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Die Spur der Kälte erzählt die Geschichte von Tamara, die ihren nach einem Unfall schwer hirngeschädigten Mann Andrej pflegt. Unterstützung erhält sie von Doubravka, einerengen Freundin und Physiotherapeutin, sowie von Andrejs Betreuerin Anh, einer jungen Vietnamesin mit unkonventionellem Lebensstil, die eine ambivalente, auch intime Beziehung, zu Andrej entwickelt. Als Anh tot in einem verschneiten Vorgarten gefunden wird, enthüllt die polizeiliche Untersuchung ein Netz aus Geheimnissen und Konflikten: Schulden, kompromittierende Videos und familiäre Spannungen. Die Ermittlungen fördern Schicht um Schicht neue Verdächtige und Verstrickungen zutage. Parallel entfaltet sich Doubravkas Geschichte, geprägt von familiären Verflechtungen und ihren Liebesbeziehungen zu zwei schwierigen Männern, dem gescheiterten Unternehmer Arnot und dem spielsüchtigen David. Als Tamara und Andrej einen großen Lottogewinn erzielen, beginnt die fieberhafte Suche nach dem verlorenen Schein ein Wettlauf, der tödlich endet.
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Seitenzahl: 554
Veröffentlichungsjahr: 2025
Iva Procházková
Die Spur
der Kälte
Ein neuer Fall von Kommissar Holina
Aus dem Tschechischen
von Mirko Kraetsch
Inhalt
30. November
13. Dezember
14. Dezember
15. Dezember
16. Dezember
17. Dezember
Vier Jahre später
Acht Jahre später
IMPRESSUM
30. November
Schneit es am Andreastag, verstummt der Nachtigallen Schlag.
Mütter, überall Mütter. Tamara schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, aber wegsehen konnte sie auch nicht. Mütter waren eine Tag für Tag allgegenwärtige Bevölkerungsgruppe von Prag. Eine Bevölkerungsgruppe, zu der sie nie gehört hatte und auch nie mehr … Sie konnte den Gedanken noch rechtzeitig packen und ihm das Bittere nehmen. Bei der letzten Beichte hatte Pater Daniel ihr geraten, wie sie mit diesem Gefühl umgehen sollte: es als ihren natürlichen Begleiter durch die Veränderung akzeptieren.
„Stehn Sie hier an?“, fragte sie ein älterer Mann mit einem ausgefüllten Tippschein in der Hand.
„Nein, Verzeihung.“ Sie trat zur Seite, um ihm Platz zu machen, und ließ den Blick zur Kasse wandern. Andrej zahlte bereits. Er kippte sein Portemonnaie auf dem Tresen aus, unbeholfen zählte er die Münzen. Noch im Sommer hatte Tamara ihm beim Bezahlen geholfen, aber er war jetzt im nächsten Reha-Stadium, in dem das Einüben von Selbstständigkeit gefördert werden musste.
„Sie haben mir erst zwanzig Kronen gegeben.“ Die Stimme des Kassierers verriet seine schlecht im Zaum gehaltene Ungeduld. „Noch hundert.“
Andrej erwiderte etwas, war aber nicht zu verstehen. Er suchte Tamara mit Blicken. Schnell wandte sie sich den Zeitschriften auf dem Ständer zu, damit er nicht merkte, dass sie ihn beobachtete. „Permanente Kontrolle ist nicht gut. Lassen Sie es zu, dass er Fehler macht, bewachen Sie ihn nicht andauernd“, hatte sie der Psychotherapeut, bei dem Andrej in Behandlung war, ermahnt. „Ihr Mitleid schwächt ihn. Klar können Sie Ihren Mann bedauern, aber zeigen Sie ’s ihm nicht.“ Sie gab sich Mühe, aber nicht immer mit Erfolg.
„Er sagt, mir fehlen hundert Kronen.“ Andrej stand mit dem offenen Portemonnaie neben ihr.
„Gib ihm den Zweihunderter“, riet sie ihm.
„Welchen Zweihunderter?“
Tamara nahm ihm die Geldbörse aus der Hand und sah alle Fächer durch. In einer Falte im Münzfach hatte sich eine Krone versteckt. Sonst nichts. Der Schein war nicht da. Das überraschte sie.
„Wollen Sie nun tippen oder nicht?“, hörte sie die inzwischen unverhohlen gereizte Stimme des Kassierers. Sie griff in ihr eigenes Portemonnaie, suchte einen Hunderter heraus und gab ihn Andrej. Während er zum Tresen zurückging, um fertig zu bezahlen, durchsuchte sie seine Geldbörse noch einmal. Die Banknote, die sie vorgestern hineingesteckt hatte, war weg. Tamara überprüfte den Druckknopf zum Zumachen. Er war ein wenig widerspenstig, man musste schon ordentlich drücken. Andrej hatte das Geld höchstwahrscheinlich verloren. Seine Kraft beim Greifen und die Feinmotorik der Finger waren nach wie vor schwach. Tag für Tag übte er aber, und Doubravka behauptete, dass sich die Handfunktionen besserten und mehr oder weniger wieder zum Normalzustand zurückkehren könnten. Tamara glaubte ihr. Doubravka war eine ausgezeichnete Physiotherapeutin und Osteopathin, sie verstand es, zu motivieren. Ohne sie wäre Andrej niemals so gut vorangekommen.
Auch heute, drei Jahre nach dem Unfall, machte er Fortschritte. Bei der Reha absolvierte er sein Trainingsprogramm jetzt zum Teil eigenständig und Tamara ging wieder halbtags arbeiten. „Wann kommst du zurück?“, fragte er sie jeden Morgen, wenn sie aufbrach, und sie stellte ihm die Rückkehrzeit auf einer Kinderuhr aus Pappe ein. In ihrer Abwesenheit verglich er die mit der Küchenuhr, und sobald Tamara auch nur fünf Minuten zu spät dran war, rief er sie an. Wenn Anh bei ihm war (die war zwar leicht durchgeknallt, aber schon ein halbes Jahr seine Assistentin, sodass er sich an sie gewöhnt hatte, sogar ein bisschen zu sehr), vermisste er seine Frau nicht, völliges Alleinsein ertrug er jedoch nur schwer. So konnte er durchaus mitten am Vormittag anrufen. „Die Zeit vergeht so langsam“, klagte er ihr dann sein Leid, in der Stimme ein unterdrücktes Weinen. „Kannst du nicht kommen?“ Er benahm sich nicht wie ein fünfundvierzigjähriger Mann, sondern wie ein Vorschulkind. „Ich bin gleich da“, versprach sie jedes Mal, ließ alles stehen und liegen und fuhr nach Hause. Der Gesichtsausdruck, mit dem er ihr die Tür aufmachte, war allen Ärger wert, den sie sich mit ihrer mangelnden Arbeitsdisziplin einhandelte.
„Er hat mir nichts rausgegeben.“ Wieder stand Andrej neben ihr, er flüsterte, über die Schulter blickte er zum Tresen, wo der Kassierer inzwischen den nächsten Kunden bediente.
„Du hast ihm hundertzwanzig Kronen gegeben.“
„Und das ist richtig?“
Sein Gesicht verriet die Unsicherheit. Tamara hatte sich längst daran gewöhnt. Andrejs Vor-Unfall-Gesicht geriet ihr allmählich in Vergessenheit. Wenn sie manchmal das Hochzeitsfoto ansah, konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass neben ihr auf dem Standesamt ein Fremder stand. Ein attraktiver Mann mit intelligenter Stirn und selbstbewusstem Blick, die Linie des Mundes zu einem Lächeln gekräuselt und dennoch voller Entschlossenheit. Gerade die Entschlossenheit, das Selbstbewusstsein und die Intelligenz waren die Eigenschaften, aufgrund derer sie sich für Andrej entschieden hatte. Ihr hatte gefallen, wie er sich durchsetzen konnte und mit welcher Selbstverständlichkeit er Verantwortung übernahm. Ein geborener Anführer. Die Überlegenheit, die er gegenüber seinem Umfeld empfand, kompensierte er mit Humor – leicht sarkastisch, aber nicht bösartig. Er hatte gern gelacht und in seinem Lachen hatte Kraft gelegen. Damals. Wer ihn heute sah, konnte kaum glauben, dass das ein und dieselbe Person war. Der unvorhersehbare Plan Gottes und ein unvorhersehbarer Defekt an einem hydraulischen Kran hatten aus ihm einen anderen Menschen gemacht.
„Vorgestern hast du zweihundert Kronen ins Portemonnaie gesteckt. Das ist ganz schön viel Geld.“ Sie kam wieder auf die verlorene Banknote zurück, während sie den Zeitungsladen verließen und zum Ausgang der Passage gingen.
„Wie haben die da reingepasst?“, fragte er voller Verwunderung.
„Das war nur ein Geldschein.“
„Wie, nur einer …“ Verständnislos schaute er sie an.
„Andrej, Geldscheine gibt es verschiedene, wir haben sie uns angeschaut, erinnerst du dich? Der, den ich meine, war orange mit dem Bild von einem Mann mit Bart. Und hatte einen Wert von zweihundert Kronen“, erklärte sie geduldig, aber mit einem Gefühl der Vergeblichkeit. Der eigenständige Umgang mit Finanzen stand ganz offensichtlich noch nicht auf der Tagesordnung.
„Wenn wir x Millionen gewinnen, dann kommt es auf einen Bartmann mehr oder weniger auch nicht an“, verkündete er und entlockte Tamara mit seinem fidelen Tonfall ein Lächeln. Sie gab es auf, eine Erklärung für den Verlust des Scheins zu suchen.
„Wofür wollen wir denn die Millionen ausgeben?“, fragte sie.
„Wir fahren ein ganzes Jahr ans Meer“, antwortete er, ohne zu zögern. „Wo ’s die großen Wellen gibt.“
Wenn sie Gewinnklasse 4 oder 3 hätten, könnten sie sich tatsächlich einen Traum erfüllen, zum Beispiel häufigere Aufenthalte am Meer. „Wo dein größter Schatz ist, dort wird auch dein Herz sein“, antwortete Pater Daniel, als Tamara ihn fragte, was er vom Glücksspiel hielt. Sie verstand. Den Menschen beeinflusste am meisten, worauf er in Gedanken am meisten fixiert war. Weder ihr noch Andrejs Geist waren auf den Gewinn fixiert. Der Eurojackpot war für sie bloß ein Spaß. Sie widmeten ihm ihre Aufmerksamkeit für ein paar Minuten pro Woche, nie füllten sie mehr als zwei Tippfelder aus.
„Schau mal!“ Sie blieb vor einem Blumenladen stehen und machte eine Kopfbewegung in Richtung einer mit Kreide beschriebenen Schiefertafel. „Wer hat denn heute Namenstag?“
Er musterte die Tafel intensiv. Nach dem Unfall hatte er alles von der Pike auf neu gelernt: essen, gehen, sprechen. Später auch lesen und schreiben. Die Wege, über die die Worte früher geströmt waren, gab es nicht mehr, das Gehirn musste neue finden. Die Ärzte hatten Tamara erklärt, dass die Schädigungen der linken Gehirnhälfte ein erhebliches Ausmaß hätten, einiges werde dauerhaft verloren bleiben. Außer zu Verlusten könne es aber auch zu Entdeckungen kommen. Und damit hatten sie recht behalten. Der Komplex des Ingenieurwissens war zerbröselt, Andrej hatte sich von seinen mathematischen Fähigkeiten verabschieden müssen, und nur mühsam konnte er sein verbales Denken wieder in Gang bringen, gleichzeitig war er aber empfänglicher geworden für optische Reize und sein Gehör war schärfer. Er reagierte jetzt sensibler auf Musik, auf bildende Kunst und auf die Stimmungen anderer Menschen. Die rechte Gehirnhälfte hatte die Führung übernommen.
„A-n-dre-as“, las er langsam den ersten Namen auf der Tafel. „An-dré … An-drej!“ Ein Aufblitzen des Begreifens heiterte seine Miene auf. „Ich! Ich hab Namenstag!“
Am Morgen hatte Tamara ihm gleich nach dem Wachwerden gratuliert und beim Frühstück hatten sie alles gründlich besprochen. Sie wollten seinen Namenstag mit Doubravka feiern, die im Laufe der dreijährigen Reha von der bloßen Therapeutin zu einer guten Freundin geworden war. Fast zu einem Familienmitglied. Kein wichtiges Ereignis kam ohne sie aus. Andrej hatte sich auf die Feier gefreut, aber über den Tag hinweg war ihm alles wieder entfallen. Wie immer.
„Doubravka hat eine Überraschung für dich“, erinnerte sie ihn.
„Doubravka ist echt super“, sagte er. „Super“ war zu einem festen Bestandteil seines neuen, mühsam erarbeiteten Wortschatzes geworden. „Echt super“ drückte allerhöchste Anerkennung aus. „Wir kaufen ihr einen Blumenstrauß.“
Er wartete Tamaras Reaktion gar nicht erst ab, sondern zog sie an der Hand in den Blumenladen und schaute sich um. Schließlich entschied er sich für Chrysanthemen.
„Gut einpacken“, ermahnte er die Verkäuferin. „Damit sie nicht erfrieren.“
Am letzten Novembertag war es außergewöhnlich kalt geworden. Die Dächer von Prag glitzerten vor Frost, durch die Luft schwebten winzige Schneeflocken, auf den Stufen vor der Kirche bildeten sie langsam einen weißen Teppich. Andreasschnee blieb schon hundert Tage liegen, behauptete eine Bauernregel. Die Erfahrungen der Altvorderen wurden zwar durch den globalen Klimawandel in Frage gestellt, sodass man sich nicht mehr auf sie verlassen konnte, aber nach wie vor hatten sie etwas Magisches an sich. Für Tamara klangen sie wie Zaubersprüche: Wirft herab Andreas Schnee, tut ’s dem Korn und Weizen weh.Klappert Andreas mit den Zähnen, gibt ’s zu Agnes Tränen.Schneit es am Andreastag, verstummt der Nachtigallen Schlag. Der Verlag, bei dem sie angestellt war, gab Kalender heraus, Sammlungen von Volksdichtung und Sprichwörtern, Notizbücher mit Zitaten. Tamara liebte die Arbeit in der Redaktion. Ihr ganzes Leben lang hatte sie solche Weisheiten gesammelt. Von ihrer Großmutter hatte sie ein inzwischen vergilbtes Heft voller Sprüche und Redewendungen geerbt, und sie selbst hatte im Lauf der Jahre Tausende weitere zusammengetragen. Sie waren für sie von unschätzbarem Wert. In ihnen fand sie Tiefe und Trost für jede Situation. Sie las sie auch Andrej vor, aber der mochte am liebsten Märchen. Denen lauschte er mit kindlichem Staunen. Einige ängstigten ihn. Er fasste die grausamen Geschichten ganz unmittelbar auf, so als ginge es um Gewalt, die hier und heute verübt wurde.
„Stell dir vor, die Hexe wollte Hänsel und Gretel backen!“ So war er vor ein paar Tagen auf Tamara eingestürmt, als sie von der Arbeit kam. Ihm blieb vor Entsetzen und Wut die Luft weg. „Die war böse! Sie wollte sie in den Ofen stecken! Aber stattdessen haben die Kinder die Hexe in den Backofen gesteckt. Das hätten sie aber auch nicht tun dürfen. Weißt du, wie das wehgetan haben muss?“ In seinen Augen hatten Tränen gestanden, lebhaft hatte er sich den Tod in den Flammen vorgestellt. Die rechte, nunmehr dominante Gehirnhälfte steigerte sein Einfühlungsvermögen ins Extreme.
Er betrat den Windfang der Kirche, hielt Tamara die Tür auf und ließ sie ins Kirchenschiff gehen. Sie atmete tief ein. Der Weihrauch, das unter den Kerzendochten schmelzende Wachs, die feuchten Mäntel, der Staub der Jahre, der sich in den Runzeln der Holzbänke festgesetzt hatte – das alles zusammen schuf jene Duftmischung, die in den letzten drei Jahren zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil ihres Lebens geworden war. Sie half Tamara, nicht die Perspektive zu verlieren, die Ereignisse im richtigen Maßstab zu sehen. In der Vor-Unfall-Zeit war Religion für sie kein Thema gewesen. Auch für Andrej nicht. Sie waren nicht christlich erzogen worden, in die Kirche hatte es weder sie noch ihn gezogen. Andrejs Verletzung hatte sie bekehrt. Ohne Karriere und ohne üppiges Bankkonto konnte man leben, ohne Hoffnung nicht. Sie bekreuzigten sich und nahmen Platz. Als die Orgel erklang, spürte sie Andrejs Hand. Er streichelte ihr Knie und die Innenseite ihres Oberschenkels. Musik war für ihn ein Katalysator für die Emotionen, die er ventilieren musste. Er neigte sich zu ihr und gab ihr ein Küsschen auf die Wange.
„Ich liebe dich.“
Seine Augen funkelten, in seiner Stimme war nicht die Spur von Bedauern. Längst hatte er vergessen, was morgen anstand, welchem Eingriff sich Tamara unterziehen, mit welchem Verlust sie klarkommen müsste. Er saß neben ihr und war glücklich. Einfach so.
„Ich liebe dich auch“, flüsterte sie und erwiderte den Kuss. „Du bist super, Andrej. Echt super.“
Er strahlte noch breiter. Tamara schloss die Augen und versuchte, die gleiche schlichte Glückseligkeit zu erlangen wie ihr Mann. Die drückende Traurigkeit hinderte sie daran, aber sie ging damit um, wie Pater Daniel es ihr geraten hatte. Die Traurigkeit war ihr eine natürliche Begleiterin durch die Veränderung, ohne die es kein Leben geben konnte. Und das Leben machte Tamara trotz aller damit verbundenen Plagen Freude. Auch ein Leben ohne Kinder.
„Re-dak-tion Tamara Knot-ko-vá.“ Andrej entzifferte die Wörter auf der letzten Seite des Buches. Komplizierte Wörter. Sie bedeuteten seine Frau. Er hob den Blick zu ihr. Sie stand in der Küchentür und sprach mit Doubravka. Bestimmt über die Torte. Die Torte war eine Überraschung. Sie hatten sie vor ihm versteckt, er sollte nämlich nicht wissen, wie sie aussah. Er blätterte bis zu der Stelle, wo das Bändchen eingelegt war, dann rückte er sich das Buch zurecht und stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch.
„Schnee-witt-chen aber wuchs he-ran und wur-de im-mer schö-ner“, flüsterte er mit. Das kam ihm bekannt vor, wahrscheinlich hatte er diese Wörter schon gelesen. Er ließ den Blick auf der Seite weiter nach unten rutschen. „So ant-wor-te-te der Spie-gel …“
Normale Spiegel konnten nicht sprechen. Der hier hatte Zauberkräfte. Die Königin fragte, wer die Schönste sei, und der Spiegel antwortete: Schneewittchen. Das brachte die Königin aus irgendeinem Grund zur Weißglut. Warum hatte sie ihn denn gefragt, wenn sie die Wahrheit nicht hören wollte? „Weil sie wollte, dass der Spiegel sagt: Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier“, hatte ihm Annitschka heute Morgen erklärt. Oder gestern. Oder vorgestern. In der Zeit konnte er sich nicht orientieren, es war unmöglich, sich da auszukennen. Genau wie mit Namen. Annitschka hieß in Wirklichkeit gar nicht Annitschka. Er hob den Blick vom Buch und versuchte, den richtigen Namen seiner Assistentin aus seinem Gedächtnis zu fischen. Anita? Aneta? Anja? Anh! Sie hieß Anh, aber das gefiel ihm überhaupt nicht. Annitschka passte besser zu ihr. Liebe süße Annitschka, wann bist du wieder da? Sie könnte auch Schneewittchen heißen. Die zarte Haut, die langen Wimpern, die schwarzen Haare … Energisch kehrte sein Lustgefühl zurück, das er verspürt hatte, als er eine Strähne ihres Haars mit den Fingern greifen und abschneiden durfte.
Er merkte, wie sein Penis steif wurde, und griff nach ihm, aber er wurde sich dessen bewusst und nahm die Hand wieder weg. Wenn Annitschka hier gewesen wäre und ihm erlaubt hätte, sie zu streicheln, hätte er abgespritzt und sie hätte gelacht. Aber sie war nicht da. Er hatte nur die Haarsträhne von ihr und ein duftendes Höschen, aber da kam er gerade nicht ran. Vor seiner Frau und vor Doubravka hielt er es versteckt. Annitschka wollte nicht, dass die beiden davon erfuhren, hatte sie gesagt. Sie wären nicht damit einverstanden, dass er es hatte. Auch nicht damit, dass er ihr öfters Geld gab. Erneut senkte er den Blick zum Buch, aber er war viel zu aufgeregt, seine Augen konnten sich nicht am Text festhalten. Er musste ein Stück Papier nehmen und es unter die Zeile legen, die er gerade las.
„Da rief sie ei-nen Jä-ger“, buchstabierte er. Auch diese Stelle kam ihm bekannt vor. Ihm war so, als würde gleich etwas Schreckliches passieren, aber er konnte sich nicht erinnern, was. Das war sein Problem. Er spürte, dass er eine Sache im Kopf hatte, konnte sie aber nicht finden. Er schaffte es nicht, sie hervorzuholen, tastete nur immer um sie herum. Dabei fühlte er, was sie für eine Gestalt hatte. Wusste, ob sie schön oder hässlich war, lustig oder traurig. Manchmal nahm er solche verborgenen Sachen auch im Kopf von anderen Menschen wahr. Vor allem in dem seiner Frau. Heute in der Kirche war Tamara traurig gewesen, aber sie hatte ihm nicht gesagt, warum. Oder hatte sie es ihm gesagt?
„Bring das Kind hi-naus in den Wald“, las er den Befehl der Königin und merkte, wie sich ihm die Härchen an den Armen sträubten. Jetzt kommt ’s! Es lief ihm kalt den Rücken hinunter angesichts dessen, was der Jäger vorhatte. Es war schlimm. Ganz schlimm. Er schob den Zettel unter die nächste Zeile, traute sich aber nicht hinzuschauen. Wenn er die schlimme Sache nicht lesen würde, dann würde sie auch nicht passieren. Sie würde im Buch verborgen bleiben wie die Sachen in seinem Kopf, die er nicht herausholen konnte. Wie seine Ingenieurskunst. Ihn würde ja mal interessieren, was Ingenieurskunst eigentlich war. Irgendwas mit Zahlen. Mit Kraft, die nicht Kraft hieß, sondern …
Er ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen und dachte nach. Er wusste, dass in der Schublade im schwarzen Schrank, den Tamara „Sekretär“ nannte, ein wichtiges Dokument lag. Sie hatte es ihm gezeigt. Es war alt, aber immer noch gültig, so wie alte Fotos gültig waren, obwohl die Leute darauf sich gar nicht mehr ähnlich sahen. Auf dem Dokument stand Diplom und darunter Andrej Knotek, Ingenieur für Energie-Elektrik oder Elektro-Energie oder so was Ähnliches. Tamara hatte sich bemüht ihm zu erklären, was die ganzen Wörter bedeuteten, aber ihm war das kompliziert vorgekommen. Viel zu kompliziert. Ein Ingenieur Knotek ging über sein Begriffsvermögen hinaus. Märchenfiguren taten das nicht, die verstand er. Aber vor manchen hatte er Angst. Von denen bekam er in sich drin ein flaues Gefühl. Flau und beklemmend, bis er kaum noch Luft bekam und ihm die Tränen in die Augen schossen. „Ach komm, das ist doch nur ein Märchen“, tröstete Annitschka ihn immer. Sie glaubte, dass Märchen nicht wahr waren. Da irrte sie sich. Andrej spürte, dass Märchen sehr wohl wahr waren. Das, wovon sie erzählen, war passiert und konnte auch wieder passieren, und vielleicht geschah es ja gerade eben. Jetzt. Im selben Moment, während er hier saß. Darin war die Zeit tückisch. Sie machte vieles auf einmal, aber nie verriet sie alles.
Sein Blick landete wieder auf dem Buch. „Der Jä-ger ge-ho…orch-te und fuhr… führ-te es hi-naus …“, las er mit Mühe. Vor Aufregung verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen, in seinem Kopf hämmerte es, das Herz schlug wild. „… und als er den Hirsch-fän-ger ge-zo-gen hat-te …“
Das war die Stelle! Er konnte nicht weiterlesen. Er wusste, dass ein Hirschfänger ein Messer war und wozu der Jäger es mithatte, warum er es im tiefen Wald hervorgezogen hatte. Es war klar, was nun käme. Was käme, wenn er weiterlesen würde. Schnell klappte er das Buch zu. Sein Herz pochte immer noch wie verrückt, aber sein Kopf beruhigte sich allmählich. Das Schlimmste hatte er verhindert. Er stand auf und ging mit dem Buch zum Bücherregal, schob es hinein und presste die danebenstehenden Bücher fest dagegen. Diese Märchen würde er nicht mehr lesen. Er würde das Buch nie wieder aufschlagen, es nie wieder aus dem Regal nehmen. Er würde nicht zulassen, dass das Böse herauskäme. Es klingelte. Er ging in den Flur und nahm den Hörer der Gegensprechanlage ab.
„Hallo? Ist da jemand?“
„Prager Wasserbetriebe“, ertönte von der Straße eine Frauenstimme. „Ich komme die Zähler ablesen.“
„Kommen Sie hoch“, sagte Andrej. Wie die entfernte Stimme durch den Hörer bis zu seinem Ohr gelangen konnte, begriff er nicht, aber in das Telefon hineinzusprechen machte Spaß. Gerne zog er das noch etwas in die Länge. „Wir wohnen im ersten Stock.“
Dann betätigte er den Summer. Er war stolz darauf, dass er gelernt hatte, so eine komplizierte Anlage zu bedienen. Früher soll er angeblich viel kompliziertere Maschinen bedient haben. Bevor sich der Kranausleger selbstständig gemacht hatte. Ehe er in das Fenster eingeschlagen war, wo Andrej saß, und ihm die ganze Ingenieurskunst in den Kopf hineingequetscht hatte. Seitdem war sie dort versteckt. „Was versteckt ist, das findet sich auch irgendwann wieder“, behauptete Tamara manchmal. Da war sich Andrej nicht so sicher. Tamara war schlau, aber die Ereignisse, die erst kommen würden, kannte sie nicht. Sie konnte nur Vermutungen anstellen – und ziemlich oft lag sie daneben. „Der Mensch denkt, Gott lenkt“, sagte sie immer, wenn sie sich verschätzt hatte. „Gott“, das war die Zeit, das hatte Andrej inzwischen begriffen. Und der Zeit konnte man nicht glauben.
„Anh, kommst du jetzt?“
„Gleich!“
„Nimm Tisch sieben. Da hab ich dir Bürofuzzis hingesetzt“, sagte Vandas Stimme. „Die sind zu viert, sieht so aus, als ob sie auf die Kacke hauen wollen.“
„Bin in einer Minute da.“
Vor der Tür eilten Schritte davon. Anh zog zum letzten Mal die Nadel durch den Saum, machte einen Knoten und biss den Faden durch. Sie testete, ob die geflickte Stelle hielt. Der rote Netzoverall kontrastierte effektvoll mit ihrer Haut und verdeckte genau so viel, dass sie sich nicht völlig nackt vorkam. Er sah attraktiv aus, aber es war billiger Krempel. Das Ding war gerissen, kaum dass sie es sich übergestreift hatte. Morgen würde sie sich einen besseren besorgen. Sie konnte billigen Krempel nicht leiden, sie kam sich darin selber billig vor.
Eilig zog sie ihre Wimpern nach und fuhr sich mit dem blutroten Lippenstift über den Mund, die Stelle, wo die Strähne abgeschnitten war, verbarg sie unter dem Haarband. Perfekt! Sie verließ die Umkleide, und während sie auf ihren hohen Absätzen in den Barraum ging, justierte sie ihren Gesichtsausdruck nach. Was den Knotek, das arme Würschtl, in den siebten Himmel beförderte, war für die Gäste der Niveau Bar nicht genug. Das hatte Vanda ihr gleich als Erstes verklickert: „Oben-unten-ohne heißt nicht, dass du nackig Cocktails servierst, und das war ’s dann. Die wollen was Außergewöhnliches erleben. Da muss alles zusammenspielen: Make-up, Gang, Parfüm, Intonation und Gesichtsausdruck. Gib den Bestien das Gefühl, dass jedes Hinternschwenken und jedes Augenzwinkern ein persönlicher Extrabonus ist. Sie lieben Boni, deswegen gehen sie hierher und nicht in eine normale Kneipe.“
Anh wusste genau, was hohe Ansprüche waren. Ihre waren ebenfalls hoch und sie zögerte nicht, für ihre Befriedigung auch etwas zu tun. Fleißig büffelte sie Rechtsvorschriften und Gesetzestexte, bereitwillig ging sie mit Andrej Knotek spazieren, machte ihm das Essen warm, diskutierte mit ihm über die Moral von Hänsel und Gretel, spielte mit ihm Mensch, ärgere dich nicht, und wenn er mal zu Geld kam, half sie ihm gern, es wieder loszuwerden. Es waren kleine Beträge, aber er verlangte auch fast nichts dafür. Ihm genügte es, wenn er ihr die Haare zerstrubbeln durfte, sich ein wenig an sie drücken, ihre Brustwarzen anfassen, in seine Hose abspritzen, ihr an den Stellen Küsschen geben, wo sie ihm das erlaubte. Immer tat er nur das, was sie zuließ – ein fünfundvierzigjähriger Mann, der sich wie ein braver Schuljunge benahm. Bevor ihm der Unfall passiert war, musste er interessant gewesen sein. Etwas von seinem früheren Sexappeal steckte nach wie vor in ihm.
Die Bar füllte sich gerade erst. Anh war jetzt die zweite Woche hier und kämpfte immer noch gegen das Lampenfieber. Beim Einstellungsgespräch hatte der Manager mit ihr sachlich, ja fast schon unverschämt gesprochen. „Eine Vietnamesin hatten wir hier noch nicht“, bemerkte er und musterte sie aus fast zwei Metern Körperhöhe. In ihren Stiefeln mit dem flachen Absatz fand er sie viel zu klein. „Das braucht Stöckel. So hoch, wie ’s geht.“ Sie begriff, dass das ein Befehl war. Er legte ihr nahe, sich den Kunden nicht als Anh vorzustellen, sondern als Annitschka. Ihre Probezeit laufe bis Weihnachten. Sollte sie sich nicht bewähren, dann adieu, Interessentinnen gebe es mehr als genug. Anh bezweifelte das nicht. Vanda hatte ihr geflüstert, dass in einer Stunde bis zu neunhundert Kronen Verdienst drin seien. Der Manager gab ihr zu verstehen, dass sie noch viel mehr Geld machen könne. Falls sie das wolle. Ohne zu zögern hatte sie ihm gesagt, dass sie das wolle und dass sie dafür alles Nötige tun werde. Und das hatte sie dann auch.
Tisch 7 stand in der hinteren Ecke des Barraums. An ihm saßen drei Männer. Der vierte war offenbar auf dem Klo, am leeren Stuhl hing sein schwarzer Schal. Während Anh zum Tisch ging, checkte sie das Trio mit Blicken ab. Zwei um die fünfzig, ein Jungspund. Gut gekleidet, kultiviert. Geschäftspartner, oder eher Kollegen aus derselben Firma, schätzte sie.
„Guten Abend, meine Herren“, grüßte sie mit einem Lächeln, das sie in den letzten Tagen gründlich einstudiert hatte. „Darf ich Ihnen gratulieren?“
Sie wartete ab, wer von ihnen als Erster reagieren würde.
„Zu was?“, fragte einer der Fünfzigjährigen. Am Handgelenk trug er eine Rolex, Roségold.
„Dass Sie sich die beste Bar von Prag ausgesucht haben.“
„Wer sagt, dass es die beste ist?“, übernahm der zweite Fünfzigjährige die Konversation. In seinen Augen ein fröhliches Funkeln, er wollte sich amüsieren. Anh lächelte noch ein paar Millimeter breiter.
„Mein Name ist Annitschka und ich werde heute Abend für Sie sorgen.“ Sie machte mit ihren einleitenden Phrasen weiter und ließ den Blick von einem zum anderen wandern. Vanda hatte ihr erklärt, dass es wichtig sei, jedem am Tisch die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen. Keiner dürfe das Gefühl haben, von ihr vernachlässigt zu werden. „Darf ich Sie im Namen des Hauses auf unseren original Begrüßungscocktail Niveau einladen?“
„Ich bin offen für alles, was Sie uns anbieten, liebe Annitschka“, versicherte ihr der mit den funkelnden Augen.
„Ich würde lieber bei den bewährten Eröffnungen bleiben“, verkündete die Rolex. „Für mich einen Jack Daniels.“
Blieb noch der Jüngste des Trios. Bis jetzt war er ihrem Blick ausgewichen, sein Gesichtsausdruck ließ ahnen, dass er nicht aus eigenem Antrieb hergekommen war. Die älteren Kollegen hatten ihn offensichtlich überredet.
„Was ist denn an dem Niveau-Cocktail so originell?“, fragte er.
„Das Rezept ist eine Kreation unseres Barkeepers“, erläuterte sie mit einem Versprechen in der Stimme. Alles, was hier angeboten wurde, musste begehrenswert und exklusiv wirken. „Basis ist ein schwedischer Wodka und frisch gepresster Limettensaft. Mehr verrate ich nicht. Wäre das was für Sie?“
Endlich erwischte sie seinen Blick. Ihr fiel auf, dass er sehr jung war. Süß. Mit einem Augenbrauenpiercing. Es war ihm peinlich, hier zu sein. Er schaute ihr direkt in die Augen, damit sie nicht dachte, dass ihn ihr nackter Körper interessierte.
„Na gut“, sagte er, um einen ungezwungenen Tonfall bemüht. „Ich probier ’s mal.“
Anh wollte gerade gehen, als hinter ihr eine weitere Stimme ertönte. Sie gehörte dem Vierten, dem Besitzer des schwarzen Schals.
„Hab ich was verpasst? Was wird denn geboten?“
Der gut bekannte Bariton mit dem gut bekannten markanten Lispeln. Der gut bekannte Duft. Eine Verwechslung war ausgeschlossen. Anh spürte, dass sich ihr Magen heftig verkrampfte, durch den Kopf schossen ihr diverse Einfälle, wie sie sich retten könnte. Alle praktisch unausführbar. Als sie hier angefangen hatte, war ihr klar gewesen, dass so etwas passieren konnte. Sie hatte allerdings nicht erwartet, dass es so schnell gehen würde. Angestrengt schluckte sie, beruhigte ihre Atmung und drehte sich um. Er stand vor ihr in seinem besten Anzug, dezent umgeben vom Duft nach Terre d ’Hermes, das lockige Haar fiel ihm leger in die Stirn. So unerwartet diese Begegnung auch für ihn sein mochte, er ließ sich nichts anmerken. Er schaute sie an, als sehe er sie zum ersten Mal im Leben.
„Annitschka offeriert uns einen Cocktail aufs Haus“, teilte ihm der Mann mit dem Funkeln im Blick vergnügt mit. „Willst du einen?“
„Das überlasse ich Annitschka, sie soll mir bringen, was sie selbst für passend hält“, antwortete er. „Ich bin mir sicher, dass sie dabei richtig liegt.“
Er fuhr sich mit der Hand über den schmalen, sorgfältig gestutzten Schnurrbart, und dann machte er eine Geste, die seine Begleiter nicht sehen konnten. Sie war vielsagend: Daumen nach unten. Er ließ sie kein bisschen im Unklaren darüber, was die Folgen dieser Begegnung wären.
„Ich geb mir Mühe“, säuselte sie. „Bin gleich zurück.“
Sie schenkte dem Grüppchen ein strahlendes Lächeln und machte eine elegante Drehung auf den hohen Absätzen. Als sie zur Bar ging, war ihr Körper unter dem Netzstoff des Overalls mit einer Gänsehaut überzogen. Dass die heutige Nacht Konsequenzen haben würde, daran gab es keinen Zweifel. Die Frage war nur, wie schnell sie eintreten würden und ob sie ihnen zuvorkommen könnte.
Doubravka wälzte sich hin und her, während sie versuchte, eine halbwegs bequeme Position zu finden. Die alte, durchgesessene Couch der Knoteks war wie eine Streckbank, morgen früh würde ihr alles wehtun. Sie übernachtete ungern in fremden Wohnungen, auf weichen Matratzen, in überheizten Räumen. Aber da war nichts zu machen. Tamara würde morgen in aller Frühe ins Krankenhaus gehen und Doubravka hatte ihr versprochen, für die Zeit, bis sie wieder da wäre, hier einzuziehen. Das war zumindest eine kleine Hilfe in Tamaras nicht beneidenswerter Situation. Das Entfernen der Gebärmutter bedeutete für sie das Ende ihrer Hoffnungen auf Mutterschaft. Ein Kind hatte sie verloren, bevor es zur Welt gekommen war, und ein zweites würde sie nicht bekommen.
„Vermutlich ist das besser so“, sagte sie immer wieder, wenn sie mit Doubravka über die Zukunft sprach. „Ich bin fast dreiundvierzig und Andrej benötigt meine vollste Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht, ob das mit dem Muttersein zusammenpassen würde.“
Doubravka stimmte ihren Überlegungen zu. Was im Ehebett der Knoteks passierte, ging sie nichts an, aber in letzter Zeit war ihr aufgefallen, dass Andrej heimlich masturbierte. Er ging dazu in die Abstellkammer, wo er sich immer mit einem geheimnisvollen Gesichtsausdruck einschloss, und sie hörte durch die Tür sein lautes Atmen. In der Seitentasche des grünen Koffers hatte er ein Geheimnis versteckt. Vielleicht wusste Tamara davon, vielleicht nicht. Der Unfall vor drei Jahren hatte Andrej zwar gravierende Komplikationen beschert, aber impotent geworden war er nicht. Doubravka registrierte manchmal, dass er während der Reha-Übungen eine Erektion hatte. Appetit fehlte ihm nicht; was ihm fehlte, war regelmäßiger Sex, und der fiel aufgrund von Tamaras Myomen flach. Die hatten für sie den Verkehr zu einer schmerzhaften Angelegenheit gemacht, auf die sie also verzichtete. Bei den Untersuchungen war ihr versichert worden, dass nach Entfernung der Gebärmutter alles wieder ins Lot käme.
Draußen schneite es. Doubravka konnte von der Couch aus sehen, wie die Flocken in die enge Schlucht der Straße rieselten, die Laterne vor dem Haus und die Simse des Hauses gegenüber hatten schon weiße Manschetten. Eine der Kirchen in der Nähe fing an, Mitternacht zu schlagen, nach einer Weile fiel eine zweite ein. Der Verkehr unterm Fenster war abgeebbt, die Autoreifen produzierten im frischen Schnee ein weiches Knirschen. In die gedämpften Geräusche der Nacht brach plötzlich ein Piepton ein, auf dem Tisch leuchtete ihr Handydisplay auf. Ich denk gerade an unseren ersten Schnee, teilte Arnošt ihr mit. Wann testen wir den von heute? Ihr erster Schnee war eigentlich der letzte Schnee der vorigen Saison gewesen. Sie hatten ihn in Kirchberg in den Tiroler Alpen genossen, zuerst für sich alleine, am Ende der Pauschalreise bereits gemeinsam.
Sie wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte. Arnošt gegenüber hatte sie schon längere Zeit ein schlechtes Gewissen. Sie belog ihn. Würde sie die Wahrheit sagen, wäre es aus zwischen ihnen. Welcher Mann würde sich schon damit abfinden, dass ihn seine Partnerin mit seinem Freund betrügt? Wobei das Wort „Freund“ in diesem Fall nicht so ganz angemessen war. David und Arnošt hatten früher einmal für denselben Klub gekickt, aber seit David den Fußball an den Nagel gehängt hatte, sahen sich die zwei nur noch selten. Sie waren alte Bekannte, mehr verband sie nicht. Außer Doubravka.
Am Freitag?, antwortete sie schließlich mit einer Frage. Um Schnee ging es natürlich ganz und gar nicht. Gern würde sie mit Arnošt ein bisschen Zeit verbringen, in der sie sich nur sich selbst widmen würden. Am Freitag dürfte das klappen; am Nachmittag würde Annitschka zu Andrej kommen und Doubravka für ein paar Stunden befreien.
Ich saug schon mal das Zebra, lautete Arnošts prompte Antwort. Sie brachte Doubravka zum Lachen und versetzte sie gleichzeitig in leichte Erregung. Die Zebrafellimitation (ein echtes hätten die Gerichtsvollzieher längst beschlagnahmt) vor dem Kamin in Arnošts Einzimmerwohnung hatte ihnen schon mehrmals als angenehmes Liebesnest gedient: die Flammen im Kamin, der Duft der erhitzten Haut, das zunehmende Verlangen, eine Flasche Sekt im Kühler. Beide genossen sie dieses Ritual ausgiebig. Natürlich hatte sie mit Arnošt auch andere Orte, andere Rituale, die sie sich während ihrer neunmonatigen Beziehung geschaffen hatten. David fragte sie schamlos darüber aus. Er gierte nach intimen Details und Doubravka wusste sie ihm ganz raffiniert zu schildern. Zu zeigen. Sie provozierte ihn. Das war erregende Adrenalinerotik. Sie waren fähig, sich gegenseitig bis zur Ekstase aufzupeitschen.
„Schlampe“, flüsterte sie ins dunkle Zimmer. In letzter Zeit brachte sie so ihre Selbstverachtung zum Ausdruck. „Du kleine Bitch, du.“
Dass sie intime Beziehungen zu zwei Männern führte, löste bei ihr immer stärkere Gewissensbisse aus. Das war unmoralisch, erschien ihr geradezu pervers, aber sie konnte keinen von den beiden in die Wüste schicken. Tamara, der sie sich in einem schwachen Moment einmal anvertraut hatte, hatte ihr unumwunden die Meinung gegeigt: „Denk ruhig, dass ich altmodisch bin, aber für mich ist dieses Mehrgleisigfahren eine Schweinerei. Du entscheidest dich einfach für einen, und mit dem anderen machst du Schluss.“ Einfach! Für Tamara war alles simpel. Der Glauben machte ihr das Leben einfacher. Doubravka hatte keinen Glauben. Sie war mehrgleisig unterwegs. Und sie hatte ihr Stigma.
Leise stand sie auf und öffnete die Wohnzimmertür. Sobald sie an das Wort dachte, musste sie nachschauen gehen – ein Pawlowscher Reflex. Sie schlich sich so vorsichtig wie möglich durch den Flur, um mit keinem Geräusch auf sich aufmerksam zu machen. Andrej schlief zweifellos, aber Tamara war vor dem morgen beginnenden Krankenhausaufenthalt nervös, bestimmt lag sie mit offenen Augen im Dunkeln und ließ, gefangen in einer endlosen Gedankenschleife, ihre Zukunft immer wieder vor sich ablaufen.
Doubravka ging am Schlafzimmer vorbei, betrat das Bad, schloss leise die Tür und machte Licht. Sie stellte sich vor den Spiegel und schob sich das Nachthemd nach oben. Natürlich, nichts hatte sich verändert, Wunder gab es nicht. Der vernarbte Bauch erinnerte an eine Kriegslandschaft. Er wirkte optisch abstoßend, lud nicht zum Berühren ein. Fachleute hatten ihr versichert, dass es noch nicht zu spät sei, etwas zu tun. Erstklassige plastische Chirurgie könnte viel bewirken, aber die Kosten für so eine Operation lagen außerhalb von Doubravkas Möglichkeiten. Nicht einmal ansatzweise hätte sie sich das leisten können. Sie legte sich die Hand unter die Brüste und glitt langsam mit ihr abwärts. Über den deformierten Bauch bis in die Leistengegend, wo die transplantierte Haut an das ursprüngliche Gewebe grenzte. Ekel verspürte sie nicht, dafür war ihr das Tastgefühl viel zu vertraut. Sie hatte sich daran gewöhnt. Aber der Hand eines anderen musste das vorkommen … Ja, wie?
Sie ließ das Nachthemd wieder fallen und kehrte zu Augen und Gesicht zurück. Auch das ein Pawlowscher Reflex. Nach dem Frust, den ihr der Anblick des Bauchs beschert hatte, musste sie sich unbedingt das Erlebnis ihres Gesichts gönnen. Sie war attraktiv. Die Männer drehten sich nach ihr um, sprachen sie an, versuchten sie zu erobern. Manchmal gelang es ihnen. Der Ablauf war fast immer der gleiche: gewagte Offensive, plötzliches Abkühlen, feiger Rückzug. Über die verbrannte Bauchlandschaft wagten sich nur die Abgebrühtesten hinweg, aber auch die blieben nie lange. Arnošt und David bildeten die Ausnahme. Sie waren die Einzigen, bei denen sie nicht das Gefühl hatte, sich schämen zu müssen. Die Einzigen, für die sie auch nach dem Ausziehen noch begehrenswert war. Sie hatten gerne Sex mit ihr. Deswegen behielt sie sie auch. Beide.
„Schlampe“, sagte sie noch einmal. Diesmal lächelte sie sich an. „Du kleine Bitch, du.“
13. Dezember
St. Luzia hat Frost im Schoß, versetzt der Wärme den Todesstoß.
„Es ist nun schon elf Tage her, dass ein unbekannter tschechischer Lottospieler beim Eurojackpot eine Milliarde und zweihundert Millionen Kronen gewonnen hat. Die unglaubliche Summe liegt nach wie vor auf dem Konto der Lottogesellschaft. Wer der Glückliche ist und warum er seinen Gewinn bisher nicht angemeldet hat, darüber kann man nur spekulieren. Er hat seinen Tippschein in Prag abgegeben, das ist das Einzige, was wir über den geheimnisvollen Gewinner …“
Er streckte den Arm aus, im Dunkeln tastete er nach dem Knopf und schaltete das Radio aus. Lotto, Milliardenbeträge und geheimnisvolle Gewinner interessierten ihn nicht im Geringsten. Er sah nach draußen. Der Garten erinnerte an ein frisch gewaschenes Bettlaken. Strahlend weiß mit einem leichten Stich ins Blaue. Immer, wenn sich der Mond hinter einer Wolke versteckte, wurde der Schnee dunkler; kaum war die Wolke vorübergezogen, kehrte das Strahlen zurück.
Bedřich Holopírek beobachtete das wechselnde Spiel von Licht und Schatten durch das Fenster des Hauses, das er jetzt schon das zweite Jahr ganzjährig bewohnte. Nach der Beerdigung seiner Frau hatte er eine Weile gebraucht, bis ihm klar geworden war, dass er nun wieder uneingeschränkter Herr seiner Zeit und seines Tuns war. Mit siebenundsiebzig spürte er, dass die Lebenszeit, die ihm noch blieb, viel zu kurz war, um etwas zu tun, was er nicht wollte, und das an einem Ort, den er noch nie gemocht hatte. Ohne eine Spur von Bedauern hatte er die Prager Wohnung aufgegeben und war dorthin zurückgekehrt, wo er immer hingehört hatte: in den äußersten Ausläufer der Metropole, in das kleine Haus, das er von seinen Eltern geerbt hatte. Hier, unterhalb des Waldes, auf den knapp tausend Quadratmetern seines persönlichen Paradieses, mit den zwei Fenstern, der heruntergetretenen Schwelle und den moosbewachsenen Zaunpfählen, hier war Bedřich Holopírek glücklich und hoffte, dass das Glück noch ein paar Jahre andauern würde.
Er sah auf die Uhr. Im Dunkeln konnte er die Ziffern nicht richtig erkennen, aber er hatte den Eindruck, dass es ein paar Minuten nach Mitternacht war. Mit reinem Gewissen zündete er sich eine Zigarette an. Er rauchte jeden Tag fünf, auch das gehörte zu seinem Glückskonzept – keine Extreme. Er befürwortete weder Genusssucht noch Askese, kein übertriebenes Faulenzen, aber auch keine große Anstrengung. Eine der ersten Aktionen nach seinem Einzug war es gewesen, sich aller Pflanzen zu entledigen, die übermäßige Pflege benötigten. Dann hatte er den auf dem letzten Loch pfeifenden Ofen gegen einen neuen ausgetauscht, mit dem man das Haus wie eine Sauna aufheizen konnte. Bedřich Holopírek mochte Wärme. Es gab auf der Welt nur eins, was er noch lieber mochte: einfach so in der Gegend herumschauen. Richtig praktiziertes In-der-Gegend-Herumschauen war aus Sicht des alten Mannes eine kreative, sehr edle Form des Daseins in Harmonie mit der Umgebung. Einer Harmonie, die er sich unterm Ehejoch nicht hatte herausnehmen dürfen.
Vormittags schaute er auf der südöstlichen Seite seines Grundstücks in der Gegend herum, im Verlauf des Tages wanderte er in einem raffinierten Bogen, begleitet von kleineren Verrichtungen, gen Nordwesten, und in der Dämmerung saß er vor dem Haus. Nachts, wenn er nicht schlafen konnte, machte er sich ’s in seinem Schaukelstuhl gemütlich und schaute durch das Küchenfenster zum Wald. Von überall hatte er einen faszinierenden Ausblick, ständig gab es etwas zu beobachten, sich über etwas den Kopf zu zerbrechen. Er langweilte sich keine Minute.
Er saß da, wippte leicht vor und zurück, genoss seine nächtliche Zigarette und gähnte hin und wieder. Am Rand der Fensterscheibe wuchsen schon die ersten Eisblumen. Holopírek fiel ein, dass der Ofen fast heruntergebrannt sein musste. Vorm Sprung in die Federn würde er noch mal nachlegen, damit er morgen früh gut aus dem Bett käme. In dem Moment, als er aus dem Korb neben dem Ofen den passenden Holzscheit herausnahm, hörte er ein Geräusch. Draußen lief jemand herum. Unter schweren Schritten knirschte der Schnee, nicht weit vom Haus entfernt. Er sah durchs Fenster, aber am Waldrand konnte er nichts erkennen, keine Bewegung störte die weiße Starre der vom Mondlicht übergossenen Landschaft. Die Geräusche kamen von der gegenüberliegenden Seite. Er ging ins andere Zimmer, das er als Schlafraum nutzte, schlich vorsichtig zum Fenster und starrte hinaus in die Nacht.
Er erblickte die Person erst nach einer Weile. Sie ging an der Gartengrenze entlang, wo das Fundament des alten, beseitigten Zauns war und wo Holopírek plante (sobald sich ein Moment inspirierten Tatendrangs einstellen würde), sein Grundstück von dem nebenan mit zwei waagerechten Balken abzugrenzen. Eine solidere Absperrung hielt er für unnötig. Mit den chinesischen Nachbarsleuten kam er konfliktfrei aus. Sie hatten an diesem Ende ihres Gartens einen Pool und Ziersträucher; verdeckt von ihnen genoss Holopírek an Sommertagen das In-der-Gegend-Herumschauen mit Blick auf die badende chinesische Familie.
Die Gestalt draußen war nur undeutlich zu erkennen, der Schatten des Schuppens fiel auf sie. Holopírek sah trotzdem, dass sie etwas trug.
„Zum Kuckuck!“, schimpfte er. Nachdem er gestern die alten Bretter zerkleinert hatte, war die Kettensäge noch im Schuppen. Sie war fast neu, er hatte sie sich Ende des Sommers gekauft, als es die ersten Preisnachlässe gab. Wertvolle Geräte nachts mit ins Haus zu nehmen oder den Schuppen mit einem besseren Schloss zu versehen, hatte er sich schon oft vorgenommen, aber vom Entschluss zur Tat war es bei Holopírek immer ein langer Weg. „ ’ne Säge haste mal gehabt – jetzt haste ’n Scheißdreck, du Depp“, murmelte er, während er zur Tür eilte. Er überlegte, was er tun sollte. Vorsichtig sein, die Reaktionen eines Diebs ließen sich nicht vorhersehen. Sein Blick fiel auf das Luftgewehr am Kleiderständer. Hastig nahm er es herunter, schob den Riegel zur Seite und machte die Tür auf.
„Stehen bleiben!“, brüllte er so laut, wie er konnte, und zielte in die Dunkelheit. „Stehen bleiben, oder ich schieße!“
Die Dämmerung ließ sich Zeit. Um viertel nach sechs war die Sonne immer noch weit unterhalb des Horizonts und der Umriss des Waldes begann gerade erst, sich vom Himmel abzuheben. Noch strahlten dort die Sterne. Es war eiskalt, auf der Hauptstraße fuhr ein Streufahrzeug vorbei.
Marián Holina, Kriminalrat im Dezernat für Tötungsdelikte, war sich der Kälte gar nicht bewusst. Er sah sich die junge Frau an. Sie lag ein Stück vom Pool entfernt, das schwarze Haar verdeckte zum Teil ihr Gesicht, die minimalistische Bekleidung hingegen verdeckte fast gar nichts. Marián fiel unwillkürlich das Märchen von der klugen Bauerntochter ein, das ihm Tante Jozefína in seiner Kindheit in der Slowakei vorgelesen hatte. Damals hatte er versucht, sich vorzustellen, wie die Protagonistin ausgesehen haben mochte: nicht gekleidet und doch nicht nackend. Jetzt wusste er ’s.
„Gott, was hat die denn da an?“, nuschelte er deprimiert. Es war keine Frage, eher der Versuch, das Gespräch über die tragischeren Aspekte hinauszuzögern.
„Einen Fishnet Bodystocking.“ Die Erklärung hatte ihm die Rechtsmedizinerin Dr. Léblová geliefert. Sie war kurz nach Marián eingetroffen, im Unterschied zu ihm und trotz der frühen Stunde sehr agil. Sobald die Techniker sie an die Tote herangelassen hatten, was aufgrund der Spurensicherung im Schnee ungewöhnlich lange gedauert hatte, hatte sie die Leichenbeschau erledigt und Proben genommen, und zweifellos war ihr längst alles klar. Allerdings behält sie das für sich, solange sie nicht sicher ist, und das ist sie erst nach der Obduktion, dachte Marián. Er führte mit der Kollegin schon seit Jahren einen Kampf um eine schnellere Freigabe von Informationen. Schon seit Jahren verlor er den Kampf immer wieder. „Jedenfalls nennt meine Tochter das so.“
„Ihre Tochter trägt so was?“
Sofort bereute er die Bemerkung. Dr. Léblová war ein Ausnahmetalent: Sie schaffte es, anderen mit einem einzigen kurzen Blick die Schamesröte ins Gesicht zu treiben.
„Man kann auch Netzoverall sagen“, erwiderte sie. „Und falls es Sie tatsächlich interessiert: Nein, meine Tochter trägt so was nicht. Im OP könnte sie darin schlecht arbeiten. So was tragen Gogo-Tänzerinnen und Damen aus dem erotischen Gewerbe. Vielleicht auch Frauen, denen man das auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde, die aber insgeheim gern provozieren. Dazu sollte man natürlich die entsprechende Figur haben.“
Marián ließ den Blick über die Tote gleiten. Die Figur hatte sie. Provozieren würde sie nie wieder.
„Gogo-Tänzerinnen sind nicht mein Fachgebiet, aber ich geh mal davon aus, dass sie so leicht bekleidet nicht das Haus verlassen hat.“ Er konnte aus seiner eigenen Stimme die Hoffnungslosigkeit heraushören. Die kriegte er nicht los. Sie war da seit dem Augenblick, als er die junge Frau zum ersten Mal gesehen hatte – den Kontrast ihres Haars zum frisch gefallenen Schnee, die Rundungen ihres Körpers und an ihm den unsinnigen roten Netzstoff, aus dem die Brustwarzen wie Erbsen herausragten und der den Blick auf die winzige Vertiefung des Bauchnabels und auf den glattrasierten Schamhügel nicht verbarg. „Und schon gar nicht ohne Schuhe.“
Die nackten Füße der Frau lagen mit den Fußspitzen zueinander auf dem Schnee, die Nägel blutrot lackiert. Die Arme dicht am Körper, der Hals zur Seite verdreht. Marián beugte sich hinunter, schob mit dem Handschuh eine Strähne des ebenholzschwarzen Haars beiseite und betrachtete das fein geschnittene Gesicht mit den asiatischen Zügen aus der Nähe. An der linken Schläfe war eine mit getrocknetem Blut bedeckte Wunde.
„Es ist nicht hier passiert“, betonte Dr. Léblová eine Tatsache, an der kein Zweifel bestand. Die Wunde war sichtlich nicht frisch. Der braune Schorf schien ausgehärtet, und im Bereich des von Polizeistrahlern ausgeleuchteten Pools war kein Blut gefunden worden.
„Wie alt ist sie Ihrer Meinung nach?“
„Das ist schwer einzuschätzen. Zwischen zwanzig und dreißig.“
„Wann ist sie gestorben?“
„Vor ein paar Tagen“
„Tagen?“ Die Antwort überraschte Marián. Er hatte erwartet, dass es sich um Stunden handeln würde.
„Der Körper war offensichtlich die ganze Zeit im Kühlen, sodass es zu keinen markanten postmortalen Veränderungen gekommen ist.“
„Und die Todesursache?“ Marián schaute nach wie vor die aufgeschlagene Schläfe der Toten an.
„Bis jetzt weiß ich nicht, wie tief die Wunde geht und ob es eine Hirnblutung gegeben hat. Auf jeden Fall hat sie sich vor dem Tod das hier zugezogen.“ Dr. Léblová zeigte auf Schürfwunden und Blutergüsse. Sie waren nicht nur an den Armen der Frau, sondern auch in ihrem Gesicht. Der Hals war schwärzlich verfärbt. „Jemand hat sie gewürgt. Falls die Obduktion sexuelle Gewaltanwendung bestätigt …“
Es war klar, dass sie nicht mehr sagen würde. Sie stand auf und ging über den Steg, den die Techniker im Garten aufgebaut hatten, damit der Fundort nicht noch mehr zertrampelt würde, als er es schon war (der Zeuge Holopírek hatte wahrlich eine Meisterleistung im Spurenbeseitigen abgeliefert), zum Haus zurück. Es war dunkel, verschlossen. Eine Zwischenkriegsvilla mit einem Türmchen, einer Terrasse und einer zweiflügligen Freitreppe zur Eingangstür, alles aufwändig, aber nicht besonders stilvoll renoviert. Marián sah die architektonischen Entgleisungen in Form von gläsernen Geländerstangen, einem vergoldeten Garagentor und Spiegelglasfenstern. Der Hausherr hatte augenscheinlich eine Schwäche für glänzende Oberflächen. Herr des Hauses war Wang Li, ein chinesischer Geschäftsmann und Inhaber mehrerer Restaurants, schon seit zwölf Jahren in Tschechien ansässig. Das waren ein paar der wenigen Fakten, die sie bisher über ihn herausgefunden hatten. Außerdem noch, dass er momentan mit seiner Frau und den zwei Söhnen Urlaub auf den Kanaren machte und die Tote, zumindest anhand der Aufnahme des Polizeifotografen, nicht kannte. Das hatte er Kommissar Diviš Mrštík mitgeteilt, dem es gelungen war, mit Wang in Telefonkontakt zu treten. Der war von den Vorkommnissen erschüttert und versprach, nichts unversucht zu lassen, um so schnell wie möglich nach Prag zurückzukommen.
Marián wandte den Kopf von Wangs dunkler Villa ab und beugte sich wieder zu der jungen Frau hinunter. Sie hatte keine Papiere dabei, sie hatte keine besonderen Merkmale, sie hatte nichts. Nichts als den Fishnet Bodystocking. Schon bald würde sie nicht mal mehr den haben. Wenn man sie in die Pathologie bringen und auf den Obduktionstisch legen würde, wäre sie nur noch eine Nummer.
Ein letztes Mal maß er sie mit Blicken und stand dann auf. Die morgendliche Begegnung mit dem Tod hatte ihn stärker mitgenommen, als ihm lieb war. Er spürte, was für einen krummen Rücken er machte, und streckte ihn energisch durch. Er nahm sich vor, seine lähmende Niedergeschlagenheit mit Aktivität niederzuringen.
Energisch lief er über den Steg, verabschiedete sich von Dr. Léblová und ging aus dem Garten hinaus auf den Weg. Der Wald an dessen Ende wurde allmählich blasser und gewann Konturen. Man sah Vögel zwischen den Baumkronen herumfliegen – Krähen, vielleicht Dohlen. Ihr durchdringendes Geschrei hallte unangenehm in Mariáns Schädel nach.
Er ging auf den jungen Mann zu, der ein Stück entfernt stand. Er gehörte zum Technikteam und hatte die außergewöhnliche Fähigkeit, anderen im Gedächtnis zu bleiben. Nach außen hin half dabei eine Brille mit auffallend massiven Gestell in Türkis, auf einer tiefer liegenden Ebene eine sympathische, bei technikaffinen Menschen eher ungewöhnliche Eigenschaft: Er kombinierte Sachlichkeit mit Fantasie.
„Rudolf, was gibt ’s?“, fragte Marián kurz.
„Das Wetter macht ’s uns einfacher. Der alte Schnee war schön gefroren, und gestern hat es drei bis vier Zentimeter draufgeschneit. Die ganzen Spuren da sind frisch“, antwortete er und zeigte mit ausholender Geste auf den Bereich des Weges, der von Polizeiband abgesperrt war. Dahinter zeichneten sich im Licht der Scheinwerfer die Abdrücke von Autoreifen ab, einige schon mit Abformmasse ausgegossen.
„Wie frisch?“
„Die müssen von einem Auto sein, das gestern Abend nach elf hergekommen ist. Das ist ungefähr die Zeit, als es aufgehört hat zu schneien.“
„Von einem einzigen Wagen?“
„Sieht ganz so aus. Abgefahrenes Profil. Er ist von unten gekommen. Das Durcheinander von Abdrücken stammt vom Rangieren und Wenden … Hier entlang ist er zurückgefahren.“
„Ich brauche so schnell wie möglich einen Abgleich mit den Reifenspuren von dem Unfallwagen da in der Nähe.“
„Von dem Transporter?“
Marián nickte. Das Erfrischende an Rudolf war nicht nur seine Fähigkeit, sich bei der Arbeit mit Fantasie weiterzuhelfen, sondern auch, wie schnell relevante Informationen von dritter Seite zu ihm vordrangen. Da er über alles ständig im Bilde war, konnte man viel Zeit sparen.
„Ich tippe auf ein Modell mit seitlicher Schiebetür. Hier sieht man, wie er ausgestiegen ist. Die Füße quer zum Wagen, siehst du?“ Rudolf hob das Band hoch, ließ Marián darunter hindurchkriechen und führte ihn am Wegrand entlang zu der Stelle, wo die Spuren des Parkmanövers waren. Er zeigte darauf. „Da, auf der Fahrerseite ist niemand ausgestiegen, bloß hier. Und auf demselben Weg ist er wieder eingestiegen. Eine Person. Ziemlich kleine Schuhe. Maximal Größe vierzig.“
„Also hatte der Wagen zwischen Fahrerkabine und Frachtraum keine Zwischenwand, oder es sind mindestens zwei im Auto gewesen“, schlussfolgerte Marián. Falls es zwischen dem Auto, das in der Nacht hierhergekommen und später wieder weggefahren war, und der toten Frau in Wangs Garten tatsächlich einen Zusammenhang gab, ließe sich das nicht anhand von Beweisen belegen. Marián hoffte, dass der Kastenwagen, der einen Kilometer von hier erst übel ins Rutschen gekommen und dann kopfüber im Straßengraben gelandet war, ihnen die Antwort liefern würde. Vom Fahrer konnten sie auf keine Auskunft hoffen – vorerst. Nguyễn Dương lag mit einer Gehirnerschütterung und diversen Knochenbrüchen im Krankenhaus. Marián hatte keinen Hang zu voreiligen Schlüssen, aber das Übermaß an asiatischen Faktoren (die tote Frau, der Garten des chinesischen Geschäftsmannes, der vietnamesische Fahrer) erschien ihm zumindest eigenartig. Die Auswertung der Spuren um den Pool herum sollte Licht in die Angelegenheit bringen. Falls die von Holopírek angerichteten Schäden nicht fatal waren.
„Man sieht auf den ersten Blick, dass die Spurenreihe hier tiefer ist. Als er vom Auto weggegangen ist, hat er was Schweres getragen. Oder in denselben Schuhen ist jemand anderes zurückgekommen, der viel leichter war. Oder …“ Rudolf machte ein Gesicht, als hätte er jetzt die Lösung gefunden, „Oder er hat, während er aus dem Auto weg war, extrem viel abgenommen.“
Marián wollte diese Hypothese mit einem Lächeln quittieren, aber schnell gab er den Versuch auf, denn er spürte einen stechenden Schmerz um den Mund, als sich die von der Kälte gereizte Gesichtshaut anspannte. Er hatte schon drei Stunden in der eisigen Dezemberluft verbracht.
„Ich kalkuliere auf jeden Fall alle Möglichkeiten mit ein“, sagte er, und während er am Wegrand zum Absperrband zurückging, holte er das Telefon aus der Tasche und las die Nachricht von Diviš. Der entnahm er, dass die Vernehmung von Holopírek mühsam war.
„Wenn was ist, ich bin dort drüben“, informierte er eine Polizistin in Uniform, die mit einer Thermoskanne in der Hand die Absperrung bewachte. Er zeigte auf das kleine Haus, dessen Garten an den von Wang grenzte.
„Tee?“ Die Polizistin schraubte die Kanne auf, in der frostigen Morgenluft schoss eine weiße Dampfwolke heraus.
„Den heben Sie mal für sich selber auf, Sie werden noch ein Weilchen hier sein.“
„Ich bin gut ausgestattet. In meinen Schuhen habe ich Socken mit Turmalin drin“, verkündete sie. Als sie sah, dass Marián nicht darauf ansprang, fügte sie bereitwillig als Erklärung hinzu: „Ein Mineral. Steigert die Blutzirkulation.“
„Ein Wärmstein?“ Er nahm von ihr den Becher mit dem Tee und nippte daran.
„Der wärmt nicht nur. Der spendet Energie und hat einen Haufen therapeutische Effekte. Probieren Sie das mal aus.“
Ihre Begeisterung über die Turmalinsocken wirkte wohltuend. Marián spürte, dass die deprimierte morgendliche Stimmung langsam verflog. So mächtig die Magie des Todes auch sein mochte – die kleinen Freuden des Lebens schafften es am Ende jedes Mal, sie zu besiegen. Er bedankte sich für den Tee, gab den leeren Becher zurück und ging zu Holopíreks Haus, aus dessen Schornstein vielversprechend Rauch aufstieg. Er freute sich auf die Wärme.
Die Finger von Kommissar Diviš Mrštík huschten über die Tastatur des Notebooks, das vor ihm auf dem Küchentisch stand. Er schrieb mit zehn Fingern, flink und fehlerfrei. Seine Stimme war griesgrämig.
„Davor haben Sie aber gesagt, dass Sie ihn gesehen haben, und jetzt, dass Sie ihn nicht gesehen haben. Entscheiden Sie sich doch bitte.“
„Ich hab ihn gesehen. Aber nicht das Gesicht. Es war dunkel. Na ja … Als der Mond untergegangen war.“
„Aber dass er Ihre Säge in der Hand hat, das haben Sie erkannt.“
„Ich habe gesehen, dass er etwas in der Hand hat. Und ich habe gedacht, dass das meine Säge ist.“
„Die Sie aber später dann im Schuppen gefunden haben“, versicherte sich Diviš. „Stimmt das?“
Bedřich Holopírek nickte.
„Was war mit dem Schloss?“ Marián stieg mit in die Vernehmung ein. Er stand am glühenden Ofen und taute allmählich auf. Aus der Wärme der Küche erschien ihm der verschneite Garten vorm Fenster romantisch, bis zum Pool des Nachbarn konnte er von hier aus nicht sehen. „Das Schloss am Schuppen, war das unbeschädigt?“
Holopírek hob langsam seinen Blick.
„Ja, ja, das Schloss war in Ordnung“, antwortete er ohne Eile. Marián erkannte in seinen Gesten und Worten jemanden wieder. Irgendwer, den er kannte, sprach und bewegte sich mit einer ähnlichen phlegmatischen Langatmigkeit. Ihm fiel aber nicht ein, wer.
„Schuppen abgeschlossen … Ist nichts weggekommen … Säge an Ort und Stelle … Hab ich aber in dem Moment nicht gewusst. Ist so gut wie neu … Die wollt ich nicht einbüßen“, erläuterte Holopírek auf eine Weise, die Marián „Buchstaben furzen“ nannte und die Diviš, der das Protokoll immer wieder umschreiben musste, sichtlich langsam zur Verzweiflung brachte.
„Sie haben also das Luftgewehr genommen.“ Er versuchte, die zähflüssige Unterhaltung voranzubringen. „Was haben Sie da drin?“
„Schrot. Die Flinte ist alt, aber immer noch gut. Mein Vater hat damit auf Stare geschossen, die haben ihm die Kirschbäume leer gefressen.“
„Und Sie auf Diebe, die Ihnen nichts gestohlen haben“, merkte Marián spitzzüngig an. Mit der Wärme kehrte auch sein Sinn für bissigen Humor zurück. Er verließ den Platz am Ofen, ging in den Raum nebenan und sah aus dem Fenster, das in Richtung von Wangs Garten zeigte. Der Pool war nicht zu sehen, er war von Holopíreks Schuppen verdeckt.
„Ich begreife nicht, wie Sie es in der Dunkelheit geschafft haben, zu treffen“, hörte er Diviš aus der Küche.
„Ich habe nicht gezielt. Ich wollte den bloß erschrecken.“
„Und ganz per Zufall haben Sie ihn getroffen.“
„Der Zufall ist ein Rindvieh“, philosophierte Holopírek. „Mir passieren durch Zufall Sachen, die würde ich ums Verrecken nicht hinkriegen, auch wenn ich die trainieren würde.“
Jetzt, wo Marián ihn nicht ansah und hinter sich nur die Stimme hörte, fiel ihm ein, an wen ihn der alte Mann erinnerte. Ganz genauso hatte Strýko Belo immer gesprochen, einer seiner Onkel. Langsam, unbeeindruckt, mit bedeutungsschweren Pausen zwischen den einzelnen Wörtern. Belo war Fernfahrer, und wenn er gerade einmal nicht auf dem Bock saß, lungerte er in Lehôtka hinterm Haus auf einem ausrangierten Autositz herum. Marián konnte sich nicht erinnern, Belo einmal gehen gesehen zu haben, als Kind hatte er sogar geglaubt, sein Strýko sei körperlich behindert. Erst später hatte er begriffen, dass Belo anderswo zur Welt hätte kommen müssen als in der Slowakei. Er gehörte weiter nach Osten. In ein hinduistisches Land, wo man das Leben für eine Illusion hielt, der sich der Mensch allein durch innere Ruhe entledigen konnte, im Optimalfall durch absolute Vermeidung von Aufregungen. Strýko Belo hatte diesen Zustand im Alter erlangt, Bedřich Holopírek hatte noch ein gutes Stück Weg vor sich. Solange es ihm die Mühe wert war, seinen Besitz mit dem Luftgewehr in der Hand zu verteidigen, hatte er es noch weit bis zum inneren Frieden.
„Was war danach? Als Sie geschossen hatten?“
„Er hat gejault. Ich bin erschrocken, dass sein Auge vielleicht was abgekriegt hat. Das wäre wahrscheinlich als unangemessene Selbstverteidigung gewertet worden, oder?“
„Weiter“, drängte Diviš.
„Ich wollte wissen, was der da macht. Ich hab nur den Schnee knirschen hören. Dann hat man gesehen, wie von der anderen Seite …“ Holopírek betrat das Schlafzimmer und stellte sich neben Marián. Er zeigte durch die Fensterscheibe auf eine Ecke des Gartens, wo ein Stück Zaun fehlte. Aus dem Schnee ragte ein Betonfundament mit mehreren Pfosten heraus. „Da lang ist er weggerannt. Kurz danach hab ich ein Auto wegfahren hören. Also hab ich mir eine Hose angezogen. Vorher hatte ich nur Unterhosen an.“
„Darf ich fragen, warum dort kein Zaun ist?“
Marián schaute durchs Fenster zu dem Fundament mit den verwaisten Pfosten. Das war die Stelle, wo die Technik das hoffnungsloseste Spurenwirrwarr gefunden hatte.
„Ist zusammengekracht. Im Frühling kommt ein neuer hin.“
„Wann ist er zusammengekracht?“
„Ein paar Monate wird das schon her sein.“
Marián war sich sicher, dass die angegebene Zeitspanne untertrieben war. Strýko Belo brauchte für die Reparatur von Zäunen und anderen Sachen Jahre. Mängeln widmete er sich erst, wenn er von einer höheren Autorität dazu gezwungen wurde.
„Herr Holopírek, ich fasse kurz zusammen, was wir schon haben, damit wir zum Abschluss kommen können“, hörte man Diviš ’ Stimme aus der Küche. „Ungefähr zehn Minuten nach Mitternacht haben Sie gehört, dass jemand in der Nähe Ihres Hauses vorbeigeht. Sie haben aus dem Fenster geschaut und eine Person gesehen, die etwas in der Hand hatte. Sie haben vermutet, dass das Ihre Säge ist, die die Person Ihnen gestohlen hat. Sie haben mit einem Luftgewehr auf die Person geschossen …“
„Nein, nicht auf die Person. Als Warnschuss“, korrigierte ihn Holopírek. „Ich wollte dem nur einen Schreck einjagen.“
„Anhand dessen, dass Sie einen Schrei gehört haben, gehen Sie davon aus, dass Sie die Person getroffen haben. Sie ist durch die Lücke geflüchtet, wo der Zaun fehlt, und kurz danach haben Sie ein Auto wegfahren hören. Sie sind zum Schuppen nachschauen gegangen, um festzustellen, was abhandengekommen ist. Bis hierhin hätten wir das halbwegs unter Dach und Fach, Herr Holopírek. Können Sie Ihre Aussage abschließen? So kurz und knapp wie möglich, bitte. Das Telefonat mit dem Notruf lassen Sie ruhig aus, davon haben wir eine Aufnahme. Sie haben dort am Morgen um viertel vor zwei angerufen. Warum so spät?“
„Ich musste mir noch meine Sachen und die Schuhe anziehen … Eine Taschenlampe mitnehmen … Erst als ich gesehen habe, dass nichts fehlt, da habe ich mich ein bisschen im Garten umgeschaut.“
„In Ihrem und in dem von Ihrem Nachbarn, richtig?“
„Mir ist eingefallen, der Gauner könnte bei Wang ins Haus eingebrochen sein. Der hat dort zwar alles gesichert, aber wenn er weg ist, da pass ich lieber auf“, erläuterte Holopírek. Je näher er dem wesentlichen Teil der Geschichte kam, desto aufgeweckter redete er.
„Bis wohin sind Sie im Garten Ihres Nachbarn gegangen?“, fragte Marián.
„Nur bis zum Pool. Dort hab ich die Kleine gesehen.“
„Was haben Sie gemacht?“
Holopírek antwortete nicht. Regungslos starrte er durch Marián hindurch. Die nächtliche Szenerie lief offensichtlich noch einmal vor seinem inneren Auge ab.
„Haben Sie sofort erkannt, dass sie tot ist?“
„Ich hab ihren Arm angefasst, der war wie ein Eiszapfen. Ich hätte nie gedacht …“
Holopírek versagte ganz plötzlich die Stimme, es zuckte in seinem Gesicht, Tränen stiegen ihm in die Augen. Das überraschte Marián. Unter der phlegmatischen Maske war ein zweiter Holopírek verborgen, sensibel und verletzlich. Tränen rannen ihm aus den Augenwinkeln und flossen durch ein Bett aus Fältchen bis zum Kinn hinab. Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche, wischte sich das Gesicht ab und schnäuzte sich geräuschvoll.
