Die Tribute von Panem X - Suzanne Collins - E-Book

Die Tribute von Panem X E-Book

Suzanne Collins

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Beschreibung

Ehrgeiz treibt ihn an. Rivalität beflügelt ihn. Aber Macht hat ihren Preis. Es ist der Morgen der Ernte der zehnten Hungerspiele. Im Kapitol macht sich der 18-jährige Coriolanus Snow bereit, als Mentor bei den Hungerspielen zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Die einst mächtige Familie Snow durchlebt schwere Zeiten und ihr Schicksal hängt davon ab, ob es Coriolanus gelingt, seine Konkurrenten zu übertrumpfen und auszustechen und Mentor des siegreichen Tributs zu werden. Die Chancen stehen jedoch schlecht. Er hat die demütigende Aufgabe bekommen, ausgerechnet dem weiblichen Tribut aus dem heruntergekommenen Distrikt 12 als Mentor zur Seite zu stehen – tiefer kann man nicht fallen. Von da an ist ihr Schicksal untrennbar miteinander verbunden. Jede Entscheidung, die Coriolanus trifft, könnte über Erfolg oder Misserfolg, über Triumph oder Niederlage bestimmen. Innerhalb der Arena ist es ein Kampf um Leben und Tod, außerhalb der Arena kämpft Coriolanus gegen die aufkeimenden Gefühle für sein dem Untergang geweihtes Tribut. Er muss sich entscheiden: Folgt er den Regeln oder dem Wunsch zu überleben – um jeden Preis.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 760




Über dieses Buch

Es sind die 10. Hungerspiele.

Er ist ihr Mentor, sie sein Tribut.

Verbunden in einem aussichtslosen Kampf.

Folgt er den Regeln des Spiels?

Oder seinem Wunsch, zu überleben?

 

 

 

 

 

Für Norton und Jeanne Juster

 

 

 

»Hierdurch ist offenbar, dass sich die Menschen, solange sie ohne eine öffentliche Macht sind, die sie alle in Schrecken hält, in jenem Zustand befinden, den man Krieg nennt, und zwar im Krieg eines jeden gegen jeden.«

(Thomas Hobbes, 1651)

 

»Im Naturzustand herrscht ein natürliches Gesetz, das jeden verpflichtet. Und die Vernunft, der dieses Gesetz entspricht, lehrt die Menschheit, wenn sie sie nur befragen will, dass niemand einem anderen, da alle gleich und unabhängig sind, an seinem Leben und Besitz, seiner Gesundheit und Freiheit Schaden zufügen soll.«

(John Locke, 1689)

 

»Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Banden.«

(Jean-Jacques Rousseau, 1762)

 

»Gut, was Natur von sich aus offenbart,

doch Intellekt will stets sezieren,

zerstörend doch der Dinge Wesensart:

Wir tötend Leben woll’n studieren.«

(William Wordsworth, 1798)

 

»Ich dachte an die löblichen Vorsätze, welche er an der Schwelle seines Lebens gehegt, und an das Verkümmern jener Gutmütigkeit angesichts des Ekels und der Verachtung, die seine Beschützer ihm gegenüber an den Tag gelegt hatten.«

(Mary Shelley, 1818)

Teil IDer Mentor

1

Coriolanus ließ den Kohl in den Topf mit kochendem Wasser gleiten und schwor sich, ihn eines Tages für immer vom Speiseplan zu verbannen. Doch dieser Tag lag in weiter Ferne. Er musste das schlabbrige Zeug essen und die wässrige Brühe trinken, damit sein Magen während der Erntezeremonie nicht knurrte. Nur eine Vorsichtsmaßnahme von vielen, die darüber hinwegtäuschen sollte, dass seine Familie genauso arm wie der Abschaum aus den Distrikten war, auch wenn sie ein Penthouse in der besten Lage des Kapitols bewohnte. Der Erbe des einst so großen Hauses Snow hatte im Alter von achtzehn Jahren nichts mehr im Leben außer seinen scharfen Verstand.

Das Hemd, das er zur Ernte tragen wollte, machte ihm Sorgen. Er hatte sich letztes Jahr auf dem Schwarzmarkt eine passable dunkle Anzughose gekauft, aber das Hemd sahen die Leute immer zuerst. Die Alltagsuniformen wurden zum Glück von der Akademie gestellt. Zu der heutigen Zeremonie jedoch mussten die Schüler modisch und dem Anlass entsprechend festlich gekleidet erscheinen. Tigris hatte gesagt, er solle ihr vertrauen, und das tat er auch. Seine Cousine, die so geschickt mit Nadel und Faden umgehen konnte, hatte ihn bis jetzt immer gerettet. Aber er konnte keine Wunder erwarten.

Das Hemd seines Vaters, das sie aus dem Wandschrank ausgegraben hatten, war mittlerweile fleckig und vergilbt, die Hälfte der Knöpfe fehlte, eine Manschette hatte einen Brandfleck. Das sollte sein Hemd für die Erntefeierlichkeiten sein? Schon im Morgengrauen war er ins Zimmer seiner Cousine gegangen, hatte aber weder sie noch das Hemd vorgefunden. Kein gutes Zeichen. Hatte Tigris aufgegeben und versuchte jetzt verzweifelt, auf dem Schwarzmarkt noch schnell brauchbaren Ersatz aufzutreiben? Aber was könnte sie schon zum Tausch anbieten? Höchstens sich selbst, doch so tief waren die Snows noch nicht gesunken. Oder sanken sie gerade so tief, während er den Kohl salzte?

Er stellte sich vor, wie gierige Blicke sie verfolgten. Tigris war mit ihrer langen, spitzen Nase und dem mageren Körper keine Schönheit, aber sie strahlte so etwas Zartes und Verletzliches aus, dass es gewisse Männer auf falsche Gedanken brachte. Wenn sie es darauf anlegte, würde sie schon jemanden finden. Bei der Vorstellung fühlte er sich elend und hilflos und ekelte sich vor sich selbst.

Im hinteren Teil der Wohnung wurde die Aufnahme der Hymne des Kapitols, Juwel von Panem, eingeschaltet. Der bebende Sopran seiner Großmutter stimmte ein und schallte durch die Wohnung.

Juwel von Panem,

Mächtige Stadt,

Durch die Zeiten erstrahlst du aufs Neue.

Sie sang etwas zu langsam und wie immer so schief, dass es wehtat. Im ersten Kriegsjahr hatte sie dem fünfjährigen Coriolanus und der achtjährigen Tigris die Aufnahme nur an den Nationalfeiertagen vorgespielt, um ihren Patriotismus zu stärken. Erst seit jenem schwarzen Tag, an dem die Rebellen das Kapitol eingekesselt und zwei Kriegsjahre lang von allen Lebensmittelvorräten abgeschnitten hatten, wurde die Hymne täglich gesungen. »Denkt daran, Kinder«, sagte sie, »wir sind nur belagert – wir haben uns nicht ergeben!« Dann trällerte sie mitten im Bombenhagel die Hymne zum Fenster hinaus. Ihr bescheidener Akt des Widerstands.

Wir knien voll Demut

Vor dir, unserem höchsten Gut.

Und dann die Töne, die sie nie ganz traf:

Und schwören dir unsere Treue!

Coriolanus zuckte leicht zusammen. Seit zehn Jahren waren die Rebellen nun schon ruhig, aber seine Großmutter nicht. Noch zwei Strophen.

Juwel von Panem,

Herz der Gerechtigkeit,

Weisheit deine Stirn aus Marmor krönt.

Er überlegte, ob mehr Möbel den Lärm dämmen würden, aber das war eine rein theoretische Frage. Ihr Penthouse war derzeit ein Mikrokosmos des Kapitols selbst, übersät mit Narben der erbarmungslosen Rebellenangriffe. Risse durchzogen die sieben Meter hohen Wände; wo der Putz abgebröckelt war, klafften Löcher in der schimmligen Decke, und die zerbrochenen Scheiben der Rundbogenfenster, die auf die Stadt hinausgingen, wurden von hässlichem schwarzem Isolierband zusammengehalten. Während des Krieges und der darauffolgenden Jahre war die Familie gezwungen gewesen, einen Großteil ihres Besitzes zu verkaufen oder zu tauschen, sodass einige Räume jetzt leer standen und nicht mehr genutzt wurden, die anderen waren bestenfalls spärlich möbliert. Schlimmer noch, im letzten, bitterkalten Belagerungswinter waren einige erlesene, fein geschnitzte Möbel und zahllose Bücher dem Kaminfeuer geopfert worden, damit die Familie nicht erfror. Jedes Mal, wenn er sah, wie die bunten Seiten der Bilderbücher seiner Kindheit – die er mit seiner Mutter zusammen angeguckt hatte – zu Asche zerfielen, musste er weinen. Aber besser traurig als tot.

Coriolanus besuchte hin und wieder Freunde und wusste daher, dass die meisten Familien ihre Wohnungen allmählich wiederherstellten. Die Snows dagegen konnten sich nicht mal ein paar Meter Leinen für ein neues Hemd leisten. Er dachte an seine Klassenkameraden, wie sie die Kleider aus ihren Schränken holten und in ihre maßgeschneiderten Anzüge stiegen, und fragte sich, wie lange er den Schein noch wahren konnte.

Du schenkst uns Licht,

Ein einig Gesicht.

Ergebenheit aus unseren Herzen tönt.

Was sollte er machen, wenn er das von Tigris umgearbeitete Hemd nicht tragen konnte? Eine Grippe vortäuschen und sich krankmelden? Feige. Im Hemd seiner Uniform antanzen? Respektlos. Sich in das rote Button-down-Hemd quetschen, aus dem er schon vor zwei Jahren rausgewachsen war? Armselig. Welche dieser Optionen kam infrage? Keine.

Vielleicht hatte Tigris ihre Chefin um Hilfe gebeten. Fabricia Whatnot, eine Frau, so lächerlich wie ihr Name, hatte ein gewisses Talent, alte Kleidung neu zu erfinden. Ob nun gerade Federn im Trend lagen, Leder, Plüsch oder Plastik, sie konnte jeden Stoff zu einem vernünftigen Preis einarbeiten. Tigris, die nie eine gute Schülerin gewesen war, hatte sich nach ihrem Abschluss an der Akademie nicht an der Universität eingeschrieben, sondern verfolgte den Traum, Designerin zu werden. Offiziell machte sie eine Ausbildung, doch Fabricia behandelte sie eher wie eine Sklavin. Tigris musste ihrer Chefin die Füße massieren und die Abflüsse von den Klumpen ihrer magentafarbenen Haare befreien. Aber Tigris beklagte sich nie und ließ nichts auf ihre Chefin kommen, so dankbar war sie, eine Stelle in der Modewelt zu haben.

Juwel von Panem,

Zentrum der Macht,

In Krieg und Frieden unser Idol.

Coriolanus öffnete den Kühlschrank in der Hoffnung, etwas zu finden, womit er die Kohlsuppe ein wenig aufpeppen könnte. Doch er fand nur einen eisernen Kochtopf. Als er den Deckel hochhob, blickte er in eine erstarrte Pampe aus geraspelten Kartoffeln. Hatte seine Großmutter ihre Drohung, kochen zu lernen, wahr gemacht? War das überhaupt essbar? Skeptisch legte er den Deckel wieder auf den Topf. Was für ein Luxus es wäre, das Zeug, ohne zu überlegen, einfach in den Müll zu kippen. Was für ein Luxus Müll wäre. Er erinnerte sich, oder glaubte sich zu erinnern, wie er als kleiner Junge Müllwagen beobachtet hatte, die von Avoxen bedient wurden – Arbeiter ohne Zunge waren die besten, das behauptete jedenfalls seine Großmutter. Sie wummerten durch die Straßen, leerten große Säcke mit weggeworfenem Essen, Verpackungen und abgenutzten Haushaltswaren. Dann kam die Zeit, als man auf nichts mehr verzichten konnte, als es nichts gab, was nicht entweder getauscht, fürs Ofenfeuer verwendet oder zum Isolieren an die Wand genagelt wurde. Man hatte gelernt, Verschwendung zu verachten. Doch so langsam kam sie wieder in Mode. Ein Zeichen von Wohlstand, wie ein ordentliches Hemd.

Schütze unser Land,

Mit bewaffneter Hand,

Das Hemd. Das Hemd. Seine Gedanken konnten sich in solchen Problemen verbeißen und sie nicht mehr loslassen. Als würde es ihn vor dem Untergang retten, diesen winzigen Teil seiner Welt zu beherrschen. Eine schlechte Angewohnheit, die ihn von Zeit zu Zeit blind für wirkliche Gefahren machte. Diese Neigung zur Besessenheit war tief in ihm verankert und würde ihn noch ins Verderben stürzen, wenn er sie nicht überwand.

Seine Großmutter piepste das finale Crescendo heraus.

Du bist unser Leben, oh Kapitol!

Diese verrückte alte Frau, die sich immer noch an die alten Zeiten vor dem Krieg klammerte. Er liebte seine Großmutter, aber den Bezug zur Wirklichkeit hatte sie schon vor Jahren verloren. Bei jeder Mahlzeit faselte sie etwas von der legendären Größe der Snows, auch wenn ihr Mahl nur aus wässriger Bohnensuppe mit muffigen Kräckern bestand. Dass eine glorreiche Zukunft vor ihm lag, stand für seine Großmutter außer Frage. »Wenn Coriolanus erst Präsident ist …«, begannen ihre Sätze häufig. »Wenn Coriolanus erst Präsident ist …«, würde sich alles, von der klapprigen Luftwaffe des Kapitols bis zu den astronomischen Preisen für Schweinekoteletts, auf magische Weise zum Guten wenden. Glücklicherweise hinderten sie der defekte Aufzug und ihre arthritischen Knie daran, öfter vor die Tür zu gehen, und ihre seltenen Besucher waren ebenso aus der Zeit gefallen wie sie selbst.

Der Kohl fing an zu köcheln und erfüllte die Küche mit dem Geruch der Armut. Coriolanus stieß mit einem Holzlöffel hinein. Immer noch keine Tigris. Nicht mehr lange, und es wäre zu spät, um anzurufen und sich zu entschuldigen. Dann hätten sich schon alle in der Heavensbee Hall, der großen Aula der Akademie, versammelt. Dann würden ihn Ärger und Enttäuschung seiner Kommunikationslehrerin Satyria Click treffen, die sich dafür eingesetzt hatte, dass er eines der vierundzwanzig heiß begehrten Mentorate bei den Hungerspielen bekam. Er war nicht nur Satyrias Lieblingsschüler, sondern auch ihre Hilfskraft, und heute brauchte sie ganz sicher seine Hilfe. Sie konnte unberechenbar sein, vor allem, wenn sie getrunken hatte, und am Tag der Ernte war das hundertprozentig der Fall. Am besten rief er sie an und warnte sie vor. Er könnte sagen, dass er sich immer wieder übergeben müsse oder so und alles daransetze, schnell wieder auf die Beine zu kommen. Er griff zum Telefon und bereitete sich innerlich darauf vor, glaubhaft eine Krankheit vorzutäuschen, als ihm etwas anderes einfiel: Wenn er nicht auftauchte, würde sie dann zulassen, dass jemand anders seinen Platz als Mentor einnahm? Und wenn ja, hatte er dann überhaupt noch Chancen auf einen der Preise, die beim Abschluss von der Akademie verliehen wurden? Ohne einen Preis konnte er sich ein Universitätsstudium auf keinen Fall leisten, und das bedeutete keine Karriere, keine Zukunft, ganz zu schweigen davon, was dann mit seiner Familie passieren würde …

Mit einem schabenden Geräusch ging die windschiefe Wohnungstür auf.

»Coryo!«, rief Tigris, und er knallte den Hörer wieder auf. Der Spitzname, den sie ihm gegeben hatte, als er noch ein Baby war, hatte sich gehalten. Er rannte aus der Küche und hätte sie fast umgerissen, aber sie war zu aufgeregt, um mit ihm zu schimpfen. »Ich hab’s geschafft! Ich hab’s geschafft! Na ja, ich hab … was hingekriegt.« Sie trippelte auf der Stelle und hielt aufgeregt einen Bügel hoch, der in einer alten Kleiderhülle steckte. »Guck mal!«

Coriolanus zog den Reißverschluss der Hülle auf und schälte das Hemd heraus.

Es war wunderschön. Nein, noch besser, es war richtig elegant. Das dicke Leinen war weder weiß, wie einst, noch vergilbt, sondern hatte einen feinen Cremeton. Die Manschetten und der Kragen waren durch schwarzen Samt ersetzt worden, und als Knöpfe hatte es Würfel aus Gold und Elfenbein. Mosaiksteinchen. In jeden Knopf waren zwei kleine Löcher für den Faden hineingebohrt worden.

»Du bist begnadet«, sagte er ernsthaft. »Und die beste Cousine der Welt.« Er hielt das Hemd vorsichtig zur Seite und umarmte sie mit dem freien Arm. »Snow landet immer oben!«

»Snow landet immer oben!«, rief Tigris. Das war der Schlachtruf, der sie durch den Krieg gebracht hatte, als sie ständig darum kämpften, nicht unterzugehen.

»Erzähl mir alles«, sagte er, denn er wusste, dass sie es kaum erwarten konnte. Sie redete für ihr Leben gern über Kleider.

Tigris warf die Hände hoch und lachte heiser. »Wo soll ich anfangen?«

Sie fing beim Bleichen an. Tigris hatte Fabricia eingeredet, dass die weißen Vorhänge in deren Schlafzimmer schmutzig aussahen, und während sie sie in Bleiche tunkte, hatte sie das Hemd dazugemogelt. Es hatte gut reagiert, doch wie lange sie es auch bleichte, die Flecken wollten nicht ganz verschwinden. Daraufhin kochte sie das Hemd mit vertrockneten Ringelblumen, die sie im Abfall von Fabricias Nachbarn gefunden hatte, und die Farbe der Blüten hatte die Flecken überdeckt. Der Samt für die Manschetten stammte von einem großen Beutel, in dem ihr Großvater mehrere Medaillen aufzubewahren pflegte, die mittlerweile jegliche Bedeutung verloren hatten. Die Mosaiksteine, die sie statt Knöpfen benutzte, hatte sie aus dem Badezimmerschränkchen des Dienstmädchens gepult. Sie hatte den Hausmeister überredet, ihr die Löcher hineinzubohren, und als Gegenleistung seinen Overall geflickt.

»Und das alles heute Morgen?«, fragte er.

»Oh nein, gestern. Sonntag. Heute Morgen hab ich … Hast du meine Kartoffeln gefunden?« Er folgte ihr in die Küche, wo sie den Kühlschrank aufmachte und den Topf herausholte. »Ich war die ganze Nacht auf, um Stärke daraus zu machen. Dann bin ich zu den Dolittles rübergeflitzt, um mir ein richtiges Bügeleisen auszuleihen. Die hier hab ich für die Suppe aufbewahrt!« Tigris kippte das Zeug zu dem köchelnden Kohl und rührte um.

Er sah die dunklen Ringe unter ihren goldbraunen Augen und bekam ein schlechtes Gewissen. »Wann hast du das letzte Mal geschlafen?«, fragte er.

»Ach, mach dir um mich keine Sorgen. Ich hab die Kartoffelschalen gegessen. Da stecken doch sowieso die meisten Vitamine drin. Und heute ist Ernte, also praktisch ein Feiertag!«, sagte sie vergnügt.

»Nicht bei Fabricia«, sagte er. Nirgendwo, genau genommen. In den Distrikten war der Erntetag furchtbar, aber richtig gefeiert wurde er auch im Kapitol nicht. Die meisten wurden genauso ungern an den Krieg erinnert wie er. Tigris würde von morgens bis abends ihre Chefin und deren bunt zusammengewürfelte Gäste bedienen, während sie Schauergeschichten über die Entbehrungen der Belagerungszeit austauschten und sich bis zur Besinnungslosigkeit betranken. Morgen würde es noch schlimmer sein, dann musste sie ihnen über ihren Kater hinweghelfen.

Coriolanus schaute verstohlen auf die Uhr, schlang die Suppe hinunter, ohne darauf zu achten, dass er sich dabei den Mund verbrannte, und rannte mit dem Hemd in sein Zimmer. Geduscht und rasiert war er schon, und seine helle Haut war heute zum Glück makellos. Die Schulunterwäsche und die schwarzen Socken waren in Ordnung. Er zog die Anzughose an und quetschte die Füße in schwarze Schnürschuhe aus Leder. Sie waren zu klein, aber das war zu ertragen. Dann zog er vorsichtig das Hemd an, steckte es in die Hose und drehte sich zum Spiegel. Er war nicht so groß, wie er eigentlich hätte sein müssen. Wie bei vielen aus seiner Generation hatte die schlechte Ernährung das Wachstum beeinträchtigt. Doch er war schlank und kräftig, hatte eine hervorragende Haltung, und das Hemd betonte die Feinheiten seiner Statur. Seit seiner Kindheit, als seine Großmutter ihn in einem purpurnen Samtanzug zur Schau gestellt hatte, hatte er nicht mehr so königlich ausgesehen. Er strich die blonden Locken zurück und flüsterte seinem Spiegelbild spöttisch zu: »Coriolanus Snow, zukünftiger Präsident von Panem, ich grüße Sie.«

Tigris zuliebe kam er mit großem Tamtam ins Wohnzimmer. Er breitete die Arme aus und drehte sich einmal um die eigene Achse, um das Hemd vorzuführen.

Sie quiekte begeistert und klatschte in die Hände. »Du siehst unglaublich aus! Todschick! Großmadame, komm mal her!« Noch so ein Spitzname, den Tigris erfunden hatte, weil sie »Oma« oder gar »Omi« unpassend für eine Frau mit einer solch herrschaftlichen Ausstrahlung fand.

Ihre Großmutter erschien, in den zitternden Händen hielt sie liebevoll eine frisch geschnittene rote Rose. Sie trug eine lange, schwarze, fließende Tunika, die vor dem Krieg modern gewesen war und jetzt geradezu lächerlich altmodisch wirkte, und ein Paar bestickte Schnabelschuhe, die einmal zu einem Kostüm gehört hatten. Dünne weiße Haarsträhnen lugten unter einem Turban aus rostbraunem Samt hervor. Das waren die Überreste ihrer einst opulenten Garderobe – die wenigen noch vorzeigbaren Kleidungsstücke waren Besuch oder den seltenen Ausflügen in die Stadt vorbehalten.

»Hier, Junge, nimm. Steck sie dir an. Frisch von meinem Dachgarten«, sagte sie.

Er wollte die Rose nehmen, doch die Hände der Großmadame zitterten so sehr, dass ihm ein Dorn in die Hand stach. Blut quoll aus der Wunde, und er hielt die Hand weg, um das kostbare Hemd nicht zu beflecken. Seine Großmutter wirkte betroffen.

»Ich wollte doch nur, dass du elegant aussiehst«, sagte sie.

»Natürlich, Großmadame«, sagte Tigris. »Und das wird er auch.«

Auf dem Weg in die Küche, wo sie die Wunde verarzten wollte, erinnerte Coriolanus sich noch einmal daran, wie wichtig Selbstbeherrschung war – er konnte dankbar sein, dass seine Großmutter ihm täglich Gelegenheit bot, sich darin zu üben.

»Stichwunden bluten nie lange«, versicherte Tigris ihm, während sie seine Hand schnell säuberte und die Wunde verarztete. Sie schnippelte an der Rose herum, ließ ein paar Blätter stehen und steckte sie ihm ans Hemd. »Das sieht wirklich elegant aus. Du weißt, was ihre Rosen ihr bedeuten. Bedank dich bei ihr.«

Und das tat er. Er bedankte sich bei beiden und lief dann schnell zur Tür hinaus, sechs Stockwerke das kunstvoll verzierte Treppenhaus hinunter, durchs Foyer und nach draußen ins Kapitol.

Die Haustür ging auf den Corso, eine Prachtstraße, die so breit war, dass damals, als das Kapitol noch militärischen Pomp für die Massen inszeniert hatte, acht Kutschen bequem nebeneinander fahren konnten. Coriolanus wusste noch, wie er als kleiner Junge am Fenster gestanden hatte und wie ihre Partygäste damit prahlten, dass sie bei den Paraden einen Platz in der ersten Reihe hatten. Dann fielen die Bomben, und ihr Straßenabschnitt war lange Zeit unbefahrbar. Jetzt waren die Straßen zwar endlich frei, doch auf den Gehwegen lagen immer noch Trümmer, und viele Gebäude sahen genauso aus wie an dem Tag, als sie zerbombt worden waren. Zehn Jahre nach dem Sieg lief Coriolanus auf seinem Schulweg immer noch im Slalom um Marmor- und Granitklötze. Manchmal fragte er sich, ob das Geröll absichtlich nicht weggeräumt wurde, als mahnende Erinnerung an das, was die Bewohner durchgemacht hatten. Das Gedächtnis der Leute war schlecht. Sie mussten täglich den Trümmern ausweichen, die schmuddeligen Lebensmittelmarken abpulen und den Hungerspielen zugucken, damit der Krieg in ihrer Erinnerung lebendig blieb. Vergessen führte zu Bequemlichkeit, und dann wären sie wieder dort, wo sie angefangen hatten.

Als er in die Scholars Road einbog, versuchte er, sich zu bremsen. Er wollte zwar pünktlich ankommen, aber auch frisch und gelassen und nicht völlig verschwitzt. Wie die meisten Erntetage versprach auch dieser brütend heiß zu werden. Aber was konnte man an einem 4. Juli anderes erwarten? Er war dankbar für den Duft der Rose seiner Großmutter, denn sein Hemd, das schon warm wurde, roch leicht nach Kartoffeln und vertrockneten Ringelblumen.

Die Akademie war die vornehmste weiterführende Schule des Kapitols, Ausbildungsstätte für die Sprösslinge der berühmten, reichen und einflussreichen Bürger. Da jeder Jahrgang mehr als vierhundert Schüler hatte und die Familie von Tigris und Coriolanus an dieser Schule auf eine lange Tradition zurückblicken konnte, waren die beiden problemlos aufgenommen worden. Im Gegensatz zur Universität nahm die Schule keine Gebühren; Mittagessen, Schulsachen und die Uniformen wurden gestellt. Jeder, der etwas auf sich hielt, schickte seine Kinder auf die Akademie, und Coriolanus würde diese Verbindungen als Fundament für seine Zukunft brauchen.

Die prächtige Freitreppe zur Akademie war groß genug für sämtliche Schüler, daher fand der Strom der Funktionäre, Lehrkräfte und Schüler auf dem Weg zu den Erntefeierlichkeiten mühelos Platz. Langsam, um lässige Würde bemüht für den Fall, dass ihn jemand beobachtete, ging Coriolanus die Treppe hinauf. Alle kannten ihn oder hatten zumindest seine Eltern und Großeltern gekannt, und von einem Snow wurde ein gewisser Standard erwartet. In diesem Schuljahr, das mit dem heutigen Tag begann, hoffte er, persönliche Bekanntheit zu erlangen. Das Mentorat bei den Hungerspielen war sein letztes Projekt, bevor er im August seinen Abschluss an der Akademie machte. Beeindruckte Coriolanus als Mentor, würde er auch dank seiner hervorragenden schulischen Leistungen wahrscheinlich ein Preisgeld erhalten, mit dem er sein Studium finanzieren könnte.

Vierundzwanzig Tribute, aus jedem der zwölf besiegten Distrikte jeweils ein Junge und ein Mädchen, wurden per Los dazu ausgewählt, bei den Hungerspielen in einer Arena auf Leben und Tod gegeneinander zu kämpfen. So stand es im Hochverratsvertrag, mit dem die Dunklen Tage der Rebellion beendet worden waren. Nur eine von vielen Bestrafungen, die man den Distriktrebellen auferlegt hatte. Wie schon in der Vergangenheit wurden die Tribute in der Arena des Kapitols ausgesetzt, dem heruntergekommenen Amphitheater, das vor dem Krieg für Sportereignisse und Großveranstaltungen aller Art genutzt worden war. Sie erhielten Waffen, damit sie sich gegenseitig umbringen konnten. Im Kapitol legte man Wert darauf, dass sich alle die Spiele ansahen, doch viele drückten sich davor. Die Herausforderung bestand darin, sie für die Zuschauer spannender zu gestalten.

Aus diesem Grund teilte man den Tributen nun erstmals Mentoren zu. Vierundzwanzig der besten Schüler des Abschlussjahrgangs waren dazu auserkoren worden. Was genau ihre Aufgabe war, stand noch nicht fest. Es war davon die Rede, die Tribute auf ein persönliches Interview vorzubereiten und sie für die Kameras herauszuputzen. Wollte man die Hungerspiele fortsetzen, mussten sie an Bedeutung gewinnen, da waren sich alle einig. Eine engere Verbindung zwischen der Kapitoljugend und den Distrikttributen schien die Leute zu faszinieren.

Schwarze Fahnen zierten den Eingang des Gewölbegangs, durch den Coriolanus in die Heavensbee Hall gelangte, wo die Erntezeremonie übertragen wurde. Er war auf die Minute pünktlich, und doch wimmelte es in der Aula bereits von Schülern, Lehrkräften und Funktionären der Spiele, die bei der Übertragung am Eröffnungstag nicht gebraucht wurden.

Avoxe trugen Tabletts mit Posca durch die Menge, einem Gebräu aus wässrigem Wein, der mit Honig und Kräutern gewürzt war. Eine berauschendere Version von dem sauren Zeug, das man während des Krieges trinken musste, angeblich, um Krankheiten abzuwehren. Coriolanus nahm sich einen Kelch und spülte seinen Mund, in der Hoffnung, damit den letzten Hauch von Kohl aus seinem Atem zu vertreiben. Er erlaubte sich allerdings nur einen einzigen Schluck. Das Getränk war stärker, als man dachte, und im Lauf der Jahre hatte er schon oft erlebt, wie sich Oberstufenschüler, die zu tief ins Glas schauten, zum Affen machten.

Coriolanus galt noch immer als reich, doch seine einzige Währung war sein Charme, den er nun auf dem Weg durch die Menge großzügig versprühte. Die Gesichter hellten sich auf, wenn er Schüler und Lehrer gleichermaßen freundlich grüßte, sich nach ihren Familien erkundigte und hier und da ein Kompliment fallen ließ.

»Ihre Vorlesung über den Gegenschlag der Distrikte lässt mich nicht mehr los!«

»Der Pony steht dir super!«

»Wie ist die Rücken-OP deiner Mutter verlaufen? Sie ist meine Heldin, sag ihr das.«

Er ging an Hunderten mit Kissen bestückten Stühlen vorbei aufs Podium, wo Satyria ein Grüppchen von Lehrern und Funktionären mit irgendeiner wilden Geschichte unterhielt. Obwohl er nur den letzten Satz mitbekam – »Da hab ich gesagt: Das mit Ihrer Perücke tut mir wirklich leid, aber Sie wollten ja unbedingt einen Affen mitnehmen!« –, stimmte er brav in das Gelächter der anderen ein.

»Ah, Coriolanus«, sagte Satyria gedehnt und winkte ihn zu sich. »Da ist ja der Star meiner Schüler.« Pflichtgemäß küsste er sie auf die Wange und registrierte, dass sie schon einige Gläser Posca intus hatte. Sie musste dringend ihren Alkoholkonsum in den Griff bekommen, doch das konnte man über die Hälfte aller Erwachsenen sagen, die er kannte. Selbstmedikation war eine in der ganzen Stadt verbreitete Epidemie. Aber wenigstens war Satyria unterhaltsam und nicht so steif; als eine der wenigen Lehrerinnen ließ sie sich von den Schülern mit Vornamen anreden. Sie beugte sich ein wenig zurück und betrachtete ihn. »Sehr schönes Hemd. Wo hast du das aufgetrieben?«

Er schaute auf sein Hemd, als sähe er es zum ersten Mal, und zuckte die Achseln wie ein junger Mann, dem alle Türen offenstanden.

»Die Kleiderkammern der Snows sind unergründlich«, sagte er lässig. »Ich habe versucht, etwas Respektvolles und zugleich Festliches zu finden.«

»Mit Erfolg. Was sind das für witzige Knöpfe?« Satyria befühlte einen der Würfel an seiner Manschette. »Mosaiksteinchen?«

»Ach, tatsächlich? Na, das erklärt auch, wieso sie mich an das Badezimmer des Dienstmädchens erinnern«, gab Coriolanus zurück und erntete ein Kichern von ihren Freundinnen. Genau diesen Eindruck wollte er aufrechterhalten. Ein kleiner Wink, dass er zu den wenigen gehörte, die ein Badezimmer für das Dienstmädchen hatten – dazu noch eines, das mit Mosaiksteinen gefliest war –, was er durch die selbstironische Bemerkung über sein Hemd gleich wieder herunterspielte.

Er nickte Satyria zu. »Was für ein schönes Kleid. Neu, oder?« Er sah mit einem Blick, dass es dasselbe Kleid war, das sie jedes Jahr zur Erntezeremonie trug, aufgepeppt mit schwarzen Federbüscheln. Doch sie hatte ihm ein Kompliment gemacht, und das musste erwidert werden.

»Das hab ich extra für den heutigen Tag nähen lassen«, sagte sie dankbar. »Es ist ja schließlich das zehnte Jubiläum.«

»Elegant«, sagte er. Alles in allem waren sie kein schlechtes Team.

Seine gute Laune verflog, als er die Herrin der Turnhalle sah. Professor Agrippina Sickle bahnte sich mit ihren muskulösen Schultern mühelos einen Weg durch die Menge, gefolgt von ihrem Adlatus Sejanus Plinth. Er trug den dekorativen Schild, der ihr bei Kriegsende dafür verliehen worden war, dass sie die Sicherheitsübungen während der Bombardierungen erfolgreich geleitet hatte. Sie wollte ihn jedes Jahr unbedingt beim Gruppenfoto halten.

Doch nicht der Schild fiel Coriolanus sofort ins Auge, sondern Sejanus’ Outfit – ein blütenweißes Hemd, von dem sich eine Paisley-Krawatte abhob, zu einem weichen dunkelgrauen Anzug, der seiner großen, kantigen Gestalt etwas Fließendes verlieh. Die Kombination war stilvoll, brandneu und roch nach Geld. Nach Kriegsgewinnlergeld, um genau zu sein. Sejanus’ Vater war ein Waffenfabrikant aus Distrikt 2, der sich im Krieg auf die Seite des Präsidenten geschlagen und mit seiner Munition so gute Geschäfte gemacht hatte, dass er seine Familie in das Kapitol einkaufen konnte. Die Plinths genossen jetzt Privilegien, die sich die ältesten, mächtigsten Familien über Generationen hatten erwerben müssen. Es war einmalig, dass Sejanus, ein Junge aus den Distrikten, auf die Akademie ging, doch die großzügige Spende seines Vaters hatte entscheidend zum Wiederaufbau der Schule beigetragen. Ein Bürger aus dem Kapitol hätte an seiner Stelle erwartet, dass ein Gebäude nach ihm benannt worden wäre. Sejanus’ Vater wollte dagegen nur, dass man seinen Sohn aufnahm.

Coriolanus betrachtete die Plinths und ihresgleichen als Bedrohung für alles, was ihm wichtig war. Allein mit ihrer bloßen Anwesenheit stellten die neureichen Emporkömmlinge im Kapitol die alte Ordnung infrage. Das war besonders ärgerlich, weil die Snows den größten Batzen ihres Vermögens ebenfalls in die Munitionsherstellung investiert hatten – nur leider in Distrikt 13. Ihre weitläufigen Fabrikanlagen mit zahleichen Werkhallen und Forschungszentren dort waren in Schutt und Asche gelegt worden. Distrikt 13 wurde atomar vernichtet, das gesamte Gebiet war immer noch radioaktiv verseucht und unbewohnbar. Das Zentrum der militärischen Produktion des Kapitols war daraufhin nach Distrikt 2 verlagert worden und den Plinths regelrecht in den Schoß gefallen. Als die Nachricht von der Zerstörung von Distrikt 13 das Kapitol erreichte, hatte Coriolanus’ Großmutter sie öffentlich abgetan und behauptet, sie hätten glücklicherweise noch genügend anderen Besitz. Was glatt gelogen war.

Sejanus war vor zehn Jahren auf dem Schulhof aufgetaucht, ein schüchterner, empfindsamer Junge, der mit seinen braunen Augen, die viel zu groß für sein Gesicht waren, die anderen Kinder aus sicherem Abstand musterte. Als sich herumsprach, dass er aus den Distrikten kam, verspürte Coriolanus zunächst den Drang, dem Neuen zusammen mit den Klassenkameraden das Leben zur Hölle zu machen. Doch dann besann er sich und ignorierte ihn stattdessen lieber. Während die anderen Kapitolkinder daraus schlossen, dass es unter seiner Würde war, den Distriktjungen zu ärgern, verstand Sejanus es als anständiges Verhalten. Weder das eine noch das andere traf es richtig, doch beides verfestigte Coriolanus’ Image als Supertyp.

Professor Sickle mit ihrer beeindruckenden Statur stieß zu Satyrias Kreis, und deren Untergebene suchten sofort das Weite. »Guten Morgen, Professor Click.«

»Ah, Agrippina, Sie haben an Ihren Schild gedacht, sehr gut«, sagte Satyria und erwiderte den festen Händedruck. »Ich habe Sorge, dass die wahre Bedeutung dieses Tages bei den jungen Leuten in Vergessenheit gerät. Ach, Sejanus. Wie schick du aussiehst.«

Sejanus versuchte eine Verbeugung, wobei ihm eine widerspenstige Locke in die Augen fiel. Der sperrige Schild stieß ihn in die Brust.

»Zu schick«, sagte Professor Sickle. »Ich hab ihm gesagt, wenn ich einen Pfau will, rufe ich in der Zoohandlung an. Wenn’s nach mir ginge, würden sie alle ihre Schuluniform tragen.« Ihr Blick fiel auf Coriolanus. »Nicht übel. Das alte Hemd vom Gesellschaftsanzug deines Vaters?«

War es das? Coriolanus hatte keine Ahnung. Eine undeutliche Erinnerung an seinen Vater in einem eleganten Abendanzug voller Orden kam ihm in den Sinn. Er beschloss, die Karten auf den Tisch zu legen. »Danke, dass Sie das bemerken, Professor. Ich habe es ändern lassen, damit es nicht so aussieht, als wäre ich selbst an der Front gewesen. Aber ich wollte ihn heute an meiner Seite haben.«

»Sehr passend«, sagte Professor Sickle. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Satyria und ihre Ansichten über die jüngste Entsendung von Friedenswächtern, den Soldaten des Landes, nach Distrikt 12, wo die Bergarbeiter ihr Soll nicht erfüllten.

Während die Lehrerinnen diskutierten, deutete Coriolanus auf den Schild. »Ein bisschen Frühsport?«

Sejanus lächelte gequält. »Es ist mir stets eine Ehre, zu Diensten zu sein.«

»Da hast du ordentlich was zu polieren«, sagte Coriolanus. Sejanus zuckte zusammen. Wollte Coriolanus andeuten, er sei ein Stiefellecker? Ein Schleimer? Coriolanus ließ die Bemerkung nachklingen, bevor er sie zerstreute. »Damit kenne ich mich aus. Ich poliere Satyrias Weinkelche.«

Sejanus entspannte sich wieder. »Wirklich?«

»Nein, nicht wirklich. Aber nur, weil sie bisher noch nicht daran gedacht hat«, sagte Coriolanus und schwankte zwischen Verachtung und Kameradschaft.

»Professor Sickle denkt an alles. Sie hat kein Problem damit, mich jederzeit anzurufen, Tag und Nacht.« Sejanus schien noch mehr sagen zu wollen, seufzte aber nur. »Und jetzt, wo ich den Abschluss mache, ziehen wir natürlich näher zur Schule. Perfektes Timing, wie üblich.«

Jetzt wurde Coriolanus hellhörig. »Wohin?«

»Irgendwo auf den Corso. Viele von den alten Villen kommen demnächst auf den Markt. Die Eigentümer können sich die Steuer nicht mehr leisten oder so, hat mein Vater gesagt.« Der Schild schabte über den Boden, und Sejanus hob ihn höher.

»Im Kapitol wird Grundbesitz nicht besteuert«, sagte Coriolanus. »Nur in den Distrikten.«

»Es gibt ein neues Gesetz«, erklärte Sejanus. »Um mehr Geld für den Wiederaufbau der Stadt einzunehmen.«

Coriolanus versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Ein neues Gesetz. Das ihre Wohnung mit einer Steuer belegte. Wie hoch? Schon jetzt hielten sie sich mit Tigris’ kargem Lohn, der mickrigen Militärpension, die seine Großmutter für die Dienste ihres Mannes erhielt, und der Rente, die ihm als Kind eines gefallenen Kriegshelden zustand, gerade so über Wasser. Würden sie das Penthouse verlieren, wenn sie die Steuer nicht zahlen konnten? Die Wohnung war alles, was sie noch hatten. Sie zu verkaufen, würde nichts bringen; er wusste, dass seine Großmutter eine hohe Hypothek darauf aufgenommen hatte. Bei einem Verkauf würde ihnen so gut wie nichts bleiben. Sie müssten in irgendein zwielichtiges Viertel ziehen und sich unter das gemeine Volk mischen, ohne Status, ohne Einfluss und Würde. Die Schande würde seine Großmutter umbringen. Es wäre gnädiger, sie aus dem Fenster des Penthouse zu werfen. Dann wäre es wenigstens schnell vorbei.

»Alles okay?« Sejanus sah ihn verwundert an. »Du bist kreidebleich geworden.«

Coriolanus riss sich zusammen. »Muss an der Posca liegen. Die schlägt mir immer auf den Magen.«

»Oh ja«, sagte Sejanus. »Im Krieg hat Ma sie mir immer reingezwängt.«

Ma? Sollte Coriolanus von jemandem aus der Wohnung vertrieben werden, der seine Mutter »Ma« nannte? Kohl und Posca drohten nun tatsächlich, wieder hochzukommen. Er atmete tief durch und zwang seinen Magen, durchzuhalten. Er verabscheute Sejanus mehr denn je, seit der wohlgenährte Distriktjunge mit der groben Aussprache zum ersten Mal mit einer Tüte Weingummi in der Hand auf ihn zugekommen war.

Die Schulglocke ertönte, und alle versammelten sich vor dem Podium.

»Ich fürchte, jetzt werden uns die Tribute zugeteilt«, sagte Sejanus düster und betrat das Podium.

Coriolanus folgte ihm in den separaten Bereich, wo jeweils vier Stühle in sechs Reihen für die Mentoren aufgestellt waren. Er versuchte, die Wohnungspanik zu verdrängen und sich auf die wichtige Aufgabe zu konzentrieren, die vor ihm lag. Mehr denn je kam es jetzt darauf an, dass er besser war als die anderen, und dafür musste ihm ein vielversprechender Tribut zugeteilt werden.

Das Mentorenprogramm wurde von Dekan Casca Highbottom, dem Erfinder der Hungerspiele, persönlich geleitet. Er präsentierte sich den Schülern mit dem Elan eines Schlafwandlers, sein verträumter Blick verriet, dass er wie üblich mit Morfix vollgepumpt war. Seine ehemals feinen Züge waren eingefallen, die Gesichtshaut schlaff. Der akkurate Haarschnitt und der ordentliche Anzug unterstrichen diesen Verfall nur noch. Wegen seines Ruhms als Erfinder der Hungerspiele konnte er seine Stellung gerade noch halten, es gab allerdings Gerüchte, dass der Vorstand der Schule allmählich die Geduld verlor.

»Hallohallo«, lallte er und wischte sich mit einem zerknüllten Stück Papier über die Stirn. »Ich lese den Kram jetzt mal vor.« Die Schüler und Schülerinnen verstummten und gaben sich Mühe, ihn über den Lärm hinweg zu verstehen. »Ich les einen Namen vor und dann den, der ihn kriegt. Alles klar? Also los. Distrikt 1, Junge, geht an …« Dekan Highbottom kniff die Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen. »Brille«, murmelte er. »Vergessen.« Alle starrten auf seine Brille, die auf seiner Nase saß, und warteten, bis seine Hände sie gefunden hatten. »Ah ja. Livia Cardew.«

Ein Grinsen breitete sich auf Livias spitzem kleinem Gesicht aus. »Yes!«, rief sie mit schriller Stimme und machte eine Siegerfaust. Sie war schon immer eine Angeberin gewesen. Als ob der Traumkandidat ihr eigenes Verdienst und nicht der Tatsache geschuldet wäre, dass ihre Mutter die größte Bank des Kapitols leitete.

Mit wachsender Verzweiflung hörte Coriolanus zu, wie sich der Dekan durch die Liste stammelte und den Tributen der Distrikte je einen Mentor oder eine Mentorin zuteilte. Im Lauf der zehn Jahre hatte sich ein Muster herausgebildet: Die besser genährten, kapitolfreundlicheren Distrikte 1 und 2 brachten mehr Sieger hervor, die Distrikte 4 und 11, in denen vor allem Fischer und Bauern lebten, waren ernst zu nehmende Konkurrenten. Coriolanus hatte auf jemanden aus 1 oder 2 gehofft, bekam jedoch keinen davon, was umso beleidigender war, als Sejanus den Jungen aus Distrikt 2 ergatterte. Auch Distrikt 4 wurde genannt, ohne dass sein Name fiel, und der letzte ernst zu nehmende Kandidat – der Junge aus Distrikt 11 – ging an Clemensia Dovecote, die Tochter des Energieministers. Anders als Livia nahm Clemensia die gute Nachricht zurückhaltend auf, strich sich das pechschwarze Haar über die Schulter und notierte sich ihren Tribut in ihrer Mappe.

Wenn ein Snow übergangen wurde, der noch dazu einer der besten Schüler der Akademie war, konnte etwas nicht stimmen. Coriolanus dachte schon, sie hätten ihn vergessen – oder vielleicht hatten sie ihn für eine besondere Aufgabe vorgesehen? –, als Dekan Highbottom zu seinem Entsetzen murmelte: »Und zu guter Letzt das Mädchen aus Distrikt 12 … sie geht an Coriolanus Snow.«

2

Das Mädchen aus Distrikt 12? Was für eine schallende Ohrfeige! Distrikt 12, der kleinste Distrikt, ein absoluter Witz mit seinen unterernährten Kindern, die geschwollene Gelenke hatten und immer in den ersten fünf Minuten starben, und als ob das nicht schon schlimm genug wäre … auch noch das Mädchen? Nicht dass ein Mädchen nicht gewinnen konnte, aber für ihn ging es bei den Hungerspielen vor allem um rohe Gewalt, und die Mädchen waren naturgemäß schwächer als die Jungs und somit im Nachteil. Coriolanus hatte nie zu den Lieblingen von Dekan Highbottom gehört, den er unter Freunden scherzhaft Higher-als-high-Bottom nannte, aber mit solch einer öffentlichen Demütigung hatte er trotzdem nicht gerechnet. War das die Rache für den Spitznamen? Oder war es nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die Snows in der neuen Weltordnung auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit waren?

Seine Wangen brannten, er rang um Fassung. Die meisten Schüler waren aufgestanden und redeten miteinander. Er musste zu ihnen und so tun, als spielte es keine Rolle, doch er konnte sich nicht rühren. Er konnte nur den Kopf nach rechts zu Sejanus drehen. Coriolanus öffnete den Mund, um ihm zu gratulieren, als er die Verzweiflung in Sejanus’ Gesicht sah.

»Was ist?«, fragte er. »Freust du dich nicht? Distrikt 2, und dann noch der Junge – das ist das beste Pferd im Stall.«

»Du hast was vergessen«, sagte Sejanus heiser. »Ich komme auch aus diesem Stall.«

Coriolanus dachte darüber nach. Zehn Jahre im Kapitol und das damit verbundene privilegierte Leben hatten bei Sejanus nichts ausrichten können. Er war immer noch einer von ihnen – ein Distriktbewohner. Was für ein sentimentaler Quatsch.

Sejanus sah ihn bestürzt an. »Garantiert hat mein Vater das eingefädelt. Er versucht immer, mich auf Spur zu bringen.«

Allerdings, dachte Coriolanus. Die Herkunft des alten Strabo Plinth mochte zweifelhaft sein, aber seine dicke Brieftasche und sein Einfluss wurden sehr geschätzt. Angeblich beruhten die Mentorate auf ausgezeichneten Leistungen, doch es war sonnenklar, dass hier jemand seine Verbindungen hatte spielen lassen.

Mittlerweile hatten die Zuschauer ihre Plätze eingenommen. Hinter dem Podium öffnete sich ein Vorhang und enthüllte einen Bildschirm, der bis unter die Decke ragte. Die Ernte wurde live aus allen Distrikten übertragen, von der Ostküste bis zur Westküste, und im ganzen Land gesendet. Distrikt 12 machte den Anfang. Alle erhoben sich, als das Wappen von Panem auf dem Bildschirm erschien, begleitet von der Hymne des Kapitols.

Juwel von Panem,

Mächtige Stadt,

Durch die Zeiten erstrahlst du aufs Neue.

Einige Schüler waren nicht ganz textsicher, doch Coriolanus, der sich seit Ewigkeiten das Gejaule seiner Großmutter anhören musste, sang alle drei Strophen kraftvoll mit und erntete anerkennende Blicke. So armselig es auch war, er brauchte jedes bisschen Anerkennung, das er kriegen konnte.

Das Wappen löste sich auf, und Präsident Ravinstill erschien, die Haare silbern gesträhnt, gekleidet in eine Militäruniform aus Vorkriegszeiten – als Mahnung, dass er schon lange vor den Dunklen Tagen der Rebellion über die Distrikte geherrscht hatte. Er zitierte eine kurze Passage aus dem Hochverratsvertrag, in der die Hungerspiele als Wiedergutmachung für den Krieg festgeschrieben waren: junge Menschen aus den Distrikten für die jungen Menschen, die das Kapitol im Krieg verloren hatte. Das war der Preis für den Verrat der Rebellen.

Die Spielmacher schalteten zu dem trostlosen Platz in Distrikt 12, wo vor dem Gerichtsgebäude eine provisorische Bühne aufgebaut war, an deren Seiten jetzt Friedenswächter Stellung bezogen hatten. Zwischen zwei Jutesäcken stand Bürgermeister Lipp, ein untersetzter, sommersprossiger Mann in einem hoffnungslos altmodischen Anzug. Er fasste mit einer Hand tief in den Sack zu seiner Linken, zog einen Zettel heraus, las und schaute gleich wieder weg.

»Das Mädchen aus Distrikt 12 ist Lucy Gray Baird«, sagte er ins Mikrofon. Die Kamera schwenkte auf der Suche nach dem Tribut über die grauen, hungrigen Gesichter der Menschen in grauen, formlosen Kleidern hinweg. Sie zoomte auf einen kleinen Tumult, einige Mädchen wichen von der unglücklichen Erwählten zurück.

Bei ihrem Anblick murmelten die Zuschauer überrascht.

Lucy Gray Baird stand aufrecht in einem Kleid aus Regenbogenrüschen, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Die dunklen Locken waren hochgesteckt und mit welken Wildblumen verziert. Ihre farbenfrohe Aufmachung zog die Blicke auf sich wie ein zerfledderter Schmetterling in einem Mottenschwarm. Sie ging nicht direkt zur Bühne, sondern schlängelte sich durch die Gruppe der Mädchen rechts von ihr hindurch.

Dann ging alles ganz schnell. Ihre Hand, die kurz in den Rüschen um ihre Hüfte verschwand, etwas sich Windendes, leuchtend Grünes, das aus ihrer Tasche gezogen und in den Kragen einer hämisch grinsenden Rothaarigen gesteckt wurde, ihr Rock, der im Weitergehen raschelte. Die Kamera blieb auf dem Opfer, zeigte, wie sich ihr Grinsen in Entsetzen verwandelte, ihre Schreie, als sie zu Boden sank, wie sie sich an die Kleider fasste, die Rufe des Bürgermeisters. Im Hintergrund schlängelte sich die Attentäterin weiter durch zur Bühne, ohne sich auch nur umzuschauen.

Plötzlich war in der Heavensbee Hall der Teufel los.

»Habt ihr das gesehen?«

»Was hat sie ihr in die Bluse gesteckt?«

»Eine Eidechse?«

»Ich hab eine Schlange gesehen!«

»Hat sie sie umgebracht?«

Coriolanus betrachtete das Chaos und spürte Hoffnung aufkeimen. Seine absolute Außenseiterin, sein Wegwerfmädchen, seine Beleidigung, hatte die Aufmerksamkeit des Kapitols errungen. Das war gut, oder? Mit seiner Hilfe würde sie vielleicht eine Weile durchhalten und ihm Zeit geben, die Schande in eine respektable Vorstellung zu verwandeln. So oder so waren ihre Schicksale von nun an unwiderruflich miteinander verbunden.

Auf dem Bildschirm rannte Bürgermeister Lipp die Bühnentreppe hinunter und drängte sich durch die Mädchenmenge zu dem Opfer. »Mayfair? Mayfair!«, rief er. »Meine Tochter braucht Hilfe!« Um sie herum hatte sich ein Kreis geöffnet, doch die wenigen halbherzigen Versuche, ihr zu helfen, wurden durch ihr heftiges Strampeln und Um-sich-Schlagen verhindert. Der Bürgermeister erreichte sie in dem Augenblick, als eine kleine, schillernd grüne Schlange aus den Falten ihres Kleides hervorschoss und in der Menge verschwand. Es wurde geschrien und gedrängelt, alle wollten der Schlange ausweichen. Als sie weg war, beruhigte sich Mayfair, doch sofort verwandelte sich die Panik in Scham, als sie direkt in die Kamera blickte und merkte, dass ganz Panem ihr zuschaute. Mit einer Hand versuchte sie, eine verrutschte Schleife in ihrem Haar zu richten, mit der anderen zupfte sie ihre Kleider zurecht, schmutzig vom alles bedeckenden Kohlenstaub und zerrissen von ihrem panischen Gestrampel. Als der Bürgermeister seiner Tochter aufhalf, sah man, dass sie sich nass gemacht hatte. Er legte ihr seine Jacke um und übergab sie einem Friedenswächter, der sie wegführte. Dann wandte er sich zur Bühne und feuerte einen mörderischen Blick auf das Mädchen ab, den frischgebackenen weiblichen Tribut von Distrikt 12.

Mit leisem Unbehagen sah Coriolanus Lucy Gray Baird auf die Bühne gehen. War sie psychisch labil? Sie hatte etwas an sich, das irgendwie vertraut und beunruhigend zugleich war. Die Rüschenschichten in Himbeerrosa, Königsblau und Narzissengelb …

»Sie sieht aus wie aus dem Zirkus«, sagte ein Mädchen. Die anderen Mentoren murmelten zustimmend.

Genau. Coriolanus erinnerte sich an die Zirkusbesuche in seiner frühen Kindheit. Jongleure und Akrobaten, Clowns und Tänzerinnen in wirbelnden, bauschigen Kleidern, während ihm vor lauter Zuckerwatte schwummrig wurde. Dass sein Tribut für das dunkelste Ereignis des Jahres solch eine festliche Aufmachung gewählt hatte, war ausgesprochen seltsam und konnte kein bloßer Zufall sein.

Die Sendezeit der Ernte in Distrikt 12 musste längst überschritten sein, und noch immer gab es keinen männlichen Tribut. Nichtsdestotrotz stieg der Bürgermeister wieder auf die Bühne, ignorierte die Säcke mit den Namenszetteln, ging schnurstracks zu dem Mädchen und verpasste ihr eine so heftige Ohrfeige, dass sie auf die Knie ging. Als er die Hand hob, um sie erneut zu schlagen, griffen zwei Friedenswächter ein, packten ihn an den Armen und wollten ihn zu seiner eigentlichen Aufgabe zurückbringen. Da er sich widersetzte, zerrten sie ihn ins Gerichtsgebäude, und die Prozedur war unterbrochen.

Die ganze Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf das Mädchen auf der Bühne. Als die Kamera sie heranzoomte, kamen Coriolanus erneut Zweifel an ihrer psychischen Verfassung. Er hatte keine Ahnung, woher das Make-up stammte, denn selbst im Kapitol konnte man Kosmetika erst seit Kurzem wieder bekommen, doch ihre Lider waren blau geschminkt, die Augen schwarz umrandet, die Wangen mit Rouge gepudert und die Lippen rot angemalt. Hier im Kapitol hätte es gewagt ausgesehen, in Distrikt 12 wirkte es völlig unpassend. Man konnte den Blick nicht von ihr wenden, wie sie dasaß und immer wieder mit der Hand über den Rock strich, als wollte sie zwanghaft die Rüschen glätten. Erst als sie ordentlich aussahen, hob sie die Hand und berührte den Abdruck auf ihrer Wange. Ihre Unterlippe zitterte leicht, und in ihren Augen standen Tränen, die überzulaufen drohten.

»Nicht weinen«, flüsterte Coriolanus. Er riss sich zusammen und schaute sich nervös um. Die anderen Schüler sahen fasziniert zu. Sie wirkten besorgt. Obwohl das Mädchen so seltsam war, hatte sie ihr Mitgefühl erregt. Sie wussten nicht, wer sie war und warum sie Mayfair angegriffen hatte, aber jeder konnte sehen, dass das grinsende Ding boshaft war und ihr Vater ein brutaler Kerl, der ein Mädchen niederschlug, dessen Todesurteil er soeben gesprochen hatte.

»Wetten, das war ein Trick?«, sagte Sejanus leise. »Ihr Name stand gar nicht auf dem Zettel.«

Gerade als das Mädchen den Kampf gegen die Tränen zu verlieren drohte, geschah etwas Merkwürdiges. Irgendwo in der Menge fing jemand an zu singen. Eine junge Stimme, von einem Jungen oder auch einem Mädchen, in einer solchen Tonlage, dass sie über den stillen Platz trug.

Ihr nehmt mir nicht meine Geschichte,

Das wär auch allerhand.

Ein Windstoß fegte über die Bühne, und langsam hob das Mädchen den Kopf. Irgendwo anders in der Menge sang eine tiefere, eindeutig männliche Stimme.

Meinen Pa, den könntet ihr nehmen,

Doch sein Name ist unbekannt.

Die Andeutung eines Lächelns spielte um Lucy Gray Bairds Lippen. Mit einem Ruck stand sie auf, trat in die Mitte der Bühne, ergriff das Mikrofon und legte los.

Was ihr mir nehmen könnt, ist sowieso nichts wert.

Mit der freien Hand fasste sie ihren Rüschenrock, schwenkte ihn hin und her, und auf einmal passte alles zusammen – das Kostüm, das Make-up, die Haare. Wer sie auch war, sie war schon für die Bühne zurechtgemacht gewesen. Sie hatte eine schöne Stimme, hell und klar in den Höhen, rauchig und voll in den Tiefen, und sie bewegte sich selbstsicher.

Ihr nehmt mir nicht meinen Charme

Und auch nicht meinen Witz.

Ihr nehmt mir nicht mein Geld,

Weil ich gar keins besitz.

Was ihr mir nehmen könnt, ist sowieso nichts wert.

Beim Singen ging eine Verwandlung mit ihr vor, jetzt fand Coriolanus sie nicht mehr so befremdlich. Sie hatte etwas Aufregendes, sogar Anziehendes an sich. Die Kamera saugte sie auf, als sie auf der Bühne weiter nach vorn trat und sich zum Publikum vorbeugte, süß und frech.

Ihr haltet euch für schlau.

Ich kenn euch ganz genau.

Ihr denkt, ihr habt die Macht,

Könntet mich ändern, vielleicht sogar wenden.

Wenn ihr das denkt, habt ihr falsch gedacht.

Denn …

Und dann war sie nicht mehr zu halten, sie tanzte um die Bühne herum, haarscharf an den Friedenswächtern vorbei, von denen einige sich das Lächeln kaum verkneifen konnten. Niemand versuchte, sie aufzuhalten.

Ihr nehmt mir nicht meine Moral

Und auch nicht meine Ideen.

Ihr könnt mich alle mal,

Auf Nimmerwiedersehen.

Was ihr mir nehmen könnt, ist sowieso nichts wert.

Die Türen zum Gerichtsgebäude flogen auf, und die Friedenswächter, die den Bürgermeister weggebracht hatten, stürmten wieder auf die Bühne. Das Mädchen schaute zum Publikum, doch sie merkte, dass sie kamen. Für das große Finale trat sie ganz nach vorn.

Nein, meine Herren,

Was ihr mir nehmen könnt, zählt nur einen Dreck.

Nehmt es, ich geb’s gern her, dann ist es endlich weg.

Was ihr mir nehmen könnt, ist sowieso nichts wert!

Sie warf noch schnell einen Kuss ins Publikum, dann waren sie bei ihr. »Meine Freunde nennen mich Lucy Gray – ihr hoffentlich auch!«, rief sie noch. Einer der Friedenswächter rang ihr das Mikrofon aus der Hand, ein anderer hob sie hoch und trug sie zurück in die Mitte der Bühne. Sie winkte, als würde ihr dröhnender Applaus entgegenschallen, nicht Totenstille.

Auch in der Heavensbee Hall war es einen Moment still. Coriolanus fragte sich, ob die anderen genau wie er hofften, sie würde weitersingen. Dann redeten alle drauflos, erst über das Mädchen, dann darüber, wer das Glück hatte, sie zu bekommen. Die anderen Schüler reckten die Hälse, manche zeigten ihm den erhobenen Daumen, andere warfen ihm neidische Blicke zu. Er schüttelte verwirrt den Kopf, doch innerlich jubilierte er. Snow landet immer oben.

Die Friedenswächter brachten den Bürgermeister wieder heraus und postierten sich links und rechts von ihm, damit es keine weiteren Zwischenfälle gab. Lucy Gray beachtete ihn gar nicht, durch ihren Auftritt hatte sie sich anscheinend wieder gefangen. Der Bürgermeister blickte wütend in die Kamera, dann fasste er in den zweiten Sack und zog mehrere Zettel heraus. Einige flatterten auf die Bühne, den verbliebenen Zettel las er vor. »Der Junge aus Distrikt 12 ist Jessup Diggs.«

Die Jungs auf dem Platz ließen Jessup durch. Er hatte schwarze Haare und trug einen Pony über der ausgeprägten Stirn. Für einen Tribut aus Distrikt 12 war er ein Prachtexemplar, überdurchschnittlich groß und kräftig. Man sah ihm an, dass er schon im Bergwerk arbeitete. Beim halbherzigen Versuch, sich den Kohlenstaub abzuwaschen, war ein halbwegs sauberes Oval in der Mitte seines Gesichts entstanden, doch es war schwarz umrandet, und auch unter den Fingernägeln hatte er Dreck. Unbeholfen ging er die Treppe zur Bühne hinauf. Als er auf den Bürgermeister zuging, trat Lucy Gray vor und reichte ihm die Hand. Nach kurzem Zögern schüttelte er sie. Lucy Gray stellte sich neben ihn, tauschte die rechte Hand gegen die linke, und so standen sie Händchen haltend Seite an Seite, als sie einen tiefen Knicks machte und den Jungen zu einer Verbeugung herabzog. Vereinzelt wurde geklatscht, und ein Jubelruf kam aus dem Publikum, bevor die Friedenswächter sich drohend näherten und die Übertragung zu Distrikt 8 wechselte.

Coriolanus tat so, als wäre er ganz in die Sendung vertieft, während die Distrikte 8, 6 und 11 ihre Tribute verkündeten, doch ihm schwirrte der Kopf bei dem Gedanken, dass er Lucy Gray ergattert hatte. Sie war ein Geschenk, das wusste er, und so musste er sie auch behandeln. Doch wie konnte er sich ihren atemberaubenden Auftritt am besten zunutze machen? Wie konnte er aus einem Kleid, einer Schlange, einem Lied Kapital schlagen? Die Tribute hatten vor Beginn der Spiele nur wenig Zeit für das Publikum. Wie sollte er die Zuschauer mit einem einzigen Interview dazu bringen, auf Lucy Gray und damit auf ihn zu setzen? Mit einem Auge nahm er die anderen Tribute wahr, zumeist erbarmungswürdige Gestalten, und registrierte die Stärkeren unter ihnen. Sejanus bekam einen Hünen aus Distrikt 2, und Livias Junge aus Distrikt 1 war auch ein ernst zu nehmender Kandidat. Lucy Gray machte einen einigermaßen gesunden Eindruck, aber mit ihrer feinen Statur war sie eher fürs Tanzen geschaffen als für den Zweikampf. Dafür konnte sie bestimmt schnell rennen, und das war wichtig. Als die Ernte sich dem Ende neigte, wehte Essensduft vom Büfett herüber. Frisch gebackenes Brot. Zwiebeln. Fleisch. Unweigerlich knurrte Coriolanus’ Magen, und er riskierte noch ein paar Schlucke Posca, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er war aufgedreht, leicht benommen und ausgehungert. Als der Bildschirm schwarz wurde, musste er sich wahnsinnig zusammenreißen, um sich nicht sofort auf das Büfett zu stürzen.

Der endlose Tanz mit dem Hunger bestimmte sein Leben. Nicht in seinen allerersten Lebensjahren, aber seit dem Krieg war jeder Tag ein Kampf, ein Abwägen, ein Spiel. Wie konnte man den Hunger am besten abwehren? Alles bei einer Mahlzeit essen? In kleinen Häppchen über den Tag verteilen? Es hinunterschlingen oder jeden Bissen zu Brei zerkauen? Alles nur Gedankenspiele, mit denen er sich davon ablenkte, dass es nie genug war. Niemand gab ihm je genug.

Im Krieg hatten die Rebellen die Distrikte kontrolliert, in denen Nahrungsmittel produziert wurden. Sie hatten den Spieß umgedreht und Essen – oder den Mangel daran – als Waffe eingesetzt, um das Kapitol zu unterwerfen. Jetzt hatte sich das Blatt erneut gewendet. Das Kapitol hatte die Macht über die Versorgung und ging noch einen Schritt weiter. Mit den Hungerspielen drehte es den Distrikten das Messer im Herz herum. Zu der Brutalität der Spiele kam die stille Qual, die jeder in Panem kannte, das verzweifelte Verlangen nach genügend Essen, um bis zum nächsten Sonnenaufgang durchzuhalten.

Diese Verzweiflung hatte aufrechte Bewohner des Kapitols zu Monstern gemacht. Verhungernde, die auf den Straßen zusammenbrachen, wurden auf grausige Weise Teil der Nahrungskette. In einer Winternacht hatten sich Coriolanus und Tigris aus der Wohnung geschlichen, um sich ein paar Holzkisten zu schnappen, die sie tagsüber in einer Gasse entdeckt hatten. Unterwegs kamen sie an drei Leichen vorbei, eine davon war das junge Dienstmädchen, das bei den Cranes immer so freundlich den Tee serviert hatte. Schnee fiel in dicken, nassen Flocken herab, und sie dachten, die Straßen wären verlassen, als sie auf dem Heimweg vor einer dick eingemummten Gestalt erschraken. Sie versteckten sich hinter einer Hecke und sahen mit an, wie ihr Nachbar Nero Price, ein Titan in der Eisenbahnindustrie, mit einem scheußlichen Messer an einem Bein des Mädchens sägte, immer hin und her, bis es ab war. Dann riss er ihr den Rock von der Taille, wickelte das Bein hinein und rannte durch die Gasse zur Rückseite seines Stadthauses. Coriolanus und Tigris hatten den Vorfall nie wieder erwähnt, doch er hatte sich in seine Erinnerung eingebrannt. Price’ grausam verzerrtes Gesicht, das weiße Söckchen und der abgetragene schwarze Schuh an dem Bein und die entsetzliche Vorstellung, dass man auch ihn als etwas Essbares betrachten könnte.

Coriolanus verdankte sein physisches und moralisches Überleben der Weitsicht seiner Großmutter zu Beginn des Krieges. Seine Eltern waren tot, die von Tigris ebenfalls, und beide Kinder lebten bei der Großmutter. Die Rebellen hatten sich langsam, aber sicher zum Kapitol vorgekämpft, auch wenn die Stadt zu überheblich war, um sich das einzugestehen. Lebensmittelknappheit zwang selbst die Reichsten dazu, gewisse Waren auf dem Schwarzmarkt zu besorgen. So fand Coriolanus sich an einem kalten Oktobernachmittag vor der Hintertür eines einst angesagten Nachtclubs wieder, in der linken Hand den Griff eines kleinen roten Karrens, in der rechten die behandschuhte Hand der Großmadame. Die bittere Kälte in der Luft warnte unheilvoll vor dem Winter, darüber lag eine Decke aus dunkelgrauen Wolken. Sie wollten zu Pluribus Bell, einem älteren Mann mit zitronenfarbener Brille und einer Perücke, deren weiß gepudertes Haar ihm bis zur Taille ging. Er und sein Partner Cyrus, ein Musiker, waren die Besitzer des geschlossenen Clubs und hielten sich jetzt über Wasser, indem sie in der Gasse hinterm Haus mit Waren handelten. Weil frische Milch schon seit Wochen nicht mehr zu haben war, wollten die Snows Dosenmilch kaufen, doch Pluribus sagte, sie sei ausverkauft. Dafür waren gerade kistenweise getrocknete Limabohnen eingetroffen, die auf der verspiegelten Bühne hinter ihm hochgestapelt waren.

»Die halten sich Jahre«, versprach Pluribus der Großmadame. »Ich werde mir selbst zwanzig Kisten beiseitelegen.«

Coriolanus’ Großmutter hatte gelacht. »Wie abscheulich.«

»Nein, meine Liebe. Abscheulich ist das, was ohne sie passiert«, sagte Pluribus.

Er hatte es nicht weiter ausgeführt, doch die Großmadame lachte nicht mehr. Sie schaute zu Coriolanus und drückte ganz kurz seine Hand, unwillkürlich, fast wie eine Zuckung. Dann betrachtete sie die Kisten und rechnete offenbar im Kopf etwas aus. »Wie viele können Sie erübrigen?«, fragte sie den Clubbesitzer. Eine Kiste zog Coriolanus mit seinem Handkarren nach Hause, die anderen neunundzwanzig kamen mitten in der Nacht, denn Hamstern war eigentlich verboten. Zusammen mit einem Freund schleppte Cyrus die Kisten die Treppe hoch und stapelte sie mitten in dem üppig möblierten Wohnzimmer. Oben auf den Stapel stellten sie eine einzige Dose Milch, mit freundlicher Empfehlung von Pluribus, und wünschten ihnen eine gute Nacht. Coriolanus und Tigris halfen der Großmadame, die Bohnen in den Wandschränken zu verstecken, in eleganten Truhen und sogar in der alten Uhr.

»Wer soll das alles essen?«, fragte er. Zu jener Zeit gab es in seinem Leben noch Schinken, Hühnchen und hin und wieder einen Braten. Milch war ein Problem, aber Käse gab es reichlich, und irgendeinen Nachtisch konnten sie beim Abendessen immer erwarten, auch wenn es manchmal nur ein Marmeladenbrot war.

»Ein paar essen wir. Ein paar können wir vielleicht tauschen«, sagte die Großmadame. »Das muss unser Geheimnis bleiben.«

»Ich mag keine Limabohnen.« Coriolanus verzog den Mund. »Glaub ich jedenfalls.«

»Der Koch wird schon ein gutes Rezept finden«, sagte die Großmadame.

Doch der Koch wurde eingezogen und starb dann an der Grippe. Wie sich zeigte, konnte die Großmadame nicht einmal den Herd bedienen, geschweige denn nach Rezept kochen. Es fiel der achtjährigen Tigris zu, die Bohnen zu einem dicken Brei zu kochen, dann zu Suppe, dann zu der wässrigen Brühe, die sie durch den Krieg bringen sollte. Limabohnen. Kohl. Die tägliche Brotration. Davon lebten sie jahrelang tagein, tagaus. Sicher, sein Wachstum hatte darunter gelitten. Hätte er mehr zu essen bekommen, wäre er größer und hätte breitere Schultern. Doch sein Gehirn hatte sich ordentlich entwickelt, das hoffte er jedenfalls. Bohnen, Kohl, Graubrot. Coriolanus hasste das Zeug, aber es hielt ihn am Leben, ohne dass er sich schämen oder sich über die Toten auf den Straßen hermachen musste.

Coriolanus schluckte die Spucke hinunter, die ihm im Mund zusammenlief, während er sich einen der goldgeränderten Teller mit dem Siegel der Akademie nahm. Elegantes Geschirr ging im Kapitol selbst in den magersten Zeiten nie aus, zu Hause hatte er so manches Kohlblatt von feinstem Porzellan gegessen. Er nahm sich eine Leinenserviette, Messer und Gabel. Als er den Deckel der ersten Warmhalteschüssel aus echtem Silber anhob, benetzte der Dampf seine Lippen. Zwiebeln in Rahmsoße. Er nahm einen bescheidenen Löffel voll und versuchte, nicht zu sabbern. Salzkartoffeln. Gebratener Schinken. Warme Brötchen und ein Stückchen Butter. Oder doch lieber zwei Stückchen. Ein voller Teller, aber nicht zu gierig. Nicht für einen Jungen in seinem Alter.

Er stellte seinen Teller neben Clemensias und holte sich den Nachtisch von einem Wagen. Letztes Jahr war am Ende nichts mehr übrig gewesen, und er hatte nichts vom Tapiokapudding abbekommen. Sein Herz stockte, als er die Reihen von Apfelkuchen sah, jedes Stück mit einer Papierfahne und dem Wappen von Panem darauf. Kuchen! Wie lange hatte er den nicht mehr gegessen? Er streckte die Hand nach einem mittelgroßen Stück aus, als ihm jemand einen Teller mit einem riesigen Stück unter die Nase hielt. »Hier, nehmen Sie ein großes. Ein Junge im Wachstum kann das vertragen.«

Die Augen von Dekan Highbottom waren wässrig, jedoch nicht mehr so glasig wie am Morgen. In seinem Blick lag sogar eine überraschende Schärfe.

Coriolanus nahm den Kuchenteller mit einem Grinsen, von dem er hoffte, dass es jungenhaft-freundlich wirkte. »Danke schön. Kuchen passt immer noch rein.«

»Ja, etwas Süßes passt immer noch rein«, sagte der Dekan. »Das weiß wohl niemand besser als ich.«

»Das finde ich auch.« Aber so klang es verkehrt. Er hatte der Bemerkung über etwas Süßes zustimmen wollen, doch so klang es wie eine abfällige Bemerkung über den Charakter des Dekans.

»Soso, das finden Sie auch.« Dekan Highbottom starrte Coriolanus mit schmalen Augen an. »Und, Coriolanus, haben Sie denn schon Pläne, was Sie nach den Spielen machen möchten?«

»Ich hoffe zu studieren«, sagte er. Was für eine merkwürdige Frage. Das war doch offensichtlich, bei seinen Noten.

»Ja, ich habe Ihren Namen unter den Anwärtern auf einen Preis gesehen«, sagte Dekan Highbottom. »Aber falls Sie keinen gewinnen?«

»Na ja«, stammelte Coriolanus, »dann … dann würde meine Familie natürlich die Gebühren zahlen.«

»Ach, würde sie das?« Dekan Highbottom lachte. »Sehen Sie sich doch an, wie Sie in Ihrem improvisierten Hemd und den zu engen Schuhen versuchen, den Schein zu wahren. Wie Sie im Kapitol herumstolzieren, während die Snows wahrscheinlich nicht mal mehr einen Topf haben, in den sie reinpinkeln können. Selbst mit einem Preis würde es knapp werden, und Sie haben ja noch keinen, nicht wahr? Was, frage ich mich, würde dann aus Ihnen werden? Hm?«

Unwillkürlich schaute Coriolanus sich um, weil er sehen wollte, wer die schrecklichen Worte gehört hatte, aber die meisten waren in Tischgespräche vertieft.

»Keine Sorge – niemand weiß Bescheid. Nun ja, fast niemand. Lassen Sie sich den Kuchen schmecken, Junge.« Dekan Highbottom ging davon, ohne sich selbst ein Stück zu nehmen.

Am liebsten hätte Coriolanus seinen Teller fallen lassen und wäre zum Ausgang gerannt, stattdessen stellte er das übergroße Stück vorsichtig zurück auf den Wagen. Der Spitzname. Irgendwie musste er Dekan Highbottom zu Ohren gekommen sein, und er hatte herausbekommen, dass er von Coriolanus stammte. Wie dumm von ihm. Der Dekan war zu mächtig, selbst jetzt noch, als dass man sich in aller Öffentlichkeit über ihn lustig machen durfte. Aber war das wirklich so schlimm? Jeder Lehrer hatte mindestens einen Spitznamen, und manche waren noch viel weniger schmeichelhaft. Außerdem hatte Higher-als-high-Bottom sich nie große Mühe gegeben, sein Laster zu verbergen. Er forderte den Spott geradezu heraus. Gab es vielleicht irgendeinen anderen Grund, weshalb er Coriolanus nicht leiden konnte?