Die Seele meiner Schwester - Tricia Leaver - E-Book

Die Seele meiner Schwester E-Book

Tricia Leaver

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Beschreibung

Die Zwillinge Ella und Maddy ähneln sich äußerlich wie ein Ei dem andern. Doch während die beliebte Maddy überall um Anerkennung kämpft, sucht sich Ella lieber ein stilles Plätzchen, wo sie in Ruhe zeichnen kann. Eines Tages kommt es durch einen Streit der beiden zu einem tragischen Autounfall, bei dem Maddy ihr Leben verliert. Ella erwacht im Krankenhaus und wird von allen für Maddy gehalten. Aus Angst, ihre Eltern zu enttäuschen, übernimmt sie kurzerhand die Identität ihrer Schwester – und stellt bald fest, dass deren Leben voller dunkler Geheimnisse steckt. Ella muss sich entscheiden: soll sie die Lüge zugeben oder ihre eigenen Träume opfern? Übersetzt von Stefanie Frida Lemke.

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EPUB

Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Übersetzung von Stefanie Frida Lemke

Kosmos

Umschlaggestaltung: Carolin Liepins, München

unter Verwendung eines Fotos von Fotomotiven von Shutterstock (56186233 © jokerpro, 506970430 und 503910445 © Serg Zastavkin, 172175219 © Kokhanchikov)

Copyright © 2015 by Trisha Leaver

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel The Secrets we Keep bei Farrar, Straus and Giroux

Published by arrangement with Farrar, Straus and Giroux, LLC., all rights reserved

Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Frida Lemke

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele

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Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und

Aktivitäten findest du unter kosmos.de

© 2017, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-440-15662-9

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Für meine Amsel

PROLOG

Ich hatte ihr Zimmer gar nicht so kalt in Erinnerung. Sogar in ihr Sweatshirt gekuschelt dringt die Kälte noch zu mir durch, kriecht wie ein Flüstern aus dem Jenseits in meine Knochen. Hier werde ich heute Nacht schlafen … in Maddys Bett, eingehüllt in ihren Duft. Mom war gerade hier, um das Bett frisch zu beziehen, aber das will ich nicht. Der Hauch von Vanille und Lavendel, vermischt mit Alex’ schwerem Aftershave, bringt mir jede Nacht meine Schwester ein kleines Stück zurück.

Das Einzige, was mir von meinem alten Leben noch geblieben ist, sind ein paar Zeichnungen und eine ziemlich schlechte Kopie des Freundschaftsarmbands von Josh. Ich habe Tage gebraucht, bis ich die Fäden im richtigen Muster geflochten hatte. Es ist zwar nicht perfekt, aber ich nehme es überall mit hin – als Erinnerung, wer ich einmal war und was Josh mir immer noch bedeutet. Das ursprüngliche Armband gibt es nicht mehr, es wurde aufgeschnitten und weggeworfen, genau wie mein Leben.

Ich will Frieden schließen mit meiner Entscheidung, aber Maddys Geheimnis verfolgt mich. Hinten in ihrem Schrank sind die dunklen Seiten ihres Lebens versteckt, und niemand außer mir kann sie sehen. Sie war nicht die, für die ich sie gehalten habe, aber das ist egal. Maddy war meine Schwester, meine Zwillingsschwester, und ich werde alles für sie tun, auch wenn das heißt, mich selbst zu verlieren.

1

Mein Handy auf dem Nachttisch vibrierte und klingelte gleichzeitig und ich zuckte kurz über dem Skizzenbuch zusammen, das aufgeschlagen auf meinem Schoß lag. Ich hatte die Zeichnung im Lauf der letzten Woche fünf Mal neu angefangen, und trotzdem war sie noch nicht gut genug. Das Problem war, wenn ich sie bis morgen um Mitternacht nicht fertig hätte, wäre ich zu spät dran.

Wahrscheinlich war es wieder Josh, der anrief. Ich ließ die Mailbox rangehen. Im Moment war es mir wichtiger, die Zeichnung perfekt hinzubekommen, als mit ihm darüber zu diskutieren, was seine Nachbarin und Gelegenheitsfreundin Kim gesagt hatte. Und ich hatte auch wirklich keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen, warum sie beleidigt war, dass Josh sich jeden Tag von mir zur Schule fahren ließ, obwohl sie direkt neben ihm wohnte und er außerdem ein eigenes Auto hatte. Das war sein Problem, nicht meins. Und wenn er das Problem nicht alleine lösen konnte, dann war er ein Idiot.

Ich legte den Kohlestift weg und nahm den mit der Grafitmine. Vielleicht musste ich noch am Licht arbeiten. Nach ein paar Strichen stellte ich fest, dass es das nicht war – das Einzige, was ich bewirkt hatte, war, eine ganz passable Zeichnung zu versauen.

Wieder klingelte das Handy, derselbe nervige Song, der jede Konzentration unmöglich machte. Fluchend warf ich es neben mich aufs Bett, bevor es sich noch vom Nachttisch vibrierte. Josh wusste ganz genau, dass ich heute Abend mein Portfolio fertigstellen wollte, damit meine Bewerbung für eine vorzeitige Zulassung an der Rhode Island School of Design noch rechtzeitig ankam. Sein Anruf konnte warten, er würde das verstehen.

Das Handy klingelte weiter und hörte nur einmal kurz auf, als eine SMS ankam. Kopfschüttelnd sah ich auf den Wecker. Die grellen Zahlen blendeten meine müden Augen und ich blinzelte fluchend, bis ich sie erkennen konnte. Es war schon fast halb drei morgens. Was konnte so wichtig sein, dass Josh mich um diese Uhrzeit anrief?

Ich rieb mir die Augen und ging ran, ohne aufs Display zu gucken. »Josh, was willst du mitten in der Nacht?«

»Ella? Ich bin’s.«

Ich brauchte einen Moment, um die Stimme einzuordnen. Sie klang ziemlich weit weg, rauer und leiser als sonst. Ich starrte auf mein Handy. Und obwohl ich inzwischen begriffen hatte, dass es meine Schwester war, schaute ich mich in meinem dunklen Zimmer nach ihr um. Ich weiß nicht, warum, wir hatten, seit wir zehn waren, kein gemeinsames Zimmer mehr.

Sie hatte schon im Bett gelegen, als ich heute Abend nach oben gekommen war, denn sie hatte Stubenarrest. Als Dad Dienstag früher als sonst von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte er sie mit Alex in ihrem Zimmer erwischt. Sie konnte ihn von drei Wochen Handyverbot auf einen Abend Stubenarrest runterhandeln, weswegen sie heute, an einem Samstagabend, zu Hause bleiben musste, nur mit mir und ihrer DVD-Sammlung als Gesellschaft. Wieso hatte ich sie jetzt am Telefon?

Ich schaltete das Licht im Flur an und blickte zu ihrem Zimmer hinüber. Die Tür war wie immer geschlossen, sodass ich aufstehen und die sieben Schritte über den Flur gehen musste, um sie zu öffnen. Kein Geräusch war zu hören, das zerwühlte Bett war leer, das Fenster einen Spaltbreit offen. Wahrscheinlich, damit sie sich später wieder hineinstehlen konnte.

»Maddy? Wo bist du?«

»Bei Alex«, sagte sie mit gedämpfter Stimme, und ich hätte schwören können, dass sie weinte.

»Was ist los?«

Ich war vor allem neugierig. Maddy weinte nicht. Nie. Sie sagte, Weinen wäre ein Zeichen von Schwäche und dass es nur das Make-up ruinierte. Das mit der Schwäche verstand ich; die angesagten Leute, mit denen sie sich umgab, würden sich dankbar auf alles stürzen, was sie gegeneinander verwenden konnten.

Das mit dem Make-up … tja, das verstand ich nicht.

»Nichts. Ist egal. Du musst mich abholen, Ella.«

»Wo ist dein Auto?«

Wahrscheinlich hatte sie den Schlüssel verloren oder, was noch wahrscheinlicher war, sich auf einer von Alex’ Partys zu sehr betrunken, als dass sie hätte fahren können. Ich würde sie abholen, keine Frage, aber ich wollte zuerst den Grund erfahren.

»Zu Hause. Jenna hat mich abgeholt.«

»Es ist halb drei, Maddy«, sagte ich, während ich mir die Schuhe anzog. »Kannst du dich nicht von Jenna oder Alex bringen lassen?«

»Nein, Alex kann nicht und Jenna will nicht.«

Ich zuckte die Achseln, obwohl Maddy mich gar nicht sehen konnte. Ich kapierte nicht, warum Maddy sich mit Jenna abgab, warum sie ihre beste Freundin war.

»Komm schon, Ella. Wenn Mom und Dad merken, dass ich nicht da bin, krieg ich richtig Ärger.«

Ich schnaubte. Ärger? Meine Zwillingsschwester bekam nie richtigen Ärger. Sie schaffte es irgendwie immer, sich rauszureden, wusste genau, was sie wem gegenüber sagen musste, um sich aus der Affäre zu ziehen. Sie würde extra lieb zu unserer Mutter sein, für Dad einen Schmollmund machen, und was Alex anging … tja, was ich so mitbekam, hatte sie für ihn noch ganz andere Sachen auf Lager, um ihren Willen zu bekommen.

Ich konnte meine Freunde an einem Finger abzählen, sie dagegen konnte die ganze Cafeteria zum Lachen bringen. Ich stand immer um sechs Uhr morgens auf, damit ich rechtzeitig zur Schule kam, sie kam regelmäßig fünf Minuten nach dem ersten Klingeln, erzählte irgendwas von einer Reifenpanne und schaffte es immer, nicht nachsitzen zu müssen. Ich fiel abends um zwölf todmüde vom Lernen ins Bett, wenn sie sich aus dem Haus schlich, um mit ihrem Freund auf irgendeine Party zu gehen.

»Dir fällt bestimmt was ein, was du ihnen erzählen kannst.« Und sie würden es ihr abkaufen. Egal wem sie ihre Lügen auftischte, die Leute kauften sie ihr ab.

Maddy schaffte es außerdem immer, zu den besseren Schülern zu gehören, aber das war hauptsächlich mein Verdienst. Ich lernte tagelang für meine Tests, dann gab ich klein bei, wenn sie mich anbettelte, mich als sie auszugeben und einen Test für sie zu schreiben, den sie total vergessen hatte. Ich beklagte mich nie, denn sie war in keinen besonders anspruchsvollen Kursen und ich musste mich nicht groß anstrengen.

Inzwischen war ich so gut darin, Maddy zu spielen, dass noch nicht mal ihre Freunde etwas merkten. Ich behielt meine Haare so lang wie sie und hörte auf, mir pinke Strähnen zu färben, damit ich ihr ähnlicher sah. Ich bekam auch ihre Stimme hin, wusste genau, wie ich sie heben und senken musste, um ihren sarkastischen Ton zu treffen.

Letzte Woche hatte sie mir fünfzig Dollar gegeben, damit ich eine mündliche Prüfung in Spanisch für sie ablegte, die sie mal wieder »total vergessen« hatte. Ich bekam 82 von 100 Punkten, ein glattes B. Ein A hätte alle nur stutzig gemacht. Maddy ging stattdessen für mich in meinen Physik-Kurs, damit ich keinen Ärger bekam, weil ich schwänzte. Leider gab es einen unangekündigten Test, Maddy schrieb ihn mit und ich bekam mit 47 Punkten ein F. Jetzt konnte ich für den Rest des Schuljahrs Extra-Aufgaben machen, um letztendlich noch auf ein B zu kommen.

Aber ich habe es ihr heimgezahlt. Immer noch in meiner Rolle als Maddy bin ich zu Jenna gegangen und habe behauptet, dass ich mich nicht besonders fühlte und an dem Abend zu Hause bleiben würde. Dann rief ich Mom an und erzählte ihr das Gleiche. Maddy war stinksauer. Sie musste an einem Freitagabend zu Hause im Bett liegen und sich von Mom betüddeln lassen, während ich mir ins Fäustchen lachte. Und was Jenna anging … ich hatte sie noch nie im Leben so kreischen gehört. Es ging um ein Familienessen zu ihrem Geburtstag und Maddy hätte ihr versprochen, dabei zu sein. Na ja, nicht mein Problem.

»Bitte, Ella«, bettelte Maddy und riss mich aus den Gedanken. »Dafür hast du auch was gut bei mir. Versprochen. Egal was.«

»Das sagst du immer, Maddy.«

»Ich weiß, aber diesmal meine ich es ernst. Bitte.«

Ich konnte mich an jede Menge derartiger Versprechen erinnern. Im Unterschied zu ihr hielt ich meine Versprechen immer. Bei Maddy dienten Versprechungen bloß dem Zweck, die anderen dazu zu bringen, genau das zu tun, was sie wollte.

Wir waren so verschieden. Maddy trug Röcke und Stöckelschuhe und glättete sich die Haare, ich trug am liebsten Jeans und T-Shirt und Pferdeschwanz. Sie ging freitagabends auf Partys und ließ keinen einzigen Schulball aus. Ich saß mit Mikrowellen-Popcorn auf der Couch und guckte mittelmäßige Horrorfilme. Von ihren perfekten Haaren über ihre perfekten Freundinnen und Freunde bis hin zu ihren perfekt pedikürten Zehen war Maddy das genaue Gegenteil von mir.

»Ella?«, rief Maddy ins Telefon. »Ella!«

Das leise Weinen hatte aufgehört, dafür hörte ich jetzt, wie schnell ihr Atem ging, und ihre Stimme klang leicht panisch. Keine Ahnung, warum sie so austickte; ich hatte noch nie Nein gesagt. Sie war schließlich meine Schwester, meine Zwillingsschwester noch dazu, und ich würde ihr immer helfen.

»Ja, okay«, sagte ich und nahm das Sweatshirt vom Fußende des Bettes. »Ich bin in ’ner Viertelstunde da.«

Ich blätterte schnell mein Skizzenbuch durch und riss die beste von vier ziemlich identischen Zeichnungen vorsichtig heraus. Überraschenderweise war es die, die ich zuerst gemacht hatte. Ich scannte sie ein, fügte sie den bereits hochgeladenen hinzu und klickte auf Senden. Es war gerade mal der 18. Oktober. Bewerbungsschluss war eigentlich erst in zwei Wochen, aber, wie gesagt, ich wollte in der frühen Auswahlrunde dabei sein. Und wenn Maddy erwartete, dass ich alles stehen und liegen ließ, um sie abzuholen, konnte sie sich wenigstens zehn Minuten gedulden, bis ich meine Bewerbung für die Kunsthochschule abgeschickt hatte.

Kaum war ich aufgestanden, sprang Bailey vom Bett. Mein Hund war noch vor mir an der Zimmertür, wo er stehen blieb, als wartete er auf die Erlaubnis, mitkommen zu dürfen. So wie ich ihn kannte, würde er losbellen, sobald ich die Haustür hinter mir zuzog, um mich wissen zu lassen, dass es ihm nicht gefiel, zu Hause zu bleiben. Ich hatte kein Problem damit. Er war ein Hund – es würde keine zwei Sekunden dauern, bis er darüber hinweg war. Was ich allerdings nicht wollte, war, dass er meine Eltern weckte. Mir reichte es schon, Maddy aus der Klemme helfen zu müssen. Von Mom und Dad mit Fragen gelöchert zu werden, konnte ich nicht auch noch gebrauchen.

Ich nahm ein Leckerli aus der Packung auf meinem Nachttisch und versteckte es unter der Bettdecke. Bailey verhielt sich wie erwartet. Er sprang aufs Bett und fing an herumzuschnüffeln. Ich hatte das Leckerli tief genug unter der Decke versteckt, dass er eine Weile beschäftigt sein würde, bis er es gefunden hatte – hoffentlich lang genug, dass ich es unbemerkt aus dem Haus schaffte.

Bevor ich runterging, warf ich noch einen schnellen Blick ins Schlafzimmer meiner Eltern. Sie schliefen, und der Fernseher, der immer noch lief, warf ein blassblaues Licht ins Zimmer. Ich überlegte kurz, ob ich ihn ausschalten sollte, aber die plötzliche Stille würde sie vielleicht aufwecken. Mein Blick fiel auf die Reihe von Fotos auf Moms Kommode. Das flackernde Licht vom Fernseher ließ erahnen, was darauf zu sehen war, aber ich wusste es auch so. Die Fotos standen seit einer Ewigkeit da.

Das große in der Mitte war ein Familienfoto von Weihnachten vor drei Jahren, auf dem wir in einem Fotostudio vor einem Papp-Kamin posierten. Mein mürrischer Gesichtsausdruck hatte später noch für ziemlichen Streit gesorgt. Daneben war ein Foto von Maddy und mir an unserem sechzehnten Geburtstag. Sie sah wie immer umwerfend aus und blickte irgendwo in die Ferne, wahrscheinlich zu Alex. Ich dagegen wartete ungeduldig darauf, dass Mom das blöde Foto endlich schoss, damit ich wieder in mein Zimmer gehen konnte. Die anderen drei Fotos zeigten alle Maddy. Maddy nach dem Sieg ihres Hockeyteams in der Zehnten. Maddy und Alex letztes Jahr beim Schulball. Maddy mit ihrem »neuen« Auto.

Im echten Leben war es genauso. Bei der Weihnachtsfeier im Büro meines Vaters wurde sie als Erste von uns beiden vorgestellt. Wenn wir alle zusammen zur Kirche gingen, saß grundsätzlich sie zwischen Mom und Dad. Wenn ein Verwandter oder eine alte Freundin meine Mutter nach den Zwillingen fragte, erzählte sie zuerst von Maddys Erfolgen. Was sie über mich erzählen sollten, war ihnen noch nie so ganz klar.

Ich war die Kluge, Ruhigere von uns beiden, die lieber Bücher las, statt auf Partys zu gehen. Zurückhaltend und ein bisschen eigen, so beschrieben sie mich ihren Freunden. Zurückhaltend und ein bisschen eigen.

Leise schloss ich die Tür und ging die Treppe runter. Draußen war es stockdunkel, der Mond irgendwo hinter dicken Wolken versteckt. Es hatte geregnet, und wie es aussah, würde es das auch bald wieder tun.

Ich nahm meine Jacke und die Mütze von der Garderobe und ging raus. Zum Glück brannte bei den Nachbarn noch das Licht auf der Veranda, sonst wäre ich direkt in die Mülltonnen am Ende unserer Einfahrt gerannt. Ich war schon zweimal gestolpert – das erste Mal über Baileys Spielzeug, ein halb zerkautes Seil, und dann ein paar Schritte weiter über den Rasensprenger. Letzterer ließ mich zu Boden gehen, ich landete auf dem Hintern und versuchte fluchend, die feuchten Flecken aus meiner Jeans rauszuwischen.

Als ich es endlich bis zu meinem Auto geschafft hatte, sah ich, dass Maddys Auto mitten in der Einfahrt stand und damit alle anderen blockierte.

»Echt jetzt, Maddy?«, schimpfte ich und trat gegen einen der Vorderreifen. Es wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn sie morgens als Erste losfahren würde, aber das tat sie nie. Maddy verließ immer als Letzte das Haus, raste los und schminkte sich dann auf dem Weg zur Schule im Rückspiegel. Ich durfte die Autos jeden Morgen umparken, damit Dad pünktlich zur Arbeit und ich zur Schule kam.

Mit schmerzendem Zeh ging ich zurück zum Haus. Maddys Wagen umzuparken war nicht drin. Wenn meine Eltern schon aufwachten, wenn ich nur den Fernseher ausmachte, würden sie mit Sicherheit aus dem Bett springen, wenn ich anfing, Autos in der Einfahrt hin- und herzufahren.

Ich hängte meinen Schlüsselbund an den Haken neben der Tür. Es gab fünf Haken, jeder mit einem Namen. Meiner, Dads, Moms, Maddys; der fünfte Haken war für den Rasentraktor. Aber Maddys Schlüssel war nicht da. Natürlich nicht. So, wie ich Maddy kannte, lag er auf dem Küchentresen, wo sie ihn beim Reinkommen hingepfeffert hatte, weil sie wie immer davon ausging, dass jemand anderes ihn für sie aufhängen würde.

»Das ist das allerletzte Mal, Maddy. Ich schwöre dir, das ist das allerletzte Mal, dass ich irgendwas für dich tue«, grummelte ich vor mich hin, während ich im Dunkeln den Küchentresen abtastete. War ja klar, dass sie es mir nicht leicht machen würde, ihr aus der Patsche zu helfen. Nein, Maddy musste alles immer so kompliziert wie möglich machen.

Schließlich fand ich ihren Schlüssel hinterm Radio. Dafür würde ich ihr noch gehörig die Meinung geigen. Fluchend ging ich wieder hinaus in die feuchte Nachtluft. Wenn alles lief, wie es sollte, wäre ich in einer knappen halben Stunde wieder zu Hause und im Bett, und Maddy hätte mir mal wieder versprochen, dass ich was bei ihr guthabe.

2

Als ich bei Alex ankam, nieselte es. Abgesehen von den ganzen Autos, die zwischen den Bäumen parkten, ließ nichts darauf schließen, dass hier eine Party stattfand. Das war wohl einer der Vorteile, wenn man richtig Kohle hatte – eine endlos lange Auffahrt und ein riesiges Grundstück als Schalldämpfer zur Straße hin.

Ich musste an den Tag denken, an dem Maddy Alex Furey kennengelernt hatte. Wir waren neu auf der Highschool und es war unser dritter Schultag. Ich dachte, zusammen mit meiner Schwester auf eine neue Schule zu gehen, würde es einfacher machen, denn es gab ja zumindest eine Person, mit der ich in der Cafeteria am Tisch sitzen konnte. Ich hatte allerdings nicht bedacht, dass wir nicht dieselben Kurse hatten, dass Maddy sehr viel kontaktfreudiger war als ich und dass wir auch sonst ziemlich wenig gemeinsam hatten. Ich dachte, wir würden einfach zusammenhalten und ich hätte eine Art eingebautes Sicherheitsnetz.

Die ersten beiden Tage ließ Maddy es zu, dass ich mich an sie dranhängte, und ermutigte mich lächelnd, loszuziehen und neue Freundschaften zu schließen. Ich versuchte es: setzte mich neben Leute, die ich aus meinen Kursen wiedererkannte, und sagte Hallo zu den wenigen, die in meine Richtung schauten. Aber als niemand antwortete, ignorierte ich sie und kümmerte mich nicht weiter darum.

An jenem ersten Mittwoch kam ich in die Cafeteria und wollte Maddy unbedingt meine neueste Zeichnung zeigen. Die Cafeteria war genauso voll wie immer, es roch nach einer Mischung aus verbrannter Pizza und alten Sportsocken. Aber ich freute mich auf die halbe Stunde Pause. Ich nahm mir ein Tablett und kaufte etwas, das einigermaßen essbar aussah – einen Hotdog. Dann ging ich Maddy suchen. Aber sie saß nicht in der Ecke, in der sie Montag und Dienstag gesessen hatte. Der Tisch war leer – acht leere Stühle um einen ebenso leeren Tisch. Ich schaute zu den anderen Tischen hinüber und konzentrierte mich automatisch auf die, an denen nur eine Person saß. Keine Maddy. Erst als ich den Blick zu den sechs Tischen wandern ließ, die jemand in der Mitte des Raums zusammengeschoben hatte, entdeckte ich sie. Und sie saß nicht auf einem Stuhl, sondern auf einem der Tische, die Arme um den Hals eines Jungen geschlungen. Sie lachte.

Ich stand da und beobachtete sie, unschlüssig, ob ich rübergehen und mich zu ihr setzen sollte oder mir lieber einen der freien Tische am Rand suchte. Zum Glück musste ich keine Entscheidung treffen. Das erledigte Maddy für mich.

Sie löste sich aus der Umarmung des Jungen und sprang vom Tisch. Ich konnte bei dem Krach nichts verstehen, aber es war offensichtlich, dass sie zu dem Jungen sagte, sie wäre gleich zurück.

»Hey«, sagte sie, als sie vor mir stand. »Ich hab draußen auf dich gewartet, aber –«

»Ja, tut mir leid, in Mathe hat’s ein bisschen länger gedauert, weil ich noch eine Frage hatte«, unterbrach ich ihre Lüge. Sie hatte noch nie draußen auf mich gewartet. Nicht an der Junior Highschool und auch nicht hier.

»Wer ist das?«, fragte ich und blickte an ihr vorbei zu der Gruppe von Leuten, die jetzt zu uns hersahen.

»Alex Furey«, sagte sie und lächelte ihn an, mit schief gelegtem Kopf und irgendwie … sexy. So ein Lächeln hatte ich noch nie bei ihr gesehen.

»Okay«, sagte ich und machte einen Schritt in seine Richtung. Es war mir egal, mit wem wir am Tisch saßen, solange ich nicht allein sitzen musste.

Doch Maddy hielt mich zurück, mit ihren perfekten rosa lackierten Fingernägeln griff sie nach meinem Arm. Ich starrte darauf. Wann hatte sie die Zeit gehabt, sich die Nägel zu lackieren – und seit wann lackierte sie sie rosa? Und waren das da mittendrauf kleine weiße Blüten?

Als wir morgens zur Schule gekommen waren, hatten wir noch fast identisch ausgesehen, sodass unser Klassenlehrer zweimal hingucken musste. Wir trugen die gleiche Jeans, das gleiche langweilige beigefarbene Tanktop und hatten die Haare beide zu einem Knoten gebunden, doch irgendwie hatte sich an ihr innerhalb der letzten drei Stunden von den Schuhen bis zum Make-up alles verändert.

»Alex hat einen Cousin in deinem Alter. Er sagt –«

»Du meinst, in unserem Alter«, unterbrach ich sie.

Sie zuckte bloß die Achseln und schob mich in Richtung der Tische im hinteren Bereich der Cafeteria. »Du magst ihn bestimmt. Was Alex über ihn erzählt hat, seid ihr euch ziemlich ähnlich.«

Was übersetzt hieß: Er war klug, ruhig und so sonderbar, dass selbst sein eigener Cousin nichts mit ihm zu tun haben wollte. Und ich war es anscheinend auch.

»Er gründet gerade eine Anime-und-Manga-AG«, fuhr sie fort und zuppelte an meinem Notizbuch herum, das ich unter dem Tablett hielt. Es war voller Manga-Zeichnungen, die während der Geschichtsstunde entstanden waren. Ein paar waren ganz gut, die meisten bloß Gekritzel. Ich hatte die Zeichnung, die ich ihr beim Essen zeigen wollte, aus dem Buch gerissen und obendrauf gelegt.

Maddy nahm mir das Tablett aus der Hand und beachtete die Zeichnung darunter gar nicht. »Komm schon. Ich stell euch einander vor.«

Sie war schon fünf Schritte vorgegangen, als ich endlich die Zeichnung ins Notizbuch legte und mich in Bewegung setzte. Schließlich blieb sie vor einem Tisch stehen, an dem zwei Jungs saßen. Sie waren in meinem Englisch-Leistungskurs, aber ich hatte keine Ahnung, wer sie waren. Beide hatten lange Haare, trugen Mountain-Dew-T-Shirts und waren ganz auf ihr Essen konzentriert, bis meine Schwester mein Tablett auf den Tisch stellte.

Ich blickte von ihnen zu Maddy. Maddys Essen (falls sie überhaupt welches hatte), ihre Bücher und ihr Handy waren beim anderen Tisch.

»Du bist Ella, oder?« Ich drehte mich zu dem Jungen am Tisch um und nickte. Woher wusste er, wie ich hieß? »Ich bin Josh.«

Ich schwieg. »Ja, sie heißt Ella«, antwortete Maddy für mich. »Sie steht auf diese japanischen Cartoons, die ihr so toll findet.«

Maddy schubste mich vorwärts und ich stolperte gegen den Tisch. »Stimmt’s, Ella?«

Ich nickte, immer noch verwirrt, immer noch stumm. Noch bis vor fünf Minuten hatte Maddy »diese japanischen Cartoons« auch toll gefunden. Das letzte Mal, als ich in ihr Zimmer geguckt hatte, hing da eine ganze Pinnwand voll mit meinen Zeichnungen. Jetzt klang es so, als ginge es um Risiken und Nebenwirkungen, mit denen man rechnen musste, wenn man eine eineiige Zwillingsschwester hatte. Sie blickte wieder zum anderen Tisch rüber und ich beobachtete, wie sie sich vor meinen Augen in einen ganz anderen Menschen verwandelte. Sie schüttelte den Kopf und warf leise kichernd die Haare zurück. Alex zwinkerte ihr zu und ich hätte schwören können, dass sie rot wurde.

»Du kommst klar, oder?«, fragte Maddy über die Schulter hinweg, während sie bereits davontänzelte. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe zu antworten. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, zu kapieren, was zum Teufel hier abging.

»Willst du dich nicht setzen?«, fragte Josh.

»Was?«

»Ich sagte: Willst du dich nicht setzen?«

»Doch. Klar.«

Ich setzte mich mit drei Stühlen Sicherheitsabstand an den Tisch. Schweigend konzentrierte ich mich auf mein Essen, verwirrt und verletzt, dass ich von meiner eigenen Schwester im wahrsten Sinne des Wortes abserviert worden war.

Drei Jahre später saß ich immer noch mit Josh am selben Tisch, aber inzwischen störte es mich überhaupt nicht mehr, dass meine Schwester mich hierher abgeschoben hatte.

3

Ich parkte so nah wie möglich am Haus, was immerhin noch fünfzehn Autos entfernt war. Durchs Fenster konnte ich jetzt die Musik hören, die wummernden Bassbeats. Aus reiner Gewohnheit schloss ich das Auto ab. Nicht dass irgendjemand auf die Idee gekommen wäre, es zu klauen. Der zehn Jahre alte Honda meiner Schwester war nichts Besonderes im Vergleich zu den anderen nagelneuen Spielzeugen, die hier rumstanden. Außerdem ließ man besser die Finger von Dingen, die Alex Furey gehörten. Und dazu zählte meine Schwester eindeutig.

Ich folgte der Musik in Richtung Haus. Die vordere Veranda lag voll mit Plastikbechern, leeren Getränkedosen und Pizzakartons. Ich stieg die Treppe hoch, gab mir Mühe, die beiden, die am Treppengeländer miteinander rummachten, nicht anzustarren, und öffnete die Tür.

Ich weiß nicht, was mich härter traf, die Musik oder der Mief, aber ich brauchte auf der Stelle wieder frische Luft. Nach drei Schritten rückwärts ließ der Gestank – eine Mischung aus Parfüm, Hasch und Schweiß – etwas nach. Das Pochen in meinem Kopf … na ja, es wurde einigermaßen erträglich. Ich war seit meinem ersten Jahr auf der Highschool auf keiner solchen Party mehr gewesen. Damals hatte Mom Maddy Geld gegeben, damit sie mich mitnahm. Sie hatte wohl gemeint, ich müsse neue Freundschaften schließen. Seitdem hatte ich jede Menge Zeit damit verbracht, Maddy von Partys abzuholen, aber es tunlichst vermieden, jemals wieder selbst zu einer zu gehen.

»Hey, was machst du denn hier?«, drang eine Stimme durch das Pochen in meinem Schädel und im nächsten Moment sah ich Josh durch die Tür nach draußen kommen. Ich wollte ihn schon dasselbe fragen – er hatte nicht unbedingt eine Topposition auf der Gästeliste seines Cousins –, da fiel mir wieder ein, dass seine und Alex’ Eltern ja zusammen weggefahren waren. Familienurlaub ohne Kinder.

Seltsamerweise hielten es beide Elternpaare für klüger, wenn Josh und Alex die Zeit, während sie weg waren, zusammen verbrachten. Ich vermutete ja, dass das vor allem auf Alex’ Vater zurückging, der wahrscheinlich sichergehen wollte, dass sein Sohn in seiner Abwesenheit nicht das Haus verwüstete. Josh hatte sich seinen Eltern zuliebe darauf eingelassen, aber dass er hier den Babysitter für seinen Cousin spielte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

»Maddy hat mich angerufen, dass ich sie abholen soll«, sagte ich.

»Bleib doch noch ein bisschen. Wir können oben Filme gucken. Ich hab welche mitgebracht.«

Er ging mir schon seit Wochen damit auf die Nerven, dass ich mehr Zeit mit ihm verbringen sollte, aber ich hatte an nichts anderes als meine Bewerbung für die Kunsthochschule und die Lernerei für Physik denken können. Außerdem hatte er jetzt Kim, und sie nahm gern jede freie Sekunde seiner Zeit in Anspruch.

»Ich kann nicht«, sagte ich. »Ich bin todmüde und wir schreiben Montag Physik. Ich hoffe, dass ich diesmal mehr als ein B bekomme.« Genauer gesagt brauchte ich ein A, um das F wieder auszugleichen, dass Maddy mir letzte Woche eingebrockt hatte.

Josh zuckte die Achseln, die leise Hoffnung, die ich eben noch in seinem Blick gesehen hatte, verschwand. »Ich hab heute Morgen meine Bewerbung abgeschickt. Bist du mit deiner fertig geworden?«

»Jepp. Hab sie eben noch losgeschickt. Jetzt heißt es wohl abwarten.«

Josh lachte. Wir hatten es seit dem ersten Jahr an der Highschool so geplant. Wir wollten am selben Tag unsere Bewerbungen an dieselben Kunsthochschulen abschicken, und dann würden wir vier Wochen lang zusammen hoffen und bangen. Wenn dann die E-Mails kämen, würden wir uns treffen und sie zusammen lesen. Entweder wir gingen beide oder wir gingen gar nicht. Sollte einer von uns beiden nicht genommen werden, dann würden wir eben beide nicht gehen. So hatten wir es abgemacht.

»Genau, jetzt heißt es abwarten.« Er hielt mir die Tür auf und wir gingen ins Haus. Es dauerte eine Weile, aber als ich mich dran gewöhnt hatte, war der Mief drinnen gar nicht mehr so schlimm. Es war auch nicht allzu voll, aber das machte es nicht einfacher, Maddy zu finden. Niemand hielt es für nötig, uns Platz zu machen, und so mussten wir uns um Menschen und Möbel herumschlängeln und hin und wieder einem bösen Blick ausweichen, um auf die andere Seite des Wohnzimmers zu kommen.

»Heute ohne Kim?«, fragte ich Josh grinsend. Sie hatte in letzter Zeit wie eine Klette an ihm gehangen und sich dauernd beschwert, dass er zu viel Zeit mit mir und zu wenig mit ihr verbrachte. Ich wusste nicht, wo ihr Problem lag, und Josh wusste es auch nicht, aber ich war auch nicht diejenige, die etwas mit einer Zehntklässlerin hatte.

»Nee, Alex wollte nur Leute aus der Zwölften auf der Party«, sagte er und es klang so, als ob ihm Kim auch nicht allzu sehr fehlte. Er hatte schon den ganzen Tag mit ihr verbracht, während ich mich in meinem Zimmer verkrochen und meine Bewerbung fertig gemacht hatte. Wahrscheinlich war er ganz froh, mal frei von ihr zu haben.

Wir bahnten uns weiter unseren Weg durchs Haus, und als ich sah, wie jemand in meine Richtung zeigte und abfällig das Gesicht verzog, stieg Ärger in mir auf. Wenn ich wollte, konnte ich genauso aussehen, mich genauso verhalten wie meine Schwester, das tat ich schließlich schon seit Jahren immer mal wieder. Aber wenn ich einfach nur ich selbst war, so wie jetzt, war ich niemand.

»Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie in der Küche«, sagte Josh und zeigte in die andere Richtung. »Aber das ist schon eine Weile her.«

»Was ist mit dir?«

»Was soll mit mir sein?«

»Warum hast du sie nicht nach Hause gefahren?«

»Sie hat mich nicht gefragt«, sagte er und ich hörte ihm an, dass er Maddy gern nach Hause gebracht hätte … wenn sie denn gefragt hätte.

Neugierig sah ich mich um, während wir durchs Haus gingen. Meine Schwester war seit dem ersten Jahr an der Highschool mit Alex zusammen, trotzdem war ich noch nie hier gewesen. Ich hatte sie diverse Male am Ende der Auffahrt abgeholt und sogar mal an der Tür geklingelt. Aber nicht ein einziges Mal hatte mich jemand reingebeten.

Ich fragte mich, was an diesem Jungen so besonders sein sollte. Wenn es etwas gab, erschloss es sich mir jedenfalls nicht. Das Haus, in dem er wohnte, war vielleicht größer als unseres, aber die Möbel sahen auch nicht teurer aus. Die iPod-Dockingstation auf dem Tisch war schon ein paar Jahre alt. Meine war besser.

Da sah ich ein Mädchen, das zusammengekauert auf der Couch saß. Sie schniefte und fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Irgendwie kam sie mir bekannt vor; wenn es im Zimmer nicht so dunkel gewesen wäre, hätte ich sie wahrscheinlich sofort erkannt.

Ich folgte ihrem Blick auf die andere Seite des Zimmers, um zu sehen, was sie so aufgewühlt hatte. Doch da war nichts als ein riesiger Flachbildschirm, und der war aus.

»Ist alles okay mit ihr?«, fragte ich Josh.

»Mit Molly?«, fragte er. »Glaub schon. Ich hab sie vorhin gefragt, ob ich sie nach Hause fahren soll oder ob ich ihr sonst irgendwie helfen kann. Sie meinte, ihr geht’s gut und ich soll sie in Ruhe lassen.«

Ich nahm mir vor, Molly selbst noch mal zu fragen, sobald ich Maddy gefunden hätte. Dann würde ich sowieso von hier verschwinden und könnte sie mitnehmen.

Die Küche befand sich auf der anderen Seite des Hauses und war offenbar die zentrale Zapfstelle. Irgendjemand hatte Eis in eine Mülltonne gefüllt und ein großes Bierfass obendrauf gestellt. Neben der Schiebetür zur Küche standen zwei Kühlboxen, und die Reste diverser Pizzen lagen überall herum. Es war brechend voll – die Leute drängten sich in der schmalen Nische zwischen Kühlschrank und Vorratskammer, saßen auf dem Tresen, lehnten an den Wänden. Aus dem Esszimmer hatten sie Stühle rübergeholt, sodass sich zwölf Leute an den Tisch quetschen konnten. Zwischen einer Unmenge Plastikbecher lag etwas, das aussah wie ein Tischtennisball.

Ich durchkämmte die Küche zweimal nach Maddy, versuchte in dem Gewirr der Stimmen ihre herauszuhören. Ich stützte mich sogar auf Joshs Schultern, um einen besseren Überblick zu haben, entdeckte sie aber nirgends.

»Sie ist nicht hier«, sagte ich schließlich und warf einen Blick auf meine Uhr. So viel dazu, dass ich in einer knappen halben Stunde wieder im Bett liegen wollte.

Auch Josh sah sich noch mal um, dann sprach er einen Jungen an, der an der Tür stand. »Hast du Maddy Lawton irgendwo gesehen?«

Der Junge warf uns einen kurzen Blick zu, dann öffnete er eine der Kühlboxen, wühlte im Eismatsch herum und nahm sich irgendeinen Alkopop raus. Er grinste mich an. Ganz offensichtlich war er zu betrunken, um zu merken, dass ich nicht meine Schwester war. Ich kannte ihn aus Maddys Spanischkurs. Keith irgendwas. Er saß neben ihr und hatte mich nach der mündlichen Prüfung, die ich für Maddy abgelegt hatte, gefragt, ob ich ihm nicht die Antworten verraten wollte. Ich hatte mit den Wimpern geklimpert und in meiner besten Maddy-Imitierstimme gesagt: »Aber natürlich, Schätzchen. Für dich tue ich doch alles.« Dann hatte ich die falschen Antworten aufgeschrieben und ihm rübergeschoben. Er hatte gezwinkert und sie durchgelesen, ohne auch nur eine Sekunde daran zu zweifeln, wer ich war. Idiot.

Josh bemerkte Keiths Blick und stellte klar: »Das ist Ella. Wir suchen Maddy.«

»Ha! Das erklärt, warum sie so scheiße aussieht«, sagte Keith und ging weg, ohne sich weiter um uns zu kümmern.

Ich sah an mir runter, dachte schon, dass ich in der Eile zwei verschiedene Schuhe angezogen oder einen großen Pizzafleck auf dem Sweatshirt hätte. Ich hatte eine alte Jeans an, einen schlichten grauen Kapuzenpulli, eine ebenso langweilige Jacke, aber nichts daran war extrem falsch. Die Sneakers passten auch zusammen, also lag es möglicherweise an meinen Haaren. Ich hatte sie, bevor ich losgefahren war, schnell zum Pferdeschwanz gebunden und dann unter meine Mütze gesteckt. Vielleicht hätte ich sie bürsten sollen.

Josh griff nach meiner Hand, als ich mir damit über die Haare streichen wollte. »Du siehst gut aus. Der Typ ist einfach nur bescheuert.«

Damit Josh nicht merkte, wie sehr mich die Bemerkung verletzt hatte, setzte ich schnell ein Lächeln auf. Aber es gelang mir wohl nicht besonders.

»Das war nicht gelogen, du siehst gut aus«, wiederholte Josh. »Das tust du immer.«

Ich schüttelte den Kopf und sah zu, wie Keith nach ein paar Schritten stehen blieb und sich zu einem Mädchen hinunterbeugte, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Es drehte sich zu mir um. Mist, Jenna.

Sie kam auf mich zu, in der einen Hand ein Bier, mit der anderen zog sie den betrunkenen Jungen hinter sich her. Der angewiderte Gesichtsausdruck, den sie extra für mich reserviert zu haben schien, war wieder da. »Was machst du denn hier?«, fragte sie. »Ich glaube nicht, dass du auf der Gästeliste stehst.«

»Wo ist Maddy?«, fragte ich, ohne auf ihren Kommentar einzugehen.

»Sie wird ausflippen, wenn sie mitkriegt, dass du hier bist. Gott, es ist schon schlimm genug, dass sie sich in der Schule mit dir abgeben muss, aber auch noch hier …« Sie schüttelte den Kopf und brachte den Satz nicht zu Ende, offenbar war sie nicht imstande, ihren Hass auf mich in Worte zu fassen.

»Mir egal. Wo ist sie?«

Jenna sah an die Decke und ich stöhnte. Das wäre mal wieder typisch für Maddy, mich in heller Aufregung anzurufen, dann noch zwei Bier zu trinken und alles zu vergessen. »Das kann nicht wahr sein.«

Jenna kicherte und spielte mit den blonden Nackenhaaren des betrunkenen Jungen. Es war schon beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit sie von Bitch zu Flirtqueen wechseln konnte. Ich … fand es nicht so lustig.

»Willst du oben nachsehen?«, fragte Josh und deutete die Treppe hoch.

»Äh … nein«, sagte ich, als mir einfiel, wie ich einmal unangekündigt in Maddys Zimmer geplatzt war, um mir meinen Taschenrechner, den sie sich »geliehen« hatte, wiederzuholen. Mom war zu einem Buchclub-Treffen und Dad noch bei der Arbeit, sonst hätte Alex bestimmt keinen Fuß in Maddys Zimmer gesetzt. Dad hatte dafür gesorgt, dass Alex und Maddy beide die Regel kannten – keine Jungs mit nach oben, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, und auch wenn sie da waren, musste die Tür offen bleiben. Weit offen. An dem Abend war die Tür zu gewesen und ich hatte mehr von Alex zu sehen bekommen, als mir lieb war.

»Lass uns draußen gucken. Wenn sie da nicht ist, sehe ich oben nach«, sagte Josh.

Ich nickte dankbar und folgte Josh hinaus auf die Terrasse. Was dem Haus drinnen fehlte, machte der Garten wieder wett. Es war ruhig hier und die ausgedehnte Rasenfläche ging hinunter bis an den See. Ich meinte so etwas wie einen Bootsanleger zu sehen, aber in der Dunkelheit war das nicht so genau zu erkennen.

Was ich jedoch ganz deutlich erkannte, waren zwei Gartenstühle neben der Terrassentreppe. Und wenn meine Augen mich nicht täuschten, saß jemand in einem der beiden.

»Maddy?«, fragte ich, als ich näher ranging. Sie kauerte in sich zusammengesunken mit angezogenen Knien da, ihre Schuhe, die sie an den Schnürsenkeln festhielt, baumelten neben ihr.

»Maddy?«, wiederholte ich und schüttelte sie leicht. So hatte ich sie noch nie gesehen – ganz still und gar nicht richtig da –, und es jagte mir einen gewaltigen Schreck ein. »Was ist los?«

Sie blickte auf, und die Angst, die ich eben noch empfunden hatte, war nichts gegen den Schmerz, der mich auf einmal durchfuhr. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie versuchte, sich unter Kontrolle zu bekommen. Anscheinend hatte sie schon eine ganze Weile ziemlich heftig geweint.

Ich warf Josh einen Blick zu in der Hoffnung, dass er mir das irgendwie erklären könnte. Er war schließlich die ganze Zeit hier gewesen, schlief unter demselben Dach wie Alex. Er musste doch wissen, was hier los war.

Josh zuckte mit den Schultern, hockte sich vor meine Schwester und schaute sie an. Er wartete kurz, bis sie ihn erkannte, dann fragte er: »Wo ist Alex?«

»Drinnen«, antwortete sie und hickste.

»Soll ich ihn holen?«

»Nein«, sagte sie und stand auf.

Sie war pitschnass und zitterte, ihre Lippen waren fast blau. So feucht, wie der Rasen war, hatte es wohl schon länger geregnet. Und anscheinend hatte Maddy da schon draußen gesessen, allein.

Mir kam es nicht so vor, als ob sie betrunken wäre. Sie war ohne Probleme aufgestanden und hatte unsere Fragen ohne Zögern beantwortet. Sie schwankte nicht und hielt sich auch nicht den Mund zu, weil irgendwas hochzukommen drohte. Nein, ich wusste, wie Maddy aussah, wenn sie betrunken war, und jetzt war sie es nicht.

Meine Vermutung war, dass für ihren trüben Blick die Tränen verantwortlich waren und nichts sonst. »Was ist los?«, fragte ich sie noch einmal.

Sie sah mich einen langen Moment wortlos an, dann schüttelte sie den Kopf. »Nichts. Können wir los?«

Ich hatte tausend Fragen, aber ich wusste, ich würde keine Antwort bekommen. Ich dachte daran, das ganze Haus nach Alex abzusuchen, bis ich ihn gefunden hätte und ihn fragen könnte. Aber irgendwie glaubte ich nicht, dass das weiterhelfen würde. Wenn Maddy nicht wollte, dass ich Bescheid wusste, dann würde er mir auch nichts erzählen. Ich würde erst am Montag in der Schule davon erfahren – und dann am nächsten Tag noch mal eine vollkommen andere Version der Geschichte hören. Am Ende der Woche würde es schließlich fünfzehn verschiedene Versionen geben von »Was war los mit Maddy Lawton?«. Aber vorher wollte ich die wahre Geschichte von ihr hören.

Fürs Erste ließ ich es aber gut sein. Wichtiger als alles andere war jetzt, meine zitternde Schwester ins warme Auto zu bekommen. Morgen … morgen würde ich die Fragen stellen.

4

Ich versuchte gar nicht erst, noch mit ihr durchs Haus zu gehen. Es hatte seinen Grund, dass Maddy allein hier draußen war – und dazu gehörte vermutlich, dass ihre Freunde sie nicht in diesem Zustand sehen sollten.

»Soll ich hinter euch herfahren?«, fragte Josh.

Ich schüttelte den Kopf. Sein Auto war total eingeparkt, und wenn ich nicht bald nach Hause käme, wäre mein größtes Problem nicht meine schweigsame, todunglückliche Schwester, sondern mein Vater.

»Ruf mich an, wenn ihr da seid«, sagte Josh und zeigte aufs Haus. Ein paar Leute waren nach draußen gekommen und machten sich jetzt einen Spaß daraus, die Alarmanlagen der Autos in Gang zu setzen. »Ich werde noch eine Weile wach sein.«

Keine Frage, er würde den Rest der Nacht aufbleiben und sich ums Aufräumen kümmern, während Alex wahrscheinlich längst auf der Couch eingeschlafen war.

Ich setzte mich hinters Steuer und sah zu meiner Schwester rüber, die zusammengesunken neben mir saß und aus dem Fenster starrte. Ihre Haare hingen ihr in nassen Strähnen über die Schultern, das Make-up war verschmiert.

»Deine Mascara ist verlaufen«, sagte ich und holte ein Taschentuch aus meiner Hosentasche. Es war feucht vom Regen, aber das machte nichts, so würde es umso besser funktionieren.

Sie warf das Taschentuch beiseite, öffnete das Handschuhfach und holte eine kleine Packung Babytücher heraus. Innerhalb weniger Sekunden war ihr Gesicht sauber, jede Spur von Make-up verschwunden. So in natura, ohne den Versuch, irgendwas vorzutäuschen, ohne ein Bild, das sie wahren müsste, sah sie mir viel ähnlicher.

Zitternd zog sie die Knie an die Brust und legte den Kopf darauf. Dann blickte sie mich an und lächelte, und ich wusste, dass ich mehr als dieses leichte Zucken ihrer Mundwinkel als Dankeschön nicht bekommen würde. Ich blickte auf ihre Füße. Sie waren nackt. Als ich Maddy draußen im Garten entdeckt hatte, hatte sie ihre Schuhe noch in der Hand gehabt. Wahrscheinlich hatte sie sie fallen gelassen, als sie aufgestanden war. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, die Schuhe zu holen und bei der Gelegenheit noch eine von Alex’ Jacken mitzunehmen, aber ich wollte nicht noch mehr Zeit verschwenden.

Also zog ich meine Jacke und mein Sweatshirt aus und gab ihr beides zusammen mit meiner Mütze. Ich würde mir garantiert den Hintern abfrieren, bis die Heizung warm wurde. Aber Maddy war ganz blass und zitterte fürchterlich. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.

Sie nahm das Sweatshirt und schlüpfte hinein, dann zog sie die Jacke drüber und wickelte sie eng um sich, versank richtig im Stoff. Sie beschwerte sich nicht, als ich ihr die Haare unter die Mütze steckte, bedankte sich aber auch nicht, noch nicht mal, als ich ihr auch noch meine Schuhe und Socken gab. Sie zog bloß alles an und starrte dann wieder aus dem Fenster.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie noch Danke gesagt – oder die einzigen trockenen Sachen, die ich hatte, erst gar nicht genommen. Aber vieles kann sich verändern innerhalb weniger Jahre. Sie hatte sich sehr verändert innerhalb weniger Jahre.