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Gibt es ihn wirklich, den November-Spuk in der einstigen Judenstege, eine der ältesten Gassen in Kleve? Mehr als zehn Betroffene allein in den letzten 120 Jahren könnten Beleg dafür sein. Nach Nutzung dieser Stege verstarben sie in völlig geistiger Verwirrtheit noch im Monat ihrer `Begegnung´, im November. Den zuletzt mit Angstattacken in der Stege Aufgegriffenen konnte selbst die neue psychiatrische Einrichtung vor den Toren Kleves nicht mehr helfen. Wieder ist November und wieder gibt es eine Eingewiesene mit ähnlichen Symptomen: Birgits Freundin Ute. Auch Ute nutzte die Stege als Abkürzung und man fand sie anschließend voller Angst etwas von `Cahors´ faseln. Birgit und ihr Freund Hajo recherchieren und bringen den Spuk mit jener Zeit in Verbindung, als Kleve noch `französisch´ war und ein gewisser `Marquis de Cahors´ nach dem Besuch besagter Stege als verschwunden galt. Birgit und Hajo bekommen Angst um Ute, denn auch dieser November nähert sich seinem Ende …!
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2017
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DeeBorre
Die Stege
DeeBorre
DIE STEGE
Mystery-Roman
swb media publishing
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2017
ISBN 978-3-946686-16-3
© 2017 swb media publishing, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen
Lektorat: Johanna Ziwich
Titelgestaltung: Dieter Borrmann
Titelfotoanimation: © Dieter Borrmann
Satz: swb media publishing
Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz
Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.suedwestbuch.de
„Da kam mich Furcht und Zittern an, und alle meine Gebeine erschraken. Und da der Geist an mir vorüberging, standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe. Da stand ein Bild vor meinen Augen, und ich kannte seine Gestalt nicht.“
Hiob 4,14-16
Mit diesen Worten wird eine Geistererscheinung aus sehr früher Vorzeit beschrieben. Das Wort ‚Geist‘ entstammt einer alten Wurzel, die ‚erschrecken‘ bedeutet.
Die Existenz von Geistern wurde zu allen Zeiten und in fast allen Kulturen der Erde ohne weiteres akzeptiert. Erst mit dem Emporkommen der Naturwissenschaften während der letzten Jahrzehnte wurden in der westlichen Welt ihre Existenz und ihr Wesen in Frage gestellt, obwohl die von unzähligen glaubwürdigen Personen untersuchten, geprüften und als echt dokumentierten Fälle meterlange Regale füllen. Viele Menschen reagieren noch immer bei dem Gedanken an Geister mit einer irrationalen Mischung aus Angst und Belustigung.
DeeBorre
Prolog
Der Herbst war da und wieder stand November auf dem Kalendarium. An sich nichts Besonderes, außer dass hier am Niederrhein der St. Martinstag und der Karnevalsauftakt dieses Jahr terminlich wieder einmal zusammenfielen, und es war schon verdammt kühl an diesem 11. im 11.1994.
Glücklicherweise blieb es den ganzen Abend trocken, das zählte, gerade für all die Wirtsleute. Denn heute wurde von vielen Bürgern der Beginn der 5. Jahreszeit gefeiert, in Kleve sowieso und dann natürlich auch heftig, und das sollte sich dann gefälligst in den Kneipen abspielen und nicht zu Hause.
Mittlerweile war es fast zwei Uhr nachts geworden und man konnte ersten gefrorenen Raureif auf den Windschutzscheiben der abgestellten Autos erahnen. Er glitzerte ganz leicht im Licht des Vollmondes.
Um diese Zeit waren, da immerhin noch ein Wochentag, nicht mehr viele Leute auf den Straßen. Autoverkehr fand kaum noch statt.
Bereits den ganzen Abend ging es, wie in vielen anderen Klever Lokalen, auch in der Unterstadtkneipe ›Zum Kurfürsten‹ hoch her. Man feierte hier ausgiebig den Start der Karnevalszeit und auch den neuen Karnevalsprinzen ›Günther der Märchenhafte‹. Viele der Gäste waren verkleidet gekommen. Gerti, die Thekenbedienung, tippelte als eine der Jakob-Sisters inklusive Stoff-Trage-Pudel von Tisch zu Tisch. Wolfgang, der Wirt, schritt dagegen als römischer Cäsar äußerst erhaben durch den Schankraum.
Als kurz nach Mitternacht Stammgast Heinz zu ihnen hereinkam, waren neben Wolfgang und Gerti noch sieben weitere feierfeste Gäste anwesend.
Vier Männer eines Skat-Clubs, die auch entsprechend gewandet waren, ein als Clowns verkleidetes Pärchen und eine Frau, die den anderen Gästen eher unbekannt erschien.
Der als Napoleon kostümierte Spätgast Heinz schien gutgelaunt, hatte sofort eine Lokalrunde bestellt und hielt dabei ein Medaillon schwenkend in die Höhe. Dieses wollte er angeblich gerade in der Stege nebenan von einem alten Mann bekommen haben. Lustigerweise, so Heinz, trug dieser auf einen Stock gestützte Mann ein ähnliches Kostüm wie er selbst.
Die unbekannte Frau, die sich als Lydia vorgestellt hatte, trat heran und bat Heinz, sich das Medaillon näher anschauen zu dürfen.
Sie betrachtete es nur kurz und klärte ihn und die anderen Gäste dann mit ernster Miene darüber auf, dass er dieses Schmuckstück wohl gerade von einem Geist aus der Zeit Napoleons erhalten habe, dem Geist des einstigen Marquis von Cleve! Tja – man möge es ihr glauben oder nicht!
Alle, leicht angetrunken, beschmunzelten Lydias Ausführung und machten ihre obligatorischen Witzchen.
Lydia, die eigenen Aussagen nach gerade im Haus rechts neben dem Museum Haus Koekkoek zur Untermiete wohnte, erklärte jedoch weiter, jegliche lustige Bemerkung ignorierend, dass sie das wisse, weil sie gerade einer Spuklegende in der Stege nachginge und es würde sich bei dem Kontakt von Heinz um Armand de Bousquet handeln, einen alten französischen Marquis aus der Zeit Napoleons. Er soll um diese Jahreszeit einst hier ermordet worden sein und seitdem jedes Jahr im November durch die Koekkoekstege geistern.
Ein anhaltendes Grinsen der Umstehenden folgte, als sie ihnen weiterhin ernsthaft versichern wollte, dass Heinz diesem Marquis vor Minuten ganz offensichtlich gerade begegnet sei und von diesem das Medaillon erhalten habe, wieso auch immer! Sie forderte Heinz auf, das Medaillon zu öffnen. Im Inneren würde er sicher u. a. eine Jahreszahl eingraviert vorfinden: die Zahl 1811! Er solle diese Gravur, bitteschön, allen zeigen.
Schmunzelnd folgte er der Aufforderung und staunte nicht schlecht, denn Lydia hatte recht. Wie hatte sie das gemacht? Jedenfalls ein toller Trick! Staunend wurde sie mit einem Trinkspruch bedacht und zum gemeinsamen Anstoßen aufgefordert. Sie folgte der Aufforderung sogar. Man ließ sich Heinz’ Runde schmecken und ebenso noch seine zweite.
Dann aber folgte etwas, wahrscheinlich aus Beschwipstheit oder Übermut, das nicht hätte geschehen dürfen.
Jedenfalls schlug einer der Skatbrüder den Anwesenden plötzlich vor, den ›Geist‹ des Marquis in der Stege doch einfach mal aufzustöbern.
Kurzes Innehalten, einander Anschauen, dann spontane Zustimmung. Erneut: Prost und Helau!
Jeder, der da mitmachen wollte, hatte die Stege alleine hinaufzulaufen und dort oben rechts, seitlich des verwilderten Gartens hinter dem Lokal an einem gemauerten halbhohen Pfeiler, die Klingel für Lieferanten zu betätigen. Dieses Läuten der Glocke wurde im Lokal hinter dem Tresen gehört, und wegen der oftmaligen Lautstärke dort blinkte gleichzeitig noch ein kleines rotes Schwachstromlämpchen auf. So war man darüber informiert, dass jemand oben war, um etwas anzuliefern. Von den Benutzern wurde diese, nach dem Spitznamen des Wirtes, nur ›Neger-Glocke‹ genannt.
Der Plan bestand darin, dass die teilnehmenden ›Geisterjäger‹ in zuvor ausgeloster Reihenfolge die 65 Meter der Koekkoekstege hinaufgehen, dort als Beweis des ›Oben-Gewesen-Seins‹ kurz die Glocke betätigen und anschließend wieder zurückkehren sollten, um hoffentlich über Ungewöhnliches zu berichten.
Die Eingangstür des Lokals wurde abgeschlossen, damit keine störenden Spätgäste mehr hereinkonnten.
Trotz Lydias intensiver Warnung vor dieser Provokation wollten die vier Skatspieler, der Clown-Mann Wim und Napoleon Heinz beim Geister-Spiel mitmachen, zumal Wirt Wolfgang sich bereit erklärt hatte, demjenigen ein 20-Liter-Fass Bier zu spendieren, der den Beweis für einen eindeutigen Spuk in der Stege liefere.
Er selbst wollte dann als Letzter gehen, natürlich außer Konkurrenz.
Es gab noch schnell eine Runde Fernet branca als Stärkung und Mutmacher.
Gerti entzündete Kerzen und knipste die Deckenbeleuchtung aus, wollte eine passende Atmosphäre schaffen. Dann ging es los.
Beginnen musste Skatbruder Helge, das Pik-As, wie an seinem Kostüm zu erkennen war. Danach kam Herz-As Dieter an die Reihe. Hinter jedem Kandidaten wurde jeweils erneut die Tür verschlossen.
Beide stapften hoch, bedienten die Klingel und waren keine drei Minuten später wieder in der Kneipe, ohne jeglichen Hinweis für das Vorhandensein eines Gespenstes, nichts gesehen, nichts gehört oder schon gar nichts gespürt.
Alle waren super gelaunt und guter Stimmung. Gelächter, Spott und Witze wechselten ab. ›Neger‹ Wolfgang schenkte kräftig nach.
Mit dem dritten Kandidaten Rudi aber, dem Karo-As, sollte sich die Situation auf brutale Weise ändern, sollte das Gruselige Einzug halten!
Auch von Rudi kam zunächst das verabredete Klingelzeichen. Als er aber Minuten später wieder in den Schankraum gelassen wurde, war er kreidebleich und außer Atem.
Alle bedrängten ihn voller Erwartung, wollten wissen, was denn geschehen sei?
Als das Karo-As sich etwas beruhigt hatte, berichtete er von klopfenden Geräuschen in der Stege, dass es um ihn herum plötzlich eiskalt geworden sei und dass irgendjemand ihn dann gegen die seitliche, efeubewachsene Mauer gestoßen habe. Nur dass er niemanden habe sehen können.
Alle guckten einander fragend an. Rudi forderte einen weiteren Fernet, der umgehend kam.
Manni, das Kreuz-As, der vierte des Quartetts und von allen der vorlauteste Kollege, machte sich lustig über seinen Skatbruder und schwätzte, dass er jetzt allen zeigen würde, wie man ein Gespenst in die Schranken weise. Flott war er hoch vom Hocker, nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Bierglas und schon war er raus aus der Tür.
Lydia wollte, dass das Spiel sofort abgebrochen würde, bevor noch etwas Schreckliches passiere.
Doch außer der Clown-Frau Nicole, der es ebenfalls zu unheimlich geworden war, wollte niemand das Spiel beenden. Schließlich ging es doch um ein 20-Liter-Fass.
Nicole hatte auf ihren Wim, der nach Manni und Heinz dran war, wie wild eingeredet, die Stege nicht alleine hochzulaufen, jedenfalls nicht in dieser Nacht.
Doch ein Rückzieher kam auf keinen Fall in Frage, nicht für Wim, basta!
Nun wartete man gespannt auf das Klingelzeichen von Manni. Aber weder das erwartete Geräusch kam, noch leuchtete das rote Lämpchen auf.
Die Minuten vergingen, zogen sich hin wie eine gefühlte Ewigkeit.
Gerade als man anfing zu diskutieren, ob jemand nachsehen sollte, polterte es vehement gegen die verschlossene Tür und Mannis fürchterliches Gebrüll war zu hören.
Sofort öffnete Gerti die Tür.
Manni stolperte herein und machte ein schmerzverzerrtes Gesicht.
Als er sah, mit welch entsetzten und besorgten Mienen er angeschaut wurde und wie gierig man seine Geschichte erwartete, fing er plötzlich lauthals an zu lachen. Er hatte sie alle nur verarscht.
Napoleon Heinz, der nächste Kandidat und in Startposition, stand direkt vor Manni. Er stimmte in dessen Lachen ein, wenn auch etwas gequält. Ein Zurück kam für einen Napoleon jetzt natürlich nicht in Frage. Heinz war bereit hinauszugehen. Würde er seinen Medaillongeber von vorhin noch einmal treffen?
Dafür trat der noch lachende Manni zur Seite, drehte sich wieder Richtung Tür. Er wollte mit nach draußen, um auf der gegenüberliegenden Straßenseite seine Zigarettenmarke am Automaten zu ziehen, da der ›Neger‹ diese in seiner Kneipe nicht führte.
Da, der nächste Schock!
Ein kurzer schriller Aufschrei von Gerti.
Nun hatte auch Wolfgang, trotz des schummrigen Lichts, das Blut entdeckt, das durch Mannis Kreuz-As-Kostüm quoll.
Er hielt Manni am Arm fest und verhinderte so, dass dieser nach draußen konnte. Per Zeichen ließ er die Deckenbeleuchtung einschalten.
Blut. Tatsächlich. Jetzt sahen es auch die Anderen.
Bevor Manni wusste, wie ihm geschah, wurde ihm das Kostüm über den Kopf gezogen und der Rücken mittels eilends herbeigeholtem sauberem Küchentuch vom Blut befreit.
Nun entdeckte man feine Ritzer in der Haut, aus denen ganz fein neuerliches Blut drang.
Die Einritzungen zeigten grob die Form zweier Buchstaben: ein ›A‹ und ein ›B‹. Das Blut lief langsam den Rücken herunter und verwischte diese wieder.
Erneutes Abputzen und Gegenpressen des Tuches.
Ein völlig irritierter Manni versicherte, in der Stege nichts Ungewöhnliches bemerkt oder gar feine Schnitte oder Ritzer auf dem Rücken gespürt zu haben.
Lydia trat näher heran, ließ sich kurz noch einmal die Einritzungen zeigen und nickte betroffen: ›A‹ und ›B‹ – Armand de Bousquet – der Marquis de Cahors! Sie stammelte nervös und kaum hörbar, man solle um Gotteswillen den Heinz auf keinen Fall mehr in die Stege lassen, man hätte jetzt doch schließlich den Nachweis!
Alle blickten sofort zur Tür und stellten erschrocken fest: Heinz war schon fort!
Der sonst so großmäulige Manni war nun ganz klein und bescheiden, von wegen: mal eben ’nen Geist fangen. Er brauchte einen doppelten Cognac und eine Zigarette zur Beruhigung, auch wenn es nicht seine Marke war.
Noch während sie überlegten, ob jemand Heinz folgen und ihn zurückholen sollte, signalisierte das Klingeln der ›Neger-Glocke‹ und das gleichzeitige Aufleuchten des roten Lämpchens, dass dieser es wohl bis oben hin problemlos geschafft hatte. Gottlob! Aber man wusste, da war noch der Rückweg!
Keiner sagte was, alle lauschten.
Warum nur stellte niemand die Musik ab oder leiser?
Es vergingen verdammt lange Minuten.
Plötzlich war da dieser entfernte und doch so laute, fürchterliche Aufschrei aus der Stege. Heinz?
Alle drängten ins Freie, selbst Manni mit nacktem Oberkörper. Sie bogen in die Stege ein und hasteten über das Kopfsteinpflaster hinauf, Richtung Hanns-Lamers-Platz. Zurück blieb nur die dudelnde Schlager-Musik.
Doch verdammt noch mal, wo war Heinz?
Man entdeckte ihn nirgends, nicht mal seine Silhouette.
Die beiden Stege-Laternen waren zu schwach, erhellten die Gasse nicht ausreichend.
Auf halber Höhe fand man den Mann schließlich.
Er hockte hinter einem der seitlichen Stützpfeiler auf dem Boden mit angezogenen Beinen und rücklings an die Mauer zum Belvedere-Garten gelehnt.
Er wimmerte wie von Sinnen und hielt beide Hände vors Gesicht gepresst. An einer Hand hing die Kette mit dem daran baumelnden Medaillon.
Als es Wolfgang endlich gelang, ihm die Hände vom Gesicht zu nehmen, sah man, trotz der Dunkelheit, eine panische Angst in seinen Augen. Dabei faselte er nur etwas von Krähen und Schatten. Zudem stammelte er immer nur ein einziges Wort. Ein Wort, mit dem keiner etwas anfangen konnte: ›Kaho‹.
Doch damit sollte das Spiel noch nicht zu Ende sein, der Spuk ging jetzt erst richtig los!
Mit lautem Getöse knallten plötzlich erst die Glühbirnen der beiden Stege-Laternen durch und dann erlosch die Außenbeleuchtung an der Kneipe. Auch im Schankraum selbst sah es plötzlich aus Sicht der Stege absolut dunkel aus.
Allen war klar, dass Heinz einen Notarzt brauchte. Wolfgang wollte vom Lokal aus diesen herbeirufen Das Clown-Pärchen erklärte sich bereit, solange bei Heinz zu bleiben.
Schon hasteten der Wirt und die anderen die steile Stege hinunter.
Wieder im Lokal, schlug allen eine ungewohnte Kälte entgegen. Nicht nur das Licht, auch die extra entzündeten Kerzen waren erloschen. Die Musik war verstummt.
Da der Versuch, die Lampen wieder einzuschalten, misslang, wurden erneut die Kerzen entzündet. Das Telefon ging aber und so konnte der Notarztwagen angefordert werden.
Kaum aufgelegt, wurden Wolfgang und seine Gäste Zeuge unerklärlicher Phänomene.
Die Kerzen begannen plötzlich grundlos zu flackern und überall bewegten sich schwache Schatten an den Wänden. Es wurde so kalt, dass ihnen der Atem gefror. Die offengelassene Tür knallte unversehens zu, ohne dass sie jemand berührt hätte und man hörte seltsame Geräusche, fast Stimmen ähnlich.
Lydia behauptete mit ernstem Gesicht, man hätte Armand de Bousquet halt nicht böse machen dürfen.
Als mit einem Male dann auch noch die ›Neger-Glocke‹ und das Lämpchen wie wild einsetzten, flüchteten alle aus der Kneipe, auch Wolfgang, und man verharrte vor der Tür. Wer drückte da oben die Scheiß-Klingel, verdammt noch mal!
Ein Notarztwagen näherte sich unüberhörbar.
In der Stege wurde Clown Wim, als er einen Moment unachtsam war, vom aufgesprungenen Heinz weg und zu Boden gestoßen. Dieser rannte dann schreiend die Stege weiter hinauf zum Hanns-Lamers-Platz.
Wim direkt hinterher. Nicole mit der Notarztwagen-Besatzung Minuten später dann auch.
Die seltsamen Erscheinungen in der Gaststätte endeten so plötzlich wie sie gekommen waren. Langsam traute Wolfgang sich wieder in seinen ›Kurfürsten‹.
Die Anderen folgten vorsichtig, keine Witze, kein Lachen!
Doch hier drinnen schien jetzt merkwürdigerweise alles wieder normal zu sein. Das Licht sprang wieder an, die Musik spielte weiter, die Kälte war fort und selbst die blutigen Narben auf Mannis Rücken waren verschwunden.
Hatte man sich alles nur eingebildet? Aber was war mit dem ›Anfall‹ von Heinz?
Dieser wurde kurze Zeit nach seiner Flucht aus der Stege eine Straße weiter eingeholt und aufgegriffen.
Seinem Verhalten entsprechend soll er noch in der gleichen Nacht in die Landesklinik nach Bedburg-Hau gebracht worden sein. So sagte man jedenfalls.
Man setzte sich zusammen und versuchte, das Erlebte irgendwie, so gut man konnte, rational zu erklären. Allein, es wollte nicht recht gelingen Sollte man mit Unbeteiligten darüber sprechen?
Doch man entschied sich, zunächst Stillschweigen zu wahren. Niemand von ihnen sollte und wollte darüber reden. Wozu auch? Wer hätte diese Story denn geglaubt? Auslachen würde man sie, da war man sich sicher, und für bekloppt erklären! Zum Karnevalsthema würde man gemacht und in den Bütten der Karnevalsvereine die Lacher liefern! Nein, danke!
Tags drauf hatte Wolfgang die Lieferanten-Klingel, die sogenannte ›Neger-Glocke‹, abmontiert.
An weiteren Abenden und Nächten des Novembers passierte angeblich nichts mehr in der Stege, wie Wolfgang später einmal von sich gegeben hatte, jedenfalls hatte er Ähnliches nicht mehr mitbekommen oder aber er hatte es einfach für sich behalten!
Rückblick
Schon vor Tagen hatten die Bewohner Cleves damit begonnen, Gassen und Straßen in der Unterstadt zu säubern und die Fenster und Fassaden der Häuser mit Blumen, Bändern und Fähnchen in den Farben blau, weiß und rot zu schmücken. Dieser Fleiß war vom Unterpräfekten der Stadt angeordnet worden. Besonders die Cavarinsche Straße mit dem Bürgermeisterhaus hatte sich auf das bevorstehende Großereignis vorbereitet.
Diese Straße der Kaufleute führte entlang am Fuße des nach Süden aufsteigenden Heidebergs bis ans Porte du Parc, das von den Clevern aber nur Cabrinschs Tor genannt wurde. Durch dieses Tor kamen die Händler und Reisenden aus Cranenburg, Nimwegen und Umgebung in die Stadt, um ihre Geschäfte zu machen oder Besuche abzustatten. Rechts davon zog sich die Stadtmauer den steilen Berg hinauf und erstreckte sich, unterbrochen von Mauertürmen, bis hin zur Oberstadt. Obwohl dort ein ebenfalls westwärts gerichtetes Tor größer und der dazugehörige Weg befestigter war, bevorzugten immer mehr Menschen die Einfahrt durchs Cabrinschs Tor, vorbei an den Kurbädern und Patrizierhäusern der Rue du Parc.
Diese neu angelegte Prachtstraße leuchtete ebenfalls in den Farben der Tricolore. Stoff- und Papierbänder hingen in den Bäumen, geraffte Tücher an den Herrschaftsgebäuden und überall steckten kleine Fähnchen in den vom Herbst gefärbten Vorgärten.
Alles hier sah sauber, fröhlich und einladend aus.
Die preußischen Tugenden hatten wieder einmal gegriffen und der 31. Oktober 1811 konnte kommen.
Dann war es soweit. Schon am frühen Morgen herrschte jede Menge Betrieb in den Straßen. Ein Durcheinanderlaufen, ein Hetzen und erste Kämpfe um gute Plätze am Straßenrand setzten ein. Mehr Gendarmen als sonst patrouillierten durch die Straßen der Unterstadt, denn solch ein Ereignis lockte nicht nur Bewohner der anderen Stadtteile, sondern auch allerhand Gesindel wie Taschendiebe und Einbrecher an. Letztes Schmuckwerk, besonders wetterempfindliche Blumenarrangements, wurde angebracht. Am Kopstadt-Haus, in dem der Bürgermeister residierte, stellte man noch zusätzliche dekorative Pflanzenkübel zu beiden Seiten des Einganges auf.
In der schräg gegenüberliegenden Kirche probte der Chor ein französisches Lied und auf dem Straßenabschnitt zwischen Gotteshaus und Kopstadt-Haus forderten lautstarke Kommandos mehr Disziplin von den Gardisten des Jägerregiments. Die Paradeaufstellung musste schließlich perfekt sitzen, wenn der große Augenblick gekommen war.
Nacheinander trafen nun die Amtsträger und weitere wichtige Persönlichkeiten der Stadt mit ihren Gemahlinnen ein. Der Bürgermeister begrüßte sie an der Tür und bat sie in sein Haus, derweil deren Kutscher die leichten Gespanne wieder vorsichtig zwischen den vielen Menschen hindurch aus der Straße lenkten.
Die Unruhe, die Musikproben, die Verschönerungsaktionen, der ganze Aufstand wurde ausgelöst, nachdem eine Woche zuvor ein Abgesandter des französischen Hofes nebst Dragonerbegleitung in die Stadt gekommen war und dem Unterpräfekten mitgeteilt hatte, dass seine Majestät auf seiner Rückreise von Holland auch Cleve einen Kurzbesuch abstatten würde.
Da seit dem Frieden von Lunéville 1801 die linksrheinischen Gebiete an Frankreich fielen und Cleve damals über Nacht zur französischen Stadt wurde, war die erwähnte Majestät natürlich kein geringerer als Kaiser Napoleon Bonaparte!
Dass es sich dabei um keinen eigentlichen Besuch handeln sollte, sondern eher um die Möglichkeit, sich während eines zweistündigen Aufenthalts auszuruhen und Proviant aufzunehmen, war den Bürgern gleich. Der mächtigste Mann ihrer Zeit kam nach Cleve und das zählte.
Man hatte gelernt, mit der Tatsache, Frankreich einverleibt worden zu sein, umzugehen. Erleichtert wurde es dadurch, dass viele der von den Franzosen erlassenen Gesetze, gerade auch im sozialen Bereich, den Bürgern einiges an Lebensverbesserungen brachten. Das Betrübliche war, dass nun auch viele junge Männer zwischen Cranenburg und Xanten für den Kaiser in den Krieg ziehen mussten, so deren Familien nicht über die nötigen Mittel verfügten, sie von dieser Pflicht freizukaufen. Ebenso bereitete das seit 1793 anzuwendende französisch-republikanische Kalendersystem mit seiner 10-Tagewoche erhebliche Verwirrung. So war man froh, als man 1802 wieder zur alten 7-Tagewoche und vier Jahre später komplett zur bewährten gregorianischen Zeitrechnung zurückkehrte.
Während Europa erneut widerhallte vom Marschtritt der Grande Armée, man befand sich am Vorabend des Krieges mit Russland, lebte es sich hier in Cleve beinahe wie im Frieden.
Nach der 7-jährigen Besatzungszeit hatte sich schnell wieder ein gesellschaftliches Leben mit Konzerten und Theaterbesuchen in und um Cleve herum gebildet. An Sommerabenden lustwandelte man in den neu hergestellten Moritzschen und Buggenhagenschen Gärten, die 1794 von französischen Soldaten unter Mithilfe des Clever Pöbels zerstört worden waren. Und auch der Kurbetrieb am Tiergarten begann langsam wieder aufzublühen.
Plötzlich entstand eine Unruhe am Cabrinschs Tor.
Menschen drängten hin. Musikanten begannen aufzuspielen. Wortfetzen ertönten wie: »Sie kommen!« oder »Vive la France«! Einem Lauffeuer gleich hallte es durch die Straßen: »Napoleon ist da! Seine Majestät und die neue Kaiserin stehen vor der Stadt!«
Hektisch nahm die Ehrengarde Aufstellung und begann sich auszurichten!
Aber es war nicht der Kaiser, der gekommen war, sondern nur eine Vorhut des Trosses. Eine Kutsche und ein Trupp des 27. Dragoner-Regiments, der als Eskorte diente, hielten am Tor. Der Leutnant in seiner schmucken grünen Uniform, dem kupfernen Helm mit dem schwarzen Pferdeschweif, stieg ab, eilte zur Kutsche und öffnete die Seitentür, deren Mitte ein Wappen zierte. Dieses zeigte ein von Lilien eingefasstes Schnecken-Ornament. Es war das Symbol des Hauses d’Escargot. Ein stattlicher Mann in Uniform entstieg der Kutsche und schaute naserümpfend um sich. Es war der Marquis Maurice d’Escargot, Minister für Innere Sicherheit.
Der Leutnant forderte die Torwache auf, die Ankunft des Ministers unverzüglich dem Unterpräfekten mitzuteilen. Gleichzeitig verkündete er den Umstehenden, dass der Tross seiner Majestät bereits Cranenburg verlassen habe und in weniger als einer Stunde hier eintreffen würde.
Die Ehrengarde löste ihre Paradeaufstellung wieder auf und stellte sich auf weiteres Warten ein. Dagegen kam das Volksfest langsam auf Touren. Duft von Gebratenem und von gekochten Zuckerleckereien erfüllte die Luft. Händler boten Waren der Region und heute natürlich überwiegend französische Weine feil. Gaukler begannen mit ihren Darbietungen und Musikanten spielten die Marseillaise mehr laut als schön.
Jeder Mann und jede Frau hatte sich an diesem Tag richtig herausgeputzt und mühte sich, es auch zu zeigen.
Aber nicht nur das gemeine Volk war auf den Beinen, auch die Damen und Herren der besseren Gesellschaft wollten bei diesem einmaligen Ereignis ihre Wichtigkeit demonstrieren.
Während die Herren standesgemäß mit hohem Hut, Schaftstiefeln und Gehstock sich diskutierend in Weltpolitik übten, wetteiferten die hell geschminkten Damen darum, wer die Pariser Mode wohl am trefflichsten herzeige. Auch wenn in der französischen Metropole schon Neueres angesagt war, in Cleve beherrschten immer noch die Musselinkleider das Bild, natürlich mit Schleppe und kurzen Ärmeln. Ebenso war das Haar griechisch frisiert, tief im Nacken, mit einer langen, fliegenden Locke, die auf der Seite hing und ›Seufzer‹ genannt wurde.
Der Minister bahnte sich mit Unterstützung seiner Dragoner einen Weg zum Haus des Bürgermeisters. Er sah das Treiben in der eng gewordenen Straße und sein Gesicht wurde immer missmutiger.
In diesem Moment kam der Unterpräfekt mit ausgestreckten Armen auf ihn zu: »Herzlich Willkommen in Cleve, lieber Ministre d’Escargot!«, dann wies er auf die Menge fröhlicher Menschen, »Schaut Euch um, alle lieben Seine Majestät! Hier freut sich ...«
»Nonsens«, unterbrach ihn der Minister, »der Kaiser mag momentan diese Volksfeste um seine Person nicht!«, er zeigte mit ausladendem Arm auf die Menge, »Müssen die Leute nicht arbeiten? Und es ist zu eng hier! Das viele Volk auf den Straßen muss weg und die Blumenkästen, sie stehen hier überall im Weg! Habt Ihr überhaupt eine Vorstellung, wie groß der Zug Seiner Majestät ist?« Er blickte wieder zurück zum Tor und murmelte: »Das Tor ist zu klein. Oh là là, das gibt ein Desaster!«
Die Blasmusik spielte unbeirrt weiter.
Auf ein Zeichen des sichtlich irritierten Unterpräfekten zogen einige Bedienstete schnell diverse Pflanzenkübel dichter an die Hauswand heran.
Der Rundblick des Ministers endete oben an den Fenstern des Kopstadt-Hauses. Er sah die vielen Gäste, die neugierig auf ihn herunterschauten. Eine junge Frau, die er dort zwischen den Leuten entdeckte, nötigte ihm gar ein kurzes Lächeln ab, auch, da diese sein Lächeln erwiderte – eindeutig!
Zu den Privilegierten, die im Hause des Unterpräfekten auf den hohen Gast warten durften, gehörten auch der Marquis Armand de Bousquet, Beauftragter für Sonderangelegenheiten seiner Majestät im Departement de la Roer, und seine junge Begleiterin. Im Gegensatz zu vielen der anderen war er aber nicht zu seinem Vergnügen hier. Durch den Abgesandten vor einer Woche hatte man ihm mitteilen lassen, er möge sich während des heutigen Tages für den Kaiser bereithalten.
Zuerst klang es wie ein in der Ferne aufkommendes Gewittergrollen, doch es war das Getrappel hunderter Pferde und das Geräusch von unzähligen Kutschen und Wagen. Der Tross Seiner Majestät näherte sich Cleve.
Hoch zu Ross, an der Spitze seiner Offiziere, ritt Napoleon durch das Cavarinschs Tor. Hinter ihnen passierte erst die Karosse mit Napoleons junger Gemahlin Marie-Louise den engen Durchlass, dann folgten die Ministerkutschen und zuletzt kam das riesige Gefolge.
Nachdem der Kaiser Paraden, Liedervorträge, blumenbringende Kinder und sonstige Protokollarien hatte über sich ergehen lassen, drängte er, die von seinen Ministern vorbereiteten Themen mit den Vertretern der Stadt und des Departements anzugehen. Das Protokoll hatte einen Aufenthalt von zwei Stunden eingeplant und so wollte er keine Zeit verlieren.
Während sich die Kaiserin mit Gefolge, die Offiziere und die hohen Beamten zu den Quartieren begaben, zog sich Napoleon mit Vertretern des Departements und der Stadt in einen dafür vorbereiten Raum zurück. Unter ihnen der Marquis de Bousquet und der Minister d’Escargot.
Man hatte kaum fünfzehn Minuten debattiert, da hielt sich Minister d’Escargot plötzlich die Brust. Er rang nach Luft, sein Gesicht verzerrte sich. Sich entschuldigend bat er, an die frische Luft gehen zu dürfen. Der Kaiser entließ ihn aus der Gesprächsrunde und der Marquis d’Escargot verließ den Besprechungsraum.
Draußen war das Fest auf seinem Höhepunkt angelangt. Musik, Speis und Trank gab es reichlich und gutgelaunte Menschen, soweit man sehen konnte. Erste Betrunkene wurden von den Gendarmen weggeführt.
Etwas abseits und einige Stufen tiefer als die Straße tippelte eine Frau am Portal der Bettelordenskirche unruhig hin und her, als könne sie sich nicht entschließen, das Haus des Herrn zu betreten. Sie trug einen weiten, seidenen Schal mit eingearbeiteten kleinen Lilien über ihren Kopf gezogen und hielt stets einen kleinen Fächer vors Gesicht. Über die Schulter war eine Stola gelegt, die ihr Dekolleté und ein goldenes Medaillon verdeckte.
Als ein stattlicher Mann in Uniform, der offensichtlich zu Napoleons Leuten gehörte, zielstrebig auf sie zusteuerte, drehte sie sich schnell ab und verschwand in die Kirche.
Das gotische Gebäude mit dem kleinen Barocktürmchen war schlicht und bescheiden ausgestattet und in Form einer Hallenkirche errichtet worden.
An einem Feiertag, wie dieser Donnerstag heute einer war, befand sich kein einziger betender Besucher mehr im Gotteshaus. Auch die Chormitglieder hatten sich nach ihrer Darbietung schnell unters Volk gemischt und feierten kräftig mit.
Nachdem im Zuge der von Frankreich ausgehenden Säkularisation überall Klöster geschlossen worden und somit auch die Minoriten, ein Ordenszweig der Franziskanermönche, aus Cleve fort waren, hatte es gedauert, bis in dieser Kirche wieder Messen gelesen und ein neuer Kirchenchor gebildet worden war.
Im linken Seitenschiff stand die Frau an eine Wandsäule gelehnt und zog sich langsam den Schal vom Kopf.
Die Kirchentür wurde aufgerissen. Der Mann trat ein und blickte sich suchend um. Es war der Minister d’Escargot.
Als er die Frau entdeckte, hastete er auf sie zu. Kaum hatte er sie erreicht, fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn.
Im selben Moment öffnete sich leise die Tür der Sakristei.
Ein vom Alter schon gebeugter Kirchendiener erschien mit neuen Kerzen, die für den Opferstock bestimmt waren. Als er die beiden Liebenden im Seitenschiff entdeckte, hielt er inne.
Die Küssenden hatten ihn nicht bemerkt.
D’Escargots Hände glitten an ihren blassen Armen hinauf und streiften ihr die Stola nach hinten von den Schultern. Er küsste sie auf ihr Dekolleté und schaute ihr dann lächelnd tief in die Augen.
Der Kirchendiener kam näher geschlurft und beobachtete, wie der Mann ihr nun ein silbernes Medaillon um den Hals legte. Sie schien darüber so verzückt zu sein, dass sie sich spontan ihr altes Medaillon vom Hals riss und achtlos zu Boden warf.
Wieder wollte sie ihn küssen, doch diesmal wehrte er zärtlich ab und begann ernst auf sie einzureden.
Als beide plötzlich den gekrümmten Alten mit den Kerzen in der Hand vor sich stehen sahen, erschraken sie.
In derselben Sekunde begriff die Frau, dass sie von ihm erkannt worden war und schaute besorgt zu ihrem Geliebten. Der verstand, zog zwei Goldstücke aus seiner Tasche und hielt sie dem Kirchendiener entgegen: »Du hast nichts gesehen, Alter, klar!« Dann drückte er ihm die Münzen in die Hand und verließ mit der Frau eilig das Gotteshaus.
Der Gebeugte wartete bis sie fort waren, schaute auf die Goldstücke und steckte sie in seine Tasche. Danach suchte er den Boden ab. Schließlich entdeckte er das weggeworfene Medaillon unter einer der Bänke. Er zog es hervor und betrachtete es von außen und innen, las die eingravierten Namen. Über sein Gesicht huschte ein Grinsen, wusste er doch genau, dass auch dieses Medaillon aus Gold war. Ohne es zu öffnen verstaute er es ebenfalls in seiner schäbigen Rocktasche, in der sich bereits zwei Goldstücke befanden.
Noch einmal schaute er sich um, vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtet hatte. Dann nahm er wieder die Kerzen in die Hand und schlurfte zurück Richtung Altar.
»Verruchte Franzosendirne!«, murmelte er, während er in die Sakristei entschwand, »Mich kauft Ihr nicht!«
3 Tage später
Auf den Straßen, den Plätzen und in den Gassen schien nur wenige Wochen nach Herbstbeginn das Leben zu erstarren. Und wenn in den Abendstunden der jahreszeitlich typische Nieselregen einsetzte, wirkte Cleve wie ausgestorben. Ein Grund war das zunehmende Räuberunwesen.
Seit Wochen schon mieden die Bürger die Dunkelheit und blieben lieber in ihren Häusern. Man sagte, Räuberbanden seien schon bis in die Randbezirke der Stadt vorgedrungen, um in den noblen Herrenhäusern nach Beute zu suchen. Mit Besitzern und Personal würden sie nicht gerade zimperlich umgehen, hieß es. Der Unterpräfekt hatte deswegen bereits seit Beginn des Herbstes die Wachen an den Toren zur Innenstadt verstärken lassen. Bezüglich des aufkommenden Räuberunwesens hatte er vom Kaiser strikten Befehl erhalten, gegen diese kriminellen Elemente mit entschlossener Härte vorzugehen. Dennoch passierte erneut ein Verbrechen innerhalb der Stadtmauern: Einen Tag nach Napoleons Besuch fanden Chormitglieder den alten Kirchendiener der ehemaligen Minoritenkirche mit durchschnittener Kehle in der Sakristei.
Mit dem Weiterziehen des kaiserlichen Trosses hatte sich auch das schöne Wetter verabschiedet. Seitdem war die Sonne nicht mehr über Cleve zu sehen gewesen und abends schien es früher dunkel zu werden.
»Mistwetter«, raunte Armand de Bousquet verärgert, »wo kommt nur plötzlich der Nebel her?«, er stützte sich kurz auf seinen mit kunstvollen Gravuren versehenen Gehstock und schaute gen Himmel, erst nach links, dann nach rechts. Die Nebelschwaden waren ganz plötzlich gekommen, hingen zwischen den blattlosen Ästen der frisch gepflanzten Bäumchen, in denen noch vereinzelte Papierbänder in weiß, rot und blau vom großen Festtag hingen. »Man kann ja kaum noch etwas sehen«, murmelte er weiter, »dabei war es doch noch völlig klar, als ich das Haus verließ! Ach, was soll’s, ich werde meine Runde machen wie halt jeden Abend!« Er richtete seinen Hut aus und ging los.
Angst im Dunkeln und ganz alleine hatte der in vielen Kriegen erprobte Armand de Bousquet nicht, obwohl er, als wohlhabender Marquis bekannt, durchaus ein lohnendes Opfer für so manchen Spitzbuben hätte sein können. Aber er fürchtete nicht die Räuber, eher das krankmachende Herbstwetter, schließlich war er mit seinen sechzig Jahren nicht mehr der Jüngste.
Ein Straßenköter kam von hinten herangeflitzt, huschte, ohne Notiz von ihm zu nehmen, vorbei und verschwand in eine kleine Seitengasse. Dort kreuzte eine Katze seinen Weg und er begann sofort, diese kläffend zu verfolgen.
Ein Fenster flog knarrend auf und ein altes Weib keifte los: »Ruhe! Verdammter Köter, verschwinde endlich!« Kaum war sie ruhig, polterte ein metallischer Gegenstand auf die Straße.
Armand hatte sich an derlei Unterhaltsames längst gewöhnt, führten ihn seine Abendspaziergänge doch regelmäßig auch durch diese Gasse.
Das erste Ziel seines Rundganges war allerdings immer das Porte du Parc. Von den dortigen Wachen, zumeist aus einem Franzosen und einem Einheimischen bestehend, ließ er sich über die Geschehnisse des Tages in der Stadt informieren.
»Es war ein Desaster«, murmelte Armand, als er daran dachte, wie sich der Zug mit Napoleon und Marie-Louise durch das enge Tor in die Cavarinsche Straße zwängen musste, »es sollte unbedingt verbreitert werden!«
»Halt! Wer da?«, schallte es ihm entgegen. Es war einer der Torwachen, der dem Marquis einige Schritte entgegengetreten war. Sein Gewehr mit Bajonett hatte er bereits von der Schulter genommen, als er den Näherkommenden erkannte: »Ah, Marquis de Bousquet, pardon, ich erkannte Euch nicht sofort!« Er schulterte wieder das Gewehr.
»Wachsam sein ist wichtig in dieser Zeit!«, entgegnete der Marquis. »Was hat der heutige Tag gebracht, war alles ruhig?«
Der Mann nickte.
Aus einer nahen Schenke jenseits des Tores brauste Gelächter auf, französische Soldatenlieder ertönten. Hier wurden unüberhörbar die letzten Stunden bis zum Zapfenstreich genossen.
»Macht es gut, Bürger!«, waren jedes Mal die Worte, mit denen der Marquis nach wenigen Minuten dann seinen Weg fortsetzte. So ging es weiter, entweder nahm er die Straße Richtung Hafen oder er wählte die schmale Judenstiege, die außerhalb der Stadtmauer den steilen Heideberg bis in die Nähe des Judenfriedhofs hinaufführte. Dieser Weg war der anstrengendere von beiden.
Er blickte kurz zurück, sah im diffusen Nebel die Prachtstraße, die Rue du Parc, in der auch er sein Domizil hatte. Seit seiner Ernennung zum Sonderbeauftragten durch Napoleons Minister d’Escargot vor einem halben Jahr wohnte er in dieser neuen, vornehmen Straße, die aus Cleve herausführte zum Amphitheater und zu der viel besuchten Heilquellen-Kuranlage.
Er widmete sich wieder seinem Abendspaziergang. Heute war die Judenstiege an der Reihe. Er wusste, dass dieser unbefestigte Weg durch sein Gefälle bei Regen und Feuchtigkeit durchaus tückisch sein konnte und so ging er, auf seinen Gehstock vertrauend, Schritt für Schritt vorsichtig vorwärts.
Sein Atem war schwer, er spürte die Anstrengung, aber er nahm jeden zweiten Abend diesen Weg, betrachtete dieses Hinauf als gutes körperliches Training. Zu Hause wartete schließlich eine Geliebte auf ihn. Er schmunzelte für den Bruchteil einer Sekunde bei dem Gedanken an Maria, die nun seit knapp einem halben Jahr bei ihm war. Als er zwei Wochen nach seiner Ernennung in Paris von seinem Stammsitz im Südwesten Frankreichs aufgebrochen war, um sich ins Departement de la Roer zu begeben, lernte er die junge Frau während eines Gasthausbesuchs kennen. Sie erzählte ihm, sie sei Zofe am Hofe der Kaiserin Marie-Louise und sei unterwegs zu ihren Eltern nach Hannover gewesen, als sie von den beiden Begleitsoldaten Seiner Majestät niedergeschlagen und beraubt worden war. Da sie nun weder eine kaiserliche Legitimation noch Geld bei sich hatte, säße sie dort fest. Er wollte ihr helfen und bot sich an, sie bis zum Niederrhein mitzunehmen, so sie es denn wünsche. Sie wünschte und seitdem lebte sie bei ihm in Cleve. Doch seit zwei Tagen gab es auch Betrübliches in seinen Gedanken. Sollte etwas dran sein an dem Geschwätz der Bediensteten? Hatte man Maria wirklich während des Kaiserbesuchs in den Armen eines Anderen gesehen? Ach, dummes Gerede! Er würde sie nachher wieder in die Arme nehmen und sein Glück genießen. Dass sie in diesem Augenblick, während er seinen Rundgang machte, ganz alleine im großen Haus geblieben war, ließ doch etwas Sorge in ihm aufsteigen. Wieso nur war Lenchen, Marias neue Bedienstete, gestern einfach fortgelaufen? Sicher, der Gärtner war noch da sowie dessen jüngerer Bruder. Aber beide bewohnten das Gärtnerhaus. Würden sie einen Einbruch in die Villa mitbekommen? Beide hatte Maria aus Frankreich kommen lassen, um den zur Villa gehörenden Garten neu anzulegen. Er selbst hatte die Männer nur einmal gesprochen, kannte sie kaum.
Jeder Schritt von Armand wurde begleitet vom dumpfen Aufsetzen des Stockes und vom leisen Klappern seines Schlüsselbundes gegen das Jagdmesser am Gürtel. Ziel und Wendepunkt seines allabendlichen Rundganges war die große Linde gut hundert Schritte hinter dem baufälligen Stadtmauerturm, an dem zum wiederholten Male Bauarbeiten durchgeführt wurden. Auch ein Stück der Mauer, die vom Heideberg hinab zum Porte du Parc verlief, sollte gleich mit erneuert werden.
An der engen Gasse drängten sich kleine Häuser, überwiegend bewohnt von Cleves jüdischer Minderheit. Das Flackern von Kerzen hinter den Fenstern ließ ihn bei diesem Nebel wissen, dass er den Turm bereits passiert hatte, denn sehen konnte er ihn nicht.
Etliche Straßen entfernt war das Getrappel von Pferden und das laute Knarren derber Räder zu hören, die sich über Kopfsteinpflaster stadtaufwärts bewegten. Befehle erfolgten, Wiehern, Peitschen knallten. Nur Augenblicke waren sie zu hören, dann verschluckten die engen Straßen um Schwanenburg und Prinzenhof jegliche weiteren Geräusche.
Der Marquis vermutete, dass es ein Reitertrupp des 23. Jägerregiments war, das in der Schwanenburg Garnison bezogen hatte. Immer öfters mussten diese Reitersoldaten ausrücken, um Meldungen von gesichteten Räuberbanden nachzugehen.
Hoffentlich hatten sie Erfolg und im Gefangenenwagen befanden sich einige dieser Strauchdiebe, dachte er.
Für einen Moment fielen ihm die Kisten voller Geld ein, die sich in verschlossenen Räumen seines Hauses im Obergeschoss befanden. Es waren die hohen Zahlungen jener Familien an Napoleon, die auf diese Weise verhindern konnten, dass ihre Söhne als Soldaten am bevorstehenden großen Feldzug Richtung Osten teilnehmen mussten. Natürlich wussten alle und der Marquis besonders, dass damit der Marsch der Grande Armée gegen Russland, ins weite Reich Zar Alexanders, gemeint war.
Würden der Gärtner und sein Bruder dieses Geld gegen Räuber verteidigen? Wohl kaum. Er griff nach seinem Schlüsselbund, an dem sich auch die Schlüssel für das Zimmer und für die Kisten befanden. Nur durch sie konnte man die Kisten mit dem Geld öffnen.
Beim Treffen mit seiner Majestät wurde ihm befohlen, diese Kisten Mitte der kommenden Woche in die Obhut des Jägerregiments zu überstellen und er war mehr als froh darüber!
Unerwarteter Flügelschlag ertönte plötzlich in der Luft.
Er blickte auf. Schreckhaft war er nicht, wusste er doch mittlerweile, dass um diese Zeit in den Wipfeln der wenigen Bäume an dieser Stiege unter den Krähen der Streit um die besten Schlafplätze entbrannte.
Doch dieser suchende Blick nach oben wurde ihm zum Verhängnis.
Er hatte, während er versuchte, in den Baumspitzen etwas zu erkennen, nicht die beiden Gestalten bemerkt, die sich in einer Nische der Stadtmauer versteckt hielten und nur darauf warteten, dass der Alte an ihnen vorbeiging.
Blitzschnell standen die Vermummten hinter ihm, schlugen mit einem Holzstück auf ihn ein und stießen ihn vor sich her.
Armand de Bousquet kam ins Straucheln und stürzte. Dabei verlor er seinen Gehstock, der ein Stück Weges hinunterrutschte.
Während einer der Unholde auf den benommenen und bereits am Kopf blutenden Mann eintrat, kniete sich der andere auf dessen Hals und verhinderte so ein Schreien des Opfers.
Er griff unter den Rock des Marquis, nestelte herum, bis er den Schlüsselbund zu fassen kriegte. Ein kurzer Ruck und er hielt ihn in die Höhe.
»Ich hab die Schlüssel, Mademoiselle!«, triumphierte er.
»Idiot! Nenn doch noch meinen ganzen Namen!«, eine barsche, helle Stimme zeterte ihm böse entgegen.
Aus dem Nebel tauchte eine Frauengestalt auf, die sich erhabenen Schrittes den drei Männern näherte.
Der Übeltäter mit dem Schlüssel erhob sich und trat einen Schritt vom Marquis nach hinten. Auch sein Komplize hatte aufgehört, auf den Verletzten einzutreten und wich zurück.
Stumm verfolgten sie jede Bewegung der jungen Frau, die nun vor dem Geschundenen stand, sich dann niederkniete und ihn verächtlich betrachtete.
Dieser drehte den Kopf ein wenig, röchelte.
»Der lebt ja noch!«, schimpfte die Frau wütend. »Seid Ihr Nichtsnutze unfähig, einem alten, schwachen Mann den Garaus zu machen?« Dabei umspielten ihre Finger ein silbernes, reichverziertes Medaillon, das an einer Kette um ihren Hals hing.
»Wir dachten ... wir sollten ...!«
»Halts Maul!«, zischte sie den den Schlüssel Haltenden an.
»Maria ...?«, stammelte der Marquis, dem es mit Mühe gelang, seinen Kopf zu heben, »... Seid Ihr es? – Wieso?«
Sie beugte sich tiefer hinunter, berührte fast sein Ohr und begann mit abfälliger Stimme auf ihn einzureden: »Als Geliebte war ich gerade recht. Zur Frau wolltet Ihr mich nicht. Eure Ehre war Euch da wichtiger, wie? Und Ihr wart nicht großzügig genug, zu knauserig, mich reichlich zu entlohnen, wie es mir zugestanden hätte. Ich werde mir jetzt beides nehmen, Eure Ehre und Euer Vermögen! Wenn Paris erst erfährt, dass Ihr die Gelder seiner Majestät gestohlen habt, wird keiner aus der Familie derer de Bousquet mehr glücklich ... haha ...!«
»Maria! Chérie!«
Die Frau sah das Jagdmesser des Marquis unter seinem Gewand hervorschauen. Schnell griff sie danach und klappte es auf. Die Klinge sprang in die Arretierung.
Dann legte sich ein diabolisches Grinsen über ihr Gesicht.
»Ihr lebt doch sowieso schon zu lange. Ihr wart meiner Gesellschaft nicht wert. Fahrt zur Hölle, alter Narr ...!«
Während sie ihm mit der einen Hand den Mund zuhielt, stieß sie das Messer mit der anderen mehrmals in seine Brust.
Armand de Bousquets Körper zuckte, er stöhnte.
Krähen hoch in den Bäumen flatterten verschreckt auf.
Der sterbende Marquis riss die Augen auf, schaute noch einmal seine junge Geliebte an, dann fiel sein Kopf langsam zur Seite.
Die Komplizen traten näher heran und starrten auf den Toten.
»Hey, hey«, stotterte der Ältere von ihnen erschrocken, »von Abmurksen war nie die Rede. Wir sollten ihm nur die Schlüssel klauen, nicht wahr?« Er drehte sich zu seinem Nebenmann.
»Ja, sicher, nur die Schlüssel«, bestätigte der zweite, jüngere Mittäter, »oh, Mann, der Kerl war der französische Sonderbeauftragte Seiner Majestät in Cleve. Man wird uns ohne viel Federlesen aufhängen, wenn das herauskommt. Was zum Teufel ist denn nur so wichtig an diesen Schlüsseln?« Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut.
Maria schaute die Kerle verächtlich an: »Das geht euch einen feuchten Kehricht an.« Sie schüttelte den Kopf: »Ich glaub es nicht! Seid ihr nun Männer oder Memmen? – Los, ihr Bastarde, lasst ihn verschwinden, das werdet ihr doch wohl können, denkt daran, dass ich euch dafür bezahle, bewegt euch!«, und zu dem Älteren, »Und nun her mit den Schlüsseln, Mann!«
»Was meint Ihr mit ›verschwinden lassen‹?« Der Aufgeforderte streckte seine Hand aus und hielt ihr die Schlüssel entgegen. »Und was ist mit unserem Geld?«
Sie stand auf, entriss ihm geradezu den Schlüsselbund und steckte diesen zusammen mit der blutbefleckten Mordwaffe unter ihr Gewand.
»Stell dich doch nicht so dumm an, du Tölpel! Siehst du denn nicht die Baustelle dort? Überall lockerer Boden und Bauschutt, ich wette, auch Schaufeln sind da – na, keine Idee? Ihr solltet doch mit derlei Werkzeugen umgehen können. Ich sage nur: tief genug vergraben, den Rest übernimmt der Frost«, herrschte sie die Männer an, »anschließend kommt ihr in die Rue du Parc, ins Herrschaftshaus, um noch eine Tote in die Judenstiege zu bringen und dort abzulegen. Danach kommt ihr wieder. Einige Kisten sind noch zu verladen, klar? Dann bezahle ich euch. Ich verschwinde noch diese Nacht aus Cleve und ihr erzählt ab morgen allen Leuten, was wir abgesprochen haben. In einer Woche kommt ihr nach. Und nun schnappt den Kerl und fort mit ihm und vergesst den Gehstock nicht!«
Alles hatte nur wenige Minuten gedauert.
Die Wachposten am Tor, keine dreihundert Schritte entfernt, hatten nichts mitbekommen, zu laut grölten die Männer in der Schenke.
Mit dem Verschwinden der Täter und des Toten vom Tatort hatte sich auch der Nebel verzogen. Dafür setzte nun Regen ein.
In der Ferne verkündete das Horn eines Nachtwächters, dass wieder eine volle Stunde herum war.
Ein Hund trottete heran, schnupperte am Blut auf dem lehmigen Boden und zog schließlich desinteressiert weiter, derweil die unzähligen Regentropfen langsam aber stetig alle Spuren der Missetat fortwischten und eine unheimlich stille und einsame Judenstiege zurückließen.
Im Obergeschoss des Herrenhauses in der Rue du Parc wurde ein toter Frauenkörper mühevoll aufs Bett gezerrt, ausgezogen und eilig mit neuen Kleidern aus Marias Garderobe versehen. Zuletzt bekam sie deren seidenen Schal mit den eingearbeiteten Lilien um die kalt gewordene Schulter gelegt und dazu ein goldenes Medaillon um den Hals.
Es sah aus, als starrten die toten Augen der Frau währenddessen ständig auf die seitlich an der Wand stehenden Kisten voller Geld.
Durch das undichte Fenster drang das Schnauben herannahender Kutschpferde.
Maria stand am Bett, betrachtete die Tote. »Tut mir leid, Lenchen«, flüsterte sie zynisch, »aber das Gift alleine reicht nicht aus, um meinen Plan zu vollenden! Ich muss einen Tatort schaffen. Zu den gestohlenen Geldkisten gehört eine Tote und diese Tote werde ich sein, bestialisch ermordet, perfekt. Tja, Lenchen, und dafür brauche ich dein Blut!«
Sie nahm das Jagdmesser des Marquis zur Hand und begann völlig gefühllos, Lenchens Gesicht mit unzähligen Schnitten derart zu zerfetzen, dass schon bald ein menschliches Antlitz nicht mehr erkennbar war.
In der Ferne meldete sich erneut der Nachtwächter, dann legte sich völlige Ruhe über das französische Cleve.
Kleve 1997
Dienstag, 11. November
»Meinst du wirklich, es klappt mit dem Job bei euch?«, fragte Birgit.
»Warum denn nicht!«, lächelte Ute und schaute hinüber zu ihrer Freundin, die am Fenster des Vorzimmers stand, »Positiv denken. Wir müssen nur einen geeigneten Moment abwarten, um ihn zu fragen!«
Birgit nickte verstehend und schaute zwischen den Lamellen hindurch auf die Kavarinerstraße, an der die Anwaltskanzlei HESEL, WEGENER & BÖRING vor kurzem diese Räume bezogen hatte.
Hier war der Arbeitsplatz von Ute Sieberts. Sie mochte die Arbeit in dieser kleinen, aber interessanten Kanzlei in bester Lage in der Klever Unterstadt. Mit Birgit Mahler verband sie eine enge Freundschaft, und so wollte sie helfen, ihr während der Semesterferien eine Aushilfsstelle in der Kanzlei zu besorgen. Seit ihrer gemeinsamen Schulzeit auf dem Gymnasium kannten sie sich. Nach dem Abitur begann sie ihre Ausbildung in der Kanzlei, während Birgit ihr Geschichtsstudium in Köln startete und dann in Nimwegen fortsetzte.
»Was für ein Sauwetter und ausgerechnet am St. Martins-Tag!«, haderte Birgit, »Immer das Gleiche: nasskalt und nebelig. Dabei hätte Petrus heute doch einmal eine Ausnahme machen können!«
Am Schreibtisch saß Ute über zu bearbeitenden Antwortschreiben: »November ist November!«
»Ja, toll!«, entgegnete Birgit und strich sich über ihre glatten, dunklen Haare, »Wir wollten doch nachher noch rausgehen. Es ist kalt, und wenn es noch weiter so regnet, können wir das glatt vergessen!«
Immer noch blickte sie aus dem Fenster.
Die Fußgängerzone war jetzt menschenleer, obwohl die Geschäfte alle noch geöffnet hatten. Keine zehn Minuten war es her, da hasteten noch Schülergruppen, Singles, Pärchen und viele Eltern mit ihren Zöglingen Richtung Große Straße, in den Händen vereinzelt in Cellophan gehüllte Fackeln. Alle wollten sie einen guten Platz am Straßenrand ergattern oder Aufstellung nehmen, um sich gar selbst mit einreihen zu können, wenn der Zug mit Musikkapelle und dem Heiligen Mann auf seinem Pferd an der Spitze vorbeizog. Auf dem benachbarten Minoriten-Parkplatz hatten Feuerwehrleute bereits große Holzscheite zu einem Haufen geschichtet und das Martinsfeuer entzündet. Schnell entwickelten sich die Flammen und der Haufen fing lichterloh an zu brennen. Hin und wieder knackte eines der Holzstücke und schickte helle Funken in den dunklen Abendhimmel.
»Was ist nun, Ute?«, Birgit löste sich von ihren Beobachtungen und drehte sich zu ihr hin. In ihrer Stimme schwang Ungeduld mit, »Kannst du nun früher Feierabend machen, oder nicht? Hast du deinen Chef nicht gefragt?«
In diesem Moment sprang die Tür des Besprechungszimmers auf und Frau Hetkamp, Utes ältere Kollegin, kam mit schnellen Schritten herein.
Nur mit einem flüchtigen Blick auf die beiden Frauen eilte sie an ihren Platz, raffte einige Unterlagen zusammen und hastete in die kleine Kanzleiküche. Sekunden später kehrte sie mit Küchentüchern zurück und steuerte direkt auf den Besprechungsraum zu.
»Frau Hetkamp, dauert’s noch lange? Es ist doch St. Martin heute!«, rief Ute ihr hinterher.
Diese stoppte an der Tür und schaute sich mit herablassendem Blick um: »Was getan werden muss – muss getan werden. Ein Prozess will gut vorbereitet sein, egal, ob St. Martin ist, Nikolaus oder sonst was. Das werden Sie auch noch begreifen, liebe Frau Sieberts!«
Dann war sie hinter der Tür verschwunden.
Birgit und Ute blickten einander verwundert an und begannen leise zu lachen.
»Ups! Was hast du denn für eine Kollegin? Die ist ja ganz allerliebst!«
»Tja, Birgit, jetzt weißt du, auf was du dich einlassen willst!«
»Wäre ja nur für ein paar Wochen, während der Semesterferien! Das schaffe ich schon, glaub mir!«
Bevor Ute antworten konnte sprang erneut die Tür auf.
Ihre Köpfe flogen herum.
Birgit sah einen jungen Mann im Anzug und mit korrekt sitzender Krawatte durchs Zimmer eilen.
Auf seinem Jackett deuteten große, dunkle Flecke darauf hin, dass im Zimmer nebenan etwas auf dem Besprechungstisch umgekippt sein musste.
»Oh, Besuch?«, staunte der junge Mann, als er Birgit am Fenster stehen sah. Er verlangsamte seinen Schritt, schwenkte um und kam auf sie zu. Ein Lächeln entspannte sein Gesicht: »So spät am Freitag noch eine Klientin, Frau Sieberts?«
Ute stand auf: »Darf ich miteinander bekannt machen: Meine Freundin Birgit Mahler, Herr Dr. Wegener! Sie wollte mich abholen! Weil Sie doch gesagt haben, ich könnte heute ...!«
Dr. Wegener streckte Birgit seine Hand entgegen: »Freut mich, hallo!«
»Hi – ebenso!«, antwortete Birgit lächelnd.
»Oh, einen Moment, bin gleich wieder da, sorry!«, er zeigte auf seine Jacke, die nass war, genau wie Teile seine Hose, »Mir ist ein Glas Wasser umgekippt! Gott sei Dank nicht auf wichtige Unterlagen!«
Birgit sah seine nasse Hose und musste lachen.
Dr. Wegener blickte sie verwundert an, dann an sich herunter und musste ebenfalls lachen: »Ach so, wichtige Unterlagen – das ist wirklich gut! Die Damen entschuldigen mich bitte!«
Schon war er auf dem Weg zu den Toiletten in den Flur verschwunden.
Die beiden jungen Frauen konnten sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen.
»Bitte sehr, das war mein Chef!«, sagte Ute mit lustigem Unterton.
Ein amüsiertes Lächeln umspielte Birgits Mund: »Der ist aber noch verdammt jung für einen Anwalt!«
Ute nickte bestätigend: »Das stimmt, genau dreißig!«
»Und, wie er ist er, äh, ich meine als Chef?« Birgit kam einige Schritte vom Fenster auf sie zu und sah sie auffordernd an.
»Hm, wie er ist, willst du wissen, hm, als Chef? Wenn er etwas cooler wäre, bestimmt passabel.«
»Sein Auftritt gerade, das ging doch! Okay, er ist Krawattenträger und bestimmt immer sehr korrekt, wie man sieht – aber ob auch ›dabei‹?« Sie lächelte hintergründig.
Ute setzte sich wieder: »Hey, du hast wohl ein Auge auf ihn geworfen? Er wohnt übrigens in Kalkar, ganz in der Nähe der Kultur und Kleinkunst-Kneipe ›Jenseits‹!«
»Ich kenn ihn doch gar nicht!« Birgit schaute verschmitzt von oben auf sie herab, »Aber, man kann nie wissen! Und Kalkar ist schließlich auch nicht aus der Welt!« Schnell zupfte sie ihren schwarzen Pullover zurecht, strich über ihre hellen Jeans, als wäre sie zum Vorsprechen bei einem Casting an der Reihe.
Ute sah es, verdrehte die Augen und nickte gelangweilt: »Ja, ja, ist schon klar und damit du vor Neugierde nicht platzt: Eine Frau oder Freundin hat er meines Wissens auch nicht!«
»Ha!«, winkte Birgit ab »Wir beide sind zur Zeit auch ohne Anhang. Vielleicht sollten wir ihn mal einladen, mit auf die Rolle zu gehen!«
»Kannste vergessen. Er kennt nur seine Paragraphen!«
Birgit deutete auf ihre Armbanduhr: »Okay, okay, wenn du meinst, dann eben nicht! Frag ihn aber, ob du jetzt hier Schluss machen kannst!«
Als Dr. Wegener ohne Jacke zurückkam, stand Ute auf und ging auf ihn zu: »Dr. Wegener! Entschuldigung, aber Sie sagten gestern, ich könnte heute zeitig gehen, weil St. Martin ist!«
Er blieb stehen, schaute Ute an, dann an ihr vorbei auf Birgit, schließlich auf seine Armbanduhr: »Sankt Martin? Hm, sagte ich das? – Wir haben da gerade eine verzwickte Sache nebenan in Vorbereitung. Für einen Schriftsatz bräuchte ich Sie gleich noch, und sonst? Ach, Frau Hetkamp ist ja auch noch da, sagen wir, nur noch das Schreiben fertig machen, vielleicht eine halbe Stunde, wäre das okay?«
Ute schaute ihre Freundin an, Birgit Dr. Wegener.
Sie zog kurz die Schultern hoch und sagte: »Hört sich gut an!«
Auch Ute nickte: »Okay, danke!«
»Na, dann ist ja alles klar«, lachte Dr. Wegener und machte sich wieder auf den Weg zu seiner Besprechung. Bevor er hinter der geöffneten Tür in seinem Büro verschwand, schaute er noch einmal zurück auf Birgit.
Birgit, wie auch Ute, war dieser interessierte Blick nicht verborgen geblieben.
»Oh, Mann«, schlug sich Birgit verärgert auf die Oberschenkel, »wir haben vergessen, ihn nach einem Job zu fragen!«
Ute winkte ab: »Lass mal. Dafür ist der jetzt zu hektisch, das machen wir morgen! Du bekommst schon deinen Ferienjob, keine Bange!«
»Ja, den will ich, jetzt erst recht!«
»Hey, du hast doch nicht etwa was vor?«
»Na, wenn schon?«, lachte Birgit.
In diesem Augenblick setzte draußen die Musikkapelle mit dem Laternenlied ein, ein sicheres Zeichen dafür, dass der Fackelzug sich näherte.
Die Frauen eilten zum Fenster.
Ute zog die Lamellen zur Seite und als sie sah, dass der Nieselregen weg von der Hausfront fiel, öffnete sie das Fenster.
Neugierig schauten sie hinüber zur Großen Straße.
Dort zog der Martinszug vorbei, begleitet von der Feuerwehrkapelle Kleve. In Kürze würde er auf dem Minoritenparkplatz seinen Abschluss finden.
»Hörst du die alten Martinslieder?«, fragte Ute mit einem kindlichen Lächeln, »Es sind immer noch die von früher!«
Plötzlich durchschnitt der markige Schrei einer Krähe die Luft, direkt über den Köpfen der Frauen.
»Mistvieh!«, schimpfte Birgit und spürte, wie ihr Herz pochte, »Mich so zu erschrecken!«
»Ist doch bloß ’ne Krähe«, beruhigte Ute, schloss wieder das Fenster, »so, ich hoffe, er kommt gleich mit dem Schreiben. Willst du warten?«
