Die Tramps vom Kansas River - Reinhard Marheinecke - E-Book

Die Tramps vom Kansas River E-Book

Reinhard Marheinecke

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Beschreibung

Winnetou und Old Shatterhand vereiteln mit Hilfe der beiden "Snuffels" einen Postkutschenüberfall am Kansas River. In Lawrence erfahren sie, dass eine üble Bande Tramps schon länger die Gegend unsicher macht. In der Postkutsche befanden sich zwei junge englische Ladies, die auf der Suche nach ihrem Bruder sind, der sich in die Hände eines zwielichtigen Burschen begeben hat. Die Blutsbrüder versprechen, den Frauen bei der Suche nach dem jungen Mann zu helfen. Unweigerlich geraten sie so den Tramps in die Quere. Mit Hilfe der Osagen wollen die Freunde den Schurken endgültig das Handwerk legen.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2021

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DIE TRAMPS VOMKANSAS RIVER

EIN NEUER ROMAN MITWINNETOUUNDOLD SHATTERHANDVON

REINHARD MARHEINECKE

Herausgegeben von Bernhard Schmid© 2020 Karl-May-Verlag, BambergAlle Urheber- und Verlagsrechte vorbehaltenDeckelbild: Dorul van der HeideISBN 978-3-7802-1631-1

INHALT

1. Mord im Hotel

2. Weitere Nachforschungen

3. Kampf gegen die Naturgewalten

4. Die Pionierin

5. Im Wald belauscht

6. Der gefangene Pawnee

7. Überfall auf die Postkutsche

8. Nachtmahl auf der Prärie

9. In Lawrence

10. Raub in der National Bank

11. Streit in der Turnhalle

12. Ein Mordanschlag

13. Der Bote der Osagen

14. Die Festung im Wald

15. Angriff auf das Lager der Tramps

16. Ein Wettereinbruch

17. Der verletzte Kansa

18. In Ottawa

19. Der verwundete Büffel

20. Wieder vereint

1. Mord im Hotel

Mehrere Wochen hatte ich bei Winnetou im Pueblo am Rio Pecos zugebracht. Es war eine sehr harmonische Zeit gewesen. Ich hatte den Eindruck, der ganze Stamm, ob Alt, ob Jung, freute sich, wenn ich eine Zeitlang bei ihnen verweilte. Die Kinder hingen ständig wie Kletten an meinen Beinen und hätten am liebsten den lieben langen Tag Geschichten von mir erzählt bekommen, wenn mein Blutsbruder mich nicht des Öfteren von ihnen befreit hätte.

Die Zeit meines Besuchs war gut gewählt gewesen, denn wenige Wochen zuvor hatte Winnetou den geheimnisvollen, uralten Medizinmann Tatellah-Satah in dessen Felsenstadt, die ‚Schloss‘ genannt wurde, besucht. Da hätte ich sowieso nicht mitgedurft, denn der große Schamane, dessen Name so viel wie „Tausend Sonnen“, „Tausend Jahre“ oder „Bewahrer der großen Medizin“ bedeutet, gab mir die Mitschuld am Tod Nschotschis.

Der Mord an Winnetous jüngerer Schwester hatte Tatelah-Satah besonders tief getroffen, da er in der jungen Apatschin die Trägerin aller Wünsche und Hoffnungen der roten Völker gesehen hatte. Mit ihrem Tod war dieser Traum wie eine Seifenblase zerplatzt.

Als es für mich Zeit war, aufzubrechen und von meinen Freunden Abschied zu nehmen, begleitete mich Winnetou wie so oft zuvor bis nach St. Louis. Dort übernahm er meinen Hatatitla und kehrte dann umgehend mit beiden Rappen zu den Weidegründen der Mescaleros zurück. Für meinen Prachthengst freute es mich, dass er dort auf den fruchtbaren Prärien die Freiheit im Kreis seiner Artgenossen genießen konnte.

Ich beabsichtigte, von St. Louis auf dem schnellsten Weg in die Heimat nach Radebeul zurückzukehren und dort erst einmal einige meiner letzten Reiseerlebnisse zu Papier zu bringen, denn mein Verleger scharrte schon lange mit den Hufen. Da meine nächste Reise dann wieder zu Winnetou und nicht etwa zu Hadschi Halef Omar in den Orient oder wer weiß wohin sonst in der Welt führen würde, beschloss ich, Henrystutzen und Bärentöter diesmal von meinem väterlichen Freund und Gönner Henry verwahren zu lassen. Er würde die Gewehre mehr als gut pflegen, dessen war ich mir gewiss.

Ich war in all den Jahren zu einem Ersatzsohn für den alten Mann geworden, war sein Sohn Bill doch bei einem Überfall vor langer Zeit ums Leben gekommen. Meine Ähnlichkeit mit dem Verstorbenen hatte sicherlich einiges zu Henrys Wohlwollen mir gegenüber beigetragen.

Ich nächtigte nicht zum ersten Mal in einem preiswerten Boardinghouse1 in der Market Street. Zwar gab es immer ein wenig Gezänk mit dem alten Henry, der das nicht zugeben wollte, hatte er doch schließlich ein großes Haus, das sowohl sein Geschäft als auch die Privatwohnung beherbergte, aber ich blieb da stur. Ihm als alleinstehendem Witwer, der zudem noch bis über beide Ohren in Arbeit versank, wollte ich einen Logierbesuch nun wahrlich nicht jedes Mal zumuten. Natürlich brachte ich einige Stunden des Tages in Henrys Laden zu, wo er zumeist kostbare Gewehre für Kunden reparierte, die sein guter Ruf oft von weither zu ihm brachte. Neue Büchsen stellte er schon länger nicht mehr her. Bei der kniffligen Arbeit konnte Henry sich aber gern und gut mit mir unterhalten, es störte seine Konzentration nicht im Geringsten. Ich glaube, ohne diese permanente Tätigkeit, die ihn stark forderte, aber auch immer wieder Tag für Tag mit Menschen zusammenbrachte, wäre der alte Witwer längst an Herzeleid gestorben.

Zumeist lud ich Henry nach seinem Tagewerk in ein Restaurant zum Essen ein, was dann wieder Diskussionen hervorbrachte, wer denn nun mit dem Bezahlen der Speisen an der Reihe sei. Und wehe, ich versuchte, zweimal hintereinander dieses Amt zu übernehmen! Mr. Henrys Gedächtnis war einfach phänomenal. Es hätte nur noch gefehlt, dass er mir das Datum und die genaue Uhrzeit des letzten Restaurantbesuchs nebst der kompletten Speisefolge vorgehalten hätte.

Auch heute hatte es dies Geplänkel um das Bezahlen wieder einmal gegeben. Aber das Steak in dem kleinen deutschen Lokal in der Maine and Pine Street war dafür einfach nur fantastisch gewesen, wenn auch mindestens ein bis zwei Nummern zu groß, sodass ich nach der Verabschiedung von Henry noch bei einer Verdauungszigarre einen ausgiebigen, ausgedehnten Spaziergang am Hafen, entlang des Mississippi, unternahm.

Im schummrigen Licht der Laternen lagen drei große Raddampfer hintereinander am Kai. Ein beeindruckendes Bild. Besonders die „Robert E. Lee“ interessierte mich, denn sie war erst 1866 für 200.000 Dollar in New Albany, Indiana, gebaut worden. Der Raddampfer sollte besonders schnell sein, da er zwei Seitenräder besaß. Rasch hatte das Schiff im Volksmund einen Spitznamen erhalten: „Monarch of the Mississippi“. Der Dampfer konnte sage und schreibe 5.741 Ballen Baumwolle laden. Seine Kabinen, Essens- und Aufenthaltsräume sollten unglaublich luxuriös eingerichtet sein, leider konnte ich die von außen natürlich nicht einsehen. Vor der „Robert E. Lee“ lag im Hafenbecken der Raddampfer „Bailey Gatzert“ und hinter ihr die „Far West“.

Nur wenige Menschen waren hier am Hafen zu so später Stunde noch unterwegs. Die Wachen auf den Mississippi-Steamern dösten schläfrig vor sich hin. Ein Seemann auf dem zweiten Schiff hob kurz den Blick, als ich an dem schneeweißen Rumpf vorbeiflanierte, um seinen Kopf schnell wieder träge auf die Brust sinken zu lassen.

Ich war gerade erst auf meinem Fremdenzimmer in der Market Street angelangt, um mich zur Nacht umzukleiden, als es plötzlich ganz aufgeregt an meine Tür klopfte. Ich sah nicht auf meine Taschenuhr, aber es durfte jetzt so kurz nach Mitternacht sein.

Ich öffnete, nicht wenig überrascht, Mr. Henry plötzlich wieder vor mir stehen zu sehen, hatten wir uns doch erst vor wenigen Stunden voneinander vor seinem Ladenlokal verabschiedet.

Ohne Begrüßung jammerte der Alte los:

„Oh, ein großes Unglück ist geschehen, Charley.“

„Was ist denn passiert? Ihr seid ja noch ganz aus der Puste.“

„Stellt Euch nur vor, mein alter Freund, Frank Gorman, wird des Mordes beschuldigt.“

„Ach, lebt dieser Mr. Gorman auch hier in St. Louis?“

„Nein, seine Familie ist in Jackson, in Mississippi, ansässig, aber geschäftlich kommt er dreibis viermal jährlich nach St. Louis. Vor vielleicht fünfzehn Jahren habe ich den guten Frank kennengelernt, als er einen 1849er Volition Repeater, ein Repetiergewehr mit einem unter dem Lauf liegenden Röhrenmagazin, das ein gewisser Walter Hunt gebaut hat, bei mir zur Reparatur brachte. Naja, und ich hatte den Tag nicht viel zu tun…“

„Da habt Ihr euch prächtig mit Mr. Gorman bei der Arbeit unterhalten.“

„Stimmt, und daraus ist schnell eine dicke Freundschaft geworden, die bis heute gehalten hat. Bei den meisten Themen sind wir der gleichen Meinung, was uns schon oft überrascht hat. Man könnte sagen, es ist so etwas wie eine Art Seelenverwandtschaft. Und nun beschuldigt man ihn, im Palace Hotel in der Olive Street seine Frau umgebracht zu haben. Nie und nimmer hat Frank das getan, mein Bester. Alles, alles, aber einen Mord traue ich dem guten Frank einfach nicht zu.“

„Ist Euer Freund schon verhaftet worden?“

„Ja, die Polizei hat kurzen Prozess gemacht. Nach wenigen Minuten war die Untersuchung schon abgeschlossen. Und nun sitzt der arme Teufel hinter Gittern und versteht die Welt nicht mehr. Könnt Ihr Euch nicht des Falles einmal annehmen und den Tatort unvoreingenommen begutachten, Charley? Oft sehen vier Augen doch mehr als zwei. Außerdem verfügt Ihr über den nötigen gesunden Menschenverstand, versteht Euch auf die menschliche Natur und habt ein Urteilsvermögen, das seinesgleichen sucht!“

„Na, alter Freund, lobt mich hier nicht gar so über den grünen Klee; aber natürlich schaue ich mir gern mal den vermeintlichen Tatort an.“

Ich zog nur rasch mein Jackett über und dann brachen wir schon auf. Selten habe ich den alten Henry in so einem schnellen Schritt die Straßen hinablaufen sehen. Die Sorge um seinen Freund trieb ihn sichtlich an.

Unterwegs erzählte er mir genauer, was denn vorgefallen war:

„Ihr müsst wissen, dass Mrs. Gorman, genauer Mrs. Charlotte Gorman, zuweilen an seltsamen Angstzuständen litt. Ja, Frank erzählte mir einst, dass sie sich manchmal richtiggehend verfolgt fühlte.“

„Sie litt an Verfolgungswahn?“

„Ja, ich denke schon, dass man das so sagen kann; aber das war noch nicht alles, Charley. Mein Freund erzählte mir auch, dass sie es in größeren Menschenmengen nicht aushalten konnte…“

„…also Platzangst hatte.“

„Genau. Und zuhause fühlte sie sich oft so unsicher, dass sie am liebsten Dutzende von Riegeln vor der Haustür angebracht bekommen hätte.“

„Du lieber Himmel, das wird ja ein ganzer Strauß an Phobien.“

„Ich bin kein Mediziner, will mir da also kein Urteil anmaßen, jedenfalls war die gute Charlotte manchmal etwas seltsam. So auch heute wieder. Auf einmal guckte sich Franks Frau während des Abendessens nur noch hektisch und verängstigt im Speisesaal um. Da saßen ihr wohl auch wieder einmal viel zu viele Menschen, das griff sie immer an, und Charlotte betonte daher, dass sie gleich nach dem Abendmahl zu Bett zu gehen gedächte.“

„Und hat sie das auch wirklich getan?“

„Ja, auf dem schnellsten Wege. Ich sollte Euch vielleicht noch erzählen, dass sie und ihr Mann im Palace Hotel zwei nebeneinanderliegende Zimmer bewohnten, die durch eine Tür miteinander verbunden sind.“

„Also kein gemeinsames Schlafzimmer!“

„Nein, Charlotte störten schon die kleinsten Geräusche in ihrer Nachtruhe.“ Langsam fing der gute Frank Gorman an, mir leid zu tun. Er hatte es sicherlich nicht leicht mit seiner Frau. „Frank arbeitete nach dem Essen noch an seinen Geschäftsjournalen, er ist nämlich ein exzellenter Kaufmann, müsst Ihr wissen; hat mit Pflügen und Farmgerätschaften sein Geld gemacht. So gegen elf Uhr schob er den ganzen Papierwust zu einem großen Stapel zusammen und schickte sich an, ins Bett zu gehen. Aber gewissenhaft, wie er nun einmal ist, wollte er noch rasch nach seiner Frau sehen, ob ihr auch ja nichts fehle. Die Petroleumlampe stand brennend auf dem Schränkchen neben ihrem Bett, und darin lag die arme Charlotte, erstochen. Der Arzt, der sofort herbeigerufen wurde, vermutete, dass sie bei ihrem Auffinden mindestens eine, wenn nicht sogar schon zwei Stunden tot gewesen sein musste.“

„Und wieso verdächtigte man gleich Euren Freund? Weil immer zuerst an den Ehepartner als mutmaßlichen Täter gedacht wird?“

„Nein, das war äh – mmh – ist schon irgendwie verständlich, denn es gab in Charlottes Schlafzimmer noch eine zweite Tür, die auf den Flur hinausführte, aber die war von innen zugeschlossen.“

„Und das Fenster?“

„Das war ebenfalls von innen fest verriegelt.“

„Da ist ein Anfangsverdacht tatsächlich nur allzu begründet. Der Täter, wenn es denn ein Fremder war, hätte also an Mr. Gorman vorbei gemusst. Und was erklärte Euer Freund bei seiner Befragung?“

„Er sagte, dass nur das Dienstmädchen des Palace Hotels zweimal die Räume betreten hätte. Einmal, um Charlotte eine heiße Milch mit Honig zu bringen und später dann nochmal die allabendliche Wärmflasche.“

„Und womit wurde Mrs. Gorman erstochen?“

„Mit einem Stilett, das ihr sogar selbst gehörte. Sie benutzte es zum Öffnen ihrer Korrespondenz. Es lag direkt neben der Petroleumlampe auf dem Schränkchen.“

„Dann kann es ja wohl kaum Selbstmord gewesen sein.“

„Das ist ja das Malheur, darum blieb als einziger Verdächtiger nur der Ehemann übrig.“

Ich grübelte laut:

„Also haben nur das Dienstmädchen des Hotels und der Ehemann das Schlafzimmer Charlotte Gormans betreten.“

Inzwischen hatten wir Palace Hotel in der Olive Street erreicht. Durch die Schwingtüren mit den eleganten Glaseinsätzen, auf denen in goldenen Lettern der Schriftzug „Palace Hotel“ angebracht war, betraten wir die Rezeption, die gleichzeitig ein gemütlicher und geräumiger Aufenthaltsraum für die Gäste und alle Wartenden darstellte.

„So, Charley, da wären wir“, betonte Mr. Henry, dem die Sorge und Aufregung deutlich anzumerken waren.

Unruhig knetete er seine Hände, was ich bei dem besonnenen Mann sonst gar nicht kannte.

Ich nahm das Heft des Handelns gleich in die Hand:

„Mich interessiert zuallererst einmal das Dienstmädchen des Hauses.“

Henry holte daher eilfertig den Hotelbesitzer herbei. Dieser schien ein Lebemann zu sein, denn die Weste seines dunkelgrau melierten Ausgehrocks spannte sich gefährlich über dem ansehnlichen Bauch. An einer klobigen Goldkette hing vermutlich eine kostbare Taschenuhr, die aber in der Westentasche stecken musste und so für mich nicht zu sehen war. Unter dem hochgeschlossenen weißen Hemdkragen saß eine sorgfältig gebundene schwarze Fliege. Die Haare hingen leicht wirr um den Kopf, und buschige Augenbrauen sowie ein Backenbart umrahmten das etwas feiste, rötliche Gesicht. Es schien mir, als ob der Hotelier ‚geistigen Getränken‘ nicht ganz abgeneigt sei. Unter den braunen, recht matten Augen saßen deutlich hervorstehende, dunkle Tränensäcke.

„Das ist Mr. Scott Wilson, ihm gehört das Palace Hotel, Charley!“

„Guten Abend Mr. Wilson – pardon, passender wäre wohl eher, schon gute Nacht zu wünschen, oder?“

„Wenn wir die mal hätten, mein Herr; aber welches Drama, welch ein Malheur! Denkt allein nur an den Ruf meines Hauses! So etwas hat es in all den Jahren noch nie bei uns gegeben. Mr. Henry hat mir schon gesagt, dass Ihr Old Shatterhand seid, daher will ich Euch gern bei Euren Nachforschungen behilflich sein, was ich sonst nicht getan hätte, wenn Ihr nicht einen so über jeden Zweifel erhabenen Ruf besitzen würdet, denn eigentlich hat die Polizei den Fall ja schon in Windeseile aufgeklärt.“

„Immer langsam mit den jungen Pferden, das wird sich ja noch zeigen! Kommen wir doch gleich zur Sache, Mr. Wilson. Da außer Mr. Gorman nur Euer Dienstmädchen im Zimmer der Ermordeten gewesen sein soll, gehen meine Erkundigungen erst einmal in diese Richtung.“

„Ihr sprecht von meinem Dienstmädchen, oder? Aber das könnt Ihr gleich wieder vergessen, Old Shatterhand. Die gute Fanny arbeitet schon seit mehr als acht Jahren als Dienstmädchen bei mir. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum sie Frau Gorman – Gott hab sie selig – ermordet haben sollte.“

„Gab es denn etwas Wertvolles bei der Getöteten zu holen?“

Mr. Henry nahm das Wort:

„Ja, schon, Charley. Frank sagte mir vorhin, dass seine Frau eine ganze Menge Schmuck aus Jackson mitgebracht haben soll, worüber er ziemlich verärgert schien.“

„Wir haben sehr deutlich mitbekommen, wie die beiden sich gestritten haben; das konnte man noch hier im Parterre überdeutlich hören“, ergänzte der Hotelier Henrys Worte.

Schon wieder ein Schmuckdiebstahl in St. Louis. Unweigerlich musste ich an die Operndiva Michelle La Grange denken, deren kostbarer Schmuck bei einem meiner letzten Besuche in der Stadt aus dem Geheimfach ihres Schreibtischs im Hotelzimmer gestohlen worden war.2

Ich setzte die Befragung fort:

„Wo befinden sich denn eigentlich die Gasträume von Mr. und Mrs. Gorman?“

„Seht die Treppe hoch, Old Shatterhand, da könnt Ihr die Nummern zwei und drei in großen aufgemalten Lettern auf den Türblättern lesen, das sind, oder äh – mmh – waren ihre Zimmer.“

„Dann muss der Streit doch schon recht laut gewesen sein, wenn Ihr den hier unten mitbekommen habt.“

„Und ob. Ich will nicht gerade sagen, dass die Fetzen flogen, aber es ging da oben schon sehr aufgeregt zu. – Um jedoch nochmal auf meine Fanny zurückzukommen, Mr. Shatterhand: Sie ist eine Seele von einem Menschen, aber äh – ein äh – mmh – bisschen schlicht.“

„Schlicht?“

„Na gut, wie Ihr wollt, ich wollte das nicht so hart und direkt ausdrücken; sie ist von Hause aus – ach, Ihr macht mir die Sache aber auch schwer – nicht ganz so äh – intelligent, äh…“

„Also ein bisschen dümmlich!“

Scott Wilson stieß prustend die Luft aus.

„Wenn Ihr das so sagt, Mr. Henry!“

Ich führte die Befragung des Palace-Hotel-Besitzers fort:

„Habt Ihr diese Fanny nach der Mordtat befragt?“

„Natürlich! Erst ich, dann fragte der Polizeichef Gregg McNulty fast das Gleiche wie ich, aber Fanny blieb immer bei derselben Antwort: Sie brachte, wie jeden Abend, Mrs. Gorman erst die heiße Milch mit Honig und etwa eine Stunde später die wohltemperierte Wärmflasche. Da wäre die Lady allerdings schon sehr, sehr müde und am Einschlafen gewesen, dass Fanny fast ein schlechtes Gewissen bekam, weil ohne ihren Eintritt in das Schlafgemach Mrs. Gorman wohl einfach weitergeschlafen hätte. Polizeichef McNulty und ich sind uns sicher, die gute Fanny kann den Mord auf gar keinen Fall begangen haben. Solche Gedanken liegen gar nicht in ihrer Natur. Von Hause aus hat man ihr immer wieder eingeprägt, was gut und was böse ist. Ihre Eltern waren sehr strenggläubige Menschen. Ja, sie würde nicht einmal einen Kuchenrest von der Servierplatte stehlen, der sowieso nicht mehr verkaufbar wäre – und dann gleich ein heimtückischer Mord? Nein, nein, meine Herren, einen Mord traue ich ihr im Leben nicht zu.“

Das war eine lange und deutliche Ausführung von Scott Wilson gewesen.

„Gab es denn sonst irgendwelche Zeugen, die zur Erhellung der Angelegenheit beitragen konnten?“

„Und ob, Mr. Shatterhand. Hier unten im Aufenthaltsraum saßen die ganze Zeit über mehrere Gäste. Das ist eigentlich den ganzen lieben langen Tag in meinem Hotel so. Ihr müsst nämlich wissen, dass unser Haus sehr angesehen und damit fast immer ausgebucht ist. Die vielen Theater der Stadt locken mehr und mehr Besucher an, was uns Logisbetreibern natürlich eine große Freude ist.“

Er rieb sich die Hände, erschrak dann ob seines taktlosen Verhaltens und versteckte die leicht dicklichen Finger nervös hinter dem Rücken.

Doch ich wollte noch mehr wissen:

„Und was haben die anderen Gäste so beobachtet?“

„In Zimmer Nr. 3, das Mr. Gorman bewohnt, traten den ganzen Abend nur das Dienstmädchen und eben Mr. Gorman selbst ein.“

„Und in Zimmer Nr. 2?“

„Dort wurde nur das Dienstmädchen ein- und ausgehen gesehen.“

Das war ja mehr als interessant, aber auch fatal für Mr. Gorman, denn es verdichtete sich durch die Aussagen zunehmend, dass nur er der Mörder seiner Frau gewesen sein konnte.

Aber Mr. Henry glaubte nach wie vor fest an die Unschuld seines Freundes:

„Charley, nie im Leben ist Frank ein Mörder, das kann nicht sein. Irgendetwas wurde hier übersehen. Ich weiß zwar nicht was, aber ich fühle das.“

„Geduld, bester Freund, wir haben mit unseren Nachforschungen ja überhaupt gerade erst angefangen. Ich fasse mal kurz zusammen. Es gibt also eigentlich nur vier Möglichkeiten, wer die Tat begangen haben kann.“

„Vier Möglichkeiten? Wieso denn vier?“

„Ja, entweder war es der Ehemann oder das Dienstmädchen, oder es war Selbstmord, was ich eher ausschließe; denn wer sticht sich ein Stilett in die Brust und hat dann noch die Kraft, die Tatwaffe ordentlich auf das Nachtschränkchen zu legen?“

„Und die vierte Möglichkeit?“

„Es war ein Fremder, ein Unbekannter, den niemand kommen und gehen sah.“

„Aber der hätte dem guten Frank unbedingt bei seiner Schreibtischarbeit auffallen müssen. Es konnte doch niemand in das Zimmer seiner Frau, ohne an Frank vorbeizukommen, denn die Tür ihres Schlafgemachs war schließlich von innen verschlossen. Wie hätte der Mörder dann von dort herauskommen sollen?“

Ich brauchte weitergehende Informationen, so kam ich hier nicht weiter; also bat ich den Hotelier, als Nächstes die gute Fanny herbeizuholen.

„Na, die Arme schläft bestimmt schon. Wisst Ihr nicht, wie spät es bereits ist? Außerdem muss sie als Erste wieder auf sein, um den Gästen das Frühstück zu bereiten.“

„Meint Ihr, dass sie nach all der Aufregung heute Abend so einfach schlafen gehen konnte?“

„Nein, das wird ihr auch schwergefallen sein, das ist wohl wahr.“

„Hat Fanny denn ein eigenes Zimmer hier im Hotel, oder wohnt sie woanders?“

„Nein, natürlich schläft sie hier, ein eigenes Haus oder selbst ein möbliertes Zimmer könnte sie sich doch gar nicht leisten. Ich habe hinten im Hotel eine kleine Gesindekammer. Das ist ihr Reich. Einen Augenblick bitte, ich hole sie.“

Es vergingen ein paar Minuten, und dann kam Scott Wilson mit Fanny zu uns zurück. Inzwischen hatten Mr. Henry und ich uns im Aufenthaltsraum in zwei gemütliche, überdimensionierte Sessel gesetzt.

Scott Wilson stellte vor:

„Da ist sie, unsere gute Fanny!“

Mit gesenkten Augen stand das Dienstmädchen schüchtern vor mir. Ich besah mir Fanny genauer. Sie war lang, hager, ihre unter der weißen Haube hervorlugenden Haare waren brünett, zottelig, fast ungepflegt zu nennen. Vor dem groben grauen Kleid trug sie eine weiße Spitzenschürze. Ihre Nase war lang und spitz zulaufend und der Mund war von den Proportionen her viel zu groß für das schmale Gesicht. Kleine graue Augen saßen tief in ihren Höhlen. Die Augenbrauen wurden schon grau, sie schien also nicht mehr die Jüngste zu sein.

Ich befragte nun Fanny noch einmal selbst danach, was sie am heutigen Abend alles so gemacht hätte. Das war eine mühsame Angelegenheit, denn sie zählte mir alle Tätigkeiten auf, aber Zeit und Reihenfolge brachte sie dabei völlig durcheinander. Das Glas, in dem sie Mrs. Gorman die heiße Milch mit Honig gebracht hatte, war ihr danach in der Küche heruntergefallen, aber zuerst erzählte sie mir, dass sie in der Küche Glasscherben zusammengefegt hätte. Viel später folgte in ihrer Aufzählung dann das Zustellen der heißen Milch mit Honig. Letztlich deckten sich ihre Antworten aber nach meinem Sortieren mit dem, was mir Mr. Henry und der Hotelier schon erzählt hatten. Bei dem Gespräch offenbarte sich mir aber nun selbst sehr deutlich, dass die gute Fanny in der Tat geistesschwach war. Klar formulierte Aufträge konnte sie ausführen, aber zu mehr, gar zu einem Mord, war sie ganz sicher nicht in der Lage.

Weiter würde ich hier erst einmal nichts ausrichten können, denn inzwischen hatten wir schon ein Uhr morgens, wie mir ein Blick auf meine Taschenuhr zeigte. Ich entließ Fanny also wieder. Sie eilte sofort kopfschüttelnd in Richtung Gesindekammer zurück.

Ich wandte mich nochmals an Scott Wilson:

„Verlassen morgen früh eigentlich Gäste das Hotel, Mr. Wilson?“

„Nein, nicht dass ich wüsste, aber ich schaue gern noch einmal nach.“ Er ging zum Tresen an der Rezeption, auf dem ein großes schweinsledergebundenes Buch lag, in dem Namen, Heimatadressen und Aufenthaltsdauer der Besucher sorgfältig eingetragen wurden. „Nein, Old Shatterhand, mein Gedächtnis hat mich nicht getrogen. Ein Mr. Lafayette ist übermorgen der Erste und Einzige, der aus dem Palace Hotel ausziehen wird.“

„Das ist gut, dann werde ich zur Frühstückszeit wieder hier sein, um die Gäste einmal selbst nach ihren Erinnerungen an den heutigen Abend zu befragen.“

„Oh, muss das sein? Bitte denkt doch an den Ruf des Palace Hotels.“

„Es muss sein, Mr. Wilson, es geht schließlich um das Leben von Frank Gorman, an dessen Schuld ich immer noch nicht glaube!“

„Richtig, Charley, richtig, ich auch nicht!“, jubilierte Mr. Henry fast.

„Doch eines würde ich jetzt gern noch tun, Mr. Wilson.“

„Was denn, Mr. Shatterhand?“

„Ich würde mir gern die Schlafgemächer der Gormans noch kurz anschauen.“

„Sie sind natürlich inzwischen fest verschlossen, aber es ist nichts aus den Zimmern entfernt worden. – Ich habe den Schlüssel!“, triumphierte der Hotelier und zog aus seiner Westentasche einen großen eisernen Zimmerschlüssel hervor.

„Bitte nach Euch“, sagte ich.

Schon eilte Scott Wilson die Treppe hinauf, Mr. Henry und ich sogleich hinterher. Der Hotelier schloss die Tür Nr. 3 auf, also Frank Gormans Gemach. Die Verbindungstür zu dem Schlafzimmer seiner ermordeten Frau stand offen. Ich warf einen Blick hinein, aber es gab keinerlei Auffälligkeiten. Also kehrte ich in den Schlafraum des Ehemanns zurück.

Ich wandte mich dem Schreibsekretär zu. Er war eine Art Kommode und hatte drei Schubfächer, einfacher in seiner Ausführung als die edlen Schreibsekretäre aus Frankreich, die zumeist abschließbare Türen haben, hinter denen sich oft versteckte Schubladenreihen befinden. Der Aufsatz enthielt Sortierfächer, Schubfächer und Aussparungen für Tinte, Papier, Dokumente und Ähnliches, und war mit einem nach vorne ausklappbaren Pultdeckel versehen, der jetzt, im geöffneten Zustand, als Schreibplatte diente. Dort lagen die Geschäftsjournale Frank Gormans. Ich studierte die Zahlenkolonnen. Schnell hatte ich eines erfasst: Mr. Henrys Freund war ein sehr wohlhabender Mann. Finanzielle Gründe für einen Mord an seiner Frau konnte er unmöglich gehabt haben.

„Mr. Wilson, hat Frank Gorman eigentlich den Wert des gestohlenen Schmucks seiner Frau beziffert?“

„So genau wusste er das auch nicht zu benennen, schätzte aber so an die 10.000 Dollar!“

„Donnerwetter, ein ganz schönes Sümmchen!“

„Das kann man wohl sagen.“

„Aber für Frank Gorman sind das nur Kleinigkeiten, wenn ich mir seine Geschäftsbücher so betrachte“, ergänzte ich.

„Oh, das wusste ich nicht, dass Mr. Gorman dermaßen reich ist“, warf Scott Wilson ein.

„Ich schon“, erwiderte Mr. Henry.

„So, meine Herren, die Nacht wird kurz, lasst uns morgen früh weitermachen.“

„Das ist eine famose Idee, Old Shatterhand!“

2. Weitere Nachforschungen

Um keinen der Gäste im Palace Hotel vor seinem Aufbruch zum Tagwerk zu verpassen, war ich schon um kurz nach sieben Uhr in der Früh wieder vor Ort. Sprich, meine Nachtruhe hatte kaum mehr als vier Stunden betragen. Zu frühstücken gedachte ich später. Meinen Freund Mr. Henry hatte ich gebeten, wieder seiner Arbeit nachzugehen, da er mir bei den Befragungen der Hotelgäste sowieso nicht helfen konnte. Ganz zufrieden war er mit dieser Regelung nicht, sah es dann aber letztlich doch ein.

Als ich den großen Aufenthaltsraum, der gleichzeitig die Rezeption des Hotels darstellte, betrat, waren nur Mr. Wilson und Fanny zugegen. Fanny wischte alle Tische zwischen den klobigen Sesseln sorgfältig mit einem nassen Lappen ab. Wenig später kam ein älterer Herr und setzte sich in die linke hinterste Ecke des großen Raums. Scott Wilson begrüßte ihn als „Mr. Sherman“. Dieser bat um das neueste Exemplar der St. Louis-Missouri-Gazette, da gesellte ich mich schon zu ihm, stellte mich kurz vor und erkundigte mich dann:

„Ich möchte Euch eine Frage zu den Ereignissen gestern Nacht stellen, Mr. Sherman.“

„Nur zu, junger Mann.“

„Könnt Ihr Euch daran erinnern, wie das Dienstmädchen aussah, das Euch gestern bediente und auch die Gäste in der oberen Etage zufriedenzustellen hatte?“

„Das weiß ich gar nicht mehr so genau, mein Herr. Ich glaube, sie war groß.“ In dem Augenblick kam Fanny um die Ecke. „Ah, da ist sie ja, das ist dieselbe Perle, die gestern hier Dienst tat.“

Es war nicht gut, wenn Fanny hier weiter herumwerkelte, denn ich wollte unvoreingenommene Antworten der Gäste haben, darum bat ich Mr. Wilson, dass er Fanny auftragen sollte, sich erst einmal nicht mehr vorne im Aufenthaltsraum blicken zu lassen.

Wenig später kamen die nächsten Gäste, ein Pärchen aus Indianapolis, das sich in der Stadt so manche Theateraufführung anschauen wollte und dem ich mich höflich mit meinem Familiennamen vorstellte.

Der Mann, ein gewisser Mr. Harold Lloyd Stattler, schwärmte gleich:

„Wir haben Karten für das St. Louis Theatre an der Third and Olive Street, aber auch für das The Varietes Theatre in der Market Street, das Bate Theatre in der Pine Street, das St. Louis Amphitheatre and Western Circus in der Olive Street.“

„Noch nie in unserem Leben haben wir so viel Kultur genießen können wie hier, Mr. May“, jubelte die Gattin.

„St. Louis ist ja auch nicht irgendeine Stadt, meine Liebe, sondern die drittgrößte des Landes!“

„Oh, was du alles weißt, wenn ich dich nicht hätte, meine bessere Hälfte!“

Dabei ließ Mrs. Stattler ein schrilles, beinahe wieherndes Lachen erschallen, dass man fast erschrecken konnte, und plinkerte mit ihren bemalten Wimpern, was sie wohl als kokett empfand, mich aber eher leicht abstieß.

Ich hatte mich den Gästen absichtlich als Mr. May vorgestellt, weil ich vermeiden wollte, dass mich alle – wenn ich denn den Herrschaften als Old Shatterhand bekannt gemacht worden wäre – mit Wünschen nach Abenteuererzählungen und Fragen nach meinem Winnetou bestürmten, anstatt mir schnell auf meine Nachforschungen Rede und Antwort zu stehen.

Geschwind brachte ich daher das Gespräch auf mein eigentliches Thema:

„Könnt Ihr Euch an das Dienstmädchen erinnern, das gestern vor allem oben auf den Zimmern die Gäste bedient hat?“

„Aber natürlich“, antwortete Mr. Stattler gleich. „Sie war auf jeden Fall sehr groß für ein Mädchen und dürr, ein richtiggehendes Klappergestell – entschuldigt, wenn das ein wenig despektierlich klingen mag. Aber die Haarfarbe? Ich glaube, die war schwarz oder dunkelbraun oder…“

„Aber nein, mein Liebster, sie war eher von leicht untersetzter Figur, ich will nicht gerade sagen dicklich, und hatte blonde Haare, die unter der weißen Haube hervorlugten, das weiß ich ganz genau.“

Bei der Aussage strich sie sich in Hüftgegend das elegante altrosafarbene Seidenkleid glatt, als wollte sie stolz auf ihre eigene, trotz ihres Alters ansehnliche Figur hinweisen. Mir wurde allerdings langsam in ihrem Beisein schwindelig, so grässlich hatte sich die gute Dame parfümiert. Der sie umwehende Moschusduft raubte mir die letzte Atemluft. Als Bestandteil von Parfüms vereint der Duft von Moschus angeblich eine ‚animalische‘ und eine ‚strahlend-süße‘ Duftnote. Das ‚animalische Element‘ soll beim Menschen Wärme vermitteln und damit Empfindungen der Geborgenheit sowie des sexuellen Reizes. Der Duftstoff muss dabei aber sparsam und unterhalb der Grenze bewusster Wahrnehmung eingesetzt werden; Mrs. Stattler jedoch hatte wohl eher ein Drittel des Flakons auf einmal auf sich versprüht.

Harold Lloyd Stattler meinte begütigend, einem Streit mit seiner Gattin aus dem Wege gehend:

„Wenn du meinst, Bertha, ich allerdings erinnere mich anders.“

Nun war ich etwas irritiert. Die Beschreibungen der Eheleute gingen ja diametral auseinander. In den nächsten Stunden folgten dann noch fünf weitere Gäste, die ich befragen konnte. Es ergab das gleiche Bild. Immer wurde von einer dürren Großen oder von einer untersetzten Blonden gesprochen.

Ich fragte darauf Scott Wilson:

„Habt Ihr noch ein anderes Dienstmädchen als Fanny beschäftigt? Vielleicht auch nur zeitweise?“

„Nein, wie kommt Ihr denn darauf? Bei mir arbeitet nur die gute, alte Fanny.“

„Mehrere der Gäste sprachen aber von einer untersetzten Blonden, die oben auf den Zimmern bedient haben soll. Sie haben sie mindestens einmal die Treppe hinaufgehen sehen.“

„Dann müssen sie sich verguckt haben. Das müsste ich ja wohl am besten wissen, wenn ich noch ein weiteres Dienstmädchen beschäftigen würde.“

„Gut, Mr. Wilson, wenn das eine einzige Person gesagt hätte, dann würde ich dem sicherlich auch keine Bedeutung beimessen; aber es waren insgesamt vier Eurer Gäste, die von einem etwas untersetzten, blonden Dienstmädchen gesprochen haben.“

„Das ist in der Tat seltsam. Dafür habe ich keine Erklärung, Mr. Shatterhand.“

„Eine andere Frage: Hat Mrs. Gorman ihren Schmuck eigentlich täglich beim Ausgehen getragen?“

„Und ob, manchmal hat sie ihren kostbaren Behang sogar mehrfach täglich gewechselt. Es glitzerte und funkelte, dass man unweigerlich hingucken musste, und jeden Tag andere Steine, sage ich Euch. Rubine, Smaragde, Saphire und Amethyste.“

„Oh, Ihr kennt Euch bei Edelsteinen ja gut aus.“

„Zwangsläufig, Mr. Shatterhand. Ihr glaubt gar nicht, wie mir meine Frau in den Ohren liegt, Ihr auch einmal eine Edelsteinkette, einen Brillantring oder teure Ohrhänger zu kaufen. Aber bin ich denn Krösus?“

„Dann kann dieses offene Zurschaustellen der wertvollen Schmuckstücke natürlich schon Begehrlichkeiten bei dem einen oder anderen geweckt haben.“

„Was wollt Ihr damit sagen? Ihr denkt doch nicht etwa an einen meiner Gäste?“

„An wen sollte ich denn sonst denken, Mr. Wilson? Wenn Fanny auszuschließen ist, und Mr. Gorman es bei seinem Reichtum ja nun wahrlich nicht nötig hatte, seine eigene Frau zu bestehlen und dabei auch noch umzubringen, dann bleibt doch nur noch einer der anderen Gäste übrig.“

„Um Himmels willen! Der gute Ruf meines Hauses! Wenn sich das herumspricht!“

„Ist heute vielleicht doch einer Eurer Gäste abgereist, obwohl Ihr mir gestern Nacht noch gesagt habt, dass erst morgen ein gewisser Herr Lafayette auszuziehen gedenkt?“

„Ja, stellt Euch vor, ein Monsieur Bernard Dubois ist einfach so mir nichts, dir nichts abgereist.“

„Hat er schon, bevor ich heute Morgen eintraf, seine Rechnung bei Euch beglichen?“

„Nein, das brauchte er auch gar nicht, denn er hatte gleich bei der Ankunft sein Zimmer für zwei Wochen im Voraus bezahlt.“

„Das ist ja seltsam. Kommt das oft vor?“

„Natürlich nicht, und die zwei Wochen sind noch nicht einmal um. Eigentlich wollte er zwei Nächte länger bleiben, bezahlt hatte er schließlich dafür, aber das Schlafgemach fand ich vorhin offen vor, und seine Effekten3 waren allesamt verschwunden. Das Zimmer war vollständig leer.“

„Und der Zimmerschlüssel?“

„Der steckte innen im Türschloss.“

Das roch doch verdächtig nach Flucht.

„Wie sah denn dieser Monsieur Dubois eigentlich aus? Beschreibt ihn mir doch einmal kurz.“

„Also, der Monsieur war von eher etwas untersetzter Gestalt, leicht ins Dickliche neigend und hatte blonde, mittellange Ha – Haar – – heavens, so wurde doch das Dienstmädchen von mehreren Gästen beschrieben, oder?“

„Ganz genau. Ist das Zimmer eigentlich schon wieder neu vermietet?“

„Nein, so früh kommen doch keine neuen Gäste. Die erste Postkutsche kommt so gegen zwölf in St. Louis an, der erste Steamer wird gegen zwei Uhr nachmittags im Hafen erwartet.“

„Würdet Ihr mir bitte kurz das Zimmer dieses dubiosen Monsieur Dubois zeigen?“

„Aber gerne, kommt!“