Die Stadt der verschwundenen Kinder - Caragh  O'Brien - E-Book
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Beschreibung

Sag mir, wo die Kinder sindDie junge Gaia gehört mit ihrer Mutter zu den wichtigsten Menschen ihrer Gemeinschaft: Als Hebamme muss sie jeden Monat die ersten drei Neugeborenen an der Mauer der Stadt abgeben – so lautet das Gesetz. Noch nie hat jemand es gewagt, gegen dieses Gesetz und die Herrscher jenseits der Mauer aufzubegehren. Doch dann werden Gaias Eltern verhaftet, und das Mädchen begibt sich auf die Suche nach dem Geheimnis der Stadt jenseits der Mauer – und nach dem Schicksal der verschwundenen Kinder …Es ist eine unbarmherzige Welt, in der die sechzehnjährige Gaia aufwächst. Alles ist streng rationiert und jeder träumt von einem besseren Leben. Das ist jedoch nur wenigen Auserwählten vorbehalten, die in einer geheimnisvollen Stadt leben, der Enklave, hinter einer unüberwindlichen Mauer. Alle anderen müssen sich mit dem zufriedengeben, was die Enklave ihnen zuteilt. Der Preis dafür ist hoch: Jeden Monat müssen die ersten drei Neugeborenen an der Mauer abgegeben werden. Wer sich weigert, wird mit dem Tod bestraft, besonders Hebammen wie Gaia und ihre Mutter. Doch dann werden eines Tages Gaias Eltern verhaftet. Für das junge Mädchen zerbricht eine Welt, und sie beginnt Fragen zu stellen: Was geschieht mit den verlorenen Kindern? Als Gaia auf der Suche nach Antworten heimlich die verbotene Stadt betritt, beginnt für sie ein Abenteuer voller Gefahren, und sie macht eine Entdeckung, die das Schicksal der Kinder und die Zukunft der Menschen für immer verändern wird …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:534


Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 - Die Babyquote
Kapitel 2 - Ein kleines braunes Päckchen
Copyright
Im Gedenken an meinen Vater,Thomond R. O’Brien, Sr.
1
Die Babyquote
Im Halblicht der ärmlichen Hütte zwang sich die Frau, ein letztes, qualvolles Mal zu pressen, und das Baby glitt heraus, in Gaias griffbereite Hände.
»Gut gemacht«, lobte sie. »Wundervoll. Es ist ein Mädchen.«
Das Baby schrie ungehalten, Gaia aber seufzte erleichtert, als sie Finger, Zehen und den Rücken abtastete. Es war ein gutes Baby, gesund und wohlgeformt, bloß klein. Sie wickelte es in eine Decke und hielt das Bündel dann in den flackernden Feuerschein, damit die erschöpfte Mutter ihr Kind sehen konnte.
Gaia wünschte, ihre eigene Mutter wäre hier, vor allem, um sich um die Nachgeburt und das Kind zu kümmern. Sie wusste, dass sie der Frau das Kind eigentlich nicht geben durfte, nicht einmal einen kurzen Moment, aber jetzt griff diese schon danach, die Hände zärtlich ausgestreckt. »Bitte«, flüsterte sie, und Gaia brachte es einfach nicht übers Herz. Sie reichte ihr das Baby, und die Schreie verebbten. Sie versuchte, den sanften, beruhigenden Singsang zu überhören, während sie gründlich und vorsichtig, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte, zwischen den Beinen der Frau sauber machte. Sie war aufgeregt und auch ein wenig stolz. Das hier war ihre erste Geburt. Sie hatte ihrer Mutter schon oft assistiert und seit Jahren gewusst, dass sie einmal Hebamme werden würde. Heute war es endlich so weit.
Fast geschafft. Sie holte den kleinen Teekessel und die beiden Tassen aus der Tasche, die ihre Mutter ihr vor einem Monat zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Sie goss Wasser in den Kessel und schürte das Feuer, dessen Widerschein mild auf der Mutter mit ihrem kleinen, ruhigen Bündel schimmerte.
»Das hast du gut gemacht«, lobte Gaia noch einmal. »Dein wievieltes Kind ist es doch gleich? Vier, sagtest du?«
»Sie ist mein erstes«, sagte die Frau, ihre Stimme warm vor Ehrfurcht und Behagen.
»Wie bitte?«
Die Frau lächelte scheu und strich sich in einer verlegenen Geste eine schweißnasse Locke hinters Ohr. »Ich wollte es dir vorher nicht sagen. Ich hatte Angst, du würdest nicht bleiben.«
Gaia ließ sich neben das Feuer sinken, hängte den Kessel an die Metallstange und schob ihn über die Flammen, damit er sich erwärmte.
Die erste Niederkunft war immer die schwerste, die gefährlichste, und obwohl diese hier glimpflich verlaufen war, wusste Gaia, dass sie Glück gehabt hatte. Das wäre die Sache einer erfahrenen Hebamme gewesen, auch wegen dem, was als Nächstes kommen würde.
»Ich hätte dich nicht im Stich gelassen«, sagte Gaia sanft, »aber nur, weil niemand sonst gekonnt hätte. Meine Mutter war schon auf dem Weg zu einer anderen Geburt.«
Die junge Frau schien ihr kaum zuzuhören. »Ist sie nicht wunderschön?«, murmelte sie. »Und sie gehört mir. Ich werde sie behalten.«
Oh nein, dachte Gaia. Ihr Wohlbehagen und ihr Stolz lösten sich in Luft auf, und sie wünschte sich nun mehr denn je, dass ihre Mutter bei ihr wäre. Oder wenigstens die alte Meg. Oder überhaupt irgendjemand.
Gaia öffnete ihre Tasche und nahm eine frische Nadel und ein Fässchen braune Tinte heraus. Sie gab ein paar Teeblätter aus der Dose in den Kessel. Langsam füllte sich der Raum mit einem ahnungsvollen Duft, und die Frau lächelte wieder müde und entspannt. »Wir haben uns nie unterhalten«, sagte sie, »aber ich habe dich und deine Mutter oft gesehen, auf dem Marktplatz und auf dem Weg hoch zur Mauer. Jeder sagt, dass du eine genauso gute Hebamme wie deine Mutter werden wirst, und jetzt kann ich das bestätigen.«
»Hast du einen Ehemann? Eine Mutter?«, fragte Gaia.
»Nein. Sie leben nicht mehr.«
»Wer war der Junge, den du zu mir geschickt hast? Dein Bruder?«
»Nein. Nur ein Kind, das gerade vorbeikam.«
»Also hast du niemanden?«
»Nicht mehr. Aber jetzt habe ich ja mein Baby, meine Priscilla.«
Ein schlechter Name, dachte Gaia. Doch das Mädchen würde ihn sowieso nicht lange tragen. Gaia streute eine Prise Herzspannkraut in die Tasse der jungen Mutter und goss dann schweigend Tee in beide Tassen, während sie überlegte, wie sie es am besten angehen sollte. Sie ließ ihr Haar nach vorn fallen, sodass es die linke Seite ihres Gesichts verdeckte, und packte den leeren, noch warmen Kessel in ihre Tasche.
»Hier«, sagte sie, reichte der jungen Frau auf dem Bett die mit Herzspannkraut versetzte Tasse und nahm ihr vorsichtig das Kind ab.
»Was tust du da?«, fragte die Mutter.
»Trink einfach. Das wird dir gegen die Schmerzen helfen.« Gaia nahm einen Schluck aus ihrer eigenen Tasse, um es ihr zu zeigen.
»Ich habe keine schlimmen Schmerzen mehr. Ich bin nur ein bisschen müde.«
»Das ist gut«, sagte Gaia und stellte ihre Tasse wieder am Herd ab.
Still packte sie ihre Sachen zusammen und beobachtete, wie die Augenlider der Mutter schwerer wurden. Sie wickelte die Beine des Babys aus und zog behutsam einen Fuß hervor. Dann legte sie das Baby nahe beim Herdfeuer auf eine Decke. Die Augen des Babys öffneten sich und glänzten im Feuerschein: dunkle, unergründliche Augen. Es war unmöglich zu sagen, welche Farbe sie einmal haben würden. Gaia tunkte einen sauberen Stofffetzen in ihre Teetasse, bis der Fetzen die letzten Reste aufgesogen hatte. Dann wischte sie damit über den Knöchel und säuberte ihn. Sie tauchte die Nadel in die braune Tinte, hielt sie kurz ins Licht und stieß sie dann rasch, in vier schnellen Stichen, in den Knöchel des Babys, wie sie es schon oft unter der Anleitung ihrer Mutter getan hatte. Das Kind schrie auf.
»Was tust du da?«, rief die Mutter, jetzt hellwach.
Gaia wickelte das Baby, das nun sein Geburtsmal besaß, wieder in die Decke und hielt es fest an sich gedrückt. Sie ließ Teetasse, Nadel und Tinte in ihre Tasche gleiten. Dann tat sie einen Schritt nach vorn und nahm die andere Tasse von der Seite der Mutter. Sie legte sich ihre Tasche um.
»Nein!«, rief die Mutter. »Das kannst du nicht tun! Es ist der einundzwanzigste April! Niemand bringt so spät im Monat noch ein Baby vor!«
»Das Datum spielt keine Rolle«, sagte Gaia ruhig. »Es sind die ersten drei Babys jeden Monat.«
»Aber du musst doch mittlerweile schon ein halbes Dutzend entbunden haben!«, schrie die Frau, richtete sich auf und mühte sich, ihre Beine über den Bettrand zu schwingen.
Gaia wich einen Schritt zurück und streckte den Rücken durch. »Meine Mutter hat die anderen Kinder entbunden. Dieses hier ist mein erstes«, sagte sie. »Es sind die ersten drei Babys für jede Hebamme.«
Die Frau starrte sie an, das Gesicht von Entsetzen gezeichnet. »Das kannst du nicht tun«, flüsterte sie. »Du darfst mir mein Baby nicht wegnehmen. Sie gehört mir.«
»Ich muss«, sagte Gaia und trat einen weiteren Schritt zurück. »Es tut mir leid.«
»Aber das kannst du nicht«, keuchte die Frau.
»Du wirst andere Kinder haben. Einige wirst du behalten. Das verspreche ich dir.«
»Bitte«, flehte sie. »Nicht dieses Kind. Nicht mein einziges. Womit habe ich das verdient?«
»Es tut mir leid«, wiederholte Gaia. Sie hatte nun die Tür erreicht. Sie sah, dass sie ihre Teedose neben der Feuerstelle vergessen hatte, aber zum Umkehren war es jetzt zu spät. »Man wird sich gut um dein Baby kümmern«, sagte sie und gebrauchte die Worte, die sie gelernt hatte. »Du hast der Enklave einen großen Dienst erwiesen, und man wird dich dafür entschädigen.«
»Nein! Sag ihnen, dass sie ihre dreckigen Entschädigungen behalten sollen! Ich will mein Kind.«
Die Frau stürzte sich auf sie, aber Gaia hatte damit gerechnet. Im nächsten Moment war sie schon aus der Hütte und eilte die dunkle Gasse hinab. An der zweiten Ecke musste sie anhalten, weil sie so stark zitterte, dass sie befürchtete, alles fallen zu lassen. Das Neugeborene gab einen einsamen, unruhigen Laut von sich, und Gaia rückte ihre Tasche über der rechten Schulter zurecht, sodass sie das kleine Bündel mit zitternden Fingern tätscheln konnte. »Still«, flüsterte sie.
Weit hinter sich hörte sie, wie eine Tür sich öffnete, und dann eine ferne, verzweifelte Klage. »Bitte! Gaia!«, und Gaias Herz setzte einen Schlag lang aus.
Sie verbiss sich die Tränen und blickte den Hügel hoch. Das war viel schlimmer, als sie gedacht hatte. Mit gespitzten Ohren, in Erwartung einer weiteren Klage, setzte sie sich wieder in Bewegung und schritt rasch den Hügel zur Enklave empor. Der Mond warf sein bläuliches Licht auf die dunklen Holz- und Steinhäuser um sie herum, und einmal stieß sie sich den Fuß. Ihre Eile wirkte seltsam unangemessen in der tiefen, schläfrigen Stille der Nacht.
Sie war diesen Weg im Auftrag ihrer Mutter schon viele Male gegangen, doch bis heute Nacht war er ihr nie wie eine weite Reise vorgekommen. Sie wusste, dem Baby würde es gut gehen. Sie wusste, die Frau würde andere Kinder haben. Vor allem aber wusste sie, das Gesetz verlangte von ihr, dass sie dieses Baby ablieferte, und wenn sie es nicht tat, wäre ihr Leben und das ihrer Mutter verwirkt. Sie wusste das alles, und dennoch wünschte sie, dass es anders wäre, dass sie dieses Kind zurück zu seiner Mutter bringen und ihr sagen könnte: Hier, nimm die kleine Priscilla. Flieh mit ihr ins Ödland und kehre niemals zurück.
Sie trat um die letzte Ecke und sah die gewölbten Flügel des Südtors, darüber eine einzelne, helle Glühbirne in einer Laterne aus verspiegeltem Glas, die ihr Licht auf das Tor und den festgestampften Boden warf. Zwei Wachen in schwarzen Uniformen standen vor den beiden schweren Holztüren. Sie strich ihr Haar nach vorn über ihre linke Wange und drehte sich unwillkürlich so, dass diese Seite ihres Gesichts im Schatten blieb.
»Wenn das mal nicht eine kleine Lieferung ist«, sagte der größere der beiden Soldaten. Er zog seinen breitkrempigen Hut mit einer schwungvollen Bewegung vom Kopf und klemmte ihn sich unter den Ellbogen. »Bringst du uns ein Kind von deiner Mutter?«
Gaia trat vor. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie musste kurz Atem schöpfen. Ein Vogel flog mit plötzlichem Flügelrauschen über sie hinweg, als Gaia einen weiteren Schritt vortrat, ins beruhigende Licht der Laterne.
»Es kommt von mir«, sagte Gaia. »Es ist mein erstes.«
»Ist das wahr?«, fragte der zweite Wachmann und klang beeindruckt.
»Ohne Hilfe«, sagte sie stolz, legte einen Finger unter das Kinn des Babys und betrachtete zufrieden die ebenmäßigen Züge, das vollkommene kleine Grübchen über der Oberlippe. Das große Tor öffnete sich, und Gaia sah eine weiß gekleidete Frau auf sich zukommen. Sie war klein und hatte den runden Leib einer Frau, die immer gut zu essen bekam. Ihr Gesicht wirkte erfahren und kompetent, und, wenn Gaia sich nicht täuschte, ungeduldig. Gaia kannte sie nicht, aber sie hatte früher schon Frauen vom Säuglingsheim gesehen.
»Ist das Baby gesund?«
Gaia nickte. »Ich hab nicht geschafft, es sauber zu machen«, entschuldigte sie sich. »Ich hatte keine Assistentin.«
»Dann war das deine erste Entbindung? Es gab doch keine Schwierigkeiten mit der Mutter, oder?«
Gaia zögerte. »Nein«, sagte sie. »Sie war froh, der Enklave zu dienen.«
»Und wann war die Geburt?«
Gaia griff zur Kette, die sie um den Hals trug, und zog die Taschenuhr aus ihrem Ausschnitt. »Vor dreiundvierzig Minuten.«
»Ausgezeichnet«, sagte die Frau. »Denk daran, morgen früh am Marktplatz Name und Adresse der Mutter zu überprüfen, damit sie auch sicher ihre Entschädigung erhält.«
»Das werde ich«, sagte Gaia und ließ die Uhr wieder in ihrem Kleid verschwinden.
Die Frau wollte schon nach dem Baby greifen, doch dann richtete sich ihr Blick plötzlich auf Gaia, und sie hielt inne. »Lass mich dein Gesicht sehen, Kind«, sagte die Frau sanft.
Gaia hob ihr Kinn ein wenig an und strich sich widerstrebend das Haar hinter ihr linkes Ohr zurück. Sie drehte sich ins Licht der Laterne über dem großen Tor. Und nun betrachteten sechs Augen in sprachloser Neugierde ihre Narbe. Gaia zwang sich, stillzustehen und den schmerzhaften Blicken standzuhalten.
Der größere der beiden Wachmänner räusperte sich unbehaglich und hielt sich die Faust vor die Lippen.
»Du hast gute Arbeit geleistet, Gaia Stone«, sagte die Frau schließlich und schenkte ihr ein weises Lächeln. »Deine Mutter wird stolz auf dich sein.«
»Danke, Schwester«, sagte Gaia.
»Ich bin Schwester Khol. Grüß sie von mir.«
»Das werde ich, Schwester.«
Gaia ließ ihr Haar wieder ins Gesicht fallen. Es überraschte sie nicht, dass die Frau aus der Enklave ihren Namen kannte. Zu oft schon hatte Gaia jemanden zum ersten Mal getroffen, nur um dann feststellen zu müssen, dass er bereits von ihr gehört hatte, der Tochter von Bonnie und Jasper Stone, dem Mädchen mit dem verbrannten Gesicht. Schwester Khol hielt ihr die Hände entgegen, und Gaia löste den Säugling behutsam von der Wärme ihrer linken Seite, um ihn ihr vorsichtig zu reichen. Einen Moment lang fühlten sich ihre Handflächen leicht an, leer und kalt. »Ihr Name ist Priscilla«, sagte Gaia.
Schwester Khol warf ihr einen eigentümlichen Blick zu. »Danke. Das ist gut zu wissen«, sagte sie.
»Dir steht eine arbeitsreiche Zeit bevor«, sagte der groß gewachsene Soldat. »Und dabei bist du erst siebzehn, oder nicht?«
»Sechzehn«, sagte Gaia.
Plötzlich und unerklärlicherweise wurde ihr schlecht, als ob sie sich übergeben müsste. Sie lächelte flüchtig, wechselte ihre Tasche auf die andere Schulter und wandte sich ab.
»Auf Wiedersehen«, sagte Schwester Khol. »Ich werde deinen Lohn deiner Mutter schicken. Dritter westlicher Sektor, richtig?«
»Ja«, rief Gaia, schon im Gehen. Sie schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder, tastete Halt suchend nach dem schemenhaften Gebäude an ihrer Seite. Das Licht des Mondes war nicht mehr so hell wie vorhin, ehe sie in den Lichtschein getreten war, und sosehr sie auch blinzelte, sie konnte ihre Augen nicht dazu bringen, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Sie musste stehenbleiben, nur eine Ecke von dem Tor mit seiner hellen Laterne entfernt. In der Stille konnte sie nahes Weinen hören, ein leises und einsames Weinen. Ihr Herz stand still. Plötzlich war sie sicher, dass Priscillas Mutter ganz in ihrer Nähe war, dass sie irgendwo in den Schatten wartete. Aber niemand kam, und einen Moment später, als das Weinen verebbte, konnte Gaia ihren Weg fortsetzen, den Hügel hinab, weg von der Mauer, nach Hause.
2
Ein kleines braunesPäckchen
Gaia bog um die Ecke der Sally Row und war erleichtert, Kerzenschein im Fenster ihres Heims zu sehen. Sie beschleunigte ihren Schritt, als sie aus den tiefen Schatten zwischen zwei Gebäuden jemanden eindringlich ihren Namen flüstern hörte.
Gaia hielt inne. »Wer ist da?«
Eine gebeugte Gestalt kam gerade weit genug aus der Gasse, um Gaia ein Zeichen zu geben, und zog sich dann wieder ins Dunkel zurück. Auf Anhieb erkannte sie die unverwechselbaren Züge der alten Meg, der treuen Freundin und Assistentin ihrer Mutter. Gaia warf einen letzten Blick auf die Reihe verwitterter Häuser und das Licht in ihrem Fenster und folgte der Alten in die Schatten.
»Die Enklave hat deine Eltern geholt«, sagte sie. »Alle beide. Die Soldaten sind vor einer Stunde gekommen, und jetzt ist noch einer hier.«
»Um mich festzunehmen?«
»Das weiß ich nicht.«
Gaia fühlte, wie ihre Hände kalt wurden, und ließ ihre Tasche zu Boden sinken. »Bist du sicher? Weshalb sollten sie meine Eltern holen?«
»Seit wann brauchen sie dazu einen Grund?«, erwiderte die alte Meg.
»Meg!«, stieß Gaia aus, in Sorge, jemand könnte die alte Frau gehört haben.
Die alte Meg packte ihren Arm. »Hör zu. Wir waren eben von der Geburt zurück, und deine Mutter wollte dich gerade suchen gehen, als die Soldaten kamen, um sie und deinen Vater abzuholen«, flüsterte sie. »Ich bin unbemerkt hinten raus und habe mich auf der Veranda versteckt. Es wird Zeit, dass du dir über ein paar Dinge klar wirst, Gaia. Deine Mutter ist eine wichtige Informationsquelle. Sie weiß zu viel über die Babys, und die hohen Herren in der Enklave brauchen ziemlich dringend ein paar Antworten von ihr.«
Gaia schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Was Meg da sagte, ergab wenig Sinn. »Wovon redest du? Meine Mutter weiß nichts, was nicht auch sonst jeder weiß.«
Die alte Meg kam mit ihrem Gesicht nun ganz nahe und zog Gaia tiefer mit sich in die Schatten. »Die Enklave glaubt, dass deine Mutter vorgebrachte Kinder zu ihren leiblichen Eltern zurückverfolgen kann.«
Gaia lachte ungläubig.
»Dummes Mädchen!« Wieder packte Meg mit ihren klauengleichen Fingern Gaias Arm. »Ich hab gehört, wie die Wachen sie befragt haben, die werden deine Eltern nicht einfach gehen lassen. Das hier ist zu wichtig!«
»Autsch! Lass mich los«, sagte Gaia.
Die alte Meg ließ die Hand sinken und sah sich verstohlen um. »Ich verlasse Wharfton«, flüsterte sie. »Sonst bin ich die Nächste. Ich hab nur gewartet, weil ich wissen wollte, ob du mit mir kommst.«
»Ich kann nicht weggehen«, protestierte Gaia. »Das ist mein Zuhause. Meine Eltern werden wiederkommen.« Sie erwartete Zustimmung von der alten Meg, doch als die Stille sich hinzog, gewann ihre Angst die Oberhand. »Wie konnten sie nur meine Mutter festnehmen? Wer wird sich jetzt um die Babys kümmern?«
Ein hässliches Lachen durchdrang die Dunkelheit. »Sie haben jetzt ja dich, oder nicht?«
»Aber ich kann nicht den Platz meiner Mutter einnehmen«, flüsterte Gaia. »Ich weiß nicht genug. Heute habe ich einfach Glück gehabt. Ist es denn zu glauben, dass diese Frau mich angelogen hat? Sie hat gesagt, es sei ihr Viertes, aber in Wahrheit war es …«
Die alte Meg gab ihr eine schallende Ohrfeige, und Gaia taumelte zurück und hielt sich die Hand an die brennende Wange.
»Denk nach«, flüsterte die Alte mit rauer Stimme. »Was würden deine Eltern wollen? Wenn du bleibst, wirst du die neue Hebamme des dritten westlichen Sektors. Du wirst nach den Frauen sehen, um die sich deine Mutter bislang gekümmert hat, und ihnen bei der Entbindung helfen. Du wirst ihre monatliche Quote vorbringen. Kurz gesagt, du wirst einfach tun, was man dir sagt, so wie deine Mutter es getan hat. Und genau wie bei deiner Mutter wird das vielleicht nicht genug sein, um deine Sicherheit zu garantieren. Komm mit mir, und wir versuchen unser Glück im Toten Wald. Ich kenne Leute dort, wenn ich sie aufspüre, werden sie uns helfen.«
»Ich kann nicht einfach weggehen«, sagte Gaia. Allein der Gedanke erfüllte sie mit Grauen. Sie konnte doch nicht ihr Heim und alles, was sie kannte, zurücklassen. Was, wenn ihre Eltern entlassen wurden und sie nicht mehr da war? Davon abgesehen würde sie nicht mit einer paranoiden Alten weggehen, die sie schlug und herumkommandierte wie ein unartiges Kind. Misstrauen und Groll loderten hell in ihr. Eigentlich hätte sie diese Nacht ihre erste Geburt feiern sollen.
Das Gesicht des Mondes kam hinter einer Wolke hervor, und Gaia glaubte, ein Schimmern in den schwarzen, wilden Augen der alten Frau zu sehen. Dann steckte Meg ihr ein kleines, braunes Päckchen zu, so glatt und leicht wie eine tote Maus. Beinahe hätte Gaia es angewidert fallengelassen.
»Idiotin«, sagte die alte Meg und schloss Gaias Finger fest um das Päckchen. »Das hier hat deiner Mutter gehört. Hüte es gut. Mit deinem Leben.«
»Aber was ist es?«
»Bind es dir um dein Bein, unter dem Rock. Es hat Bänder dafür.«
Etwas klapperte auf der Straße, und beide zuckten sie zusammen, drückten sich an die Wand, bis aus der Ferne das Schlagen einer Tür zu hören war, dann nichts mehr.
Die alte Meg neigte ihren Kopf zu ihr, sodass Gaia den lauen Atem der alten Frau auf der Wange spüren konnte. »Frag nach Danni Orion, falls du es je bis in den Toten Wald schaffst«, sagte sie. »Sie wird dir helfen, wenn sie kann. Merk dir den Namen. Wie das Sternbild.«
»Meine Großmutter?«, fragte Gaia verwirrt. Ihre Großmutter war vor Jahren gestorben, als Gaia noch ein Baby war.
»Deine Eltern waren Narren«, sagte die alte Meg. »Vertrauensselige, feige Pazifisten. Und jetzt werden sie dafür bezahlen.«
Gaia war entsetzt. »Sag so was nicht. Sie waren der Enklave ihr Leben lang treu ergeben, haben zwei Söhne vorgebracht.«
»Und meinst du nicht, sie haben das längst bereut?«, fragte die alte Meg. »Dass sie ihr Opfer bereuen, wann immer sie dich anschauen?«
Gaia war verwirrt. »Wie meinst du das?«
»Deine Narbe«, setzte die alte Meg nach.
Offenbar sollte Gaia irgendetwas verstehen, aber die Narbe umgab kein Geheimnis. Es war unhöflich, ja grausam, von der Alten, sie jetzt zu erwähnen.
Meg schnaubte verächtlich. »Ich verschwende nur wertvolle Zeit«, sagte sie. »Kommst du nun mit oder nicht?«
»Ich kann nicht«, wiederholte Gaia. »Und du solltest auch bleiben. Wenn sie dich schnappen, landest du im Gefängnis.«
Die alte Meg lachte auf und wandte sich zum Gehen.
»Warte«, sagte Gaia. »Warum hat sie mir dieses Ding nicht selbst gegeben?«
»Sie wollte es dir überhaupt nicht geben. Sie hat gehofft, es würde nicht nötig sein. Aber vor ein paar Wochen begann sie sich Sorgen zu machen, und da gab sie’s mir.«
»Sorgen, weshalb?«
»Ich würde sagen, angesichts dessen, was heute Abend passiert ist, wird sie wohl ihre Gründe gehabt haben«, erwiderte die alte Meg trocken.
»Aber warum behältst du es nicht?«
»Es ist für dich«, sagte Meg. »Sie hat gesagt, ich soll es dir geben, wenn ihr etwas zustößt. Und jetzt hab ich mein Versprechen gehalten.«
Als die alte Frau nun den kleinen, schlaffen Rucksack anlegte, der die ganze Zeit von Gaia unbemerkt an der Mauer gelehnt hatte, hing er auf ihrem Rücken, als ob sie ihrem Alter gerade ein weiteres Jahrzehnt hinzugefügt hätte. Sie nahm ihren Gehstock, und ein letztes Mal kam sie Gaia ganz nahe mit ihrem verdorrten Gesicht. »Pass gut auf, wem du traust, wenn ich weg bin. Gebrauche deinen Verstand, Gaia, und denk daran, dass wir alle verwundbar sind. Besonders, wenn wir lieben.«
»Da hast du etwas falsch verstanden«, sagte Gaia und dachte an ihre Eltern. »Liebe macht uns stark.«
Gaia fühlte Megs Blick auf sich ruhen und blickte herausfordernd zurück. Meg war eine verbitterte alte Frau, die ihr ganzes Leben lang die Leute von sich weggestoßen hatte und nun nicht einmal mit etwas Herzlichkeit Lebwohl sagen konnte. Vielleicht war die alte Meg mit ihren unsicheren Händen bloß eifersüchtig, weil Gaia die neue Hebamme sein würde und nicht sie.
Gaia richtete sich auf. Ihre Eltern würden zurückkommen wie alle anderen, die man vorübergehend in Gewahrsam genommen hatte. Sie würden ihr gewohntes Leben fortsetzen, nur dass es jetzt zwei Hebammen in der Familie geben würde und doppelt so viel Einkommen. Gaia mochte ja vernarbt und hässlich sein, doch im Gegensatz zur alten Meg hatte sie eine Zukunft und Menschen, denen sie etwas bedeutete.
Die alte Meg schüttelte den Kopf und ging davon. Gaia sah zu, wie sie sich ihren Weg zum Ende der engen Gasse suchte und in der Dunkelheit verschwand. Dann betrachtete sie das kleine Päckchen in ihrer Hand. Im fahlen Mondlicht sah sie, dass ein Stoffband daran befestigt war. Sie hob den Saum ihres Rocks, fühlte die kalte Nachtluft an ihren Beinen und band das Päckchen rasch um ihren rechten Oberschenkel, sodass es flach anlag. Dann ließ sie ihren Rock wieder fallen und tat versuchsweise ein paar Schritte. Das Päckchen war ein wenig kühl auf ihrer Haut, aber sie ahnte, dass sie es schon bald nicht mehr wahrnehmen würde, selbst wenn sie sich bewegte.
Als sie zurück auf die Sally Row trat, schien das Kerzenlicht noch immer aus dem Fenster im Untergeschoss ihres Hauses, und sie hielt den Blick auf das größer werdende gelbe Viereck gerichtet, während sie leise voranschritt. Die Nachbarhäuser lagen still da, mit zugezogenen Vorhängen. Sie überlegte, ob sie nicht lieber zum Haus der Rupps gehen sollte, aber wenn wirklich ein Wachmann auf sie wartete, würde er sie früher oder später ohnehin finden. Es war besser, sich ihm jetzt zu stellen und so viel wie möglich über ihre Eltern in Erfahrung zu bringen.
Die Stufe zur vorderen Veranda knarrte, als sie darauf trat, als wolle das Haus Gaia etwas mitteilen. Mit drei weiteren Schritten erreichte sie die Tür und öffnete sie sacht. »Mom?«, rief sie. »Dad?« Automatisch sah sie zum Tisch, wo eine Kerze aufrecht in einer flachen Tonschüssel brannte, doch der Stuhl daneben war leer.
Der letzte Funke Hoffnung, dass ihre Mutter daheim sein würde, erlosch. Stattdessen erhob sich ein Mann neben dem Kamin. Sofort registrierte sie das Schwarz seiner Uniform und das Gewehr auf seinem Rücken. Kerzenschein erhellte die Unterseite seines Kiefers und die breite, flache Krempe seines Huts. Seine Augen blieben von Schatten umhüllt.
»Gaia Stone?«, fragte er. »Ich bin Sergeant Grey und würde dir gern ein paar Fragen stellen.«
Die Kerze flackerte im Luftzug. Gaia schluckte nervös und schloss die Tür, während ihre Gedanken fieberhaft arbeiteten. Würde er sie verhaften? »Wo sind meine Eltern?«, fragte sie.
»Sie wurden zur Befragung in die Enklave gebracht«, sagte er. »Es ist nur eine Formalität.« Seine Stimme klang kultiviert, sanft und geduldig, und Gaia sah ihn sich genauer an. Er kam ihr vage bekannt vor, aber sie konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal am Tor oder an der Mauer gesehen zu haben. Viele der Wachen waren kräftige, einfache Männer, die man aus Wharfton eingezogen hatte und die stolz darauf waren, ihren Lebensunterhalt im Dienst der Enklave zu bestreiten. Sie wusste aber, dass manche auch Freiwillige von innerhalb der Mauer waren, gebildete, ehrgeizige Männer. Gaia vermutete, dass dieser Mann der letzten Kategorie angehörte.
»Warum?«, fragte sie.
»Wir hatten nur ein paar Fragen«, sagte er. »Wo bist du gewesen?«
Sie zwang sich zur Ruhe. Schließlich hatte sie nichts Unrechtes getan. Sie wollte ihm die Wahrheit sagen, wenigstens teilweise, um sich und ihre Eltern nicht noch mehr in Schwierigkeiten zu bringen. Gleichzeitig jagte er ihr Angst ein. Auch ohne dass sein Gewehr auf ihren Kopf gerichtet war, spürte sie die Drohung, die davon ausging. Als sie ihre Tasche auf dem Tisch abstellte, bemerkte sie, dass ihre Finger zitterten, und sie versteckte ihre Hände hinter dem Rücken.
»Bei einer Geburt. Meiner ersten«, sagte sie. »Im letzten Haus in der Barista Alley. Eine junge Frau namens Agnes Lewis. Sie hat eine kleine Tochter bekommen, und ich habe sie vorgebracht.«
Er nickte. »Meinen Glückwunsch. Die Enklave kann froh sein, dich in ihren Diensten zu haben.«
»Ich bin froh, zu dienen«, antwortete sie mit der Höflichkeitsformel.
»Aber weshalb bist du zu der Geburt gegangen und nicht deine Mutter?«, fragte er.
»Sie war bereits bei einer anderen Niederkunft. Ich habe ihr eine Nachricht hinterlassen, dass sie nachkommen solle, sobald sie fertig sei, aber …« Der Zettel mit ihrer Nachricht lag immer noch auf dem Tisch neben der Kerze. Sie sah sich in dem kleinen Zimmer um und spürte den kalten Hauch der Angst, der sich über die gewohnte heimische Wärme gelegt hatte. Die Stoffballen, die Körbe mit Nähzeug, das Schachspiel, die Kochtöpfe, das halbe Dutzend Bücher ihrer Mutter, selbst das Banjo ihres Vaters auf dem Regal waren in Unordnung gebracht, als ob alles systematisch durchsucht worden wäre. Sergeant Grey wusste nur zu gut, weshalb ihre Mutter nicht gekommen war.
»Also bist du allein gegangen?«, fragte er.
»Ein Junge kam zu mir und sagte, es sei dringend«, sagte sie. Sie trat ans Feuer, nahm einen Schürhaken und bewegte die Kohlen. Solange er sich nicht anschickte, sie zu verhaften, konnte sie ebenso gut so tun, als ob sie nur eine harmlose Unterhaltung führten. Sie griff nach einem Holzscheit, als er die Hand nach ihr ausstreckte.
»Wenn du erlaubst«, sagte er.
Sie trat ein kleines Stück zur Seite, als er zwei Scheite auf das Feuer warf und ein Funkenregen den Raum mit dem Versprechen neuer Wärme erfüllte. Gaia nahm ihr Tuch ab und legte es neben ihre Tasche. Zu ihrer Überraschung hob der Soldat sein Gewehr von der Schulter, zwang seinen Kopf unter dem Riemen hindurch und lehnte es an den Kamin. Es sah beinahe so aus, als machte er es sich gemütlich, als siegte eine angeborene Höflichkeit über seine Ausbildung. Oder er versuchte sie ganz bewusst zu manipulieren, damit sie sich entspannte.
»Du hast gesagt, du bist allein gegangen?«, fragte er. »Du hast nicht die Assistentin deiner Mutter mitgenommen?«
Sie sah zu ihm auf und bemerkte seine gerade Nase und seinen ordentlichen Militärschnitt. Sein braunes Haar war hinten ganz kurz und über der Stirn ein wenig länger. Obwohl sie seine Augen im Halbdunkel des Raums nicht richtig sehen konnte, ahnte sie doch eine Leere darin, die zur Beherrschtheit der übrigen Züge passte. Er jagte ihr kalte Angst ein.
»Die alte Meg?«, fragte sie. »Nein. War sie denn nicht bei meiner Mutter?«
Er gab keine Antwort. Gaia runzelte die Stirn und trat näher an ihn heran, weil sie seine Augen und die Härte darin sehen wollte, die seinen freundlichen Tonfall und seine gepflegten Umgangsformen Lügen strafte. »Weshalb seid Ihr hier?«, fragte sie.
Ohne ein Wort ging er zum Kaminsims und nahm etwas in die Hand, das wie ein kleines Heft oder Büchlein aussah. Mit einer leichten Drehung warf er es auf den Tisch. Nur mit Mühe konnte sie im Kerzenschein den Titel lesen.
»Hast du das schon einmal gesehen?«, fragte er.
Sie hatte keine Ahnung, was es war. »Nein.« Sie nahm das Heft in die Hand und schlug die erste Seite auf. Dort sah sie eine Liste mit Namen.
Es ging noch mehrere Seiten so weiter, und auf den ersten Blick war ihr keiner der Namen geläufig. Die Seiten waren völlig von kleinen Nadelstichen durchlöchert. Sie schüttelte den Kopf.
»Du hast deine Mutter nie damit gesehen? Deinen Vater?«, fragte er.
»Nein. Ich habe es noch nie gesehen. Wo habt Ihr das Heft her? Es sieht aus wie etwas aus der Enklave.«
»Es lag ganz unten im Nähkästchen deines Vaters.«
Sie zuckte die Achseln und warf es zurück auf den Tisch. »Das ergibt Sinn. Er hebt alle möglichen seltsamen Papiere auf, um seine Nadeln hineinzustechen.«
»Was für Papiere denn noch?«, fragte Sergeant Grey. Sie sah ihn ratlos an. »Habt Ihr ihn das denn nicht selbst gefragt?«
Er nahm das Heft und ließ es in seine Jackentasche gleiten.
»Ich muss wissen, ob deine Mutter dir kürzlich irgendetwas gegeben hat - eine Liste oder ein Notizheft, oder eine Art Kalender.«
Automatisch sah Gaia hinüber zu dem Kalender, der in der Küche neben dem Fenster zum Garten hing. Sie vermerkten darauf, wann die Kleiderbestellungen ihres Vaters fällig waren, wann sie mit Freunden am Tvaltar verabredet waren und wann eine der Junghennen ihr erstes Ei gelegt hatte. Auch die Familiengeburtstage waren eingetragen, die ihrer beiden Brüder eingeschlossen. Erst da fiel ihr das Päckchen wieder ein, das sie an ihrem Bein trug. Gaias Herz tat einen Sprung. Was, wenn er sie nun durchsuchte und es fand? Sie studierte sein markantes, ebenmäßiges Gesicht und seine festen, farblosen Lippen und fragte sich, ob er ihr glauben würde.
»Es gibt den Kalender dort drüben«, sagte sie und zeigte hinüber.
»Nein. Etwas anderes. Eine Liste vielleicht.«
»Alles, was sie mir gegeben hat, ist in meiner Tasche«, sagte sie. »Es gibt keine Liste.«
»Darf ich?«, fragte er und griff nach der Tasche auf dem Tisch.
Sie machte eine Geste der Zustimmung, gerade so, als ob sie eine Wahl hätte.
Sergeant Grey öffnete die Tasche und untersuchte sorgfältig jeden Gegenstand, den er herausnahm: den gedrungenen, dunkelblauen Teekessel aus Metall und die beiden dazugehörigen Tassen; in einem Tuch, das ihr Vater genäht und ihre Mutter aus ihren eigenen Medizinvorräten befüllt hatte, Ampullen und Fläschchen mit Pillen, Kräutern und Seren; dazu Zangen; eine Metallschüssel; Scheren; ein Satz Skalpelle; ein Messer; Nadel und Faden; eine Spritze; ein Nasensauger; das Tintenfässchen, das sie in der Eile nicht wieder bei den Kräutern verstaut hatte; und schließlich einen Ball rotes Garn.
Dann kehrte er die Tasche von innen nach außen und untersuchte das Gewebe, jede Naht und jede Falte des braunen, grauen und weißen Stoffs. Gaias Vater hatte jeden Stich mit Liebe genäht an dieser Tasche, die schön war, fest und praktisch, und die bequem über Gaias Schulter passte. Die Tasche war wie ein Teil von ihr, und Sergeant Grey dabei zuzusehen, wie er ihr Gewebe und den Inhalt untersuchte, fühlte sich wie eine schmerzhafte Verletzung ihrer Privatsphäre an, umso mehr, als die Bewegungen seiner Finger äußerst bedacht und sorgfältig waren.
Schließlich blieben seine Hände auf dem Stoff liegen, und er sah sie mit ausdruckslosem Gesicht an. Sie konnte nicht sagen, ob er erleichtert oder enttäuscht war.
»Du bist jung«, sagte er.
Seine Bemerkung überraschte sie, und sie sah keine Veranlassung, darauf zu antworten. Davon abgesehen könnte sie ihm dasselbe sagen. Er streckte sich, dann atmete er seufzend aus und begann, ihre Sachen zurück in die Tasche zu räumen.
»Lasst gut sein«, sagte sie und trat an den Tisch. »Ich mache das schon. Ich muss meine Sachen sowieso reinigen.«
Sie griff nach dem Tintenfässchen in seiner Hand, und als er es ihr nicht gleich gab, sah sie zu ihm auf. Ein Schimmer Kerzenlicht erhellte endlich seine Augen. Die Trostlosigkeit, die sie gespürt hatte, lag greifbar wie ein flacher, grauer Stein darin, wurde aber doch von einem Hauch von Neugierde eingefärbt. Einen Moment hielt sein abschätzender Blick ihren gefangen, dann legte er das schwere kleine Tintenfässchen in ihre Hand und trat zurück, weg von der Kerze.
»Ich will wissen, was mit meinen Eltern ist«, sagte sie bemüht ruhig. »Wann werden sie nach Hause kommen?«
»Das weiß ich nicht«, sagte er.
»Kommen sie denn nicht bald wieder? Kann ich sie sehen?«, fragte sie. Warum hatte er das Versteckspiel aufgegeben und tat nicht länger so, als ob alles in Ordnung wäre?
»Nein.«
Jede seiner Antworten steigerte ihre Panik, aber auch ihre Wut, als ob Sand in ihrer Luftröhre nach oben stieg. »Warum nicht?«
Er rückte die Krempe seines Huts über den Augen zurecht. »Du vergisst dich«, sagte er sanft.
Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er sie für ihre Dreistigkeit zurechtwies. Er mochte höflich und rücksichtsvoll gewesen sein, solange das zweckdienlich gewesen war, aber er war ein Soldat der Enklave und hatte als solcher eine Macht über sie, die sie sich kaum vorstellen konnte.
Sie senkte mit hochroten Wangen den Kopf und zwang sich, die ehrerbietigen Worte zu sprechen: »Vergebt mir, Bruder.«
Er griff nach seiner Waffe, und sie hörte das Rascheln seiner schwarzen Jacke, als er sich den Gurt wieder über den Kopf streifte, sodass er schließlich diagonal über seine Brust verlief.
»Solltest du unter den Dingen deiner Mutter irgendwo eine Liste, ein Verzeichnis oder einen Kalender finden, so wirst du sie unverzüglich und ohne Umschweife zum Tor bringen und um eine Audienz bei Bruder Iris ersuchen, bei niemandem sonst. Ist das klar?«
»Ja, Bruder«, sagte sie.
»Du wirst die Pflichten deiner Mutter übernehmen und der Enklave als Hebamme des dritten westlichen Sektors von Wharfton dienen. Du wirst die ersten drei Babys jedes Monats vorbringen. Jedes muss innerhalb von neunzig Minuten nach der Geburt zum südlichen Tor der Enklave gebracht werden.«
Gaia trat einen Schritt zurück. Die Vorstellung, die Arbeit ihrer Mutter ohne ihre Anleitung fortzusetzen, war entsetzlich.
»Willigst du ein?«, drängte er mit nun schärferer Stimme. Erschrocken blickte sie auf. »Ja, Bruder«, sagte sie.
»Man wird dich entschädigen. Du wirst eine doppelte Wochenration Mycoproteine, Wasser, Kleider, Kerzen und Brennstoff erhalten. Man wird dir vierzehn Stunden die Woche am Tvaltar gewähren, die du sammeln oder an andere verschenken kannst, wie es dir beliebt.«
Sie neigte den Kopf. Ihr war klar, dass diese letzte Entschädigung ihr ermöglichen würde, alles andere, was sie sonst noch brauchte, einzutauschen. Es war eine unglaubliche Bezahlung, im Grunde doppelt so viel wie das, was ihre Mutter verdient hatte, und viel mehr, als Gaia jemals erwartet hätte.
»Ich bin der Enklave sehr dankbar«, sagte sie leise.
»Die Enklave weiß, dass du dein erstes Baby ohne jede Hilfe vorgebracht hast«, sagte er und senkte die Stimme. »Dieses Kind hätte man leicht verstecken, verkaufen oder der Mutter überlassen können. Die Enklave weiß, dass du die größtmögliche Loyalität bewiesen hast, und Loyalität bleibt nicht unbelohnt.«
Gaia verschränkte ihre Finger. Beinahe war es so, als ob die Enklave wüsste, wie sehr sie mit sich gerungen hatte, bevor sie das Baby vorgebracht hatte. Obwohl sie das Richtige getan hatte und dafür belohnt werden würde, hatte sie Angst. Wussten sie auch, dass sie draußen angehalten hatte, um sich mit der alten Meg zu unterhalten? Wussten sie, dass sie in ebendiesem Moment das Päckchen ihrer Mutter am Bein trug? Was die Enklave wusste oder nicht wusste, hatte nie zuvor eine Rolle gespielt, weil sie keine Geheimnisse gehabt hatte.
Jetzt war alles anders. Sie wünschte, die alte Meg hätte ihr das Päckchen nie gegeben.
Da kam ihr eine überraschende Erkenntnis, und sie sah zu Sergeant Grey auf. Sie könnte es ihm geben, jetzt, in diesem Moment. Ihr Herz begann wie wild zu schlagen. Sie könnte ihn bitten, kurz zu warten, sich umdrehen, den Rock heben, das Päckchen abnehmen und es ihm einfach geben. Das wäre das Sicherste. Sie könnte sagen, dass sie es sich nicht einmal richtig angeschaut hatte und keine Ahnung hatte, was es war. Die Wachen würden die alte Meg schnappen, bevor sie weit gekommen war.
Sie biss sich auf die Lippe.
»Ja?«, fragte Sergeant Grey. »Dir ist etwas eingefallen?«
Sie drehte ihm die linke Wange zu, die mit der Narbe, wie sie es immer unwillkürlich tat, wenn sie ihre Gedanken verbergen wollte. Der verzweifelte Schrei von Agnes Lewis fiel ihr ein, wie sie gefleht hatte, ihr Priscilla zu lassen. Agnes Lewis! Gaia hatte von der Frau bisher kaum als einer echten Person gedacht. Ihre Gier war unnatürlich und ungehorsam gegenüber der Enklave, und doch war etwas so Mächtiges, so Verzweifeltes in ihrem Wunsch gewesen. Gaia konnte sich Agnes’ Schmerz nicht ganz verschließen, und dieser Schmerz war untrennbar mit dem Päckchen verknüpft, das die alte Meg ihr gegeben hatte, als hätte ihre Mutter ihr eine Art Gegenmittel gesandt.
»Gaia?«
Sie schüttelte den Kopf, überrascht, dass er ihren Vornamen gebrauchte. Die unnachgiebige Linie seines Kiefers hatte sich entspannt, oder vielleicht waren es seine Schultern, die nicht mehr so steif wirkten.
»Entschuldige, Schwester«, sagte er. »Ich dachte, du hättest dich an etwas erinnert.«
Ein Scheit rutschte krachend in die Hitze des Feuers, und ein plötzlicher Lichtschein fiel auf sein strenges Profil. Sie würde etwas zusammenspinnen müssen, um ihn davon zu überzeugen, dass sie nichts zu verbergen hatte.
Sie zauberte ein Lächeln hervor, von dem sie hoffte, dass es nach verlegener Eitelkeit aussah. »Ich dachte nur gerade daran, dass ich mir vielleicht ein paar von den Stiefeln zulegen könnte, die sie im Tvaltar zeigen. Diese Cowboystiefel für Mädchen.«
Der Soldat lachte kurz und trocken. »Du wirst sicher in der Lage sein, sie dir zu kaufen. Das ist dein Privileg.«
Sie trat wieder näher an den Tisch, entschlossener nun, und begann sorgfältig, ihre Tasche einzuräumen. Die Sachen, die gesäubert werden mussten, legte sie beiseite. Sie atmete tief durch und zwang ihre Hände, ruhig zu bleiben.
Der Soldat ging zur Tür, und Gaia dachte schon, er würde sie öffnen und sich verabschieden. Als er innehielt, sah sie auf.
»Was ist mit deinem Gesicht passiert?«, fragte er.
Immer wieder diese Frage - wie ein Tritt in den Magen, zweimal allein in dieser Nacht. Sie hatte gehofft, er wäre zu höflich, um danach zu fragen, oder er hätte mit all seinem Wissen über ihre Familie die Geschichte ohnehin schon erfahren.
»Als ich noch klein war, machte meine Großmutter Kerzen. Sie hatte ein großes Fass mit heißem Bienenwachs bei sich im Hof«, sagte sie. »Ich bin gegen das Fass gelaufen.« Normalerweise beendete das die Unterhaltung. »Ich erinnere mich nicht daran«, fügte sie hinzu.
»Wie alt warst du?«, fragte er.
Sie legte ihr Gesicht schief und sah ihn an. »Zehn Monate.«
»Du konntest mit zehn Monaten schon laufen?«, fragte er.
»Anscheinend nicht sehr gut«, erwiderte sie trocken.
Er sagte nichts, und wieder wartete sie darauf, dass er die Hand auf den Türknauf legte. Sie wusste genau, was er dachte. Weil sie vernarbt war, hatte sie nie eine Chance gehabt, zur Enklave vorgebracht zu werden. In gewisser Weise war ihr Fall das perfekte Beispiel dafür, weshalb es besser war, die Babys binnen weniger Stunden zu übergeben. Vor Jahren pflegte man die Kinder noch ihr erstes Lebensjahr bei der Mutter zu lassen, doch die Mütter wurden immer unachtsamer, und die Kinder verletzten sich oder wurden vor den Zeremonien zum zwölften Monat krank. Mit dem jetzigen Quotensystem bekam die Enklave gesunde, wohlbehaltene Babys noch am Tag der Geburt, und die Mütter konnten wieder schwanger werden, wenn es das war, was sie wollten.
Für Gaia hatte ein Unfall gereicht, ihr ein Leben in Armut zu bescheren, außerhalb der Mauer, ohne Bildung, ohne Aussicht auf gutes Essen oder Vergnügungen oder schwärmerische Freundschaften, während die Mädchen ihres Alters, die man vorgebracht hatte, nun in der Enklave waren, wo es grenzenlos Essen, Elektrizität und Bildung für alle gab. Sie trugen wunderschöne Kleider, träumten von reichen Ehemännern, lachten und tanzten. Gaia hatte sie einmal gesehen, als sie noch ein Kind gewesen war. Die Schwester des Protektors hatte Hochzeit gefeiert, und aus diesem Anlass hatte man den Einwohnern Wharftons einen Tag lang Zugang zu einer abgeschirmten Straße innerhalb der Enklave gewährt. Die Musik, die Schönheit, der Reichtum und die Farben, neben denen die Tvaltarsendungen verblassten, schienen Gaia heute wie ein wunderbarer Traum.
Sie würde dafür sorgen, dass die Babys in ihrer Verantwortung die Chance erhielten, die sie selbst nie gehabt hatte, zumindest jene glücklichen drei jeden Monat. Wenn das übrige halbe Dutzend Babys nicht vorgebracht wurde, dann war das ihr Schicksal. Sie würden das Beste aus ihrem Leben in Wharfton machen, so wie Gaia es auch getan hatte.
Sie hatte keine Ahnung, ob ihr Gesicht den Gang ihrer Gedanken verriet, aber Sergeant Grey beobachtete sie immer noch auf seine aufmerksame, erwartungsvolle Art.
»Ich bin froh, der Enklave zu dienen«, sagte sie schließlich.
»So wie ich«, antwortete er.
Dann drehte er sich um, und sie sah, wie sich seine Finger um den Türknauf schlossen. Einen Moment später klappte die Tür, und sie war allein in ihrem Haus. Das Feuer flackerte im Luftzug, erhellte das Banjo ihres Vaters mit seinen stillen Saiten und führte ihr in aller Deutlichkeit vor Augen, dass ihre Eltern nicht mehr da waren.
Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel Birthmarked bei Roaring Brook Press, New York
Copyright © 2010 by Caragh M. O’Brien Copyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Karte & Illustrationen: Caragh M. O’Brien Redaktion: Susann Rehlein Herstellung: Mariam En Nazer Satz: Leingärtner, Nabburg
eISBN 978-3-641-06043-5
www.heyne-fliegt.de
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