, dicklicher Mittzwanziger, der oberhalb seiner hohen Stirn bereits mit Haarausfall kämpfte. Er stammte aus dem flandrischen Hasselt und studierte Chemie in Antwerpen. Die Stadt der Diamanten, ein Großteil des Welthandels mit den glitzernden Steinen konzentrierte sich seit jeher auf diesem Marktplatz an der Nordsee, hatte ihn für das Fach vereinnahmt. Bendrix amüsierte die naive und behördenbotmäßige Folgerung. Er zeigte es Theobald nicht.

„Erstmal ist der Deckel drauf, ein weiterer Austritt des Öls ausgeschlossen.“

Bendrix spielte den sensationellen Fund herunter, faltete ihn zur gewöhnlichen Protokollnotiz. „Hier in der Gegend sind Geologen in der Vergangenheit hin und wieder auf Erdöl gestoßen. Das erste Mal vor etwa einem halben Jahrhundert. Auf dem Festland bei Grimmen und auf der Insel Usedom wurde sogar gefördert. Das Öl war von guter Qualität.“

Janusz kniete sich nieder. Der schlanke Pole, eine zu groß geratene Nase gab seinem hageren Gesicht einen habichtartigen Ausdruck, kannte sich mit Steinkohle aus. Sein Vater arbeitete in einer Grube im schlesischen Kohlenrevier. Janusz’ Weg führte an die geowissenschaftliche Fakultät der Universität Kraków. Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zog er durch die Öllache und kreiste dann mit dem Daumen auf den öligen Fingerkuppen. Es fühlte sich geschmeidig an, wie eine Körperlotion.

„Was sagt der angehende Geologe, gutes Zeug?“ Bendrix schaute gespannt zu Janusz herunter, der den Kopf hob.

„Es ist nicht so zähflüssig, wie es aussieht, und riecht auch nicht allzu sehr nach Schwefel. Ich würde sagen, es ist eines der besseren Sorten.“

„Hey Theobald, hast du das vernommen, unser Kohleexperte kennt sich auch mit Erdöl aus.“ Der anerkennende Unterton beglückte Janusz. Theobald strich jetzt ebenfalls mit zwei Fingern durch das Rohöl. Mit einem Nicken bestätigte er den Befund des Studentenkollegen. „Okay, Ende der kurzen Erdöl-Lehrstunde. Ich werde dafür bezahlt, Kreide zu erkunden.“ Bendrix senkte unvermittelt die Stimme. „Für heute ist es aber genug. Ihr habt samstagabends bestimmt Besseres vor.“

Janusz und Theobald zwinkerten sich zu. Sie hatten ausgemacht, nach Binz zu fahren. Das noble Ostseebad auf der Ostseite der Insel Rügen lag nur 15 Autominuten entfernt von Klementelvitz, wo sie in der Kreide-Fabrik „Dreikronen“ ein dreiwöchiges Praktikum absolvierten. Sie hatten sich in der ersten Woche schnell angefreundet und gingen fast jeden Tag gemeinsam auf Inseltour. In Binz herrschte Ende August Hochsaison. Urlauber aus ganz Deutschland tummelten sich am Strand und abends in den zahlreichen Kneipen und Restaurants. Janusz und Theobald hofften auf nette Disco-Bekanntschaften.

Vor dem Bohrzelt schaute Hauke Bendrix den beiden in ihren Blaumännern eine Weile hinterher. Sie stapften auf dem hellen Boden durch den Kreidetagebau. Gut eineinhalb Kilometer Weg hatten sie vor sich, bis sie das Werkgelände erreichten. In der kräftigen späten Augustsonne durchquerten sie die Sohle des weiten Tagebaus wie zwei versprengte Archäologen in der Wüste. Menschenleere umgab sie. Die Förderschicht hatte sich an diesem Sonnabend bereits ins Wochenende verabschiedet. Die mächtigen Arme der Schaufelbagger standen regungslos, ebenso die Bandanlage, auf der die frisch gebrochene Kreide ins Werk transportiert wurde.

Bendrix wendete sich dem Zelt zu und stieg hinein. Letzte Öltropfen rannen von der stabilen Plane auf den Kreideboden, hinterließen auf dem synthetischen Textil bräunliche Fließspuren. Die Rinnsale auf dem festen Grund vereinigten sich einen halben Meter neben dem Eruptionskreuz zu einer beachtlichen Pfütze. Eine flache Mulde bildete das Auffangbecken. Bendrix’ rechte Hand glitt durch den kleinen Ölsee. Er spürte die Qualität. Janusz lag richtig, sie füllte sich hervorragend an. Die Studenten hatte er angewiesen, die überraschende Entdeckung des Öls nicht nach außen zu tragen. Es müssten zunächst genauere Daten gesammelt und ausgewertet und möglicherweise weitere Probebohrungen niedergebracht werden. Rohöl auf Deutschlands größter Urlaubsinsel, da könnte jedes kleine Gerücht, jede ungefähre Information, jedes falsche Detail eine unkalkulierbare öffentliche Debatte, einen gewaltigen Mediensturm entfachen. Über die Insel Rügen, der deutschen Ostseeküste vorgelagert, wachten Umwelt- und Naturschützer mit Argusaugen. Weite Teile waren vor 25 Jahren zu Nationalparks deklariert worden. Wald wurde wieder zu Urwald, zu unberührter Natur, die ihrem Selbstlauf überlassen wurde. Wie vor Jahrmillionen, als sich die Insel aus gigantischen Kalkablagerungen aus dem Meer herausgehoben hatte. Das Eiland zierte im nordöstlichen Teil eine majestätische Kreideküste. Der Königsstuhl, ein 118 Meter aufragender Kreidefels, zählte zu den bekanntesten und meistfrequentierten Touristikzielen in Norddeutschland. Erdöl mutierte in besonders sensiblen Regionen überall in der Welt zum Schreckenswort, seit die mächtigen Ölkonzerne auf der Suche nach neuen Lagerstätten letzte Tabus brachen. Sie bohrten in den Regenwäldern Südamerikas und in den arktischen Gewässern. Die dramatischen Folgen unkontrollierter Ölausbrüche konnten nirgends ausgeschlossen werden. Das Schwarzbuch der weltweiten Erdölförderung, die Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA erstmals industrielle Dimensionen annahm, quoll über von Katastrophen teils apokalyptischen Ausmaßes. Alaska, Golf von Mexico, Sibirien, Persischer Golf. Janusz und Theobald wussten von den unglückseligen Orten, von denen Master Bendrix sprach. Es bedurfte keiner eindringlichen Worte, ihnen Schweigen aufzuerlegen. Bendrix war sich sicher, sie würden sich daran halten.

Der erfahrene Geologe erkundete seit Jahresbeginn für „Dreikronen“ tiefere Erdschichten nach Kreide. Der gegenwärtig ausgebeutete Tagebau konnte nicht unbegrenzt ausgedehnt werden und würde sich absehbar erschöpfen. Alternativ erwog die Firmenleitung, die von der Industrie begehrte Kreide aus tieferen Schichten ans Tageslicht zu holen. So sie denn reichlich vorhanden war. Die ersten Probebohrungen im „Dreikronen“-Areal deuteten auf Ablagerungen, die einen wirtschaftlichen Abbau rechtfertigen könnten. Geschäftsführer Michael Neudorf bestärkte das in seinen strategischen Plänen, den Kreideabbau in Klementelvitz langfristig zu sichern.

Im Dezember des Jahres zuvor stand Hauke Bendrix zum ersten Mal im Büro des Geschäftsführers. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, hielt er, unbemerkt von seinem Gegenüber, unversehens inne. An einem klobigen Schreibtisch aus hellem vergilbten Holz, der augenscheinlich seit den Anfängen der Kreide-Fabrik nicht vom Fleck gekommen war und vermutlich an der Unterkante noch immer den Inventar-Aufkleber mit dem Vermerk „Volkseigentum“ trug, saß Neo. Der Name Michael Neudorf hatte ihn schon bei der Bewerbung stutzig gemacht. Von der Tür aus erkannte er Neudorf sofort, den Studienkollegen, den sie damals an der Freiberger Bergakademie alle nur Neo nannten. Zusammen ackerten sie sich durch das anspruchsvolle Geologie-Studium. Neo, ein Jahr jünger als er, hatte sich seinen jungenhaften Charme bewahrt. Das schmale Oberlippenbärtchen im weichen Gesicht blinzelte ergraut wie auch das noch füllige, akkurat gestutzte Haar. Ein natürlicher Wirbel am Haaransatz auf der linken Stirnseite erübrigte einen Scheitel. Die sanften blauen Augen blickten Vertrauen einflößend wie eh und je. Sie und das Bärtchen waren Neos Markenzeichen. Hauke verglich ihn früher mit einem Galan aus dem 19. Jahrhundert, dem die Frauen zu Füßen lagen. Er hätte Guy de Maupassants literarischem Sittengemälde „Bel-Ami“ entstiegen sein können.

Michael Neudorf zeigte sich nicht erstaunt, er erwartete ihn, Hauke Bendrix. So viele Geologen mit diesem eigenwilligen Namen liefen nicht herum auf Erden. In der Vita erkannte er den Mitstreiter aus der Zeit an der Bergakademie sofort. Nur trug Hauke das dunkle Haar nicht mehr vorn kurz und hinten lang. In dem jetzt komplett kurz gehaltenen Schopf nisteten die ersten grauen Strähnen. Die rahmenlose, modische Brille veränderte das vertraute Antlitz nicht. Neo stand auf und ging ihm entgegen. Die Männer ähnelten sich in der Statue. Mittelgroß und von kräftigem Oberkörper. Die Begrüßung mit zupackendem Händedruck verstärkten sie mit der Linken, die an den rechten Oberarm des anderen griff. Einen Moment hielten sie sich fest, blickten sich in die Augen, vergewisserten sich einander.

„Mensch, Hauke.“

„Mensch, Neo.“

Die drei Jahrzehnte, die sie sich seit dem Ende des Studiums nicht mehr gesehen hatten, verflüchtigten sich in der Sekunde. Im Festhalten durchströmte sie diese seltene Vertrautheit, die sich auf gemeinsam Erlebtes und gefühlter Sympathie gründete. Sie setzten sich in die zwei schmalen Clubsessel, die zusammen mit einem kleinen Tisch eingequetscht in der nicht zugestellten Büroecke kauerten. Dem schwarzen Leder auf den Sitzflächen und Lehnen war der Glanz abhandengekommen. Hauke rätselte, ob Neo den Makel übersehen oder ob das Betriebsergebnis nicht für neue Sitzmöbel hinreichte. Das Vorstellungsgespräch widmeten die Studienfreunde in einen ausführlichen Weißt-du-noch-Plausch um, der sich über mehrere Tassen Kaffee erstreckte.

Mit seinem weißen Saab-SUV passierte Bendrix das Haupttor der Kreidefabrik. Der Wachmann des privaten Betriebsschutzes schaute überrascht, weil der SUV des Chefgeologen erst am späten Samstagnachmittag vom Hof rollte. Er grüßte freundlich hinter der vom feinen Kreidestaub stets und ständig vergilbten Scheibe seines Verschlages. Das Automatik-Getriebe wählte ein kräftiges Drehmoment, um den schwerfällig wirkenden Wagen zügig auf dem kurvigen Anstieg zur B 96 fortzubewegen. Den Saab hatte Bendrix zufällig auf der Freifläche eines Gebrauchtwagenhändlers im 20 Kilometer entfernten Inselzentrum Bergen auf Rügen entdeckt. Das Modell fuhr er zuletzt in den USA. Auf den hiesigen Straßen war es selten anzutreffen, versicherte ihm der Händler. Der SUV wäre kurz vor der Pleite des schwedischen Autobauers in geringer Stückzahl in den USA produziert und dort auf den Markt gebracht worden. Wenige Exemplare fanden den Weg nach Europa. Er hätte den Saab von einem Händler in Bayern an die Küste geholt. Bendrix zögerte nicht, zumal der Wagen allradgetrieben war. Ein unschätzbarer Vorzug auf dem streckenweise sehr hügeligen Eiland. An der Kreuzung zur Bundestraße bog Bendrix in Richtung Sassnitz ab. Nach knapp 150 Metern und einer schwer einsehbaren Linkskurve eröffnete sich ein weiter Blick über das Land. Nur für Sekunden, dann zog es ihn hinunter und gleich wieder hinauf. Das nicht sehr breit bemessene Asphaltband zwischen Klementelvitz und Sassnitz glich einem Achterbahn-Parcours. Die Sonne stand noch hoch genug, um den Himmel in schönstem Jeansblau erstrahlen zu lassen. Fiel später die Sonne im Westen hinter die Hügel, kroch dunkler Schatten in das an diesem Tag glatte Wasser der Ostsee. Südlich konnte Hauke die weißen Häuser der fernen Binzer Strandpromenade erkennen. Aus dem dichten Wald im weiteren Küstenverlauf ragte der breite Turm des Jagdschlosses Granitz heraus. Er war gegen den wolkenlosen Himmel gut auszumachen. Hauke sog das malerische Panorama gierig in sich auf. In der nächsten Senke verschwand es schnell. Lastete an anderen Tagen trüber Nebel auf dem Meer, beschleunigte er zumeist die Fahrt. Er mochte diese Szenerie nicht. Als wäre jemand mit einem feuchten Schwamm über die Bucht gefahren und hätte alle Farben zu einem undurchdringlichen grauen Brei verwischt.

Er dachte an das Öl. In einem Gedankenflash überzog ein schwarzbrauner Schleier die Kreideküste Rügens. Bendrix stieg in die Bremse, fast hätte er das Ortseingangsschild von Sassnitz in hohem Tempo überfahren. Der Schleier zerriss. Sollte er bis Montagmorgen damit warten, Neo von dem Ölfund zu berichten? Es eilte nicht, nichts würde am Wochenende passieren. Außer ihm wussten nur Janusz und Theobald davon. Die aber waren in Binz längst auf der Jagd nach schönen Altersgenossinnen, testosterongesteuert und keinen Gedanken mehr an Erdöl verschwendend. Bendrix atmete schwer und steuerte den Wagen ungewohnt hektisch. Schließlich tippte er auf die Phone-Taste am Lenkrad und wählte die Nummer von Michael Neudorf.

„Michael Neudorf“, tönte es aus den Lautsprechern. Und nach einer kurzen Pause: „Ja, Hauke, was gibt es denn?“

„Hi Neo, störe ich?“

„Nein, der Grill ist noch nicht heiß.“

„Können wir uns morgen treffen? Es gibt dringend etwas zu besprechen.“

„Das hat nicht Zeit bis Montag?“, fragte Neo und wusste im nächsten Moment, diese Frage war überflüssig. „Was ist denn so dringend?“

„Es ist auf jeden Fall nichts fürs Telefon. Wie wäre es, wenn wir uns morgen zum Fischessen im ,Gastmahl des Meeres‘ in Sassnitz treffen, 18 Uhr?“

Haukes entschiedener Tonfall signalisierte Neo, jedes weitere Nachfragen wäre zwecklos. Er akzeptierte es. Hauke hatte sich nicht verändert. Er gab zu gern vor, wo es langging. Neo wollte sich die Wochenendstimmung erhalten. Der Grill wartete.

„Ja gut, das passt.“ Seine Neugierde überspielte er mit einem schelmischen Wink. „Nur, dass du es schon weißt, eine Gehaltserhöhung ist nicht drin.“

„Es wird schlimmer.“

Kapitel 2

Ein Jahr zuvor in Austin, Texas. Der dunkelhäutige Concierge, dessen gekräuseltes Afrohaar ergraut war und sich auf dem schwarzen Schädel wie eine verschneite Landschaft ausnahm, reichte ihm einen Brief über den Tresen. Einen Brief! Hauke Bendrix konnte sich nicht erinnern, wann ihm zuletzt diese überholte Art von Kommunikation zuteil geworden war. Er wischte sich am Handtuch, das er sich nach dem Besuch des Fitness-Centers im Appartement-Haus um den Hals geworfen hatte, intuitiv die Hände trocken. Den Brief nahm er entgegen, als handele es sich um eine kostbare Antiquität. Seine Adresse war korrekt vermerkt. Ein Absender fehlte auf dem gelbbraunen A3-Umschlag. Vorsichtig wendete er den Brief um. Nichts. Die akkurate Schrift des anonymen Schreibers auf der Vorderseite brachte er mit niemandem in Verbindung. Aber dieser Niemand kannte seine Anschrift. Seit gut eineinhalb Jahren bewohnte er mit seiner Lebensgefährtin Sheila ein Drei-Zimmer-Appartement in der Brazos Street, Ecke 3rd Street. In der siebten Etage blickten sie direkt auf Downtown von Austin. Ein Häusermeer, aus dem sterile Glas- und Betontürme herausragten. Sie waren willkürlich in die Höhe getrieben worden und fügten sich zu einer für US-amerikanische Großstädte markanten Manhattan-Silhouette. Mit einem beiläufigen Handzeichen bedankte sich Hauke beim alten Concierge, der lächelnd seine schneeweißen Zähne blitzen ließ. Bendrix trottete mehr, als dass er schritt, zu den Fahrstühlen. Er starrte unentwegt auf den Brief, den er in beiden Händen vor sich hertrug. Einen ersten Hinweis auf die Herkunft entzifferte er mühsam aus dem Poststempel, dessen bleicher Abdruck sich kaum von dem gelbbraunen Papier abhob. Germany.

Vor der messingfarbenen Fahrstuhltür, die von rötlichem Marmor umrandet war, drückte er den Nach-oben-Signalknopf. Gedankenverloren bestieg er den Lift. Natürlich war es im Zeitalter von Big Data keine Hürde, die Wohnanschrift eines Menschen herauszufinden. Nach all den maßlosen Ausspäh-Affären der letzten Jahre verfing bei Bendrix nicht mehr die Illusion, es gäbe jemals wieder nur einen Zipfel geschützter Privatsphäre. Die unermesslich und ungehemmt wachsende globale Datensammlung degradierte alle gesetzliche Telekommunikations-Geheimnishüterei ad absurdum. Der absenderlose Brief aus Deutschland indes beunruhigte ihn in einer verschüttet geglaubten Art und Weise. Das Bedrohliche des Umschlags erwuchs aus seiner Funktion, den Inhalt verschlossen zu halten. Der rätselnde Empfänger irrte im Universum der Ahnungslosigkeit. Germany. Der einzige Fixpunkt beantwortete nicht die quälende Frage, welche Nachricht, welche Botschaft, welchen Segen oder Fluch das geschlossene Kuvert verbarg. Der Lift stoppte in der 7. Etage.

Bendrix beschleunigte jetzt den Gang. Das Appartement 7001 mit goldbeschriftetem Holznummernschild lag am Ende des breiten Flurs im Westflügel des exklusiven Wohnhauses inmitten von Austin. Hiebartig zog er die Schlüsselchipkarte durch das elektronische Schloss. Im Flur, der sich in das gestreckte Wohnzimmer öffnete, strahlten alle Deckenleuchten. Draußen hatte die texanische Sonne bereits die morgendliche Röte abgestreift und in gleißendes Weiß gewechselt. Sheila hantierte noch immer im Bad. An einem anderen Tag hätte es Hauke geärgert, auch wenn er diesen belanglosen Groll niemals gegenüber Sheila herauskehren würde. Er liebte es einfach, nach der schweißtreibenden Fitness-Stunde sogleich unter die Dusche springen zu können. Sheila indes duldete niemanden im Bad, wenn sie mit sich und ihren langen schwarzen Haaren beschäftigt war.

Ihre ungewöhnliche Schönheit verzückte Hauke täglich neu. Diese ließ sich in kein Beauty-Raster einordnen, was daran lag, dass sich in die schottisch-stämmigen Gene von Sheila McAllen zwei Generationen zuvor die Erbmasse ihrer mexikanischen Großmutter Isolda gemischt hatte. Vor sechs Jahren trafen sich ihre Blicke zum ersten Mal. Im Foyer von Mexley Oil. Hauke arbeitete seit gut zwei Jahrzehnten für den zweitgrößten Ölkonzern im US-Bundesstaat Texas als Erkundungsingenieur. Er stürzte aus dem Fahrstuhl, kaum dass sich die Schiebetür geöffnet hatte. Nach drei, vier Schritten rannte er Sheila um. Er reagierte blitzschnell, verhinderte, dass sie auf dem Hochglanz-Marmorboden hinschlug. In seinen Armen schaute sie ihn erschrocken mit aufgerissenen Augen an. Für den Moment eines Wimpernaufschlags. Dann kehrten die braunen Augen in den natürlichen freundlichen Ausdruck zurück. Sie lächelten sanft.

Sheila konnte auch Jahre später, wenn sie sich gemeinsam des schicksalhaften Tages erinnerten und die Szene vor dem Fahrstuhl frisch ausmalten, nicht exakt deuten, ob sie dieses kernige, verwegene Gesicht mit den graublauen wachen Augen zu einem verlockenden Blick animierte hatte. Hauke verstand den Wink des Himmels sofort. Er half Sheila auf die Beine. Sie war mittelgroß, nur wenig kleiner als er. Der bräunliche Teint verlieh ihrem zartkantigen Gesicht ungewollt eine Künstlichkeit. Es passte nicht in die Gegend. Die farbigen Damen in Austin mit mexikanischem Einschlag besaßen die weichen, rundlichen Züge ihrer indigenen Herkunft. Sheila verdankte der Erblinie neben der dunkleren Haut vor allem ihr tiefschwarzes festes Haar, das bis über die Schultern reichte. Hauke spürte die erste Berührung mit dem Haar auf dem Unterarm noch heute. Er packte zu, lud die damals 36-Jährige zu einem Kaffee ein in die kleine Donut-Bar gegenüber der Mexley-Zentrale. Sie nahmen sich die halbe Stunde. Auf Hauke wartete erst am Nachmittag ein nächster Termin und Sheila war frühzeitig im Mexley-Tower eingetroffen, so dass das geplante Arbeitsgespräch mit der Personalchefin der Ölfirma keinen Grund bot, Haukes Einladung abzuschlagen. Die Managerin einer kleinen Werbeagentur in der Stadt verhandelte über eine Print-Werbekampagne, mit der Mexley Oil in den gesamten Vereinigten Staaten geeignete Arbeitskräfte mit Goldgräber-Mentalität nach Texas in die Ölförderung locken wollte. Die Entdeckung eines gigantischen Ölfeldes in der Nähe des verträumten Städtchens Gonzales, etwa eine Autostunde entfernt südöstlich von Austin, hatte den Bedarf an Arbeitskräften in der Region explosionsartig ansteigen lassen. Die neuartige Fördermethode des Frackings, bei der ein Flüssigkeitsgemisch aus Wasser und chemischen Zusatzstoffen bis zu 3000 Meter tief in die Schiefergesteinsschichten der Erde gepumpt und das Erdöl aus kleinsten Winkeln und Hohlräumen im Gestein herausgepresst wurde, ermöglichte eine Ausbeute von geschätzten 700 Millionen Barrel Öl in der Region.

Der bei Ausbruch des Ölbooms auf dem Weltmarkt etablierte Ölpreis von mehr als 100 US-Dollar befeuerte die Fracking-Industrie. Jede Notierung jenseits der 60-Dollar-Marke warf Profit ab. Nach zwei Jahren lag der regionale Arbeitsmarkt ausgetrocknet danieder. Sheilas Werbeslogan „You are the power, we need“ über dem ölverschmierten und gut gelaunten Konterfei eines Erdölarbeiters, das im Postkartenlicht der aufgehenden Sonne in Texas glänzte, überzeugte die Managerriege von Mexley Oil sofort. Die glotzenden Bosse, sämtlich männlicher Natur und Abbild des unternehmerischen Pioniergeistes made in USA, strahlten wie der sympathische Erdölarbeiter in der Werbung.

Hauke warf Handtuch und Brief auf den Tresen der offenen Küchenzeile. Er riss die große Kühlschranktür auf und griff sich eine Wasserflasche. Hastig stillte er den brennenden Durst, setzte zwischendurch die Flasche ab, um durchzuatmen. Im Ausschnitt des sich gegenüber befindlichen Balkonfensters sah er die Sonne, die in den Glasfassaden der Bürohochhäuser emporkletterte. Sheila klapperte im Bad, der Fön jaulte in regelmäßigen Abständen auf. Hauke trat vor den Tresen, stellte die Wasserflasche ab und zog energisch den Brief zu sich heran. Rücklings am Tresen lehnend schlitzte er den Umschlag mit dem Obstmesser auf. Es lag stets greifbar in einer Schale mit Äpfeln und Apfelsinen. Er zerrte einen Briefbogen hervor, der hälftig gefaltet war und eine gleichformatige Kopie eines Schriftstückes enthielt. Die rechte Hand zitterte ein wenig, was Hauke dem beim Sport hochgetriebenen Pulsschlag zuschrieb. Verdrängend, dass er seine Aufregung kaum zügeln konnte. Die gedruckten Buchstaben in 12 Punkt Arial fügten sich auf dem weißen Papier formlos zu deutschen Wörtern. Kein Briefkopf, keine Ortsangabe, kein Datum. Linksbündiger Text.

„Hallo Hauke Bendrix,

vor einiger Zeit bin ich in den Besitz von Dokumenten gelangt, die mir viel Geld wert zu sein scheinen und die sich Ihnen unschwer erschließen dürften. Darum schreibe ich Ihnen. Ich muss nicht erklären, dass Ihr früherer Arbeitgeber Erdgas-Erdöl Grimmen bis zum Ende der DDR die Ostseeküste nach Gas und Rohöl abgesucht hat. Sie waren möglicherweise noch nicht lange genug dabei, um wissen zu können, die Kollegen in der Erkundung waren Anfang der 1980er-Jahre sehr fündig geworden. Wie auf der beigefügten Kopie zu erkennen ist, wurde dem Protokoll, das die Entdeckung einer gewaltigen Ölblase unter dem Kreidesockel der Insel Rügen dokumentiert, sofort das Siegel der Verschwiegenheit aufgedrückt …“

Hauke wandte sich der Kopie zu. Ein Dokumentenkopf, den er kannte. Jede Probebohrung hatten sie damals bis ins kleinste Detail in das vorgefasste Formular niederschreiben müssen. Koordinaten, Fundergebnisse, Sedimentanalysen, Materialeinsatz. Es war dieser typische Bürokram, der zumeist bei ihm, dem jüngsten Ingenieur im Erkundungsteam, hängenblieb. Der schräg oben auf das Formblatt aufgestempelte Verweis „VVS – Vertrauliche Verschlusssache“ irritierte ihn. Der musste dem Protokoll später in der Betriebsleitung verpasst worden sein. Was ungewöhnlich war. Die Dokumente aller jemals gesetzten Probebohrungen lagerten im Geologie-Archiv, konnten eingesehen werden. Offenbar nicht alle, wie Hauke 25 Jahre nach seinem Weggang von Erdgas-Erdöl in dieser Sekunde lernte.

„… Kein Wunder, die Adresse einer Goldgrube hängt man nicht draußen an die Glocke. Da ich die Adresse kenne, mehrseitig ausführlich beschrieben im Original, würde ich sie gern in klingende Münze verwandeln. Ich vermute, Ihr aktueller Arbeitgeber Mexley Oil dürfte interessiert sein an der Jahrhundertquelle. Zumal sie nur angezapft werden müsste, um die Petrodollars sprudeln zu lassen. Wenn für mich dabei fünf Millionen Dollar abfallen, wäre der Deal perfekt.“

Der unbekannte Schreiber hinterließ eine Bankverbindung in der Schweiz. Ein Konto der Firma Grimmtatar. Ein nicht besonders kreativer Einfallspinsel, dachte Bendrix. Wenn die fünf Millionen Dollar binnen zwei Monaten überwiesen würden, läge das komplette Rügen-Protokoll eine Woche später in Austin in der Mexley-Zentrale auf dem Tisch. Es wäre ein Geschäft unter Gentlemen, fügte er hinzu. Vertrauliche Verschlusssache gegen Vertrauen.

Hauke streckte die Arme langsam nach unten aus. Die beiden Papierbögen sanken mit hinab. Sein Blick verlor sich durch das längliche Wohnzimmer und das Balkonfenster in der von grellem Morgenlicht gefluteten Downtown. In einer Zahl, die der Anonymus auf der Kopie mit einem hellgrünen Marker umkreist hatte, bündelten sich alle Gedanken. Eine Milliarde Tonnen, das entsprach rund acht Milliarden Barrel. Auf diese gigantische Menge schätzten die DDR-Geologen das Ausbeutungspotenzial des georteten Ölvorkommens unter Rügen. Hauke schaute ein zweites Mal auf die Kopie, vergewisserte sich. Eine Milliarde. Hitze stieg in ihm auf, sein Körper wehrte sich wie bei einer Virenattacke gegen diese enorme Ziffer, die sich tief einbrannte. Im Fracking-Zeitalter hatte er sich im Öl-Eldorado Texas an sehr hohe Förderquoten gewöhnt. Die „Vertrauliche Verschlusssache“ offerierte jedoch einen Fund, der einem kiloschweren Goldklumpen in den Händen eines Goldgräbers gleich kam. Es war der Traum eines jeden Erkundungsingenieurs. Ein gewaltiger unterirdischer Ölsee, den es nur anzuzapfen galt. Kein aufwändiges Herauspressen, keine unabsehbaren Gefahren für die Umwelt, keine Abhängigkeit von einem hohen Ölpreis. Die Kreideinsel Rügen bildete den Verschluss auf dem unberührten Reservoir, der sich relativ einfach öffnen ließe. Hauke trank die Wasserflasche leer.

In diesem Augenblick verstummte im Bad der Fön endgültig. Sheila trat heraus und auf ihn zu. Sie umhüllte ein schneeweißer Bademantel, ihr frisch geordnetes schwarzes Haar schmiegte sich am Rücken glatt an das sanfte Frottee. Dem bestimmten „Hello Hauke“ folgte ein flüchtiger Kuss auf die linke Wange. Sie vermied eine innigere Berührung, sie mochte den erkaltenden Schweiß auf Haukes Haut nicht. Umso mehr Vergnügen bereitete es ihr, in dieser Distanziertheit Haukes Begehrlichkeit zu kitzeln. Sie wendete sich von ihm ab und schritt lasziv auf dem Wohnzimmerlaufsteg. Dabei öffnete sie den Bademantel. Er glitt auf den Boden. Nach den kräftigen Schultern gab er einen makellosen Rücken frei, der in einer formvollendeten Taille mündete. Der feste Po wirkte dadurch größer als er war. Die Backen wippten mit jedem Schritt in aufreizender Pose. An Sheilas langen Beinen konnte sich Hauke festsaugen, spätestens dann übermannte ihn die sexuelle Gier. Diesmal blieben das hastige Klappen der Badezimmertür und der kurze Wasserschwall in der Dusche aus. Sheila drehte sich wenig entfernt vom breiten Fenster um. Die festen spitzen Brüste spreizten auseinander, die schwarze Schambehaarung war frisch rasiert, zu einem kleinen Dreieck. Hauke starrte auf irgendein Papier.

„Hey Hauke“, rief sie ihn an.

„Ja, was?“ Er schien sie unwirklich wahrzunehmen. Sheila näherte sich. Jetzt realisierte er, dass sie nackt war. „Du siehst gut aus“, stammelte er halb entschuldigend. Da hatte sich Sheila bereits nach dem Bademantel gebeugt. Sie warf ihn sich über.

„Was ist los? Hast du Post von der Steuerbehörde, teilen sie dir mit, dass du eine halbe Million Dollar nachzahlen musst?“ Sie griente.

„Nein, es ist …“

Bevor er fortsetzen konnte, fragte sie weiter.

„Lass’ mich raten. Mexley Oil hat dich gefeuert?“

Hauke zog die Augenbrauen zusammen, was redete sie da?

„Wieso sollten sie?“ In der Gegenfrage schwang ein empörter Ton mit.

„Entschuldige, aber du blickst ziemlich konsterniert.“

„Eher perplex. Weißt du, was ich hier in der Hand halte?“

Hauke wedelte mit dem Papier wie ein Strafverteidiger, der im Begriff war, dem Gericht einen prozessentscheidenden Beweis zu präsentieren. Sheila blieb stumm. Ihre Ahnungslosigkeit würde sich mit jeder weiteren Vermutung ins Geradewohl vertiefen und sie unzufrieden machen.

„Irgendjemand, ich kann nicht sagen wer, schickt mir einen glaubhaften Hinweis auf eine Ölquelle in der Ostsee, an der deutschen Küste.“

Hauke drückte sich vom Küchentresen weg und begann das Wohnzimmer zu durchqueren. Er schob sich an Sheila vorbei und redete in den Raum.

„Es ist ein Schriftstück aus der Firma, in der ich bis zum Mauerfall in Ostdeutschland gearbeitet habe. Ich kenne das Formular. Damit dokumentierten wir unsere Erkundungen.“ Am Fenster blieb er stehen und verirrte sich in dem Häuserlabyrinth. Er drückte den Rücken durch, straffte sich, als würde er zu einem Plädoyer anheben.

„Es kursierte in den 1980er-Jahren hartnäckig das Gerücht, unter der Insel Rügen gebe es eine riesige Öllagerstätte. Aber es fand sich nie ein Beweis dafür. Es wurde auch nicht danach gebohrt. Vielleicht fehlte der reale Anhaltspunkt.“

Hauke drehte sich abrupt um. „Aber genau diesen halte ich jetzt in der Hand.“ Er schlug zum Nachdruck seiner Worte mit dem rechten Handrücken zweimal auf das Papier.

„Und das macht dich per …“, Sheila stockte und musterte ihn neugierig.

„Perplex, das meint in Deutschland den Zustand, in dem Erstaunen, Sprachlosigkeit und Gewissheit zusammenstoßen.“

Sheila und Hauke bewegten sich aufeinander zu.

„Es ist nicht nur der Beweis für ein der Wahrheit überführtes Gerücht, die entdeckte Quelle reicht an die Dimension der norwegischen Ölvorkommen in der Nordsee heran. Auf acht Milliarden Barrel haben sie damals die Ergiebigkeit des Rügener Reservoirs geschätzt.“ Hauke betonte den letzten Satz stakkatoartig und fragte Sheila fast provokant: „Ahnst du, was das bedeutet?“

Sie wich einen halben Schritt zurück. Seine ungewohnte verbale Erregung verunsicherte sie, bestätigte ihr aber zugleich den Ausnahmezustand, in den Hauke durch den Brief aus Germany geraten war.

„Du wirst es mir gleich sagen.“

„Der unbekannte Absender fordert fünf Millionen Dollar für die komplette Dokumentation.“

„Wow, der hat Sinn fürs Geschäft.“

„Bei dem, was da rauszuholen ist, nimmt sich die Summe bescheiden aus. Aber sie reicht für ’ne ganze Weile sorgenfreies Leben.“

„Was willst du tun?“, lenkte Sheila auf das Gesprächsende hin. Sie hatten sich an diesem Samstag vorgenommen, auf dem Colorado-River zu paddeln. Gegen Mittag wollten sie an der Anlegestelle sein. Die Uhr rückte bereits auf 10 Uhr zu und sie hatten noch nicht gefrühstückt.

„Ich werde Jason informieren. Mexley Oil dürfte die fünf Millionen Dollar lockermachen, wenn der Chefetage klar wird, was für ein unglaublicher Ölsegen uns zufällt.“

„Du weißt aber gar nicht, ob sich unter der Insel wirklich so viel Öl verbirgt.“

Hauke überraschte Sheilas instinktiver Scharfsinn nicht. Sie war eine clevere Geschäftsfrau, hatte sich in der Werbebranche weit nach vorn gekämpft.

„Eben deswegen benötigen wir die gesamten Unterlagen zu der Probebohrung. Um gezielt nach der Quelle zu suchen.“

„Auf dieser deutschen Insel?“

Sheilas lapidare Bemerkung überhörte Hauke. Soweit wollte er nicht vorausdenken. Auf Rügen zu bohren, das würde erst zu einer Option, wenn sie alle entscheidenden Koordinaten und Bodenanalysen kannten. Unter der Dusche erschien ihm Dagobert Duck. Der quakende Comic-Held aus Kindheitstagen. Die bunten Disney-Hefte waren in der DDR offiziell als verführerisches Machwerk des Kapitalismus verpönt und wurden umso heißer gehandelt. Die geldgierige, Zylinderhut tragende Ente verkörperte das krasse Gegenteil zum gepredigten kollektivistischen Wohlstandsstreben. Der einzige Trilliardär auf dem Planeten trichterte spielerisch unverdächtig den zukünftigen Teilnehmern am großen Monopoly den American Way of Life ein. Bringe es zu Reichtum, sei dein eigener Glücksritter. In den USA hatte der gut bezahlte Job bei Mexley Oil Hauke zu auskömmlichen Lebensumständen verholfen. Aber reich, das war etwas anderes. Geldberge umschaufeln. Er musste schmunzeln. Das heiße Wasser ergoss sich über den Rücken, verursachte wohlige Schauer, durchwärmte die Muskulatur. Die Dagobert Ducks Amerikas scheffelten ihre Dollar-Milliarden im Internet, mit Investments und Immobilien, in der Rüstungsindustrie und in Texas mit Erdöl.

Kapitel 3

Hauke bog aus der Brazos Street links in die Cesar-Chaves-Street ein und fuhr geradewegs auf die Interstate 35 Frontage Road zu, über die er direkt auf die Interstate 35 in Richtung Süden gelangte. Der weiße Saab-SUV trieb in dem morgendlichen Montagsverkehr zäh voran. Bis zur Interstate-Auffahrt erstreckte sich das Geduldsspiel, schaltete das Automatikgetriebe in kurzen Intervallen rauf und runter. Im Autoradio versprühte die Radiostation „Relax Radio Music“ gute Laune. Good morning America. Hauke liebte den Sender, der zum Relaxen zumeist gängige Oldies spielte. Kurz vor der Interstate 35 Frontage Road setzte das Gitarrenintro zu Lynyrd Skynyrds „Sweet Home Alabama“1 ein. Kaum einen anderen Song verband er so sehr mit dem amerikanischen Lebensgefühl grenzenloser Freiheit. Hauke umklammerte fest das Lenkrad, ihm fuhr der legendäre Riff wie Helium in die Knochen. Er hätte abheben können. „Sweet Home Alabama“, die Leichtigkeit des Seins währte vier Minuten und 42 Sekunden. Das Helium blieb eine Illusion. Die 25 Jahre in den Staaten hatten ihm gelehrt, der American Way of Life war vor allem ein beschwerlicher. Ein täglicher hemdsärmeliger Existenzkampf. In ihm lebte die unbändige und unsterbliche Hoffnung, es nach ganz oben zu schaffen. Millionen Dollar auf der Habenseite markierten den einzigen Weg, dem gnadenlosen Überlebensfight zu entkommen. Im amerikanischen Dasein existierten keine Leitplanken, wie auf den meisten Straßen der USA nicht.

Die Interstate 35 Frontage Road verlief bis zur nächsten Ausfahrt mehr als einen Kilometer parallel zur Interstate 35. Das graue Bitumenpflaster wurde auf beiden Seiten von Grasnarben begrenzt. Über einen engen Straßenbypass fädelte Hauke den Saab auf die Interstate 35 ein. Der Highway durchquerte den Bundesstaat Texas auf der Nord-Süd-Achse und teilte Austin in zwei Stadthälften. Der Saab nahm Tempo auf, bis zu den erlaubten 70 Meilen pro Stunde. Die Autobrücke über den Colorado rückte schnell näher. Die beiden aufragenden Gebäude, die rechterhand vor dem Flussufer neuzeitlich errichtet worden waren, bildeten einen geschmacklosen Außenposten von Austin City. Das Holiday-Inn-Hotel besaß den Charme einer modernen Zitadelle in rötlichem und beigem Stein. Aus sinnlich unergründlichem Motiv hatte sich der Architekt für die grässliche Komposition entschieden oder war vom Bauherrn dazu verdonnert worden. Geld ist anfällig für Absurditäten. Querab von der Straße, nicht weit vom Holiday Inn entfernt, trennte ein langgezogener zehngeschossiger Wohnblock die Innenstadt von der Flussebene. Das auffällige Gebäude nahe dem Highway erinnerte Hauke jedes Mal, wenn er sich gen Süden auf den Weg machte, an den einzigartigen monströsen Neubaublock am nördlichen Berliner Stadtrand in Pankow. Wo der Autobahnzubringer A114 in Pankow-Heinersdorf in die deutsche Hauptstadt mündete, war zu DDR-Zeiten ein zehn Stockwerke hoher, endlos langer Plattenbau entstanden. Ausgangs der letzten Kurve, einen Steinwurf von der vierspurigen Fahrbahn. Autofahrer auf der A114 steuerten stadteinwärts direkt auf die hellgrüne Fassade zu. In den obersten Etagen mussten bei guter Sicht Berlin zustrebende Fahrzeuge kilometerweit im Voraus zu orten sein. Das texanische Pendant war eine schlechte Kopie der Ostberliner Bausünde. Für den Augenblick glaubte sich Hauke nicht in den USA. Die Chevron-Tankstelle, die hinter dem Wohnblock auftauchte, holte ihn zurück. Ebenso das quadratische, spitz aufgestellte gelbe Warnschild „Bridge may ice in cold weather“. In Austin sank im Jahresverlauf die Temperatur nie unter plus fünf Grad Celsius. Der Sinn des kuriosen Hinweises erschloss sich wenige Meter auf der Brücke über den Colorado. Sie verfügte über kein sicheres Geländer, lediglich flache graue Betonabweiser. Bei Glatteis dürften diese kaum verhindern, dass ein außer Kontrolle geratenes Auto über die Begrenzung hinaus segelte und im Fluss landete. Im Land der notorischen Absicherung vor Millionenschadensersatzklagen mussten die Bürger auch den dezenten Hinweis auf Eisbildung im südlichen Texas aushalten.

Bis Gonzales lagen gut 66 Meilen Autofahrt vor Hauke. Auf der Interstate 35 beherrschten zu Wochenbeginn schwere Trucks das Bild, die in beiden Richtungen donnerten. Tanklaster, Kühlzüge, Rohrtransporter und unzählige Freightliner, die als fahrendes Lager in Texas die zweitstärkste Wirtschaft innerhalb der USA am Laufen hielten. Nach der Abfahrt auf den Texas Highway 45, der östlich hinüber zum Texas Highway 130 führte, lichtete sich der Verkehr und die Landschaft. Karge Vegetation auf hügellosem Land, soweit das Auge reichte. Hauke war die Monotonie der Strecke nach Gonzales vertraut. Vor drei Jahren eröffnete Mexley Oil in der 7000-Seelen-Gemeinde in der St. Lawrence Street eine Niederlassung. Ein zweistöckiges Gebäude aus Stahl und Glas, wenige hundert Meter Straßenlinie abseits der örtlichen Industrie- und Handelskammer. Vis-à-vis des sterilen Mexley-Baus kündete das aristokratische Houston-Haus von vergangenen glorreichen Zeiten. Es erstrahlte in hellem Rotbraun, kontrastiert von weißem Gesims. Im 19. Jahrhundert hatten die ersten Ölbarone in der Gegend ihren Reichtum in prächtig-protzigen Villen der Zeit überlassen. 150 Jahre später suchte erneut ein heftiges Ölfieber die Umgebung von Gonzales heim. Geologen von Mexley Oil gelang es im nahen Förderfeld, große Ölvorkommen zu erschließen und mit der neuen Fracking-Technologie auszubeuten. Seitdem pendelte Hauke von Austin nach Gonzales.

Die Town of Oil überzog schachbrettartig das flache Land. Breite seelenlose und staubige Straßen kreuzten alle paar hundert Meter im rechten Winkel andere seelenlose und staubige Straßen. Flache Bungalowbauten, architektonisch uninspiriert, waren durch entsprechende Beschilderung als Schnell-Imbiss, Post Office oder Warenhandlung zu identifizieren. Der Saab rollte gemächlich die St. Lawrence Street entlang, in die Hauke von der US 183 eingebogen war, die Gonzales auf der Westseite tangierte. Für 10 Uhr hatte sich Jason Clarke angesagt. Der Chef Ressourcen-Sicherung bei Mexley Oil wollte von Austin herunter kommen, um mit ihm vor Ort über weitere Erkundungen in der Region zu beraten. Hauke leitete seit einem Jahr das Geologen-Team. Er unterstand Jason unmittelbar. Die Kollegen sagten dem 53-jährigen Amerikaner nach, er könne barfuß Erdöl erspüren. Was maßlos übertrieben von gehörigem Respekt zeugte. Jason Clarke arbeitete seit knapp drei Jahrzehnten ausschließlich für Mexley Oil. Der Konzern erkundete im Auftrag der Raffinerie- und Tankstellen-Multis weltweit neue Ölquellen und übernahm die Förderung. Im Schatten der Big Four der Branche avancierte Mexley Oil auf dem internationalen Markt zu einem der führenden Spezialisten, die es vermochten, das Ölfass Erde auch unter widrigsten Umständen anzuzapfen. Der Jahresumsatz von Mexley summierte sich auf 13 Milliarden US-Dollar.

Clarke kannte den Laden in- und auswendig. Als Chef der Ressourcen-Sicherung agierte er an der sensibelsten und bedeutungsschwersten Stelle im Unternehmen. Er trug einen braunledernen Cowboy-Hut, wenn er sich draußen zwischen den Förderanlagen herumtrieb und seine Ingenieure mit Detailfragen überschüttete und den schuftenden Jungs am Bohrloch kräftig auf die Schultern hieb. Der Cowboy-Hut bildete nicht die billige Staffage, mit der ein schwaches Ego kaschiert und das unerreichte Selbstbildnis des entschlossenen und zupackenden Mannes aufgetragen werden sollte. Clarke lebte und verkörperte den Cowboy-Mythos. Der Hut war echt.

Im Ölgeschäft ging es nicht zimperlich zu. Monatelange ergebnislose Erkundungen zerrten an den Kräften und Nerven. Vor dem Trugschluss, daran würde sich etwas ändern, wenn das Öl plötzlich sprudelte, bewahrte Jason seine Leute. Clarke packte am Bohrloch zuweilen selbst mit an, um das Gespür für Öl nicht zu verlieren. Den Urstoff ans Tageslicht zu bekommen, war ein schweißtreibender und dreckiger Job. Zudem nährte jedes geförderte Barrel den zermürbenden Gedanken an die Erschöpfbarkeit einer Ölquelle.

Hauke Bendrix parkte den Saab-SUV neben dem klobigen schwarzen Buick Enclave von Clarke. Er musste erst wenige Minuten vor ihm eingetroffen sein. Der Kühlerlüfter surrte noch. Auf den wenigen Metern bis zum klimatisierten Firmengebäude begann die aufsteigende Tageshitze, auf der Haut zu kleben. Nachdem sich die Glasschiebetüren hinter Hauke geschlossen hatten, umklammerte ihn die künstliche Kühle. Ihm fröstelte. Das junge Mexikoblut am Empfangstresen, vermutlich Mitte 20, lächelte ihn unschuldig an. Sie fröstelte nicht. Er sah sie vielleicht zum zweiten oder dritten Mal, sie musste neu sein. Eine nähere Betrachtung fiel aus, Hauke erwiderte die freundliche Geste mit einem gequälten Verziehen der Mundwinkel. Er eilte auf die breite metallene Treppe zu, über die er das Obergeschoss erreichte.

Vor der Milchglastür von Clarkes Büro, das dieser neben seinem mondänen Chefzimmer im Mexley-Tower von Austin als nüchtern eingerichtete Stabsstelle nutzte, steigerte sich Haukes Aufregung in ein druckvolles Herzpochen. Er atmete einmal kräftig durch, dann trat er ein. Jason hing im Schreibtischsessel, den Kopf nach hinten geworfen, ein Handy am Ohr. Auf dem Tisch lag der Cowboy-Hut. Passend zu diesem war Clarke in hellblauem Levi’s-Hemd und indigodunklen Jeans nach Gonzales geritten. Jason bemerkte Hauke nicht gleich, da er beim Telefonieren an die Decke sah. Auf der Stirn, unterhalb des vollen, bereits ergrauten Haares, zeichnete sich rot unterlaufen der Striemen ab, wo der Cowboy-Hut fest aufgesessen hatte. Die Schuhsohlen, hochaufgestellt über der Tischplatte, stierten Hauke wie zwei plattgedrückte Gesichter an. Auf den abgewetzten fleckigen Ledersohlen zeichneten sich bei ein wenig Phantasie merkwürdige Fratzen ab. Er räusperte sich so auffällig wie nötig, vermied dadurch ein Aufschrecken von Jason. Der bedeutete ihm mit der Linken, sich zu setzen. Jason zog kurz die Brauen hoch, das Telefonat schien nicht besonders erquicklich zu sein. Er redete kaum, bestätigte lediglich mit einem knappen „Okay“, „Genau“ oder manchmal mit einem teilnahmsvollen „Mmmh“ das Gesagte des mitteilungsbedürftigen Gesprächspartners.

„Die Kommunikationsdame der hiesigen Handelskammer, eine absolute Nervensäge“, klärte Jason seinen Chefgeologen auf. Mit effektvollem Schwung hob Jason die Beine vom Tisch und sprang auf. Er drückte Hauke gewohnt fest die Hand. Und beobachtete dabei sehr genau dessen Gesicht. Clarke fasste kräftig zu. Ein Spiel, das Hauke rasch durchschaut hatte. Er zuckte nie. Die Männer setzten sich am Schreibtisch gegenüber.

„Alles okay? Du siehst angespannt aus.“

„Das täuscht. Ich mag die Hitze nicht.“

„Für Typen wie dich wurde die Klimaanlage erfunden.“

Jason grinste. Ohne Übergang und Pause wechselte er in den Dienstmodus.

„Du kennst unsere Bosse, wie sie ticken. Haben sie frisches Öl geleckt, geben sie die Quelle so schnell nicht auf. Bis zum letzten Tropfen. Sie sind der Meinung, unser Ölfeld sei ergiebiger als angenommen. Keine Ahnung, wer ihnen das geflüstert hat. Wir sollen jedenfalls mit dem flexiblen Bohrgestänge horizontal den Radius ausdehnen. Bekommen wir das mit dem vorhandenen Equipment hin?“

Das Warum war vorweg beantwortet. Für das Wie hatte Hauke nicht sofort eine dingfeste Antwort parat. Er würde es aber schnell in Erfahrung bringen können. Die Bosse, wie werden sie erst reagieren, wenn sie von dem Ölvorkommen auf Rügen erfahren?

„Ich verschaffe mir gleich einen Überblick. Aber wir operieren ziemlich am Limit, die Produktion läuft auf Hochtouren.“

„Gut. Noch was Hauke, wir werden die Suche in der Gegend intensivieren. Die Vorstandsetage hat gestern entschieden, die Erkundungsbohrungen in der Tschuktschensee einzustellen und aufzugeben. Das Arktis-Team wird zurückbeordert.“

„Warum?“, rutschte es Hauke hörbar überrascht heraus.

Clarke lehnte sich zurück. Mit den Fingerspitzen trommelte er kaum vernehmlich auf den Sitzlehnen. Einen derart totalen und abrupten Rückzug aus einer Bohrzone kannte er bis dato nicht. Es widerstrebte ihn fast, es zu erklären. Der Chef Ressourcen-Sicherung nahm das Aus in der Arktis wie eine persönliche Niederlage. Eine einsame und unbegründete Sicht. Die ausschlaggebenden Motive für den Stopp oblagen nicht seiner Verantwortung.

„Die Sache begann finanziell aus dem Ruder zu laufen. Die Berichte von witterungsbedingten Ausfällen häuften sich und die Hoffnung auf einen Durchbruch erfror allmählich.“

„Haben unsere Arktis-Spezialisten so danebengelegen?“ Unbedacht traf Hauke mit der Frage Jason persönlich, da ihm sämtliche Geologen bei Mexley Oil unterstanden.

„Das glaube ich nicht. Vielmehr hat die Kostenkalkulation den Risikolevel überschritten. Es wird ein teurer Spaß, so oder so. Chief Executive Officer Greenfield sprach von knapp 2,5 Milliarden Dollar, die es kosten wird, das Bohrloch in der See dauerhaft zu versiegeln und die Bohrplattform aus der Arktis abzuziehen. Jason rückte an den Schreibtisch heran. Sein Blick veranlasste Hauke ebenfalls dazu.

„Hauke, den wahren Grund vermute ich woanders.“ Clarke senkte die Stimme in einen knarzigen Flüsterton. „Mexley Oil ist vor den Umweltschutz-Lobbyisten eingeknickt. Von Anfang an haben die das Arktis-Projekt bekriegt. Faktisch verging kein Tag, an dem sie in den Medien nicht gegen die Bohrung gewettert haben.“

Die Köpfe entfernten sich wieder.

„Davon haben wir uns doch früher nicht beirren lassen“, entgegnete Hauke.

„Sicher, aber diesmal haben sie ein paar Leute auf ihre Seite ziehen können, die wollen entweder im nächsten Jahr Präsident der Vereinigen Staaten werden oder sie mischen mit in dem Wahlkampfgetöse.“

„Die Bohrungen in der Arktis zu genehmigen, war bereits politisch heikel.“