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Seit John Maitland als Crewmitglied der Rettungsflieger die Fremde halb erfroren in den Bergen gefunden hat, steht seine Welt Kopf. Er will sie – am liebsten für immer. Doch es gibt ein Problem: Sie hat ihr Gedächtnis verloren und niemand weiß, ob ihr Herz nicht bereits einem anderen gehört ...
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2025
Linda Castillo
Die Schöne aus den Bergen
IMPRESSUM
Dieses Mal würde er bis zum Äußersten gehen. Er würde sie umbringen.
Sie fühlte, wie sie vor Entsetzen erstarrte. Sollte alles, was sie in den vergangenen zwei Jahren durchgemacht hatte, nun in diesem kurzen schrecklichen Moment sein Ende finden?
Sie rannte durch die Dunkelheit, der eisige Wind ließ sie taumeln. Steine und die gefrorene Erde schnitten in ihre bloßen Füße, aber sie spürte den Schmerz nicht mehr. Das Schneetreiben wurde immer heftiger, Tausende Flocken wirbelten vor ihren Augen und ließen sie die Straße kaum mehr erkennen. Dennoch rannte sie immer weiter. Ihr keuchender Atem bildete kleine weiße Wolken. Sie packte die Pistole fester. Und rannte.
„Sichtkontakt. Weiblich. Nordost, zwei Uhr. Sie bewegt sich.“
John Maitland, der Bordsanitäter des Rettungshubschraubers, zog den Kinnriemen seines Helms fest, trat an die offene Tür des Helikopters und sah nach unten. Tatsächlich, ungefähr zwanzig Meter unter ihnen kauerte eine Frau an einem Felsvorsprung des Bergs.
„Was zum Teufel tut sie hier oben?“, murmelte er.
„Sie wartet darauf, dass du dich in den Gurt schnallst und sie holst!“, kam die Stimme des Piloten aus dem Cockpit.
„Bring mich näher heran, Flyboy“, übertönte John die beiden Triebwerke der Bell 412 und den heulenden Wind. „Wenn’s geht, noch in dieser Woche.“
„Nicht bei dem Wind. Vierzig Knoten. Böen bis fünfundfünfzig. Ich kann nicht weiter runter.“ Tony „Flyboy“ Colorosa warf John einen herausfordernden Blick zu. „Erzähl mir nicht, dass du aus mickrigen zwanzig Metern Höhe keine Bergung schaffst.“
„Halt du einfach diese Sardinenbüchse stabil und überlass die harte Arbeit mir“, erwiderte John.
„Person steht. Keine sichtbaren Verletzungen.“ Buzz Malone, der Leiter des Rettungsteams, ließ den Feldstecher sinken und sah John an. „Wir machen es ohne Trage. Schnall die Frau an deinen Gurt, ich ziehe sie mit dir zusammen nach oben.“
„Was ist mit der Wirbelsäule?“, wandte John ein.
„Wenn wir die Lady nicht in fünf Minuten oben haben, brechen wir ab. Der Wind ist mörderisch. Sie wird an Unterkühlung sterben. Such’s dir aus.“
So riskant es war, eine Patientin mit eventueller Rückenverletzung ohne Stabilisierung zu bergen, es war die einzige Chance, ihr das Leben zu retten. „Okay, lass mich runter. Ich hole sie“, sagte John und hakte sich in den Gurt ein.
„Pass auf die Bäume auf“, warnte Buzz. „Du hast einen Versuch, dann hole ich dich wieder herauf.“
John salutierte lächelnd und stieß sich ab. Der kalte Wind traf ihn wie ein Peitschenhieb. Das Knattern der Rotorblätter war ohrenbetäubend. Doch John ließ sich nicht aus der Konzentration bringen. In den sechs Jahren, die er jetzt schon an Bord des Medicopters arbeitete, war ihm noch nie eine Bergung missglückt. Er vertraute dem Piloten. Selbst bei diesem Wind gab es niemanden, der besser mit der Bell 412 umgehen konnte als Flyboy.
Er hing nun ungefähr sechs Meter unter dem Heli. Der Wind spielte mit ihm, als wäre er ein Jo-Jo. John hielt das Gleichgewicht, indem er die am Boden kauernde Gestalt fixierte. Er fragte sich, was der Frau passiert war. Selbst aus dieser Höhe war zu erkennen, dass sie weder Wanderkleidung trug noch sonst eine Ausrüstung bei sich hatte. Was um alles in der Welt hatte eine Frau mit Jeans und Pulli mitten im Januar auf zweitausendfünfhundert Meter Höhe verloren?
Vor einer Stunde hatte ein Skiläufer sie am Abhang entdeckt. Vor zwanzig Minuten war der Rettungshubschrauber von der Polizei von Lake County angefordert worden. Vier Minuten später war das Team in der Luft gewesen.
John hielt nach einem Auto Ausschau. Nirgendwo war eins zu sehen. Auch kein Schneemobil. Offenbar also kein Unfall. Auch ein Zelt oder andere Menschen waren nicht in Sicht. Seltsam.
Eine Windböe erfasste den Helikopter, und John kam an seinem Drahtseil einem Felsvorsprung gefährlich nah. „Könntest du die Maschine ruhig halten, Flyboy?“, rief er in das Helmmikrofon. „Natürlich nur, wenn es nicht zu viel Mühe ist.“
„Wollte mich nur überzeugen, dass du noch wach bist“, drang die Stimme des Piloten an sein Ohr.
John lächelte. Er war jetzt nur noch wenige Meter vom Boden entfernt. Der vereiste Hang war mit scharfkantigen Felsbrocken übersät. Ein paar Meter entfernt zitterten drei dünne Pinien im Wind der Rotorblätter.
Schließlich war er auf dem Boden angelangt. Mit dem Rettungsgurt in der Hand eilte John zu der Frau. Ihre dunklen Augen waren schon ganz glasig – ein typisches Zeichen von Unterkühlung. Und John konnte Angst in ihrem Blick lesen, reine nackte Angst. Sie bewegte ihre vollen blassen Lippen, um etwas zu sagen, brachte aber kein Wort heraus.
John brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Selbst in diesem erbärmlichen Zustand war die Frau wunderschön. Welliges rotes Haar umrahmte ein anmutiges Gesicht mit hohen Wangenknochen.
„Hallo“, rief er schließlich ihr zu und setzte sein bestes „Alles-wird-gut-Lächeln“ auf. „Mein Name ist John. Ich bin Sanitäter. Mein Team und ich holen Sie jetzt hier heraus und bringen Sie in ein Krankenhaus. Haben Sie mich verstanden?“
Ihr Blick war benommen, das Gesicht so weiß wie der Schnee, den der Medicopter um sie herum aufwirbelte. Aber sie war am Leben, und dafür konnten sie beide verdammt dankbar sein. Denn eins hatte John bei seiner Arbeit gelernt – er war ein schlechter Verlierer, wenn der Tod ihm zuvorkam.
Er erreichte die Frau gerade noch rechzeitig, um sie festzuhalten, bevor sie auf dem gefrorenen Boden zusammensank. Selbst durch die dicken Handschuhe hindurch fühlte er, wie sehr sie zitterte. „Ganz ruhig“, sagte er. „Ich bin bei Ihnen. Sie sind in Sicherheit.“
„Bitte … nein.“ Zu seiner Verblüffung riss sie sich los. „Lass mich …“
„Ruhig …“
Entgeistert starrte er auf die Waffe, die urplötzlich in ihrer Hand auftauchte und die sie direkt auf sein Gesicht richtete. Fluchend wich John zurück. „Was zum Teufel soll das?“
„Ich bringe dich um“, stammelte sie. „Das schwöre ich. Dafür wirst du bezahlen.“
Er hob beide Hände über den Kopf. „Sehen Sie? Ich tue Ihnen nichts. Jetzt legen Sie die Waffe weg, bevor jemand verletzt wird.“
John wusste, dass Unterkühlung zu geistiger Verwirrung führen konnte. Ein Kollege von der Küstenwache hatte ihm von einer Bergung auf hoher See erzählt, bei der ein Schiffbrüchiger sich so heftig gegen seine Rettung gewehrt hatte, dass sie ihn nicht in den Korb bekamen. Er war ertrunken.
„Ganz ruhig“, sprach er beschwörend auf die Frau ein. „Sie sind verletzt und verwirrt. Legen Sie die Waffe hin und lassen Sie mich Ihnen helfen.“
Sie schwankte. „Bleib weg. Bleib einfach nur …“
Blitzschnell machte er einen Satz auf sie zu. Sie schrie auf und schlug nach ihm. Mühelos wich er aus und griff nach der Waffe. Doch bevor er sie zu fassen bekam, entglitt sie ihren Fingern, fiel zu Boden und rutschte den Abhang hinunter.
Blinzelnd sah die Frau ihn an, als würde sie ihn erst jetzt richtig wahrnehmen. „Ich dachte … Ich dachte … Richard …“
Sie schwankte und John hielt sie an den Schultern fest. Ihr feuchtes zimtfarbenes Haar streifte seinen Arm und ein Duft, der ihn an Akelei im Frühjahr erinnerte, stieg ihm in die Nase. Er betrachtete ihr Gesicht nun erstmals aus der Nähe. Ihre Haut war so makellos weiß, dass der Bluterguss an der linken Schläfe und die Schnittwunde am Kinn um so dramatischer wirkten. Doch selbst der hässliche Kratzer an der Nase schmälerte ihre Schönheit nicht im Geringsten.
Fasziniert starrte er sie an. Sie besaß die unglaublichsten braunen Augen, die er je gesehen hatte. „Wie heißen Sie?“, rief er.
„Ich …“ Sie runzelte die Stirn und blinzelte noch heftiger als zuvor. „Ich … bin …“
Eine herrliche Wärme hüllte sie ein, und sie fühlte sich vollends entspannt. Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden, und auch die Hände und Füße taten ihr nicht mehr so weh. Sie fühlte sich, als ob sie träumte – und das Beste an diesem Traum war der Mann in dem orangefarbenen Overall. Der Mann mit dem kurzen schwarzen Haar, den strahlend blauen Augen und dem verwegenen Lächeln. Der Mann, der vom Himmel geschwebt war, um sie zu retten.
Wovor?
Sofort war die Angst wieder da und das Gefühl der Wärme verschwunden. An seine Stelle trat etwas Finsteres und Bedrohliches. Panik erfasste sie wie der Schatten eines riesigen Raubvogels. Sie fühlte sich hilflos, verfolgt, ausgeliefert. Warum? Ihr Verstand fand keine Erklärung dafür.
„Wachen Sie auf, Honey. Sie haben Besuch.“
Sie machte die Augen auf. Das Licht war so grell, dass sie die Hand hob, um sich davor zu schützen. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Finger bandagiert waren. Stöhnend ließ sie die Hand wieder sinken und starrte blinzelnd auf die beiden verschwommenen Gestalten, die im Zimmer standen.
„Wo bin ich?“ Ihr Hals war so rau, dass sie nicht mehr als ein Krächzen von sich geben konnte.
„Im Krankenhaus von Lake County“, erwiderte die fröhliche Frauenstimme. „Sie sind gestern Morgen eingeliefert worden. Wie fühlen Sie sich?“
Es dauerte eine Weile, bis der Nebel sich lichtete und eine weißhaarige Frau mit freundlichen Augen und schokoladenbrauner Haut zum Vorschein kam. Sie lächelte. „Ich bin Cora, Ihre Krankenschwester, und möchte jetzt Ihren Puls messen.“
Eine Krankenschwester, dachte sie. Ein Blick auf den Monitor neben dem Bett bestätigte, dass sie sich tatsächlich in einer Klinik befand.
Warum bin ich hier?
Bevor sie die Frage aussprechen konnte, nahm Schwester Cora ihre Hand und tastete nach dem Puls. Sie drehte den Kopf zur Seite und sah mit zusammengekniffenen Augen zu dem Mann hinüber, der an der Tür stand. Moment, war das nicht der Mann aus ihrem Traum? Auf seinem Gesicht lag das Lächeln, das ihr so vertraut schien.
„Hi, Rotschopf. Wie geht es Ihnen?“
Rotschopf? Sie brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass er sie damit meinte. Sie räusperte sich. „Ich glaube, mein Kopf ist noch nicht ganz wieder in Ordnung.“
„Das tut mir leid. Sie sehen gut aus.“
„Wenn ich so aussehe, wie ich mich fühle, sind Sie ein Lügner.“
Trotz der Schmerzen und des Schleiers vor den Augen entging ihr nicht, wie attraktiv der Mann war. Statt des Overalls trug er ausgeblichene Jeans, die schmale Hüften und muskulöse Schenkel zur Geltung brachten. Unter dem offenen Flanellhemd spannte sich ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Sanitäter“ um seine breite Brust. Die hoch geschnürten Trekkingstiefel vervollständigten ihren Eindruck, dass dieser Mann wohl kaum in einem Büro arbeitete. Aber es waren die Augen, die sie am meisten beeindruckten. Noch nie hatte sie blauere Augen gesehen. Eisblau, wie ein Morgenhimmel im Winter. Das schwarze Haar war militärisch geschnitten, er selbst hingegen wirkte alles andere als soldatisch korrekt. Nicht mit den Bartstoppeln und dem fast frechen Grinsen, das seinen markanten Mund umspielte. Selbst in ihrem benommenen Zustand registrierte sie, dass er ein Mann war, von dem Frauen träumten.
Na ja, genau das hatte sie getan, bevor sie aufwachte.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er.
„Kopfschmerzen.“ Sie schluckte mühsam. „Die Güterzugversion.“
Die Schwester ließ ihre Hand los und tätschelte sie mütterlich. „Das ist bei einer Gehirnerschütterung normal. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen etwas dagegen.“
Eine Gehirnerschütterung? Das erklärte die Kopfschmerzen und die Übelkeit. Wie um alles in der Welt war das passiert? Sie hob die Hände und schaute auf die Verbände. Warum waren die Finger bandagiert? Und wer war der attraktive Naturbursche, der sie so erwartungsvoll ansah, als würde sie ihm sämtliche Fragen beantworten können.
„Wie heißen Sie, Honey?“, fragte die Schwester.
Die Frage verwirrte sie für einen Moment. Natürlich kannte sie ihren Namen. Dass er ihr nicht sofort einfiel, musste an der Gehirnerschütterung liegen. Ihr Name. Sicher. Gleich würde sie ihn wissen. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und sich zu entspannen.
„Mein Name?“ Als ihr klar wurde, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie hieß, klopfte ihr Herz schneller. Was war nur passiert? Sie geriet in Panik und setzte sich ruckartig auf. Doch der Stich hinter der linken Schläfe war so gewaltig, dass sie sich zurückfallen ließ.
„Ruhig, Honey. Das ist nur die Gehirnerschütterung“, beruhigte die Schwester. „Regen Sie sich nicht auf. Dr. Morgan macht gerade Visite. Sie müsste gleich hier sein.“
Das war nicht das, was sie hören wollte. „Ich weiß meinen Namen nicht“, flüsterte sie schockiert. „Mein Gott, ich habe meinen eigenen Namen vergessen!“ Sie schaute von der Schwester zu dem Mann und wieder zurück. „Wie kann das sein?“
Die beiden wechselten einen besorgten mitfühlenden Blick, der sie nicht gerade beruhigte. Mühsam setzte sie sich auf. „Wie bin ich hierher gekommen? Was ist passiert?“
„Ich hole Dr. Morgan“, sagte Schwester Cora und ging hinaus.
Sie sah ihr nach und wehrte sich gegen die immer größer werdende Panik.
„Ruhig, Rotschopf. Ihr Blutdruck ist etwas zu hoch.“
Erst jetzt bemerkte sie, dass an ihrem Arm eine Manschette angebracht war, der sie mit einem Monitor verband. „Mein Blutdruck ist momentan meine geringste Sorge“, murmelte sie.
„Warum lehnen Sie sich nicht zurück und atmen ein paar Mal tief durch?“, schlug er vor.
„Ich bezweifle, dass das mein Problem löst.“
„Sicher nicht, aber es könnte Ihnen helfen, damit umzugehen.“ Er zwinkerte. „Ich zähle bis drei, dann holen Sie tief Luft und lassen sie wieder heraus. Sind Sie bereit?“
Obwohl ihr angesichts der Tatsache, dass ihr Leben nichts als ein schwarzes Loch war, Atemübungen sinnlos erschienen, gehorchte sie.
„Wenigstens weiß ich jetzt, dass meine Lunge funktioniert“, sagte sie und spürte erstaunt, wie die Panik den Griff um ihr Herz lockerte.
„Besser?“
„Ja. Leider hat es meinem Gedächtnis nicht auf die Sprünge geholfen.“ Die Panik wurde wieder größer, und sie atmete hastig durch.
„Ihre Erinnerung wird schon wieder zurückkehren.“
Sie war da nicht so sicher, klammerte sich jedoch an die Hoffnung, die er ihr machte. „An Sie kann ich mich erinnern“, entfuhr es ihr fast verzweifelt, als ob sie sich versichern wollte, dass ihr Gedächtnis wenigstens noch ein bisschen funktionierte.
Bilder ihrer Rettung kamen ihr in den Sinn. Schnee. Kälte. Schmerz. Angst. Eine Angst, die sie selbst jetzt, da sie warm und geborgen in einem fremden Bett lag, nicht abschütteln konnte. Aber sie wusste, dass dieser Mann mit den unglaublich blauen Augen und dem verwegenen Lächeln vom Himmel herabgeschwebt war und sie gerettet hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sicher sie sich in seinen Armen gefühlt hatte. Und auch daran, wie seine sanfte Stimme und sein Atem an ihrer Wange ihr die Angst genommen hatte, während er beruhigend auf sie einsprach.
„Sie haben mir das Leben gerettet. Danke.“
„Ich hatte etwas Hilfe vom Rest der Mannschaft.“ Er streckte die Hand aus. „Ich bin John Maitland.“
Sie wollte seine Hand ergreifen, doch der Verband hinderte sie daran. Ein hilfloses Lachen entrang sich ihr. „Ich fürchte, ich werde so bald keine Hände schütteln.“
Ohne Zögern nahm er ihre Hand zwischen seine. „Ich bin Sanitäter in dem Rettungshubschrauber, der Sie herausgeholt hat.“
„Können Sie mir erzählen, was passiert ist?“
„Wir wurden gestern Morgen gerufen und haben Sie in etwa zweitausendfünfhundert Meter Höhe vom Elk Ridge gepflückt. Sie waren stark unterkühlt.“ Er betrachtete ihre Hand. „Und hatten Erfrierungen. Wir haben Sie hierher ins Krankenhaus von Lake County geflogen.“
Zusammen mit der Erinnerung an ihre Rettung regte sich auch etwas Finsteres, Ängstigendes, wie die vagen Überreste eines Albtraums. Das Gefühl, verfolgt zu werden. Der üble Nachgeschmack nackten Entsetzens.
„Wo ist Elk Ridge?“
„Nicht weit von Fairplay, etwa sechzig Meilen westlich von Denver.“
Sie schluckte, als ihr bewusst wurde, dass sie nicht einmal gewusst hatte, in welchem Bundesstaat sie sich befand. Gott, was war nur mit ihr geschehen?
„Und was noch?“, fragte sie.
Sein Lächeln verschwand, als er in die Tasche griff und ein zerknülltes Stück Papier herausholte. „Ich dachte mir, das hier ist vielleicht wichtig. Buzz Malone, mein Einsatzleiter, hat es in Ihren Jeans gefunden.“
Hoffnungsvoll griff sie danach, doch auch das ließ der Verband nicht zu.
„Sorry.“ John entfaltete den Zettel und hielt ihn hoch.
Hannah, wir treffen uns um Mittag im Geschäft.
Sie starrte auf die Worte und wartete darauf, dass ihr blitzartig wieder einfiel, wer sie war.
„Hilft Ihnen das auf die Sprünge?“, fragte er.
„Nein.“ Enttäuscht betrachtete sie den Zettel, bis ihr die Augen tränten – aber nichts. „Ob das wohl mein Name ist? Hannah?“
„Könnte sein.“
„Hatte ich Ausweispapiere bei mir?“
Er schüttelte den Kopf. „Keine Brieftasche. Nicht einmal einen Führerschein. Nur das, was Sie am Körper trugen – und dieser Zettel in der Tasche.“
Sie beugte sich vor und zog die Knie an die Brust. „Das ist doch verrückt. Ich erinnere mich an … nichts. Warum ich dort oben war. Wo ich wohne. Mein ganzes Leben ist … eine einzige Leere.“
Ihr Verstand drehte sich im Kreis. Sie schluckte den Kloß im Hals herunter und sah John an. „Wie kann jemand sein gesamtes Leben vergessen?“, fragte sie den Tränen nah.
„Ein Schädeltrauma kann durchaus einen vorübergehenden Gedächtnisverlust bewirken. Das ist nicht ungewöhnlich.“
Das Wort vorübergehend milderte ihre Panik ein wenig. „Wie lange?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin kein Fachmann, aber es gibt Fälle, in denen eine Kopfverletzung zu Amnesie geführt hat.“
„Amnesie?“ Der Laut, den sie von sich gab, war halb Lachen, halb Stöhnen. „Das klingt wie etwas aus einer Seifenoper.“
„Im letzten Jahr haben wir einen Schneemobilfahrer geborgen, der gegen eine Blaufichte geprallt war. Er brauchte zwei Tage, bis ihm einfiel, dass er aus Iowa kam. Hat seinen Rückflug verpasst.“
„Zwei Tage?“, wiederholte sie voller Hoffnung.
„Hören Sie, Lake County mag ein kleines Krankenhaus sein, aber ich bin hier ausgebildet worden. Doc Morgan ist gut. Sie wird alles tun, was nötig ist, um Ihr Gedächtnis zu reaktivieren. Notfalls wird Sie einen Spezialisten hinzuziehen. Aber ich wette, es kehrt von allein zurück. Noch bevor Sie entlassen werden.“
Seufzend starrte sie auf ihre Hände. „Wozu die Verbände?“
„Sie hatten Erfrierungen an Fingern und Zehen. Nichts Ernstes. Es werden keine Narben zurückbleiben“, versicherte er ihr, während er einen Stuhl ans Bett stellte, sich rittlings hinsetzte und das Kinn auf die Rückenlehne stützte.
Der Duft seines Aftershaves wehte an ihre Nase und ließ sie an Pinienwälder und Bergluft denken. Zugleich regte sich tief in ihr ein höchst angenehmes Gefühl.
„Hatte ich einen Unfall?“, fragte sie nach einem Moment.
„Wir haben kein Fahrzeug gefunden. Keinen Wagen. Kein Schneemobil. Und Sie waren nicht wie eine Skiläuferin oder Wanderin angezogen.“
„Was habe ich dann dort oben gemacht?“
Zum ersten Mal wirkte er verlegen. Sie ahnte, dass er ihr etwas verheimlichte. Im selben Moment tauchte etwas Beängstigendes in ihrem Hinterkopf auf, wie ein Raubtier, das mit ausgefahrenen Krallen und gebleckten Zähnen aus dem Schatten sprang. Sie schauderte.
„Sie verschweigen mir doch etwas“, sagte sie mit zitternder Stimme.
„Ganz ruhig, Rotschopf.“
„Ich sehe es Ihnen an. Sie wissen etwas, das Sie mir nicht sagen wollen.“
„Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse.“
„Jemandem etwas zu verschweigen, der sich nicht einmal an den eigenen Namen erinnern kann, ist grausam.“
Er zog eine Braue hoch. „Hören Sie, Sie regen sich unnötig …“
„Ja, genau, ich rege mich immer auf, wenn ich meinen Namen vergesse.“
Sie zuckte zusammen, als er sich vorbeugte und eine Hand auf ihren Unterarm legte. Dann spürte sie die Wärme, die sich von seinen kräftigen Fingern auf ihre blasse Haut übertrug und von dort aus im ganzen Körper ausbreitete.
„Sie zittern“, sagte er. „Sind Sie okay?“
Sie schluckte und sah ihn an. „Ich habe einfach nur … Angst.“
„Es wird alles gut.“
„Ich glaube, dort oben auf dem Berg ist mir etwas Schreckliches passiert“, flüsterte sie.
„Woher wissen Sie das?“
„Ich weiß es nicht genau. Ich meine, ich erinnere mich nicht an Einzelheiten. Es ist eher wie ein Traum. Ein Albtraum …“ Ein Bild blitzte in ihr auf und ließ sie verstummen. Sofort fühlte sie wieder diese entsetzliche Panik. Sie erinnerte sich an Schnee. An einen Mann, dessen Gestalt sich im Licht von Autoscheinwerfern abzeichnete. Kalten Stahl in ihrer Hand. Einen Schuss.
Und plötzlich wusste sie, warum sie oben auf dem Elk Ridge gewesen war. „Ich erinnere mich …“ Ihre Stimme war dünn und atemlos. Jemand hatte sie verfolgt. Hatte ihr wehtun wollen. Hatte sie …
Johns Hand legte sich fester um ihren Arm. „Was ist?“
„Ich glaube, jemand hat versucht, mich umzubringen.“
John verstand nicht, warum er ins Krankenhaus gekommen war. In den sechs Jahren, die er jetzt als Rettungssanitäter arbeitete, hatte er Beruf und Privatleben immer strikt voneinander getrennt. Noch nie hatte er eine Patientin besucht. Nun ja, einmal doch. Nachdem eine junge Frau ihr Baby im Rettungshubschrauber zur Welt gebracht hatte, war er am Tag darauf in die Klinik gefahren und hatte sich erkundigt, wie es dem kleinen Mädchen ging.
Doch warum hatte er diese Patientin hier besucht?
Er sagte sich, dass er nur vorbeigekommen war, um ihr den Zettel zu bringen, den sie in ihrer Hosentasche gefunden hatten. Schließlich musste jemand aus dem Team es tun. Warum nicht er?
Und jetzt sollte er ihr Glück wünschen, Lebewohl sagen und wieder verschwinden. Denn das war etwas, was John Maitland perfektioniert hatte – die Kunst, jeder persönlichen Verwicklung aus dem Weg zu gehen. Einmal in seinem Leben hatte er den Fehler gemacht, seinen Gefühlen nachzugeben. Und einen hohen Preis dafür gezahlt.
Er wünschte nur, die leise Stimme in seinem Hinterkopf würde endlich aufhören, ihm zu sagen, dass es dieses Mal anders sein würde.
Als er die Frau ansah, wurde ihm klar, dass er den weiten Weg von Conifer zum Krankenhaus von Lake County nicht nur gefahren war, um sich nach ihrem Zustand zu erkunden.
„Warum sollte jemand Sie umbringen wollen?“ Er dachte an die Pistole, die sie auf ihn gerichtet hatte. Erinnerte sie sich auch an dieses kleine Detail?
„Ich bin nicht sicher“, erwiderte sie leise. „Ich meine, ich habe keine deutliche Erinnerung daran. Nur so ein vages Gefühl.“
„Das ist alles?“
„Ich weiß, dass ich Angst hatte und weggelaufen bin. Es war kalt und dunkel. Ich glaube, jemand hat mich verfolgt.“
„Selbst eine leichte Unterkühlung kann Halluzinationen bewirken“, wandte er ein.
„Ich habe nicht halluziniert.“
„Haben Sie halluziniert, als Sie mir die Pistole vors Gesicht gehalten haben?“
Ihr Blick zuckte hoch, und sie wurde noch blasser.
„Ich sehe, Sie erinnern sich daran“, sagte er trocken.
„Oh mein Gott.“ Sie presste eine verbundene Hand auf den Mund. „Ich hätte Ihnen nicht … wehgetan.“
„Nein? Die 38er in Ihrer Hand sah ziemlich tödlich aus.“
„Es tut mir leid.“
„Wessen Waffe war das?“
„Ich weiß es nicht.“
„Warum hatten Sie sie?“
„Ich … kann mich nicht erinnern.“
John musterte sie. Es störte ihn, dass er nicht erkennen konnte, ob sie log. Aber noch mehr ärgerte er sich darüber, dass es ihn irritierte, wie das züchtige Krankenhaushemd über Kurven fiel, die alles andere als züchtig waren. Kurven, die ihn als Sanitäter und Mann mit einer Vergangenheit wie seiner absolut nicht interessieren durften. Hätte er auch nur noch einen Funken Vernunft, würde er jetzt aufstehen und sich verabschieden. Für immer.
„Bekomme ich jetzt Ärger?“, fragte sie. „Mit der Polizei, meine ich.“
Er senkte den Kopf, massierte die Schläfen und seufzte. „Wäre es nach meinem Einsatzleiter gegangen, wären Sie jetzt schon auf dem Weg in eine Gefängniszelle.“
Sie fröstelte. „Und warum bin ich das nicht?“
„Hoffentlich nicht nur, weil ich ein Trottel bin.“ Er konnte ihr ja kaum gestehen, dass er sie einfach nicht hatte vergessen können. Dass er immerzu daran hatte denken müssen, wie es gewesen war, sie in den Armen zu halten. Dass er ihren Duft noch stundenlang in der Nase gehabt hatte.
Hastig schob er die Erinnerung fort. „Buzz hat in seinem Bericht an die Polizei nichts von der Waffe geschrieben.“ Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu. „Ich habe ihn darum gebeten.“
„Sie glauben nicht, dass ich eine … Verbrecherin bin?“, fragte sie.
„Ich glaube, dass Sie einiges zu erklären haben.“
„Wie soll ich etwas erklären, an das ich mich nicht erinnere?“
„Genau deshalb werden wir das Büro des Sheriffs anrufen.“
Ihre Augen wurden groß. „Keine Polizei“, wisperte sie.
Jetzt wurde er doch misstrauisch. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte – sie verheimlichte ihm offenbar etwas. Enttäuscht rieb er sich das Kinn. Großartig.
„Warum nicht?“
„Ich weiß es nicht. Ich brauche nur … etwas Zeit, um zur Besinnung zu kommen. Bitte.“
John seufzte noch einmal. „Woran erinnern Sie sich noch?“
„Ich bin gerannt … und hatte große Angst. Es schneite, war kalt und dunkel, und ich konnte nichts sehen …“ Sie starrte auf ihre bandagierten Hände. „Wie kommt es, dass ich mich an nichts erinnern kann, mich aber trotzdem noch fürchte? Ich weiß nicht einmal, wovor ich mich fürchte. Ich weiß ja nicht einmal, wie ich heiße. Das ist doch alles verrückt.“
„Dass Sie Ihren Namen vergessen haben, beunruhigt Sie sehr, was?“
Sie lachte bitter. „Es klingt seltsam, aber … nicht zu wissen, wer ich bin, gibt mir das Gefühl, gar nicht existiert zu haben.“
„Was ist mit dem Namen auf dem Zettel?“
„Hannah? Was soll damit sein?“
„Er gefällt mir wesentlich besser als ‚unbekannt‘.“
„Hannah.“ Ein zaghaftes Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. „Ja, mir auch. Vorläufig jedenfalls.“
„Selbst wenn es nicht Ihr Name ist, kommt er Ihnen vielleicht bekannt vor?“
„Nun, wenn ich ihn oft genug höre, weckt er möglicherweise eine Erinnerung.“
„Na, sehen Sie.“
Als ihr Lächeln zuversichtlicher wurde, breitete sich in seiner Brust ein warmes Gefühl aus. Das war etwas, das er normalerweise unterdrückt hätte. Aber nicht diesmal. Warum auch nicht? Solange er die Situation im Griff behielt, konnte er ein bisschen Gefühl riskieren. Und sobald es gefährlich wurde, würde er gehen.
„Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich … dort oben auf dem Berg … in großer Gefahr war“, sagte sie stockend. „Jemand wollte mich töten. Jemand, der mir schon häufiger wehgetan hat.“
