Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Marseille: An Bord einer verlassenen Yacht liegt eine Leiche – begraben unter einem Haufen Ziegelsteine. Was die Gendarmerie als Unfall abtut, lässt Commissaire Arnoult keine Ruhe. Der Tote ist der Künstler Edouard Rousseau. Als in dessen Werkstatt ein grausam gefolterter Flüchtling auftaucht, blickt Arnoult in einen Abgrund: Die Spur führt von den Schmuggelrouten Nordafrikas über die blutige Raubkunst Palmyras bis in die diskreten Bankhäuser Monacos. Um die Hintermänner zu entlarven, muss Arnoult seine Identität ablegen. In der glitzernden Welt der Milliardäre von Monte-Carlo begibt er sich auf tödliches Terrain. Hier, wo Gier keine Grenzen kennt und Kunstwerke aus Gips und Lügen bestehen, wird er vom Jäger zum Gejagten ... Ein rasanter Kriminalroman über die dunklen Geschäfte der Elite – vom rauen Charme Marseilles bis zum sündteuren Pflaster des Fürstentums.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jost Baum
Kriminalroman
»Die Toten von L'Estaque« © 2025 Jost Baum, alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Perpicx Media Design, www.perpicx.de Veröffentlichung: © 2000 Suspense Verlag Höhenstraße 18, D-61267 Neu-Anspach E-Mail: [email protected]
chaptune
Die musikalische Begleitung zum Buch!
Hier geht es direkt zum Hörerlebnis:
chaptune.de/Q19LN2DJC
»Ich werde meinen Mann verlassen«, flüsterte Isabelle Cascavelle mit sanfter Stimme, küsste seine Schulter und ließ ihre schlanken Finger durch seine Brustbehaarung gleiten.
Eine leichte Frühlingsbrise strich durch das geöffnete Fenster. Der Schrei einer Möwe mischte sich mit dem Tuten des Signalhorns der Fähre, die auf dem Kurs Richtung Korsika den Hafen von L’Estaque passierte und bald darauf am Horizont verschwand.
»Lass das!«, zischte Edouard wütend, schob die Bettdecke beiseite und stand auf. »Ich kann das nicht!«, sagte er nachdenklich, während er sich die Boxershorts überstreifte. »Du kennst unsere Vereinbarung! Wir haben Sex miteinander, verdienen Geld mit deinen Projekten und bleiben bei unseren Partnern.« Mit fester Stimme ergänzte er: »Ich liebe meine Frau!« Er hob die Jeans vom Boden auf. Sie hatte sie ihm am Vorabend nach einem Treffen in der Bar ausgezogen. Danach hatte sie ihn mit Küssen bedeckt.
»Du bist ein Schuft, Edouard Rousseau, weißt du das?«, sagte sie und gähnte herzhaft, während sie sich unter die Bettdecke kuschelte.
»Mach die Tür zu, wenn du gehst. Ach ja, bestell mir doch bitte ein Frühstück auf mein Zimmer! Sex mit dir macht mich immer so hungrig! Ich habe noch einen Termin!«, erklärte sie grinsend und winkte ihm schläfrig zu, bevor er, geräuschlos, wie ein Gespenst, aus dem Hotelzimmer floh.
Patrice Cascavelle entstieg dem Fahrstuhl im sechsten Stock des Hochhauses. Der Anwalt, Notar, Galerist und Immobilienmakler war Mitte sechzig, hatte eisgraue Haare und war klein und kugelrund. Trotz seiner vom Hausarzt diagnostizierten Adipositas hatte er einen federnden Gang. Eine exklusive Adresse in einem Fürstentum mit nur 36.000 Einwohnern und einem einmaligen Steuersparkonzept. Immerhin erhebt der Fiskus keine Einkommensteuer, wenn ein Viertel des Unternehmensgewinnes aus monegassischen Quellen sprudelt. Hinzu kommt, dass Personen, die ihren Wohnsitz in Monaco haben, von einer fast völligen Steuerfreiheit profitieren. Ein Standortvorteil, den Cascavelle zu nutzen wusste. Gut gelaunt schritt er an diesem Morgen den marmornen Flur entlang. Aus unsichtbaren Lautsprechern erklang dabei leise klassische Musik. Er betrat sein Büro. Die hohen Fenster gestatteten einen weiten Blick über den Port de plaisance, den Yachthafen von Fontvieille im südlichsten Stadtbezirk Monacos. Rasch entledigte sich Cascavelle des leichten Sommermantels, warf ihn auf eine Ledercouch und ließ den Computer hochfahren. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf die schwere Glasplatte, auf der der Rechner stand, bis der Bildschirm das Foto einer Bucht an der Côte d’Azur zeigte. Ein Segelboot tänzelte auf dem grünlich blauen Wasser, eingerahmt von schroffen Felsen, auf denen die Macchia wuchs. Sie bestand aus Hartlaubgewächsen, Lavendel, Ginster und Myrte. Diese immergrünen Pflanzen trotzen der Sonne und benötigen wenig Wasser. In der Sommerhitze verströmen sie einen betörenden Duft. Hastig tippte er ›Le Château blanc de Calanque‹ ein.
Diese ikonische Villa ist eine der größten und prestigeträchtigsten an der Côte d'Azur. Im glamourösen Stadtteil Cassis gelegen, vor den Toren des Calanques-Nationalparks, bietet die Villa einen unvergleichlichen Panoramablick auf das Mittelmeer. war da zu lesen.
Cascavelle scrollte durch die Fotos. Die Rückseite der im provenzalischen Landhausstil erbauten Villa war mit Efeu bewachsen, der bis in den zweiten Stock rankte. Die Vorderfront verfügte über große Fenster, die auf eine Terrasse mit Terrakotta-Fliesen zeigten.
Das Haus war an einen Hang gebaut, gut 200 Meter über dem offenen Meer. Allein die Aussicht auf die Bucht war die Millionen Euro wert, die die Villa kosten sollte.
Isabelle Cascavelle versteckte die Spuren der Nacht hinter einer Sonnenbrille von Burberry, die an den Stil der Haute-Volée der fünfziger Jahre erinnerte. Sie hielt ein Smartphone in der Hand und wischte über das Display, als sich mit einem Klingelton ein Anruf ankündigte.
»Oui, Cascavelle«, meldete sie sich, während sie sich in einen Liegestuhl fallen ließ und den Lautsprecher einschaltete. Sie war sich nicht sicher, wie lange sie dieses Versteckspiel noch durchhalten würde.
»Die Fotos sind dir wirklich gelungen, mein Schatz!«, hörte sie die Stimme ihres Mannes.
»Danke, was willst du?«, antwortete sie und versuchte sich zu entspannen.
»Wie läuft es denn so?«, fragte Cascavelle im leicht unterkühlten, geschäftsmäßigen Tonfall.
»Was meinst du damit?«, antwortete sie gereizt.
»Haben sich die Bertemes bei dir gemeldet? Du weißt schon, dieser junge Erbe der Luxemburger Bankiersfamilie, die bei uns seit Monaten auf der Warteliste steht? Was ist mit diesen Russen, haben die sich angekündigt?«
»Ja, ich muss jetzt Schluss machen, vielleicht rufe ich dich heute Nachmittag noch mal an«, erwiderte sie und drückte den Anruf weg.
Die Boeing 737 der Air France aus Luxemburg war nach anderthalb Stunden Direktflug pünktlich um 11.30 Uhr auf dem Flughafen Aéroport Marseille Provence gelandet. Ihr entstieg ein junger Mann Mitte dreißig in einem Leinenanzug und Espadrilles. An seinem Arm klammerte sich Jeanny, eine wesentlich jüngere Frau in einem marineblauen Midi-Dress und Sneakers. Sie trug eine Sonnenbrille, die die Blässe ihres Gesichts noch betonte. Jeanny wirkte gelangweilt und zog einen Schmollmund, als sie vor dem schwarzen SUV stand, der auf den Namen Ruben Bertemes für sie reserviert worden war. Außer einer großen Badetasche hatten die beiden kein Gepäck dabei.
Nachdem sie Marseille verlassen hatten, dauerte es keine halbe Stunde, bis sie in die Einfahrt einbogen, die zur Villa Le Chateau blanc de Calanque führte. Das Thermometer zeigte 18 Grad und ein stahlblauer Himmel wölbte sich über dem Anwesen. Isabelle Cascavelle beobachtete mit einem Feldstecher, wie der SUV immer wieder zwischen den Pinien auftauchte, die den steilen Weg säumten; ein einstiger Maultierpfad, der zu dem Felsvorsprung hinaufkletterte, auf dem die Villa thronte. Sie knipste ihr breitestes Willkommenslächeln an, als das Pärchen aus dem Auto stieg.
»Ah, Monsieur et Madame Bertemes, habe ich recht? Hatten Sie einen guten Flug, darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?«, fragte sie freudestrahlend.
Jeanny schüttelte nur den Kopf, während Ruben die Frage überhört zu haben schien.
»Sie sind ... ?«, fragte er stattdessen.
»Isabelle Cascavelle, die Maklerin«, erwiderte sie und knipste ihr Lächeln wieder aus.
»Wenn Sie mir bitte folgen wollen ...«
»Dauert das lange?«, flüsterte Jeanny ihrem Bräutigam zu.
»Weiß nicht, kommt darauf an, wie es innen drin aussieht«, erwiderte Ruben leise und drückte ihre Hand.
Schweigend folgten sie der Maklerin, die sie durch die möblierten Räume führte, die im provenzalischen Stil eingerichtet waren. Die Räume verfügten über Holzfußböden und eine Küche mit einem gewaltigen Gasherd. An den Wänden hingen limitierte Drucke von Picasso und Miró. Das Bad war mit Keramikfliesen versehen, auf denen ein Künstler traditionelle Muster eingebrannt hatte. Zudem gab es einen großen Raum mit einem Sofa aus Büffelleder und ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett aus Olivenholz.
»Darf ich Ihnen noch die Terrasse zeigen?«
»Nein, danke«, erwiderte Ruben. »Wir haben genug gesehen. Wenn ich die Villa kaufen sollte, müsste das alles hier verschwinden.« Lässig deutete er auf die Einrichtung, als wäre sie Sperrmüll.
»Was schwebt Ihnen denn vor?«, fragte die Maklerin.
»Klassisch müsste es sein, altgriechisch, Skulpturen, nackte Götter, Sie wissen schon«, sagte Ruben und blinzelte dabei Jeanny verführerisch an.
»Oh, da könnte ich mit dienen«, antwortete Isabelle Cascavelle schnell und lächelte verständnisvoll.
»Was soll die Villa denn kosten?«, fragte Jeanny schüchtern.
»Wir bewegen uns dabei im einstelligen Millionenbereich«, erwiderte die Maklerin schnell.
»Mit oder ohne der neuen Einrichtung?«, fragte Ruben gespannt.
»Wir bieten da eine besondere Form von Finanzierung an, mit der wir Ihnen entgegenkommen könnten«, sagte sie und lächelte verschwörerisch.
»Das müssen Sie mir bei Gelegenheit näher erläutern«, erwiderte Ruben Bertemes interessiert.
»Aber wenn Sie uns jetzt entschuldigen wollen. Wir werden den Pool schon einmal ausprobieren. Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, oder?«, fragte er und grinste sie unverfroren an.
Ein betretenes Schweigen machte sich zwischen ihnen breit, nachdem die Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte und in die Küche geeilt war. Sie waren an diesem Abend die ersten Gäste im Chez Fonfon, einem Restaurant, dessen breite Fensterfront den Blick auf das Hafenbecken von Le Vallon des Auffes freigab. Dort landeten die heimischen Fischer die Meeresfrüchte an, die fangfrisch im Chez Fonfon zubereitet wurden. Am Abendhimmel zogen dunkle Regenwolken auf; eine frische Brise fegte über den Hafen und ließ die Boote tänzeln, die an ihren Ankerleinen zerrten. Isabelle Cascavelle schauderte bei dem Gedanken an die lange Heimfahrt nach Monaco, die ihr während des Unwetters bevorstand. Sie tastete nach den Fingerspitzen ihres Gegenübers und zog die Hand enttäuscht zurück, als sie in das versteinerte Gesicht von Edouard Rousseau blickte.
»Was habe ich dir getan?«, fragte sie leise und starrte aus dem Fenster. Erste Blitze zuckten über den Himmel und tauchten den Hafen in ein gespenstisches Licht.
»Welche Rolle spiele ich in deinen Plänen? Jetzt willst du sogar deinen Mann verlassen! Glaubst du etwa, ich werde dasselbe für dich tun und meine Frau aufgeben?«, herrschte er sie mit funkelnden Augen an.
»Nicht doch, Edouard, sei bitte leise, wer weiß, wer uns zuhört«, erwiderte sie und blickte sich vorsichtig um. »Der Gedanke ist absurd, dass ich meinen Mann verlasse, mir war eben danach, dir das zu sagen. Ein Beweis meiner Liebe zu dir.«
»Ach was«, erwiderte Edouard. »Wir haben Spaß miteinander, du bist meine Auftraggeberin, mehr ist es nicht!«
»Willst du nicht wissen, warum es mir unmöglich ist, Patrice den Laufpass zu geben?«, fragte sie gekränkt.
»Schieß los, wenn es dich erleichtert«, antwortete Edouard spöttisch. »Aber sei bitte leise, da kommt die Bedienung.«
»Keinen Wein, nur Wasser?«, fragte die junge Frau irritiert, als sie die beiden Gläser und die Flasche Perrier vor ihnen abstellte.
»Nein danke, wir müssen beide noch fahren«. Isabelle blinzelte die Bedienung dabei mit einem bedauernden Lächeln an.
Sie wartete, bis die Kellnerin zu einem Tisch am anderen Ende des Saals geeilt war. Dort saß eine lärmende Gruppe von Touristen. Zuvor hatte die Kellnerin die Antwort nur mit einem Schulterzucken quittiert.
»Patrice ist unverzichtbar für unseren Deal«, fuhr Isabelle Cascavelle trotzig fort. »Er fertigt die Provenienzpapiere für die Kopien der Kunstwerke an, die du für uns herstellst, Edouard. Er verfügt über die Vollmacht für alle Konten, über die wir unsere Geschäfte abwickeln. Ohne ihn läuft nichts! Das lässt er mich jeden Tag spüren. Er weiß, dass ich fremdgehe, es stört ihn, er ist eifersüchtig bis in die Haarspitzen. Aber er weiß auch, dass ich ihn verlasse, wenn er das nicht duldet.«
»Diese Kopie aus Gips, die ich von dem Relief des Sarkophags dieses Kaufmanns aus Palmyra anfertige, was geschieht damit?«, wollte Edouard wissen.
Isabelle lächelte verschmitzt. »Die installieren wir an einem beheizten Außenpool einer Villa in Cassis, die wir gerade veräußern, sodass sich die Badenden daran erfreuen können!«
»Weiß der Käufer, dass das eine Kopie ist?«
»Aber ja! Einer unserer Kunden ist Finanzmanager in Luxemburg. Die Firmen, die er betreut, sind geschäftlich weltweit aktiv, und dort auch nicht immer legal. Sie haben aber ihren Firmensitz in Luxemburg, werden dort steuerlich veranschlagt, mit einem weitaus niedrigeren Steuersatz als in ihrem Heimatland.«
Erste Regentropfen klatschten auf die Fensterfront und hinterließen Schlieren auf den Scheiben. Dann goss es wie aus Kübeln. Isabelle fror allein schon bei dem Gedanken, hinaus in die Nässe zu müssen.
»Na und, was hat das mit der Kopie zu tun?«
»Warte, da kommt unsere Bestellung«, flüsterte Isabelle und deutete auf die Bedienung, die mit einem Tablett in Richtung ihres Tisches unterwegs war.
»Ein Salade Niçoise und einen Kaffee. Ist das richtig?«, fragte die Kellnerin ungläubig, während sie die Salatschüssel und die Tasse auf den Tisch platzierte. Daneben drapierte sie einen Plastikteller mit der Rechnung und verschwand, ehe ihre Gäste antworten konnten.
»Wir werden ihr ein ordentliches Trinkgeld hinterlassen, damit sie uns gewogen bleibt«, stellte Isabelle fest. »Wir vermitteln ihnen eine Immobilie, die wir mit Kunstwerken ausstatten, die weit über deren tatsächlichem Wert veranschlagt sind. Die Kunden zahlen nur einen Bruchteil der Steuern, die sie sonst in ihrem Heimatland entrichten müssten. Hinzu kommt, dass die Käufer eine Immobilie mit Geldern aus dubiosen Quellen erstehen, die in den kommenden Jahren einen Wertzuwachs erfährt. Der Kaufpreis wird verschiedenen Konten zugeführt. Diese wurden von Briefkastenfirmen bei Banken eingerichtet, die sich in Steueroasen wie den Cayman-Inseln befinden. Anschließend wird dieses gewaschene Geld durch geschickte Transaktionen den Käufern der Villa wieder zugeführt.«
»Ich bin Künstler, Isabelle, kein Geldwäscher!«, schrie Edouard wütend. Er schlug dabei mit der Faust auf den Tisch, sodass der Kaffee überschwappte.
»Beruhige dich bitte! Die Gäste werden aufmerksam«, flüsterte Isabelle. Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die Touristengruppe, die neugierig herüberblickte. Sie stocherte in ihrem Salat, nahm einen Bissen, legte das Besteck beiseite, bevor sie einen Schluck Wasser trank und leise fortfuhr: »Denk bitte daran, dass du am Hungertuch genagt hast, als wir uns kennenlernten, jetzt kannst du dir selbst eine Villa leisten«, murmelte Isabelle, während sie seine Hand ergriff, um sie sanft zu streicheln.
Die Dämmerung senkte sich wie ein dunkles Tuch über den Hafen von L’Estaque. Hinter der Kaimauer erhob sich eine mächtige Felswand, die die Hitze des Tages gespeichert hatte. Kein Lüftchen regte sich, es war immer noch drückend heiß, als sich eine blaue Vespa dem Büro des Hafenmeisters näherte und vor dem kleinen, weiß getünchten Haus mit den blauen Fensterläden stoppte. Edouard Rousseau schaltete den Motor aus und stieg ab. Er öffnete den Kinngurt und nahm mit beiden Händen den Helm vom Kopf. Eine lange graue Mähne kam zum Vorschein. Er schüttelte die Haarpracht, die sein wettergegerbtes Gesicht umschloss. Seine Augen blieben hinter einer Sonnenbrille verborgen, die er trotz der Dämmerung aufbehielt. Mit kräftigen Schritten sprang er die Treppe zum Büro der Capitainerie hinauf.
»Bonsoir, Edouard, ça va?«, grüßte ihn Gustave Giroux, der Hafenmeister. Er war ein kleiner, drahtiger Mann von Ende vierzig, der ein verwaschenes Hawaiihemd trug, das am Kragen offen stand und den Blick auf eine schmächtige Hühnerbrust freigab. Den faltigen Hals umschloss eine dünne Goldkette, die in dem breiten Halsausschnitt wie verloren wirkte.
»Salut Gustave, je vais bien, merci d’avoir demandé«, entgegnete Edouard und legte den Helm auf die Theke, hinter der Giroux auf einem Drehstuhl vor einem Computer thronte.
»Was führt dich zu mir?«, fragte Giroux und starrte dabei besorgt auf den Bildschirm, auf dem die letzten Wetterprognosen aufleuchteten.
»Ich werde mit dem Boot nach Marseille fahren und dort im Hafen Le Vallon des Auffes ankern. Es gibt einiges zu erledigen und ich treffe mich mit Freunden im Chez Fonfon. Es wird spät werden und ich habe kein Geld für eine Übernachtung in einem Hotel. Ich werde also den Rest der Nacht auf der Giselle verbringen.«
»Das lass mal lieber bleiben, es braut sich ein Sturm zusammen, im Moment ist die See spiegelglatt, aber es wird nicht lange dauern, dann kracht es gewaltig. Mit dem Garbin ist nicht zu spaßen!«, erwiderte Giroux mit einem warnenden Augenaufschlag.
»Merci Monsieur, aber ich werde dicht an der Küste entlangfahren. Außerdem ist es nur eine gute Stunde mit dem Boot bis zu dem kleinen Fischerhafen, der geschützt in einer Bucht liegt. Also, da wird mir schon nichts passieren.« Edouard nahm seinen Helm, winkte dem Hafenmeister zu, bevor dieser antworten konnte, und eilte die abgewetzten Stufen der Stahltreppe hinunter.
Die Giselle war an einem der vielen Stege vertäut, an denen die Yachten auf ihre Besitzer warteten. Es handelte sich um Freizeitkapitäne, die ihre Schiffe nur an den Wochenenden nutzten. Das nötige Kleingeld verdienten sie als Angestellte, Restaurantbesitzer oder Betreiber einer Boutique in Marseille. Das 20 Meter lange Holzboot hatte Edouard einem ehemaligen Thunfischfänger abgekauft, der sein Geschäft aufgegeben hatte, weil der Rote Thunfisch so gut wie ausgestorben war und der Fang sich nicht mehr lohnte. Edouard hatte das Boot umgebaut. Unter Deck, dort wo der gefangene Fisch gelagert wurde, hatte er eine Kajüte eingerichtet, in der er nicht nur schlafen, sondern in einer kleinen Pantry auch kochen konnte. Auf Deck errichtete er einen überdachten Steuerstand, in dem das Ruder und ein GPS-Empfänger untergebracht waren. Das Boot trieb ein starker Dieselmotor an, der auch gegen einen hohen Wellengang ankämpfen konnte. Es gab einen Mast mit einem Hilfssegel, das bei Wind gesetzt werden konnte. Ein robustes Schiff, das für mehrtägige Ausflüge auf das offene Meer geeignet war. Rousseau verstaute seine Ausrüstung in der Kajüte. Dazu gehörten ein Nachtsichtgerät, Kaffee, Pastis, eine Taschenlampe und sein Schlafsack. Danach löste er die Leinen und startete den Motor. Vorsichtig manövrierte er das Schiff in das offene Wasser des Hafenbeckens. Dann nahm er Fahrt auf, setzte die Positionslampen und steuerte auf das offene Meer zu.
Bis auf das Leuchten der Sterne am Horizont umgab ihn bald vollkommene Dunkelheit. Rousseau stellte den GPS-Empfänger auf eine Position ein, die mehrere Seemeilen in südwestlicher Richtung von L’Estaque auf dem offenen Meer lag. Das Wasser hatte die Farbe von geschmolzenem Blei, es war ruhig und spiegelglatt wie auf einem Binnensee. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Zur selben Zeit näherte sich die Bahar, ein marokkanischer Fischtrawler unter monegassischer Flagge, der einige Tage zuvor aus Tanger-Med ausgelaufen war, der französischen Küste in Höhe von Marseille. Das 45 Meter lange Schiff hatte 350 Bruttoregistertonnen und war offiziell auf Fischfang unterwegs, besaß aber für die küstennahen Gewässer Frankreichs keine Fangerlaubnis. Im Schutze der Nacht schlich der Trawler durch die ruhige See, dabei waren seine Positionslampen ausgeschaltet.
Auf der Brücke der Bahar, hoch oben über dem Deck des Trawlers, starrte Finch auf die Digitalanzeige des GPS-Empfängers. »Noch zehn Seemeilen bis zum Treffpunkt, etwa eine Dreiviertelstunde, wenn alles gut geht«, verkündete er. »Ein paar Minuten über der vereinbarten Zeit, ansonsten eine Punktlandung.«Den Mann, der neben ihm stand, fragte er: »Auch einen Pastis?.« Dann winkte er ab und spottete: »Ach, ihr trinkt ja keinen Alkohol, ihr Muselmanen!« Er nahm einen tiefen Schluck von der milchig weißen Flüssigkeit. Le Cinquanteun aus Marseille, den ihm Edouard Rousseau regelmäßig als Willkommensgeschenk mitbrachte, war der beste – nicht dieser Raki-Verschnitt, den es in Tanger in den Bars zu trinken gab. Finch war es schleierhaft, wie es trotzdem einige Moslems schafften, den Anisschnaps zu trinken, ohne mit ihrer Religion in Konflikt zu geraten.
»Halten Sie sich mit dem Teufelszeug zurück, bis wir den Auftrag erledigt haben!«, erwiderte Yussuf Abbas gefährlich ruhig.
»Respekt, Sie sehen übrigens heute ganz manierlich aus!«, entgegnete Finch versöhnlich. Yussuf Abbas hatte seinen Vollbart gestutzt und die Kurta, ein knielanges weißes Hemd, das er über einer Pluderhose trug, gegen ein weites T-Shirt, auf dem Palmen vor einem Sonnenuntergang aufgedruckt waren, und eine Jeans getauscht.
»Haben Sie diese jemenitischen Flüchtlinge eingesperrt, die von sich behaupten, sie seien Matrosen?«, erwiderte Yussuf ungerührt.
»Die spielen die ganze Nacht Karten um die Heuer, auch so etwas, das ihr nicht dürft!«, erwiderte Finch und deutete auf das Barometer. »Das sieht nicht gut aus, hoffentlich hält das Wetter, bis wir uns verdrücken können.«
»Ich verstehe nicht, wie ein armseliger Jammerlappen wie Sie das Kommando über die Bahar erhalten konnte!«, erwiderte Abbas verächtlich. »Niemand nimmt Sie ernst, ich hoffe in Ihrem eigenen Interesse, dass Sie das Schiff wohlbehalten zurückbringen!«
Finch war vor nicht allzu langer Zeit Kapitän eines Frachtschiffes gewesen, das unter der Flagge von Panama lief. In Höhe von Shanghai schlief er betrunken in seiner Kajüte. Als ein schwerer Sturm aufkam, klopfte sein erster Offizier verzweifelt an die Tür. Es gab Probleme mit der Rudermaschine, für die er Rat benötigte. Finch war hochgeschreckt, hatte seinen Offizier auf die übelste Art und Weise mit seinen rassistischen Äußerungen beleidigt und sich geweigert, auf die Brücke zu kommen. Die Reederei hatte ihn daraufhin fristlos entlassen. Finch bereute sein Verhalten zutiefst, doch nach wie vor gelang es ihm nicht, die Finger von der Flasche zu lassen und seine Zunge im Zaum zu halten. Nachdem er sein Kapitänspatent verloren hatte, war nur eine Reederei mit Sitz in Monaco bereit gewesen, ihm das Kommando über die Bahar, einen rostigen Seelenverkäufer mit einem Liegeplatz in Tanger-Med, anzuvertrauen. Ein Hafen, bei dem der Zoll nicht so genau hinsah, eine Oase für den Handel mit illegalen Waren und anderen dunklen Geschäften. Die Mannschaft bestand aus geflüchteten Schwarzafrikanern aus Somalia, dem Sudan oder Jemen. Sie wurde vor jeder Fahrt ausgetauscht und bei den geheimen Operationen unter Deck eingesperrt. Finch, einst ein Bild von einem Mann, war ein Schatten seiner selbst geworden. Unter einer speckigen Kapitänsmütze wuchs strähniges, grau gewordenes Haar, das kaum zu bändigen war. Der Amerikaner trug ein kurzärmliges, ehemals weißes Hemd, das im Bund einer verschlissenen Cargohose steckte. An dieser wischte er seine ölverschmierten Finger ab, nachdem er den Dieselmotor des Seelenverkäufers kontrolliert hatte. Allein die Provision, die er für den mageren Fang und sein Schweigen erhielt, sorgten dafür, dass er sich mit den Gegebenheiten arrangierte.
Finch hatte sich getäuscht, die jemenitischen Matrosen verspielten nicht ihre Heuer, sondern bereiteten sich darauf vor, das Kommando auf der Bahar zu übernehmen. Die Crew des Fischtrawlers bestand aus erfahrenen Seeleuten, die ihr Handwerk auf Frachtern gelernt hatten, die auf dem Golf von Aden verkehrten. Sie hatten sich im Frühjahr 2015 der jemenitischen Terrororganisation Ansar al-Scharia angeschlossen und dem IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi, der sich auch Kalif der Gläubigen nannte, die Treue geschworen.
Ebenso wie Yussuf Abbas, Anfang fünfzig, der ursprünglich aus Syrien stammte. Seitdem operierten die Männer auch außerhalb des Jemen, in dem seit Jahren ein brutaler Bürgerkrieg ähnlich wie in Syrien tobte, der dort bereits seit 2011 andauerte.
Yussuf Abbas war einer der ausgebildeten Kämpfer, dessen Aufgabe darin bestand, Geldquellen für das Kalifat von Abu Bakr al-Baghdadi anzuzapfen. Es hatte einige Jahre gedauert, bis er sich dazu entschlossen hatte, sich den Dschihadisten anzuschließen. Vor dem dritten Golfkrieg hatte Abbas bei der Bank of America im Irak gearbeitet, auf die das Land alle seine Einnahmen aus dem Ölgeschäft überweisen musste. Abbas hatte für sich entschieden, dass die Amerikaner die Ursache dafür waren, dass die Bevölkerung darben musste. Als Fondsmanager wollte er sich nicht mehr an der Ausbeutung des Landes beteiligen, beschloss er nach langem Zögern. Er kündigte und fand eine schlechter bezahlte Stelle als Englischlehrer. Gleichzeitig suchte er nach politischen Aktivisten, die seine Überlegungen teilten.
