Die Sullivan-Schwestern - Kathryn Ormsbee - E-Book

Die Sullivan-Schwestern E-Book

Kathryn Ormsbee

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Beschreibung

Die Sullivan-Schwestern haben keine Geheimnisse voreinander! Niemals.

Aber genau das hat sich in den letzten Jahren geändert. Nun sind da nur noch verschlossene Türen und Dinge, die man einander nicht anvertrauen kann: Die 14-jährige Murphy, ihres Zeichens angehende Magierin, trauert um ihre Schildkröte. Die 17-jährige Claire hat gerade eine gnadenlose Absage von ihrem Traumcollege bekommen. Und die 18-jährige Eileen kämpft mit Dämonen, die immer weiter Besitz von ihr ergreifen. Doch dann setzt ein Brief, der die Schwestern über eine unerwartete Erbschaft informiert, eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihrer aller Leben auf immer verändern wird.

Drei außerordentliche Schwestern, ein gewaltiges Familiengeheimnis und ein mitternächtlicher Roadtrip ins Unbekannte

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2021

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KATHRYN ORMSBEE

Aus dem Amerikanischen von

Doris Attwood

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© 2021 der deutschsprachigen Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2020 Kathryn Ormsbee

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel:

»The Sullivan Sisters« bei Simon & Schuster BFYR,

einem Imprint von Simon & Schuster Children’s, Inc., New York

Das Zitat auf Seite 7 stammt aus dem Gedicht:

»One Sister Have I in Our House«, erstmals veröffentlicht in

»The Complete Poems of Emily Dickinson«,

hrsg. von Martha Dickinson Bianchi, Boston 1914

Übersetzung: Doris Attwood

Umschlagkonzeption: Katrin Schüler, Berlin

unter Verwendung des Original-Umschlags: © Chloë Foglia;

Umschlagillustration © Pedro Tapa; Handlettering: © Danielle Davis

MP · Herstellung: UK

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-27751-2V001

www.cbj-verlag.de

Für Annie und Matt Snow –

meine liebsten Oregoner

und die besten Geschwister,

die sich ein Mädchen wünschen könnte

Heut’ sind die Kindertage fern,

doch auf und ab die Hügel,

hielt fester noch ich ihre Hand,

dass kürzer wurd’ der Weg.

EMILY DICKINSON

»Eine Schwester hab ich in unserm Haus«

Sieben Jahre zuvor

CAYENNE CASTLE

Die Burg war Claires Idee gewesen, zumindest am Anfang.

Sie kam ihr im nieselnden Dezember, vier Tage vor Weihnachten, als sie, Eileen und Murphy zu Hause festsaßen.

Claire steckte stets voller Pläne und, vor allem, voller guter Ideen, wie sie sich die Zeit vertreiben konnten.

»Leenie«, weckte Claire ihre ältere Schwester, »lass uns was aus allen Decken und allen Laken im ganzen Haus bauen.«

Eileen nahm sich gar nicht erst die Zeit, ihr zu antworten. Sie warf sofort die Steppdecke von ihrem Bett, und ein wildes Blitzen zickzackte durch ihre dunklen Augen. Sie steckte voller Ideen und Bilder, malte mit Farben, Worten und Gefühlen. Sie wusste genau, wie sie die Decken miteinander kombinieren mussten: den flauschigen goldgelben Quilt ihrer Mutter neben der tannengrünen University-of-Oregon-Fleecedecke, diese mit graublauen Laken an einem pfirsichfarbenen Federbett festgeknotet.

Im Laufe des Morgens dehnte sich die Burg immer weiter aus, und noch während des Baus tauchte auch Murphy, ihre jüngste Schwester, im Wohnzimmer auf.

»Wow!«, rief sie bewundernd und bestaunte Festungsmauern aus Stoff, die sich über das Sofa, die Sessel und den Fernseher erstreckten. Sie entdeckte eine Öffnung zwischen zwei mit Wäscheklammern zusammengehaltenen Laken und steckte ihr sommersprossiges Gesicht hindurch.

»Ta-da!«, rief sie. »Es ist eine Bühne!«

»Eine Burg«, korrigierte Claire sie.

»Es könnte auch beides sein«, befand Eileen. Sie war damit beschäftigt, bunte Bänder aus ihrem Handarbeitskoffer auszuwählen und sie für ein paar kleine Farbakzente an verschiedene Deckenquasten zu knüpfen.

Claire tippte sich währenddessen nachdenklich ans Kinn und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die Skizze der Burg, die sie auf Notizpapier gezeichnet hatte. »Wir haben genügend Laken, um es bis in den Flur zu erweitern, und trotzdem noch genügend Decken für die Wände übrig.«

»Wände?«, fragte Murphy. »Oder … Bühnenvorhänge?«

Sie riss Claire den Textmarker aus der Hand, hielt ihn sich wie ein Mikrofon vor den Mund und verkündete: »Willkommen zu unserer Hauptvorstellung!«

Murphy steckte voller Energie – eine geborene Entertainerin, die jedem eine Show bot, der bereit war, ihr zuzuhören und zu applaudieren.

Ihren Namen bekam die Burg erst später am Tag, nachdem ihre Mutter angerufen und den Schwestern mitgeteilt hatte, dass sie wieder einmal länger arbeiten musste. In letzter Zeit übernahm sie öfter zusätzliche Schichten in der Drogerie und übergab Eileen derweil offiziell das Kommando.

»Ich wollte ihr doch die Burg zeigen«, schmollte Murphy, nachdem Eileen aufgelegt hatte. »Jetzt wird Mom erst zurück sein, wenn wir schon im Bett sind.«

»Bald ist Weihnachten«, erinnerte Claire sie und hob weise die Augenbrauen. »Du magst doch Geschenke, oder? Tja, und Mom muss nun mal arbeiten, um sich welche leisten zu können.«

Murphy verzog das Gesicht. »Mir wäre lieber, Mom wäre hier.«

In Eileen krampfte sich alles zusammen. Als sie in Murphys Alter gewesen war, hatte Leslie Sullivan mehr Zeit zu Hause verbracht, ihnen Bücher vorgelesen und spontane Tanzpartys zum Klang des Radios veranstaltet. Einmal, als Eileen fünf gewesen war, hatte ihre Mutter ihr und Claire dabei geholfen, genauso eine Deckenfestung wie diese zu bauen. Es war einfach unfair, dass Murphy nicht alt genug war, um selbst solche Erinnerungen zu haben. Und es war genauso unfair, dass sie überhaupt keine Erinnerungen an ihren Dad hatte. Er war gestorben, bevor Murphy zur Welt gekommen war.

Eileen selbst kam ihr Dad inzwischen ganz weit weg vor, aber sie war sich ziemlich sicher, dass ihm die Burg gefallen hätte. Ihrer Mom würde sie jedenfalls ganz bestimmt gefallen, wenn sie endlich von der Arbeit nach Hause kam.

Das Frühstück an diesem Morgen hatten sie ganz gut ohne Hilfe geschafft: in Vollmilch ertränkte Cornflakes. Das Mittagessen gestaltete sich allerdings etwas kniffliger. Claire begutachtete den Kühlschrankinhalt und kam zu dem Schluss, dass die Reste des fünf Tage alten Chilis ihre beste Option waren. Sie nahm die Tupperdose heraus, verteilte das Chili auf drei Schüsseln und wärmte es in der Mikrowelle auf.

»Das schmeckt komisch«, befand Murphy, nachdem sie es probiert hatte. »Nach … Sumpf!«

Die siebenjährige Murphy war beim Essen ziemlich mäkelig und neigte zu eher übertriebenen Urteilen. Doch als Claire das Chili selbst probierte, verzog sie ebenfalls das Gesicht. Es schmeckte wirklich komisch – also doch keine Option. Sie befanden sich in einer Krisensituation, die einen neuen Schlachtplan erforderte.

Claire holte eine Packung mit altem Reibekäse aus dem Kühlschrank. »Verfeinern«, sagte sie, »das ist die Lösung.«

Eileen stellte sich vor den Küchenschrank, streckte den Arm, ohne zu zögern, nach dem Gewürzregal aus und griff zielsicher nach einem Streuer mit der Aufschrift CAYENNEPFEFFER. Eine unerschrockene Wahl – die perfekt zu ihr passte.

Dank der neuen Zutaten schmeckte das Essen schon viel besser. Die Sullivan-Schwestern schlürften in der Küche zufrieden ihr Chili, während der Regen gegen die Fenster prasselte.

Trotzdem musste Claire beim Essen daran denken, dass sie keinen Käse und keine Gewürze gebraucht hätten, wenn ihre Mom hier wäre. Vor gar nicht allzu langer Zeit war ihre Mutter immer daheim gewesen, hatte Claire beim schriftlichen Dividieren geholfen oder sich einen Film mit ihnen angeschaut, während sich die ganze Familie auf dem Sofa zusammenkuschelte. Claire wusste noch genau, wie der berühmte Hähnchenauflauf ihrer Mom schmeckte, jeder Mundvoll die perfekte Mischung aus knackigen Erbsen, zarten Karotten und herrlicher Blätterteigkruste.

Doch ihre Mutter hatte den Auflauf schon seit Monaten nicht mehr gekocht. Wegen der zusätzlichen Nachtschichten, die sie ständig übernahm, hatte sie nie genügend Zeit dafür. Die Miete für das Haus war im letzten Jahr erhöht worden, ganz zu schweigen von den Zinsen auf die Krankenhausrechnungen ihres verstorbenen Vaters. Miete, Zinsen, diese Worte hingen über dem Haus wie … ein Fluch.

Flüche – die düstere Seite eines Märchens. Aber eine Burg? Eine Burg war definitiv das Beste daran.

Als die Schwestern ins Wohnzimmer zurückkehrten und ihr Werk begutachteten, befand Claire ernst: »Es braucht einen Namen.«

Der Name war Murphys Idee gewesen.

»Cayenne Castle!« Ihre Schwestern waren sofort einverstanden, und Murphy wirbelte vor Freude im Kreis herum und sang aus dem Stegreif: »Im Cayenne Castle werden Träume wa-har! Unser Pfeffer ist so scharf, davon musst du Ka-cka-ha!«

»Spinnerin«, lachte Eileen und wuschelte durch Murphys zerzauste rote Locken.

Murphy grinste breit. Sie mochte es, wenn ihre Schwestern ihr Aufmerksamkeit schenkten, selbst wenn diese sie dabei als »Spinnerin« bezeichneten. Besonders seit ihre Mutter in letzter Zeit meist nur abwesend zu Murphys selbsterdachten Liedern genickt und gemurmelt hatte: »Wirklich schön, Schatz«, so als hätte sie zwar alles gehört, aber nicht richtig zugehört.

Murphy hoffte sehr, dass ihre Mom, sobald Weihachten vorbei war und sie für ihre Geschenke bezahlt hatte, ihr endlich wieder richtig zuhören würde.

Die Schwestern krabbelten in ihre frisch getaufte Burg und schlüpften zwischen die kuscheligen Decken und Kissen. Claire und Eileen tauschten aufregende Geheimnisse aus der fünften und sechsten Klasse aus, während Murphy sie voller Bewunderung beobachtete, das Kinn auf den Knien, und sich ein Puddingtörtchen zum Nachtisch schmecken ließ.

»Hey«, sagte sie, ihr Mund mit klebriger Schokoladenmasse verschmiert. »Lasst uns Cayenne Castle jedes Jahr bauen. Ganz egal, was passiert: Am einundzwanzigsten Dezember bauen wir unsere Burg.«

Claire und Eileen tauschten ein herablassendes typisches Ältere-Schwestern-Grinsen. Dann nickten sie jedoch zu Murphys großer Freude.

»Abgemacht«, sagte Eileen und zwinkerte ihr zu.

»Abgemacht«, bestätigte auch Claire.

»Abgemacht«, echote Murphy mit puddingverziertem Strahlen.

So errichteten eine Planerin, eine Visionärin und eine Entertainerin Cayenne Castle zum allerersten Mal und schlossen damit einen Pakt unter Schwestern.

Wer die Sullivan-Schwestern sieben Jahre später gefragt hätte, warum er zerbrochen war …

Nun, der hätte drei verschiedene Antworten erhalten.

Einundzwanzigster Dezember

EINS

Eileen

Der Brief traf am Morgen des einundzwanzigsten Dezembers ein.

Eileen erwartete keine an sie adressierte Post. Keine Päckchen, da sie seit zwei Jahren keine Künstlermaterialien mehr bestellt hatte. Keine Weihnachtskarten, denn wer zur Hölle verschickte die heutzutage schon noch? Mehr oder weniger entfernte Verwandte, vielleicht – Großeltern oder Großtanten –, aber Eileen hatte weder das eine noch das andere. Und sie hatte ganz sicher keinen offiziell aussehenden Briefumschlag mit selbstklebender Lasche erwartet, der Adresse einer Anwaltskanzlei als Absender und dem Vermerk UNVERZÜGLICH ÖFFNEN in roter Tinte auf der Klappe.

Eileen war sofort genervt.

Sie ließ sich nichts befehlen, schon gar nicht von irgendwelchen gottverdammten Anwälten und ihren roten Tintenstiften.

Sie hatte schlechte Erfahrungen mit Briefen gemacht und nicht die geringste Lust, herauszufinden, worum es in diesem ging – ob sie ihn nun unverzüglich öffnete oder erst in zehn Jahren. Deshalb warf sie den Umschlag in den Papierkorb unter ihrem Schreibtisch und verließ dann das Haus für ihre Schicht im Supermarkt.

Schon bald darauf hatte sie den Brief völlig vergessen.

Sie vergaß eine Menge Dinge, wenn sie arbeitete, und vor allem, wenn sie trank.

Aber genau das war schließlich auch der Sinn beider Vollzeitbeschäftigungen.

In jener Nacht ließ sich Eileen zu Hause bis zum Anschlag mit Jack Daniel’s volllaufen.

Irgendwann landete sie in horizontaler Lage auf dem Boden ihres Zimmers in der umgebauten Garage, mit direktem exklusiven Blick auf den Papierkorb unter dem Schreibtisch.

Musik dröhnte aus ihrer Stereoanlage, dank der uralten Lautsprecher von einem kräftigen Rauschen begleitet. »Chrismas Wrapping« von den Waitresses lief seit einer halben Stunde in Dauerschleife. Es war ein grauenvoller Song. Es war der beste Song. Eileen summte mit.

Draußen war es düster – typisch für Oregon. Ihre Mutter war an diesem Nachmittag auf die Bahamas geflogen. Aber nichts von alledem kümmerte Eileen. Sie war taub für alle schlimmen Dinge. Sie wackelte im Rhythmus der Musik mit den Zehen und las mit verschwommenem Blick die Anschrift auf dem Umschlag im Mülleimer.

Ms Eileen Sullivan.

Eileen krallte nach dem Rand des Mülleimers, kippte ihn um und schnappte sich den Umschlag.

Er war bereits geöffnet, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, es getan zu haben. Andererseits tat sie, wenn sie trank, eine Menge Dinge, an die sie sich nicht erinnern konnte.

ZWEI

Claire

Zur selben Zeit, als Eileen den Brief las, studierte Claire die Ablehnung von ihrem Traumcollege.

Sie starrte auf ihr Handy, las die hässlichen Worte auf der Bewerbungsseite der Homepage.

Vielleicht bin ich ja mit dem Daumen verrutscht, dachte sie, oder ich hab aus Versehen das Passwort von jemand anderem eingegeben.

Das redete sie sich nun schon seit sechs Tagen ein.

Vollkommen wahnsinnig.

Ms Hopkins, Claires Studienberaterin, hatte sie gewarnt, dass ihre Chancen in Yale eher schlecht standen. Aber Ms Hopkins kannte Harper Everlys YouTube-Videos auch nicht. Sie wusste nicht, was es bedeutete, eine Überfliegerin zu sein. Wenn sie es gewusst hätte, würde sie schließlich nicht für den Schulbezirk Emmet, Oregon, arbeiten und solche Sätze sagen wie: »Gute Noten und Empfehlungsschreiben reichen nicht aus, um dort angenommen zu werden.« Sie würde ihre negative Energie nicht in Claires Leben bringen.

Das hatte Claire sich jedenfalls seit Oktober und den ganzen November über bis zum fünfzehnten Dezember eingeredet, als sie die E-Mail aus Yale bekommen hatte, in der man sie aufforderte, sich auf der Website einzuloggen. Sie war so nervös gewesen, dass sie das Passwort zwei Mal falsch eingegeben hatte. Darum war sie sich auch sicher gewesen, dass die Absage auf keinen Fall ihr gelten konnte. Sie hatte sich eingeredet, dass es das falsche Konto sein musste, selbst als sie sich zum zweiten Mal eingeloggt hatte. Und zum dritten.

Und zum fünfzehnten Mal.

Das offizielle Schreiben war am nächsten Tag mit der Post gekommen und hatte Claire genau das Gleiche mitgeteilt wie die Online-Version: Du bist nicht gut genug.

Trotzdem hatte sie sich jeden Tag neu eingeloggt und darauf gehofft, dass alles doch nur auf einen technischen Fehler zurückzuführen war.

Das Gleiche immer und immer wieder zu tun und trotzdem ein anderes Ergebnis zu erwarten, war die Definition von Wahnsinn, richtig?

Oder von Beharrlichkeit.

Ein Ja genügte. Das sagte jedenfalls Harper Everly, und Harpers Wort war Gesetz. Sie sagte außerdem: »Plane nicht für Misserfolge, sonst erntest du Misserfolg.«

Harper verkündete diese Behauptung selbstbewusst, mit strahlend weißen Zähnen und mit in Edelsteinfarben schimmernder Statement-Kette. Sie war aus gutem Grund selbstbewusst: Sie hatte Erfolg. Sie war erst zwanzig, hatte über zwei Millionen Abonnenten und entsprechend zahlreiche finanzkräftige Sponsoren. Sie war von der Cosmopolitan zur »Jungen Unternehmerin mit Zukunft« gekürt worden, und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, war sie in irgendeiner unbedeutenden Kleinstadt mitten im Nirgendwo aufgewachsen, die genauso gut Emmet hätte sein können. Harper wusste, wovon sie sprach.

Also warum starrte Claire dann auf eine Absage?

Auf ein Nein.

Noch nicht mal auf die Warteliste. Sondern auf ein direktes, unumstößliches Nein.

Wie konnte man jemanden mit perfekter Punktzahl beim Eignungstest und einem Notendurchschnitt von 1,0 ablehnen? Eine wahre Heilige mit Hunderten Stunden ehrenamtlicher Arbeit und haufenweise Empfehlungsschreiben von ihren Lehrerinnen und Lehrern sämtlicher Hauptfächer, in denen sie versicherten, dass sie eine geborene Anführerin war? Wie konnte Yale Claire Sullivan ablehnen, ein brillantes, vielseitig interessiertes junges Mädchen aus der Arbeiterklasse, das obendrein auch noch lesbisch war? Kapierten sie denn nicht, dass sie einen Ausweg brauchte? Sie gehörte an einen wundervollen, weltoffenen, intellektuell stimulierenden Ort – der all das bot, was Emmet nicht war.

»Fick dich, Yale«, fluchte Claire und schleuderte ihr Handy vom Bett auf den rosa Flokati.

Sie bereute es sofort.

»Fick dich« war ein hässlicher Ausdruck, der nur von Menschen ohne Ambitionen benutzt wurde. Es fühlte sich falsch an, ihn auszusprechen, wie ein Verrat.

Aber Yale hatte Claire zuerst verraten.

Sie war sich so sicher gewesen. Wenn ihre Mutter durch pures Glück eine Bahamas-Kreuzfahrt gewinnen konnte, dann würde es Claire, eine zuverlässige Überfliegerin, doch wohl nach Neuengland schaffen.

Aber jetzt würde es kein Neuengland für sie geben. Keine schneebedeckten Winter oder historischen Torbögen aus grauem Stein. Keine sokratischen Diskussionen am knisternden Kaminfeuer. Keine Ainsley St. John und keinen perfekten ersten Kuss.

Claire legte sich hin und ließ zum ersten Mal zu, dass sich die erdrückende Wahrheit in ihrem Körper festsaugte, durch ihre Adern pulsierte und sich tief in ihr Herz bohrte.

Sie hätte es bereits vor einem Monat kommen sehen müssen. Schon damals hatte die Fassade von Claires perfekter Zukunft erste Risse bekommen. Sie hatte Instagram geöffnet und einen neuen Post von Ainsley gesehen, den Arm um die Schultern eines strahlenden blonden Mädchens mit Baseballmütze geschlungen. Die Bildunterschrift lautete: » meine Freundin.«

Freundin. Eine Freundin, die nicht Claire war.

Trotzdem, hatte Claire sich gesagt, waren Freundinnen eben nur Freundinnen. Keine Verlobten. Keine Ehefrauen. Die beiden würden höchstens ein paar Monate zusammenbleiben, vielleicht auch nur ein paar Tage, und so lange konnte Claire locker warten.

Sie hatte genau das getan, was Harper gesagt hatte, und nicht für einen Misserfolg geplant. Sie hatte den Instagram-Post ignoriert, weil sie sich geweigert hatte, sich deswegen Sorgen zu machen. Sie hatte sich ausschließlich in Yale beworben – alles oder nichts.

Und jetzt?

Jetzt war es zu spät.

Sie würde das Mädchen nicht kriegen.

Sie würde nicht nach Yale gehen.

Sie würde gar nicht aufs College gehen, Punkt.

Alles, worauf Claire in den vergangenen zwei Jahren hingearbeitet hatte, war futsch – ihre Träume wie Schneeflocken dahingeschmolzen zu einer nutzlosen Pfütze.

Claire war eine Planerin, und ihr Plan war gescheitert.

DREI

Murphy

Zur selben Zeit, als Claire ihre College-Absage studierte, entdeckte Murphy die Leiche.

Im Gegensatz zu beispielsweise Hamstern oder Igeln erfreuten sich Schildkröten normalerweise auch als Haustiere eines erstaunlich langen Lebens: im Durchschnitt vierzig Jahre lang. Siegfried hatte es immerhin auf dreißig Jahre gebracht, also hatte er eigentlich ein recht anständiges Schildkrötendasein erlebt. Er war allerdings keines natürlichen Todes gestorben. Er war gestorben – davon war Murphy überzeugt –, weil sie vergessen hatte, ihn zu füttern.

In letzter Zeit war sie mit der Schule und der Theater-AG ziemlich beschäftigt gewesen. Sie hatte einfach nicht daran gedacht.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn nicht gefüttert zu haben. Aber genau das war das Problem bei Schildkröten: Sie erinnerten einen nicht daran, wenn man vergaß, ihnen etwas zum Abendessen zu servieren. Sie konnten weder bellen noch miauen noch an ihrem Käfig kratzen. Sie blieben einfach in ihrem Panzer, ganz gechillt. Hungrig. Hungriger. Tot.

Murphy hatte mal irgendwo gelesen, dass Schildkröten monate- oder sogar jahrelang ohne Nahrung auskommen konnten. Genau darum hatte sie die Sache mit dem Füttern überhaupt so sehr vernachlässigt. Siegfried war ein Kaltblüter, deshalb konnte er ein paar Tage ohne Essen gut verkraften. Er kam seit Ewigkeiten mit dreckigem, mehrere Monate altem Trinkwasser und einer kaputten Wärmelampe aus, die zu ersetzen Murphy auch ständig vergessen hatte.

Doch wie es schien, stießen auch Kaltblüter irgendwann an ihre Grenzen.

Murphy war sich nicht sicher, ob sie sich das jemals würde verzeihen können.

Und was noch schlimmer war: Jetzt hatte sie eine Leiche am Bein. Was sollte sie bloß tun? In den vierzehn Jahren ihres bisherigen Lebens hatte niemand Murphy auf etwas Derartiges vorbereitet. Wen konnte sie in Sachen Schildkrötenbeerdigungen überhaupt um Rat fragen?

Nicht ihre Mom. Leslie Sullivan war an diesem Morgen zu ihrem Lotteriegewinn, einer All-inclusive-Kreuzfahrt auf die Bahamas, aufgebrochen, und hatte ihren Töchtern erklärt, dass sie, nachdem sich das Schiff auf dem offenen Meer befand, keinen Handyempfang mehr hatte und den Internetzugang nur sehr begrenzt nutzen würde, weil er zu teuer war.

Doch selbst wenn ihre Mutter hier gewesen wäre und sie ihr die traurige Nachricht hätte mitteilen können, hätte es sie wirklich interessiert? Vor sechs Jahren, als Murphy sie gefragt hatte, ob sie sich um die Familienschildkröte kümmern dürfe, hatte ihre Mom das Terrarium fast erleichtert in Murphys Zimmer geschafft. Ihre Mutter arbeitete immer bis spät in der Drogerie. Sie hatte nicht einmal Zeit, sich wegen Murphys Hausaufgaben Gedanken zu machen, von einer alten Schildkröte ganz zu schweigen.

Damit blieben nur noch Eileen und Claire, Murphys ältere Schwestern, als mögliche Beraterinnen in Schildkrötenbeerdigungsangelegenheiten. Eileen, die sich ständig in ihrem Zimmer einschloss, laut Musik hörte und nur gelegentlich auftauchte, um durch die Gegend zu torkeln und irgendetwas Unverständliches vor sich hin zu lallen. Oder Claire, die sich ebenso ständig in ihrem Zimmer einschloss und nur gelegentlich auftauchte, um Murphy einen Vortrag darüber zu halten, keine Schüsseln mit getrockneten Haferflocken in der Küchenspüle stehen zu lassen.

Als ob Murphy eine von ihnen um Hilfe bitten würde.

Vielleicht vor vier Jahren, als sie noch netter gewesen waren und ihre Türen nicht immer abgeschlossen hatten.

Doch die Zeiten waren lange vorbei. Was Siegfrieds Beerdigung anging, war Murphy auf sich allein gestellt.

An diesem Abend war es still im Haus. Ihre beiden Schwestern hatten sich wie immer in ihren Zimmern verbarrikadiert. Murphy saß vor dem Familiencomputer im Wohnzimmer. Es war ein Riesentrumm aus dem letzten Jahrhundert, der Lüfter war kaputt und ratterte jedes Mal, wenn man den Rechner anschaltete, wie ein von Einschusslöchern übersäter Kampfjet. Während Murphy wartete, dass der uralte Klotz endlich hochfuhr – ri-tat-tat-ti-tat – zog sie ihren neuesten Seiltrick aus der Jeanstasche.

Sie war immer noch dabei, ihn zu üben:

Drüber, drunter, durchziehen, fertig.

In der Anleitung von Moderne Magie klang es ganz leicht. Im Augenblick lag das Seil jedoch schlaff in Murphys Händen und bildete ein vages M.

M für Murphy.

M für Mörderin.

Endlich erwachte der Computer zum Leben. Murphy legte das verräterische Seil beiseite, ging ins Internet und klickte die Suchmaschine an.

Sie tippte: »Wie wird man eine tote Schildkröte los?« Sie drückte die Entertaste.

Sie vermied es, auf »Bilder« zu klicken – das hier war schließlich nicht ihre erste widerliche Suchmaschinen-Mission. Stattdessen klickte sie auf das Suchergebnis aus einem Forum, von einer Internetseite namens Haustierkenner. Die meisten Forumsmitglieder schlugen eine Beerdigung in einem Schuhkarton vor.

Murphy konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal Schuhe gekauft hatte. Dank zweier älterer Schwestern war sie die Königin der Secondhand-Klamotten.

Sie scrollte weiter durch die Kommentare.

»SparksandDarts« riet:

Ich kann euch sagen, was mein Dad gemacht hat, als unsere Schildkröte das Zeitliche gesegnet hat: Er hat versucht, uns weiszumachen, sie hätte »Superkräfte« und sei über Nacht einfach »verschwunden«. Dann hat er behauptet, sie sei in unserem Fernseher »wiederaufgetaucht«, und zwar als einer der Teenage Mutant Ninja Turtles. Ich hab meine halbe Kindheit in dem Glauben verbracht, Michelangelo sei mein altes Haustier.

Murphy stieß ein Schnauben aus und murmelte: »Echt krank.«

Trotzdem speicherte sie die Information ab. Nicht fürs reale Leben. Für eine Show.

Magier ließen regelmäßig Kaninchen verschwinden, aber Murphy hatte noch nie einen Trick gesehen, bei dem eine Schildkröte verschwand. Das wäre mal was Neues. Frisch. Lustig. Murphys großer Durchbruch. Vielleicht würde sie ja als »Turtle Girl« in die Geschichtsbücher eingehen.

Sie schnitt eine Grimasse.

Kein besonders großartiger Name.

The Great Turtle Queen?

Schon besser. Trotzdem würde sie noch dran arbeiten müssen, wenn sie erst mal in Las Vegas war.

Murphy scrollte weiter durch die Forumsbeiträge und las, dass in mehreren Kommentaren ein Bleichmittel empfohlen wurde, um Bakterienwachstum zu verhindern.

In dem Moment wurde ihr richtig übel.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag: Sie würde die Schildkröte transportieren müssen. Den toten Siegfried berühren müssen.

Sie änderte ihre Suchanfrage in: Wie wird man eine tote Schildkröte los, ohne sich zu übergeben?

Zweiundzwanzigster Dezember

VIER

Eileen

Anwaltskanzlei Knutsen & Crowley | 218 Avenue B #5

Sehr geehrte Ms Sullivan,

18. Dezember 2020

bereits zu seinen Lebzeiten durfte ich die Interessen Ihres Onkels, Patrick Enright, vertreten, und nach seinem Ableben vor einer Woche kümmere ich mich um die Vollstreckung seines Testaments. Mr Enright hatte mich bereits darüber in Kenntnis gesetzt, dass dies eine Überraschung für Sie sein dürfte, aber er hinterlässt den Großteil seines Vermögens Ihnen und Ihren Schwestern. Das Vermögen soll in drei gleiche Teile aufgeteilt werden, die Ihnen jeweils an Ihrem achtzehnten Geburtstag vermacht werden sollen.

Da Sie als Einzige der Sullivan-Schwestern die Volljährigkeit bereits erreicht haben, schreibe ich Ihnen mit der Bitte, einen Termin in meinem Büro zu vereinbaren, damit wir die Bedingungen des verstorbenen Mr Enright besprechen und ich all Ihre eventuellen Fragen beantworten kann. Sollten Sie dies wünschen, steht es Ihnen selbstverständlich frei, in Begleitung Ihres eigenen Anwalts zu erscheinen. Ich freue mich darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Hochachtungsvoll,

William J. Knutsen

Eileen blickte von dem Brief in ihrer Hand auf. Sie stand vor dem Gebäude 218 Avenue B, während Mariah Carey im Weihnachtsradio trällerte. Angespannt kaute sie auf vier Dubble Bubble-Kaugummis herum.

Sie hasste diesen Song.

Aber sie war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde, aus dem Wagen zu steigen.

»Scheiße«, fluchte sie hinter dem Lenkrad.

Sie genoss den flüchtigen Zuckerrausch des Kaugummis. Es war zwar kein Alkohol, aber immerhin das Nächstbeste: absolut notwendig für ein kurzfristiges gesellschaftliches Funktionieren, aber absolut schädlich für das langfristige Wohlergehen.

Es war neblig draußen, und der Regen hatte sich auf dem Parkplatz in Pfützen gesammelt, die vor Benzin und Gott weiß was für Mist schillerten. Eileen hatte keine Ahnung, was sie von William K. Knutsen erwarten sollte. Jedenfalls nicht diesen Schandfleck von einem Büro, das sich zwischen zwei leeren Läden befand, gekrönt von einer verrosteten Tafel über der Doppelglastür. Das Ganze roch verdächtig nach einem Schwindel.

Dieser Laden war hingegen so schwindelerregend, dass er nur echt sein konnte.

Eileen hatte keine Ahnung gehabt, dass es in Emmet überhaupt eine Anwaltskanzlei gab. Sie hatte angenommen, dass Bewohner, die rechtlichen Beistand benötigten, weiter entfernt danach suchen mussten, in einer richtigen Stadt wie Eugene, zum Beispiel. Dass dieser Laden hier überhaupt existierte, war fast ein Schock.

Genau wie die Tatsache, dass sie ein Drittel des Vermögens ihres Onkels geerbt hatte. Genau wie die Tatsache, dass sie einen Onkel hatte. Patrick Enright.

Was zur Hölle?

Eileen fuhr mit dem Daumen über die Briefkante und überprüfte das Papier auf irgendwelche Anzeichen für einen Betrug.

Eileen wusste, was das Verantwortungsbewussteste gewesen wäre: warten, bis ihre Mutter von der Kreuzfahrt wieder zurück war, ihr den Brief zeigen und sie ganz direkt danach fragen, was er zu bedeuten hatte. Aber wer behauptete, dass Eileen verantwortungsbewusst war? Und wer behauptete, dass ihre Mutter zu einem offenen Gespräch bereit war? Eileen hatte sich seit vier oder fünf Jahren nicht mehr richtig mit ihrer Mutter unterhalten. Ihre Mom befand sich stets an einem von zwei möglichen Orten: in der Drogerie in der Furth Avenue oder eingeschlossen in ihrem Schlafzimmer, wo das Gemurmel aus dem Fernseher mit ihrem Schnarchen wetteiferte. Wo sie hingegen niemals zu finden war? In Eileens Leben.

Nein. Nach der Erkenntnis der vergangenen Nacht hatte Eileen beschlossen, dass es am besten war, direkt zur Quelle zu gehen: Mr Knutsen höchstpersönlich. Sie wollte den Mann mit eigenen Augen sehen. Einerseits, um sich zu vergewissern, dass seine Anwaltskanzlei wirklich existierte. Andererseits, weil sie sofort Antworten wollte, und zwar von Angesicht zu Angesicht. Im schlimmsten Fall war das Ganze ein Schwindel. Dann würde sie einfach abhauen. Aber das gottverdammte Best-Case-Szenario war, dass sie doch Verwandtschaft hatte – wenn auch tote Verwandtschaft. Und vielleicht konnte ihr diese Verwandtschaft ja sogar eine Erklärung liefern – eine andere Erklärung als die in den Briefen, die sie vor zwei Jahren entdeckt hatte. Das könnte alles verändern.

Und Eileen wünschte sich verflucht noch mal, dass sich etwas änderte.

Der Kaugummi verlor seinen Geschmack. Eileen spuckte ihn in ihre Hand und formte eine glänzende Kugel daraus, die sie in den Becherhalter fallen ließ. Claire hätte sie dafür als widerlich bezeichnet, aber das hier war nicht Claires Auto. Und es war auch nicht Claire, die sich um diesen Brief kümmern musste. Diese Aufgabe fiel ganz allein Eileen zu.

Eileen stellte den Motor ab und stieg aus dem Wagen. Sie umging die tieferen Regenpfützen, überquerte den Parkplatz, öffnete die Tür der Kanzlei und trat ein.

Das Innere war überraschend ansprechend, in einem veralteten Siebziger-Jahre-Stil gehalten, mit holzverkleideten Wänden und glänzenden goldenen Beschlägen. Im vorderen Teil des Raumes saß eine Empfangsdame hinter einem Schreibtisch und tippte auf ihrer Tastatur herum.

Eileen räusperte sich.

»Wann ist Ihr Termin?«, fragte die Empfangsdame, ohne den Blick von ihrem Monitor abzuwenden.

»Äh. Ich hab keinen ausgemacht. Sollte ich das?«

Die Empfangsdame hörte auf zu tippen. Ihr Gesicht erinnerte Eileen an ihre Lehrerin aus der vierten Klasse, Ms Larson, und da sie hier in Emmet waren, standen die Chancen ziemlich gut, dass die beiden tatsächlich miteinander verwandt waren.

»Keine Konsultationen ohne vorherige Anmeldung«, erklärte Ms Larsons Wahrscheinlich-Schwester. »Sie müssen entweder bei Mr Crowley oder Mr Knutsen einen Termin vereinbaren.«

»Ja, Mr Knutsen hat mir das hier geschickt.«

Eileen hielt ihr den Brief hin.

»Das mag ja sein«, sagte die Empfangsdame nach einem Moment, »aber Sie müssen trotzdem einen Termin vereinbaren. Sie werden bis nach den Weihnachtsfeierta–«

»Schick sie rein, Tonya.«

Eileen hob den Blick. Drei Türen gingen von dem Empfangsbereich ab. Eine dieser Türen war offen. Auf ihr stand: WILLIAM J. KNUTSEN, RECHTSANWALT.

»Bill«, rief Tonya zurück, »ich glaube nicht –«

»Ich hab gesagt, schick sie rein.«

Tonya wirkte hilflos und stinksauer. Sie funkelte Eileen wütend an, die sich fragte, ob sie für dieses Treffen vielleicht doch lieber hätte duschen und/oder sich die Haare machen sollen. Und ob sie vielleicht lieber nicht ihre übliche Lederjacke, die Springerstiefel und den dicken Kajal hätte tragen sollen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Tonya tat, wie Bills Stimme befohlen hatte, und bedeutete Eileen, in sein Büro zu gehen.

William J. Knutsen war, genau wie seine Kanzlei, nicht das, was Eileen erwartet hatte. Er hatte weiße Haare und war ein wenig rundlich, während sie sich einen jungen Emporkömmling und Trickbetrüger vorgestellt hatte. Dieser Typ hier sah jedoch eher aus wie der Weihnachtsmann. Jemand, den Eileen früher einmal mit Begeisterung gemalt hätte.

Aus dem Ledersessel hinter seinem Schreibtisch sagte er: »Bitte, nehmen Sie Platz, Ms Sullivan.«

Mr Knutsen redete genau so, wie sie sich den Weihnachtsmann vorstellte: vergnügt. Bodenständig. Sie warf einen Blick auf den Stuhl ihm gegenüber und antwortete dann: »Ich bleibe lieber, wo ich bin, danke.«

Mr Knutsen widersprach ihr nicht. Er bildete mit den Fingern ein Zelt vor seiner von Schnurrbarthaaren gesäumten Oberlippe.

Eileen betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Woher wissen Sie, wer ich bin?«

»Nun, üblicherweise ist meine Klientel über dreißig.«

»Messerscharf kombiniert.« Eileen tippte sich an die Schläfe. »Sie sind wohl ein ganz cleveres Kerlchen, Billy.«

Mr Knutsen wirkte weiterhin gelassen. Wenn Eileen so mit einem ihrer Lehrer gesprochen hätte, hätten sie ihr sofort Nachsitzen aufgebrummt. Allerdings war sie sich nicht ganz sicher, warum sie jetzt so unverschämt war. Vielleicht war sie wegen dieser ganzen Sache nervöser, als sie es sich eingestehen wollte, und wusste nicht anders damit umzugehen, als sich wie ein Arschloch aufzuführen.

Sie ließ den Brief auf den Tisch fallen. »Also, was hat das zu bedeuten? Ich habe einen Onkel?«

Endlich entlockte sie dem Typen mal eine Reaktion: Mr Knutsens Lider flatterten, und er setzte sich gerader in seinem Sessel auf. »Es tut mir leid«, erwiderte er. »Ich dachte, das sei Ihnen bekannt.«

»Meine Mom war ein Pflegekind. Sie hat keine Familie. Und mein Dad war ein Einzelkind.«

Mr Knutsen blinzelte erneut. »Laut meinen Unterlagen war Ihr Vater kein Einzelkind. Oder, besser gesagt, laut Patrick Enrights Unterlagen.«

»In meiner Familie heißt niemand Enright«, entgegnete Eileen.

Mr Knutsen erhob sich aus seinem Sessel, und einen Moment lang hatte Eileen Angst, er könnte sie aus dem Zimmer werfen und ihr hinterherbrüllen: »SIE HABEN RECHT, ICH HABE EINEN RIESIGEN FEHLER GEMACHT!«

Aber stattdessen durchquerte er das Büro zu einem hohen Aktenschrank und öffnete mit einem Schlüssel die oberste Schublade. Er blätterte durch die Mappen, holte einen dick mit Papieren gefüllten Ordner heraus und legte ihn vor Eileen auf den Tisch.

»Ist Ihnen bekannt, dass Ihre Eltern ihren Namen geändert haben, Ms Sullivan?«

Eileen machte keinerlei Anstalten, den Ordner zu berühren. »Ja, als Mom geheiratet hat. Aber sie hieß vorher Clark. Nicht Enright.«

»Ich spreche nicht vom Mädchennamen Ihrer Mutter. Ihr Vater war derjenige, der seinen Namen geändert hat.«

»Finden Sie nicht auch, dass das Wort total antiquiert klingt? ›Mädchenname‹? So nach: Also, willst du zur Mitgift noch ein paar Rinder obendrauf?«

Mr Knutsen starrte Eileen mit leerer Miene an. Vielleicht war sie jetzt doch einen Schritt zu weit gegangen.

»Na schön«, sagte sie. »Und warum hat mein Dad seinen Namen geändert?«

»Das kann nur er Ihnen sagen, nicht ich. Nur zu, öffnen Sie den Ordner.«

Eileen spürte ein unbehagliches Kratzen im Hals. War das hier doch ein Schwindel? Sie hatte schon vom Enkeltrick gehört, aber was sollte dann das hier sein? Ein Onkeltrick, um Highschoolabsolventen abzuzocken? Falls ja, dann würde die Aktion für den guten Bill nach hinten losgehen. Eileen war total abgebrannt. Wenn sie so darüber nachdachte, dann konnten ihr Trickbetrüger absolut nichts anhaben, genauso wenig wie das, was sich in diesem Ordner befand.

Trotzdem hielt sie irgendetwas in ihrem Inneren davon ab, ihn zu öffnen.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf etwas, das Mr Knutsen gesagt hatte: Das kann nur er Ihnen sagen. Dieser Typ konnte nicht besonders viel Ahnung haben, wenn er nicht mal wusste, dass John Sullivan seit vierzehn Jahren tot war.

Die Stille breitete sich weiter zwischen ihnen aus und wurde langsam unbehaglich. Mr Knutsen schien es genauso zu empfinden, zog den Ordner von Eileen weg und schlug ihn selbst auf. Er löste etwas aus einer Büroklammer – ein Foto – und hielt es ihr hin.

Eileen nahm es. Sie wäre sich dann doch zu sehr wie eine unverschämte Zicke vorgekommen, wenn sie es nicht getan hätte.

Sie blickte auf einen Mann Mitte zwanzig, der vor einem Drahtzaun stand. Sie wusste, wer er war. Weicher Kiefer. Gerötete Wangen. Rotblondes Haar. Eng stehende Augen, kornblumenblau. Züge, die Eileen nicht geerbt hatte, von anderen Fotos ihres Vaters aber sofort wiedererkannte.

»Und?« Sie wedelte mit dem Bild in Mr Knutsens Richtung.

»Das ist Patrick Enright.«

Eileen hörte auf zu wedeln. Sie hielt sich das Foto ganz nahe vors Gesicht und betrachtete es erneut. Betrachtete es wirklich. Die Züge des Mannes ähnelten John Sullivan, aber er war es nicht. Es gab einige Unterschiede. Die Form seiner Nase. Die gebeugten Schultern. Die hagere Gestalt.

Eine spitze Kralle bohrte sich in Eileens Eingeweide. Es fühlte sich vertraut an, auch wenn sie ihn seit einer Weile nicht mehr gespürt hatte – den Schmerz, ihren Vater nicht gekannt zu haben, weil er jung gestorben war. In ihrem Kopf schwirrten noch vage Erinnerungen an ihn herum: Arme, die sie in der Küche immer höher schwangen; der lange Pony, der ihm über die Augen fiel. Trotzdem kannte sie ihn nicht. Nicht gut genug, um ihn von einem Fremden zu unterscheiden.

Eine richtige Tochter hätte den Unterschied bemerkt.

Eileen brauchte dringend was zu trinken.

»Selbstverständlich ist dies ein älteres Foto«, sagte Mr Knutsen. »Es gibt keine jüngere Aufnahme von vor seinem Tod letzte Woche. Leberzirrhose, mit ernsten Komplikationen. Sehr unschöne Art, abzutreten, wie man so hört. Wie dem auch sei, Ms Sullivan, wissen Sie etwas darüber, wie Ihr Vater aufgewachsen ist? Darüber, wo er und Ihr Onkel gelebt haben?«

Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was ich alles weiß, dachte Eileen.

Was sie jedoch sagte, war: »In irgendeiner anderen beschissenen Stadt. Warum spielt das eine Rolle?«

»Er hat Ihnen dort ein Haus hinterlassen.«

Eileen blieb stehen. Langsam drehte sie sich um.

Endlich kamen sie der Sache näher.

»Ein … Haus?« Die Frage fiel von Eileens Lippen wie getrockneter Klebstoff.

»Ein Drittel des Verkaufserlöses, um genau zu sein. Das ist Ihr Anteil an seinem Vermögen. Ihre Schwestern werden die beiden verbleibenden Drittel erben.«

»Ahaaa …« Eileen konnte nicht mehr richtig fühlen. Ihr Gesicht war ganz taub, oder vielleicht war es auch gar nicht mehr da. Sie brauchte wirklich dringend einen Schluck zu trinken.

»Bitte, Ms Sullivan, nehmen Sie Platz. Wir haben eine Menge zu besprechen.«

Eileen tat, wie Mr Knutsen ihr befohlen hatte, nur dieses eine Mal.

FÜNF

Claire

Es war Versandtag, und Claire wünschte sich, sie könnte irgendwo anders sein – überall, nur nicht hier, im Postamt, drei Tage vor Weihnachten.

»Vollkommen wahnsinnig«, murmelte sie, an sich selbst gewandt – und an die neun Kunden ihres Onlineshops, die noch nach dem Weihnachtsstichtag Bestellungen aufgegeben hatten. Es spielte keine Rolle, wie deutlich Claire auf die Versandbedingungen hinwies, die Käufer ignorierten sie einfach und klammerten sich an die falsche Hoffnung, dass ihre Last-Minute-Geschenke doch noch rechtzeitig eintreffen würden.

Manche Leute hatten einfach nicht den nötigen Respekt für die entsprechende Planung, von der entsprechenden Logistik ganz zu schweigen.

Was jedoch nicht bedeutete, dass Claire ihr Geld nicht annehmen würde.

Während sie in der Warteschlange stand, ein Dutzend Leute zwischen ihr und dem Postschalter, kopierte sie eine Nachricht, fügte sie in der App des Shops ein, löschte den Namen der vorherigen Kundin und ersetzte ihn durch den der nächsten:

Hi Rebecca,

noch mal zur Erinnerung: Dieses Geschenk wird erst NACH Weihnachten eintreffen, wie in meinen Versandbedingungen für die Feiertage erklärt. Ich hoffe, du oder die/der von dir Beschenkte freut sich trotzdem über dieses einzigartige, handgefertigte Werk. Vielen Dank für deinen Auftrag!

xo Claire @ Silver Lining Boutique

Sie klickte auf Senden und machte sich an die nächste Nachricht:

Hi Madison,

Lance,

Zoe

Schließlich gelangte sie zu Nummer neun. Der neunte, hirnlose Last-Minute-Kunde, der weniger als eine Woche vor Weihnachten ein Geschenk in einer Online-Boutique gekauft hatte. Basierend auf ihren bisherigen Erfahrungen ging Claire davon aus, dass sechs der Käufer gar nicht reagieren, zwei von ihnen mit einem knappen Danke, ich verstehe! antworten und ihr eine Unerleuchtete Ambitionslose zurückschreiben würde, dass sie zutiefstempört war, und was für ein lausiger Kundenservice, sie habe ja keine Ahnung gehabt.

Bevor Claire angefangen hatte, sich Harper Everlys Videos anzuschauen, hätte sie diese letzte Kundin todsicher als dämliche Schlampe bezeichnet. Aber Harper hatte ihr beigebracht, dass »Schlampe« ein Ambitionslosen-Wort war – ein billiger Ersatz dafür, was man wirklich über eine andere Frau dachte oder fühlte, und im Großen und Ganzen alles andere als hilfreich. Jemanden als »Schlampe« zu bezeichnen, war, laut Harper Everly, absolut antifeministisch.

Deshalb betitelte Claire die zickigen Schlampen unter ihren Kundinnen stattdessen als Unerleuchtete Ambitionslose und benutzte intelligentes Vokabular, um deren Handeln zu beschreiben: eingebildet, ahnungslos, ignorant. Es war vielleicht nicht ganz so befriedigend, diese Worte laut auszusprechen, aber sie entsprachen der Wahrheit, und letzten Endes verlangten diese Kunden nur sehr selten eine Rückerstattung. Bei Claires Preisen war es die Mühe einfach nicht wert. Sie konnten gerne ihre bösen Nachrichten schreiben, aber am Ende war Claire diejenige, die ihr Geld in der Tasche hatte. Sie war diejenige, die zuletzt lachte.

So funktionierte das nun mal, auch das hatte Harper ihr beigebracht. »Die Ambitionslosen schreien am lautesten. Die Überflieger leben am lautesten. Es ist ein Spiel auf Zeit, und am Ende gewinnen die Überflieger.«

Was Claires geschäftliche Bemühungen mit ihrem kleinen, aber feinen Online-Schmuckshop anging, den sie mit vierzehn nur mithilfe ihres Handys und billigem Material aus dem Bastelladen aufgezogen hatte, hatte sich dies auch bewahrheitet. Seither verdiente sie nicht schlecht damit – mehr, als sie jemals in einem Mindestlohn-Job wie dem von Eileen oder ihrer Mom je bekommen hätte. Mehrere Tausend Dollar, Tendenz steigend, die sie fürs College sparte. Bisher war Claire ein voller Erfolg gewesen.

Ein voller Erfolg … nur zu welchem Zweck?

Was hatte es für einen Sinn, als aufstrebende Unternehmerin Erfolg zu haben, wenn man am Ende in der einzigen Sache versagte, die wirklich eine Rolle spielte?

Vor ihr stand eine Frau mit zwei schreienden Kleinkindern am Schalter, die selbst schrie und dem ziemlich mitgenommenen Postangestellten erklärte, dass eine Zustellung nach Weihnachten »inakzeptabel« sei.

Eine Unerleuchtete Ambitionslose wie aus dem Bilderbuch.

Claires Blick wanderte von dem Drama vor ihr zu den schlaffen grünen Lametta-Girlanden, die an den Wänden hingen. Über ihr flackerte eine so gut wie tote Neonröhre, während hinter ihr ein Mann von einem heftigen, schleimigen Hustenanfall geschüttelt wurde. Wenn es die Hölle wirklich gab, dann manifestierte sie sich am zweiundzwanzigsten Dezember auf dem Postamt.

Normalerweise verbrachte Claire hier nicht allzu viel Zeit. Sie hatte ein System: zu Hause einpacken und wiegen, Etiketten am Familiencomputer ausdrucken und die Päckchen wöchentlich verschicken, am Versandtag – simples Abliefern ohne Wartezeiten oder Stress. Gestern allerdings, am Einpacktag, hatte sie festgestellt, dass die schwarze Tinte im Drucker leer war.

Claire hatte da so ihren Verdacht. Sie gab Murphy die Schuld daran. Aber Überflieger gaben anderen nicht die Schuld. Sie standen über derartigen Dingen. Und Claire stand genau hier darüber, im neunten Kreis der Hölle.

»Vollkommen wahnsinnig«, grummelte sie erneut.

Vollkommen wahnsinnig, heute hierherzukommen.

Zu glauben, dass diese Luftpolsterumschläge mit Infinity-Armbändern und -Ohrringen für zwanzig Dollar sie eines Tages würden retten können. Zu hoffen, dass sie in Yale angenommen werden würde. Sich ein Leben jenseits dieses Dreckslochs von einer Stadt vorzustellen.

Das alles fühlte sich nicht an, als würde sie nach oben gelangen. Es fühlte sich an, als würde sie versinken.

Tiefer.

Und tiefer.

Claire musste sich zusammenreißen. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und führten nirgendwohin. Sie schaltete ihr Handy wieder ein und tippte auf einen vertrauten Nachrichten-Thread mit der Bezeichnung »Ainsley Internet«.

Inzwischen kannte Claire ihren vollständigen Namen: Ainsley St. John. Vor sieben Monaten, als sie sich online zum ersten Mal in einer Harper-Everly-Gruppe begegnet waren, hatte sie nur ihren Usernamen »AinsAGoGo« benutzt. Sie und Claire waren sich nähergekommen, weil sie beide – was sonst? – Harper Everly liebten und sich selbst zu den echten »Harperettes« zählten.

Ainsley hatte einen Kommentar zu einem Post von Claire über gute Boutiquen für Selbstgemachtes in und um Portland hinterlassen.

Ich hab vierzehn Jahre lang in Portland gelebt! Ich hoffe, diese kleinen Schmuckstücke gibts immer noch.

Und dann hatte Ainsley diese Schmuckstücke aufgelistet, und sie und Claire hatten angefangen, sich zu unterhalten. Eine Gemeinsamkeit führte zur nächsten, neue Posts zu Direktnachrichten. So hatte alles angefangen. Sie hatten festgestellt, dass sie beide von Trödel, The Great British Baking Show und Bette Midler besessen waren. Sie hatten darüber gesprochen, wie es war, in Oregon aufzuwachsen, und dass Claire in Hinterpfuiteufel wohnte, während Ainsleys Familie quer durchs Land nach Cleveland gezogen war, wo es laut Ainsley auch nicht viel lebendiger zuging. Sie hatten entdeckt, dass sie sich beide wegen ihrer Collegeeignungstests Sorgen machten – und dann hatten sie einander anvertraut, dass sie beide lesbisch waren.

Und damit war es passiert. Claire, die längst daran gewöhnt war, sich in unerreichbare Mädchen in der Emmet Middle School und der Highschool zu verknallen, hatte endlich jemanden gefunden, bei dem die Schwärmerei tatsächlich zu etwas führen könnte. Sicher, sie und Ainsley hatten sich im Internet kennengelernt, aber taten das heutzutage nicht die meisten Leute? Und da sich an ihrer Schule bislang niemand sonst geoutet hatte und die Chancen für Claire statistisch somit ziemlich schlecht standen, im echten Leben die wahre Liebe zu finden, fühlte sich die Begegnung mit Ainsley an, als … sei sie vorherbestimmt.

Ainsley war eine Überfliegerin, genau wie sie, und sie teilten das gleiche Schicksal. Sie hatten verglichen, an welchen Unis sie sich bewerben wollten, und als Ainsley ihr erzählt hatte, dass sie es riskieren und sich frühzeitig in Yale bewerben wollte, hatte Claire beschlossen, es ebenfalls zu tun.

Vollkommen wahnsinnig.

Vorübergehend geisteskrank.

Claire hatte genau gewusst, dass es nahezu unmöglich war, es in eine der Ivy-League-Unis zu schaffen. Bevor sie Ainsley kennengelernt hatte, plante sie, sich an staatlichen Universitäten in größeren Städten näher an zu Hause zu bewerben, an denen sie ein Stipendium erhalten, aber auch vernünftig feiern gehen konnte. In einer fortschrittlicheren Stadt, in der sie endlich sie selbst sein konnte. In der sie nicht mehr der einzige queere Fisch in einem viel zu kleinen Hetero-Teich war. Sie wollte einen Neuanfang. Einen neuen Hafen.

In New Haven.

Früher hatte sie gar nicht über die Ostküste nachgedacht. Sie hatte es immer als zu weit hergeholt betrachtet. Aber dank Ainsley war es ihr auf einmal doch möglich erschienen, und je öfter sie sich mit ihr darüber unterhalten hatte, desto mehr hatte Claire daran geglaubt, dass es tatsächlich möglich war. Warum nicht alles auf eine Karte setzen und das Risiko eingehen? Yale konnte ihr alles geben, was ihr auch eine Großstadt bot.

Sie hatte sich selbst für mutig gehalten, nicht für irrational. Das hatte Harper ihr schließlich versprochen: »Wage die richtigen Schritte, dann wird sich dein Leben wie von selbst fügen.« Claire hatte die richtigen Schritte gewagt: ein lukratives kleines Geschäft aufgebaut, sich in der Schule den Hintern aufgerissen, um den perfekten Eignungstest abzuliefern, und ihren Lebenslauf mit ehrenamtlichen Wochenendschichten in der örtlichen Suppenküche aufgebessert. Sie hatte jede Nacht höchstens fünf Stunden geschlafen, aber so lebten Überflieger nun mal. Ainsley hatte das besser verstanden, als jemals irgendjemand zuvor.

Und obwohl sie in all den Monaten, in denen sie sich gegenseitig Nachrichten geschickt hatten, definitiv niemals in romantische Gefilde vorgedrungen waren, war Claire sich sicher gewesen, dass Ainsley genau das Gleiche dachte wie sie: Sobald sie erst mal in New Haven waren und sich zum ersten Mal persönlich begegneten, würden die Funken nur so fliegen.

Na gut, okay, Ainsley hatte im vergangenen Monat ständig irgendwas von ihrer Freundin Bri gepostet – Selfies der beiden bei einem Konzert und vor irgendwelchen Foodtrucks. Aber das war nichts weiter als ein vorübergehender Rückschlag. Ein letzter kleiner Flirt in der Highschool. Wenn sie erst mal aufs College ging, war es damit längst wieder vorbei.

Claire hatte sich die ganze Zeit an diesen Tag Ende August geklammert, an dem sie den Campus betreten und sich selbst sagen konnte: »All die harte Arbeit hat sich ausgezahlt.« Sie würde eine hervorragende Ausbildung und ihre erste Freundin bekommen, und sie könnte sich endlich aus der tödlichen Stagnation befreien, die Emmet, Oregon, bedeutete. Sie würde sich nicht mehr mit Schwestern herumschlagen müssen, die ihr entweder nervtötende Fragen stellten oder ihr zwei Jahre lang die kalte Schulter zeigten. Sie müsste nicht mehr verbittert über eine Mutter sein, die zu beschäftigt mit ihrer Arbeit war, um sich mit Claire Colleges anzuschauen. Diese unschönen Teile ihres Lebens würden endgültig der Vergangenheit angehören.

Das war der Plan gewesen. Das Leben hatte nur aus freudiger Hoffnung und Adrenalin bestanden, selbst während der nervenaufreibenden Herbstmonate. Wann immer sie niedergeschlagener Stimmung gewesen war, hatte Claire sich selbst versichert, dass sie es nach Yale schaffen würde. Sie hatte nie den Glauben daran verloren.

Nicht bis vor einer Woche, als sie online von ihrer Ablehnung erfahren und zehn Minuten später eine Nachricht von Ainsley bekommen hatte: YALE, BABY! Claire hatte nicht darauf geantwortet, denn was gab es dazu schon zu sagen?

Und was dachte sie sich eigentlich dabei, sich die Nachricht schon wieder anzuschauen? Claire steckte das Handy zurück in die Hosentasche.

»Vollkommen wahnsinnig«, sagte sie zum dritten Mal.

Vielleicht war sie das wirklich.

Die Sache mit dem College hatte vielleicht nicht geklappt, und vielleicht war Ainsley nur das nächste unerreichbare Mädchen ihrer Träume, aber die Wartezeit im Postamt hatte Claire Zeit gegeben, um nachzudenken. Sie hatte eine Entscheidung getroffen: Sie würde eher sterben, bevor sie ein weiteres Jahr in Emmet verbrachte.

SECHS

Murphy

Ein Grab auszuheben gestaltete sich schwieriger, als es ihr das Internet weismachen wollte. Und dabei war es noch nicht mal ein normales Grab.

Eigentlich hatte Murphy vorgehabt, gut einen halben Meter tief zu buddeln, aber jetzt war sie froh, wenn sie zwanzig Zentimeter schaffte. Sie blickte zu der verschlossenen Tupperdose hinüber, in der Siegfried eingewickelt in eine Serviette mit Weihnachtsmuster lag.

»Willst du nicht vielleicht die Lazarus-Nummer für mich abziehen?«, fragte sie. »Dann wäre die Sache entschieden einfacher.«

Aber Siegfried blieb tot.

Im Gegensatz zu Murphy, die eine phänomenale Karriere als Entertainerin anstrebte, war er offensichtlich nicht an einem großen Auftritt interessiert. Er war einfach nur eine Schildkröte, die etwas Besseres verdient hatte, und kein Zaubertrick der Welt würde ihn aus seinem Servietten-Leichentuch wiederauferstehen lassen.

Murphy stach erneut in die kalte, harte Erde. Vielleicht wäre es leichter gewesen, wenn sie einen richtigen Spaten und nicht nur eine Gartenschaufel gehabt hätte. Vielleicht wäre es leichter gewesen, wenn es Sommer und der Boden nicht von Frost bedeckt gewesen wäre.

Vielleicht wäre das alles nicht passiert, wenn sie nicht vergessen hätte, Siegfried zu füttern, wie es ein guter, verantwortungsbewusster Mensch getan hätte.

Als es um die Auswahl der Grabstelle gegangen war, hatte sich Murphy gegen ihren eigenen Garten entschieden. Dort hätten sie womöglich nur die Nachbarn gesehen und ihr unangenehme Fragen gestellt. Stattdessen war sie mit Siegfried ein paar Hausecken weiterspaziert, zum Morris Park. Hier, einige Meter tief zwischen den Bäumen, neben einem Schotterpfad, befand sich ein dichter Bestand aus Tannen.

Murphy fand es irgendwie symbolisch: Tannen waren immergrün, genauso, wie Siegfried immergrün sein würde … in ihrem Herzen?

Ja, es war ergreifend. Und Siegfried hatte etwas Ergreifendes verdient.

Aber es dauerte ewig, das Grab zu schaufeln. Murphy war schon eine halbe Stunde damit zugange und hatte gerade mal die Umrisse eines Quadrats aus dem Boden gehackt. Langsam legte sich die Abenddämmerung über die Bäume, und die Kälte kroch in Murphys Daunenmantel und löste eine kribbelnde Gänsehaut auf ihrem ganzen Körper aus.

Alles war so still.

Im Sommer wimmelte es in dem Park von Joggern, Grillpartys und schreienden Kindern. Hier trafen sich Familien und feierten bis nach Mitternacht den vierten Juli mit Wunderkerzen und Bier. Im Dezember war der Park jedoch ein völlig anderer Ort.

Schatten sammelten sich rund um die Kiefern und Tannen und bildeten immer tiefere Taschen aus Dunkelheit, in der sich unbekannte Gestalten verstecken konnten. Bislang hatte Murphy keinen Gedanken an Sicherheit verschwendet. Sie hatte nur daran gedacht, dass der Park das nächstgelegene einsame Stück Land bot. Mörder und Kidnapper dachten wahrscheinlich genau dasselbe.

Sie rappelte sich auf, wischte die dreckige Schaufel an ihrem Jeansbein ab und schnappte sich Siegfrieds Sarg.

»Später«, sagte sie. »Wenn es wieder heller ist.«

Sie verließ den kleinen Hain in nervösem Laufschritt. Wenn sie hier draußen jemand entführen würde, fragte sich Murphy, wie lange würde es dann wohl dauern, bis Eileen und Claire es bemerkten? Stunden? Tage? Bis ihre Mom wieder von der Kreuzfahrt zurückkehrte?

Aber selbst dann würden sie wahrscheinlich ziemlich schnell darüber hinwegkommen.

Ich bin das Ersatzrad dieser Familie, dachte sie, während sie den Parkplatz überquerte. Niemand bemerkt mich, wenn ich da bin. Wer sollte es also bemerken, wenn ich nicht mehr da wäre?

Der Parkplatz war leer. Kein einziges Auto. Niemand, der es hätte sehen können, wenn behandschuhte Hände nach Murphy gegrapscht, sich um ihren Mund gelegt und sie in die immer dichteren Schatten gezerrt hätten. Ein Schauer jagte ihre Wirbelsäule hinab wie ein Elektroschock.

Es war eine ganz miese Idee gewesen, hier draußen zu graben.

Während Murphy der spärlich beleuchteten Straße folgte, wurde der Nebel immer dichter. Regentropfen perlten auf ihren Handschuhen. Eine Sekunde lang verharrten sie dort, sichtbare Tropfen, bevor sie in den schwarzen Strick sickerten. Murphy steckte die Hände unter ihren Mantel, wo der Sarg der Schildkröte fest zwischen ihrem Brustkorb und dem Reißverschluss klemmte. Sie tätschelte die Tupperdose und seufzte.

»Siegfried«, sagte sie, »dieses Weihnachten ist wirklich verrückt.«

Dreiundzwanzigster Dezember

SIEBEN

Eileen

Es war zwei Uhr morgens, und Eileen aß einen Donut vom Vortag, der noch von ihrer letzten Schicht im Supermarkt übrig war. Sie kaute darauf herum und ließ Zuckerflocken auf das zerknitterte Laken ihrer bettrahmenlosen Matratze rieseln. Ihr ganz persönlicher kleiner Blizzard.

Irgendwie war er ganz hübsch, dieser banale Schneesturm. Noch vor zwei Jahren hätte Eileen Titanweiß und Zinngrau aus ihren Acrylfarben gewählt, um die Szene richtig einzufangen.

Neben ihr lag eine Aktenmappe mit verschiedenen wichtigen Dokumenten. Mr Knutsen hatte sie gebeten, sie aufmerksam durchzulesen. Doch das einzige Dokument, das Eileen wirklich interessierte, war das Blatt Papier mit der Adresse:

Laramie Road 2270, Rockport, OR

Patrick Enrights Haus. Ihr Erbe. Nach allem, was Mr Knutsen ihr erklärt hatte, würde das Haus Eileen jedoch erst wirklich gehören, wenn Murphy achtzehn war. Dann konnte sie gemeinsam mit ihren Schwestern entscheiden, was sie damit tun wollten: das Haus behalten oder es verkaufen. Bis dahin hatte Patrick Enright genügend Geld hinterlassen, damit Mr Knutsen sich weiter um die Verwaltung des Anwesens kümmern konnte.

Danach hatte Mr Knutsen nur noch Juristenlatein von sich gegeben – irgendein Gefasel über Kapitalgewinne und Grundstückssteuern. Eileen hatte nicht mehr wirklich aufgepasst. Das Wichtigste hatte sie bereits gehört.

Vielleicht war es der Donut-Zuckerschub, der durch ihre Adern pulsierte, oder vielleicht der verblassende Rausch von zwei Gläsern Jack Daniel’s. Vielleicht war es auch nur das übliche Weihnachtsdelirium. Aber hier, auf ihrem Bett liegend, fasste Eileen Sullivan einen Plan. Mr Knutsen hatte einen Folgetermin mit ihr vereinbart, nach den Feiertagen, aber Eileen war nicht der Typ für langes Warten.

Schließlich gab es auch noch heute Nacht. Heute Nacht. Würde sie nach Rockport fahren.

Sie konnte nicht aufhören, daran zu denken, was Mr Knutsen gesagt hatte, kurz bevor sie sein Büro verlassen hatte:

»Wer weiß, was sich seit all den Jahren darin verbirgt.«

»Wie bitte?«, hatte Eileen gefragt. »Was?«