Die Stunde der Zikaden - Felicitas Mayall - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Stunde der Zikaden E-Book

Felicitas Mayall

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der Sommer ist vorbei, und Laura und Guerrini freuen sich auf ruhige gemeinsame Tage in dem toskanischen Haus, in dem Guerrini als Kind mit seinen Eltern den Urlaub verbrachte. Doch mit dem Haus und der rauen Landschaft werden auch alte Erinnerungen wach, die Guerrini nachdenklich stimmen. Und es bleibt nicht bei den Erinnerungen. Hat der alte Freund seines Vaters, der ihnen das Haus vermietet, womöglich etwas mit den ominösen Vorkommnissen in «Il Bosco» zu tun? Und welche Rolle spielt Guerrinis Vater dabei? Laura und Guerrini versuchen trotz allem, sich ihren ersten gemeinsamen Urlaub nicht verderben zu lassen, aber es wird ihnen nicht leichtgemacht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2009

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Felicitas Mayall

Die Stunde der Zikaden

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Der Sommer ist vorbei, und Laura und Guerrini freuen sich auf ruhige gemeinsame Tage in dem toskanischen Haus, in dem Guerrini als Kind mit seinen Eltern den Urlaub verbrachte. Doch mit dem Haus und der rauen Landschaft werden auch alte Erinnerungen wach, die Guerrini nachdenklich stimmen. Und es bleibt nicht bei den Erinnerungen. Hat der alte Freund seines Vaters, der ihnen das Haus vermietet, womöglich etwas mit den ominösen Vorkommnissen in «Il Bosco» zu tun? Und welche Rolle spielt Guerrinis Vater dabei? Laura und Guerrini versuchen trotz allem, sich ihren ersten gemeinsamen Urlaub nicht verderben zu lassen, aber es wird ihnen nicht leichtgemacht.

Vita

Bevor Felicitas Mayall sich ganz der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Journalistin bei der «Süddeutschen Zeitung». Die Wahl-Münchnerin veröffentlichte unter ihrem Klarnamen Barbara Veit Kinder- und Sachbücher, bevor sie sich mit ihrer erfolgreichen Krimiserie um die Münchner Kommissarin Laura Gottberg in die Herzen vieler Leser schrieb. Bis zu ihrem Tod lebte die Mutter zweier Söhne mit ihrem australischen Ehemann am Chiemsee und reiste von dort oft nach Italien und Australien.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2009

Copyright © 2009 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung Shutterstock

ISBN 978-3-644-30151-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

www.rowohlt.de

Dieser Text ist rein fiktiv. Eventuelle Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, Orten oder Ereignissen beruhen auf Zufällen und sind nicht beabsichtigt.

Nur der Schatz, den die Götter

dem Menschen geben, der bleibt ihm

ewig und häuft sich empor

über die Scheitel des Haupts.

Aber die Schätze, die mit Gewalt

die Menschen sich sammeln,

schwinden hinweg,

und es gibt nimmer Gedeihen der Raub.

 

Oft sind die Bösen mit Reichtum beglückt,

und die Redlichen darben,

doch wir segnen das Los, welches uns Darbenden fiel.

Hoch und auf Felsen ist sie gegründet, die Tugend,

und dauert ewig, der Sterblichen Glück

gaukelt umher und entfleucht.

 

Solon (600 v.Chr.)

Der Sturm bog die alten Pinien landwärts, bis ihre Äste barsten. Abgerissene Zweige und Büschel von langen Nadeln wirbelten durch die Nacht. Im Westen, nur ein paar Meter hinter dem Pinienwald, wütete das Meer, fraß sich immer tiefer in den schmalen Sandstreifen, den es bisher verschont hatte, grub die Wurzeln der Macchia aus. Oktobersturm.

Zu früh und zu wild, dachte Ernesto Orecchio und zuckte zusammen, als ein Ast auf das Dach des kleinen Wärterhäuschens krachte. Er stand auf und setzte den Schnellkocher in Gang, brauchte dringend einen Kaffee. Beinahe drei, und diese Nacht wollte kein Ende nehmen. Seine Müdigkeit war lähmender als sonst, und er fürchtete sich davor, einzuschlafen. Deshalb hatte er den Fernseher ausgeschaltet und ging seit zehn Minuten auf und ab. Immer auf und ab. Zweimal hatte er das Kleinkalibergewehr in die Hand genommen, es entsichert, gesichert und wieder in die Ecke gestellt. Zu lesen wagte er nicht, dabei fielen ihm sofort die Augen zu. Ihm blieb nur dieses ruhelose Wandern in dem kleinen Raum. Sechs Schritte nach links, sechs Schritte nach rechts. Zehnmal und dann eine kurze Pause auf einem Stuhl, aber nicht zu lang. Wie in so vielen vergangenen und vermutlich auch vielen künftigen Nächten. Zum Glück hatte er nur jede dritte Woche Nachtdienst. Er fragte sich, warum sie noch immer nicht da waren.

Er füllte Espressopulver in eine Tasse, gab einen Löffel Zucker dazu und goss die Mischung mit heißem Wasser auf. Es roch gut, obwohl er Instantkaffee eigentlich verabscheute. Aber die Espressomaschine hatte vor ein paar Wochen den Geist aufgegeben, und bisher war niemand bereit gewesen, sie zu ersetzen.

Wieder fiel etwas, kreischend und gewaltig diesmal, als würde ein großes Gebäude einstürzen. Das Wärterhäuschen erzitterte. Das musste die große Pinie am Rand der Einfahrt gewesen sein. Sie hätte auch direkt auf das Häuschen fallen können. Orecchios Herz drängte gegen seinen Brustkorb, als wollte es entkommen. Ihm war, als erinnerte es sich in diesem Moment an das Erdbeben im Friaul, das er als Kind erlebt hatte. Sein ganzes Dorf war damals in sich zusammengefallen, hatte sich in wenigen Sekunden in einen Haufen Steine verwandelt. Er wollte sich nicht daran erinnern, denn wenn er das tat, sah er unweigerlich die Beine seiner Tante Amalia zwischen den Steinen hervorragen. Orecchio hatte seine Tante nie wiedergesehen. Aber diese starren Beine waren ihm unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Manchmal träumte er von ihnen, obwohl das alles nun weit über dreißig Jahre her war.

Er schüttelte den Kopf, als könnte er damit die alten Bilder loswerden, und legte eine Hand auf sein Herz, das noch immer zu groß schien für seine Brust. Endlich trat er ans Fenster und starrte hinaus. Der fallende Baum hatte offensichtlich die Beleuchtung vor dem Wärterhäuschen heruntergerissen. Draußen war es stockdunkel. Regen schlug gegen die Scheiben, kam in Wellen wie das Meer. Der Sturm trieb die Wasserschwaden vor sich her. Orecchio konnte nichts erkennen. Beinahe war er froh, wollte gar nicht sehen, was da draußen passiert war. Er konnte sowieso nichts machen.

Warum kamen sie nicht? Spätestens zwei Uhr, hatten sie gesagt. Spätestens. Orecchio schlürfte vorsichtig seinen Kaffee, verbrannte sich aber trotzdem die Lippen. Fluchend stellte er die Tasse ab, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund – und verharrte lauschend. War das ein Motor da draußen? Er griff nach dem Gewehr, ging langsam zur Tür, zögerte, legte sein rechtes Ohr an das Holz. Mit dem rechten Ohr hörte er besser. Falls er richtig gezählt hatte, waren alle zurück, die so spät im Jahr noch im Resort wohnten. Die letzten zwei Wagen gegen halb elf, Schweizer, die eines der Häuser direkt am Strand besaßen. Es wurden nicht mehr viele Häuser vermietet in Il Bosco. Die Besitzer der Villen hatten es nicht nötig, und sie mochten keine Fremden im Resort. Ernesto Orecchio und seinen Kollegen vom Wachdienst war das sehr recht. Es erleichterte die Arbeit. Im Oktober standen die meisten Häuser leer. Ende der Saison.

Wenn also wirklich ein Wagen da draußen war, mussten sie es sein. Vermutlich hatte das schlechte Wetter sie aufgehalten.

Jetzt hörte er nur noch das Heulen des Sturms. Orecchio lehnte das Gewehr neben die Tür, griff nach der großen Taschenlampe und öffnete die beiden Sicherheitsriegel. Die Tür lag nach Osten; der Sturm kam von Westen, deshalb hatte er keine Mühe, sie zu öffnen. Als er den breiten Strahl seiner Lampe auf die Einfahrt des Resorts richtete, sah er nichts als einen Haufen zersplitterter Äste. Ernesto Orecchio kniff die Augen zusammen. Wenn sie jetzt kamen, dann konnten sie nicht durchfahren. Dann musste ein anderer Plan her. Niemand hatte je daran gedacht, dass die Einfahrt blockiert sein könnte. Niemand außer ihm, Orecchio, aber er hatte keine Ahnung gehabt, wem er das hätte sagen sollen.

In diesem Moment vollführte der Sturm eine boshafte Drehung und warf sich mit aller Macht gegen ihn. Orecchio schwankte und hielt sich am Pfosten des Vordachs fest. War da nicht doch ein Motorengeräusch? Zögernd wandte er sich zu seinem Gewehr um, das noch immer neben der Tür lehnte. Nein, er brauchte kein Gewehr. Nicht bei diesem Sturm. Da wollte bestimmt keiner ins Resort, um eine Villa auszuräumen.

Als er wieder zu dem umgestürzten Baum hinübersah, meinte er ein Licht zwischen den Ästen zu erkennen. Er griff nach seiner Öljacke, die an einem Haken neben dem Eingang hing, und schlüpfte hinein. Orecchio kam es vor, als müsse er durch einen Wasserfall hindurch. Das Atmen machte ihm Mühe, und plötzlich hatte er die absurde Vorstellung, dass er im Regen ertrinken könnte. Er stolperte über Äste und umrundete die zerschmetterte Baumkrone. Es war die schönste und älteste Pinie der ganzen Gegend. Jetzt lag sie da. Orecchio blieb erschrocken stehen. Unter dem Gewirr aus Zweigen ragte das Heck eines Wagens hervor, der Motor lief noch, und die Lichter waren eingeschaltet.

Wieder sah Orecchio die Beine seiner Tante Amalia vor sich. Er dachte: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Ernesto Orecchio sammelte Sätze kluger Leute. Jedenfalls nahm er an, dass sie klug waren, wenn ihre Aussprüche in Büchern und Kalendern gedruckt wurden. Dieser war einer seiner Lieblingssätze, denn er stimmte. Tante Amalia war zu spät aus dem Haus gelaufen, und das hier war ein weiterer Beweis! Wenn sie um zwei gekommen wären, dann hätte es keine Schwierigkeiten gegeben.

Besorgt wartete er darauf, dass sich in dem begrabenen Wagen etwas rührte.

Als sich nach zwei Minuten noch immer nichts getan hatte, bog er die Zweige auseinander und schaute durch das Heckfenster. Er konnte nichts erkennen, der Kombi hatte dunkelgetönte Scheiben. Das wusste er ja. Es war fast immer dieser Wagen, der alle drei oder manchmal auch sechs Wochen in den frühen Morgenstunden nach Il Bosco kam. Nur die Farbe wechselte. Manchmal war er weiß, dann wieder blau oder schwarz. Ernesto Orecchio bekam fünfhundert Euro dafür, dass er in diesen Nächten nicht einschlief, sondern die Schranke aufmachte, wenn der Wagen kam, und sie ein zweites Mal öffnete, wenn er wieder wegfuhr. Und dafür, dass er keinem etwas davon erzählte und sich bereithielt. Wofür, wusste er nicht genau.

Als dieser Fremde ihn vor ungefähr einem Jahr angesprochen hatte – nicht während seines Dienstes, sondern als er in einer Bar am Marktplatz von Portotrusco einen Caffè Corretto trank –, da hatte er sich plötzlich wie in einem der Fernsehfilme gefühlt, die er bei seinen Nachtdiensten sah. Es war kein billiger Gauner gewesen, obwohl er eine große Sonnenbrille getragen hatte. Vielleicht war er sogar Ausländer, jedenfalls hatte er einen Akzent gehabt. Ein harmloses Gespräch über Il Boscohatte er angefangen. Er habe Orecchio schon ein paarmal an der Schranke beim Eingang gesehen.

Und dann hatte er von wichtigen diplomatischen Geheimsachen gesprochen. Er suche jemanden, auf den er sich hundertprozentig verlassen könne. Hundertprozentig! Zweimal hatte er das gesagt. Und dass Orecchio ihm empfohlen worden sei. Von wem, das wollte der Fremde nicht sagen.

Orecchio hatte die Hände gehoben und heftig den Kopf geschüttelt.

«Mit Drogen läuft bei mir nichts!», hatte er geantwortet, daran erinnerte er sich genau. Der Fremde hatte gelächelt und gesagt, dass es mit Drogen überhaupt nichts zu tun hätte. Es handle sich ausschließlich um Geheimdiplomatie, manchmal sei sogar der Vatikan beteiligt. Il Bosco wäre ein hervorragender Ort, um solche Treffen abzuhalten.

Dann brachte er die fünfhundert Euro ins Spiel. Pro Monat! Ernesto Orecchio verdiente als Wärter siebenhundert im Monat und nebenher als Gärtner noch zweihundert. Auch damals war ihm der Satz von Gorbatschow eingefallen, und er hatte ja gesagt. Ohne weiter zu überlegen. Was war schon dabei, die Schranke aufzumachen und sich alle paar Wochen eine Nacht um die Ohren zu schlagen? Mindestens jeder Zweite, den er kannte, hatte einen Nebenjob, der manchmal mehr, meistens weniger ehrenvoll war. Ums Überleben ging es in diesem Land, ums nackte Überleben!

Ernesto Orecchio war kein besonders anspruchsvoller Mensch, aber wenn er die Villen in Il Bosco betrachtete, die er mit dem Gewehr bewachte, dann kam ihm schon manchmal die Galle hoch, und er fragte sich, woher die alle so viel Geld hatten. Paläste für ein paar Wochen im Jahr. Schweizer waren dabei, ein paar Deutsche, aber die meisten waren Italiener. Konnte ihm ja egal sein. Aber seine Gedanken machte er sich trotzdem. Früher war er Kommunist gewesen. Jetzt nicht mehr. Half ja alles nichts. Die fünfhundert Euro pro Monat machten jedenfalls sein Leben erheblich leichter. Manchmal gab es zwei Lieferungen im Monat, dann gab es noch was extra.

All das ging ihm durch den Kopf, als er sich durch die verkeilten Zweige zur Vordertür des Wagens durcharbeitete. Noch immer rührte sich nichts. Orecchio richtete seine Taschenlampe auf die Fahrertür und prallte zurück, als sich ihm ein blutüberströmter Kopf entgegenreckte. Jetzt erst sah er, dass ein dicker Ast die Frontscheibe des Fahrzeugs zerschmettert hatte. Er steckte die Taschenlampe weg und versuchte mit beiden Händen die Fahrertür zu öffnen. Sie klemmte.

«Lass es!»

Orecchio erstarrte und taumelte einen Schritt zurück.

«Was?»

«Lass es! Du kriegst die Tür nicht auf. Kümmer dich um die Ladung. Schaff sie weg und versteck sie. Wenn das erledigt ist, kannst du die Feuerwehr rufen. Nicht die Polizei, die Feuerwehr! Kapiert?»

Wieso hörte er den blutigen Schädel so deutlich? Orecchio wischte sich das Regenwasser aus den Augen und knipste wieder seine Taschenlampe an. Das Seitenfenster war offen.

«Bring mir ’n Handtuch oder so was. Beeil dich! Das Zeug muss aus dem Wagen, ehe die es finden! Und mach die verdammte Lampe aus!»

Orecchio machte sie aus. Der Blutige stöhnte. Halb blind kroch Orecchio aus den Zweigen, ratschte sich dabei die Wange auf. Er rannte zum Wärterhaus zurück, riss zwei frische Handtücher aus dem Schrank und war schon wieder beim Wagen. Auch die Hand, die sich ihm aus dem Seitenfenster entgegenstreckte, war blutig. Orecchio schaute weg.

«Mach schon! Der Kofferraum ist offen! Es muss schnell gehen, verstehst du!»

Kannte er die Stimme? Orecchio tastete sich am Wagen entlang nach hinten, etwas wischte scharf über seine Stirn. Zum Glück klemmte die Heckklappe nicht. Als Orecchio sie nach oben drückte, schlug sein Herz wieder dumpf gegen seine Rippen. Er schluckte hart, inmitten dieser Sintflut fühlte sich seine Kehle schmerzhaft trocken an.

Die Ladefläche des Kombi war nur halb voll. Orecchio schob die dunkle Plane zurück und starrte auf den Haufen großer und kleiner Pakete. Er hatte nicht die geringste Vorstellung, wo er die Sachen verstecken sollte.

«Los, mach schon!» Der Fahrer stöhnte.

Orecchio griff nach dem ersten Paket und trug es zum Haus hinüber. Es war nicht besonders groß, aber so schwer, als hätte es jemand mit Steinen aufgefüllt. Vor der Tür blieb er ratlos stehen. Im Haus konnte er die Sachen nicht verstecken. Um sechs würde Fabrizio zur Ablösung auftauchen und wahrscheinlich nicht nur er. Unter einem Busch? Auch das erschien Orecchio zu riskant. Außerdem würden die Kartons nass und weich werden. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Pakete eins nach dem andern in seinem kleinen Fiat zu verstauen. Bis unters Dach. Sie machten ihm Angst, diese Pakete, denn er war ganz sicher, dass es sich bei ihrem Inhalt nicht um Geheimdokumente handelte.

«Alles draußen!», keuchte er endlich. «Ich ruf jetzt die Feuerwehr!» Er wartete kurz auf eine Antwort, aber es kam keine. Orecchio schaute nicht nach, kehrte in das Häuschen zurück und tippte die Notrufnummer in sein Handy. Als die Zentrale ihm erklärte, dass es mindestens eine Stunde dauern würde, bis ein Einsatzwagen in Il Bosco einträfe, da verlor er zum ersten Mal die Nerven und schrie, dass ein Schwerverletzter unter einem Baum begraben sei. Sie versprachen, bald zu kommen.

Danach fuhr Orecchio seinen Fiat in die Auffahrt einer Villa, deren Besitzer längst abgereist waren. Äste knackten unter den Reifen des Autos, ein Baum neigte sich so gefährlich, dass er gerade noch unter ihm hindurchfahren konnte. Das Versteck war gut, sehr gut sogar. Vom Hauptweg aus konnte man nichts sehen. Eine hohe Hecke versperrte die Sicht. Fabrizio würde vielleicht fragen, wo er den Fiat geparkt hätte, vielleicht aber auch nicht. Immerhin lag in der Einfahrt zum Resort ein Baum. Da hatten er und Fabrizio und die andern genug zu tun.

Noch immer regnete es in Strömen, aber der Sturm hatte nachgelassen. Während Orecchio sich erneut zu dem begrabenen Kombi durchkämpfte, dachte er ununterbrochen darüber nach, wie er die Pakete loswerden könnte. Vielleicht würde er Anweisungen bekommen. Manchmal lag ein Umschlag in seinem Fach im Wärterhaus. Mit ganz verrückten Texten, als würde er sich heimlich spätnachts mit einer verheirateten Frau treffen. Und immer die Anweisung: Bitte verbrenn diesen Zettel, damit mein Mann nichts erfährt!

Ganz selten bekam er einen Anruf. Auch da redete eine Frau komische Dinge. Aber er verstand schon, dass er die Schranke aufmachen sollte. Und jetzt? Er wollte gar nicht wissen, was in den Paketen steckte, wollte auch nicht wissen, warum der Fahrer nicht geantwortet hatte. Die ganze Geschichte wuchs ihm über den Kopf.

Deshalb hielt er inne und kehrte ins Wärterhaus zurück. Er ließ sich auf einen der drei Stühle fallen und trank seinen Kaffee, der inzwischen kalt geworden war, aber das bemerkte er nicht, auch nicht, dass von seinen nassen Haaren kalte Rinnsale in seinen offenen Kragen flossen. Er blieb einfach sitzen, spürte jede vergehende Minute geradezu körperlich, wie träge Tropfen, die nicht fallen wollen. Es kostete ihn große Anstrengung, sich aus dieser Erstarrung zu lösen, als er endlich die Sirenen der Feuerwehr hörte.

Etwas ist anders, dachte Laura Gottberg, als sie erwachte. Graues Licht fiel in Streifen durch die Lamellen der Fensterläden, erstes Morgenlicht. Laura betrachtete das feine Muster auf ihrer Bettdecke, schloss dann wieder die Augen und lauschte, um herauszufinden, was sich verändert hatte. Noch war sie nicht vertraut mit den Geräuschen der Natur und des Hauses. Nicht einmal Angelo Guerrinis ruhiger Atem war ihr wirklich vertraut. Wenn sie ehrlich war. Aber es war gut, ihn zu hören. Und erstaunlich. Sein Atem war ganz wirklich und nah. Er schnarchte nicht, obwohl sie letzte Nacht ein bisschen zu viel getrunken hatten. Hatte sie geschnarcht? Vermutlich, denn ihr Mund fühlte sich trocken an.

Der Sturm fiel ihr wieder ein. Das Heulen hatte sie lange nicht einschlafen lassen. Gestern war der Sturm so heftig gewesen, dass sie das Haus den ganzen Tag nicht verlassen konnten, deshalb hatten sie auch zu viel getrunken und gegessen. Köstliche Seezungen, winzige gebratene Tintenfische vom Markt in Portotrusco, frische Gnocchi in Butter und Salbei, und zuletzt hatte der Commissario eine Zabaione aufgetischt, die zwar nicht perfekt, aber doch unwiderstehlich gewesen war.

Sie hatten sich geliebt. Anders als sonst. Heftiger, unvorbereitet. Inmitten eines Artikels aus der L’Unità, den Laura ihm vorlesen wollte. Angelo hatte ihr die Zeitung aus den Händen gerissen und hoch in die Luft geworfen. Wie taumelnde Riesenfalter waren die Seiten zu Boden gesunken. Seine Art, sie zu lieben, hatte etwas Besitzergreifendes gehabt, etwas von einer drängenden Frage, die nach einer Antwort verlangt.

Nie zuvor hatte sie diese Intensität von körperlicher Nähe erlebt. Vielleicht auch nicht zulassen können.

Sacht legte Laura eine Hand auf seine Brust und spürte die leise Bewegung seines Atems, erinnerte sich an seinen forschenden Blick nach der Umarmung, als fragte er immer weiter.

Zum ersten Mal würde sie zwei volle Wochen mit Angelo Guerrini verbringen. Ohne Arbeit. Zwei Wochen am Meer. Dies war der Beginn des dritten Tages. Oder des zweiten? Vielleicht musste sie den Tag der Ankunft nicht mitzählen. Zweiter Tag klang besser als dritter Tag.

Kindisch, dachte sie. So hatte sie früher zu Beginn der Schulferien um jeden Tag gefeilscht.

Plötzlich wusste sie, was sich verändert hatte: Der Sturm raste nicht mehr ums Haus. Nur das Meer war noch unruhig, schlug mit scharfem Knall gegen den Strand, wieder und wieder. Sie sah die Welle genau vor sich, die diese Art von Knall hervorrief. Eine hohe Welle, die ungebremst auf einen steilen Strand aufschlug und keine Gelegenheit zum Auslaufen hatte.

Laura setzte sich auf. Ihr Kopf schmerzte ein bisschen, ein Nachklang des Weins, und sie war durstig. Sie warf einen Blick auf Angelo, der noch im Tiefschlaf gefangen war, und stand dann leise auf, um etwas zu trinken. Als sie die Schlafzimmertür öffnete, seufzte er leise und drehte sich auf die andere Seite.

Zwei Wochen, dachte sie, als sie barfuß über die kühlen Kacheln lief, um den runden Esstisch herum und in die kleine Küche des Ferienhauses. Sie nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und trank schnell aus der Flasche. Wasser lief über ihr Kinn, tropfte auf ihre Brust. Zwei Wochen, dachte sie wieder. Lange her, dass sie zwei Wochen mit nur einem Menschen verbracht hatte.

Sie hatte um diese zwei Wochen gekämpft: mit ihrem Vorgesetzten, mit ihrem Ex-Mann Ronald, der sich um ihre Kinder Sofia und Luca kümmern musste. Sie hatte sich gefreut und im letzten Augenblick doch beinahe gefürchtet. Wovor, das konnte sie allerdings nicht genau benennen. Vor einem Ende der Unverbindlichkeit? Möglich. Aber nicht sicher.

Das seidene, dunkelblaue Unterkleid klebte an ihren Brüsten, so viel Wasser hatte sie verschüttet. Sie schaute an sich herab und musste lächeln. Nie zuvor hatte sie ein seidenes Unterkleid besessen. Eine sündhaft teure Premiere in ihrem siebenundvierzigsten Lebensjahr. Über die tieferen Ursachen dieser Premiere wollte sie an diesem Morgen nicht nachdenken. Die Münchner Kriminalhauptkommissarin im blauen Seidenhemd.

Sie sah aus dem schmalen Fenster in den Hinterhof des Hauses und entdeckte eine große dürre Katze, die zu ihr herüberstarrte. Ihr fiel wieder ein, was Guerrini von den wilden Katzen erzählt hatte, die stets um die Ferienhäuser von Il Bosco strichen, sobald Menschen einzogen. Wie er sie als kleiner Junge gefüttert hatte, wenn er mit seinen Eltern den Sommer am Meer verbrachte. Manchmal zwei Monate im Jahr. In genau diesem Haus, das einem Geschäftsfreund seines Vaters gehörte.

Laura stellte die Flasche auf den Tisch und schaute von der Galerie auf den Wohnraum hinunter. Es war ein durchaus edles Haus. Zwei, drei antike Möbelstücke, große Polstermöbel mit gelben Leinenbezügen, alte Stiche an den Wänden. Sie lauschte, als erneut eine Welle auf den Strand knallte und die Fensterscheiben klirren ließ, ging dann langsam die sanft geschwungene Wendeltreppe hinab, durch das Wohnzimmer zur Terrassentür und trat in den Garten hinaus.

Der Himmel hatte ein stumpfes Orange angenommen, jene Färbung des Sonnenaufgangs, die häufig auf Stürme folgt. Die Luft war so klar und voller Meeresduft, dass Laura meinte, winzige Salzkristalle auf ihrer Haut zu spüren. Sie duckte sich unter den tropfenden Zweigen der Tamarisken, genoss das feuchte Gras unter ihren Füßen und folgte dem schmalen Pfad zwischen den Macchiabüschen über eine flache Düne zum Strand. Doch es gab kaum noch Strand. In dieser Nacht hatte sich das Meer erhoben, die kleinen, strohgedeckten Sonnenschutzhütten weggefegt, war die Dünen hinaufgestürmt, hatte die Wurzeln der vordersten Büsche bloßgelegt. Jener Büsche, die sich ohnehin wie verzweifelt vom Meer wegstreckten, auf der Flucht vor Salz und Sturm.

Ungläubig betrachtete Laura den schmalen Streifen dunklen Sandes, der vom Strand zurückgeblieben war, und das noch immer tobende Wasser. Wie durchgegangene Pferde rannten die Wogen gegen das Land an, schäumend, sich überschlagend, getrieben von einer unbändigen Kraft. Weit hinter den rollenden Wellen stiegen die Berge der Insel Montecristo aus einer Wolke auf, als hätten sie keine Verbindung zur Erde, schwebten über dem Wasser, wie auf einem Gemälde von Magritte.

Laura wusste selbst nicht, warum sie einfach weiterging. Das Wasser war erstaunlich warm, doch es war nicht freundlich. Es zog ihr die Beine weg, warf sie um, zwang ihr sein Gesetz auf. Sie musste unter den Wellen durchtauchen, raus aus der Brandung ins Tiefe, oben bleiben, Luft schnappen und wieder runter. Nach einer Weile glaubte sie, das Gesetz zu kennen, doch immer wieder wurde sie von einer Woge verschüttet, herumgewirbelt wie eine Puppe. Sie schluckte Wasser, meinte zu ertrinken und empfand trotzdem ein wildes Glücksgefühl. Es ist wie lieben, dachte sie. Dachte nichts mehr, als sie erneut untergetaucht wurde.

Panik erfasste sie erst, als sie unter Wasser mit etwas Großem zusammenstieß. Es fühlte sich an wie ein schlaffer Riesenkrake. Sie meinte Fangarme zu spüren, stieß das Ding von sich, kam nicht weg davon. Gemeinsam mit ihm, in einer verrückten Umarmung, wurde sie von der nächsten Woge überrollt. Als sie wieder auftauchte, war das Ding plötzlich verschwunden.

Das Ufer schien ganz nah. Sie schwamm ein paar wilde Züge, wurde in die wirbelnde Brandung gezogen und wusste, dass dieses tosende Wasser sie hochheben und auf den Strand schleudern würde. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Strömung, gab dann aber plötzlich auf, weil sie merkte, dass ihre Kraft nicht ausreichte. Es ging nur noch darum, rechtzeitig Luft zu holen, um unter der nächsten Woge durchzutauchen. Zweimal noch stieß sie dabei mit irgendwas zusammen, dann prallte sie auf den steil aufsteigenden Strand. Ihre rechte Seite schmerzte, doch sie kam auf die Knie, dann auf die Beine, merkte kaum, dass sie gleichzeitig hochgezogen und halb getragen wurde. Oben auf der Düne sackten ihre Beine weg, und sie fiel in den Sand, würgte Salzwasser aus.

«Perché? Kannst du mir erklären, warum?»

Sie hörte Guerrinis Worte nur undeutlich. Die Ohren voll Wasser, hob sie abwehrend eine Hand, hustete. Er klopfte ihr den Rücken, strich ihr das nasse Haar aus dem Gesicht.

«Laura! Hörst du mich überhaupt?»

«Ich bin im Wasser mit irgendwas zusammengestoßen.» Ihre Augen brannten vom Salz, und sie konnte nur verschwommen sehen, trotzdem entdeckte sie etwas Dunkles in der Brandung. Ein paar Meter weiter links. Es wurde herumgewirbelt, wie eben noch sie selbst, und dann auf den Strand geworfen, als wollte das Meer es loswerden.

Laura stützte sich auf Guerrinis Schulter und zog sich an ihm hoch.

«Siehst du das?» Sie wies auf das Ding, das jetzt wieder von einer Welle verschluckt wurde, aber kurz darauf erneut auftauchte – und erkannte gleichzeitig mit Guerrini, dass es ein Mensch war. Ohne nachzudenken, rannte sie los und packte einen Arm und ein Bein. Ein gewaltiger Brecher kam ihr zu Hilfe, und so schaffte sie es, diesen schlaffen Körper festzuhalten und etwas höher auf den Strand zu ziehen.

 

Er war tot. Hatte vermutlich nicht sehr lange im Wasser gelegen. Zu unversehrt war sein Körper, sein Gesicht. Nicht aufgedunsen, nur sehr gelblich blass. Sein Haar schwarz wie sein Schnurrbart. Araber, dachte Laura. Nordafrikaner. Vielleicht einer von den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer nach Italien strömen. Einer von den disgraziati, den Unglücklichen. Höchstens vierzig. Aber so weit im Norden? Sie sah sich nach Guerrini um. Gerade war er noch neben ihr gewesen, oder hatte sie sich das nur eingebildet?

Er war noch da. Stand zwischen den entwurzelten Macchiabüschen, die sich im Sand festzukrallen schienen. Auf ihren dünnen, knotigen Stelzen glichen sie grotesken Mangroven. Guerrini schaute auf Laura und den Ertrunkenen herab, machte keinerlei Anstalten, zu ihnen zu kommen.

Laura schloss kurz die Augen, musterte dann erneut den Toten. Halb auf der Seite lag er vor ihr im Sand. Die nächste Riesenwelle würde ihn wieder zudecken oder mit sich nehmen und woanders ausspucken.

Seine rechte Hand fehlte.

Mit einem sauberen Schnitt war sie genau am Gelenk abgetrennt worden.

Ein langsamer Schauder lief über Lauras gesamten Körper. Von der Schädeldecke bis in ihre Kniekehlen. Vielleicht kotze ich, dachte sie. Aber ihr Magen fühlte sich normal an. Nur ihrer Haut grauste es.

Nicht einfach ertrunken, dachte sie. Im Wasser verblutet. Vielleicht sogar auf einem Boot.

Professionelle Gedanken. Als wäre sie im Dienst. Aber diese Gedanken halfen gegen das Grausen. Selbst das Entsetzen über die Berührungen unter Wasser, über die fehlende Hand, verblasste angesichts dieser professionellen Überlegungen. Sie funktionierten wie ein Schutzschild.

«Wirf ihn wieder rein!»

Laura hob den Kopf.

«Was?»

«Wirf ihn rein!»

Sie antwortete nicht, kniete neben dem Toten nieder, um nach anderen Verletzungen zu suchen.

«Wirf ihn rein oder lass ihn liegen und komm her!» Commissario Guerrinis Stimme war Befehl. Laura stand auf, wischte den Sand von ihren Händen und über ihr nasses, blauseidenes Unterkleid. Langsam hob sie den Kopf und sah zu ihm auf.

«Wie stellst du dir das vor? Ihn wieder reinwerfen oder liegen lassen! Kannst du mir mal erklären, wieso?»

Mit geballten Fäusten stand er zwischen den entwurzelten Büschen und starrte sie düster an.

«Das kann ich dir genau sagen, Laura! Weil nicht jede Leiche ein Recht auf mich und mein Leben hat, nur weil ich Polizist bin! Weil ich es als Zumutung empfinde, dass diese Leiche ausgerechnet an unserem Strand angeschwemmt wird! Als hätte sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt, um unseren Urlaub zu ruinieren! Verdammt noch mal! Ich habe ihn nicht gesehen! Ich will ihn nicht sehen! Und ich möchte, dass du ihn einfach vergisst!» Seine Stimme war immer lauter geworden. Zuletzt hatte er gebrüllt.

Laura stand jetzt vor ihm. Er senkte seine Stimme ein bisschen, sprach aber heftig weiter: «Du verstehst das nicht, oder? Ich höre schon wieder das Ticken in deinem Kopf! Das berühmte deutsche Pflichtgefühl! Weißt du, was passieren wird, wenn wir uns dieser Leiche annehmen? Der Strand wird gesperrt, es wird von Polizisten wimmeln. Dann kommt das Fernsehen: alle Privatsender, die RAI. Sie werden uns auflauern, uns interviewen. Die Carabinieri werden uns vernehmen, und dann werden die Neugierigen aus dem Dorf kommen. Der Maresciallo von Portotrusco wird uns zum Essen einladen, und dann ist unser gemeinsamer Urlaub vorbei! Deshalb habe ich ihn nie gesehen! Basta!» Er presste beide Hände gegen seine Schläfen und fluchte laut.

«Wow!»

«Was, wow?» Angriffslustig starrte er sie an.

«Ich habe dich noch nie so wütend gesehen. Das war der perfekte italienische Wutanfall.»

«Und er ist noch nicht vorbei! Du hast mir noch nicht erklärt, warum du in dieses Höllenwasser gegangen bist! Wolltest du ihn retten? Wolltest du Selbstmord begehen? Weißt du eigentlich, dass es an dieser Küste gefährliche Strömungen gibt?» Er bückte sich nach einem Ast und schleuderte ihn in Richtung Meer.

«Es tut mir leid.»

«Tatsächlich?»

«Ja, es tut mir leid, und es war dumm von mir. Ich bin aus dem Haus gegangen, und das Meer war so … Ich schwimme gern in hohen Wellen …»

«Santa Caterina! Ich bin beinahe umgekommen vor Schreck, als ich dich im Haus nicht finden konnte. Ich wusste sofort, dass du schwimmen gegangen bist. Und dann stößt du auch noch mit einer Leiche zusammen! Du bist unglaublich, Laura!»

Sie sah das Zucken um seine Mundwinkel und prustete eine Zehntelsekunde vor ihm los.

Sie wussten beide, dass ihre Reaktion überdreht war. Aber sie konnten nicht aufhören zu lachen. Wie Pubertierende, die einen Kicheranfall haben. Geradezu hysterisch. Aber es war irgendwie angemessen: zwei Kommissare im Urlaub, konfrontiert mit einer Leiche an ihrem Privatstrand. Trotzdem war ein Rest von Grauen noch da. Laura versuchte es zu ignorieren, wegzulachen.

«Und jetzt?», fragte sie, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten. Sie hatte Seitenstechen und fühlte sich erschöpft.

Angelo Guerrini antwortete nicht. Nebeneinanderstehend schauten sie auf den Toten, der nur wenige Meter vor ihnen am Rand der Brandung lag, halb begraben im Sand und immer wieder von Wellen überspült.

«Vielleicht verschwindet er, wenn wir ihn nur lange genug anstarren», murmelte Guerrini schließlich. «Er ist schon kleiner geworden, siehst du? Er versinkt allmählich im Sand.»

«Er ist Araber, und er ist umgebracht worden, Angelo.»

Guerrini nickte grimmig.

«Das ändert nichts daran, dass ich mit Begeisterung zusehe, wie er verschwindet!»

Laura suchte mit ihren Augen die Küste ab. Außer Treibholz und Strandgut war nichts zu sehen. Kein Wanderer, kein Surfer. Nur die sandbraunen Wellen stürmten noch immer gegen das Ufer und färbten sich in der höher steigenden Sonne allmählich golden. Sie konnte Angelos Wut verstehen, wünschte selbst, dass dieser bleiche Unbekannte nie aufgetaucht wäre. Trotzdem machte er sie neugierig. Hatte er gestohlen, war ihm deshalb zur Strafe brutal die Hand abgehackt worden? Was hatte er gestohlen? Ein Päckchen Kokain vielleicht? Oder Geld von Drogenhändlern, die übers Meer kamen?

«Wir werden an ihn denken, auch wenn das Meer ihn wieder mitnimmt.»

«Ich werde nicht an ihn denken, Laura! Ich habe ihn nicht einmal aus der Nähe gesehen. Er existiert quasi nicht … du wirst dich erkälten, wenn du noch länger in deinem nassen Hemd hier rumstehst!»

Erst in diesem Augenblick spürte Laura den kühlen Wind und das nasse Hemd auf ihrer Haut, das vom Salzwasser vermutlich ruiniert worden war.

«Schaffst du es wirklich, ihn einfach im Sand liegen zu lassen? Weil er Araber ist? Was wäre, wenn es ein blonder Deutscher wäre oder ein Italiener? Jemand, der ein Sohn deiner Verwandten oder Freunde sein könnte?»

«Ich weiß doch gar nicht, was er ist! Ich habe ihn nicht angesehen! Ich werde dir jetzt ein heißes Bad einlaufen lassen! Danach werden wir frühstücken, und wenn er dann noch da ist … verflucht! Es interessiert mich wirklich nicht!»

«Er wird noch da sein.»

Guerrini streckte beide Arme gen Himmel, als flehte er die Götter um Gnade an, drehte sich um und schlug den Weg zum Haus ein.

Laura betrachtete die Abdrücke, die sie im Sand hinterlassen hatten, und hoffte, dass kein Strandwanderer die Leiche und die Spuren entdecken würde.

 

Das Bad war herrlich und hatte genau die richtige Temperatur. Wohlige Wärme durchströmte Lauras Körper. Weil die Badewanne ein bisschen zu kurz war, legte sie die Füße auf den Rand. Das Wasser färbte sich allmählich grün und duftete. Guerrini hatte fast einen halben Rosmarinbusch hineingeworfen – in Ermangelung von Rosenblättern, wie er sagte. Sie hörte ihn nebenan in der Küche werkeln. Als sie die absurde Situation dieses Morgens an sich vorüberziehen ließ, erlitt sie wieder einen Anfall unvermuteter Heiterkeit. Sie war neugierig darauf, wie sich die Dinge entwickeln würden. Einfach nur neugierig. Ohne irgendwelche Absichten, ohne Pflichtgefühl. Sie hatte keine Ahnung, was Rosmarinnadeln in heißem Wasser bewirkten. Möglicherweise löschte ihr Duft professionelle und moralische Verhaltensweisen aus. Jedenfalls hatte sie nicht die Absicht, die Carabinieri zu rufen. Dies war Angelos Land, nicht ihres. Langsam ließ sie den Kopf zurücksinken, bis nur noch ihr Gesicht aus dem Wasser lugte, und schloss die Augen.

«Caffè oder Tee, Ophelia?», fragte Guerrini, der inzwischen ins Badezimmer gekommen war.

«Tee, mein Hamlet!» Laura hielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht. «Sag jetzt nichts von Sein oder Nichtsein! Das wäre zu platt!»

«Würde aber passen.»

«Findest du?»

«Ja, finde ich.»

«Warum?»

«Sein ist das, was du gerade machst und was wir gestern gemacht haben. Nichtsein bricht über uns herein, wenn wir den Polizeiapparat der südlichen Toskana mobilisieren. Ich habe ein Gedicht von Petronius für dich herausgesucht. Das könnte ich dir dann nicht mehr vortragen, amore. Du könntest stattdessen deinen Kollegen Baumann einladen und ich Tommasini oder D’Annunzio im Gästezimmer einquartieren. Das wäre dann Nichtsein!»

Laura öffnete ein Auge.

«Würdest du mir das Gedicht jetzt vorlesen? Ich meine, für den Fall, dass später das Nichtsein ausbricht.»

«Nein. Es passt jetzt nicht.»

«Und wann passt es?»

«Das werde ich dir dann sagen.» Damit verließ er das Badezimmer.

Mit geschlossenen Augen sog Laura den Duft der Rosmarinnadeln ein. Irgendwie, dachte sie, irgendwie benimmt er sich wie ein italienischer Macho. Seltsamerweise hatte sie in diesem Augenblick nichts dagegen.

 

Später frühstückten sie auf der Dachterrasse des Hauses; mit ihren Füßen schoben sie Äste und dicke Pinienzapfen zur Seite, die der Sturm zurückgelassen hatte. Sie aßen dunkelblaue Trauben, Oliven und frischen Schafskäse, bestrichen dicke Scheiben Weißbrot mit Butter und Honig. Von der Terrasse aus konnte man das Meer sehen, den Strand verbarg die Macchia. Noch immer schwebte die Insel Montecristo über dem Wasser. Aber die Wolkendecke begann aufzureißen, und Sonnenflecken jagten über die Schaumkronen. Irgendwo da draußen war ein Motorboot unterwegs. Einmal schien es sehr nahe am Strand zu fahren, dann entfernte es sich wieder.

Guerrini aß schweigend, schaute aufs Meer hinaus. Zwischen seinen Augenbrauen stand eine steile Falte. Die feuchte Luft hatte sein dunkles Haar gekräuselt, und Laura fand, dass er mit Locken verdammt gut aussah. Sie betonten das Römische in seinen Zügen, das sie schon immer entzückt hatte.

«Wir könnten für ein paar Tage nach Rom fahren!», sagte er unvermutet. «Dann wären wir aus dem Schlamassel raus. Wir sind einfach nicht da, wenn er gefunden wird. Wir haben keine Ahnung, und wenn wir zurückkommen, ist hoffentlich schon alles vorbei.»

Laura schob ihren Teller zurück. «Ich finde es bedenklich, dass wir hier genüsslich frühstücken, während der arme Kerl da unten im nassen Sand liegt. Findest du nicht, dass unser Beruf einen schlechten Einfluss auf unseren Charakter hat? Ich glaube, das habe ich dich schon mal gefragt.»

«Das, Commissaria, ist mein geringstes Problem. Ist dir bewusst, was gerade passiert? Er hat es natürlich geschafft! Er beschäftigt uns ununterbrochen! Wahrscheinlich ist er gar kein armer Kerl, wie du ihn nennst, sondern ein verdammter Drogenhändler, der sich mit seinen Kollegen gestritten hat. Wahrscheinlich arbeitet er für die Camorra oder irgendeine andere Mafia! Wahrscheinlich haben die letzte Nacht versucht, den Stoff für die reichen Säcke dieser Gegend zu liefern. Irgend so was wird es sein, und es interessiert mich nicht!»

«Dafür, dass es dich nicht interessiert, hast du aber schon ziemlich viel darüber nachgedacht.»

«Ich habe nicht darüber nachgedacht!» Er brüllte schon wieder. «Das liegt auf der Hand! Dafür muss ich nicht nachdenken!»

«Bene. Ich habe keine Lust, nach Rom zu fahren. Ich möchte genau hier bleiben, Angelo. In diesem Haus. Ich wünsche mir, dass du mir die Umgebung zeigst und mir die Geschichten erzählst, die du hier erlebt hast. Ich meine, wenn wir diese Angelegenheit ganz ruhig betrachten, dann ist sie vielleicht weniger dramatisch. Nach starken Stürmen werden öfters Tote an den Strand gespült …»

Guerrini lachte trocken auf.

«In diesem Land ist eine Leiche am Strand ein Medienereignis! Vor allem eine Leiche, der eine Hand fehlt! Die Leiche eines Arabers! Das könnte sogar eine politische Geschichte sein … Vielleicht stecken Terroristen dahinter, radikale Muslime! Oder die Mafia hat schon wieder Konkurrenz aus dem Weg geräumt! Ein gefundenes Fressen. Das lenkt von den wahren Problemen ab!»

Während Laura noch über eine Antwort nachdachte, näherte sich das Knattern einer Vespa, wurde lauter und verstummte auf dem kleinen Parkplatz gleich unterhalb der Terrasse. Guerrini und Laura standen auf und schauten über die Brüstung.

«Buon giorno, Fabrizio, was gibt’s?» Guerrini hob grüßend den Arm.

Der grauhaarige, stämmige Wachmann hielt das Gefährt breitbeinig im Gleichgewicht, den Lenker umfasste er, als könnte die Maschine ausbrechen wie ein wilder Stier.

«Buon giorno, Dottore! Ich wollte nur nachsehen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist nach dem Sturm. Und ich wollte sagen, dass Sie frühestens in zwei Stunden rausfahren können. Die Riesenpinie, Sie wissen schon, die an der Hauptstraße, die ist umgefallen. Genau auf die Einfahrt. Ist verdammt viel Holz, Dottore. Und die Feuerwehr hat keine Zeit, das Ding abzusägen. Die haben nur den Verletzten rausgeholt, dann waren sie wieder weg. Wir tun unser Bestes, aber es dauert eben. Das wollte ich nur sagen, Dottore.»

Guerrini beugte sich vor.

«Welchen Verletzten?»

«Der Baum ist auf einen Wagen gefallen, Dottore. Um halb vier, so ungefähr. Dummer Zufall.»

«Hört sich so an. Wer war denn das? Kenn ich ihn?»

«Glaub ich nicht, Dottore. Ich kenn ihn auch nicht. Hab keine Ahnung, zu wem der wollte. Orecchio weiß es auch nicht, der hatte Nachtdienst. Vielleicht wollte er nur umdrehen. Machen ja viele in unserer Einfahrt.»

«Wie lange braucht ihr noch, was hast du gesagt?»

«Mindestens zwei Stunden, Dottore. Wenn nicht länger. Tut mir wirklich leid.»

«Schon gut, Fabrizio. Danke, dass du uns Bescheid gesagt hast.»

«Ich wusste doch, dass Sie hier sind, Dottore. Einen schönen Tag noch. Buon giorno!» Er ließ den Motor der Vespa aufheulen, wendete und verschwand hinter den Bäumen.

«Rom können wir also vergessen!», sagte Laura und dachte: Zum Glück! Laut fügte sie hinzu: «Vielleicht sollten wir nachsehen, ob er noch da ist.»

«Gut, sehen wir nach! Sonst reden wir noch zwei Stunden über ihn!» Guerrini hob einen der dicken Pinienzapfen auf und warf ihn Richtung Meer.

«Wirfst du immer mit Gegenständen, wenn du sehr wütend bist?»

«Nicht öfter als du, Laura. Es kommt auch vor, dass ich trete oder brülle. Zufrieden?» Er hob einen zweiten Zapfen auf.

«Gehen wir?»

«Gehen wir.» Er betrachtete den Zapfen in seiner Hand.

«Sein oder Nichtsein», flüsterte Laura. Der Zapfen flog knapp an ihr vorbei und landete auf dem Dach.

 

Er war weg. Der Strand lag vor ihnen, als hätte es nie einen Toten mit abgehackter Hand gegeben. Das Meer war jetzt etwas ruhiger und hatte dem Land ein, zwei Meter zurückgegeben. Guerrini folgte Laura zu der Stelle, an der sie die Leiche zurückgelassen hatten. Der Sand war glatt und hart. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein Körper gelegen hatte. Eine Linie bizarrer Ornamente aus angeschwemmten Algen, Muscheln, Plastikflaschen, Paletten, Teerklumpen, Tauen, Kartons und anderen Hinterlassenschaften zog sich an der Küste entlang.

Sieht aus, als hätte sich das Meer erbrochen, dachte Laura. Sie drehte sich nach Guerrini um und stellte belustigt fest, dass er den Strand absuchte. Weil er nach links ging, nahm sie sich die rechte Seite vor. Doch sie fand nur Plastikmüll, ein paar Milchtüten, ein Puppenbein, einen Haufen Algen mit Schwimmblasen, zwei einzelne Schuhe.

«Glaubst du, dass die Strömung ihn wieder hinausgezogen hat?», fragte Laura, als sie sich nach ein paar Minuten wieder trafen.

«Nein.»

«Ich auch nicht.»

«Bene.»

«Was glaubst du?»

«Nichts.»

«Warum nichts?»

«Weil es mich nicht interessiert. Ich bin froh, dass er weg ist, und ich habe den Strand nur deshalb abgesucht, weil ich sicher sein wollte, dass er auch wirklich weg ist!»

«Aha.»

«Ja, aha! Ich habe das gesagt, weil ich nicht will, dass du falsche Schlüsse ziehst!»

«Schon gut.»

«Grazie! Können wir jetzt noch einen Kaffee trinken?»

«Du willst also nicht melden, dass …»

«No!»

«Wäre es nicht sinnvoll, wenn wir wenigstens ein paar hundert Meter nach Norden gehen würden? Dahin zieht nämlich die Strömung. Vielleicht ist er woanders angeschwemmt worden.»

«Dann wird ihn schon irgendwer finden! Ich werde ihn nicht finden!»

«Und was ist, wenn ich anderer Meinung bin?»

«Das kannst du, Laura! Aber dann werde ich meine Koffer packen und zurück nach Siena fahren!» Er drehte sich um und verschwand zwischen den Büschen.

Laura trat gegen einen angeschwemmten Milchkarton. Das, dachte sie, ist unser erster richtiger Krach. Zweiter Ferientag, erster Krach. Interessant. Aber sie konnte es nicht so gelassen nehmen, wie sie es gern getan hätte. Sie fürchtete plötzlich, dass alles ein großer Irrtum war. Wie lange kannten sie sich? Etwas länger als zwei Jahre. In dieser Zeit hatten sie sich höchstens ein paar Wochen lang gesehen, immer hier und dort ein paar Tage. Meistens mussten sie in dieser knappen Zeit auch noch ermitteln. Dazwischen lagen Monate, in denen sie auf Telefongespräche angewiesen waren. Sie lebte mit ihren Kindern in München, er allein in Siena. Welch unendlicher Raum für Projektionen.

Sie trat ein zweites Mal gegen den Karton und kickte ihn in weitem Bogen ins Wasser. Dann krempelte sie entschlossen ihre Jeans hoch und folgte dem schmalen Strand nach Norden.

Es war beinahe Mittag, als Ernesto Orecchio sich von seinen Kollegen verabschiedete. Verabschieden konnte, besser gesagt. Seit Stunden fieberte er diesem Augenblick entgegen, fürchtete, dass einer fragte, wo denn sein Fiat sei? Wie ein Wilder hatte er Äste gestapelt, gesägt, die Straße gefegt und sich gefragt, wozu es eigentlich eine Feuerwehr gab, wenn die nicht kam, wenn man sie brauchte. Nichts hatten die getan! Nur den Verletzten aus dem Wagen gezogen und ihn mitgenommen. Das war’s.

Orecchio hatte seine Mutter angerufen und sie beruhigt. Mehrfach musste er ihr versichern, dass er nicht im Sturm umgekommen sei. Von den anderen hatte er nichts gehört. Zwanzigmal hatte er sein Handy überprüft. Es funktionierte. Aber kein Anruf kam durch, keine SMS, nichts. Jetzt stand er da mit seinem Auto voller Pakete. Wie sollte er mit denen an seinen Kollegen vorbeikommen? Ein Blinder konnte sehen, dass der Fiat bis unters Dach beladen war. Was klang überzeugend? Vielleicht, dass er seine kleine Wohnung am Rand von Portotrusco renovierte und vor Dienstbeginn noch schnell beim Baumarkt in Grosseto war? Oder dass er die Sachen bei einem Freund vorbeibringen musste? Was für Sachen? Ihm fiel einfach nichts ein. Er begann zu schwitzen, er konnte ja noch nicht mal erklären, warum er seinen Fiat nicht neben dem Wärterhäuschen geparkt hatte. Noch hatte ihn keiner gefragt. Alle waren damit beschäftigt, die riesige Pinie zu zersägen. Den weißen Lieferwagen mit dem eingedrückten Dach und der zertrümmerten Frontscheibe hatten sie an die Seite geschoben. In der Fahrerkabine war alles voll Blut, und Fabrizio vermutete, dass bald die Polizei kommen würde, um den Unfall zu untersuchen.

«Hast du eine Ahnung, wer das war?», hatten seine Kollegen gefragt. Orecchio hatte mit den Schultern gezuckt und «keine Ahnung» gemurmelt.

Noch so eine Sache. Orecchio war traurig, dass die Pinie umgefallen war. Erst am Morgen war diese Trauer langsam in ihm aufgestiegen. So ähnlich wie Gänsehaut. Die kam auch meistens, bevor man etwas merkte. Er hatte geglaubt, dass dieser mächtige Baum mindestens noch hundert Jahre stehen, dass er sie alle überleben würde. Irgendwie hatte ihn das zufrieden gemacht, ihm ein Gefühl von Ewigkeit gegeben. Das war jetzt kaputt. Genau wie das Dorf seiner Kindheit und sein Glaube an die Kommunisten. Es war nicht mehr viel übrig. Alles in Trümmern. Beinahe vierzig war er und hatte noch nicht mal eine Frau. Und jetzt der Baum.

Ein paar Minuten lang hing er noch im Wärterhäuschen herum und trank seinen Kaffee, der ekelhaft schmeckte. Redete mit Fabrizio und den andern über den Sturm. Immerhin fanden es alle schade, dass die Pinie umgefallen war.

«Era bello», sagte Fabrizio, schaute bekümmert auf seine Stiefel und zuckte die Achseln. «Man kann nichts dagegen machen. So ist eben das Leben.»

Die Kollegen murmelten zustimmend. «Così è la vita!» und «Irgendwann fallen wir alle um».

Auch Orecchio murmelte so einen Satz, ganz gegen seinen Willen. Er wollte nicht, dass das Leben so ablief! Warum lebte man dann? Um zuzuschauen, wie alles in Trümmer fiel? Man keinen Schritt weiterkam?

Wortlos verließ er das Wärterhäuschen. Von der Sonne geblendet, blieb er stehen. Seit er hier arbeitete, hatte die Pinie ihr Schattendach über die Einfahrt zum Resort gebreitet. Jetzt war da nichts mehr, nur nackter Himmel. Orecchio fühlte sich schutzlos. Schlimmer noch, er hatte Angst. Möglichst unauffällig schlenderte er in Richtung seines Wagens, hob hier einen Ast auf und verweilte dort kurz, als kontrollierte er Wege und Abflusskanäle. Je näher er der Auffahrt zur Villa kam, in deren Hof er seinen Fiat versteckt hatte, desto größer wurde seine Angst.

Plötzlich traute er seinen Kollegen nicht mehr. Er konnte sich gut vorstellen, dass ein paar von denen ebenfalls nächtliche Lieferungen durchwinkten. Sehr gut sogar! Sie alle hatten Nachtdienst. Einer nach dem andern! Vielleicht beobachteten sie ihn. Vielleicht wussten alle außer ihm, dass sie gemeinsam für diese Unbekannten arbeiteten. Vielleicht war das seine Bewährungsprobe, und sie alle warteten darauf, dass er sich als verlässliches Mitglied ihrer Gemeinschaft bewies. Die brauchten jemanden, auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnten. Das hatte der Unbekannte gesagt, der ihn damals in der Bar angesprochen hatte. Hundertprozentig. Wieder brach Orecchio der Schweiß aus.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, was er machen sollte. Wie ein Dieb kroch er zwischen den Büschen hindurch in den Garten des verlassenen Anwesens, beobachtete misstrauisch jede Bewegung, horchte auf jeden Laut. Doch da war nichts, nur ein paar Vögel hüpften auf dem Dach der Villa herum. Elstern. Er mochte Elstern nicht. Sie waren nicht besser als Krähen.

Jetzt konnte er die Pakete in seinem roten Fiat sehen. Er wünschte, sie wären nicht da. Aber es half nichts, sie blieben. Er musste sie mitnehmen und an einen sicheren Ort schaffen. Aber an welchen? Er kannte keinen!

Mit weichen Knien schlich er zu seinem Wagen hinüber und setzte sich hinters Steuer. Es dauerte ein paar Minuten, ehe er es schaffte, den Motor anzulassen. Langsam wendete er auf dem halbrunden Vorplatz der Villa und rollte hinaus.

 

Als er auf die Hauptstraße nach Follonica einbog, wunderte er sich, wie selbstverständlich sein Abgang gewesen war. Seine Kollegen hatten ihm zugewinkt, er hatte den Arm aus dem Seitenfenster gestreckt und zurückgegrüßt. Dann war er draußen. Jetzt fuhr er. Wohin? Auf jeden Fall weg von Portotrusco. Er hatte nicht mehr viel Benzin im Tank. Sehr weit konnte er nicht fahren, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, hängenzubleiben. Zum Tanken musste er zurück nach Portotrusco. Die kleine Tankstelle vor der Steigung, die nach Follonica hinüberführte, hatte längst Pleite gemacht. Da wuchsen inzwischen Schlingpflanzen um die verrosteten Zapfsäulen.

Aber wohin sollte er fahren? Wahrscheinlich war es am besten, wenn er in einen der Feldwege bog, die eine Abkürzung der Einheimischen zur Via Aurelia waren. An der Hauptstraße konnte er seine Pakete nicht verstecken.

Er nahm die nächste Abzweigung, war sich nicht einmal sicher, ob der Weg wirklich auf die andere Seite der Hügel führte, wollte nur weg von der Hauptstraße. Er fuhr durch ein grünes Tal zum Wald hinauf, dann weiter, unter Steineichen und Esskastanien hindurch. Auch hier lagen vom Sturm abgebrochene Äste herum, kratzten am Boden seines Wagens, an den Seiten. Vor einem besonders großen Ast hielt er an, machte den Motor aus und zog eine Zigarette aus dem Handschuhfach. Eine MS. Orecchio rauchte nur MS, dabei war er nicht einmal sicher, ob sie ihm schmeckten. Es hatte etwas mit einem Gefühl von Sicherheit zu tun. MS hatte es schon in seiner Kindheit gegeben. Irgendwie war diese Zigarette so ziemlich das Einzige, das verlässlich geblieben war.

Als er sie anzündete, wurde ihm bewusst, dass seine Hand zitterte, und während er diese zitternde Hand betrachtete, begriff er, dass er in verdammten Schwierigkeiten steckte.

Der Rauch brannte auf seiner Zunge, und er hustete heftig, als er ihn in seine Lungen zog. Trotzdem sog er ein zweites und ein drittes Mal, stieß aber den Rauch schnell wieder aus. Jetzt fühlte er sich wacher, erinnerte sich plötzlich an die verfallenen, kleinen Steinhäuser in den Wäldern. Es war schon ein paar Jahre her, dass er mit einem Bekannten in dieser Gegend Jagd auf Wildschweine und Stachelschweine gemacht hatte. Der Bekannte war inzwischen gestorben, und Orecchio hatte die Jagd – beinah erleichtert – sofort aufgegeben.

Er war sowieso nur mitgegangen, weil Männer eben auf die Jagd gingen und sein Bekannter es als selbstverständlich voraussetzte. Aber das Kindergeschrei der von Schrotkugeln getroffenen Stachelschweine hatte Orecchio stets bis in seine Träume verfolgt. Niemals hätte er auch nur einen Bissen Stachelschweinfleisch essen können. Immer waren ihm Ausreden eingefallen, wenn er zu so einem Braten eingeladen wurde. War schon gut, dass der Bekannte nicht mehr da war. Viele Probleme lösten sich so auf ganz natürliche Weise. Er vermisste ihn nicht, diesen Pietro Sentieri, der sich ihm immer aufgedrängt hatte, weiß der Himmel, warum. Ernesto Orecchio zog es jedenfalls vor, sein ganz eigenes Leben zu leben.

Langsam ging er zum Waldrand und schaute über das Tal. Bäume und Büsche sahen weich aus, rund und konturlos. Ein paar weiße Rinder liefen hintereinander auf einem unsichtbaren Pfad. In der Ferne, weit hinter den dunklen Pinienwäldern, schimmerte ein schmaler Streifen Meer. Der Sturm hatte aufgehört, als hätte es ihn nie gegeben. Noch einmal zog Orecchio an seiner MS und drückte sie dann in die feuchte Erde. Er würde die Pakete in eines der verfallenen Häuser bringen. Das war die einzige Lösung, die ihm einfiel, und er fand sie nicht schlecht.

Niemand war ihm gefolgt, da war er sicher. Er räumte den großen Ast zur Seite und stieg wieder in seinen Wagen. Er erinnerte sich dunkel an dieses Tal, vermutlich verengte es sich zwischen zwei Hügeln, irgendwo musste ein Weg nach oben in die Wälder führen. Diesen Weg musste er finden.

 

Laura erreichte die Mündung eines kleinen Flusses, die von riesigen Felsbrocken und Betonquadern eingefasst war, die eine Mauer bildeten. Eine improvisierte Mole. Sie kletterte auf die Steine, balancierte ein Stück und sprang in den Fluss hinunter. Das Wasser reichte bis über ihre Knie. Es schäumte, denn der Sturm hatte das Meer bis weit ins Land hineingepresst, und jetzt strömte es sprudelnd wieder zurück. Laura durchquerte das Flüsschen und kletterte auf der andern Seite wieder auf die Mauer. Von hier aus konnte sie die Bucht nach Norden überblicken.

Wohin war der Tote verschwunden? Falls eine Welle ihn hinausgezogen hatte, musste das Meer ihn auch wieder an den Strand werfen. So wie die Surfbretter und Baumstämme, die tote Katze, den Plastikmüll, die Flaschen und Taucherbrillen und den dunkelgrünen Seetang, dessen Schwimmblasen unter ihren Füßen platzten. Feiner Dunst lag über dem Strand, Brandungsnebel. Weit weg, am Ende der Bucht, ragten hohe Felsen ins Meer, Felsen und das Gerippe einer Burg.