Hobble-Frank - Reinhard Marheinecke - E-Book

Hobble-Frank E-Book

Reinhard Marheinecke

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Beschreibung

Old Shatterhand hat sich mit Tante Droll und dem Hobble-Frank verabredet, wird aber bei seiner Ankunft am Treffpunkt von dem Iren Patrick O'Sullivan überfallen, der ohne Pferd und Waffen unterwegs ist, da diese ihm von einem Schurken geraubt wurden. Frank und Droll beenden den Zweikampf. In der Nacht werden die Freunde von Sioux überwältigt, die das Kriegsbeil gegen alle Bleichgesichter ausgegraben haben. Am 'Heiligen Stein' trifft Winnetou auf die Westmänner. Doch damit beginnt das Abenteuer erst richtig. Welches Schicksal haben der Ire und eine schwedische Witwe gemeinsam, sodass sie den Pferdedieb unbedingt um jeden Preis ergreifen wollen?

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2025

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HOBBLE-FRANK

EIN NEUER ROMAN MITWINNETOU UND OLD SHATTERHAND

VON

REINHARD MARHEINECKE

Herausgegeben von Bernhard Schmid© 2023 Karl-May-Verlag, BambergAlle Urheber- und Verlagsrechte vorbehaltenDeckelbild: Adrian KeindorfISBN 978-3-7802-1638-0

KARL-MAY-VERLAGBAMBERG . RADEBEUL

INHALT

Prolog

1. Ein ebenbürtiger Gegner

2. Heliogabalus Morpheus Edeward Franke

3. In der Gewalt der Sioux

4. Ein Heidenspektakel

5. Am Heiligen Stein

6. Die resolute Witwe

7. Patrick O’Sullivans Geheimnis

8. In Bismarck

9. Poker-Alice Ivers

10. Der Mann mit dem schlechten Gewissen

11. Im Office der Northern Pacific Railroad

12. Überfall auf die Eisenbahn

13. Kampf mit dem Grizzlybären

14. Ein feiger Meuchelmord

15. Suttons Ende

16. Jimbo

17. Auf dem Weg zum Little Missouri River

18. Bei den Hunkpapa

19. Kampf auf dem Wasser

20. Villa Bärenfett

Prolog

In der gleißenden Morgensonne zeigte sich das Schloss von seiner beeindruckendsten Seite. Es erhob sich geradezu majestätisch im Schlossteich auf der künstlich angelegten Insel. Seine heutige Gestalt hatte es unter August dem Starken schon im 18. Jahrhundert erhalten. Zuvor stand an gleicher Stelle ein Jagdhaus bereits seit dem 16. Jahrhundert. Der barocke Vierflügelbau mit seinen vier direkt mit dem Hauptbau verbundenen Türmen thronte auf einem podestartigen Sockelgeschoss. Rings um das Schloss waren acht Wachhäuschen auf der Insel gruppiert. Vor jedem stand ein Wachsoldat stramm und unbeweglich, das Bajonettgewehr wie vorgeschrieben geschultert. Die roten Uniformjacken und die schneeweißen Hosen leuchteten in der grell scheinenden Sonne. Die hohen, schwarzen Pelzmützen machten das stundenlange Stillstehen in der Wärme sicherlich für die Wachen nicht gerade erträglicher.

Im Norden des Herrschersitzes schloss sich eine ausgedehnte Gartenanlage an den imposanten Bau an. Zwei Kilometer östlich davon lagen das durch eine direkte Sichtachse verbundene Fasanenschlösschen mit einer kleinen Hafenanlage und dem Venusbrunnen, die Dardanellen sowie das im Volksmund auch als ‚drittes Schlösschen‘ bezeichnete Hellhaus1, das als königlicher Jagdpavillon zur Parforcejagd genutzt wurde, in welchem vor allem das Frühstück nach den Jagden eingenommen wurde. An der Hafenanlage konnte man auch Sachsens einzigen Leuchtturm bewundern. Die sogenannten Dardanellen2und die Fregatte waren mit kleinen Kanonen bestückt, mit denen man feuerwerksartige Geschosse zur Demonstration einer echten Seeschlacht abfeuern konnte. Ja, auch Könige benötigen ihre ‚Spielzeuge‘ zum Zeitvertreib, so auch der König von Sachsen und sein adliges Gefolge. Im Fasanenschlösschen waren früher tatsächlich Jagd-Fasane für die königliche Tafel gezüchtet worden, heute allerdings war die Fasanenhaltung eingestellt und der Bau beherbergte nur noch einige Edel-Fasane und andere exotische Vögel.

Doch für die Pracht des Schlosses und seiner Anlagen hatte der junge Mann derzeit wenig Sinn, denn wieso wurde er von einem Boten zum König ins Schloss gerufen? Das war seit seinem Amtsantritt in die königlichen Dienste ja noch nie vorgekommen. War dem Herrscher etwa seine vorzügliche Arbeit als königlich-sächsischer Forstgehilfe zugetragen worden, und er sollte heute für seinen Arbeitseifer, seinen unbändigen Fleiß und seinen fast schon überbordenden Ehrgeiz belobigt werden? Doch befasste sich ein König tatsächlich mit solchen trivialen Angelegenheiten?

Die Unruhe des Kleinen wuchs von Minute zu Minute. Der starr nach vorn gerichtete Blick des Boten seiner Majestät, den er umgehend von zuhause aus zu begleiten gehabt hatte – einen zeitlichen Aufschub hatte der Überbringer nicht akzeptiert –, trug das Seinige zu seinen widerstrebenden Gemütswallungen bei.

„Wo sollen wir denn eegentlich nu genau hin?“

„Ins Schloss!“

„Ja, aber das is doch sehr, sehr groß.“

„Na, das versteht sich doch wohl von selbst, wohin es geht: in den Jägerturm. Wohin denn sonst?“

Gut, der Jüngling wusste natürlich wie alle Moritzburger, dass jeder der vier Türme des Schlosses eine andere Bezeichnung hatte. Neben dem Jägerturm gab es den Backturm, den Küchenturm und den Amtsturm. Wobei der zum Schloss Befohlene sich eigentlich gedacht hatte, dass der König seine Audienzen in einem der Prunksäle abhalten würde, also entweder im Kurfürstenzimmer oder im Monströsensaal mit seinen Monumentalmalereien aus der Geschichte der Diana oder im Billardsaal, wo die riesigen Gemälde Genreszenen aus dem höfischen Leben darstellten und ansonsten unzählige Jagdtrophäen an den Wänden hängen sollten, wie man ihm eines Tages bei einem ordentlichen Humpen Waldschlösschen-Biers in Adams Gasthof in der Straße Am Markt 9 erzählt hatte. Nun sollte es also der Jägerturm sein. Naja, das passte zu seinem eigenen Berufsstand ja auch weitaus besser als die königlichen Prachtgemächer.

Zu gern hätte der Jüngling von dem Boten natürlich mehr erfahren, aber der schien an einer Konversation mit ihm nicht im Geringsten interessiert zu sein. Wie bezeichnete man für gewöhnlich solche Menschen? ‒ Als maulfaul. Immer wieder schielte der Jüngling auf dem Weg die Schlossallee hinunter zum Boten hinüber, aber der verzog weiter keine Miene und blickte zumeist starr geradeaus.

Der Kleine hatte Mühe, mit dem militärischen Stechschritt des Boten überhaupt einigermaßen Schritt halten zu können, obwohl er eigentlich ein geübter und ausdauernder Läufer war, aber der Größenunterschied zwischen ihm und dem langen Lulatsch von Boten war schon beträchtlich.

So erreichten sie im sognannten „Schweinsgalopp“ letztlich den schmalen Pfad über das Wasser, der auf die Insel hinaufführte, querten die beiden Wachhäuser, bevor sie an kunstvoll angelegten, nicht zu hoch gewachsenen Bäumen mit sorgfältig kugelrund geschnittenen Baumkronen vorbeikamen.

Am Schlosseingang übernahm der Bote das Kommando und ging voran. Die Eingangshalle im Erdgeschoss sollte mit ihren Kreuzgewölben noch an das alte Jagdhaus erinnern. Die vergoldeten Ledertapeten an den Wänden verschlugen dem Jüngling die Sprache. Welch ein Prunk empfing einen hier! Das war mit seiner schlichten Junggesellenkammer in der Bahnhofstraße nicht annähernd zu vergleichen.

Plötzlich ergriff der Bote doch wieder einmal das Wort, was ja bisher selten genug vorgekommen war:

„Das Schloss beherbergt zwölf Wohnquartiere mit zweihundert Räumen für die kurfürstlich-königliche Familie und ihre Gäste sowie die Dienerschaft.“

„Und wo sind die Räumlichkeeten für das Personal?“

„Natürlich im Gewölbe im Sockelgeschoss. Das wird unter anderem als Hofküche, für die unterschiedlichsten Lagerräume und die Pferdeställe benutzt. In den Kellern der vier Türme sind ebenfalls noch weitere Wirtschaftsräume untergebracht.“

„Aha!“

So genau wollte der Kleine das eigentlich gar nicht wissen. Sein Bauchgrummeln wuchs von Minute zu Minute. Es ist einfach schrecklich, nicht genau zu wissen, was auf einen zukommt. Fast hätte der Jüngling vor lauter Aufregung an seinen Fingernägeln geknabbert. So knetete er die Finger nur hinter seinem Rücken, was weniger auffällig war.

Der Bote schien auf einmal richtig redselig zu werden, was der königliche Forstgehilfe nicht im Entferntesten mehr erwartet hatte:

„Vier Türme hat das Schloss. Der nordöstliche Küchenturm dient der Belieferung des Speisesaals, der nordwestliche Backturm enthält hauptsächlich die Bäckerei. Im Südosten der Anlage liegt der Amts-turm, der Name sagt ja wohl alles; südwestlich liegt der Jägerturm, da gehen wir jetzt hin.“

Der Jüngling trippelte hinter dem Boten her. Der Weg führte nach links. Sie mussten durch das sogenannte Kupferzimmer, die beiden Kurfürstenzimmer und den Monströsensaal, bis sie wieder links abbogen und den Jägerturm betraten. Die Pracht des Jägerturms erschlug den Kleinen. Vitrine war da auf Vitrine zu bewundern, die alle mit edelstem Meißener Porzellan gespickt voll waren. In der einen Zimmerecke stand eine Kommode mit einem hohen goldgefassten Spiegel, und darauf thronte eine kostbare Kaminuhr. Links und rechts drapierten zwei hohe, fein bemalte Bodenvasen die Kommode. Auf einer Wandkonsole standen zwei aufwendig verzierte schneeweiße Porzellankrüge, mittig dazwischen ein Baldachin, natürlich auch aus weißem Porzellan, unter dessen Dach eine weiße Heldenfigur stand. Der Kleine konnte aber beim besten Willen nicht ergründen, wen die Figur eigentlich darstellen sollte.

„Hier warten!“, befahl der Bote nur noch schroff und war auf einmal verschwunden.

Nun wurde die Geduld des Forstgehilfen auf eine mehr als lange Probe gestellt. Fast minütlich schaute er auf die tickende Kaminuhr auf der Kommode. Er wartete fünf Minuten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten, da öffnete sich auf einmal die Tür und zwei Leibwachen des Königs betraten den Raum. Der Herrscher folgte ihnen stehenden Fußes.

Der König hatte eine hohe Stirn, das kannte der kleine Forstgehilfe, hatte er doch schon an Dutzenden von Wänden das Portrait des Herrschers hängen gesehen. Die meisten von ihnen kamen der Wahrheit sehr nahe. Wässrig blaue Augen, eine leicht zu große Nase und ein sehr schmaler Mund saßen in dem recht blassen Gesicht. Nur die Wangen waren leicht gerötet. Es hatte den Anschein, als ob Rouge aufgetragen war und nicht eine normale Gesichtsrötung dafür verantwortlich. Graue, leicht gewellte, kurze Haare zierten seinen Kopf. Der Herrscher trug eine dunkelblaue Uniformjacke mit einem hohen goldenen Stehkragen. Auf den Schultern saßen mächtige Epauletten. Der Abschluss der Jacke war rot gekettelt. Mit einer langen Reihe kleiner Messingknöpfe war die Jacke geschlossen und auf der linken Brust prangten zwei große Sterne. Der obere war aus Silber und hatte in der Mitte eine Goldeinlage, der goldene umschloss einen großen ovalen Saphir. Unter demStehkragen hing ein Gebilde, das fast wie eine Puppe oder Figur aussah. Mittig ein blauer Leib, zur Seite rot-goldene Flügel oder Flammen. Die Jackenärmel liefen in goldfarbige Manschetten aus, die einen roten Untergrund hatten, sodass das Zopfmuster gut zu erkennen war. An den Händen trug der König schneeweiße Handschuhe. Eine türkisfarbige Schärpe lief zur Halterung des Degens herunter, dessen Griff natürlich auch vollständig vergoldet war. Die Farbe der eng sitzenden Hose war identisch mit der der Uniformjacke. Schwarze, schmale, glänzende Stiefeletten vervollständigten das Aussehen des Herrschers.

Ohne Begrüßung fragte der König herrisch:

„Wie ist Euer Name?“

„Heliogabalus Morpheus Edeward Franke, Euer Gnaden!“

„So?“ Die Augenbrauen des Königs zogen sich unwirsch zusammen. Es dauerte eine kleine Weile, dann sprach er weiter: „Ich heiße Friedrich August der Zweite, gebürtiger Prinz Friedrich August Albert Maria Clemens Joseph Vincenz Aloys Nepomuk Johann Baptista Nikolaus Raphael Peter Xaver Franz de Paula Venantius Felix von Sachsen!“

Der Mund des kleinen Forstgehilfen stand plötzlich sperrangelweit offen. Mit jedem Vornamen mehr wuchs sein Erstaunen.

„Oh!“

„Und? Wie heiße ich nun?“

„Äh – mmh – äh – Friedrich, äh – August der Zweete.“

„Und weiter?“

„Äh – Albert – M – Maria, Vin – Vincenz…“

„Vielleicht solltet Ihr nächstes Mal damit vorsichtig sein, alle Eure Vornamen herunterzubeten! Ein Vorname und der Nachname hätten doch wohl gereicht, oder? Ihr seht ja, was dabei herauskommen kann.“

„Jawohl, Euer Gnaden!“

„Jaa“ – der König zog das Ja bedrohlich lang, bevor er weitersprach – „jetzt vor mir spielt Ihr hier einen jungen, verständigen Mann, aber das scheint ansonsten ja mitnichten der Fall zu sein.“

Der Kleine wusste nicht, worauf der Herrscher eigentlich hinauswollte, und schwieg lieber.

„Meinen lieben, braven Oberförster, den guten Rudolf Ludwig, habt Ihr so aufgeregt, dass er einen Herzanfall erlitten hat und nun schwer daniederliegt, hilflos an sein Bett gefesselt.“

„Oh, das wusste ich noch gar nich…“

„Ihr wisst offensichtlich vieles nicht, vor allem nicht, wie man sich älteren Herrschaften und Respektspersonen gegenüber zu benehmen hat.“

„Was meent Ihr damit, Euer Gnaden?“

„Wie kann ein Jungspund wie Ihr nur so stur sein und unnachgiebig auf seiner Meinung beharren, bis der Lehrherr zu guter Letzt eine Herzattacke erleidet und hernach schwer krank wird?“

„D – das – w – war beschtimmt nich meine Absicht.“

„So? Da bin ich mir bei Euch nicht so sicher! Ihr scheint mir ein überaus rebellischer Geselle zu sein. Nur weil Ihr ein ganz klein wenig die Schule besucht habt, müsst Ihr ja nun nicht gleich glauben, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.“

Der Jüngling war entsetzt, es war genau das Gegenteil dessen eingetreten, was er erwartet hatte. Von wegen Belobigung, Pustekuchen! So eine Standpauke wie jetzt gerade hatte er sein Lebtag noch nicht erhalten.

Ihm rutschte nur noch ein unwissentliches Gestammel heraus:

„Äh – mmh…“

„So ein albernes und törichtes Benehmen, das habe ich ja noch nie gehört. Was spielt denn das überhaupt für eine Rolle, wie das Wort ‚meehrschtenteels‘ im sächsischen Dialekt ausgesprochen wird? Etwas Unwichtigeres gibt es ja wohl gar nicht; und deswegen so einen mordsmäßigen Streit in der Schankwirtschaft vom Zaun zu brechen. Was zu viel ist, ist zu viel! Schert Euch zum Teufel, junger Mann! Eure Anstellung als Königlich-Sächsischer Forstgehilfe, die habt Ihr ein für alle Mal verspielt. Ich kann nur hoffen, dass der gute alte Ludwig, der uns immerhin nun schon fast vier Jahrzehnte gute und mehr als zuverlässige und treue Dienste tut, wieder auf die Beine kommt – wenn nicht, dann lasse ich Euch noch nachträglich einsperren.“

„Ja, aber…“

„Nichts aber! Geht mir aus den Augen! Ich will Eure Visage nie wieder sehen; habt Ihr verstanden? Und zwar hurtig, sonst lasse ich Euch von meinen Wachen gewaltsam aus dem Schloss entfernen!“

Wie ein begossener Pudel verließ der Jüngling fassungslos den Jägerturm und dann auch das Moritzburger Schloss.

1Ursprüngliche Bezeichnung Belvedere, ein Begriff der Architekturgeschichte, der ein Gebäude bezeichnet, das dazu angelegt wurde, um einen schönen, weiten Ausblick zu gewährleisten.

2Meerenge

1. Ein ebenbürtiger Gegner

Was war das Land um mich her doch bezaubernd! Ich ritt schon den ganzen Tag auf Hatatitla über wellenförmige Hochebenen, die mit herrlichstem Mesquitegras bedeckt waren. Ab und an standen vereinzelt Posteichen1auf der zumeist freien Fläche und von Zeit zu Zeit ragte aus der Ebene ein einzelner kegelförmiger Berg heraus. Diese Erhebungen waren durchweg einige hundert Fuß hoch und ihre Häupter stets mit dichtem Wald bedeckt.

Es war noch früher Nachmittag, als ich mich wieder einmal einer solchen Anhöhe näherte. Am Fuß der Erhebung rieselte ein munterer Bach, an dessen eiskaltem Wasser mein Rappe und ich uns sogleich erquickten. Das nutzte ich natürlich auch umgehend, um Feldflasche und Wasserschlauch neu zu befüllen, nachdem ich zuvor das abgestandene, leicht brackige Wasser weggegossen hatte. Der kleine Bach kam geradewegs den Hügel herab, mitten aus einem Dickicht dichter Büsche. Der Platz gefiel mir dermaßen gut, dass ich beschloss, hier eine Rast einzulegen; schließlich waren Hatatitla und ich seit dem Morgengrauen ununterbrochen unterwegs. Außerdem musste ich unbedingt noch an die nächste Mahlzeit denken, denn meine Fleischvorräte waren seit dem morgendlichen Frühstück gänzlich aufgebraucht.

Ich nahm meinen Bärentöter zur Hand, ließ Hatatitla weiter friedlich grasen und stapfte den Berg hinauf. Oben erkannte ich im dortigen Baumbestand überwiegend Lebenseichen. Das dichte Unterholz bestand aus Rhododendron- und Azaleenarten. Besonders interessant waren rankende Bignonien, die in orangeroten Farben die Bäume bis zu den Wipfeln hochkletterten und ihre Blüten wie einen Feuerregen über die Bäume ausstreuten. Im schattigen, dunklen Grün des Waldes waren Tausende von Schlingpflanzen zu beobachten, die ich namentlich gar nicht alle zu benennen wusste, außer einer, die ulkigerweise „Des Wanderers Entzücken“ genannt wird, wie mir ein alter Westläufer vor Jahren einmal erzählt hat. Die Blüten dieser Pflanze sind unverkennbar, denn sie hängen in langen, traubenartigen Rispen aus luftiger Höhe herab und wetteifern farblich mit dem Azurblau des Himmels. Dazu verströmen sie einen so liebreizenden Duft, dass ich unweigerlich immer an den Orient denken muss, wenn ich diese Schlingpflanzen zu Gesicht und besser noch unter die Nase bekomme.

In der Mitte des Hügelchens entsprang der Bach, der zu allen Seiten die Flora belebte. Das kleine Wäldchen war allerdings keine achthundert Schritt im Durchmesser groß; so hatte ich rasch herausgefunden, dass sich hier weder Mensch noch Tier versteckten, die mir gefährlich werden konnten. Von der Rückseite der Erhebung spähte ich auf die sich im Tal hinziehende Prärie hinab, auf der, vielleicht dreihundert Meter entfernt, gerade ein kleines Rudel Pronghorns2friedlich äste. Da war ja schon meine nächste Mahlzeit, direkt vor meinen Augen, wie für mich bestellt! Nun kam mir mein Bärentöter gut zupass, denn für das schwere Gewehr war die Entfernung nicht zu weit. Ich legte mich auf das Erdreich, um einen sicheren Schuss abgeben zu können, und nahm eines der jüngeren Tiere ins Visier. Selten kann sich der Jäger an diesem schmackhaften Fleisch erfreuen, das ähnlich wie der bei uns heimische Rehbock schmeckt, denn Pronghorns sind für gewöhnlich mehr als scheu und vorsichtig, also äußerst schwierig zu erlegen. Doch ich lag so weit von dem kleinen Rudel entfernt, dass mich die Tiere auf keinen Fall wittern oder entdecken konnten. Ein wohlgezielter Schuss aus dem schweren Gewehr reichte und der ausgesuchte Gabelbock stürzte tödlich getroffen zu Boden. Sofort ergriffen die restlichen Tiere panisch die Flucht.

Der in Amerika für gewöhnlich als Pronghorn bezeichnete Gabelbock wird von vielen Jägern übrigens auch Gabelantilope genannt. Dieser Name kommt daher, dass die bis zu achtzig Zentimeter hoch werdenden nordamerikanischen Horntiere tatsächlich antilopenähnlich anzuschauen sind. Die Weibchen besitzen nur ein einfaches Horn, wie das Tier, das ich jetzt erlegt hatte. Bei männlichen Böcken ist dieses gegabelt, woher schließlich der Name stammt. Anzutreffen sind sie vor allem in offenen Landschaften von Kanada bis nach Mexiko hinab.

Ich stapfte den Hügel wieder hinunter, erstieg meinen Rappen und ritt zu der Stelle hin, an der das erlegte Tier lag. Glücklicherweise scheut Hatatitla kein totes Wildbret, sodass ich meine Beute vor mir auf dem Sattel festmachen konnte. Das Zerlegen musste warten, das hätte jetzt zu viel Zeit gekostet.

Ich wollte mich nun sputen, denn ich war noch an diesen Nachmittag mit meinen alten Freunden, dem Hobble-Frank und seinem Vetter, der Tante Droll, verabredet. Das große Tal, das wir dazu auserkoren hatten, wurde im Volksmund das „Tal der drei Flüsse“ genannt, gab es darin doch tatsächlich drei Wasserläufe, die, wie es der Name schon vermuten lässt, dort ineinanderflossen. Vor Jahren waren wir schon einmal auf einem unserer gemeinsamen Ritte da gewesen, sodass weder die Freunde noch ich fehlgehen konnten.

Ich wusste, dass ich keine Stunde mehr zu reiten hatte, dann würde ich im „Tal der drei Flüsse“ ankommen, so ermunterte ich meinen prächtigen Rappen zum Galopp, was dieser sofort freudig aufnahm. Wir jagten nur so über die wellige Landschaft dahin, ohne dass sich das brave Tier dabei auch nur im Geringsten anstrengen musste. Die Hufe schienen dabei nicht einmal die Erde zu berühren, so gleichmäßig und sanft war der Ritt.

Nach und nach senkte sich vor mir das Erdreich merklich ab und der Baumbestand nahm mit jeder Minute zu, was nur an dem vielen Wasser liegen konnte, das uns in dem Tal erwartete. Nun galt es für mich zunächst einmal, einen breiten Baumgürtel zu durchqueren, um in die Mitte des großen Tals, und damit zum Wasser, zu gelangen.

Ich hatte den Saum des Waldes fast hinter mir gelassen. Nur noch eine letzte Reihe Bäume hieß es zu umreiten, als auf einmal von oben aus dem Geäst eine Gestalt auf mich herabplumpste. Der Aufprall war so heftig, dass ich unweigerlich aus dem Sattel gerissen wurde, und meine Überraschung so groß, dass ich einige Schrecksekunden brauchte, die der Angreifer nutzte, um sich sofort wieder auf mich zu werfen und mit aller Kraft zu umschlingen. Wie ein Schraubstock wanden sich die Arme des Gegners um meinen Oberkörper. Ich bemerkte noch kurz, dass es sich bei dem Angreifer um einen rothaarigen Weißen handelte. Zu näherer Betrachtung war natürlich nicht der richtige Zeitpunkt.

„Hey, was soll das?“, rief ich empört. „Empfängt man so Fremde? Lasst mich gefälligst los!“

„Lieber nicht, ich weiß doch nicht, welchen Geistes Ihr seid.“

„Und wie wollt Ihr das so herausbekommen?“

Dieses Gespräch hört sich sicherlich grotesk an, zumal wir uns ja dabei auf dem Waldboden hin- und herwälzten. Meine letzte Frage beantwortete der Angreifer lieber nicht, musste er sich doch zu sehr anstrengen, mich weiter in der Umschlingung zu halten. Eines musste ich dem Mann lassen, er besaß in der Tat Bärenkräfte. Ich konnte mich drehen und wenden, wie ich wollte, ich bekam meine Arme einfach nicht frei und schaffte es auch nicht, irgendwie aus der liegenden Position hochzukommen. Mit aller Macht hielt mich der Kerl am Waldboden nieder. Der wilde Zweikampf zog sich hin, letztlich gewann so keiner die Oberhand. Ich konnte mich nicht befreien, er konnte mich nicht endgültig niederringen. So wälzten wir einige Schritte in die eine Richtung, dann wieder einige in die entgegengesetzte. Im Schachspiel hätte ich gesagt, dass das Ganze eindeutig auf ein Remis hinauslief.

Doch auch er schien sich mächtig anstrengen zu müssen, denn er schnaufte bald wie eine Borsig-Schnellzuglokomotive der Königlich Sächsischen Staats-Eisenbahnen, dabei schimpfte er:

„Verdammt und zugenäht – so ein Mist – was ist der Kerl aber auch stark – Go n-ithe ha peisteoga thu!“3

Das schien Gälisch zu sein, aber ich hatte bei dem heftigen Kampf wahrlich keine Zeit, mich mit dem Sinn dieses Ausspruchs zu beschäftigen; stattdessen versuchte ich, die Rauferei doch irgendwie zu einem Ende zu bringen, so fragte ich:

„Wollen wir nicht lieber voneinander ablassen? Ihr schafft mich nicht, ich schaffe Euch nicht.“

Aber der Angreifer ging nicht auf meinen Vorschlag ein.

Plötzlich knackten neben uns deutlich vernehmbar zwei Gewehrhähne und eine mir wohlbekannte Fistelstimme, die dem Freund seinen Westmannsnamen eingebracht hatte, befahl:

„Schluss jetzt und aufstehen, wenn’s nötig ist!“

„Aber mit Grandissimo!“4

„Vetter, mit Grandezza5meenste wohl, mit Grandezza, nicht Grandissimo.“

„Schweigst du wohl schtille! Fang mir nich noch wie der Dicke Jemmy an, der ooch immer meent, alles besser zu wissen, sonst sind mer geschiedene Leute!“

Mein Gegner war über das plötzliche Auftauchen der Freunde so erschrocken, dass ich es nun mit einer heftigen, ruckartigen Bewegung schaffte, meine Arme aus der Umklammerung zu befreien, den Rothaarigen kräftig von mir zu stoßen und mich blitzschnell vom Waldboden zu erheben.

Da sich der Hobble-Frank, um den es sich neben der Tante Droll handelte, mit seinem Vetter in deutscher Sprache unterhielt, hatte mein vormaliger Gegner natürlich kein Wort des kleinen Disputs verstanden.

Nun stellte ich mich vor dem immer noch am Boden kauernden Kraftprotz in Positur, flankiert von Droll und Frank, die weiterhin ihre Gewehre auf ihn gerichtet hielten.

Ich fragte:

„Setzt Ihr Euch immer auf Bäume, um dann auf friedliche Reiter herabzuspringen, Mister?“

Peinlich berührt kraulte der Angesprochene seinen Bart, wobei ich nun die Gelegenheit hatte, ihn mir erstmals näher zu betrachten. Wirre feuerrote, lockige Haare standen in allen Richtungen von seinem Kopf ab. Ein ebenfalls feuerroter Vollbart hing bis weit auf die Brust hinab. Unter dem buntkarierten Baumwollhemd trug er rosafarbige Unterwäsche, deren Ärmel er bis zu den Ellenbogen hochgeschoben hatte, sodass seine Sommersprossen nicht zu übersehen waren, die Gesicht und Arme in einem Ausmaß zierten, wie ich es zuvor selten zu Gesicht bekommen habe. Die schmierige schwarze Lederhose wurde mithilfe von drei Finger breiten ledernen Hosenträgern an ihrem Platz gehalten. Im Halfter des Coltgürtels steckte erstaunlicherweise keine Waffe, auch in der Messerscheide nicht, die ganz offensichtlich für ein gigantisches Bowiemesser vorgesehen war, das fast die Ausmaße einer Machete gehabt hätte, wenn es denn dagewesen wäre. Das war ja schon ungewöhnlich – hier mitten in der Prärie und ganz ohne Waffen? Die zerfurchte rote Knollennase des Mannes zeugte von übermäßigem Alkoholgenuss. Die buschigen Augenbrauen gingen fast ineinander über und das braungebrannte Gesicht war faltenübersät. Falten, die sich tief eingegraben hatten und von so manchem erlittenen Schicksalsschlag sprachen.

Der gerade beschriebene Bursche stammelte nur:

„Sorry, äh – mmh…“

„Gebt Ihr nun Ruhe oder habt Ihr vor, weiterzukämpfen, Mister?“

„Ja, äh – nee, bleibt mir ja wohl gar nichts anderes übrig, als klein beizugeben, ihr seid schließlich deutlich in der Übermacht, denn Ihr scheint die beiden Kerle da ja zu kennen. Und ich habe wahrlich keine Lust, mir eine blaue Bohne von einem der beiden einzufangen.“

„Die beiden Kerle da, wie Ihr sie zu benennen pflegt, sind die Westmänner namens Hobble-Frank und Tante Droll.“

„Höchstpersönlich, wenn’s nötig ist“, bemerkte der Letztgenannte zur Ergänzung.

„Und wie nennt man Euch?“, fragte der Rothaarige mich.

„Mir hat man im Wilden Westen vor vielen Jahren den Namen Old Shatterhand vermacht.“

„Oh, Donnerwetter, dann seid Ihr ja tatsächlich ein berühmter Westmann…“

„Und wir?“, fragte der Hobble-Frank, der sich schließlich zur gleichen Liga gehörig fühlte.

„Ihr? Äh, von euch habe ich noch nie etwas gehört, kein Sterbenswörtchen, nicht eine einzige Silbe.“

„Hast du das gehört, Vetter? Uns kennt er gar nicht! Ist das nicht die Höhe?“

„Naja, muss ja nicht jeder Erdenbürger schon mal was von uns gehört haben.“

„So, mmh, mmh, muss er nicht“, grollte Hobble-Frank missmutig, mehr in sich hinein als zu uns anderen.

Ich ergriff wieder das Wort:

„Und da Ihr nun all unsere Namen kennt, wie sollen wir Euch denn ansprechen, Mister?“

„Ich heiße schlicht und einfach Patrick O’Sullivan.“

„Das hört sich ja ganz so an, als ob Ihr aus Irland stammtet.“

„Und ob, und ob. Meine Familie kommt aus Limerick.“

„Ah, da stammt Ihr also aus der schönen alten Stadt am Shannon Fluss in der Provinz Munster.“

„Na, Ihr seid aber geografisch bewandert, Old Shatterhand.“

„Sagen wir lieber, schon sehr viel in der Welt herumgekommen. Aber wie kam es denn nun dazu, dass Ihr Euch wie ein überreifer Apfel aus der Höhe auf mich herabfallen lassen habt?“

„Mir blieb doch gar nichts anderes übrig.“

„Wieso das denn?“

„Na, gestern Nacht, als ich gerade meinen Lagerplatz gerichtet habe, tauchte aus dem Nichts auf einmal ein sehr netter Mann auf…“

Mir schwante schon, was nun folgen sollte:

„Ohne Waffen und ohne Pferd, was?“

„Nanu, woher wisst Ihr das denn?“

„Ich weiß das nicht, aber da Ihr ja, wie man sieht, zum einen waffenlos seid, und ein Pferd, das zu Euch gehören könnte, auch weit und breit nicht auszumachen ist…“

„Es war genauso, wie Ihr eben schon vermutet habt: Der freundliche Fremde sagte mir, dass angeblich Indianer ihm Pferd und Waffen weggenommen hätten.“

„Ach, und dann haben sie ihn friedlich seiner Wege ziehen lassen? Das ist doch eher unglaubwürdig und ungewöhnlich, oder?“

„Stimmt, das habe ich mir ja im Nachhinein dann auch gedacht, aber der gute Mann war dermaßen nett, hatte so ein freundliches Wesen, dass ich ihn auf der Stelle zum gemeinsamen Nachtmahl einlud. Es ist doch schließlich die Verpflichtung eines jeden braven Mannes, dass man sich in der Not gegenseitig hilft, vor allem hier in der Wildnis. Der gute Mann wollte natürlich auch etwas zu der Mahlzeit beisteuern. Er hatte eine kleine flache Metallflasche in seiner Jackeninnentasche stecken; da sollte ein edler Tropfen drin sein, sagte er.“

„Und davon hat er Euch angeboten?“

„Genau, und der Whiskey schmeckte auch wirklich lecker, vorzüglicher Stoff, kann ich euch sagen. Ich bin ein Kenner. Bekommt man nicht so oft, und hier in diesen Breiten schon mal gar nicht.“

„Hat der, wie Ihr sagt, nette Mann auch aus dem Flachmann getrunken?“

„Nein, wenn ich es mir recht überlege, hat er nur immer wieder mich dazu animiert, einen Schluck nach dem anderen zu mir zu nehmen.“

„Und dann seid Ihr auf einmal mir nichts, dir nichts eingeschlafen.“

„Genau so kam es – könnt Ihr hellsehen, Old Shatterhand?“

„Nein, nur eins und eins zusammenzählen.“

„Als ich am heutigen Morgen mit höllenmäßigen Kopfschmerzen aufwachte, waren jedenfalls mein Gewehr, mein Colt 1860 Army und mein Bowiemesser verschwunden.“

„Euer Bowiemesser scheint mehr die Ausmaße einer Machete zu haben, wenn ich mir so die dazu passende Scheide betrachte.“

„Da ist was dran, Old Shatterhand, die Klinge hat eine Länge von gut dreißig Zentimetern und ihre Rückseite ist mit einer Auflage aus weichem Kupfer versehen, um damit die Klinge gegnerischer Messer abfangen zu können.“

„Ja, habe ich auch schon einmal in der Hand gehabt, so ein großes Bowiemesser.“

„Mein Gaul und meine wenigen Dollars waren natürlich auch gleich von dem Schurken mit entwendet worden.“

„Wo fand der Überfall denn eigentlich statt?“

„Na, hier draußen, hinter uns auf der großen Lichtung. Ich war von dem Whiskey noch so benebelt…“

„Eher wohl von den Tropfen, die der Kerl da reingepanscht hat, um Euch ins Reich der Träume zu schicken.“

„Das kann durchaus möglich sein, denn ich brauchte jedenfalls mehrere Stunden, um wieder einigermaßen klar im Kopf zu werden. Als ich dann vor nicht allzu langer Zeit Stimmen hörte, die miteinander redeten…“

„Das können nur wir zwei beide gewesen sein, Vetter“, ergänzte Hobble-Frank eifrig.

„… bin ich rasch auf den Eichenbaum da links hinaufgeklettert. Ich wusste ja nicht, wer und wie viele Kerle da auf mich zukamen, und war doch völlig waffenlos. Aber die Stimmen entfernten sich glücklicherweise so schnell wieder, wie sie eben noch zu vernehmen gewesen waren, und wenig später konnte ich sie überhaupt nicht mehr hören.“

„Stimmt, wir haben nach der Ankunft im ‚Tal der drei Flüsse‘ erst einmal rundherum die Gegend erkundet, ob im Wald und im Tal alles sicher ist“, erklärte Tante Droll. „Dass da jemand hoch oben auf einem Baum sitzt, das konnten wir doch nicht ahnen.“

„Und wie hätten wir das sehen sollen? Selbst mit meinen Adleraugen kann ich schließlich nicht durch dichtes Blattwerk hindurchgucken“, ergänzte Frank.

Der Rothaarige nickte, genau so erinnerte er sich auch an sein ausschließliches Hörerlebnis und wandte sich wieder mir zu:

„Und dann kamt auf einmal Ihr gemächlich wie ein Sommerfrischler durch den Wald herangetrabt.“

„Ach, und da wolltet Ihr Euch, diese Gelegenheit ausnutzend, einfach ein neues Pferd und neue Waffen besorgen?“

„Ergaunern würde ich lieber sagen“, verbesserte mich der kleine Moritzburger. „Mopsen, stibitzen, ergattern!“

„Ich weiß ja selbst nicht, was mich da geritten hat, Old Shatterhand. Ich glaube, dass ich mir gar nicht so recht darüber im Klaren war, was ich eigentlich unternehmen wollte. Da muss kurz was bei mir ausgesetzt haben, würde ich sagen.“

„Auf jeden Fall habt Ihr Bärenkräfte, Mr. O’Sullivan, das muss ich euch schon lassen. Mir tun immer noch von euren Umarmungen alle Knochen im Brustkorb weh. Hätte nicht viel gefehlt und Ihr hättet mir ein paar Rippen zerquetscht. ‒ Doch etwas anderes: Was macht Ihr denn eigentlich für gewöhnlich beruflich?“

„Ich war viele Jahre lang als Rafter in den Urwäldern des Nordens unterwegs.“

„Dann kann ich diese unbändige Kraft gut nachvollziehen, denn Holzfäller und Flößer, das sind ja körperlich mehr als gewöhnlich anstrengende Tätigkeiten.“

„Aber ich werde nicht jünger, die innere Uhr ruft, und ich will doch irgendwann noch einmal auf Freiersfüßen wandeln, bevor es dazu zu spät ist.“

„Hört, hört, Bräutigam will er spielen! Habt Ihr denn dafür schon eine Angebetete?“

„Nein, noch nicht. Als Rafter lebt man ja in der Wildnis monate-, wenn nicht gar jahrelang nur allein unter wilden Gesellen, ist schließlich eine reine Männergesellschaft. So habe ich das Holzfäller-Business drangegeben und bin derzeit auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld, möglichst in einem Örtchen, in dem auch ein paar schnuckelige ledige Ladies wohnen.“

„So, so, schnuckelig sollen sie sein! Das ist im Wilden Westen nicht ganz so einfach; die meisten Weibsleute sind hier nur Animiermädchen oder Tänzerinnen in Saloons oder schlüpfrigen Etablissements“, bemerkte Tante Droll mit seiner weiblich hohen Stimme.

„Nein, Hand aufs Herz, auf eine Liebesdienerin bin ich nicht scharf, vielleicht kaufe ich mir sowieso erst einmal irgendwo im Westen eine kleine Ranch…“

„Ist das Geld dafür nicht jetzt weg?“

„O nein, so blöd bin ich nicht. Mein kleines, mit dem jahrelangen Flößen gemachtes Vermögen habe ich sicher auf einer Bank deponiert. Bei mir hatte ich nur das Allernötigste an Bargeld, um mich in Ortschaften verpflegen zu können und in den dortigen General-Stores die vielen Dinge, die man in der Wildnis so braucht, wieder ergänzen zu können.“

„Das war eine kluge Entscheidung, Mister O’Sullivan.“

Ich mahnte die Begleiter:

„Doch lasst uns jetzt erst einmal, bevor es dunkel wird, unseren Lagerplatz richten.“

Der Ire sah zu meinem Rappen hinüber:

„Ich sehe schon, Old Shatterhand, Ihr habt unterwegs einen famosen Gabelbock geschossen.“

„Stimmt, und der muss dringend aus dem Fell geschlagen werden.“

„Dann nichts wie auf die Lichtung hinaus, Mesch’schurs. Droll und ich holen derweil unsere Pferde herbei.“

„Freilich, nischt wie los, wenn’s nötig ist“, war der kleine, aus Langenleuba im Herzogtum Altenburg stammende Vetter des Hobble-Frank gleich euphorisiert bei der Sache.

Als ich Hatatitla an der letzten Baumreihe vorbei auf die große Freifläche der Lichtung hinausführte, begleitete mich der rothaarige Ire unaufgefordert. Ich lenkte meine Schritte zu dem am nächsten gelegenen Bachlauf. Einen Steinwurf davon entfernt ließ ich den Gabelbock zur Erde gleiten. Um uns herum war eine prächtig blühende Wildwiese, deren saftiges Gras sicherlich meinen Rappen und später auch Drolls und Franks Tiere zum Genießen einlud.

Wenig später waren die Vettern schon aus dem Wald zurück. Sie ließen ihre Pferde einfach frei grasen, wie ich es mit Hatatitla auch gemacht hatte. Unsere Pferde waren so erzogen, dass wir sie nicht anhobbeln mussten; sie würden immer in unserer unmittelbaren Nähe bleiben.

„Ich geh’ dann mal Holz fürs Feuer sammeln“, bemerkte Droll.

„Na gut, Vetter, dann richte ich derweil die Feuerschtelle her.“

Frank entfernte sich ein ganzes Stück von uns, weil er dort eine Stelle ausgemacht hatte, an der das Gras nicht mehr hüfthoch wie rundherum stand, sondern nacktes Erdreich auf ebenem Untergrund seine Arbeit erleichterte. Größere Steine gab es verstreut genug auf der Lichtung, sodass Frank diese schnell eingesammelt und mit ihnen ein Rund aus Felsbrocken errichtet hatte. Der Ire und ich wollten uns derweil um das Fleisch kümmern. Ich führe ja immer ein, zwei Ersatzmesser in den Satteltaschen mit mir, um bei Bedarf ein willkommenes Gastgeschenk bei den Indianern parat zu haben. Eines dieser zusätzlichen Messer holte ich jetzt herbei, damit der Ire mir beim Fleischmachen helfen konnte.

1Quercus stellata

2Antilocapra americana

2. Heliogabalus Morpheus Edeward Franke

Patrick O’Sullivan betrachtete den Hobble-Frank dabei aus sicherer Entfernung und schüttelte immer wieder den Kopf:

„Also, ich weiß nicht, Mister Shatterhand, das da soll ein patenter Westmann sein? Guckt Euch das Kerlchen doch nur einmal an, allein schon wie der rumläuft!“

„Was gefällt Euch denn daran nicht?“

„Na, wie der schon aussieht! Wer trägt denn hier im Wilden Westen schon einen dunkelblauen Frack? Zugegeben, mit dem verschlissenen Ding könnte er natürlich nicht mehr in Philly1oder New York auf einen Ball oder zu einer Soiree gehen, zudem sind die hohen Achselbuffen auch schon ganz zerrupft. Na, wenigstens die Messingknöpfe glänzen noch.“

„Die sind ja auch blankgeputzt.“

„Ja, noch eine Dummheit mehr. Wenn die so in der Sonne aufblitzen, kann das im Indianerland ganz schön gefährlich sein; und das außerordentlich verschossene Stück hat er an den Nähten auch noch mit Tinte eingefärbt, wie peinlich.“

„Stimmt, gut beobachtet, aber jedem wie es ihm gefällt.“

„Aber doch nicht im Wilden Westen, mein Guter. Und die Krönung ist der schreckliche Hut. Welcher ehrbare Westläufer und Trapper trägt denn einen lächerlichen Weiberhut.“

„Amazonenhut nennt man diese Kopfbedeckungen, Mister O’Sullivan.“

„Ja, meinetwegen, trotzdem sieht das doch mehr als affig aus, und dazu noch die große gelbgefärbte Straußenfeder.“

„Beurteilt Ihr die Menschen immer nach ihrem Äußeren?“

„Mmh, nicht immer, aber heißt es nicht in einem Sprichwort schon so schön: Kleider machen Leute?“

„Das mag in der Geschäftswelt des Ostens so sein. Aber hier im Urwald, in der Prärie und auf der Savanne? Zählen da nicht eher Tugenden wie Mut, Tapferkeit, Zähigkeit, Ausdauer, ein guter Schütze zu sein, ein guter Spurensucher?“

„Weiß ich ja alles, weiß ich ja alles, aber nehmt es mir nicht übel: Das kann ich mir bei dem Kleinen da hinten alles beim besten Willen nicht vorstellen. Der sieht doch so aus, als wenn man ihn ganz leicht umpusten könnte.“

Wieder zeigte er mit ausgestrecktem Arm bei den letzten Worten auf meinen Freund und alten Weggefährten Hobble-Frank, der das glücklicherweise nicht mitbekam. Innerlich amüsierte ich mich: Meinen guten Frank empfand er also als sonderbar, wo er doch selbst ein waschechter und zudem noch recht ungehobelter Waldschrat war.

Der Rotbärtige fragte schon weiter. Ich weiß gar nicht, warum ich so bereitwillig antwortete, denn die Richtung dieses Ausfragens gefiel mir eigentlich ganz und gar nicht.

„Und wo kommt der seltsame Name Hobble-Frank eigentlich her?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Und die Kurzfassung?“

„Ein Freund von uns, der Bärenjäger Baumann betreibt in der Wildnis, in Wyoming, am South Fork of Cheyenne einen Store. Eines Tages stahlen ein paar Sioux ein Gewehr aus Baumanns Laden. Bei der Verfolgung, an der sich der Hobble-Frank auch beteiligte, bekam dieser eine Kugel in den linken Fuß.“

„Ah, seitdem hinkt er, was?“

„Stimmt genau, und so kam er danach zu seinem heutigen Spitznamen.“

„Und wie heißt er eigentlich gebürtig?“

„Franke!“

„Ah, und daraus wurde dann hier im Wilden Westen Frank.“

„Und seine Vornamen sind Heliogabalus…“

„Heavens, was ist das denn für ein schräger Name?“

„So hieß um das Jahr 220 ein römischer Kaiser. Zweiter Vorname folgt sogleich: Morpheus.“

„Ach du liebe Güte, das wird ja immer extravaganter.“