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Ein schillernder Papagei und zwei mutige Geschwister … Der Vater von Dunja und Jorkos ist Holzfäller. Jeden Tag geht er mit seiner Axt in den Wald, doch eines Abends kehrt er nicht zurück. Als Dunja einen Traum hat, der ihr verrät, wo sie ihren Vater finden kann, beschließt sie, sich auf die Suche zu machen. Zusammen mit Jorkos schleicht sie sich aus dem Haus – und schon beginnt eine spannende, geheimnisvolle Reise, bei der sieben Federn eines bunten Papageis eine wichtige Rolle spielen. Sie gelangen zur Nebelkönigin, die den Vater gefangen hält – und mit Hilfe des Papageis gelingt es den beiden Kindern, ihn zu befreien …
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Seitenzahl: 45
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Paul Biegel
Mit Illustrationen von Linde Faas
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Urachhaus
1. Der Wald des Holzfällers
2. Unterwegs
3. Die Berge
4. Die Wüste
5. Der Sumpf
6. Die Stadt
7. Der Weiße-Birken-Wald
8. Das Zauberschloss
9. Der Sturm
10. Die Nebelkönigin
Der Autor
Vor langer, langer Zeit, als alle Schiffe noch Segel hatten, lebten zwei Kinder mit ihrem Vater und ihrer Mutter am Rand eines großen Waldes.
Dunja und Jorkos hießen die Kinder. Dunja war die Schwester von Jorkos, und Jorkos war der Bruder von Dunja, und ihr Vater war Holzfäller.
Jeden Morgen ging der Vater mit seiner blitzblanken Axt in den Wald und fällte Bäume mit so geraden Stämmen, dass man sie direkt als Masten für die Segelschiffe verwenden konnte. Niemand wusste, wo im Wald diese kerzengeraden Bäume standen, und der Holzfäller erzählte es auch niemandem. Zu Dunja und Jorkos aber sagte er einmal: »Es ist dort so still wie die Nacht, und wenn der Wind weht, dann singen diese Bäume schöner als der schönste Chor.«
»Was singen sie denn?«, fragte Jorkos.
»Wenn du groß bist«, sagte der Vater, »groß genug, um einen Baum zu fällen, darfst du mit mir in den Wald und hören, was sie singen.«
»Und ich?«, fragte Dunja.
»Jorkos wird es dir erzählen«, antwortete der Vater.
Er nahm seine blitzblanke Axt und ging in den Wald, aber an jenem Abend kehrte er nicht zurück.
Das war noch nie vorgekommen, und die Mutter von Dunja und Jorkos war so beunruhigt, dass ihr die Pfannkuchen anbrannten und sie beim Vorlesen eine ganze Menge Zeilen ausließ.
Am nächsten Tag war der Vater noch immer nicht zurück und auch nicht am übernächsten, sodass die Kinder sagten: »Mutter, wir sollten nun doch nach Vater suchen.«
»Nein«, erwiderte die Mutter, »der Wald ist so groß, wir würden uns verirren.«
»Vater kommt bestimmt zurück«, fügte sie hinzu und umarmte ihre Kinder so fest, als wollte sie die beiden nie mehr loslassen.
An einem frühen Morgen weckte Dunja ihren Bruder und sagte: »Ich bin sicher, dass wir Vater finden. Das habe ich nämlich geträumt. Komm, wir suchen nach ihm.«
Sie zogen sich an, schlichen auf Zehenspitzen aus dem Haus und liefen in den Wald.
»Wo ist Vater denn?«, wollte Jorkos wissen.
Dunja gab jedoch keine Antwort. Sie ging einfach weiter und weiter und sagte nur immer wieder einmal »Jetzt hier rein« und »Jetzt da lang« – als würde sie den Weg genau kennen.
»Hast du das alles geträumt?«, fragte Jorkos.
Dunja nickte, dann blieb sie plötzlich stehen und schien auf etwas zu lauschen. Die Blätter der Bäume raschelten im Wind, aber ganz in der Ferne war noch etwas anderes zu hören. Etwas wie Gesang.
Jorkos stieß einen Schrei aus. »Die Gerade-Bäume-Stelle!«, rief er. »Dort muss sie sein!«
Sie rannten los, und auf einmal erschien es ihnen, als befänden sie sich am anderen Ende der Welt, wo die Vorhänge noch halb geschlossen waren. Sie hatten das Gefühl, in einem Saal voller Säulen zu sein, kerzengerader Säulen, die vom Boden bis zur Decke reichten. Es waren aber Bäume ohne Äste, nur ganz oben hatten sie Schirme aus dunkelgrünen Tannennadeln. Es war so still wie die Nacht, bis ein Windstoß aufkam. Und da hörten die Kinder den Gesang hoch über ihren Köpfen. Er klang sehr schön und sehr traurig.
Winde wehen wild und frei,
sucht die Federn,
sieben Federn
von dem bunten Papagei.
Der Wind legte sich wieder, und es war totenstill.
»Papagei?«, sagte Dunja. »Hast du auch Papagei verstanden, Jorkos?«
»Ja«, flüsterte ihr Bruder. »Aber was bedeutet es? Hast du das auch geträumt?«
»Nein, ich habe geträumt, dass …«
Weiter kam sie nicht, weil Jorkos aufschrie. Er hatte etwas am Boden erspäht, ein Stück vor ihnen, und rannte darauf zu.
Es war eine Axt: die blitzblanke Axt ihres Vaters.
»Vater!«, riefen die Kinder. »Vater, wo bist du?«
Keine Antwort.
Jorkos bückte sich, um die Axt aufzuheben, da bemerkte er, dass auf ihrem Stiel ein Männchen saß. Ein seltsames Männchen, denn es schien aus Wolkenflaum zu bestehen und sah aus, als könnte es jeden Moment davonschweben oder sich in einen Löwen oder ein Gesicht verwandeln, wie das bei Wolken am Himmel geschieht.
»Ich weiß, wo euer Vater ist«, sagte das Wolkenmännchen.
»Oh, ich kenne Sie!«, rief Dunja. »Von Ihnen habe ich geträumt!«
»Ich weiß«, entgegnete es. »Und ich werde euch helfen, euren Vater wiederzufinden.«
»Ich werde euch helfen«, wiederholte das Wolkenmännchen. Es saß noch immer auf dem Stiel der Axt, die Dunja und Jorkos gefunden hatten. Der blitzblanken Axt ihres Vaters.
»Wissen Sie denn, wo unser Vater ist?«, fragte Jorkos.
»Aber sicher«, sagte das Männchen. »Euer Vater ist bei der Nebelkönigin. Sie hält ihn gefangen.«
Dunja machte große Augen. »Ist das etwa eine Hexe?«, fragte sie.
»Nein«, antwortete das Männchen. »Die Nebelkönigin ist keine Hexe. Sie ist weiß oder grau, und sie tanzt zwischen den Bäumen.«
»Ist sie aus Wolkenflaum, wie Sie?«, wollte Jorkos wissen.
»So ähnlich«, sagte das Männchen.
»Lässt sie unseren Vater nie mehr frei?«, fragte Jorkos.
Das Männchen nahm die Kinder fest in den Blick, dann sagte es: »Ihr könnt euren Vater befreien, indem ihr der Nebelkönigin sieben Federn von dem bunten Papagei bringt.«
»Oh …«, machte Dunja. Sie war verwirrt.
Ihr Bruder jedoch fragte: »Wo ist dieser bunte Papagei?«
