• Herausgeber: Dryas Verlag
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Bei einem Alumni-Dinner im Magdalen College der Universität Oxford bricht ein wichtiger Lokalpolitiker tot zusammen. Er wurde vergiftet, doch keiner der Gäste an seinem Tisch will etwas gesehen haben. Und auch bei ihren weiteren Nachforschungen stoßen Inspector Heidi Green und ihr neuer Kollege Frederick Collins von der Thames Valley Police auf eisernes Schweigen. Nur eins steht fest: Ein paar der Ehemaligen hüten ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit. Bald gibt es eine zweite Leiche … Ein Oxford-Krimi mit überraschenden Wendungen, der Einblicke in die Welt der altehrwürdigen Universitätsstadt Oxford gewährt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 299

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Katharina M. Mylius

Die Toten vom Magdalen College

Mylius, Katharina M. Die Toten vom Magdalen College.

Hamburg, Dryas 2019

3., überarbeitete Auflage 2019

ISBN: 978-3-940258-39-7

Lektorat: Kristina Frenzel, Berlin

Korrektorat: Birgit Rentz, Itzehoe

Umschlaggestaltung: © Guter Punkt, München (www.guter-punkt.de), Kim Hoang, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

Umschlagmotiv: „Asphalt Road“ © Vitaly Krivosheev - Fotolia.com

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Der Dryas Verlag ist Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 199k, 22119 Hamburg

_______________________________

© Dryas Verlag, Hamburg 2019

Alle Rechte vorbehalten.

www.dryas.de

Gedruckt in Deutschland

Die

TOTEN

vom

Magdalen

College

Krimi von

Katharina M. Mylius

Für Oma Elfriede

In Liebe

Wenn die Studenten ausgeflogen sind, ist Oxford so friedlich, dachte Frederick Collins und blickte auf die Old Bodleian Library, die historische Bibliothek auf der gegenüber­liegenden Straßenseite. Sie wurde von hellen Lampen angestrahlt und sah mit ihren Zinnen und Türmen aus wie ein kleines mittelalterliches Schloss. Seit einer Woche waren Semesterferien und die Studierenden, die nicht nur aus England, sondern aus der ganzen Welt für ihr Studium nach Oxford kamen, hatten die Stadt flucht­artig verlassen. Die engen Gässchen der Innenstadt waren wie leergefegt und Frederick hatte die alten, geschichtsträchtigen Gebäude fast für sich allein. Überhaupt fühlte er sich in dieser Stadt, als ob er in der Vergangenheit lebte, vor allem jetzt, da die Sonne untergegangen war und die Zeichen der Gegenwart mit ihr in der Dunkelheit verschwunden waren.

Frederick saß an einem der nur spärlich beleuchteten Holztische vor dem King’s Arms, einem der ältesten Pubs Oxfords an der Ecke Holywell Street und Parks Road, und gefiel sich dabei, sich selbst zu bedauern. Es war ein lauer Samstagabend, ein Abend, den man eigentlich mit einer Frau verbringen sollte. Noch bis vor wenigen Wochen hatte Frederick jeden Samstagabend mit Susan in Liverpool in einem Restaurant am Ufer des Mersey gesessen, den Schreien der Seevögel zugehört und dem Wasser zugeschaut, wie es langsam hinunter in die Flussmündung floss und sich dann immer mehr mit dem Horizont verband. Diese Weite, diese unendliche Weite war das, was er am meisten vermisste. Abgesehen natürlich von Susan, die ihn für diesen aalglatten Immobilienschnösel verlassen hatte.

Bei dem Gedanken daran zog sich Fredericks Magen zusammen. Es tat noch genauso weh wie an dem Mittwoch vor ein paar Wochen, als Susan sich von ihm getrennt hatte. Seine Mutter hatte ihn von Anfang an gewarnt, hatte gesagt, dass Susan eine Frau war, die nie genug kriegen konnte. Tatsächlich hatte es Zeiten gegeben, da hatte Susan nicht genug kriegen können – von ihm. Doch das war nun vorbei. Frederick hatte es in Liverpool nicht mehr ausgehalten. Er wolle so weit weg wie möglich, hatte er zu seinem Vorgesetzten gesagt, egal wohin, und so war er in Oxford gelandet.

Wehmütig griff er nach dem Glas, das vor ihm stand, und trank den letzten Schluck Bier, der sich noch darin befand. Er war warm und schmeckte bitter. Dann begann das Smartphone in Fredericks Hosentasche zu vibrieren. Er zog es eilig hervor. Doch es würde wohl kaum Susan sein.

Heidi Green stand verschwitzt im Wohnzimmer im ersten Stock ihres neuen Mietshauses. Erst vor drei Tagen waren sie in die Walton Well Road Nummer 43 in Jericho gezogen. Der Stadtteil im Nordwesten Oxfords, der an den weitläufigen Naturpark Port Meadow angrenzte, hatte sich in den letzten zwanzig Jahren von einem herunter­gekommenen Industrieviertel zu einer beliebten Wohngegend entwickelt, nachdem die Eisenwarenfabrik am Kanal in eine moderne Apartmentanlage umgebaut und die alten Häuser in der Walton Well Road renoviert worden waren. Heidi war heilfroh, endlich aus der kleinen Wohnung in der Marlborough Road im Süden Oxfords raus zu sein, die seit der Geburt ihrer Zwillinge viel zu eng geworden war.

Doch Heidi ging auf dem Zahnfleisch. Nach Stunden hatte sie es endlich geschafft, Ann und Max in ihrem neuen Zimmer zum Schlafen zu bringen. Sie stöhnte, denn um sie herum standen unzählige Umzugskartons, deren Inhalt die beiden Kleinen ausgeräumt hatten. Es war alles ein großes Durcheinander – ein noch größeres Durch­einander, als es ohnehin schon gewesen war. Heidi hatte den Umzug unterschätzt. Oder vielmehr hatte sie ihre eigenen Kräfte überschätzt. Erst seit wenigen Wochen arbeitete sie nach der Mutterpause wieder in ihrem alten Job als Kriminalkommissarin. Die Auszeit hatte sich wegen der Doppel­belastung mit den Zwillingen länger hingezogen, als Heidi es eigentlich geplant hatte. Nun fühlte es sich so an, als seien all die Jahre, in denen sie sich zur Kriminal­kommissarin hochgearbeitet hatte, eine Ewigkeit her und als müsse sie sich ihren Kollegen noch einmal beweisen. Vor allem dem Neuen, der ihr als Partner zugeteilt worden war und der nur so vor Energie strotzte.

Ausgerechnet heute hatte ihr Mann auch noch nach Manchester gemusst. Richard, den alle nur Rich nannten, war Ingenieur, und im neu gebauten Trafford Center, einem Einkaufszentrum im Zentrum von Manchester, dessen Heizungsanlage Rich erst kürzlich abgenommen hatte, gab es irgendeinen technischen Fehler. Der Stadt­verwaltung war es egal, ob es Wochenende war oder nicht, der Schaden musste behoben werden. Heidi würde allein mit all dem hier fertigwerden müssen. Ihre Eltern wohnten zwar in der unmittelbaren Nachbarschaft, nur eine paar Gehminuten entfernt in Summertown, doch Heidi wollte sie nicht um Hilfe bitten. Dann würde sie sich nur wieder anhören müssen, wie chaotisch sie war und dass sie den Umzug besser hätte organisieren müssen. Das würde sie nicht auch noch ertragen können.

Sie brauchte dringend eine Verschnaufpause. Also räumte sie sich einen kleinen Flecken auf dem roten Ledersofa, das noch immer mitten im Wohnzimmer stand, frei und wollte sich gerade setzen, als ihr Smartphone zu klingeln begann.

„Wo hab ich das blöde Ding bloß wieder hingelegt?“, fluchte sie und kletterte zwischen den Umzugskisten herum. Schließlich fand sie die Kiste, in der das weiße Gerät vor sich hin surrte und klingelte. Sie hatte gehofft, dass es Rich wäre, der ihr sagen wollte, dass er bereits auf dem Rückweg war, doch auf dem Display stand: „Nummer unbekannt“.

Heidi hielt sich das Smartphone ans Ohr und fragte: „Ja?“

„Inspector Green?“

Am liebsten hätte Heidi gleich wieder aufgelegt. Sie erkannte die helle Stimme des jungen, übereifrigen Sergeant Simmons sofort.

„Es ist Samstagabend, Simmons!“

„Tut mir leid, dass ich Sie stören muss, Inspector Green, aber im Magdalen College ist ein Mann zusammen­gebrochen. Tot! Er soll vergiftet worden sein!“

„Im Magdalen College? Aber es sind doch Semester­ferien!“

„Heute findet dort ein Alumni-Dinner statt.“ Sergeant Simmons’ Stimme klang aufgeregt und noch heller als sonst. „Chief Inspector Meyers will, dass Sie und der Neue das übernehmen. Ich mach mich gleich mit ein paar Streifen­wagen auf den Weg, um das Gelände abzusperren. Dr. Goldberg und die Spurensicherung hab ich auch schon informiert.“

„Ich bin so schnell wie möglich da“, versprach Heidi.

Wenn es um die Aufklärung eines Verbrechens ging, legte sich in ihrem Kopf jedes Mal ein Schalter um: Es war wie bei einem Hund, der die Fährte aufgenommen hatte – nichts und niemand würde Heidi nun davon abhalten können, diesen Fall zu lösen. Auf einmal war ihre Müdigkeit wie weggeblasen und sie freute sich insgeheim da­rüber, dass sie einen guten Grund gefunden hatte, das Auf­räumen noch etwas zu verschieben.

„Ähm, Inspector Green, eins noch …“

„Ja?“

„Könnten Sie den Neuen vorm King’s Arms abholen?“

„Der Neue ist im Pub?“, platzte es aus Heidi heraus. „Na, das kann ja heiter werden!“

„Es ist ja nicht so, dass der Mann nichts vertragen könnte …“

Heidi dachte an ihren neuen Kollegen, der erst vor wenigen Tagen aus Liverpool zu ihnen nach Oxford versetzt worden war und die massige Statur eines Rugby­spielers hatte. Er sah genau so aus, wie sie sich einen bulligen Polizisten aus dem Norden immer vorgestellt hatte.

„Abgesehen davon wartet der Neue vor dem Pub auf Sie!“, berichtigte Sergeant Simmons sie.

„Wir werden so schnell wie möglich zum Magdalen College kommen, Simmons, und wenn ich den Neuen tragen muss“, versicherte Heidi.

„Das will ich sehen! Der ist ja doppelt so groß wie Sie!“

Heide legte auf. Dann rief sie ihre Mutter an, um sie zu bitten, auf die schlafenden Zwillinge aufzupassen. Nachdem das erledigt war, zog sie aus einem der Umzugskartons eilig einen leichten Baumwollpullover heraus, den sie statt ihres verschwitzten T-Shirts überstreifte, und steckte sich die dunklen Haare hoch. Zeit, sich zu duschen oder Make-Up aufzulegen, hatte sie nicht, denn es klingelte bereits an der Haustür.

„Wer ist denn der Tote?“, fragte Heidis Mutter, während Heidi nach dem Autoschlüssel griff, der an einem kleinen Holzbrett im Eingangsbereich beim Treppenaufgang hing.

„Ich weiß es noch nicht, nur dass es in einem der Colleges passiert ist.“

Ihre Mutter nickte.

„Ich versuche, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen. Rich sollte eigentlich auch bald zurück sein. Danke, Mum!“ Heidi gab ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Wange und lief dann eilig zu ihrem kleinen dunkelgrünen Mini Cooper, den sie vor dem Haus geparkt hatte.

Den lauten Seufzer, den ihre Mutter ausstieß, bevor sie die Haustür hinter sich zuzog, hörte Heidi bis auf die Straße. Ihre Mutter musste das Chaos entdeckt haben.

Frederick stand vor dem King’s Arms und wartete. Das Pint hatte er bereits bezahlt; es war auch hier im Süden üblich, dass man sich im Pub die Getränke selbst an der Theke holte und sofort bezahlte. Ungeduldig steckte er sich eine Craven „A“ an, zog daran und atmete den Rauch tief ein. So schnell hätte er nicht mit einem Mord in der kleinen Hundertfünfzigtausend-Seelen-Stadt gerechnet, doch er konnte es kaum abwarten, über irgendetwas anderes zu grübeln als darüber, was mit Susan schiefgelaufen war.

Er sah, wie der Mini seiner neuen Partnerin von der Thames Valley Police mit Blaulicht die beleuchtete Broad Street heruntergeschossen kam. Der Wagen hielt nur wenige Zentimeter vor seinen Füßen, so dass er einen Satz nach hinten machen musste. Er warf den Zigaretten­stummel auf den Boden, öffnete die Beifahrertür und zwängte sich auf den engen Beifahrersitz.

„Wollen Sie mich umbringen?“, stöhnte er. „Unfalltod verursacht durch überhöhte Geschwindigkeit?“

„Ich könnte behaupten, Sie sind mir betrunken vors Auto gelaufen“, konterte Heidi.

„Die Autopsie würde Sie entlarven. Ich habe nur ein Pint getrunken, das sind bei meiner Körpergröße höchstens null Komma drei Promille! Gerade genug, um so leichtsinnig zu sein, bei Ihnen ins Auto zu steigen! Ich wurde vorgewarnt …“

„Vorgewarnt? Sie kennen also schon das Ammen­märchen, dass Simmons zum Radfahrer wurde, nachdem er einmal bei mir im Auto mitgefahren ist? Das glauben Sie doch nicht etwa?“, fragte Heidi mit gespielter Empörung.

„Hätte ich sonst zugestimmt, dass Sie mich abholen? Ganz so leicht lasse ich mich nicht einschüchtern!“

„Na, dann schnallen Sie sich mal an, Sie Held!“

Frederick blickte amüsiert in das schmale Gesicht der zierlichen Dunkelhaarigen, die viel jünger aussah als er selbst, obwohl sie beide Mitte dreißig waren.

„Wissen Sie schon was Näheres über den Mord?“, fragte er.

„Nein, noch nicht, nur dass ein Mann im Magdalen College tot zusammengebrochen ist“, antwortete Heidi und fuhr los. „Möglicherweise ist es während des Alumni-Dinners passiert.“

„Während des Alumni-Dinners?“

„Mehrmals im Jahr, während der Semesterferien, veranstalten die einzelnen Colleges der Universität ein Dinner für ihre ehemaligen Absolventen. Das sind ziemlich aufwendige und teure Veranstaltungen mit einem exquisiten Essen mit mehreren Gängen und berühmten Gastrednern. Viele der Teilnehmer reisen dafür von weither an. Simmons meinte, dass heute Abend im Magdalen College ein solches Alumni-Dinner stattfindet.“

In diesem Moment riss Heidi das Lenkrad herum, um in die Longwall Street einzubiegen. Frederick musste sich mit der Hand am Türgriff festhalten, um nicht gegen die Fensterscheibe gedrückt zu werden.

Von wegen Ammenmärchen, dachte er. „Welches College ist das eigentlich? Und wieso wird der Name so eigenartig ausgesprochen – ‚Maudlin‘?“

„Wegen des französischen Einflusses zur Zeit seiner Gründung im Jahr 1458. Das Magdalen College wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Hospizes errichtet und war wie viele der alten Colleges früher einmal ein Kloster. Es ist eines der größeren der neununddreißig Colleges hier in Oxford und auch eines der renommiertesten. Da, schauen Sie, da ist schon der Magdalen Tower“, erklärte Heidi.

Vor ihnen war ein hoher, quadratischer Glockenturm mit sechs reich verzierten Turmspitzen zu sehen, der durch helle Strahler angeleuchtet wurde.

„Von der Spitze des Towers läutet der Knabenchor der Magdalen College School jedes Jahr die Maifeierlichkeiten ein, schon seit mehr als fünfhundert Jahren. Das ist aber nur was für Frühaufsteher, das Ganze findet um 6 Uhr morgens statt. Oder aber man ist schlau und feiert die Nacht durch. Hier ist ja alles abgesperrt! Simmons ist also schon in Aktion.“

Fünf Polizeiwagen und ein Krankenwagen standen vor den hohen Mauern des College. Heidi trat auf die Bremse und der Mini kam mit quietschenden Reifen zum Stehen.

Sie öffnete ihr Fenster und rief einem älteren Polizisten zu: „Guten Abend, Harold! Wo kann ich parken?“

„’n Abend, Heidi! Am besten fährst du direkt in den Hof.“ Er zeigte auf ein wenige Meter entferntes dunkles Eisentor, das gerade geöffnet wurde. „Einfach dem Kranken­wagen hinterher. Simmons wartet schon auf euch.“

„Das kann ich mir denken!“ Heidi zwinkerte Harold zu, woraufhin der schmunzelte. Dann lenkte sie den Mini durch die schmale Einfahrt zum St Swithuns Squad, dem großen Innenhof des Magdalen College. „Harold Hefner ist ein alter Freund meines Vaters“, erklärte sie Frederick, bevor sie den Wagen dort parkte, wo Sergeant Simmons sie mit wild fuchtelnden Armen wie ein Lotse hinwies.

Noch während sie sich abschnallten, öffnete der große, dünne Sergeant die Fahrertür und keuchte: „Da sind Sie ja endlich! In der Dining Hall ist die Hölle los!“

„Es ist also tatsächlich während des Alumni-Dinners passiert?“, fragte Heidi.

„Ja, der Tote ist einer der Gäste. Er ist zusammengebrochen, kurz nachdem der zweite Gang aufgetragen wurde.“

Mit schnellem Schritt führte Sergeant Simmons die beiden Inspectors durch einen nur spärlich beleuchteten alten Kreuzgang und danach eine steinerne Treppe hinauf. Je höher sie kamen, desto lauter wurde das Stimmengewirr, das ihnen entgegendrang.

„Wie lange sind Sie schon auf dem Gelände, Simmons?“ Heidis Frage ging beinahe im Lärm unter.

„Seit genau sechzehn Minuten. Ich habe sofort veranlasst, dass das Collegegelände abgesperrt und der Zugang zur Dining Hall überwacht wird. Die Spurensicherung und Dr. Goldberg sind auch schon da“, antwortete Sergeant Simmons pflichtbewusst und strich sich nervös das dunkle Haar aus der Stirn.

„Wann genau ist der Anruf in der Zentrale einge­gangen?“

Sergeant Simmons blickte auf seine große Armbanduhr. „Vor dreiundzwanzig Minuten, um 20.05 Uhr, kurz nachdem der Mann zusammengebrochen ist. Ich wurde um 20.12 Uhr vom Pförtner eingelassen. Um 20.14 Uhr istDr. Goldberg eingetroffen und um 20.18 Uhr war das gesamte Gelände inklusive der Dining Hall bereits abgesperrt. Ich habe alles unter Kontrolle bis auf den Dean, der macht Probleme. Ihm ist der ganze ‚Vorfall‘ unangenehm vor den Gästen.“

„Wer ist das?“, fragte Frederick laut.

„Der Dekan des College und Gastgeber des Alumni-Dinners heute Abend“, erklärte Heidi und wandte sich wieder Sergeant Simmons zu: „Machen Sie sich keine Sorgen, Simmons, um den Dean kümmern wir uns. Allerdings würden Sie uns helfen, wenn Sie damit beginnen könnten, die Personalien der Gäste aufzunehmen.“

„Sicher, wird sofort gemacht“, beteuerte Sergeant Simmons. „Hier ist es, die Dining Hall, in der es passiert ist.“

Heidi nickte den beiden Constables zu, die vor einer hohen, dunklen Holztür mit aufwendigen Schnitzereien standen und diese bewachten. Einer der Constables stieß einen der Türflügel auf und sofort schlug Frederick der Geruch von Kerzenwachs entgegen. Sie betraten den großen Saal, doch es dauerte einige Sekunden, bis sich seine Augen an das schummrige Kerzenlicht darin gewöhnt hatten. Die Dining Hall war mit dunklem Holz vertäfelt und an den Wänden hingen unzählige Ölgemälde, von denen ältere Herren in farbigen Roben in den Raum hinunterblickten. Frederick nahm an, dass es sich bei ihnen um die ehemaligen Rektoren des College handelte, die über die Jahre porträtiert worden waren. In der Mitte der Halle waren vier lange Festtafeln mit weißen Leinentischdecken aufgebaut. Auf einem Podium im hinteren Teil der Dining Hall, das man über eine kleine hölzerne Treppe erreichen konnte, stand eine weitere Festtafel. Gedecke, Blumen­gestecke und Kerzenständer, in denen gelbe Honigwachskerzen brannten, standen auf den Tischen.

Es herrschte große Unruhe im Saal, obwohl drei Constables in dunkelblauen Uniformen versuchten, die aufgeregten Gäste zu beruhigen. Frederick überflog mit den Augen die Anwesenden; es mussten um die sechzig Gäste sein. Plötzlich krampfte sich sein Magen wieder zusammen. Die Männer trugen dunkle Fracks, weiße Hemden und schwarze Lackschuhe und sahen aus wie Pinguine. Sie erinnerten ihn an den Mann, den er in den letzten Wochen versucht hatte, aus seinem Gedächtnis zu streichen – vergeblich.

Ein einziges Mal nur hatte Frederick Susans Neuen gesehen, doch die Bilder hatten sich in sein Gehirn gebrannt und spulten sich wieder und wieder wie ein Film vor seinem inneren Auge ab. Es war ein verregneter Mittwochabend vor ein paar Wochen gewesen. In Liverpool regnete es viel. Der Mann hatte den Arm um Susan gelegt, um seine Susan. Er hatte ausgesehen wie der junge Charlie Chaplin, nur ohne Schnauzer. Sein kurzes schwarzes Haar hatte er zu einem ordentlichen Mittelscheitel gekämmt gehabt und tonnenweise Haargel hineingeschmiert. Oder vielleicht war sein Haar auch einfach nur nass gewesen vom Regen; es hatte jedenfalls fürchterlich geglänzt. Er hatte einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und schwarze Lackschuhe getragen. Und nun war Frederick mit lauter Männern konfrontiert, die so aussahen wie Susans Neuer.

Die Frauen in der Dining Hall erinnerten ihn dagegen an Papageien, eine war bunter als die andere. Sie hatten die Haare zu hahnenkammähnlichen Frisuren aufgeplustert und trugen glänzende Abendroben in allen erdenklichen Farben, die mit funkelndem Schmuck um die Wette schiller­ten. Alle zwitscherten aufgeregt vor sich hin.

„Dean Shaw?“ Heidi trat an den Mann mit der glänzenden Glatze heran, an den Sergeant Simmons sie verwiesen hatte.

Der Dekan verzog unzufrieden das Gesicht. Es war streng und faltig und strahlte eine Autorität aus, die Frederick als unangenehm empfand. Trotz seines hohen Alters hatte Dean Shaw jedoch wache Augen, die Heidi geringschätzig von oben bis unten musterten. Danach wanderte sein Blick zu Frederick, der sich neben Heidi gestellt hatte.

„Guten Abend! Ich bin Inspector Green und das hier ist mein Kollege Inspector Collins. Wir kommen von der Thames Valley Police“, sagte Heidi.

Der Dekan war sichtlich überrascht. Seine Augen weiteten sich ungläubig und wanderten noch einmal von Heidi zu Frederick, der mit seiner Größe von fast zwei Metern neben ihr wie ein Riese wirken musste. Wahrscheinlich störte Dean Shaw sich daran, dass sie so gar nicht wie Polizisten aussahen. Heidi trug einen einfachen rosafarbenen Baumwollpulli über einer hellblauen Jeans und Frederick ein sportliches Poloshirt und eine beigefarbene Chino.

„Dean Shaw, könnten Sie uns bitte sagen, wer der Tote ist?“ Heidi überging die prüfenden Blicke des Dekans und schaute hinüber zu dem breitschultrigen, rotblonden Mann, der leblos am Boden lag.

„Der Tote ist Councillor McCann, den kennen Sie doch sicher“, näselte Dean Shaw von oben herab mit einem starken Oxforder Akzent.

„Councillor Jules McCann, der für die Wahl zum Lord Mayor nächste Woche aufgestellt war?“, fragte Heidi ungläubig. „Die Presse berichtet seit Wochen über nichts anderes.“

Dean Shaw nickte zustimmend.

„In dieser kleinen Stadt gibt es einen Lord Mayor?“, wunderte sich Frederick.

„Sie sind wohl nicht von hier?“, mutmaßte Dean Shaw.

„Ich bin erst vor wenigen Tagen von Liverpool nach Oxford gezogen“, erklärte Frederick und lächelte entschuldigend.

„In Oxford wird bereits seit 1122 jedes Jahr im Mai ein Mayor gewählt, seit 1962 sogar ein Lord Mayor. Er ist der wichtigste Mann der Stadt. Jules McCann stand kurz davor, dieses Amt zu übernehmen“, dozierte Dean Shaw.

„Es klingt so, als ob Sie Mr McCann gut kannten“, folgerte Heidi.

„Jules McCann ist vor Jahren als junger Stipendiat hier an mein College gekommen; er stammte ursprünglich aus Glasgow, war also Schotte. Nach dem dreijährigen Bachelor-Studium ist er in Oxford geblieben, ein Segen für die Stadt. Er war ein hochintelligenter Mann, hatte Politikwissenschaft studiert und ist in die Politik gegangen. Ich habe ihn all die Jahre nach Kräften unterstützt, auch nach dem Studium. Durch meine Kontakte hat er es erst so weit gebracht, für die Wahl zum Lord Mayor aufgestellt zu werden. Er wäre der jüngste Lord Mayor in der Geschichte Oxfords geworden. Und jetzt ist er tot und das Dinner heute Abend ruiniert. Alle Bemühungen waren umsonst.“

Frederick war sich nicht sicher, worüber Dean Shaw am meisten enttäuscht war. „Wann genau hat Mr McCann hier studiert?“, hakte er nach.

„1992 ist er nach Oxford gekommen und hat im Sommer 1995 seinen Bachelor gemacht.“

„Er war also erst Ende dreißig?“

„Neununddreißig, um genau zu sein. Viel zu jung, um zu sterben! Und ausgerechnet hier und heute!“

„Haben Sie gesehen, wie Mr McCann gestorben ist?“, fragte Heidi.

„Ja und nein.“ Dean Shaw hielt sich mit seiner faltigen Hand die hohe Stirn, so als ob ihm das beim Erinnern helfen würde. „Ich saß dort oben an der Tafel auf dem Podium. Erst als ich aus dem Saal unten Schreie hörte, habe ich bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Zu diesem Zeitpunkt lag Jules McCann bereits leblos am Boden. Dr. Fisher, ebenfalls Alumnus meines College, hat ihn sofort notversorgt, doch anscheinend konnte er nichts mehr für ihn tun, für ihn kam jede Hilfe zu spät. Aber sagen Sie, wann können wir das Dinner endlich weiterführen? Wissen Sie, viele der Gäste sind von sehr weit her für diese Veranstaltung angereist, wir haben diesen Abend seit Monaten vorbereitet und unter den Gästen sind einige sehr wichtige …“

„Wir müssen untersuchen, unter welchen Umständen Councillor McCann gestorben ist. Möglicherweise wurde er ermordet“, unterbrach ihn Heidi.

Dean Shaw wurde kreidebleich. „Was? Jules McCann soll ermordet worden sein? Ein Mord hier in meinem College? Das kann nicht sein!“

„Wir gehen davon aus, dass er vergiftet wurde, und müssen diesem Verdacht nachgehen. Wir werden die Leiche einer Obduktion unterziehen, um die genaue Todesursache festzustellen. Wenn es sich tatsächlich um Fremdverschulden handelt, dann befindet sich der Mörder möglicherweise noch auf dem Gelände, sehr wahrscheinlich sogar hier in der Dining Hall. Es tut mir sehr leid, aber Sie werden das Dinner abbrechen müssen, Dean Shaw, damit wir unsere Untersuchungen durchführen können.“

„Schmerzhafte Sache“, nuschelte Dr. Goldberg in seinen dunklen Bart. „McCann scheint qualvoll erstickt zu sein.“

Heidi blickte in das blasse Gesicht des Toten. Es war verzerrt und ließ erahnen, welche furchtbaren Schmerzen Jules McCann kurz vor seinem Tod gehabt haben musste.

„Wie der Arzt, der uns gerufen hat, schon vermutet hat, denke ich auch, dass McCann vergiftet worden ist“, sagte Dr. Goldberg und nickte einem Mann zu, der etwas abseits stand.

Der Grauhaarige kam zu ihnen herüber und stellte sich vor: „Guten Abend, ich bin Dr. Fisher.“

„Dr. Fisher, Sie erzählten mir eben, was Sie gesehen haben. Könnten Sie dies bitte noch einmal für meine Kollegen wiederholen?“, bat Dr. Goldberg.

„Selbstverständlich. Ich saß dort drüben.“ Dr. Fisher zeigte auf eine der langen Tafeln, die vor einem kleinen Kamin stand, in dem ein Feuer brannte. „Es ging alles sehr schnell. Bis ich realisiert hatte, was hier los war, und von meinem Sitzplatz aufgestanden und zu Mr McCann hinüber­gelaufen war, war der längst tot. Meine Versuche, ihn wiederzubeleben, blieben leider erfolglos.“

„Dr. Fisher meinte, er habe einen bitteren Mundgeruch bei McCann wahrgenommen.“

Der grauhaarige Doktor nickte zustimmend und ergänzte: „Ich tippe auf Gift.“

„Ich hatte eben selbst das Vergnügen“, fügte Dr. Goldberg hinzu, zeigte auf McCanns geöffneten Mund und rümpfte die Nase.

„Und?“, fragte Heidi.

„Es war ein ziemlich strenger Geruch, ich denke auch, dass es Gift war.“

„Der Mörder hat das Gift wahrscheinlich in Mr McCanns Wein gemischt, und der hat es dann getrunken“, mutmaßte Dr. Fisher.

„Das ist auch meine These“, bestätigte Dr. Goldberg. „Aber ich melde mich, sobald ich die Ergebnisse der Obduktion habe. Ich werde ihn gleich mitnehmen.“

Zwei Sanitäter hoben den Toten unter Anleitung von Dr. Goldberg auf eine Trage und bedeckten ihn mit einem weißen Laken. Dann trugen sie die Leiche aus der Dining Hall. Bevor Dr. Goldberg sich verabschiedete, führte er Heidi und Frederick zu dem Stuhl, auf dem Jules McCann während des Dinners gesessen hatte. Der Sitzplatz befand sich an der langen Tafel ganz rechts, dort, wo an der Wand die Büste von Oscar Wilde angebracht war.

„Mindestens fünf Personen hätten McCann das Gift in sein Glas mischen können“, überlegte Frederick laut, „nämlich die beiden, die links und rechts von ihm, und die drei, die ihm direkt gegenüber saßen.“

Heidi nickte, doch mit den Augen suchte sie bereits die Tische nach Hinweisen ab. An jedem Sitzplatz lag neben dem Teller ein kleines Heftchen, das mit einer goldenen Schleife zusammengehalten wurde. Heidi griff nach einem der Heftchen und blätterte darin. Nicht nur das auf­wendige Sieben-Gänge-Menü des Alumni-Dinners wurde dort beschrieben und die Redner wurden vor­gestellt, es war auch ein Sitzplan mit Namen eingezeichnet. Neben den Namen stand das Jahr, in dem die Gäste ihren Abschluss am Magdalen College gemacht hatten.

„’n Abend, ihr beiden!“ Die helle Stimme gehörte zu Stephanie Bradshaw von der Spurensicherung. Sie war gerade dabei, die Gläser zu untersuchen, die auf dem Tisch standen.

„Wie sieht’s bei dir aus, Steph?“, fragte Heidi, während sie das Heftchen faltete und in ihre Hosentasche steckte.

„Eindeutig Gift“, antwortete die mollige Mittdreißigerin und zeigte auf ein halb gefülltes Weinglas. „Dr. Goldberg hatte Akonitin vermutet, ein Pflanzengift, mit dem auch früher schon Leute umgebracht wurden, ohne dass man es nachweisen konnte. Zum Glück sind wir da heute viel weiter. Gerade habe ich einen ersten Test gemacht – mit Erfolg. Ich werde mir das Glas aber im Labor noch mal ganz genau anschauen, auch wegen der Fingerabdrücke. Zwar gehe ich davon aus, dass der Mörder schlau genug war, keine zu hinterlassen, als er das Gift in den Wein gemischt hat, aber man kann ja nie wissen. Vielleicht haben wir Glück. Handschuhe wird er wohl kaum getragen haben, das wäre sicher aufgefallen.“

„Oder aber er hat das Gift nicht ins Glas, sondern in die Weinflasche gemischt“, warf Frederick ein und wandte sich dann an eine der jungen Kellnerinnen.

Sie war gerade dabei, die Honigwachskerzen zu löschen, die in den reich verzierten Messingkerzenständern brannten. Sergeant Simmons hatte inzwischen dafür gesorgt, dass die Deckenleuchte eingeschaltet worden war.

„Entschuldigen Sie, Miss?“

Die junge Rothaarige lächelte schüchtern. „Ja, Sir?“

„Können Sie mir sagen, wer heute Abend für den Platz zuständig war, an dem der Tote saß?“

„Soviel ich weiß, war das Cathy Charles.“ Sie zeigte auf eine blonde junge Frau, die neugierig zu ihnen herüberschaute.

„Sie sind von der Polizei, oder?“, fragte die Blonde ohne Umschweife, als Heidi und Frederick an sie herantraten.

Frederick nickte und erwiderte: „Und Sie sind Cathy Charles?“

Die junge Frau lächelte. „Das ist richtig.“

„Wir müssen Ihnen ein paar Fragen zum Tod von Councillor McCann stellen.“

„Ich habe nichts damit zu tun!“ Cathy Charles blickte sich nervös um, so als ob sie am liebsten die Flucht ergreifen würde. Dann brach sie auf einmal in Tränen aus.

Eine heftige Reaktion für jemanden, der nichts zu befürchten hat, fand Heidi.

Frederick zog eine Packung Taschentücher aus seiner Hosentasche und hielt sie Cathy Charles wortlos entgegen. Dankbar nahm sie sich ein Taschentuch.

„Geht’s wieder?“, fragte Frederick nach einer Weile.

So viel Einfühlungsvermögen hätte ich ihm gar nicht zugetraut, dachte Heidi und schaute in das gleichmäßige Gesicht ihres neuen Kollegen, dessen dunkelbraune Augen Cathy Charles genau beobachteten.

Die junge Frau nickte und ihr blonder Pferdeschwanz wippte auf und ab. Sie schnäuzte sich.

„Wie ich gehört habe, Miss Charles, haben Sie Councillor McCann den Wein serviert, den er getrunken hat, kurz bevor er starb. Ist das richtig?“, fragte Frederick mit sanfter Stimme und hielt Cathy Charles die Taschentuchpackung erneut entgegen, doch sie lehnte dankend ab.

Mit leiser Stimme fragte sie: „Und jetzt denken Sie, ich hab ihn umgebracht?“

„Ausschließen können wir es nicht“, erwiderte Heidi bestimmt.

Sofort brach die junge Frau erneut in Tränen aus. Frederick warf Heidi einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Könnten Sie uns bitte die Flasche zeigen, aus der Sie Mr McCann den Wein eingegossen haben?“, fragte er.

„Das kann ich nicht!“ Cathy Charles wirkte verzweifelt. „Wegen der ganzen Aufregung weiß ich nicht mehr, welche Flasche es war.“

Sie führte Heidi und Frederick in eine moderne Großküche, die gegenüber der Dining Hall lag. Auf dem Boden an einer Wand standen unzählige Weinkisten. Einige von ihnen waren noch ungeöffnet, andere mit leeren Flaschen gefüllt. Auf einem Tisch daneben standen ein Dutzend Flaschen, in denen sich noch Wein befand.

„Es muss eine von diesen gewesen sein.“ Cathy Charles zeigte auf die Rotweinflaschen, die auf dem Tisch standen.

Frederick beugte sich vor und las das Etikett einer der Flaschen: „Clarendon Hills 2009. Das ist ja ein ganz besonders edler Tropfen. Australier.“

„Sind Sie ein Weinkenner?“, fragte Heidi erstaunt.

„Überrascht Sie das? Dachten Sie, im rauen Norden Englands trinken wir nur Bier und prügeln uns und verstehen nichts von gutem Wein?“ Fredericks Tonfall war herausfordernd.

Heidi schwieg verlegen. Wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie genau das gedacht. Hier bei ihnen im Süden Englands war der industrielle Norden noch immer als kulturlos verschrien.

Cathy Charles räusperte sich und sofort wandte sich Frederick wieder der jungen Frau zu.

„Sagen Sie, Miss Charles, wem außer dem Councillor haben Sie noch Wein aus der Flasche eingegossen?“

„Dem Mann, der neben ihm saß. Die übrigen Gäste verlangten Weißwein. Hat ja auch viel besser gepasst, schließlich gab es Fisch.“

„Und der Mann, dem Sie auch noch Rotwein eingeschenkt haben, saß der links oder rechts vom Councillor?“

„Rechts neben ihm“, erinnerte sich Cathy Charles.

„Wissen Sie, wer er war?“

„Nein, leider nicht.“

„Wie sah er aus?“

Cathy Charles überlegte. „Er war ein wenig älter als ich, gutaussehend. Hatte schwarze Haare, einen Mittelscheitel und trug einen schwarzen Frack.“

In diesem Moment trat Sergeant Simmons an sie heran. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen, seine Wangen waren gerötet und er sah aus, als ob er gerade einen Marathonlauf hinter sich hätte.

„Sie müssen mir helfen, die Gäste werden un­gehalten!“, rief er atemlos. „Sie verstehen nicht, weshalb wir sie seit einer Stunde hier festhalten und nichts passiert. Die haben alle schon gut einen im Tee und lassen nicht mit sich reden!“

„Haben Sie alle Personalien aufgenommen?“, fragte Heidi ruhig.

„Alles erledigt, ich habe Ihnen die Liste bereits zugemailt.“

Heidi zog das kleine Heftchen mit dem Sitzplan des Alumni-Dinners aus ihrer Hosentasche. „Gut, lassen Sie die Gäste gehen, Simmons. Bis auf Lisa O’Neill, Charlotte Jacobs, Zoe Hearne, Philipp Moore und Martin Loveless. Das sind die fünf, die beim Dinner um McCann herum saßen und damit die Möglichkeit hatten, ihm das Gift in den Wein zu mischen.“

Sergeant Simmons ließ die Tische auf dem Podium vom Servicepersonal abdecken und so zurechtrücken, dass Heidi und Frederick der Person, die sie verhören würden, direkt gegenüber saßen. Als Erstes führte er eine kleine, kräftig gebaute Frau Ende dreißig mit mittel­langen, dunkelblonden Haaren zu ihnen. Sie hatte eine außergewöhnlich helle Haut und trug ein graues, un­förmiges Leinenkleid, das sie noch blasser wirken ließ.

„Sie oder ich?“, fragte Frederick Heidi leise.

„Sie sind anscheinend der Frauenversteher …“, antwortete sie mit einem Grinsen im Gesicht.

„Wenn Sie wüssten …“, gab Frederick zurück.

„Wie lange wollen Sie mich hier noch festhalten? Sie finden das Ganze anscheinend äußerst amüsant!“, unterbrach die Blasse ihn empört.

„Wir haben nur ein paar Fragen an Sie und danach können Sie gehen“, erwiderte Frederick unbeeindruckt. „Sind Sie Zoe Hearne?“

„Ja.“

„Setzen Sie sich bitte.“

Zoe Hearne seufzte laut und machte keinen Hehl da­raus, dass dies der letzte Ort war, an dem sie in diesem Moment sein wollte. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen, der auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches stand.

„Was machen Sie beruflich?“, fragte Frederick.

„Ich bin Anwältin.“

„Sind Sie verheiratet?“

„So gut wie.“ Sie hob ihre linke Hand hoch, an der ein riesiger Verlobungsring funkelte.

Der muss um die dreißigtausend Pfund wert sein, dachte Frederick, als er den kunstvoll geschliffenen Brillanten sah. Er selbst hatte bis vor wenigen Wochen noch mit dem Gedanken gespielt, Susan einen Heiratsantrag zu machen, und hatte sich dafür sogar schon bei einem Juwelier nach einem passenden Ring umgeschaut.

„Ist Ihr Verlobter heute Abend auch hier?“, fragte er.

„Nein, er hat dieses Wochenende andere Verpflich­tungen. Ganz abgesehen davon ist das hier ein Alumni-Dinner und er hat nicht am Magdalen College studiert.“

„Verstehe. Aber Sie haben hier Rechtswissenschaften studiert?“

„Korrekt.“

„Und da haben Sie Mr McCann kennengelernt?“

„Ja, wir waren im selben Abschlussjahrgang.“

„Aber Mr McCann hat doch Politikwissenschaften studiert und nicht Rechtswissenschaften.“

„Das ist richtig, hier am Magdalen College kann man natürlich nicht nur Rechtswissenschaften studieren, wie Sie sich sicher vorstellen können – oder vielleicht auch nicht.“ Zoe Hearne musterte Frederick abfällig und zog die Augenbrauen hoch. „Außerdem waren damals nur achtzig Studierende in unserem Jahrgang. Wir haben alle auf dem College-Gelände gewohnt und dreimal täglich hier in der Dining Hall zusammen gegessen. Da lernt man sich natürlich schnell kennen.“

„Waren Sie eng mit Mr McCann befreundet?“

„Ja, damals schon.“

„Das heißt, jetzt nicht mehr?“

„Weniger.“

„Kommen Sie nicht aus Oxford?“

„Doch.“

„Sie waren also mit Mr McCann befreundet, hatten aber in den letzten Jahren nicht viel mit ihm zu tun?“

„Richtig.“

„Gab es dafür einen Grund?“

„Wir waren beide beruflich sehr eingespannt.“

Frederick betrachtete Zoe Hearne genauer. Ihr Gesicht war für das einer Enddreißigerin eingefallen, obwohl sie ansonsten rundlich war, und ihr Blick wirkte kalt und abweisend. Sie presste ihre schmalen Lippen verbissen aufeinander.

„Wann sind Sie heute Abend im College angekommen?“, fragte er.

„Gegen 18.30 Uhr. Ich bin gleich hinunter in den Cloister …“

„Was ist das?“

„Das ist der Innenhof. Dort hat der Champagner­empfang stattgefunden.“

„Vor dem Dinner gab es einen Champagnerempfang?“

„Ja, wie ich bereits sagte, im Cloister.“ Zoe Hearne wurde immer ungeduldiger.

„War Mr McCann auch bei diesem Empfang?“

„Natürlich, das gehört selbstverständlich zur Etikette.“

„Haben Sie sich dort mit ihm unterhalten?“

„Ja, das habe ich.“

„Was hat er gesagt?“

„Nicht viel, wir haben uns nur kurz begrüßt.“

„Wann haben Sie zuletzt mit ihm gesprochen?“

„Beim Dinner.“

Frederick blickte auf den Sitzplan, den Heidi ihm zugeschoben hatte. „Sie saßen Mr McCann schräg gegenüber?“

„Richtig.“

„Worüber haben Sie gesprochen?“

Zoe Hearne zögerte einen Augenblick. „Über seine Wahl zum Lord Mayor.“

„Geht das genauer?“

Die Blonde seufzte erneut, dann antwortete sie widerwillig: „Wir haben darüber gesprochen, dass seine Wahl zum Lord Mayor eine knappe Entscheidung werden könnte, weil Councillor Stevens in Oxford aufgewachsen ist und seine Familie hier viele Kontakte hat. Und wir haben darüber gesprochen, dass die beiden sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie sie das Amt des Lord Mayor führen würden.“

„Wer ist Councillor Stevens?“, fragte Frederick.

Zoe Hearne verdrehte die Augen. „Ist diese Frage wirklich ernst gemeint? Sind Sie sicher, dass Sie für den Polizei­dienst in Oxford geeignet sind? Das war Jules’ Gegen­kandidat für die Wahl zum Lord Mayor!“

Frederick ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Wie verhielt sich Mr McCann während der Unterhaltung?“

„Er wirkte sehr nervös und hat wie ein Wasserfall geredet, so als ob er uns alle auf seine Seite ziehen und davon überzeugen müsste, dass er der bessere Kandidat für den Posten sei. So war er schon immer, ein Vollblutpolitiker eben.“

„Hat er im Laufe des Abends irgendetwas gesagt, das Ihnen seltsam vorgekommen ist?“

„Seltsam?“

„War er anders als sonst?“

„Nein.“

„Ist Ihnen aufgefallen, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte?“

„Ja. Kurz bevor er zusammengebrochen ist.“

„Was war da?“

„Er hat einen Schluck Wein getrunken und danach hatte er Probleme zu atmen.“

„Und davor?“

„Da hat er ganz normal geatmet.“

Diesmal war es Frederick, der seufzte. „Haben Sie irgendjemanden gesehen, der sich an Mr McCanns Glas zu schaffen gemacht hat?“

Zoe Hearne presste die Lippen aufeinander.

„Miss Hearne, noch einmal: Haben Sie gesehen, wie sich jemand an Mr McCanns Glas zu schaffen gemacht hat?“

„Nein.“

„Weshalb haben Sie mit Ihrer Antwort gezögert?“

Zoe Hearne schwieg.

„Na gut. Sie haben also nichts mit der Sache zu tun und wollen auch nichts gesehen haben. Können Sie sich denn wenigstens vorstellen, wer Mr McCann ermordet haben könnte?“

„Nein, kann ich nicht.“

„Wenn es keiner Ihrer Sitznachbarn war, müssen wir davon ausgehen, dass Sie Mr McCann das Gift untergemischt haben, denn einer von Ihnen muss es ja getan haben“, sagte Frederick etwas lauter, denn langsam verlor er die Geduld.