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Joschi ist sauer, weil sein Fahhrad geklaut worden ist und er deshalb nicht mit seinen Freunden auf Ferientour gehen kann. Aber dann lernt er Rosa kennen, das Mädchen vom Flohmarkt. Dort fällt ihm ein geheimnisvolles Tagebuch aus vergangener Zeit in die Hände. Damit beginnt die spannende Suche nach einem vergrabenen Schatz, die beide auch in die gefährliche Nähe von Fahrraddieben bringt. Das erste von vier Büchern rund um die Abenteuer von Joschi und Rosa. Ein spannender Kinder-Krimi - ohne Mord und rohe Gewalt.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2025
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1.
Joschi DIE sieht schwarz SPUR und dann Rosa
2.
Die Idee und die Flohmarktleute
3.
Flohmarkt
4.
Das Tagebuch
5.
Wirklich rätselhaft, das Ganze
6.
Wer weiß mehr?
7.
Onkel Carl wird besucht
8.
Die Sache wird klarer
9.
Sauerbraten gegen Ratatouille
10.
Nur ein Verdacht?
11.
Herr Opolka wird gesucht
12.
Die Spur wird heiß
13.
Überraschungen
14.
Aufgeben oder Einbrechen?
15.
Endlich!
16.
ROSAROSA legt ab
Rolf Hülsebusch ist in Köln geboren und dort aufgewachsen. Von Beruf Werbeberater, schrieb er Bücher aus Freude am Geschichtenerzählen. Besonderen Spaß machten ihm Jugendthemen. Hiervon zeugt bereits sein erstes Buch, der Episodenroman »... und nebenbei war Krieg«.
Er schrieb den ersten KölnKrimi für Pänz (diese BuchReihe erschien ursprünglich im HermanJosef Emons Verlag) »Die Spur führt zurück«, der ebenso wie »Hundeklau« und »Das Gesicht an der Decke« vielfach in Schulen gelesen wurde. »Dicke Kohle« ist der vierte Krimi aus seiner Feder, der von den Abenteuern der beiden Helden Rosa und Joschi erzählt.
Außerdem sind von Rolf Hülsebusch noch die beiden historischen KinderKrimis »Der Raub der Apollonia« und »Gefährlicher Verdacht« um die Zwillingsgeschwister Siggi und Edith erschienen. Die Handlung spielt in den 1940er Jahren und vermittelt Kindern einen authentischen Einblick in die damalige Zeit.
Das letzte Hochwasser hatte mal wieder allerhand Zeug ans Rheinufer geschwemmt. Plastikflaschen und Safttüten und Big MacSchachteln und verquetschte Trinkbecher.
Eine dreckige, bunte Kette, vom ColoniaHochhaus bis zur Mülheimer Brücke. Nur dort, wo direkt am Wasser die dickeren Steine lagen, war das Ufer einigermaßen sauber.
Hier entlang balancierte der Joschi von einem Stein zum anderen, Trübsinn im Blick. Passte aber auf, dass er sich dabei keinen Fuß verknackste, wie vorigen Monat, als er mit dem Andreas, dem Fränzchen und dem Büb ein Wettrennen veranstaltet hatte, um als erster bei der Wasserleiche zu sein, die dann doch nur ein Plastiksack mit alten Kleidern war.
Wo die drei jetzt wohl schon sind, überlegte er und sah seine Freunde im Geiste die Radwege am Rhein entlang fahren, einer hinter dem anderen, Richtung Bodensee. Jeder einen Teil vom Zelt auf dem Gepäckträger, und obendrauf die Tasche mit den Klamotten.
Wochenlang vor den Ferien hatten sie gemeinsam die Fahrt geplant, Straßenkarten und den meterlangen illustrierten Führer durch das Rheintal studiert, den man auseinanderfalten konnte wie eine Ziehharmonika.
Und jetzt waren der Andreas und das Fränzchen und der Büb ohne ihn unterwegs, weil ihm so ein Drecksack das Fahrrad geklaut hatte, einen Tag vor Ferienbeginn. Und das ausgerechnet vor dem Polizeirevier in der Neusser Straße, wo gegenüber seine Tante Bruni wohnt, die ihm vor derTour schnell noch ein paar Euro zusteken wollte. Hatte seinen Augen nicht getraut, als er aus der Haustür rauskam und das Rad nicht mehr dastand. Das Stahlseil, mit dem er es an den Fahrradständer angeschlossen hatte, war einfach durchgepitscht. Sicher mit einem großen Bolzenschneider, wie der Polizeibeamte hinter dem Tresen meinte, als er die Diebstahlanzeige in die Schreibmaschine hackte. Profis wären das gewesen, ganz klar.
Ein neues Rad war nicht drin gewesen, schon gar nicht von einem Tag auf den anderen. Und wo doch zu Hause jetzt auch jede Euro gespart wurde, weil bei KHD mal wieder Entlassungen vor der Tür standen und sein Vater Angst hatte, seinen Job in der Buchhaltung zu verlieren.
Danach hatte er die halbe Nacht nicht schlafen können vor lauter Wut. Sogar die Tränen waren ihm gekommen, als er am nächsten Morgen zusehen musste, wie die anderen losfuhren. Auch noch zurückgewinkt hatten sie, obwohl sie sich doch denken konnten, wie ihm zumute war.
Jetzt, wo er so allein und ohne seine Freunde am Ufer stand, kam wieder die Wut in ihm hoch, und er griff sich eine angeschwemmte Latte und fing an, auf einen vergammelten Ölkanister loszuhauen, der vor ihm halb im Wasser und halb auf den Steinen lag. Das tat ihm gut, irgendwie.
Als die Wut raus war, begann er nach flachen Steinen zu suchen, um sie über das Wasser titschen zu lassen. Das klappte einmal sogar zehnmal hintereinander. Aber es machte ihm keinen Spaß, weil die anderen nicht dabei waren, mit denen er sich messen konnte. Hinter ihm fuhr ein Radfahrer mit klapperndem Schutzblech über die Rheinwiese. Dem sah er missmutig nach und dachte dabei, dass er schon zufrieden wäre, wenn er jetzt wenigstens so eine alte Karre hätte wie der, Hauptsache, was zum Fahren.
Joschi sah schwarz für seine Ferien. Langweilig würden die werden, langweiliger noch, als mit den Eltern nach Tirol zu fahren, wie sonst in jedem Jahr. Rucksack auf dem Bukel und Wanderschuhe, Papi mit Bundhosen, Mutter im Dirndelkleid, und dann die »herrliche Bergwelt genießen«.
Nichts wie Jausenstationen und Gipfelkreuze, und abends »wohltuend müde«, wie sein Vater immer sagte, wenn sie endlich wieder im Apartmenthaus »Alpenstern« angelangt waren.
Aber damit würde es nichts werden in diesem Jahr, weil die Eltern erstmal abwarten wollten, wie das mit den Entlassungen bei khd wird. »Spare in der Zeit, dann hast du in der Not«, hatte seine Mutter gesagt und sich hingesetzt und den Absagebrief an das Apartmenthaus »Alpenstern« geschrieben.
Innerlich war ihm das ja recht gewesen. Zumal damals der Andreas mit dem Plan gekommen war, gemeinsam eine große Radtour zum Bodensee zu machen. Aber gezeigt hatte er das natürlich nicht, schon, um seine Eltern nicht zu kränken. Mit der Erlaubnis für die Tour war es dann auch ganz glatt gegangen.
Und jetzt, aus der Traum! Statt Radtour doofe Ferien zu Hause. Höchstens mal ins Schwimmbad fahren, und das auch noch mit der Straßenbahn. Oder eben am Rhein rumstromern so wie jetzt, einsam und verlassen, verdammt, verdammt!
Stromaufwärts fuhr ein dicker weißer KölnDüsseldorfer vorbei. Aus den Lautsprechern an Deck wehte blöde Musik übers Wasser zu ihm herüber: »Warum ist es am Rhein so schön«. Der reinste Hohn für seine Ohren, nicht zum Anhören. Da musste er sich ganz einfach in Trab setzen, weiter flussabwärts, bloß weg von dem Getöne.
Dann war hinter ihm ein gequältes Gekeuche, und ein Jogger zog vorbei. Den mal überholen, einfach abhängen? Aber der Jogger blieb auf einmal stehen und fing an, Freiübungen zu machen. Da hatte er auch keine Lust mehr zu rennen und trödelte einfach weiter, Richtung Mülheimer Brücke.
Als er unter der Brücke war, sah er ein paar Gestalten, die versuchten, an einem der gemauerten Brückenpfeiler hochzuklettern. Aber höher als zwei, drei Meter kam keiner, ehe er wieder abspringen musste. Drei Mann waren das, ungefähr in seinem Alter. Einer hatte sogar ein Seil umgebunden wie ein Bergsteiger. Ob man da vielleicht mitmachen konnte?
Richtige Kletterschuhe hatten die an. Schienen die Sache ernst zu nehmen, machten das nicht nur mal eben so aus Jux. Aber richtig bis oben schaffte es keiner. Der Lange mit dem Seil um die Schultern fiel einmal sogar aufs Kreuz, als er abspringen musste. Als er sich wieder hochgerappelt hatte und sah, dass der Joschi grinste, kam er auf ihn zu und machte auf stark:
»Hau ab, du Blödmann, hier spielt sich nichts ab für dich!«
Arschlöcher, dämliche! Aber die waren zu dritt. Da hielt er lieber den Mund und setzte sich wieder in Bewegung, als würde ihn das Ganze sowieso nicht interessieren.
Am Ufer waren alle hundert Meter weiße Tafeln mit großen schwarzen Zahlen als Zeichen für die Schiffahrt aufgestellt. Mal sehen, wieviele Schritte man braucht, von einer zur anderen. Beim ersten Mal waren es 87, beim zweiten Mal zehn Schritte mehr. Also nochmal zählen? Ist zwar Blödsinn, aber immerhin was gegen Langeweile, dachte Joschi, und probierte es missmutig noch einmal.
Wie sich die Zeit in die Länge zog! Links von ihm tauchte jetzt die große Stromkilometertafel mit der Zahl 639 auf. Und an der lehnte ein rosa Fahrrad.
Rosa! Sowas Beknacktes! Die Karre klaut bestimmt keiner, dachte er, und sah im Geiste sein schönes Mountainbike vor sich, HiTen Rahmen, Alu poliert mit BigForkGabel, 21 Gänge. Sein ganzer Stolz, einfach weg, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen.
Am Stromkilometer 639 macht der Rhein einen Bogen, und da ist der Uferstreifen breit und flach. Dort lagen, wie hingeschüttet, Flusssteine in allen Größen. Etwas oberhalb davon hatte das Hochwasser einen morschen Baumstamm zurückgelassen. Auf dem saß ein Mädchen in einem rosa Kleid. Rosa wie das Fahrrad, das an der Kilometertafel lehnte.
Mehr aus Langeweile als aus Neugier, ging Joschi erstmal runter bis an’s Wasser, ehe er sich wie zufällig umdrehte, um sich das Mädchen näher zu begucken.
Sah ganz nett aus, trotz des komischen weiten Kleides, das sie anhatte, dachte er. Könnte zwölf oder dreizehn sein. Aber das wusste man ja nie so genau bei Mädchen.
Vor sich hatte sie einen Korb mit Henkel und ein paar Plastiktüten stehen, zu denen sie sich dauernd runter bückte. Was machte die da bloß? Steine sortieren, die sie gesammelt hatte? Und wozu?
Das interessierte ihn nun doch, und so ging er auf das Mädchen zu, das aufsah, als es ihn kommen hörte. Ein freches Gesicht hat die, dachte er. Ziemlich hübsch, aber nicht so affig wie ein paar aus seiner Klasse, die sich Gott weiß wie schön vorkamen. Trug keinen Pferdeschwanz wie die meisten blonden Mädchen, sondern kürzere Haare. Franseliges Pony über der Stirn und sehr blaue Augen, die ihn prüfend ansahen.
»Tag!«
»Tag!«
»Sammelst du Steine?«
»Siehst du doch!«
Pause.
»Und wozu?«
»Mach ich Tiere von!«
»Tiere?«
»Ja, Steintiere. Kennste nich’?«
»Nö!«
»Mann! Kopf, Hals, Bauch, Pfoten, alles Steine. Zusammengeklebt mit Komponentenkleber, und dann angemalt. Noch nie gesehen?«
»Und wofür machste die? Nur so für dich?«
»Quatsch! Zum Verkaufen!«
»Und wo?«
»Flohmarkt!«
Und das war das Wort, erinnerte sich Joschi später, mit dem die ganze abenteuerliche Geschichte angefangen hatte.
Die Idee lag so nahe, dass er sich wunderte, sie nicht schon längst gehabt zu haben. Da musste erst das Mädchen vom Flohmarkt sprechen, um ihn drauf zu bringen: Er würde seine gesammelten ComicJahrgänge verkaufen! Auf dem Flohmarkt! So wie das Mädchen seine angemalten Steintiere. Das würde vielleicht Geld genug einbringen, um ein neues Fahrrad zu bezahlen!
Nachdenklich sah er auf das Mädchen herunter, das da vor ihm auf dem Baumstamm saß und seine Steine sortierte. Ob die ihm ein paar Tips geben könnte, wie man so etwas am besten macht?
Aber die schien an einem Gespräch nicht gerade interessiert zu sein. Wie also anfangen? Wurde ja langsam peinlich, nur so dazustehen, ohne ein Wort. Sich einfach vorstellen? Sagen, wie man heißt? Müsste sich doch gut machen, Kinderstube zu zeigen, wie seine Mutter sagen würde. Also ging er er erstmal in die Hocke, auf gleiche Höhe sozusagen.
»Ich heiße Joschi«, brachte er ganz lässig raus. Und weil ihm das ein bisschen wenig erschien, fragte er gleich hinterher, einfach nur, um eine Antwort zu kriegen: »Zeigste mir mal, wie du die Tiere aus den Steinen zusammensetzt?«
Interesse zeigen ist immer gut, dachte er. Aber damit lag er schief, wie es schien.
»Ist nicht so einfach«, sagte das Mädchen nur und besah sich kritisch einen weißen Kieselstein, ehe es ihn im hohen Bogen zur Seite warf. Aber dann schaute sie ihn plötzlich freundlich an und stellte sich ihrerseits vor: »Ich heiße Rosa.«
Rosa! Ein rosa Fahrrad, ein rosa Kleid, und jetzt auch noch der Name! Um ein Grinsen zu unterdrücken, schluckte er erst einmal und sagte dann »prima«, was er selbst sofort als dämlich empfand.
»Wieso prima?« kam auch gleich die Erwiderung, sogar ein bisschen scharf.
»Na ja«, sagte er, und musste dann doch noch grinsen, »alles rosa, Fahrrad, Kleid, Vorname, ist ja schon lustig, sowas.«
»Gar nicht lustig, kreativ ist das, begreifst du wohl nicht, was? Wir sind Künstler! Die ganze Familie! Meine Mutter arbeitet in Ton und mein Vater ist Maler, und das werd ich auch!«
»Ist ja gut«, sagte er und kam aus der Hocke hoch und setzte sich neben sie auf den Baumstamm. »Bei mir lachen manche schon, wenn sie hören, dass ich eigentlich nicht Joschi heiße, sondern Josef, so wie der Heilige.« Dann meinte er noch, dass er richtig froh wäre, heute auch mal was lustig finden zu können, weil man ihm doch das Fahrrad geklaut hätte und er jetzt ganz allein in den Ferien rumsäße, ohne seine Freunde, die jetzt längst auf dem Weg zum Bodensee wären.
Das konnte Rosa ihm nachfühlen, wie sie sagte, und damit war auch das Eis zwischen ihnen gebrochen, und er konnte zum Thema Flohmarkt kommen.
Klar ginge das, meinte sie, alte ComicHefte auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Da brauche er sich nur am nächsten Sonntag in Nippes auf den Wilhelmplatz zu setzen mit seinem Kram, da wären sie auch, ihre Mutter mit ihren Töpfereisachen und sie mit ihren Steintieren.
Als sie dabei waren, ein paar Einzelheiten zur Sache zu besprechen, was das für Hefte wären und wie alt und wieviele und in welchem Zustand, hörten sie plötzlich ein leises Zischen hinter sich, und Rosa sprang auf und schrie: »Du verdammter Schweinehund!« Aber da war es schon zu spät, und sie sahen gerade noch einen Jungen in den Büschen hinter der Kilometertafel verschwinden.
Das Zischen war die Luft aus dem Vorderreifen von Rosas rosa Fahrrad gewesen, das jetzt umgeworfen auf der Erde lag und bei dem auch vorn der Ventileinsatz fehlte. So ein verdammter Mist!
»Der Düres war das!« sagte Rosa und ballte vor Wut beide Fäuste. »Wo der nur kann, spielt er meiner Mutter und mir dämliche Streiche. Nur weil wir jetzt die Hälfte von deren Schuppen haben, zugesprochen vom Vermieter.«
Und dann erzählte sie Joschi die ärgerliche Geschichte von dem kleinen Lagerschuppen im Hof hinter dem Haus in der Flemingstraße, in dem sie mit ihrer Mutter wohnt, und auch der Düres mit seinem Vater, der auch ein Flohmarkthändler ist. Ein übler Typ wäre das, und überhaupt ein widerliches Pack, diese ganze Familie Kürten!
Wie jetzt die schweren Tüten und den Korb mit den Steinen nach Hause kriegen? An die Lenkstange hängen ging nicht, dann liefe der platte Reifen auf der Felge und ging kaputt dabei. Also Rad schieben und die Taschen tragen. Klar, dass der Joschi dabei helfen würde.
Und so hatte die Freundschaft der beiden begonnen, mit Wut auf den Düres und abwechselnd das Rad schieben und immer mal wieder die schweren Plastiktüten mit den Steinen absetzen, weil die Henkel fies in die Hände schnitten. Dabei zog sich der Weg ganz schön in die Länge, erst ein Stück auf dem Uferdamm lang, dann durch die düstere Betonunterführung, und hinter den Riehler Heimstätten vorbei bis zur Flemingstraße, wo Rosa in einem der Häuser wohnte, von denen eines aussah wie das andere.
Im Flur, wo Rosa das Rad abstellte, roch es nach Sauerkraut, und auf der ersten Etage kräftig nach Knoblauch.
»Meine Mutter kocht mal wieder französisch«, sagte Rosa und fummelte im Halsausschnitt von ihrem rosa Hängekleid rum, bis sie den Haustürschlüssel gefunden hatte, der an einem rosa Band hing. Worüber Joschi wieder verstohlen grinsen musste.
Als sie dann in der Diele standen und Rosa ihre Tüten mit den Steinen unter dem schiefen Garderobeständer abgestellt hatte, erschien in der Küchentür ihre Mutter. Und die musste den gleichen Tick haben wie ihre Tochter, denn sie hatte genauso ein Sackkleid an, nur in Rot. Obendrein hatte sie noch rote Haare, die sie zu einem Dutt oben auf dem Kopf zusammengesteckt hatte. Aber hübsch war sie, sah auch eher aus wie eine ältere Schwester von Rosa, nicht wie die Mütter, die er so kannte. Eine Künstlerin, das sah man sofort.
»Wen haben wir denn da«, sagte sie, und kam gleich auf Joschi zu und streckte ihm die Hand hin, »ich bin Rosas unordentliche Mutter, die lieber kocht und Keramik macht als die Wohnung aufzuräumen. Magst du Ratatouille?« Und damit zog sie ihn auch schon in die Küche, ließ ihn mittendrin stehen und wandte sich wieder dem Kochtopf zu, der auf dem Herd dampfte.
»Joschi heißt er«, sagte Rosa zu dem Rücken, den ihre Mutter ihnen zuwandte, »Hat mir geholfen, meine Steine zu tragen, weil mir der Idiot von Düres auf der Rheinwiese das Ventil aus dem Vorderrad geklaut hat!«
»Sowas, sowas«, sagte Rosas Mutter nur und rührte weiter in einem großen Topf, »dafür kriegt der Joschi jetzt auch Ratatouille, soviel er will. Kommt, setzt euch!«
Und damit war Joschis Vorstellung schon beendet, und er mittendrin in der Familie, als würde man sich schon Gott weiß wie lange kennen.
Ratatouille, das war wohl was Französisches. Verschiedenes Gemüse, durcheinandergekocht, und Knoblauch jede Menge. Noch nie gegessen, aber toll! Keine Decke auf dem Küchentisch, aber allerhand Kram, den Rosas Mutter einfach zur Seite geschoben hatte, ehe sie die dampfenden Teller vor sie hinsetzte, Joschis Teller gleich neben eine Fahrradpumpe. Undenkbar sowas bei ihm zu Hause!
Merkwürdige Leute sind das, dachte Joschi. Eine Künstlerfamilie, das hatte Rosa ja ganz stolz gesagt, und irgendwie gefiel ihm das mit jeder Minute besser, die er hier am Tisch saß. Fragen und Antworten liefen ganz loker hin und her zwischen den dreien. Natürlich ging es auch um Joschis Problem mit dem geklauten Fahrrad und den Plan, seine ComicHefte auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Da war er eigentlich schon gar nicht mehr erstaunt, dass Rosas Mutter ihm anbot, sich am Sonntag auf dem Flohmarkt zu treffen, wo er einen Platz neben ihrem Stand beziehen könnte. Aber dass sie ihm auch noch ein altes Fahrrad zur Verfügung stellte, das hinter dem Haus im Schuppen stand, damit hatte er wirklich nicht rechnen können.
Und so dachte er, als er auf der Heimfahrt war und sich Mühe gab, das klappernde Schutzblech zu überhören, dass heute vielleicht doch noch eine ganz lustige Ferienzeit angefangen hatte.
Als sie in die neue Wohnung in der Stammheimer Straße gezogen waren, hatten ihm seine Eltern auch ein Stück Kellerraum überlassen. In dem stand jetzt das Regal mit seinen gesammelten ComicHeften, sorgfältig nach Nummern und Jahrgängen geordnet und mit Kordel verschnürt. Donald Duck, Mickey Mouse, Fix und Foxy, abgespart vom Taschengeld. Und jetzt musste er sie verkaufen! Was für ein Elend, dachte er, und blätterte trübsinnig in einem Stoß von Fix und FoxyHeften.
Da war seine Laune gestern nachmittag, als er mit dem geliehenen Fahrrad nach Hause gekommen war, noch besser gewesen. Hatte vielleicht ein bisschen zu begeistert von Rosa und ihrer Mutter und dem französischen Essen erzählt. Besonders seine Mutter hatte misstrauisch geguckt und gefragt, ob das denn auch anständige Leute wären. Künstler angeblich, und vom Flohmarkt zu leben, das wäre doch so eine Sache. Und wo denn der Vater wäre? Oder gäbe es da vielleicht überhaupt keinen? Aber da konnte Joschi sie beruhigen. Reich wären die wohl nicht, aber ärmlich würde es nicht aussehen bei denen, höchstens ein bisschen unordentlich, aber dafür wäre das eben eine Künstlerfamilie.
»Der Vater von Rosa«, sagte Joschi, der das ganz toll fand, »besitzt ein ehemaliges Frachtschiff, das zu einem Maleratelier umgebaut ist. Damit fährt er im Sommer den Rhein und die Mosel ab, macht Ausstellungen und verkauft seine Bilder, wenn er nicht gerade neue Bilder malt. Sein Name ist Konstantin Wuff.«
»Wuff? Komischer Name.« Das war alles, was sein Vater zu seiner neuen Bekanntschaft gesagt hatte.
Worin bloß die Hefte transportieren? Den großen Familienurlaubskoffer, der in diesem Jahr nicht gebraucht werden würde und der in der Kellerecke stand, traute er sich nicht zu nehmen. Aber da stand auch der stabile Karton, in dem der Fernseher angeliefert worden war, den sie gleich nach dem Umzug gekauft hatten. Der wäre ideal, dachte er, würde auch besser auf den Gepäckträger passen.
In den Karton packte er je einen Stoß Donald Duck, Fix und Foxy und Micky Mouse und schnürte ihn mit Kordel zu. Dann trug er den Karton in den Hausflur hinauf, wo das Rad stand. Aber ganz so gut, wie er sich das gedacht hatte, ging das denn doch nicht mit dem Transport zum Flohmarkt am Wilhelmplatz. Fahren, das stellte sich schnell als unmöglich heraus. Also blieb nur schieben, und selbst dabei war der schwere Karton ein paar mal kurz davor, abzurutschen.
Mühsam war die Schieberei, immer die Florastraße lang, über die Niehler und über die Neusser Straße und dann zum Wilhelmplatz. Schon beim Überqueren der Niehler Straße, als er den Karton vor dem Abrutschen gerade noch zu packen kriegte, war er die ganze Aktion fast leid. Aber dann sah er im Geiste ein neues Bike vor sich und schob mit frischer Kraft weiter.
Auf dem Wilhelmplatz war schon ein Gedränge wie auf einer Kirmes, obwohl es erst zehn Uhr am Sonntagmorgen war. Da blieb Joschi erstmal ziemlich ratlos am Platzrand stehen und wusste nicht wohin. Ein Trödelmarktstand neben dem anderen. Keine Lücke mehr für Zuspätgekommene! Dazwischen hatte man Gassen für die Leute gelassen, die sich an den Ständen entlang drängten, mal hier und mal dort stehen blieben, Sachen in die Hand nahmen und wieder hinsetzten, während die Standbesitzer mit unbewegten Gesichtern zuschauten, als wären sie gar nicht am Verkaufen interessiert. Aber das gehörte wohl dazu, dachte Joschi, einfach so zu tun, als hätte man es nicht nötig. Genauso würde er es auch machen, nahm er sich vor, wenn er erstmal seine kostbaren Hefte ausgebreitet hätte. Aber jetzt musste er erstmal Frau Wuff und Rosa finden.
Fast um den ganzen Wilhelmplatz herum musste er sein Rad mit dem Karton schieben, bis er sie sah: Frau Wuff mit ihren roten Haaren und dem roten Sackkleid. Neben ihr Rosa, wieder ganz in rosa, wie auf der Rheinwiese.
Aber das hatte er eigentlich nicht anders erwartet und beim Suchen danach Ausschau gehalten. Die beiden hatten einen langen Tapeziertisch vor sich, auf dem hauptsächlich Vasen, Schalen und Töpfe aus Ton standen. Die meisten waren originell mit allerhand Ornamenten und Darstellungen verziert, aus denen man aber auf den ersten Blick nicht recht schlau werden konnte. Aber das war wohl das Künstlerische an der Arbeit von Rosas Mutter, dachte er.
Rosa hatte ihre Steintiere auf einem Stück schwarzen Stoff dekoriert, am rechten Ende des langen Tisches. Und die sahen wirklich schön aus. Ein paar davon hatte sie ihm ja schon zu Hause gezeigt, aber hier, wo ihre Farben in der Sonne richtig leuchteten, fand er sie regelrecht bewundernswert. Doch, das stimmte schon mit der »Künstlerfamilie«, wie Rosa stolz gesagt hatte, und irgendwie freute ihn das.
»Hallo«, sagte er, »hier bin ich«, als Rosas Mutter gerade eine Vase verkauft hatte und sich umdrehte, um aus einem Karton eine neue herauszuholen.
