Die Stimme der Vergeltung - Neil Lancaster - E-Book

Die Stimme der Vergeltung E-Book

Neil Lancaster

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Beschreibung

Wenn die Dunkelheit einfällt, ist niemand sicher

Scott Paterson, einer der berüchtigtsten Verbrecher Schottlands, wird tot in einem Vorort von Edinburgh aufgefunden. Die Art seiner Verletzungen ist erschütternd, und die Ermittler stehen vor dem Rätsel, wie dieser kräftige Mann so leicht überwältigt und brutal ermordet werden konnte, ohne dass es irgendwelche Spuren gibt. Kurz darauf wird der Anwalt Fergus Grigor tot in Dunnet Head gefunden – er hatte Paterson vor Gericht vertreten und für seinen Freispruch gesorgt. Das Team von DS Max Craigie erhält einen schockierenden Hinweis: Der Mörder soll ein Polizist und an der Investigation beteiligt sein. Die Ermittler müssen nun ihre gesamten Ressourcen einsetzen, um den Täter zu entlarven, der ihre eigenen Reihen infiltriert hat, bevor es zu spät ist.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch:

Scott Paterson, einer der berüchtigtsten Verbrecher Schottlands, wird tot in einem Vorort von Edinburgh aufgefunden. Die Art seiner Verletzungen ist erschütternd, und die Ermittler stehen vor dem Rätsel, wie dieser Mann so leicht überwältigt und brutal ermordet werden konnte, ohne dass es irgendwelche Spuren gibt. Kurz darauf wird der Anwalt Fergus Grigor tot in Dunnet Head gefunden – er hatte Paterson vor Gericht vertreten und für seinen Freispruch gesorgt. Das Team von DS Max Craigie erhält einen schockierenden Hinweis: Der Mörder soll ein Polizist und an der Ermittlung beteiligt sein. Die Ermittler müssen nun ihre gesamten Ressourcen einsetzen, um den Täter zu entlarven, der ihre eigenen Reihen infiltriert hat, bevor es zu spät ist.

Zum Autor:

Neil Lancaster wurde in Liverpool geboren und wuchs in Kent auf. Nach sechs Jahren bei der  Militärpolizei trat er in den Dienst der Metropolitan Police, bei der er als Detective an einigen der schwierigsten Fälle Großbritanniens arbeitete. Nach seinem Ausscheiden bei der Polizei zog Neil mit seiner Frau in die schottischen Highlands und widmet sich dort dem Schreiben von Thrillern und Spaziergängen mit seinem Hund. 

Neil Lancaster

Die Stimme Der Vergeltung

Aus dem Englischen von Christian Trautmann

HarperCollins

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel The Night Watch bei HQ Digital, London.

© by Neil Lancaster

Deutsche Erstausgabe

© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe

HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von wilhelm typo grafisch

Coverabbildung von stocker1970 / Impixdesign / Shutterstock.com

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783749909247

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.

Dieses Buch ist meinen wundervollen Schwestern Judith und Helen gewidmet. Wir kamen klar, oder?

1

Scott Paterson gähnte, als er die dunklen Straßen Edinburghs hinter sich ließ und in Richtung des grüneren Vorortes Ravelston fuhr. Es war stockdunkel, trocken und bewölkt, und so früh am Morgen war die Stadt wie ausgestorben.

Sein Kopf fühlte sich schwer an nach einem Abend mit seinen Kumpeln in einem netten Pub im Zentrum der Stadt. Er hatte Champagner getrunken, einen Joint geraucht und eine Linie Charlie gezogen, daher hätte er vermutlich nicht fahren sollen, aber betrunken fühlte er sich eher nicht. Wenn überhaupt, so war er hundemüde nach all den Emotionen und Feiern. Vor einigen Tagen war er vor einem Schwurgericht wegen Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Andernfalls hätte ihm lebenslange Haft gedroht, nun war er ein freier Mann. Das war alles ein bisschen viel gewesen. Jetzt saß er zufrieden in dem weichen Ledersitz seines BMW X5 und gähnte erneut. Es wurde Zeit, nach Hause zu fahren und sich wieder mit seiner Frau vertraut zu machen.

Sein Handy summte auf dem Sitz neben ihm. Er nahm es, schaute aufs Display und erschrak über den Namen des Anrufers. Jackie McLennan. Der Jackie McLennan. Ein Mann, der gleichermaßen gefürchtet und verehrt wurde.

»Jackie, Alter!«, meldete er sich.

»Scotty, ich hab’s gerade gehört. Du bist raus aus Saughton und hast mir nichts erzählt, was?«, bellte ein rauer Edinburgh-Akzent ihm ins Ohr.

Jackie war eine Unterweltgröße Edinburghs, der überall seine Finger im Spiel hatte. Scott hatte ihn seit einer Weile nicht mehr gesehen, aber er hatte seit fast einem Jahr überhaupt niemanden gesehen, da er sich im Saughton Jail in Untersuchungshaft befunden und auf das Gerichtsverfahren wegen Mordes gewartet hatte.

»Na, du weißt ja. War beschäftigt, hab Zeit mit meiner Lady und meinen Jungs verbracht.«

»Aye, klar. Also, aus Mangel an Beweisen. Du Glückspilz, wie hast du das angestellt?«

»Unschuldig wie ein Lämmchen. Die Anklage wurde von meinem Anwalt auseinandergenommen, und der Rest ist Geschichte. Eine Schande, wie?« Er lachte schallend.

»Du bist ein verdammter Teflon-Bursche. Es hieß, du würdest lebenslänglich kriegen.«

Paterson wollte etwas erwidern, zögerte jedoch, da er im Rückspiegel eine Bewegung wahrnahm. Ein großer dunkler Wagen kam plötzlich aus einer Seitenstraße und holte ihn rasch ein. Innerhalb von Sekunden war der Wagen dicht hinter ihm und hing an seiner Stoßstange. Die grellen Halogenscheinwerfer durchdrangen die Dunkelheit und fluteten Scotts Wagen mit blendendem weißen Licht. Scott war ein erfahrener Mann, der wusste, dass ein Wagen so nah auffahrend und mit eingeschaltetem Fernlicht nur eines bedeuten konnte.

Ärger.

Entweder handelte es sich um einen Polizeiwagen oder, schlimmer, um eine rivalisierende Gang. Die Cops bereiteten ihm weniger Sorge. In seiner Tasche befand sich ein Gramm Kokain, außerdem lag ein kleines Messer im Türfach, beides konnte er jedoch entweder loswerden, bevor die Cops ihn anhalten lassen würden, oder er würde ihnen die Stirn bieten. Wenn es ein einzelner Cop war, könnte er den Bastard einschüchtern. Scott war es gewohnt, das zu tun. Bei seiner Größe von deutlich über einem Meter achtzig und hart trainierten Muskeln war das nicht schwierig. Eine bewaffnete rivalisierende Gang dagegen war etwas ganz anderes. In seinen Jahren als Gang-Söldner hatte er sich viele Feinde gemacht, weshalb er stets auf Krawall vorbereitet war. Er umfasste sein Handy und schaute ins Türfach, wo er das glänzende Klappmesser sah.

Seine Miene wurde angespannt, und er knurrte leise. Niemand legte sich mit Scott Paterson an. Weder die Cops noch irgendwelche Typen, die sich in der Szene einen Namen machen wollten.

»Ich muss Schluss machen, Jackie. Ich habe gerade Gesellschaft bekommen.«

»Alles okay bei dir?«

»Aye, jemand klebt mir am Heck. Ich rufe dich später zurück.« Er beendete das Gespräch, ohne auf eine Erwiderung zu warten, und hoffte, dass Jackie nicht beleidigt war.

Dann passierte es. Im Rückspiegel sah er, wie der Fahrer des ihn verfolgenden Wagens einen Arm aus dem Fenster streckte, um ein oszillierendes Blaulicht auf dem Autodach zu platzieren.

Verdammt. Cops. Noch übler, es waren nicht reguläre Cops, sondern offenbar eine Spezialeinheit, dem Wagen nach zu urteilen, einem SUV von stattlicher Größe mit verstecktem Blaulicht. Wahrscheinlich hatten sie ihn observiert, obwohl er eigentlich sicher war, niemanden gesehen zu haben. Erst seit ein paar Tagen draußen, und schon versuchten sie, ihn zu verarschen. Wut brannte in ihm, wie eine plötzliche Magenverstimmung.

Paterson trat das Gaspedal des kraftvollen BMW durch, der auf der langen geraden Straße Geschwindigkeit aufnahm. Auch der Polizeiwagen beschleunigte, aber Scott gelang es, den Abstand zu vergrößern. Er sah die Kreuzung und bog mit Tempo in die Strachan Road ein, Richtung Ravelston. Erneut trat er aufs Gas. Mit quietschenden Reifen beschleunigte der BMW. Schon bald endete die Straßenbeleuchtung, und er fand sich auf der Ravelston Dyke Road wieder. Es war eine dunkle, einsame Strecke, die durch ein Waldgebiet führte. Der Polizeiwagen war nicht mehr zu sehen, daher ließ Scott das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. Er nahm das Taschenmesser aus dem Türfach und schleuderte es über eine niedrige Mauer in den Wald. Die kleine Packung Kokain folgte unmittelbar darauf. Er sah wieder in den Rückspiegel; der andere Wagen schloss jetzt rasch auf, mit flackerndem Blaulicht, das die Bäume zu beiden Seiten der Straße anleuchtete.

Scott lächelte zuversichtlicher, nachdem die illegalen Sachen entsorgt waren. Er war sich sicher, dass die Verfolger nicht gesehen haben konnten, wie er die Sachen aus dem Fenster warf. Wenn es die Kripo war, würden sie kein Gerät zur Atemkontrolle dabeihaben, ebenso wenig wie einen Drogentest. Wenn er einen Aufstand machte, würden sie ihn hoffentlich in Ruhe lassen. In diesem Teil von Edinburgh war die Polizei personell dünn besetzt. Die würden nicht scharf darauf sein, ihre Zeit mit einem wütenden Scott Paterson zu vergeuden. Ohnehin waren diese Typen alle Feiglinge.

So zügig er beschleunigt hatte, so hart trat er nun auf die Bremse und fuhr an den Straßenrand, gleich hinter der Einfahrt des leeren Parkplatzes vor dem Ravelston Golf Course. Er seufzte, völlig entspannt mittlerweile. Sie hatten nichts gegen ihn in der Hand. Er lachte leise, den Blick fest auf den Rückspiegel gerichtet.

Der Polizeiwagen stoppte dicht hinter ihm und berührte fast seine Stoßstange. Die Scheinwerfer waren voll aufgeblendet, das Blaulicht pulsierte.

»Was für ein Scheiß«, sagte er zu sich selbst und klappte den Spiegel hoch, um nicht mehr geblendet zu werden. Er wandte sich dem Außenspiegel zu, sah die Tür des Polizeiwagens aufgehen und eine dunkle Gestalt aussteigen. Wegen des grellen Lichts konnte er nun deutlich die mit Reflektoren versehene Schutzweste des Cops erkennen, der sich ihm näherte. Dreister Bastard, dachte er. Er würde dem Kerl das Leben schwer machen.

Er hatte nur eine Person aus dem Wagen steigen sehen. Wer immer das war, hatte einen großen Fehler begangen.

Paterson entschied, zu bleiben, wo er war. Der Idiot konnte ruhig zu ihm kommen. Er drehte die Musik lauter und fing an, auf seinem Smartphone durch Facebook zu scrollen. Die Fotos von seiner Siegesfeier vor ein paar Tagen waren gepostet worden, und er grinste über das verdammte Gelage, das daraus geworden war.

Eine volle Minute verging, ehe er wieder aufsah. Die Scheinwerfer leuchteten nach wie vor hinten in seinen Wagen hinein, von dem Cop aber war nichts zu sehen. Er schaltete die Musik aus und spähte hinaus, um zu erkennen, was der Arsch vorhatte. Wollte er Scott Angst einjagen?

Er schaute wieder auf sein Handy, konnte sich jedoch nicht mehr konzentrieren. Etwas rührte sich in seinem Unterbewusstsein. Er war schon unzählige Male von der Polizei angehalten worden, und normalerweise erschienen die Cops immer umgehend neben der Fahrertür. Rückten einem auf den Pelz. Plötzlich gingen die Scheinwerfer und das Blaulicht des Polizeiwagens aus, und der BMW war in Dunkelheit getaucht.

»Was zur Hölle?«, murmelte Scott und wünschte, er hätte sein Messer nicht weggeworfen.

Er sah zu dem Wagen hinter ihm. Der stand still und unheimlich in der Finsternis. Scott lehnte sich aus dem offenen Fenster und lauschte angestrengt, aber der Motor seines Wagens war zu laut. Er drückte den Zündknopf, und der BMW verstummte. Die Lichter vom Armaturenbrett erloschen. Das einzige Geräusch war das Ticken des abkühlenden Motors und die sanfte Brise in den Bäumen. Die Stille war in ihrer Intensität beinahe physisch spürbar. Als vom Waldrand neben seinem Wagen ein Rascheln zu hören war, zuckte er zusammen. Er drehte mit weit aufgerissenen Augen den Kopf in die Richtung, konnte aber in der undurchdringlichen Dunkelheit nichts sehen.

»Schluss damit, was soll das?«, sagte er, öffnete die Tür und stieg aus. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, die Muskeln angespannt, die breiten Schultern gestrafft. »Was läuft hier, verdammt?«, rief er in Richtung des anderen Wagens.

Nichts. Während er wartete, lief ihm ein Kribbeln die Wirbelsäule hinauf. Niemand sonst war auf der Straße. In diesem Moment riss die sich schnell bewegende Wolkendecke auf, und das Mondlicht tauchte das Polizeiauto in ein blasses Licht. Lange Schatten krochen über die Straße und verschwanden zwischen den Bäumen, als die Wolken den Mond wieder verschluckten.

»Ihr werdet es mit meinem verdammten Anwalt zu tun bekommen, ihr Mistkerle!«, rief er, jedoch ohne die anfängliche Wut. Er ging zu dem stummen Polizeifahrzeug, das schwarz genug war, um mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Auf dem Dach war von einem Blaulicht nichts mehr zu sehen, auch nicht auf dem Armaturenbrett. Was führte dieser dämliche Bastard im Schilde? Trotz der kühlen Herbstluft lief ihm ein Schweißtropfen den Rücken hinunter. Das Herz pochte ihm hart gegen die Rippen. Er schluckte und wandte sich zu seinem Wagen um.

Während er zurückging, versuchte er, ringsum in der Düsternis irgendetwas zu erkennen. Wieder nichts. Er versuchte, ruhig zu bleiben, während er durch die offen stehende Wagentür sah. Die Innenbeleuchtung brannte und erhellte sanft das Wageninnere. Er würde einfach nach Hause fahren und vergessen, dass dies passiert war. Allerdings wurde er das Gefühl nicht los, dass ihm hier irgendetwas entging.

Dann sah er es.

Sein Autoschlüssel war weg. Er steckte nicht mehr in dem Schlitz neben dem Lenkrad.

Paterson tastete im Fußraum herum, ließ es jedoch nach einem Moment wieder sein. Er richtete sich auf, öffnete und ballte die Hände. Seine Nägel gruben sich ihm in die Handflächen, und während er tief einatmete, wurde er innerlich eiskalt.

»Wo zur Hölle bist du?«, schrie er, aber er klang ängstlich. Seine Worte verhallten zwischen den Bäumen und in der dunklen Nacht.

Hinter ihm war ein leises Kichern zu hören. Ein Zweig, der unter einem Stiefel knackte. Paterson erstarrte. Langsam drehte er sich um und spähte ins Unterholz, auf der Suche nach der Ursache für das Geräusch. Da bewegte sich etwas, kam aus dem dichten Wald, ein sich langsam bewegender Schatten, nur so gerade erkennbar. Scott atmete scharf ein.

Die Gestalt kam näher und hatte einen Arm ausgestreckt, etwas in der Hand haltend.

Scott Paterson schrie vor Entsetzen auf und wirbelte herum, bereit, in die Finsternis zu fliehen.

Er rannte um sein Leben.

2

Fergus Grigor küsste seine Frau sanft auf die Wange. Er betrachtete sie, während sie in dem schmalen Doppelbett schlief. Sie regte sich und drehte sich zu ihm um.

»Du bist früh wach«, murmelte sie und streichelte ihm die Wange.

»Guten Morgen. Ich gehe joggen, ich kann nicht mehr schlafen.«

»Du bist verrückt«, sagte sie mit einem übertriebenen Gähnen und streckte sich.

»Dafür liebst du mich doch. Es ist der Grund, weshalb du mich geheiratet hast.«

»Nein, ich habe dich wegen deiner dicken Brieftasche und deinem athletischen Körper geheiratet. Bring mir Kaffee mit, wenn du zurückkommst. Wo läufst du?«

»Nur um die Landzunge. Es sieht nach einem herrlichen Tag aus. Flitterwochenwetter«, sagte er und strich ihr über das lange kastanienbraune Haar.

»Aye, na ja, auf den Malediven ist jeden Tag Flitterwochenwetter, aber dein blöder Job hat uns das ja vermasselt«, meinte sie ohne Bedauern, in Anspielung auf den Urlaub, den sie wegen eines ausufernden Prozesses, in den er als Anwalt des Angeklagten stark eingebunden gewesen war, hatten stornieren müssen. Statt zwei Wochen im Indischen Ozean hatten sie ein langes Wochenende im Leuchtturmwärterhäuschen am Dunnet Head verbracht.

»Das holen wir bald nach, Mrs. Grigor, versprochen.« Fergus beugte sich vor und gab seiner Frau einen weiteren Kuss.

»Na klar, wie auch immer, Anwalt«, erwiderte sie, kuschelte sich wieder in die Decke und schloss die Augen, mit der Spur eines Lächelns im Gesicht.

Fergus lachte in sich hinein, stand auf und verließ das Zimmer, während er sich seinen Hoody überzog. Rasch schlüpfte er in seine abgenutzten Laufschuhe und trat hinaus vor das weiß getünchte Cottage direkt neben dem Leuchtturm bei Dunnet Head, dem nördlichsten Teil des Vereinigten Königreichs.

Der Wind wehte vom Pentland Firth herüber, als er über den leeren Parkplatz losjoggte. Normalerweise hielten sich hier viele Touristen auf, aber die Saison ging zu Ende, außerdem war es noch früh. Sehr früh.

Fergus bewunderte die Weite und Schönheit der Landschaft, die sich ewig landeinwärts zu erstrecken schien, karg und fast baumlos. Es gab nicht viel, was dem ständigen Wind Widerstand geboten hätte. Rechts von ihm lag das kobaltblaue Meer, glitzernd bis zum Horizont und einfach schön, besonders an einem Morgen wie diesem.

Im Osten stieg die Sonne auf und vertrieb die frühe Kühle. Er war dankbar für den frischen Wind, der vom Firth her wehte und die verdammten Mücken vertrieb. Bei Windstille hätten sie ihn verfolgt, mit ihrem Durst auf einen morgendlichen Drink.

Er atmete tief ein und schmeckte das Meer. Zufriedenheit breitete sich in ihm aus, und als er den Küstenpfad erreichte, beschleunigte er sein Tempo, sich dem tosenden Wind entgegenlehnend. Er lief den Weg entlang der Mauer, die ihn von einem hundert Meter tiefen Abhang trennte. Als er um die Kurve kam, sah er die zerklüftete Felswand, gegen deren Sockel die Wellen krachten.

Der Wind trug ein schwaches Geräusch zu ihm, während er joggte, und er verlangsamte das Tempo etwas. Da war es wieder, einem schwachen Schrei gleich, der sich gegen das Rauschen des Windes durchzusetzen versuchte. Er stutzte. Um diese frühe Uhrzeit war doch außer ihm sicher noch niemand auf, oder? Er hatte keine Camper gesehen, und das andere Cottage stand leer. Hatte er ein Tier gehört?

Da war es wieder. Eindeutig ein Schrei oder ein Jammern aus der Richtung der an der Mauer angebrachten Infotafel über Vogelarten. Er blieb stehen und lauschte, sein Atem war gleichmäßig und kontrolliert.

Er erschrak heftig, als ein heiseres Wehklagen zu vernehmen war. Der Ursprung schien direkt hinter der Mauer zu liegen. Er kletterte auf das raue Mauerwerk und schaute auf die wenigen Meter büscheliger Grasfläche, die bis zum Rand der Klippe reichte.

Ihm schlug das Herz bis zum Hals.

Im Gras zwischen der Mauer und dem Rand der Klippe entdeckte er ein Paar strahlend weißer Sneakers, eine leere Flasche sowie einen Rucksack.

Er schluckte und zog sein Handy aus der Tasche. Ein Blick auf das Display zeigte ihm das vertraute Icon – kein Signal.

Er sprang über die Mauer und landete mit beiden Füßen auf den Grasbüscheln. Der Wind drückte ihm das T-Shirt fest gegen den Körper und zerzauste seine gewellten Haare, als er sich vorsichtig den Sneakers und dem Rucksack näherte. Jetzt pochte ihm das Herz wie verrückt. Er ging in die Hocke und hob die leere Flasche auf, um sich das Etikett anzusehen. Grant’s-Whisky. Er schaute zur Klippenkante und überlegte, was er tun sollte. Konnte er es wagen, einen Blick zu riskieren? Wenn jemand gesprungen war, wäre Rettung ohnehin unmöglich. Er würde zum Cottage zurückkehren müssen, um Handyempfang zu haben und die Behörden zu benachrichtigen. Er trat einen Schritt auf den senkrechten Abhang zu. Ehe er begriff, was geschah, traf ihn ein harter Schlag in den Rücken, der ihm den Atem raubte. Ein Baseballschläger oder ein verdammter Lastwagen. Schmerz explodierte in seinem Körper, und er stürzte wie ein Baum mit dem Gesicht voran ins Gras. Die Morgensonne verschwand und wich undurchdringlicher Schwärze.

3

Bodennebel hüllte den Parkplatz des Ravelston Golf Course in dem noblen Vorort Edinburghs ein. Die ersten Sonnenstrahlen erwärmten die kühle Herbstluft.

Ein uniformierter Officer nahm das blau-weiße Absperrband zur Seite, damit Detective Chief Inspector Donald »Donnie« Watson in seinem Ford Mondeo der Mordermittlung auf den Parkplatz fahren konnte. Er hielt in einer der Parkbuchten neben einem weißen gekennzeichneten CSI-Van. Er stieg aus, fröstelte und wünschte sich zum ersten Mal seit einer Weile, er hätte einen Mantel angezogen. Wie so oft dachte er an sein kleines Haus in Alicante und die bevorstehende Pensionierung. Ein weiterer Tag, ein weiterer Mord, ein weiterer Schritt auf seinen Ruhestand zu.

»Kalt heute Morgen. Der Winter kommt«, bemerkte er übellaunig und sah zu seinem Deputy Detective Inspector Marnie Gray. Mit einem Airwave-Funkgerät in der Hand erhob sich die große schlanke Frau vom Beifahrersitz. Er knöpfte sein dünnes Jackett zu, das gegen den durchdringenden kalten Nebel nichts auszurichten vermochte. Der schottische Seenebel. Selbst an einem warmen Tag drang er wie ein Messer durch die Kleidung.

»Hör auf, zu jammern, Mann. Du hättest auf deine Mama hören und eine Jacke anziehen sollen«, sagte Marnie. Für einen DI war sie noch ziemlich jung, fast einen Meter achtzig groß, gut gekleidet und beinahe ständig lächelnd. Sie hatte intensive jadegrüne Augen. Marnie schien nichts aus der Fassung zu bringen, weshalb sie wahrscheinlich zu Höherem bestimmt war. Ihm dämmerte, dass er eine Art Dinosaurier in diesem modernen, legeren Polizeidienst war. Seine Miene verfinsterte sich bei diesem Wort. Dienst. Sie waren eine Einsatztruppe und leisteten keinen verdammten Dienst.

»Wer hat die Leiche gefunden?«, erkundigte Donnie sich.

»Einer, der mit seinem Hund spazieren ging. Vor ein paar Stunden, kurz nach Sonnenaufgang. Aber der diensthabende Officer meint, sie liegt schon seit Längerem hier.«

»Mist, die Presse wird sich darauf stürzen.«

»Ich habe unsere Presseabteilung bereits informiert. Die halten sich bereit«, sagte Marnie.

»Das fällt in meine Verantwortlichkeit, Marnie. Ich werde zu gegebener Zeit entscheiden, welche Medienstrategie wir fahren. Die mistige Boulevardpresse wird uns im Nacken sitzen, wenn die Pressestelle etwas durchsickern lässt. Du weißt, dass die nie dichthalten«, sagte Donnie gereizt. Marnie war kompetent, aber sie hatte komische Vorstellungen von ihrer Position.

»Ich habe nur versucht, die Ermittlungen voranzubringen, sorry.« Sie wirkte kein bisschen zerknirscht.

»Wer war der diensthabende Officer?«

»Gordon Campbell«, antwortete Marnie mit hochgezogenen Brauen.

»Oh bitte nicht ›Cordon Gordon‹«, murmelte Donnie.

»Aye, genau der.«

»Geh, und überprüfe mal die Videoüberwachung im Clubhaus«, wies Donnie sie an und wandte sich ab.

»Es wird mir ein Vergnügen sein, Sir«, erwiderte Marnie und ging in Richtung Clubhaus.

Donnie musste grinsen angesichts dieser kleinen Klarstellung, wer das Sagen hatte.

Er erkannte Jimmy Duggan, den leitenden Tatort-Ermittler, der einen Overall der Spurensicherung und Schuhüberzieher trug. Er hob gerade seinen schweren Metallkoffer hinten aus dem weißen Van. Jimmy war klein und kompakt, mit stechenden grauen Augen, die sich hinter einer dickrandigen Brille befanden. Er hatte pechschwarzes, volles Haar und die Andeutung eines Bartschattens. Wie oft Jimmy sich auch rasieren mochte, stets zeigten sich Stoppeln auf seinen Wangen.

»Guten Morgen, Donnie. Habe ich gerade eine leicht genervte Marnie erlebt?«

»Möglich, sie versucht ein bisschen zu sehr, mir dazwischenzufunken, wie üblich. Hast du schon einen Blick darauf geworfen?«

»Nein, ich bin selbst noch nicht lange hier. Anscheinend habe ich es geschafft, Cordon Gordon wütend zu machen, indem ich ihm sagte, seine Tatortaufsicht sei Mist. Ist mit einer Stinklaune davonmarschiert. Kalter Morgen, was?« Jimmy gähnte und rieb sich die Hände. Sein Akzent war reinstes Dublin, unverändert trotz vieler Jahre bei der Polizei Schottlands.

Jimmy war ein guter Mann mit viel Erfahrung, der schon fast so lange bei der Spurensicherung arbeitete, wie es die Spurensicherung gab. Er stellte seinen Ausrüstungskoffer auf den Boden und öffnete ihn, um kurz den Inhalt mit der Liste abzugleichen, in typischer Jimmy-Manier.

»Alles da und in korrektem Zustand, Jim?«

»Besser vorausschauen als hinterher dumm dastehen, sag ich immer. Gute Vorbereitung ist alles.«

»Wie oft habe ich das schon von dir gehört?«, erwiderte Donnie.

Sie gingen zusammen den bergab führenden Pfad entlang, der sie zu dem grünen Holzhaus des Clubs führte, das vor einer weitläufigen Fläche mit Bäumen und Fairways stand.

»Guten Morgen, Boss«, sagte ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters. DS Mark Fagerson kam über die Rasenfläche des Golfplatzes auf sie zu, in einer Hand ein Klemmbrett. Auch er trug einen Schutzanzug der Spurensicherung, allerdings hatte er die Kapuze abgenommen und die Maske unters Kinn geschoben. Seine Haare waren tadellos frisiert und ein wenig zu sehr gestylt, sein Lächeln entblößte zu weiße Zähne. Er schob den Ärmel seines Schutzanzuges hoch und schaute auf seine teuer aussehende Uhr.

»Guten Morgen. Ich habe Sie noch gar nicht erwartet und selbst gerade erst die Absperrung überprüft.«

Donnie seufzte leise und fragte sich, wann Detective Sergeants angefangen hatten, Uhren zu tragen, die zwei Monatsgehälter kosteten. »Guten Morgen, Mark. Was haben wir?«

»Wird übel, Boss. Definitiv Kategorie A, würde ich sagen. Der Anruf ist noch nicht lange her, ein Hundespaziergänger. Die Leiche liegt dort drüben in der ersten kleinen Baumgruppe.« Er zeigte auf einige Birken in etwa hundert Metern Entfernung auf dem Golfplatz.

»Ich glaube, ich werde mir selbst ein Bild davon machen, um welche Kategorie es sich handelt, wenn das okay für dich ist«, meinte Donnie, auf das Kategoriensystem bei Mordfällen anspielend. C war eine untere Kategorie, bei der für gewöhnlich der Täter bekannt war und das Risiko für die Öffentlichkeit gering. Kategorie A war das Gegenteil. Täter unbekannt, hohes öffentliches Interesse, Gefahr für die Öffentlichkeit, Ruf der Polizei stand auf dem Spiel. Donnie wurde mulmig, er brauchte das nicht mehr, vor allem nicht zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere. Vermutlich würde es seine letzte Mordermittlung sein, und er hatte auf einen simplen Fall von häuslicher Gewalt oder irgendeinen betrunkenen Unsinn gehofft, mit einem reumütigen Täter, der sich stellte. Es war unglückliches Timing, dass er jetzt verfügbar war, nachdem er einen langwierigen und schwierigen Fall abgeschlossen hatte. Wenn dies doch nur eine Woche früher passiert wäre, dachte er.

»Wenn du meinst«, war alles, was Fagerson darauf erwiderte.

»Tatort gesichert?«, erkundigte Donnie sich seufzend.

»Aye. Der diensthabende Officer hat ihn zu wenig weiträumig abgesperrt, wie Cordon Gordon das jedes Mal macht. Die innere Absperrung ist allerdings sicher wegen der Baumgruppe. Schrecklicher Ort, muss ich sagen.«

»Inwiefern?«, hakte Donnie nach. Er wollte Details, keine blöden Meinungen.

»Sumpfiges Gelände mit massig arschkaltem, stinkendem Wasser. Bin nicht zu nah herangegangen.«

Donnie schüttelte den Kopf. »Und die äußere Absperrung?«

»Der ganze Golfplatz, Boss. Der ist leicht zu sichern, aber Gordon passte es nicht, und er stapfte wütend davon.«

»Aye, Jimmy hatte auch Zoff mit ihm. Ich werde mit Cordon Gordon darüber sprechen. Der Weg ist wie üblich markiert?«

»Aye, die ganze Strecke.« Mark deutete auf die lange Linie in gleichmäßigen Abständen verteilter kleiner Plastikformen, die wie Miniaturpylonen durch den Nebel bis zu einer einsamen Baumgruppe führten.

»Warst du da und hast es dir angesehen?«, fragte Donnie mit strenger Miene.

»Auf keinen Fall, ich weiß ja, wie du dazu stehst. Ich habe bloß die Absperrung befestigt und mich um den bestmöglichen Zugang gekümmert. Nur die beiden Uniformierten, die den Anruf erhielten, sind hineingegangen. Da sie kein Lebenszeichen vorfanden, zogen sie sich zurück und meldeten die Sache. Die haben das gut gemacht, Boss. Außer den Sanitätern ist niemand da drin gewesen, und die mussten rein, weil einer von ihnen autorisiert ist, den Tod offiziell festzustellen.«

Donnie hatte es schon immer dämlich gefunden, dass ein Cop nicht offiziell den Tod eines Opfers bestätigen durfte. Selbst bei einer kopflosen Leiche mussten sie warten, bis ein Arzt oder Sanitäter den Tod bestätigte.

»Haben wir einen L-Schein von denen?«

»Aye, hier ist er.« Fagerson gab ihm ein unterschriebenes Formular.

Donnie warf einen Blick darauf und reichte es dem DS zurück.

»Die Uniformierten sind gegangen. Sie meinten, der Ort sei unheimlich.«

»Unheimlich? Was zum Geier ist mit den Cops los? Wenn ich als Uniformierter einem DS gesagt hätte, der Tatort sei unheimlich, hätte man mich als Weichei beschimpft.«

»Es ist auch wirklich ein bisschen gruselig, Boss.«

»Jesus, ich muss dringend in den Ruhestand«, meinte Donnie und schüttelte erneut den Kopf.

Trotz seines Klagens war er beeindruckt. Es hatte genug Tatorte gegeben, an denen jede Menge Gaffer herumgetrampelt waren. Wichtige Spuren konnten durch die Schuhe neugieriger Cops vernichtet werden. Dieser Tatort war gesichert, sodass sie auf die richtige Weise vorgehen konnten. Die goldene Stunde. Das war die Zeitspanne, um Beweise zu sammeln, man musste nur schnell genug handeln, um sie nicht zu verpassen.

»Gute Arbeit«, sagte Donnie und drehte sich zu Jimmy um. »Okay, holen wir uns Trittplatten und schauen uns die Sache an.«

»Mark, muss ich noch irgendwas wissen vorher? Zum Beispiel, warum du den Fall für einen der Kategorie A hältst, der mir den Tag versauen und mich daran erinnern wird, wie viel Zeit mir noch im Job bleibt?«

»Vielleicht ist es am besten, du siehst es dir selbst an, Boss.«

»Bist du bereit?«, fragte Donnie Jimmy; beide trugen die volle Montur der Spurensicherung, bestehend aus Handschuhen, Masken und Schuhüberziehern.

»Ich bin bereit. Du weißt, dass das nicht mehr jeder Chefermittler macht?«

»Das ist verrückt. Wie meint man, Fotos, Pläne und Videos vernünftig auswerten zu können, ohne den Tatort mit eigenen Augen gesehen zu haben? Blutige Amateure.«

Donnie zog seine Maske zurecht und machte ein entschlossenes Gesicht. Es wurde Zeit. Die erste Einschätzung des Tatortes, die jeder SIO, kurz für Senior Investigating Officer, vornehmen sollte. Die erste Gelegenheit, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, womit man es zu tun hatte. Den Schauplatz des Mordes genau zu untersuchen, bevor die Spurensicherung loslegte.

Sie folgten den Pylonen, die den Weg bis zum blau-weißen Absperrband markierten, das eine Baumgruppe in einer kleinen, mit Ginster überwucherten Senke einfasste. Ein einzelner uniformierter Polizist mit Tatortprotokoll stand vor dem Absperrband, die flache Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er hatte die Ankömmlinge bereits bemerkt und nickte Donnie zu. »Seien Sie vorsichtig da drin, Sir. Es ist höllisch rutschig. Gummistiefel wären nicht schlecht«, sagte er.

»Wenn ich einen Rat brauche, lasse ich es Sie wissen, mein Junge«, brummte Donnie. Der Cop errötete ein wenig.

Sie gingen bis zum Rand der Senke und stiegen vorsichtig hinunter. Sie wateten durch kniehohes nasses Gras; die dünnen Hosenbeine der Overalls waren sofort durchnässt. Der Boden der Senke war genau so, wie die Cops es beschrieben hatten. Matsch und faulige Pfützen, über allem ein sumpfig feuchter Gestank. Zur Rechten war es einigermaßen trocken und der Boden fester. Donnie rümpfte die Nase. Hier unten war es definitiv kälter, da sich der Nebel über dem Wasser hielt.

»Was für ein Sumpfloch«, sagte Jimmy und wechselte die Trittplatten in die andere Hand.

»Da kann ich nicht widersprechen«, entgegnete Donnie.

»Aye, schauen wir mal, von wo wir uns am besten nähern. Wer immer die Leiche hierhergebracht hat, ist dem Matsch ausgewichen, also gehen wir lieber dort durch, um keine Fußabdrücke zu zerstören. Jede Spur auf dem trockeneren Bereich wird nur schwach zu erkennen sein, denn der Boden sieht fest aus. Bleiben wir also lieber im Matsch.«

»Aye, tolle Idee. Manchmal hasse ich es, mit dir zusammenzuarbeiten«, sagte Donnie.

»Ich lege die Platten aus, dann gehört der Tote dir, für deine erste Einschätzung.«

Donnie ließ Jimmy zur Leiche vorangehen. Jetzt sahen sie die zusammengesunkene Gestalt an den Stamm einer dünnen Weißbirke gelehnt.

Jimmy platzierte die Aluminium-Trittplatten auf dem unberührten schlammigen Boden in Abständen bis zur Leiche. Unterdessen machte er sich Notizen und untersuchte den Untergrund genau. Nach einigen Minuten war er zufrieden und nickte Donnie zu. Es war so weit.

Donnie ging behutsam über die Trittplatten, die schmatzende Geräusche machten, sobald er einen Fuß daraufsetzte, bis er sich hinter der Leiche befand. Glücklicherweise war der Boden um den Baum herum trocken. Als Erstes registrierte Donnie die Größe des Mannes. Er war breit und bullig, und selbst in dieser sitzenden Position war erkennbar, dass der Mann hochgewachsen war. Seine schaufelgroßen Hände befanden sich hinter ihm, zu beiden Seiten des Baumstammes, als wären sie zusammengebunden gewesen, Handrücken an Handrücken. Donnie ging in die Hocke und sah sich die Handgelenke genauer an. Am linken trug der Mann eine glänzende Omega-Uhr, und Donnie war nicht überrascht, als er tiefe Einschnürungen und Blutergüsse sah. Der Mann war tatsächlich gefesselt gewesen, möglicherweise mit Handschellen. Den Blutergüssen nach zu urteilen, tippte er auf Letzteres. Donnie atmete tief ein und saugte damit die Maske an sein Gesicht in dem Versuch, Alkohol oder Chemikalien zu erriechen. Nichts, abgesehen von dem sumpfigen Geruch dieses Ortes.

Er ging um die Leiche herum, betrachtete die teuer aussehende Lederjacke, das Armani-Poloshirt, die matschfleckige Boss-Jeans, durchtränkt entweder von Blut oder dem Inhalt seiner Blase, über die er die Kontrolle verloren hatte. Donnie richtete den Blick auf den nach vorne gesunkenen Kopf des Opfers. Die Haare waren ordentlich frisiert. Auf der Vorderseite des Poloshirts und der Jacke befanden sich fast schwarze Blutflecke. Erneut ging Donnie in die Hocke, um sich die Wunde im Gesicht des Mannes anzusehen. Vom linken Ohr bis zur Kehle war ein sauberer Schnitt zu sehen, der glänzende Sehnen und die durchtrennte Luftröhre freilegte.

Als Donnie den Blick zum Gesicht des Mannes hob, stutzte er.

Er hatte diese finsteren, wütenden Züge schon einmal gesehen, die bullige Statur, und zwar an jedem Tag der vergangenen acht Wochen im Gericht. Trotz der Leichenstarre, die aus seinem Gesicht eine entsetzte Fratze gemacht hatte, gab es keinen Zweifel.

Dies war Scott »Die Axt« Paterson.

Jener Scott Paterson, der letzte Woche vom Vorwurf des Mordes freigesprochen worden war. Nun, wenn auch aus Mangel an Beweisen, was durch eine seltsame Besonderheit des schottischen Gesetzes möglich war. Weder schuldig noch wirklich unschuldig. Die britische Krone hatte den erforderlichen Standard nicht erfüllen können. Ein Versagen. Donnie hielt es weder mit der Historie, noch neigte er zu Übertreibungen, aber Sir Walter Scotts Ansicht, »aus Mangel an Beweisen« sei ein »unechtes Urteil«, hatte er stets nachvollziehbar gefunden.

Scott Patersons Augen waren offen, der Ausdruck darin war jedoch leer.

Donnie richtete sich auf und sah sich den Tatort genau an, um sich jedes Detail einzuprägen. Er umrundete die Leiche gegen den Uhrzeigersinn, anders als beim ersten Mal. Er registrierte die Abdrücke seiner eigenen Schuhe auf dem festeren Boden und bemerkte, dass Patersons Fingernägel sorgsam geschnitten waren. Vermutlich würden da keine Rückstände oder Blutspuren zu finden sein. Kein Kampf, keine Abwehrverletzungen. Nichts.

Irgendwie hatte irgendwer es geschafft, diesen Berg von einem Mann, Scott Paterson, zu überwältigen, an einen Baum zu fesseln und ihm die Kehle durchzuschneiden, ohne jede Spur eines Kampfes. Eine kaltblütige und sadistische Exekution.

Donnie erschauerte, aber nicht wegen der kalten, modrigen und unerfreulichen Baumgruppe, die zum Tatort eines Mordes geworden war.

Dies war eindeutig ein Mord der Kategorie A.

4

Donnie stand auf dem Golfplatz neben der Baumgruppe und schrieb sein Protokoll. Er war froh, dass der Nebel sich gelichtet hatte und der Herbsttag angenehm warm geworden war, wenn auch mit einer ordentlichen Brise. Es gab nichts Schlimmeres, als stundenlang herumzuhängen, sich den Arsch abzufrieren und darauf zu warten, dass die Spurensicherung mit einem Tatort fertig wurde. Normalerweise ging er wieder, nachdem er sich einen Eindruck verschafft hatte, aber diesmal wollte er unbedingt die ersten Ergebnisse der Pathologin hören.

Auf dem Parkplatz hatte sich bereits eine kleine Schar Journalisten versammelt, zum Glück weit weg vom Tatort, dank Marks dezentem Management. Dieser Fall würde für reichlich Aufmerksamkeit sorgen, sobald die Details bekannt wurden, vor allem da Paterson erst vor wenigen Tagen aus Mangel an Beweisen vor Gericht freigesprochen worden war. Die Leute zählten stets zwei und zwei zusammen und kamen dabei zu den merkwürdigsten Ergebnissen.

Die forensische Pathologin war schneller eingetroffen, als er erwartet hatte, nämlich schon nach wenigen Stunden. Sie führte gerade ihre erste Tatortuntersuchung durch, hinter dem Sichtschutz, der um Paterson und die Birke errichtet worden war.

Donnie zog ernsthaft in Erwägung, sich eine Zigarette anzuzünden, und sein Verlangen nach einem starken Kaffee wurde überwältigend. Aber dann tauchte die schlanke, beinahe zierliche Dr. Elsa Morina vom Tatort auf, duckte sich unter dem Absperrband durch und nahm OP-Maske und Kapuze ab. Ihre dunklen, kastanienbraunen Haare waren gewellt. Sie blinzelte mehrmals wegen des Sonnenlichts.

»Guten Morgen. Sie sehen ein bisschen müde aus«, sagte Donnie.

»Spät geworden, Sie wissen ja, wie das ist«, erwiderte sie lächelnd. Ihr Gesicht war blass, aber ihre Miene hellte sich auf. Donnie fand jedes Mal, dass sie zu jung und feminin aussah für eine forensische Pathologin der Edinburgh University. Als gehörte sie eher hinter den Parfümtresen bei John Lewis und nicht hierher, wo sie in einer sumpfigen Senke eine Leiche untersuchte. Wie immer hatte sie hellroten Lippenstift aufgetragen.

»Seltsamer Fall«, sagte sie, jetzt wieder ernster.

»Inwiefern?«

»Nun, es gibt keinerlei Anzeichen eines Kampfes. Ich bin mir nicht sicher, aber der Winkel des Schnitts deutet darauf hin, dass der Täter vor ihm gestanden haben muss, denn der Schnitt ist kürzer, als wenn er Paterson von hinten beigebracht worden wäre. Der Schnitt verläuft von unterhalb des linken Ohres über die Halsschlagader bis zur Luftröhre und endet dort. Paterson war eindeutig gefesselt, trotzdem verstehe ich nicht, weshalb es keine Kampfspuren gibt. Da ist nichts – als hätte er sich die Handschellen selbst angelegt. Die Blutergüsse sind vor dem Eintritt des Todes entstanden, vielleicht weil seine Handgelenke so kräftig sind, dass Hämatome unausweichlich waren.« Sie hatte einen leichten osteuropäischen Akzent, doch ihr Vortrag war fehlerlos.

»Unter Drogen gesetzt?«, schlug Donnie vor, die bisherigen Informationen verarbeitend. Dass Scott »Die Axt« Paterson sich wehrlos ergeben hatte, war unvorstellbar. Sein ganzes Leben lang hatte er sich geprügelt und hatte diese Kämpfe für gewöhnlich auch gewonnen. Die Cops, die ihn in der Vergangenheit verhaftet hatten, kannten ihn als jemanden, für den zehn Polizisten nötig waren, weil er so groß und stark war und nie friedlich.

»Ich muss die toxikologische Untersuchung abwarten. Später werde ich mehr wissen. Kommen Sie zur Autopsie?«

»Aye. Irgendwelche ersten Ideen?«, fragte Donnie.

»Nach der Autopsie werde ich mehr wissen.«

»Merkwürdiger Fall.«

»Ja, Kategorie A, würde ich sagen. Es hat den Anschein, als hätte jemand ein Zeichen setzen wollen. Warum wurde er nicht einfach erschossen? Warum überwältigen, fesseln und dann aufschlitzen? Ich bin keine Verhaltensforscherin, aber für mich sieht das beinahe ritualhaft aus.«

»Meine Güte, sagen Sie das nicht, Elsa. Eine Ahnung, wie lang es her ist?«

»Ich hasse es, Vermutungen anzustellen, aber die Leichenstarre ist schon voll eingetreten; er ist steif wie ein Brett. Ich schätze, sechs bis acht Stunden, möglicherweise länger, aber Sie kennen meine Einstellung zum Todeszeitpunkt. Wie dringend ist die Autopsie?«

»Oberste Priorität. Die verdammte Presse wird sich auf den Fall stürzen.«

»Ich habe sie gesehen, als ich herkam. Ein halbes Dutzend von denen mit Kameras. Werden Sie eine Erklärung abgeben?«

»Aye, mir bleibt wohl keine andere Wahl. Wann und wo findet die Autopsie statt?«

»Entweder später heute am Tag oder irgendwann morgen, im RIE hoffentlich. Komischerweise haben wir momentan gar nicht so viel zu tun, aber ich melde mich noch. Es hängt alles davon ab, ob ich einen Labortechniker bekomme. Okay, er gehört jetzt Ihnen, Sie können ihn auch ins Leichenhaus bringen lassen. Haben Sie schon mit dem Staatsanwalt gesprochen?«

»Aye, CFIU ist informiert und hat bereits eine Sonder-Autopsie genehmigt. Ich bin sicher, es wartet schon eine E-Mail auf Sie, wenn Sie zurück sind.«

Jimmy Duggan tauchte von der Tatortuntersuchung auf. »Fertig, Elsa?«, erkundigte er sich ein wenig zögernd.

»Ja, mach nur weiter«, sagte Elsa, ohne sich zu dem Crime Scene Manager umzudrehen. »Ich war noch nicht im Büro, da ich direkt von zu Hause hergekommen bin. Ich rufe Sie später an, Donnie.« Elsa hob eine Hand und ging Richtung Parkplatz.

Donnie nickte Fagerson zu, der sich gerade zu ihnen gesellte. »Du bist am Zug, Mark. Lass die Leiche ins Royal Infirmary bringen.«

Der DS nickte und schaute auf seine Uhr, die Donnies Ansicht nach ein bisschen zu protzig war für einen Cop. »Ich habe sie in Bereitschaft versetzt, sie werden bald hier sein. Das PolSa-Suchteam wird ebenfalls erwartet, für die Fingerabdrucksuche, daher glaube ich nicht, dass es mit der Aufklärung lange dauern wird. Es ist ein simpler Tatort, Boss«, sagte er und schrieb etwas in sein Notizbuch.

»Zu simpel. Viel zu simpel. Wie zum Geier hat jemand das ohne einen Kampf geschafft?«

»Drogen?«

»Aye, schon möglich, aber das wirft die Frage auf, wie dieser schwere Typ hierhergeschafft und an den Baum gefesselt wurde.«

»Wir müssen die Autopsie abwarten. Der Presse wird nicht gefallen, dass er erst letzte Woche vom Vorwurf des Mordes freigesprochen wurde.«

»Aus Mangel an Beweisen, Mark. Der Mistkerl war schuldig wie nur was. Es gab nicht genügend belastbares Material. Und mal ehrlich, außer seinen nächsten Angehörigen wird niemand den Drecksack vermissen, oder?«

»Die Presse will eine Erklärung«, sagte Fagerson.

»Na, ich werde mit denen sprechen. Ich will die Tatortuntersuchung abschließen, und dann soll ein Team-Meeting in Leith stattfinden. Wir brauchen jede verfügbare Kraft und müssen möglicherweise um Unterstützung bitten.«

»Die Einsatzzentrale ist besetzt, und HOLMES läuft schon. Wir haben sogar einen Namen für die Operation.«

»Und der wäre?«

»Operation Saturn.«

»Was? Das ist Mist, wer sucht diese verdammten Namen aus?«

»Computergeneriert.«

»Aye, klar. Wie dem auch sei, wo ist Marnie?«

»Spricht mit dem Manager vom Golfplatz, oben im Clubhaus.«

»Gut. Wir sehen uns später. Keine Abkürzungen hier. Jeder verdammte Grashalm muss überprüft werden. Wir haben fehlende Handschellen und eine fehlende Mordwaffe.« Donnie nickte und ging Richtung Clubhaus davon.

Marnie Gray trat gerade ins Freie, als er sich dem Gebäude näherte, und sprach in ihr Funkgerät, ein Vorbild an Effizienz.

»Wie kommen wir voran?«, erkundigte er sich.

»Das Clubhaus hat gestern Abend um halb elf zugemacht. Der letzte Mitarbeiter ging um elf. Niemand hat irgendetwas gesehen«, berichtete Marnie, auf ihr Klemmbrett schauend.

»Überwachungskameras?«

»Funktionieren nicht.«

»Mal wieder typisch«, murmelte Donnie.

»Sind vor einigen Tagen kaputtgegangen, und sie warten auf einen Techniker.«

»Mist. Ich muss den dämlichen Blutsaugern da drüben was geben, bevor wir den Axtmann wegbringen lassen. Komm, sei an meiner Seite, und mach ein zuversichtliches Gesicht.«

Sie gingen auf die kleine Gruppe von vielleicht einem halben Dutzend Männern und Frauen zu, alle mit Kameras bewaffnet, miteinander redend und rauchend. Sofort begannen sie, zu fotografieren, als sie Donnie und Marnie entdeckten.

»DCI Watson, haben Sie die Leiche bereits identifiziert?«, fragte ein kleiner Mann, während er weiter Fotos schoss.

»Ladys und Gentlemen, ich bin DCI Watson vom Major Investigation Team in Leith, was Ihnen wahrscheinlich längst bekannt ist. Ich werde jetzt eine sehr kurze Erklärung abgeben, und sobald sich Tatsachen ergeben, werde ich Sie alle über das Police Scotland Press Team auf dem Laufenden halten. Gegen sieben Uhr heute Morgen fand jemand, der seinen Hund ausführte, die Leiche eines Mannes in einer kleinen Baumgruppe auf dem Ravelston Golf Course. Die Ermittlungen laufen bereits auf Hochtouren, ein großes Team ist involviert, um zunächst die Identität des Toten offiziell zu bestätigen sowie die Todesumstände zu klären. Es handelt sich um einen Mann Ende dreißig. Wir bitten mögliche Zeugen, die sich gestern Abend ab zehn Uhr rund um den Golfplatz aufgehalten haben, sich zu melden.« Donnie machte eine Pause und holte Luft.

Sofort redeten alle durcheinander, sodass Donnie eine Hand heben musste, um die Anwesenden wieder zu beruhigen.

»Keine Fragen zum jetzigen Zeitpunkt, sorry. Ich weiß noch nicht genug.«

Eine Stimme von links – sie gehörte einer kleinen, jung wirkenden Gestalt mit scharfem Blick und rasiertem Schädel – sprach sanft und forschend. Donnie erkannte den Mann als Shuggie Gibson, einen freiberuflichen Investigativjournalisten, der einen Blog hatte und mit dem er bereits einmal aneinandergeraten war. Shuggie hatte keine Kamera dabei, hielt nur ein kleines Aufnahmegerät in der Hand. Seine Miene war schwer zu deuten.

»Detective Chief Inspector, ich habe gehört, bei dem Toten soll es sich um Scott Paterson handeln, der letzte Woche vom Vorwurf des Mordes freigesprochen wurde. Einem Mord, in dem Ihr Team ermittelt hat. Können Sie das bestätigen?« Er hatte einen leichten Glasgow-Akzent.

Die anderen Reporter sahen den Neuling an, der ganz offensichtlich nicht zu ihrem kleinen Verein gehörte.

»Ich fürchte, es wäre unangemessen, ginge ich jetzt näher darauf ein«, erklärte Donnie äußerst widerstrebend und spürte, wie er rot wurde.

»Bringen Sie diesen Mord mit dem Tod von Chick Wilson in Perth vor fünf Jahren in Verbindung? Ich hörte, dass es Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Fällen gibt«, fuhr der kleine Mann unbeirrt fort, dessen Miene weiterhin ausdruckslos blieb.

»Sorry, Shuggie. Dazu kann ich momentan nichts sagen, später mehr«, antwortete Donnie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Mord und dem Tod seines Anwalts vor einigen Stunden?«, hakte der Journalist nach, und nun glänzten seine Augen.

»Keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, sagte Donnie und hatte das Gefühl, als griffe eine eisige Hand nach ihm. Er bemühte sich, nicht zu schockiert zu wirken.

»DCI Watson, wissen Sie nicht, dass Fergus Grigor, der Mr. Paterson in besagtem Gerichtsverfahren vertreten hat, heute Morgen am Dunnet Head gestorben ist? Er ist von der Klippe gefallen. Entweder ist er abgestürzt, oder er wurde gestoßen. Der Tatort wird in diesem Moment untersucht.«

Alle Journalisten waren verblüfft. Wenn sie eines hassten, dann, dass irgendwer ihnen bei einer Story zuvorkam, und Shuggie hatte allen ein Schnippchen geschlagen, einschließlich der Polizei.

»Sorry, darüber habe ich keine Informationen. Und jetzt müssen Sie mich entschuldigen.«

»Beunruhigt es Sie nicht, dass beide Männer innerhalb weniger Stunden getötet wurden? Das kann doch kein Zufall sein, oder?«

»Kein Kommentar. Dies ist eine sich rasch entwickelnde Ermittlung, und sobald wir mehr Informationen haben, wird es eine Presseerklärung geben.«

»DCI Watson, ist hier ein Serienkiller am Werk?«

»Jetzt ist hier Schluss, für weitere Nachfragen wenden Sie sich bitte an die Presseabteilung der Polizei. Danke.« Er wandte sich an Marnie und flüsterte: »Was war das denn?« Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Wagen, während ihm Shuggie Gibsons Stimme noch in den Ohren klingelte.

5

Max Craigie hob den Burgerpatty von dem großen Grill auf der Terrasse seines Cottage mit Blick auf den Firth of Forth in Culross. Er klatschte ihn zwischen zwei Brötchenhälften, legte den Burger auf einen Teller und reichte diesen einem kompakt und hart aussehenden Mann mit kurzen ergrauenden Haaren und funkelnden Augen, der auf einem Gartenstuhl saß.

»Ich könnte eine Bemerkung über die Darreichung machen«, sagte Niall Hastings mit leichtem schottischen Akzent lächelnd, während er das Brötchen aufklappte, um einen Klecks Ketchup auf das verbrannte Patty zu geben. Niall war zwar gebürtiger Schotte, hatte jedoch viele Jahre in den südlicheren Home Counties gelebt, wo er eine Frau in Hertford geheiratet hatte. Sie wohnten in einem hübschen Haus vor der Stadt mit ihren drei Kindern.

»Hör auf, zu jammern, Mann. Es gibt auch noch Kartoffelsalat.« Er zeigte auf eine Schüssel auf dem Tisch.

»Du verwöhnst uns«, meinte Niall und biss herzhaft in seinen Burger.

»Jeri?«, fragte Max und gab einen ähnlichen unelegant zubereiteten Burger an die zierliche rothaarige Frau neben Niall weiter; ihre Hand ruhte auf seinem Bein.

»Ooh, das sieht aber opulent aus, Max«, meinte sie und nahm den Pappteller von ihm entgegen.

»Ich kann nicht glauben, dass deine besten Freunde aus London dich besuchen kommen, und alles, was du auffährst, sind gewöhnliche Burger. Wenn ich nicht Vegetarierin wäre, müsste ich direkt beleidigt sein. Aber du weißt ja, Fleisch ist Mord und so«, meldete sich DC Janie Calder zu Wort, Max’ Partnerin bei der Police Scotland. Sie gehörten einem kleinen Team verdeckter Ermittler an.

»Seit wann bist du Vegetarierin?«, fragte Max.

»Seit letzter Woche«, antwortete Janie.

»Neueste Mode?«, meinte Max.

»Der Einfluss von jemandem«, erwiderte Janie, mit dem Daumen auf Melissa zeigend. Melissa war Janies Freundin, und zwischen den beiden hatte sich rasch aus einer lockeren Beziehung etwas Ernstes entwickelt. Melissa war schräg, witzig und energiegeladen, das Gegenteil der eher nachdenklichen Janie. Janie hatte komplizierte Beziehungen hinter sich, aber in den letzten Monaten schien sich die Sache mit Melissa, die Gutachterin in Edinburgh war, sehr positiv entwickelt zu haben.

Die große schlanke Katie, Max’ Frau, erschien mit einem strahlenden Lächeln und einem großen Krug Pimm’s an der Terrassentür. »Noch jemand Pimm’s?«, erkundigte sie sich und blinzelte gegen die schwache Herbstsonne. »Max, diese Burger sehen schrecklich aus. Sag mir, dass du noch etwas Besseres als die gekauft hast.« Sie schenkte Pimm’s in einige der Gläser auf dem Tisch.

»Was ist das heute? Hackt-auf-dem-Koch-herum-Tag?«, konterte Max und trank einen Schluck Cranberry-Saft.

Niall und Jeri waren hergeflogen, um ein paar Tage mit Max und Katie zu verbringen. Sie waren in den Bergen wandern gewesen, zusammen mit Nutmeg, Max’ kleinem Cockapoo, und erholten sich ganz allgemein. Ihre Freundschaft reichte in die Zeit zurück, als Max und Niall vor Jahren in der Flying Squad, einer Sondereinsatztruppe, gedient hatten. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Das Barbecue war die letzte Mahlzeit, bevor sie später am Nachmittag wieder zurück in den Süden fliegen würden. Janie und Melissa waren spontan dazugestoßen, und es war ein angenehmer Tag geworden.

»Bist du morgen wieder bei der Arbeit?«, fragte Max, den Mund voll verbranntem Burgerfleisch.

»Aye. Stecke mitten in einem nervigen Job, Überfall bei einem Zeitschriftenhändler in Tottenham. Wir brechen die Wohnung des Verdächtigen morgen früh auf, also muss ich um vier raus. Deshalb trinke ich auch nur bescheuerte Cola«, sagte er.

»Autsch«, meinte Janie.

»Aye. Ich hab langsam genug davon. Die Arbeitszeiten sind schrecklich; letzten Monat hatte ich hundert Überstunden«, sagte Niall.

»Gut fürs Konto«, warf Max ein.

»Dazu müsste er es erst mal ausgeben können«, meinte Jeri. »Die Kids bekommen Niall nie zu sehen, daher ist es ein Glück, dass sie gern zur Granny gehen. Sonst würden wir überhaupt keine Zeit miteinander verbringen können«, erklärte Jeri mit einem gezwungenen Lächeln.

»Was werdet ihr dagegen unternehmen?«, fragte Max.

»Na ja, ich muss durch die Prüfung, dann folgt vielleicht die Beförderung. Schaffe ich die nicht, suche ich mir eventuell einen Geheimdienstjob. So kann ich jedenfalls nicht weitermachen. All die Arbeit als verdeckter Ermittler und gelegentlich Aufgaben in der Kommunikation fordern ihren Tribut. Ich brauche etwas Neues.«

»Du wirst einfach älter«, sagte Max.

»Leck mich.«

»Es gibt im Leben noch was anderes als Arbeit, Craigie«, meinte Katie augenzwinkernd.

»Aye, ist wohl so.«

Max’ Smartphone summte auf dem Tisch vor ihnen. Er schaute auf das Display. Es war DI Ross Fraser, Max’ und Janies Boss.

»Das lässt nichts Gutes ahnen an einem Sonntagnachmittag«, sagte Max und hielt Janie das Display hin.

»Welch eine Ironie«, bemerkte Katie kopfschüttelnd.

»Ross?«, meldete Max sich, stand auf und ging über den Rasen außer Hörweite.

»Craigie, warum, verdammt noch mal, bin ich hier allein in meinem Büro?«, brüllte der Vorgesetzte ins Telefon.

»Wahrscheinlich weil Sonntagnachmittag ist und alle vernünftigen Leute eben nicht da sind?«

»Aye, ihr werdet dafür bezahlt, zu erahnen, was ich brauche, und jetzt brauche ich euch Armleuchter hier. Es gibt Ärger. Ist Janie bei dir?«

»Aye, wir grillen gerade mit einem Freund aus London.«

»Warum war ich nicht eingeladen, du Arsch?«

»Na ja, Janie ist uneingeladen aufgetaucht, und ich dachte, du und Mrs. Fraser seid beschäftigt.«

»Waren wir zufällig auch, aber dann wurde ich ins Büro gerufen. Irgendwer lädt hier einen gewaltigen Haufen bei uns ab, und deshalb brauche ich euch hier«, sagte Ross.

»Ernsthaft? Ich habe Freunde zu Besuch.«

Ross senkte die Stimme. »Hör zu, Kumpel, ich würde nicht anrufen, wenn es nicht dringend wäre. Könnt ihr kommen?«

Max sah fragend zu Janie, die resigniert nickte.

»Sind unterwegs«, versprach Max.

»Okay, beeilt euch.« Dann war das Gespräch beendet.

»Wirklich?«, fragte Katie mutlos.

»Sorry, Babe. Klingt dringend.«

»Genau wie in London. Es ist immer dringend«, meinte Jeri und sah Niall an.

»Wann werden die Bosse lernen, dass, wenn alles wichtig ist, letztlich nichts wichtig ist?«, sagte Niall und lächelte seinen alten Freund an.

»Sorry, Mann, ich hole meine Tasche und meine Jacke, dann brechen wir auf«, sagte Max und sah Janie an, die nur mit den Schultern zuckte.

Max ging ins Haus, nahm seine Arbeitstasche und die Jacke aus dem Garderobenschrank im Flur. Als er die Tür zumachte, stand Niall da.

»Alles in Ordnung, Kumpel?«, fragte Max.

»Aye, mir geht’s gut. Danke, dass wir bleiben durften, wir brauchten eine kleine Pause. Es war hart in letzter Zeit, bei all den Überstunden«, sagte Niall und hielt Max eine Hand hin, die dieser schüttelte.

»Ist mir stets ein Vergnügen. Tut mir leid, dass ich so überstürzt losmuss, aber du weißt ja, wie es ist.«

»Ach, geh nur. Wir müssen ohnehin in einer Stunde zum Flughafen«, erwiderte Niall.

»Ich weiß, aber ich fühle mich schlecht. Bitte sei dir sicher, ich habe nicht vergessen, was du damals in London getan hast«, sagte Max und wies auf die deutlich sichtbare Narbe an Nialls Unterarm.

»Solltest du auch besser nicht. Das Ding juckt jeden Tag wie blöde, aber die Geschichte habe ich vergessen«, entgegnete Niall grinsend.

»Aye, natürlich, du erwähnst es nie, oder?«

»Nein, selten.« Und sie lachten beide, ehe sie sich kurz umarmten.

»Ich mache mich mal lieber auf den Weg. Mein Boss ist ein großartiger Kerl, aber er kann auch ganz schön tyrannisch sein.«

»Das sind die besten, denn da weiß man wenigstens, woran man ist.«

Dann gingen sie beide.

Max stieß die Tür auf, an der ein schlichter laminierter Zettel hing. POLICINGSTANDARDSREASSURANCE stand darauf. Im Büro hielten sich drei Personen auf, als Max und Janie eintrafen. Max legte eine kleine Tüte mit Brownies, die Katie gebacken hatte, auf seinen Schreibtisch. Sofort sprang Norma, die elegant gekleidete Analytikerin des Teams, auf. Sie griff in die Tüte und holte einen Brownie heraus, in den sie herzhaft hineinbiss.

Ross, Max, Janie und Norma gehörten zu einem kleinen Team, das dem Chief Constable of Scotland direkt unterstellt war und sich mit sämtlichen Formen von Korruption bei der Polizei Schottlands befasste. Die amtliche Rolle des Teams war das allerdings nicht. Die Bezeichnung »Policing Standards Reassurance« war nicht ganz zutreffend. Ihre offizielle Aufgabe bestand darin, »thematische Prüfungen offener und verdeckter Polizeiarbeit zur Zufriedenheit der Beteiligten« durchzuführen. Diese Definition hatte man gewählt, weil es derartig öde klang, dass niemand mehr würde erfahren wollen. Aber Ross und sein Team pflegten einen engen Kontakt zum Chief, denn ihre wahre Bestimmung bestand darin, gegen Korruption vorzugehen, wie es anderen nicht möglich war.

»Guten Tag«, sagte sie mit schokoladenbeschmierten Lippen. Norma liebte Kuchen, Kekse oder Donuts mehr als jeder Cop, dem Max je begegnet war. Und sie war nicht einmal ein Cop.

»Hallo, Norma«, begrüßte Max sie, und Norma reckte den Daumen. Sie aß zu Ende und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die drei Bildschirme auf ihrem Schreibtisch.

»Nett von euch zwei Faulpelzen, dass ihr zu uns stoßt, aber wir lassen uns nicht mit Naschereien erpressen – zu spät ist zu spät«, sagte DI Ross Fraser.

»Dann willst du keinen?«, fragte Max.

»Das habe ich, verdammt noch mal, nicht gesagt, oder? Mrs. Fraser wird mir die Hölle heiß machen, wenn sie erfährt, dass ich einen gegessen habe. Setz den Wasserkocher auf«, sagte er, und schon verschwand seine Hand in der Tüte. Er betrachtete den Kuchen genießerisch und biss hinein. Janie und Max tauschten einen Blick und achteten auf das grauweiße Hemd.

Sie hatten recht, schon bald fiel ihm ein Klümpchen Schokolade auf die Brust.

»Ah, Mist, verdammter!«, fluchte er und wischte an dem Fleck, was diesen, wie vorherzusehen war, nur noch schlimmer machte. »Sie wird einen Anfall kriegen.«

»Brauchst du ein Lätzchen?«, scherzte Max lachend.

»Du kannst mich«, sagte Ross, während er weiter vergeblich versuchte, den Fleck wegzubekommen.

»Na jedenfalls sind wir nicht zu spät, du hast erst vor zwanzig Minuten angerufen«, erinnerte Janie ihn.

»Aye, gut, Calder, die Dinge ändern sich, und wir müssen reagieren.«

»Tun wir doch. Wir sind hier.«

»Genug von euren Frechheiten. Da ist etwas im Gange. Ich bin nicht glücklich über eine Reihe von Zufällen, und der Chief will, dass wir Nachforschungen anstellen, um herauszufinden, ob etwas dran ist. Habt ihr von Shuggie Gibson gehört?«

»Aye«, bestätigte Max. »Freiberuflicher Journalist und Blogger, der sich umfassend mit polizeilicher Korruption und Verbindungen zur organisierten Kriminalität befasst. In Polizeikreisen ist er nicht allzu beliebt. Was hat er gesagt?«, fragte Max, während er kochendes Wasser in vier Becher goss.

»Ich kenne Shuggie gut genug von mehreren Begegnungen über die Jahre. Er ist gar nicht so anti-Polizei, wie viele glauben. Und in diesem Fall lohnt es sich, ihn anzuhören«, erklärte Ross und nahm einen der Becher von Max entgegen.

»Wirst du uns mal aufklären?«

»Die Leiche Scott Patersons ist heute Morgen auf dem Ravelston Golf Course gefunden worden. Habt ihr davon gehört?«

»Was, Scott ›Die Axt‹ Paterson, der letzte Woche in einem Mordprozess freigesprochen wurde?«, hakte Max nach.