Die tausend Farben des Meeres - Lena Talis - E-Book

Die tausend Farben des Meeres E-Book

Lena Talis

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Beschreibung

Tödliches Spiel auf Korfu Korfu: grünes Inselparadies, spektakuläre Felsformationen und einsame Buchten – aber nicht für Fotografin Mila. Eigentlich ist sie auf die Insel gekommen, um die Beziehung mit ihrem Verlobten zu kitten. Doch Jannik, Journalist und Reiseblogger, ist wie vom Erdboden verschluckt und mit ihm alle Unterlagen zu seinem neuesten Projekt. Hat er sich mit seinen Recherchen in Gefahr gebracht? Mila scheint nicht die Einzige zu sein, die nach Jannik sucht. Es beginnt eine Jagd, die gefährlicher nicht sein könnte.

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Geboren in der Gegend von Osnabrück studierte Lena Talis in Stuttgart Kunstgeschichte, Literatur und Pädagogik und arbeitet heute als Journalistin, Museumspädagogin und Stadtführerin in Esslingen. Die Insel Korfu, den grünen Smaragd im Ionischen Meer, liebt sie seit vielen Jahren. Etliche Male verbrachte sie ihren Urlaub auf Korfu. Die beiden letzten Aufenthalte nutzte sie für eine ausführliche Recherche vor Ort.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2021 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: mauritius images/Žanete Terentjeva/Alamy

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer

Lektorat: Susann Säuberlich, Neubiberg

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-745-3

Originalausgabe

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Prolog

Juni 2018

Er hüllte den Toten in eines der Netze aus dem Olivenhain, rollte ihn über die Kante des felsigen Plateaus und beobachtete, wie das schwarze Bündel den Hang hinabrutschte, Fahrt aufnahm, von Felsblock zu Felsblock flog und schließlich mit einem satten Klatschen auf dem Grund der Schlucht aufkam. Ihm folgte eine Lawine aus Schutt, Geröll und Staub, die sich nur langsam legte. Danach wurde alles so still wie zuvor.

Das schwarze Netz, dachte er. Sein Verlust würde frühestens im Spätherbst zu Beginn der Olivenernte auffallen.

Schweißgebadet zog er sich zurück in die Haltebucht an der Straße, setzte sich auf seine Fersen und wischte sich die Hände an seiner Hose ab.

Er hatte nicht gewusst, dass es so einfach war, einen Menschen zu töten. Der Stein, mit dem er ihm den Schädel zertrümmert hatte, lag kaum zwei Meter entfernt. Ein mit Macht ausgeführter Schlag hatte ausgereicht, vom Klang her einer geknackten Eierschale ähnlich. Das Leben war in Sekundenschnelle aus dem Fremden gewichen und hatte nichts zurückgelassen als eine leere Hülle und Augen, die blicklos in den Himmel starrten.

Auf dem Parkplatz herrschte allerdings eine Mordssauerei. Seine Kleidung war mit Blut und etwas Undefinierbarem durchtränkt, das nur Gehirnflüssigkeit sein konnte. Vorbei. Entschlossen schob er den Anflug von Ekel beiseite, der ihn erfassen wollte, kickte den Stein über die Kante des Abhangs und bedeckte die Spuren seiner Tat mit Sand. Der Regen, der auf Korfu reichlich floss, würde für den Rest sorgen.

Er zog sein Hemd aus, knüllte es zusammen und warf es vor den Beifahrersitz des Geländewagens. Mit nacktem Oberkörper setzte er sich hinter das Steuer und konzentrierte sich auf seinen Atem, bis die Welt zur Ruhe kam.

Der Fremde war sofort tot gewesen. Eilig hatte er seine Taschen durchsucht, eine Geldbörse mit etwas Bargeld, aber keinerlei Papiere gefunden. Er glaubte nicht, dass jemand den Toten in seinem Hotel an der Küste vermissen würde, und wenn doch, landete er sicher auf einer Liste der Polizei, die keinen interessierte.

Der Mann hatte sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben. Zufällig waren sie in der Karaoke-Taverne »Crusoe« am Strand von Roda ins Gespräch gekommen. Der Fremde hatte erstaunlich gut Bescheid gewusst und genügend Dreistigkeit besessen, um genau die Fragen zu stellen, die er nicht hätte stellen dürfen.

Unter einem Vorwand hatte er ihn in die Berge gelockt und die Sache beendet. Egal, ob der Tote ein Polizist oder ein Privatschnüffler gewesen war, er musste seinem Geheimnis auf die Spur gekommen sein. Warum sonst sollte jemand im Touristenort Roda in einer Kneipe voller grölender Fans von Manchester United Dinge behaupten, die niemand wissen konnte?

Und wenn wider Erwarten doch jemand zur Polizei ging? Selbst Hundertschaften würden ihn im unwegsamen Hinterland Korfus nicht auf Anhieb entdecken. Wer sollte nach ihm suchen? Die Verantwortlichen in Athen gewiss nicht. Seine Tat würde unentdeckt bleiben.

Beruhigt setzte er den Motor in Gang, durchquerte ein verschlafenes Dorf und bog auf die Landstraße ein, die durch silbrige Olivenhaine abwärts ins Tal führte. Von Zeit zu Zeit öffnete sich der Blick auf einen lichtblauen Streifen Meer, der verheißungsvoll am Horizont aufleuchtete. Idylle pur.

Sein SUV fiel im ländlichen Korfu nicht weiter auf. Gegenverkehr gab es ohnehin kaum. Er drückte auf die Radiotaste. Weg mit dem Sirtaki, weg mit dem Geschwafel aus Athen. Er klickte sich durch die Senderliste, bis Popmusik aus dem Lautsprecher dröhnte, und sang bei jedem Song mit, im Siegestaumel.

Seine Gedanken kehrten zu der Mumie auf dem Grund der Schlucht zurück. Was auch immer den Fremden auf seine Spur gebracht hatte, jetzt ähnelte er in seiner schwarzen Verpackung dem Kokon einer Spinne, angelegt zu Vorratszwecken. Er hatte ihm eine würdige Bestattung zukommen lassen. Die knorrigen Olivenbäume, die das Bündel umgaben, streckten ihre Arme gen Himmel und bewachten ihn wie trauernde Klageweiber. In der Tiefe würde ihn niemand finden, außer es wagte sich jemand bei der Ernte in die Klamm hinab.

Im Herbst würde die Mumie von Brombeerranken zugewachsen sein. Insekten und Würmer hätten den Schädel kalkweiß gefressen. Seine finsteren Absichten wären ausgelöscht. Staub zu Staub und Asche zu Asche.

1

Letzter Post von Jannik Tersteegen, 8.9.2018:

Ich überquere die Straße und setze mich, das Notebook auf den Knien, an den Saum der Wellen, die ihre Farbe passend zur Tageszeit wechseln. Nach Sonnenuntergang ähnelt das Meer geschmolzenem Zinn. Mittags sieht es aus wie geronnenes Glas. Lauter helle Blautöne. Manchmal schimmert es lila, dann wieder türkis. Doch die Rückseite der Wellen ist so schwarz wie die dunkle Seite des Mondes. Mila würde diese Farbe mit ihrer Kamera einfangen und allen zeigen, dass sie der Spiegel unserer Einsamkeit ist. Die Brandung erfüllt meinen Kopf mit ihrem Rauschen. Manche Wellen flüstern sich an den Strand. Andere rollen mit weißen Schaumkronen heran, röhren auf wie ein Ferrari (blödes Wort) und fressen Löcher in die Küstenlinie. Ihnen kannst du nicht entgehen. Die starke Brandung der letzten Tage hat Almiros neu erfunden, den Strand schmaler und voller Treibgut zurückgelassen. Alles strotzt vor Möglichkeiten. Heute habe ich mein Buch beendet, ihr wisst schon, mein Projekt des letzten Jahres, und einen neuen Titel darübergeschrieben. »Die Pferde Poseidons« fand ich dann doch zu pathetisch. Ihr dürft also gespannt sein. Ich bin stolz auf meinen Text und auch sonst dabei, mein Leben zu ändern. Das mit dem Literaturnobelpreis ist schon gebongt. Quatsch, kleiner Scherz. Eins jedoch gilt: Alles auf Anfang. Das betrifft auch meine süße Love-Affair im Häkelkleid. Mila, es tut mir leid. Das mit uns war ein Irrtum. Fotografier in Zukunft jemand anderen. Es wird keine Hochzeit in Weiß auf der Stauferburg geben. Auffliegende Tauben finde ich sowieso kitschig, ebenso wie rosa Hochzeitstorten mit Brautpaaren aus Marzipan.

Janniks Finger waren im Wind gefühllos geworden und nicht mehr imstande, die Tastatur zu bedienen. Er blickte auf das Meer hinaus, aus dem sich in der Ferne die raue Küste Albaniens schälte. Als Kind hatte er geglaubt, dass im Land der Skipetaren die Abenteuer zu Hause waren.

Kälte bohrte sich über den nassen Kieselgrund in Janniks Fußsohlen. Er bückte sich, veröffentlichte den Post auf Facebook und klappte den Deckel des Notebooks zu. Er hatte mit Mila Schluss gemacht, im Netz, wie der letzte Honk, und durfte sich nicht wundern, wenn er sich mies fühlte. Aber das tat er nicht. Das Einzige, was er spürte, war Leere. Nur das Rauschen des Meeres hallte in seinem Kopf wider. Aus und vorbei, dachte er. Dann jedoch konnte er nicht widerstehen und öffnete seinen Account erneut. Eine gewisse Gigi 2 hatte den ersten Kommentar abgegeben.

2

Montag

Als es an der Tür ihres WG-Zimmers klopfte, stand Mila van der Holst an ihrem Schreibtisch in der Fensternische und sortierte die Abzüge ihrer Fotos aus Manila für die Ausstellung im Gewerkschaftshaus. Jedes Bild erzählte seine eigene Geschichte. Das Mädchen auf der Suche nach Brot vor dem überquellenden Mülleimer, der Rikschafahrer, der sich eine Schneise in der Menge bahnte. Der Junge auf dem Fahrrad, dessen Silhouette sich in einer Pfütze spiegelte. Wie erwartet kamen die Bilder in Schwarz-Weiß besser heraus. Sie ähnelten klassischen Pressefotos. Bilder, in denen die Zeit stillstand.

Menschen, dachte Mila. Endlich hatte sie ein Thema gefunden, das sie interessierte. Vielleicht hatte Jannik recht, der behauptete, sie würde es noch bis in die National Geographic schaffen.

Wieder klopfte es. Mila ignorierte das Geräusch.

Der Sommer neigte sich. Durch das offene Fenster duftete es nach den Lindenbäumen, die die Bismarckstraße im Stuttgarter Westen säumten. Von Zeit zu Zeit segelte ein goldgrünes Blatt zwischen die parkenden Autos.

Sie bewohnten die Drei-Zimmer-Wohnung zu dritt, Mareike, Mila, die oft auf Reisen war, und Malte, der an der Uni in Vaihingen Maschinenbau studierte. Bald würde das Arrangement der drei Ms zu Ende gehen.

Mila konnte selbst nicht glauben, dass sie am 30. September mit Jannik vor den Traualtar treten würde. Er im Smoking, sie in dem Traum aus weißer Spitze und blassrosa Perlen, der an ihrem Schrank hing und auf den großen Tag wartete. Ihre zukünftige Schwiegermutter Stephanie fand, das Kleid passe perfekt zu ihrem exotischen Äußeren mit den dunklen Haaren und den grünen Augen. Gestern hatten sie gemeinsam die dreistöckige Torte bestellt, auf der ein zuckersüßes Brautpaar aus Marzipan prangte. Mila hatte den Prototyp fotografiert und per WhatsApp an Jannik geschickt. Auf eine Reaktion hatte sie vergeblich gewartet.

Kneif mich, ich heirate! Mila atmete tief durch und wartete auf das Gefühl überwältigender Freude, das sich nicht einstellen wollte. Vielleicht lag es daran, dass sich Jannik seit Tagen nicht meldete. Mistkerl.

Das Klopfen wurde penetrant. »Mila?«

»Komm rein!«

Mareike schob sich durch die Tür. Ihr Blick hatte etwas Schuldbewusstes, das nicht zu ihrer spontanen Art passte. Mareike war Erzieherin und eine Frohnatur, wovon nicht nur die Kinder profitierten.

Eine finstere Vorahnung erfasste Mila. Etwas stimmte nicht. Es hatte mit Jannik zu tun, um dessen Facebook-Account sie seit Tagen einen Bogen machte.

»Ich finde, das solltest du wissen. Es tut mir so leid.« Mareike legte ihr Smartphone auf den Schreibtisch zwischen die Fotos. »Vielleicht sollte ich dir das lieber vorenthalten. Aber dich geht es doch als Erste an. Ich verstehe gar nicht, wie er das tun kann.«

»Okay.« Mila trat näher, klickte sich auf Janniks letzten Post auf Facebook und las. Wie fühlte es sich an, wenn das eigene Leben in Trümmer brach?

»Es ist Schluss«, sagte sie.

Jannik hatte viertausendneunhundertachtundneunzig Freunde, die alle eher Bescheid gewusst hatten als sie.

»Ich konnte ihn tagelang nicht erreichen.«

»Er hat sich nicht bei dir gemeldet?«, fragte Mareike entrüstet. »Ihr wolltet heiraten.«

Mila legte ihr den Arm um die Schultern und versuchte, das Mitgefühl zu ignorieren, das ihr wie eine Welle entgegenschlug.

»Der Herr war in den letzten drei Tagen nicht für mich zu sprechen.«

»Und auf WhatsApp?«

»Ich hab’s ungefähr tausend Mal versucht. Er hat nicht zurückgeschrieben.« Weder fünf Tafeln Schokolade noch ein Haufen zu bearbeitender Fotos hatten Mila von der bedenklichen Tatsache ablenken können, dass Jannik sie ignorierte. Sie atmete tief durch. Die Luft in ihrem Zimmer war zu knapp, was nicht am Stuttgarter Feinstaub lag. »Der Bräutigam, der sich nicht traut, also. Die Hochzeit ist damit ja wohl geplatzt.«

Am liebsten hätte sie sich in einen hysterischen Anfall hineingesteigert, aber das verbot sich von selbst. Zusammenbrechen war nicht drin. Mechanisch öffnete sie Janniks Reiseblog »Wunderwelt« und überprüfte, ob er sie auch dort abserviert hatte. Das war nicht der Fall. Der letzte Post stammte von einem Aufenthalt in Kerkyra letzte Woche. Lauter schöne Fotos von schmiedeeisernen Balkonen, die wie Vogelnester an den Häusern hingen.

»So ein Vollpfosten«, sagte Mareike leise.

»Du kannst nichts dafür.«

Entschlossen zog Mila ihren Rucksack vom Schrank, wobei sie jeden Blick auf das Brautkleid vermied, das wahrscheinlich für die Tonne war. Sie warf den Rucksack aufs Bett und stopfte wahllos hinein, was sich an sauberer Wäsche finden ließ. Jeans, Shorts, T-Shirts, zwei Blusen, einen warmen Pulli, Slips, Shampoo, ihre Zahnbürste, Zahnpasta, ihr Buch »Alice im Wunderland«. Die Kameratasche mit der Nikon legte sie daneben, auch wenn es auf dieser Reise nichts zu fotografieren geben würde.

Mila verfiel immer in hektische Aktivität, wenn das Leben sie zu überrollen drohte. Blinden Aktionismus nannte ihre Großmutter das. Mareike beobachtete sie wie paralysiert, was Mila noch mehr aus der Fassung brachte. Sie musste ihr etwas zu tun geben.

»Könntest du mir einen Flug nach Korfu buchen?«

»Na klar.« Erleichtert klickte sich Mareike in Milas Laptop ein.

Sechzehn Stunden später saß Mila im Flieger nach Korfu und lauschte ihrer Nachbarin, die ihr ausführlich darlegte, wie sehr sie sich auf ihren Traumurlaub am Meer freue, während das Paar auf der anderen Seite des Ganges sich vergeblich bemühte, seinen Säugling zu beruhigen. Mila begrüßte das bohrende Gebrüll als willkommene Ablenkung.

Mit Jannik zu sprechen würde nicht viel bringen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er stur wie ein Esel. Dennoch musste sie es versuchen.

Trotz der Lärmkulisse im Flugzeug schlief sie über Albaniens Küstenlinie ein. Zum ersten Mal seit zwei Jahren begleitete sie das Gefühl der Einsamkeit in ihre Träume.

Sie erwachte erst wieder, als sich der Flieger über Korfus Westküste in die Kurve legte. Die Insel lag im Meer wie ein leuchtender Smaragd. Bevor sie zum Landeanflug an der Ostküste ansetzten, überflogen sie die lang gestreckten Sandstrände bei Chalikounas, die Lagune von Korission und die grün bewachsenen Berge des Inselinneren. Der Flughafen Ioannis Kapodistrias lag so nah an der wichtigsten Verbindungsstraße nach Süden, dass man sie für manche Landungen sperren musste. Villen, Hügel voller Zypressen, weiß leuchtende Schiffe auf dem blauen Meer – die Umgebung wurde rasant größer. Dann setzte das Flugzeug holpernd auf der Landebahn auf.

Die Fahrt vom Busbahnhof in Korfus Hauptstadt Kerkyra durch die Berge bis nach Acharavi dauerte gut eineinhalb Stunden. Mila stieg am Supermarkt »Zorbas« aus dem Green Bus und sah den Rücklichtern nach, die sich langsam in Richtung Kassiopi entfernten. In der Ferne hörte sie das Meer.

Es war ihr zweiter Aufenthalt auf der Insel. Sie hatte Jannik hierher begleitet, als ihre Liebe neu wie ein frisch gefundenes Stück Meerglas gewesen war. In ihrem ersten Urlaub hatte sie sich vor den griechischen Ladenschildern wie eine Analphabetin gefühlt. Jannik war entzückt gewesen, als sie es endlich geschafft hatte, einige wichtige Begriffe in der Landessprache zu entziffern, Dimitra, Pharmakeio, Nero. Und er hatte sich köstlich amüsiert, als es ihr einfach nicht gelingen wollte, eine Gyros-Pita aus der Hand zu essen, ohne dass ihr der Tsatsiki seitlich herausquoll.

Die Erinnerung tat weh. Entschlossen verdrängte sie das Gefühl, im Urlaubsparadies fehl am Platze zu sein. Vor der Tür des Supermarkts standen Gasflaschen und Sonnenschirme, eine Kühltruhe surrte, ein alter Hund hob langsam den Kopf, musterte sie und legte ihn zwischen seinen Vorderpfoten ab.

Mila zog die Gurte ihres Rucksacks fester und betrat den Laden. Zorbas, der an der Kasse saß und sich auf seine Fußballzeitschrift konzentrierte, verkaufte neben Lebensmitteln und Getränken alles, was Urlauber brauchten. Flipflops, Sonnenmilch und Sonnenbrillen, Strandtücher, Bikinis und Bücher in diversen Sprachen.

Ich muss essen, dachte Mila, auch wenn sich mein Magen wie zugeschnürt anfühlt. Verstohlen durchstreifte sie die Regalreihen und legte eine Wasserflasche, eine Packung Kekse und ein paar Trauben als Überlebensration in ihren Korb. Sie trat an die Kasse und hoffte, dass sich Zorbas seine Lust auf ein Schwätzchen verkneifen würde.

Er warf ihr einen prüfenden Blick zu, bevor er die Waren über das Kassenband zog. »Jannik ist an Strand.« Er zählte das Wechselgeld in ihre Hand. »Hab heute gesehen. Suchst du doch, oder?«

Wie die meisten Griechen konnte er sich einigermaßen in mehreren europäischen Sprachen verständigen.

»Ja.«

So weit zu ihrer Hoffnung, dass Zorbas sie übersehen würde. Jedes Jahr verbrachte irgendein Tersteegen seinen Jahresurlaub in dem Ferienhaus, das die Familie in Almiros besaß. Dass sich Jannik hier erholte, war dem Burn-out geschuldet, den er vor drei Monaten erlitten hatte. Anschluss fand er überall. Begabt, wie er war, lernte er problemlos die Landessprache, was die Griechen überaus lobenswert fanden. Jannik war ebenso offen und lebensfroh, wie Mila verschlossen und unzugänglich war. Normalerweise ergänzten sie sich perfekt.

»Alles in Ordnung mit dich?«

Mila überhörte den Grammatikfehler, raffte ihre Sachen zusammen und machte, dass sie davonkam. Zorbas’ Anteilnahme konnte sie noch weniger ertragen als Mareikes Mitgefühl.

Ein Stück weit folgte sie der Landstraße. Dann bog sie links in den Stichweg zum Meer ein, stemmte sich gegen den Wind und wanderte geradeaus, vorbei an Gärten voller verschwenderisch blühender Bougainvilleen, Palmen und Feigenbäumen. Auf einer Weide suchten Ziegen und Hühner unter staubigen Sträuchern Schutz vor der Sonne. Hinter ihr wuchsen grüne Hügel gen Himmel. Auf dem höchsten Gipfel erhob sich ein Wald aus Fernmeldemasten. Es war der Pantokrator, der Christus, dem Weltenherrscher, geweiht war.

Mila trank einen Schluck Wasser und ignorierte die Motorroller mit den Pärchen, die ihr vom Strand entgegenkamen. Unbeirrt lief sie weiter, bis sich die Dünen zum türkisblauen Meer öffneten.

Das Ferienhaus der Familie Tersteegen lag am Strand vor dem Nordostkap Korfus nahe der Baustelle einer Appartementanlage. Mila würdigte es keines Blickes. Der Bungalow mit den Säulen auf der Terrasse war der letzte Ort, an dem sie sein wollte.

Stattdessen wandte sie sich dem Uferweg in Richtung Acharavi zu. In den Dünen lagen Ferienhäuser, deren Bewohner wöchentlich wechselten und ihre Kinder gegen den Wind in weiße Badelaken hüllten.

Der Strand war ein Band aus bunten Kieseln, an das die azurblauen Wellen mit ihren weißen Schaumkronen anbrandeten. Mila sprang zur Seite, als zwei Fahrräder sie klingelnd überholten. Ihre Füße schmerzten in ihren Trekkingsandalen, und ihr Rucksackriemen scheuerte an ihren Schultern. Dennoch lief sie unbeirrt weiter. Besser, sie konzentrierte sich auf die Blase an ihrem großen Zeh als auf ihr gebrochenes Herz.

Sie ließ ein Strandbad rechts liegen, dessen Dächer aus Palmwedeln bestanden. Dahinter erhob sich eine Holzfläche, Gabys Yogaplattform, die im Moment nicht genutzt wurde. Die Yogis würden erst nach Sonnenuntergang eintreffen. Das wusste sie noch vom letzten Aufenthalt.

Mila zog sich die Sandalen von den Füßen, setzte sich im Schneidersitz auf die Holzplanken und blickte aufs Meer hinaus. Ihre Kamera ließ sie eingepackt, eine Erinnerung an diesen Tag brauchte niemand. Das Smartphone legte sie neben sich. Die Demütigung, Jannik ein weiteres Mal vergeblich anzurufen, würde sie sich nicht geben.

Da war ein Stein in ihrer Brust, knapp unterhalb ihres Zwerchfells, der schmerzte, wenn sie atmete. Es war vorbei. Jannik hatte öffentlich mit ihr Schluss gemacht, sodass seine Follower auf Facebook es eher erfahren hatten als sie. Mila versank in ihrem Kummer.

Das Klingeln ihres Handys holte sie in die Realität zurück. Jannik. Bevor sie dranging, war ihr für einen Moment danach, das blöde Ding auf den Holzplanken zu zertrümmern.

»Du wagst es?«

»Mila?«

Sie schöpfte Hoffnung wider besseres Wissen und betäubte die nagende Angst, die sie immer erfasste, wenn Jannik traurig war.

»Warum?«, fragte sie sanfter als beabsichtigt. »Wie konntest du nur?« Die Bezeichnung »Love-Affair im Häkelkleid« spukte ihr seit gestern im Kopf herum. Sie war so falsch, das krasse Gegenteil dessen, was Mila mit Jannik verband.

»Ich hab in deiner WG angerufen. Mareike hat mir gesagt, dass du auf Korfu bist.«

Schweigen dehnte sich zwischen ihnen aus, weiter als das Meer, das die untergehende Sonne in Goldtöne tauchte.

Ich könnte lügen, dachte sie. Könnte sagen, dass ich am Flughafen in Kerkyra und nicht nur Minuten von dir entfernt bin. Ich könnte zurückfahren und mir dort ein Hotelzimmer für eine Nacht nehmen. Morgen würde ich heimjetten und dich nie wiedersehen. Ich könnte einen Schlussstrich ziehen und mich aus der Umklammerung einer Liebe befreien, die mich erstickt.

»Ich bin an unserem Strand. Auf Gabys Yogaplattform.«

»Ich komme.«

Als er aufgelegt hatte, lief Mila barfuß bis zum Saum des Meeres. Eine Welle umspülte ihre Knöchel.

Fürchtete sich Jannik vor der Hochzeit, die ihr Leben umkrempeln würde? Verheiratet sein klang nach Einfamilienhaus, Ehegattensplitting, Rasenmäher, Windeln und Babybrei, kurz, nach lebenslänglich. Aber, du lieber Himmel! Alles abzusagen würde einen Heidenrummel bedeuten. Das Aufgebot war bestellt. Stephanie hatte sich voller Begeisterung in die Vorbereitungen gestürzt, die Stauferburg bei Göppingen als urige Location gemietet, den Caterer und die Band engagiert und über dreihundert Gäste eingeladen, die sie wieder ausladen mussten, Blamage inklusive.

Ich hab’s gewusst, dachte Mila. Jannik ist unberechenbar. Unter ihrer Freude, ihn zu treffen, lauerte die Angst. Außer ihr wusste nur Janniks engster Kreis, dass seine Stimmung von Euphorie in Selbsthass und Depression kippen konnte.

Er kam über die Düne auf sie zu, barfuß, in Cargoshorts, und blieb in sicherer Entfernung zu ihr stehen. Er sah so gut aus. Groß, schlank, ein geborener Leichtathlet. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie kaum glauben können, dass er sich für sie interessierte.

Sein schlechtes Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Seine schulterlangen rotblonden Haare waren zerrauft wie bei einem großen Jungen, der sich einen Streich erlaubt hatte. Milas Zorn fiel in sich zusammen. Sie musste den Impuls unterdrücken, auf ihn zuzulaufen und ihn in die Arme zu nehmen. Stattdessen wappnete sie sich. »Was hast du dir nur dabei gedacht?«

Er trat neben sie in die Wellen. »Ich habe meine Gründe.«

»Warum im Netz?«

Röte überzog seine Wangen. Seine blauen Augen wichen ihr aus. »Das war mies, ich weiß. Es sollte … endgültig sein. Ohne Rückfahrkarte.«

»Das ist dir gelungen.« Eine Welle durchnässte Milas Jeans bis zu den Knien. Wenn sie sich Illusionen gemacht hatte, waren sie bei seinen Worten gestorben. »Ich nehme den nächsten Flug zurück.«

»Lass uns nicht so auseinandergehen«, bat Jannik. »Du übernachtest natürlich bei mir. Ich hab das Haus für mich. Wir könnten, wenn du willst … in Volkers Taverne über alles sprechen.«

»Du servierst mich einfach ab, und dann denkst du, ich lasse mich mit Gyros und einem Glas Wein abspeisen?«

»Frieden, Mila«, bat er leise.

Milas Augen brannten von den Tropfen der Brandung. Sie war zu Tode erschöpft und brauchte einen Platz zum Übernachten. Außerdem knurrte ihr Magen. »Also gut.«

3

»Warum?«

»Lass uns zuerst essen.« Jannik winkte Volker zu, der sie auf die Uhr über dem Eingang verwies.

Die Taverne lag in einem Palmengarten hinter dem Uferweg und bot einen spektakulären Blick auf den Sonnenuntergang. Paare bevorzugten dafür die Hollywoodschaukeln, in denen man ungestört Händchen halten konnte.

Nicht mehr mein Status, dachte Mila mit einem Gefühl der Betäubung. Der war von »in einer Beziehung« auf »Single« zurückgerutscht. Sie nahmen an einem der wagenradgroßen Tische im Garten Platz.

»Volker macht heute Abend das Geschäft seines Lebens.« Jannik zündete eine Kerze an, die in einer Flasche steckte.

Der Charme der Taverne war furchtbar retro, Siebziger, um genau zu sein, aber Mila und Jannik machten sich nicht darüber lustig.

Es dauerte, bis Volker erschien. Auch in der Nebensaison hatten er und seine Hilfskräfte alle Hände voll zu tun. Neben Mila und Jannik belegte ein intensiv diskutierendes älteres Ehepaar aus der Schweiz gerade den letzten freien Tisch. Zwei Kellner servierten einer Gruppe von Engländern Fischplatten, deren Geruch Mila unangenehm in die Nase stieg. Sie lauschte dem Jazz, der aus den Lautsprechern drang, und versuchte, den Grund ihrer Reise zu vergessen.

Die Sonne senkte sich in einem Farbenrausch aus Rot und Gold zum Horizont.

»Wie auf LSD.« Jannik erriet noch immer ihre Gedanken.

Ein psychedelischer Sonnenuntergang, der sich leicht zum Horrortrip auswachsen konnte.

»Pass auf. Jetzt kommt Volker«, sagte er.

Ein Geschirrtuch um die Hüften, drängte sich der Besitzer der Taverne durch die Menge. Volker stammte ursprünglich aus Berlin. Er war ein kräftiger Mann um die fünfzig, dessen Haare sich an den Schläfen lichteten. Er hatte Philosophie studiert, bevor er am Strand zwischen Acharavi und dem Nordostkap bei seiner Urlaubsliebe Eleftheria hängen geblieben war. Statt seine Gäste mit Sirtaki zu beschallen, beharrte er auf Jazz und seiner Außenseiterrolle und machte sich damit in der örtlichen Gastronomieszene keine Freunde.

Er trat an den Tisch heran und zückte seinen Block. »Jannik und … Mila?«

Seine Freundlichkeit hatte etwas Erzwungenes. Mila fragte sich, was Jannik ihm erzählt hatte.

»Was nehmt ihr?«

Jannik orderte ein Mythosbier und einen Fischteller, Mila eine Saftschorle und einen griechischen Salat. Mehr würde sie auf keinen Fall hinunterbringen.

Volker notierte ihre Bestellungen. »In der Gaststube ist jemand, der dich sprechen will, Jannik.«

»Später«, wehrte Jannik ab.

»Wer wartet auf dich?«, fragte Mila.

»Niemand.«

Volker verließ sie und wies einen jungen Kellner in einem Ringelshirt an, ihren Tisch mit einer rot karierten Papierdecke zu bedecken.

»Kalinihta.« Der Junge näherte sich lustlos. Eine hellbraune Haartolle fiel ihm in die Stirn, als er die Decke ausbreitete und Besteck, Teller und Servietten verteilte.

»Hi, Tassos.« Jannik ignorierte die fehlende Höflichkeit. Der Junge verzog sich ohne ein weiteres Wort.

»Das war Volkers Sohn. Anastasios. Hat eindeutig keinen Bock auf die Arbeit. Abends hängt er mit einem Joint am Strand ab.«

»Wir haben schon genug eigene Probleme«, sagte Mila leise. Es sah Jannik ähnlich, sich von solchen Nichtigkeiten ablenken zu lassen.

Während ihres letzten Urlaubs hatten sie in Volkers Taverne frischen Hummer gegessen und danach in einer der Hollywoodschaukeln den Sonnenuntergang beobachtet. Damals war ihre Liebe groß genug gewesen, um das Schweigen auszuhalten.

Volker selbst brachte die Getränke vorbei. Tassos schlurfte mit dem Brotkorb hinterher, bevor die Kellner das Essen auftrugen. Mila trank einen Schluck Saftschorle.

»Leo Bardés fragt übrigens immer noch nach dir, Jannik«, sagte Volker.

»Leo wer?«, fragte Mila.

Wieder wich Jannik aus. »Iss lieber. Danach reden wir über alles.« Geschickt zerteilte er seine Rotbarbe, beträufelte sie mit Zitronensaft und machte sich mit Appetit über seine Pommes her.

Mila hingegen stocherte lustlos in ihrem Salat, legte die bitteren Oliven beiseite und pickte sich ein Stück vom Feta und zwei Tomatenscheiben heraus. Dann schob sie die Reste Jannik zu.

Während des Essens waren sie der Notwendigkeit enthoben, ein Gespräch führen zu müssen. Danach ließ sich die Konfrontation nicht länger vermeiden.

»Du hast nicht sehr viel Hunger«, sagte Jannik.

»Wie sollte ich?«

Jannik faltete seine Hände auf dem Tisch. Die Arme unter seinen aufgekrempelten Hemdsärmeln waren rotbraun. Mila wusste, dass seine mühsam erkämpfte Bräune wie bei vielen Rothaarigen aus ineinander verlaufenen Sommersprossen bestand. Es gab eine Zeit, da hatte sie jede einzelne davon geliebt.

Vielleicht sind wir zu glücklich gewesen, dachte sie. Vermessen. Da musste das dicke Ende ja nachkommen.

Die Bartstoppeln in Janniks Gesicht waren so rot wie seine schulterlangen Haare. Seine hellblauen Augen schützte er im Süden mit einer getönten Brille, die auf seinem Haaransatz thronte. Das sonnenverwöhnte Korfu war definitiv der falsche Ort für einen rotblonden Kelten wie ihn.

»Erklär es mir bitte«, sagte sie.

»Ich suche nach den richtigen Worten.«

Mila zerpflückte ein Stück Brot, hatte keine Lust mehr, ihn zu schonen, manische Depression hin oder her. »Ich höre«, sagte sie kalt.

Jannik schwieg. »Du hättest nicht herkommen sollen«, sagte er schließlich. »Aber wenn du schon mal da bist, kannst du auch bleiben, bis am Samstag Jonas und Sarah kommen. Dann halte ich sie besser aus.«

Janniks Zwillingsbruder und seine Freundin wollten also auch ihren Urlaub auf Korfu verbringen.

»Auf keinen Fall«, sagte Mila. »Und jetzt erklär mir bitte, was los ist.«

In den Bäumen leuchteten Lampions gegen die Dunkelheit an, die sich über den Garten senkte. Am Nachbartisch glomm ein Feuerzeug auf, Zigarettenrauch wehte herüber. Das Schweizer Ehepaar stritt sich erbarmungslos.

Janniks wasserheller Blick traf Milas. »Die Hochzeit. Ich fühle mich noch nicht reif genug für diesen Schritt.«

»Sollen wir abwarten? Brauchst du Zeit? Für deine Mutter ist das ein Schlag. Sie muss alles absagen.« Das klang nach Vorwürfen und Ehestreit wie bei den Schweizern, die sicher schon seit dreißig Jahren Tisch und Bett teilten. So hatte Mila nie sein wollen.

Jannik schenkte ihr ein schiefes Grinsen. »Steffi wird es überleben … Nein. Ich will einen Schlussstrich ziehen. Lass uns in Frieden auseinandergehen und Freunde bleiben.«

Die Worte trafen ihr Herz wie Messer.

Mit einer Geste winkte Jannik Volker herbei.

»Kannst du uns zwei Longdrinks mischen? Screwdriver als verspätete Sundowner?«

Mila schnappte nach Luft. In einem Anfall unangebrachter Nostalgie hatte er Wodka-Orange-Drinks bestellt, die gleiche Mischung, die sie in ihrem Traumurlaub jeden Abend am Strand getrunken hatten.

Volker nahm die Bestellung auf und entfernte sich, bevor Mila protestieren konnte. Sie nahm sich vor, Jannik den Inhalt ihres Glases ins Gesicht zu schütten. Hoffentlich brannte der Alkohol in seinen überempfindlichen Kaninchenaugen.

»Was ist der wahre Grund für diese Trennung? Raus mit der Sprache, Jannik!«

Schweigen senkte sich zwischen sie.

»Ich liebe dich nicht mehr, Mila … Es gibt eine andere Frau.«

So fühlte sich also ein gebrochenes Herz an. Zerstörte Illusionen, Scherben, Splitter wie nach einer Explosion und ein merkwürdiges Gefühl von Taubheit, als sei da nur noch Leere. »Wie heißt sie?«

»Janine Marchand. Du kennst sie nicht. Wir haben uns bei meinem letzten Aufenthalt in New York kennengelernt. Sie ist Frankokanadierin aus Montreal und arbeitet bei den Vereinten Nationen.«

»Janine«, wiederholte Mila wie betäubt. Sie hatte diesen Namen noch nie gehört.

New York also. Sein Aufenthalt dort lag vier Monate zurück. Er war nach Big Apple gejettet, bevor sie die Details ihrer Hochzeit besprochen und Janniks Mutter mit der Organisation betraut hatten. Dort hatte er sie eiskalt betrogen. Sie hatte ihm niemals vertrauen können.

Er betrachtete sie zerknirscht. »Es war … nur eine heiße Nacht. Erst sah es so aus, als würde es nichts bedeuten. Aber wir haben übers Netz Kontakt gehalten.«

Wie theatralisch. »Ich dachte, du seist mir immer treu gewesen, Jannik. Das war uns doch wichtig, oder nicht? Und dann bist du doch fremdgegangen.« Hatte er nicht auf Treue bestanden, weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, sie teilen zu müssen? Selbst hatte er sich nicht daran gehalten.

Janniks Gesicht lief dunkelrot an. »Ich gehe dann mal die Cocktails holen.«

Als er weg war, hielt es Mila nicht länger an ihrem Platz. Der Stein in ihrer Brust löste sich in Tränen auf, während sie sich einen Weg durch die Menge bahnte. Irgendwohin. Nur nicht in Richtung der Damentoilette, vor der eine Schlange stand. Jannik sollte sie nicht weinen sehen, ebenso wenig wie Volker, sein missratener Sprössling Tassos oder Eleftheria, die bei ihrem Anblick mit Tamtam aus der Küche stürmen und sie in ihre Arme schließen würde.

Sie nahm die Umgebung durch einen Tränenschleier wahr. Am schlimmsten schmerzte nicht die Demütigung der öffentlichen Trennung, sondern die Tatsache, dass Jannik sie monatelang hintergangen hatte.

Sie floh ins Freie und fand sich im Hinterhof neben einem überfüllten Müllcontainer wieder. Hier roch es durchdringend nach Fischabfällen, an denen sich einige rot gestreifte Katzen zu schaffen machten. Die Klimaanlage surrte.

Mila kämpfte gegen den Tränenstrom an, der einfach nicht versiegen wollte. Wir wollen Jannik doch nicht die Genugtuung geben, dich weinen zu sehen, sagte die Stimme ihrer Großmutter in ihr. Doch das Bleigewicht, das auf ihrer Brust lastete, hob sich nicht. Morgen bin ich weg, und dann siehst du mich nie wieder, Jannik.

Ein Funken glomm auf, als jemand an seiner Zigarette zog. Der Lichtpunkt näherte sich mit einem Schwall Rauch, der ihr in der Nase brannte. Mila wich zurück und spürte den Bügel des Müllcontainers in ihrem Nacken.

Vor ihr stand ein hochgewachsener Mann um die dreißig mit dunkelbraunen lockigen Haaren und Bart. Ein Grieche, dachte sie verwundert. Die Einheimischen machten nicht gerade die Mehrzahl unter Volkers Gästen aus.

»Everything’s okay?«, fragte er.

»Yes, sure.« Mila wandte sich fluchtbereit zur Tür, aber er verstellte ihr den Weg. »Außer dass mein Verlobter gerade im Netz mit mir Schluss gemacht hat«, sagte sie in ihrer Muttersprache.

Der mysteriöse Fremde sah sie an und zögerte. Als er auf akzentfreies Deutsch umstieg, versank Mila vor Peinlichkeit fast im Boden. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte die bittere Tatsache nur mal aussprechen wollen.

»Du bist Mila«, sagte er leise. »Du bist mit Jannik hier. Er hat viel über dich erzählt. Ich wollte dich schon immer mal kennenlernen.«

»Wer sind Sie?«

Statt einer Antwort kramte er eine zerfledderte Packung Papiertaschentücher aus der Tasche seiner Lederjacke, zupfte sie umständlich auf und hielt sie ihr entgegen.

Mila musste sich dringend schnäuzen. Deshalb griff sie zu. »Danke.« Sie schnaubte in das Taschentuch und fühlte sich besser. »Woher kennst du mich?«

»Ich gehöre zu Janniks zahlreichen Facebook-Freunden. Nummer viertausendneunhundertachtundsechzig.« Der Fremde trat seine Zigarette aus und zog eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche. »Meine Kontaktdaten, falls du doch Hilfe brauchen solltest.«

Er war ihr so nahe, dass er ihr das schmale Kärtchen in die Seitentasche ihrer Jeans schieben konnte. Mila war zu perplex, um zu protestieren. Eine Sekunde lang spürte sie die Wärme, die von ihm ausging.

»Ich geh dann mal.« Er verschwand im Innern des Lokals.

Mila nahm die Seitenpforte und folgte dem Uferweg, bis sie die nächste Bank erreichte. Ein perfekter Ort, um auf die nächtlichen Wellen hinauszuschauen, die heranrollten, als sei nichts geschehen.

Ich bin allein, dachte sie. Janniks Liebe war nichts weiter als eine Illusion gewesen, die Janine, die Giftschlange, mit einem Augenaufschlag und einem süßen Lächeln zerstört hatte. Sie hob den Kopf. Das Heer von Sternen dort oben. Das Universum interessierte sich einen Dreck für ihre erbärmliche Situation.

Jannik fand sie, bevor sie sich in ihrem Elend einrichten konnte. »Wo hast du gesteckt? Ich hab dich überall gesucht.« Er balancierte ein Plastiktablett mit zwei Gläsern vor sich her.

»Ich musste allein sein. Lass stecken …«

»Was?«

»Deine Sorge um mich. Verdammtes Mitleid, oder so.«

Er setzte sich und stellte das Tablett zwischen ihnen auf die Bank. Die Screwdriver füllten hohe Longdrinkgläser und verbreiteten einen intensiven Wodkageruch. Wer auch immer der Barkeeper gewesen sein mochte, hatte Orangenscheiben auf den obersten Eiswürfeln platziert und die Gläser mit Papierschirmchen verziert. Genauso wie in ihrem letzten Urlaub. Mila nahm sich vor, ihren Kummer in Alkohol zu ersäufen.

»Prost«, sagte sie spöttisch.

»Ein Unding, einen Wodka Orange auf solche Weise zu verhunzen«, kommentierte Jannik. »Und dazu noch diese Unmengen von Glitzerzeug am Himmel.« Er deutete auf das Heer an Sternen, das sich dort oben ausbreitete.

Wahrscheinlich nahm die Toleranz gegen Kitsch proportional zur Verliebtheit ab. In ihrem ersten Urlaub hatten sie auf dieser Bank gesessen, Händchen gehalten, im Mondlicht heiße Küsse getauscht und ihre zunehmende Trunkenheit genossen. Jannik hatte die Screwdriver fotografiert, mit entsprechenden Kommentaren auf Instagram gepostet und dafür Unmengen an Likes eingefahren.

Vorbei, dachte Mila und sehnte sich nach der Wirkung des Alkohols, die sich wie ein Weichzeichner über die Realität legen würde.

»Auf eine faire harmonische Trennung«, sagte Jannik. »Wenn das Leben dir Zitronen gibt …«

»… mach Wodka Orange daraus.«

Sie hatten sogar ihre eigenen geflügelten Worte. Scheiß drauf. Mila stieß mit Jannik an und trank. Der Alkohol verbreitete Wärme in ihrem Magen.

Als er ihr den Arm um die Schultern legte, wehrte sie sich nicht.

»Um der alten Zeiten willen?«

»Auch.« Seine Lippen streiften ihre Wange. »Es ist nicht so, wie du denkst, Mila«, beteuerte er. »Du wirst es schon schaffen. Schließlich hast du im Gegensatz zu mir ein Leben. Du bist die begabteste junge Fotografin, die ich kenne. Du wirst noch berühmt. Such in den Wolken!«

Zum ersten Mal an diesem Abend klang er wie der Mann, den sie zwei Jahre lang über alles geliebt hatte. Authentisch. Unsinn, dachte sie. Jannik rang sich Freundlichkeiten ab, um sie nicht ganz zu verprellen. Aber woher kam dann das Gefühl, dass etwas nicht stimmte? Es schien ihr, als sei sein Gerede an diesem Abend nichts weiter als eine Inszenierung, mit der er sie gnadenlos manipulierte. Alles nur Show, um sie dazu zu bringen, dass sie ihn gehen ließ. Aber das konnte doch nicht wahr sein. Und wenn doch, weshalb sollte Jannik ihr etwas vorspielen?

Sie trank einen weiteren Schluck des viel zu starken Gebräus. Volker oder wer auch immer hatte das Verhältnis von Wodka zu Orangensaft umgedreht.

»Der Barkeeper hat es ein bisschen zu gut mit uns gemeint«, sagte Jannik.

Schwindel erfasste Mila, was vermutlich daran lag, dass ihr Glas inzwischen halb leer war. Der gesüßte Alkohol ging runter wie Limonade, kreiste in ihrem Blut und machte sie wohltuend müde. Sogar ihr Kummer verflog. So schnell und effektiv hatte sie sich noch nie betrunken.

»Das muss man sich mal merken«, sagte Jannik.

Mila kuschelte sich in seine Umarmung, als hätte ihre Trennung niemals stattgefunden. Sein Mund näherte sich ihrem Ohr, sein Atem ein warmer Hauch.

»Mein Buch ist fertig«, sagte er. »Übergeben wir es der Welt und lassen es tanzen. Mit glühenden Pantoffeln.«

Er nahm ein Papierschirmchen zwischen zwei Finger. Ein Windstoß ließ es auf den Strand hinausfliegen, wo es trudelnd zwischen den Kieseln landete. Die nächste Welle würde es nach Albanien tragen oder auf den Meeresgrund, wo die Strömung das zarte Holzgestell in Späne und das Papier in Fetzen reißen würde.

»Eindeutig zu wodkalastig«, sagte Mila.

Sie leerte ihr Glas, lehnte sich an Janniks Schulter, schloss die Augen und ließ zu, dass der Schlaf sie erbarmungslos in die Tiefe zog.

4

Zwei Stunden zuvor

Es war ein friedvoller Nachmittag. Die Ölmühle brütete in der Sonne neben dem kleinen Weinberg voller reifender blauer Trauben. Tante Alikis Blumengarten strotzte vor karmesinroten Zinnien, gelben Dahlien und Bougainvilleen. Zoi träumte in der Hängematte neben der Loggia vor sich hin und kraulte die Katze, die es sich auf ihrem Bauch bequem gemacht hatte. Das Schild vor dem Laden schaukelte sachte im Wind. In drei Sprachen stand »Olivenöl, Olivenholzverarbeitung, Ölverkostung« darauf. Heute würde keine Kundschaft mehr kommen. In den Bergen hinter dem Weiler Kavvadades war der Laden viel zu abgelegen, um solvente Touristen aus den Küstenorten anzulocken. Jedenfalls nicht in so rauen Mengen, wie sie es nötig hatten.

Ihr fielen gerade die Augen zu, als ein staubiger blauer Pick-up und zwei Geländewagen in den Hof bretterten und kreuz und quer zur Fassade der Ölmühle zum Stehen kamen. Drei alte Männer stiegen aus, knallten die Autotüren zu und näherten sich in geballter Formation.

Zoi schubste die Katze von ihrem Schoß und sprang aus der Hängematte. Hatte Leo nicht einen Termin mit der Olivenölgenossenschaft? Ihr Bruder hatte die Besprechung platzen lassen, sodass Aliki und sie der Delegation allein entgegentreten mussten. Ich erwürge dich, Leo!

Zoi wappnete sich. Die Bauern würden sie sicher dafür verantwortlich machen, dass er sie versetzt hatte.

»Yassas, Zoi.« Der Ankömmling mit dem überhängenden Schnauzbart grüßte sie freundlich. Er war der Vorsitzende der Genossenschaft, dieser Anastasios Vezelos, der sich Leos Plänen am hartnäckigsten widersetzte. Die Zecke in seinem Pelz. Wenigstens nannte er Zoi beim Vornamen und nicht Minimerkel, was in der Schule schon vorgekommen war.

Und die anderen? Hektisch kramte Zoi in ihrem Gedächtnis nach den Namen der Männer. Der eine hieß mit Sicherheit Spyros, weil ein Großteil der männlichen Einwohner Korfus nach dem Inselheiligen Spyridon benannt war, der andere war Nikos. Er betrieb neben seinen Olivenhainen eine Taverne im Nachbardorf, wo sie schon mehrfach eingekehrt waren.

»Yassas, Spyros«, probierte sie es auf gut Glück.

Volltreffer! Der Angesprochene nickte zufrieden.

Als sei sie noch nicht genug gestraft, fuhr ein vierter Wagen in den Hof, dem zwei durchtrainierte Typen um die zwanzig mit gegelten Haaren und Sneakers entstiegen. Spyros’ Söhne. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Einer der Jungbauern musterte sie dreist und wagte es sogar, ihr zuzuzwinkern.

Fleischbeschau, dachte Zoi und wünschte sich weit fort.

Ihre Tante Aliki trat aus der Werkstatt, in der sie Kunsthandwerk aus poliertem Olivenholz herstellte, und begrüßte die Männer mit einem Nicken. Sie grüßten respektvoll zurück.

»Wo steckt Leonidas?« Der alte Vezelos spuckte einen Priem Kautabak in den Staub. »Wir haben eine Verabredung mit ihm.«

Zoi steckte ihre Hände in die Taschen ihrer Jeans. Richtig unzufrieden schien Vezelos mit der Tatsache, dass Leo ihn versetzt hatte, nicht zu sein. So kamen die kritischen Themen nicht zur Sprache. Mit seiner Absicht, den Olivenanbau in Nordkorfu zu revolutionieren, rannte Leo keine offenen Türen ein.

Die Bauern pfeifen auf deine ehrgeizigen Pläne, Leo, dachte sie. Sie trauen dir nicht, weil du ein Fremder bist.

Einer der Jungbauern verstieg sich zu einer frechen Geste in ihre Richtung und kassierte dafür einen freundschaftlichen Schubser von seinem Vater.

Zoi schluckte vor Empörung. Wahrscheinlich würde der Macho direkt nach ihrem Schulabschluss auf der Matte stehen und um ihre Hand anhalten. Mit einem Lageplan der Olivenhaine in der Gegend, die sich durch ihre Verbindung gewinnbringend vereinen ließen. Sie konnte kotzen ob der Tatsache, dass sie eine reiche Erbin war, ein Pfand, das bei der Hochzeit den Besitzer wechseln würde.

Wenn du dich jetzt noch im Schritt kratzt, kriege ich einen hysterischen Anfall, dachte sie und starrte dem Jungbauern drohend in die Augen, der tatsächlich errötete, als hätte sie ihn bei verbotenen Gedanken ertappt.

»Ich habe keine Ahnung, wo Leo steckt«, sagte sie düster und hoffte, dass ihr deutscher Akzent nicht allzu stark durchklang. »Vielleicht in seinem neuen Olivenhain.«

Zum Glück übernahm Aliki die Gäste und nötigte sie in die Veranda, um ihnen das obligatorische Mahl aufzutischen. Am Grundsatz der Gastfreundschaft wurde um keinen Preis gerüttelt.

Zoi zog sich derweil in die Küche zurück und versuchte vergeblich, Leo auf seinem Handy zu erreichen. Mailbox. Schon vor einigen Tagen hatte sie begriffen, dass er irgendein Ding am Laufen hatte, von dem er ihr nichts erzählen wollte. Zu gefährlich, hatte er gesagt.

Frustriert packte sie Weißbrot, Oliven und Käse auf ein Tablett und entkorkte eine Flache Hauswein, der Leo letztes Jahr, als sie noch in München gelebt hatte, passabel gelungen war.

Aliki kam herein und stellte eine eisgekühlte Flasche Ouzo und eine Reihe Gläser dazu. Sie roch nach Holzstaub und dem Schweiß, der sich in ihrem schwarzen Pferdeschwanz gesammelt hatte.

Mit ihrer Ankunft hatten die Geschwister Alikis Leben gründlich umgekrempelt, ihre menschenscheue Art aber nicht geändert. Sie wog jedes Wort ab, das sie an Zoi richtete, und lebte sich allein in ihrem Blumengarten und ihrer Holzwerkstatt aus. Zoi fand, dass sie als mutterloser Teenager ein paar Umarmungen und etwas Zuspruch gebraucht hätte. Denn nicht Aliki, sondern ihr cholerischer Großvater hatte ihre Mutter Katerina vor dreißig Jahren vom Hof verbannt, weil sie mit Leo schwanger gewesen war.

Aliki griff nach dem Tablett. »Wir können die Männer nicht den ganzen Abend hinhalten. Meldet er sich?«

»Er geht nicht ans Telefon.« Zoi legte ihr Handy auf den Tisch. »Hast du eine Ahnung, wo er stecken könnte?«

»Er hat davon gesprochen, dass er sich in Almiros mit jemandem treffen will. Am Strand.«

»Bei Volker? Ich gehe ihn suchen.«

Wenn er irgendwo abhing, dann bei Volker und Eleftheria, die die coolste Taverne weit und breit betrieben. Zoi war heilfroh, unter einem halbwegs plausiblen Vorwand fortzukommen.

Sie schob ihren nagelneuen Roller aus dem Schuppen, stieg auf, ohne den aufdringlichen Jungbauern eines weiteren Blickes zu würdigen, und bog auf die Straße ein, die zum Dorf Kavvadades, dann nach Magoulades und von dort aus zur Küste führte. Ein Gefühl von Freiheit erfasste sie. Die Hänge, die sich tiefgrün um das Tal schlossen, liefen in einer sanften Welle in Richtung des Meeres aus. Zoi gab Gas, und der Roller hob ab und begann zu fliegen. Geradewegs der untergehenden Sonne entgegen, die den Himmel orangerot aufflammen ließ.

Er war ein Bestechungsgeschenk gewesen, mit dem sich Leo ihr Wohlwollen hatte erkaufen wollen, nachdem er sie aus ihrer Schule in München entführt und auf diese gottverlassene Insel verschleppt hatte. Mehr als einmal hatte sie ihn gefragt, warum er seinen gut bezahlten Job an der Uni aufgeben hatte, um Tante Alikis Erbe anzutreten, die in Nordkorfu tausend Hektar Olivenhain, einen Laden und eine Ölmühle bewirtschaftete. Wir sind der Rest, hatte er geantwortet. Familie geht vor. Dafür sieht man uns sogar nach, dass wir die Kinder von Alikis geächteter Schwester, der Kommunistin, sind.

Aber Zoi wusste, dass er sich mit seinem »Blut ist dicker als Wasser«-Geschwafel in die Tasche log. Leo wollte nur noch kurz die Welt retten beziehungsweise Griechenland, was aufs Gleiche rauskam. Er war ebenso idealistisch wie ihre verstorbene Mutter und ebenso zum Scheitern verurteilt. Ohne mich, dachte sie. Mich zieht er nicht ins Verderben.

Der Fahrtwind trieb ihr Tränen in die Augen, griff in ihre hellbraunen Haare und ließ sie frösteln.

Seit Zoi auf Korfu war, verleugnete sie ihre elfenhafte Schönheit, indem sie hauptsächlich schwarze T-Shirts und zerrissene Jeans trug, die zu flicken sich selbst Aliki weigerte. In München war Zoi eine gute Schülerin gewesen und hatte nebenher genug Zeit zum Tanzen gehabt. In ihrer neuen Schule fiel sie vor allem durch ihr mangelhaftes Griechisch auf. Die komplizierte Sprache verstehen und sprechen ging ja noch, aber sie fehlerfrei zu schreiben war nahezu unmöglich. Zoi, die in Bayern ein passables Abi hingekriegt hätte, entpuppte sich auf Korfu als Analphabetin, was ihre Mitschülerinnen sie täglich spüren ließen.

Als sie die Ebene erreichte, war der rote Feuerball der Sonne gerade im Meer versunken. Der Himmel verblasste zu einem milden Petrol und hüllte sich dann in Dunkelheit.

Zoi durchquerte Roda und Acharavi mit seinen Neonreklamen und Tavernen und bog hinter Zorbas’ Supermarkt zum Meer ab. Die Straße führte zur Siedlung Almiros und zum Kap der Agia Ekaterini, wo die Reste eines aufgegebenen Klosters lagen.

Als sie den Strand erreicht hatte, wölbte sich der Sternenhimmel über dem Meer. Sie stieg vom Roller und schob das letzte Stück.

Fünfzig Meter vor Volkers Taverne saß ein Pärchen eng umschlungen auf einer Bank am Uferweg. Die Glücklichen. Anders als Zoi würden sie nach ihrem Traumurlaub im Paradies wieder in ihr wahres Leben zurückkehren. Sie selbst steckte auf Korfu fest. Ihr graute vor den Winterstürmen und dem Regenwetter, die sie in diesem Jahr zum zweiten Mal in Alikis Haus bannen würden. Am meisten aber verabscheute sie Oliven und alles, was mit ihnen zusammenhing.

Sie bockte den Roller vor dem Eingang zu Volkers Garten auf, arbeitete sich durch eine Gruppe Engländer, die gerade die Gaststube verließen, und trat ein. Hinter der Theke stand ein Junge in einem gestreiften Shirt, der mit provozierender Langsamkeit ein Glas polierte.

»Hast du Leo gesehen?«

Der Junge betrachtete sie nachdenklich über einen Tellerstapel voller Fischgräten und Zitronenscheiben hinweg. »Leo wer?«

»Leonidas Bardés. So ein Großer mit Lederjacke.«

»Ach, der. Er war eben noch da.« Der Junge trat mit lässig in den Taschen seiner Jeans vergrabenen Händen hinter der Theke hervor. Zoi fand, dass er mit seiner Tolle und dem gestreiften Shirt cool aussah. »Volker hilft Eleftheria gerade in der Küche. Eine unserer Küchenfeen ist ausgefallen. Wenn er kommt, kannst du ihn fragen.« Er wandte sich an die letzten verbliebenen Gäste, ein Paar aus der Schweiz. »We close.«

»Du bist echt der schlechteste Kellner, den die Welt je gesehen hat«, sagte Zoi auf Griechisch. Wie praktisch. Weil kaum ein Westeuropäer diese Sprache beherrschte, boten sich immer Gelegenheiten, um abzulästern.

»Ach, wirklich?« Er linste spöttisch unter seiner Ponysträhne hervor. »Und du bist die Deutsche, die Probleme hat, griechisch zu schreiben.«

Die Schweizer verabschiedeten sich und ließen sie allein zurück. Im Hintergrund lief ohne Ton der Fernseher.

»Mein Ruf geht mir voran«, sagte Zoi leise.

»Auf Deutsche sind die Leute nicht gut zu sprechen.« Es zischte, als der Junge eine Cola öffnete und in ein Glas plätschern ließ. »Trink! Vielleicht kriegst du dann bessere Laune.«

Zoi merkte erst jetzt, wie durstig sie war. Sie nahm einen Schluck und fragte sich, ob er mit ihr flirtete und ob sie sich darüber freuen sollte. Sechziger-Jahre-Swing klang aus der Anlage und füllte das Schweigen zwischen ihnen. Sie beobachtete, wie er bedächtig seiner Arbeit nachging. Nach gefühlten fünfzehn Minuten, ihr Glas war mittlerweile leer, trat Volker aus der Küche.

»Hallo, Zoi.« Der Tavernenbesitzer legte seinem Aushilfskellner, der aussah, als würde er vor Peinlichkeit am liebsten im Boden versinken, den Arm um die Schultern. »Du hast dich wacker geschlagen.« Volkers Griechisch war noch unbeholfener als Zois. »Tassos ist mein Sohn.«

Zoi hob die Augenbrauen. Sie hatte von ihm gehört. Unter den Jungs galt Volkers Tassos als eine Art Leader, die Mädchen himmelten ihn an. Außerdem war er zur Hälfte deutsch, so wie sie.

»Hast du Leo gesehen, Volker?«, fragte sie in ihrer Muttersprache. Inzwischen war es ihr egal, ob sie ihren Bruder fand oder nicht. Sicher hatten die Vertreter der Genossenschaft nach der Plünderung von Alikis Ouzo-Vorräten keinen Kopf mehr für so gewichtige Sachen wie die Zukunft des Olivenanbaus auf Korfu.

»Leo suchst du?« Volker blickte sich in der Gaststube um. »Er war stundenlang hier. Er war mit Jannik verabredet, aber der hat ihn versetzt.«

»Jannik wer?«

»Jannik Tersteegen. So ein deutscher Journalist und Blogger, der sich hier mit seiner Freundin getroffen hat. Aber der ist auch weg. Lass uns mal draußen nachsehen.«

Zoi folgte Volker auf die Terrasse hinaus, die verlassen unter dem Sternenhimmel lag. Die Lampions im Garten waren erloschen und schaukelten sachte im auflandigen Wind. »Hier ist niemand mehr.«

Tassos folgte ihnen, um die Papiertischdecken abzuziehen und auf den Boden zu werfen. Obwohl er unbeteiligt tat, spürte Zoi, dass er ihr Gespräch aufmerksam verfolgte.

»Du musst Leo knapp verfehlt haben«, sagte Volker. »Aber sieh doch selbst auf dem Parkplatz nach, ob sein Auto noch da steht. Vielleicht ist er ja zu einem Strandspaziergang aufgebrochen.«

»Gewiss nicht.« Leo war nicht gerade romantisch. Die Genossenschaft zu versetzen entsprach ihm allerdings auch nicht.

Zoi trat in den Garten und ließ ihre Augen über den Parkplatz schweifen. Keine Spur von Leos Pick-up. Der einzige Wagen weit und breit war ein weißer Transporter, in dessen leerem Fahrerhaus Licht brannte.

Frustriert wandte sie sich ihrem Roller zu, stieg auf und klappte den Ständer ein. Sie war die weite Strecke umsonst gefahren und musste sich im Stockdunkeln Kurve für Kurve zurück in die Berge quälen. Und das nur, um sich Leos Vorwürfe anzuhören, der sie sicher zu Hause erwartete. Aber vielleicht war ihre Aktion doch nicht ganz vergeblich gewesen.

Tassos stand in der Tür zur Taverne und zog an seiner Zigarette. »Du könntest mir deine Nummer geben«, sagte er auf Deutsch.

»Die kriegt nicht jeder.«

Auf diese perfekte Antwort hin zwinkerte er ihr mit einem Ausdruck zu, der alle Möglichkeiten offenließ. Als Zoi mit ihrem Roller auf den Uferweg auffuhr, lächelte sie.

Das Pärchen auf der Bank war verschwunden.

5

Mittwoch

»Jannik?«

Mila erwachte, weil sich ein Dornenzweig in ihren Rücken bohrte. In ihrem Kopf hämmerte ein Presslufthammer. Lichtspeere bahnten sich den Weg durch ihre verklebten Augenlider. Stöhnend löste sie sich aus dem Pflanzengewirr, schob sich auf Knie und Hände und spuckte ihren Mageninhalt ins Gebüsch. Es roch so entsetzlich, dass sich ihr Magen von Neuem umdrehte, bis nur noch bittere Galle kam. Mila war schwindlig und so erschöpft, dass ihr wieder die Augen zufielen.

Nach Stunden setzte sie sich auf ihre Fersen und zwang sich, diesem unmöglichen Tag ins Gesicht zu blicken. »Jannik? Soll das ein Witz sein?«

Sie saß mutterseelenallein auf einer breiten Stufe an einem Steilhang, der sich in Richtung einer schmalen Klamm absenkte. Gegenüber erhoben sich Hügel voller Ölbäume und Zypressen. Der Anblick war so schön, dass sie einen Moment lang staunend verharrte. Dann überkam sie Panik. Die Idylle konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie mitten in der Wildnis gestrandet war. Ohne Jannik. Weder wusste sie, wie sie hierhergekommen war, noch, wo sie sich befand. Ihre Jeans war zerrissen, ihr ganzer Körper strotzte vor Prellungen, und auf ihrem Oberschenkel brannte eine fiese Schürfwunde.

Und Mist! Sie tastete ihre Hosentasche nach ihrem Handy und ihrer Geldbörse ab, die nicht da waren. Meine Kamera, mein Rucksack? Alles fehlte. Sie musste hier weg.

Als Mila auf die Knie kam, drehte sich die Welt. Vorsichtig schob sie sich an die Kante des Plateaus heran und bog ein paar Dornenzweige zur Seite. Unter ihr ging es so steil bergab, dass ihr Schwindel sich verstärkte.

Jemand musste sie den Hang hinabgestoßen haben, um sich ihrer zu entledigen. Ein Brombeergebüsch hatte ihren Sturz gebremst und sie davor bewahrt, in den Abgrund zu stürzen, in eine Schlucht, deren Grund sie nicht ausmachen konnte.

Ich könnte tot sein, dachte sie.