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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Mit schnellen, sicheren Schritten ging Iris Stetten durch das Lokal. Vor einem Fenstertisch blieb sie stehen. Überrascht sah sie auf die wartende Freundin. »Wow! Neue Haarfarbe, neue Frisur?« Rica Rombach überging die Frage. Sie schaute zunächst auf ihre Uhr, dann auf die sportliche junge Frau, die jetzt Platz nahm. »Wir waren um sieben verabredet, jetzt ist es 38 Minuten später«, stellte sie vorwurfsvoll fest. »Entschuldige, in der Redaktion war wieder mal die Hölle los. Nur weil ein amerikanischer Politiker heute abend überraschend nach Berlin kam, mußten wir das Titelblatt umstellen. Die Nachricht mußte unbedingt auf die erste Seite. Nichts hat mehr gepaßt. Die übrigen Meldungen mußten gekürzt werden, ein Bild flog raus und das alles nach Feierabend.« »Ich wäre beinahe wieder gegangen.« »Weil du dir überhaupt nicht vorstellen kannst, was in einem solchen Fall abgeht. Da gleicht die Redaktion einem Bienenstock, in den jemand einen Stein geworfen hat. Du lachst, aber das ist überhaupt nicht spaßig.« Iris zog die Mappe mit den Speisekarten zu sich her. »Ich kapiere ohnehin nicht, wie du es in diesem bescheuerten Laden aushältst.«
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Seitenzahl: 121
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mit schnellen, sicheren Schritten ging Iris Stetten durch das Lokal. Vor einem Fenstertisch blieb sie stehen. Überrascht sah sie auf die wartende Freundin.
»Wow! Neue Haarfarbe, neue Frisur?«
Rica Rombach überging die Frage. Sie schaute zunächst auf ihre Uhr, dann auf die sportliche junge Frau, die jetzt Platz nahm.
»Wir waren um sieben verabredet, jetzt ist es 38 Minuten später«, stellte sie vorwurfsvoll fest.
»Entschuldige, in der Redaktion war wieder mal die Hölle los. Nur weil ein amerikanischer Politiker heute abend überraschend nach Berlin kam, mußten wir das Titelblatt umstellen. Die Nachricht mußte unbedingt auf die erste Seite. Nichts hat mehr gepaßt. Die übrigen Meldungen mußten gekürzt werden, ein Bild flog raus und das alles nach Feierabend.«
»Ich wäre beinahe wieder gegangen.«
»Weil du dir überhaupt nicht vorstellen kannst, was in einem solchen Fall abgeht. Da gleicht die Redaktion einem Bienenstock, in den jemand einen Stein geworfen hat. Du lachst, aber das ist überhaupt nicht spaßig.« Iris zog die Mappe mit den Speisekarten zu sich her. »Ich kapiere ohnehin nicht, wie du es in diesem bescheuerten Laden aushältst.« Rica, die verwöhnte Tochter sehr reicher Eltern, verdrehte die blauen Augen, deren Farbe durch entsprechende Lidstriche noch intensiver, noch auffälliger wurde.
»Weil mir die Arbeit Spaß macht. Ich mag meinen Job. Verstehst du?«
Rica zog gelangweilt die Schultern hoch. Sie war zwar schon 31 Jahre alt, zählte sich aber noch immer zu den Studenten. Zur Uni ging sie allerdings selten. Gearbeitet hatte sie auch noch nie. Dank der großzügigen Schecks ihres Vaters hatte sie das nicht nötig. Sie genoß das Leben.
Die gleichaltrige Iris dagegen arbeitete schon seit acht Jahren als Redakteurin, war tüchtig in ihrem Beruf und beliebt bei den Kollegen.
Trotz der unterschiedlichen Lebenssituation verstanden sich die beiden Frauen gut. Die gemeinsame Schulzeit und viele Erinnerungen an sorglose Jugendjahre verbanden sie.
»Lassen wir das«, bat Iris mit versöhnlichem Lächeln. »Das blonde Haar steht dir ausgezeichnet«, meinte sie mit neidloser Bewunderung. Rica war die Hübschere von ihnen, und Iris hatte noch nie den Versuch gemacht, ihr dieses Vorrecht streitig zu machen. »Und was steckt dahinter?« fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte. Es war immer wieder dasselbe. Wenn Rica einen neuen Partner kennenlernte, veränderte sie ihren Typ.
»Was wohl? Ein neuer Mann«, informierte Rica die Freundin flüsternd. »Und was für einer! Wenn du ihn siehst, bekommst du weiche Knie. Ist übrigens ein Kollege von dir. Er arbeitet für die Deutsche Presseagentur in Peking.«
Diese Information interessierte Iris nicht so sehr. Sie dachte mehr über das Schicksal von Ricas vorherigem Freund nach. Daß Rica Freunde und Haarfarbe ständig wechselte, daran hatte sich Iris längst gewöhnt. Trotzdem hoffte sie, daß damit doch irgendwann Schluß sein würde. »Und was ist mit Hubert?« fragte sie deshalb. Aufmerksam beobachtete sie die Freundin.
Rica tat, als müsse sie sich besinnen. »Hubert?« Kokett, wie es ihre Art war, legte sie den Kopf schief. Das lockige blonde Haar fiel weit über ihre Schultern. »Der Depp wollte mich heiraten. Stell dir das mal vor! Da habe ich mit ihm Schluß gemacht.«
»Aber du hast ihn doch gern gehabt.« Iris klappte die umfangreiche Speisekarten-Mappe zu. Sie hatte sich zwischendurch für einen Salatteller entschieden.
»Puh« , stöhnte Rica und rümpfte die gepuderte Nase. »Soll ich wegen einem Typ auf alle anderen verzichten? Das kann ich noch lange haben. Ich genieße meine Freiheit, solange mir das Spaß macht. Und es macht mir sogar viel Spaß!« Jetzt kicherte Rica wie ein Teenager. »Wenn du Frederik Kampen siehst, wirst du mir recht geben. Er ist ein Mann, für den sich jede Sünde lohnt. Klingt abgegriffen, trifft aber auf ihn zu. Sieht verdammt gut aus, der Junge.«
»Wenn er in China arbeitet und lebt, werde ich ihn kaum zu sehen bekommen. Wie hast du ihn überhaupt kennengelernt?« Iris gab ihre Bestellung auf und lehnte sich dann entspannt zurück. Sie war in allen Dingen viel vernünftiger und besonnener als ihre Freundin.
Rica schätzte das an ihr. Sie mochte auch Iris’ Offenheit und ihre Zuverlässigkeit. »Am Flughafen. Wir wollten beide nach München. Er, um seine Mutter zu besuchen, ich, um ein paar neue Klamotten zu kaufen. Der Flug wurde um vier Stunden verschoben, weil mal wieder gestreikt wurde. Also saßen wir im First-Class-Warteraum und unterhielten uns. Du wirst es nicht glauben, es hat sofort gefunkt. Einfach klasse. Die vier Stunden vergingen wie wenige Minuten. Natürlich haben wir uns verabredet und sind in München miteinander ausgegangen. Dabei hat er mich dann nach Peking eingeladen.« Rica strahlte wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum.
»Fliegst du hin?« fragte Iris ein wenig distanziert.
»Logo. Und du kommst mit.«
»Wie stellst du dir das vor?« Iris schüttelte den Kopf mit dem kurzgeschnittenen dunklen Haar. »Ich bin nicht so unabhängig wie du. Zum einen habe ich meinen Job, zum anderen kann ich Jürgen nicht einfach allein lassen.«
»Moment mal. Zum einen steht dir Urlaub zu, und zum anderen kommt Jürgen auch mal ohne dich aus. Mein Gott, wie lange bist du denn schon mit diesem Computerfritzen zusammen?«
»Seit zehn Jahren«, antwortete Iris nicht ohne Stolz. Für sie war die Beständigkeit einer Beziehung ungeheuer wichtig.
Rica blies die Backen auf, daß sie aussah wie ein blondgelocktes Barockengelchen. »Mann, daß du das aushältst! Nichts gegen deine Gefühle, aber ich finde Jürgen reichlich farblos und langweilig. Er mag vielleicht ein guter EDV-Spezialist sein, aber von Frauen hat er null Ahnung.«
»Du meinst, weil er noch nie versucht hat, mit dir anzubändeln?« amüsierte sich Iris. »Ich mag ihn, und unsere Beziehung ist völlig in Ordnung.« So ganz sicher war sich Iris allerdings nicht. Neuerdings hatten sie häufig Meinungsverschiedenheiten. Doch darüber und vor allen Dingen über den Grund ihrer Streitigkeiten mochte Iris mit Rica nicht reden. Sie war viel zu oberflächlich und würde sie ohnehin nicht verstehen.
»Manchmal kommst du mir vor wie eine brave Ehefrau aus dem vergangenen Jahrhundert. Etwas grau, etwas verstaubt, aber würdevoll. Diese Masche ist so was von antiquiert! Warum brichst du nicht endlich aus und gestaltest dein Leben so wie es dir paßt? Ohne an Jürgen zu denken, ohne Rücksicht auf die Meinung deiner Kollegen zu nehmen?«
»In dieser Hinsicht sind wir grundverschieden. Also brauchen wir auch nicht darüber diskutieren.«
Das Essen wurde serviert, und Rica beschäftigte sich sofort mit dem Hummer auf ihrem Teller.
»Du kommst mit nach Peking. Basta«, bestimmte sie.
Iris betrachtete ihren Salat, auf den sie keinen Appetit mehr hatte. »Ich kann nicht«, behauptete sie wenig überzeugend.
»Das gibt’s doch nicht«, widersprach Rica mit vollem Mund.
»Wenn ich dich einmal um eine Gefälligkeit bitte, solltest du nicht nein sagen. Schließlich kennen wir uns schon seit unserer Sandkastenzeit. Die Penne haben wir gemeinsam hinter uns gebracht und die Diskonächte. Anfänglich haben wir auch die Studentenbude geteilt. Wir haben uns geschworen, daß diese Freundschaft ein ganzes Leben lang Bestand haben soll.«
»Was spricht dagegen? Wir bleiben Freundinnen, auch wenn du allein nach Peking fliegst.«
»Das will ich aber nicht«, beharrte Rica, eigensinnig wie ein verzogenes Gör. »Wie soll ich denn diesen langweiligen Flug überstehen? Außerdem hasse ich die Formalitäten, die damit verbunden sind. Dir liegt das alles besser. Bitte, Iri, sei nicht so stur.« Iri, diese Abkürzung erinnerte an die Kinderzeit, als sie gemeinsam so manches Abenteuer bestanden. »Du nimmst dir Urlaub und erklärst deinem Jürgen, daß er sich in den nächsten zwei Wochen sein Essen selbst kochen muß. Das schadet dem überhaupt nichts. Der führt sich ohnehin auf wie ein Pascha.«
Iris unterdrückte einen Seufzer. Vielleicht hatte Rica tatsächlich recht, und es würde ihr Spaß machen, wieder einmal ohne ihren Freund etwas zu unternehmen. »Peking kennenzulernen würde mich tatsächlich reizen«, räumte sie zögernd ein.
»Ich hab’s doch gewußt.« Rica triumphierte. »Du wirst sehen, es gefällt dir. Du übernimmst die Organisation, und ich komme für die Kosten auf. Das Hotelzimmer lassen wir über Frederik buchen. Er kennt sich aus.« Rica legte das Besteck weg und rieb sich voll Vorfreude die Hände. »Du, ich bin schon ganz aufgeregt. Du und ich in Peking, das wird spitze! Von Frederik ganz abgesehen. Was sich da ergibt, bleibt abzuwarten.« Rica schloß kurz die Augen und atmete tief ein.
Iris war skeptisch. Nicht nur was Ricas Verhältnis zu ihrem neuen Freund betraf, sondern überhaupt.
*
Es wurde gerade dunkel, als Iris in die gemütliche Dreizimmerwohnung kam, die sie seit zwei Jahren zusammen mit Jürgen bewohnte.
In dem Raum, den Iris gern als Kinderzimmer eingerichtet hätte, befand sich das Arbeitszimmer ihres Freundes. Eine Menge technischer Geräte gab es hier, Steckerleisten und Kabel. Schaltpläne hingen an den Wänden, und auf den Regalen lagen Stapel von Fachzeitschriften, mit denen nur Computer-Freaks etwas anfangen konnten.
Die Arbeitslampe brannte, Jürgen beugte sich über eine Platte mit unzähligen Lötstellen und kontrollierte mit einem Gerät, ob alle Punkte korrekt miteinander verbunden waren. Er sah nicht von seiner Arbeit auf, als Iris den Raum betrat.
»Später geworden?« fragte er nur.
»Ich war noch mit Rica zum Essen wie jeden Mittwoch.« Iris fand, daß Jürgen ihre wöchentliche Verabredung eigentlich hätte kennen müssen. Interessierte er sich so wenig für sie und ihre Gewohnheiten?
Es war nicht das erste Mal, daß kritische Gedanken sich in ihre Empfindungen schlichen. Sie versuchte, diese Überlegungen gleich wieder zu vergessen, doch sie kamen immer häufiger zurück.
»Ich verstehe nicht, was du an ihr findest. Sie ist oberflächlich, faul und vergnügungssüchtig«, brummte Jürgen ohne sich umzuwenden.
»Sie ist aber auch anhänglich, lustig und voll guter Einfälle. Wir lachen viel, wenn wir beisammen sind, erzählen von unserer Schulzeit und von unseren ersten Schwärmereien.«
»Ist doch kindisch.« Jürgen unterbrach seine Arbeit auch jetzt nicht.
Iris war hinter ihn getreten, beugte sich hinab und küßte ihn auf die Wange.
Jürgen reagierte nicht darauf. Er setzte weder die Vergrößerungsbrille ab, noch hob er den Kopf.
Eine liebevolle Begrüßung war das auf alle Fälle nicht. Vielleicht hatte Rica recht, wenn sie behauptete, daß Jürgen langweilig sei. Überhaupt war die Leidenschaft in all den Jahren aus ihrer Beziehung langsam verschwunden. Mehr oder weniger war ihr Zusammenleben von der Gewohnheit bestimmt. Jürgen war bequem geworden. Er schätzte es, von Iris bedient zu werden. Das war etwas, das Rica niemals tun würde.
Nachdenklich richtete sich Iris auf. »Hast du schon etwas gegessen?« fragte sie in dem Bewußtsein, daß sie hier überflüssig war. In Jürgens Reich durfte sie nichts berühren, weil alles hochkompliziert und empfindlich war.
»Nein, ich dachte, daß du etwas richtest. Ich habe Werner versprochen, seine Anlage wieder funktionsfähig zu machen. Ist aber gar nicht so einfach. Ich habe noch Stunden hier zu tun.«
»Heute ist es Werners Anlage, gestern war es die von Christoph und morgen reparierst du den Rechner von Andreas. Wir haben nie mehr Zeit füreinander. Vermißt du nicht etwas?«
»Können wir bitte später darüber reden? Ich habe hier zu arbeiten.« Jürgen Gersmeier fühlte sich im Recht. Schließlich brachten diese abendliche Basteleien etwas Geld in die Haushaltskasse.
Iris war neuerdings anderer Ansicht. Sie fand, daß diese zusätzlichen Einnahmen nicht gebraucht wurden, denn sie verdienten beide gut. Viel wichtiger wäre es ihr gewesen, manchmal gemeinsam etwas zu unternehmen. Doch dafür hatte Jürgen kein Verständnis. Bisher hatte sie das wortlos akzeptiert. Doch seit Rica sie auf diesen Mangel aufmerksam gemacht hatte, dachte sie etwas anders darüber.
Stumm begab sich Iris in die Küche, briet ein Steak für Jürgen und schob einige Brötchen in
den Backofen, um sie ihm später knusprig zu servieren. Als der Geruch des gebratenen Fleischs durch die Wohnung zog, kam er, um sich in der Eßecke niederzulassen.
»Riecht gut«, murmelte er zufrieden. Er fand es selbstverständlich, daß ein Teller vor ihm stand, das Besteck daneben lag und das Glas von Iris gefüllt wurde. Gewohnheitsmäßig fing er an zu essen. Dabei fiel ihm gar nicht auf, daß Iris diese Mahlzeit nicht teilte.
»Ich finde, wir müßten ab und zu mal rausgehen. Vielleicht auch mal wegfahren…«
»Hm. Und wohin?« Jürgen hatte eine Computer-Zeitschrift neben sich und blätterte interessiert darin. »Da gibt es schon wieder eine ganz neue Druckergeneration. Leistungsfähiger, aber auch anfälliger.«
»Wozu darüber reden. Es interessiert dich ja doch nicht. Außer deinen Computern und den Internetseiten gibt es für dich nichts.«
»Dieser Technik gehört die Zukunft, auch wenn du es nicht glaubst.« Jürgen blätterte weiter.
»Und wem gehört unsere ganz persönliche Zukunft?« Leise und sehnsüchtig kam diese Frage über die Lippen der jungen Frau.
Jürgen reagierte völlig unsensibel. »Wenn du damit wieder einmal auf das Baby anspielst, das du dir wünscht, antworte ich dir mit denselben Worten wie schon mehrmals zuvor: Ich lehne es ab, einen Beitrag zur Überbevölkerung unserer Welt zu leisten. Wir sind schon jetzt viel zu viele, und es wird in einer Katastrophe enden, wenn wir das Wachstum nicht endlich in den Griff bekommen. Täglich verhungern Tausende von Kindern, weil sie nicht genug zu essen haben. Willst du dieses Elend noch vermehren?«
»Wir könnten ja auch ein Kind adoptieren.« Iris legte ihre Hand vertrauensvoll auf den Arm des Freundes. »Für diesen Fall gilt dein Argument nicht. Wir würden mithelfen, das Leid der hungernden Kinder zu lindern.«
Jürgen schnaubte unwillig. »Laß uns damit noch warten. Mir gefällt unser Leben wie es ist, ich brauche keine Veränderung.«
»Hör zu, ich bin einunddreißig. Als meine Mutter so alt war, ging ich schon zur Schule.«
»Und? Du kannst ohne weiteres noch mit fünfzig ein Adoptionskind großziehen.«
»In zwanzig Jahren wirst du noch viel weniger dafür sein als jetzt«, vermutete Iris und sah Jürgen mißtrauisch von der Seite her an. Er war nur drei Jahre älter als sie und gab sich bequem wie ein Opa.
»Wer weiß. In zwanzig Jahren haben wir ein eigenes Haus mit Garten, und wir können es uns leisten, von meinem Verdienst zu leben. Schätzchen, solche Dinge müssen geplant werden, das verstehst du doch.«
»Ich weiß nicht.« Iris war unzufrieden. In diesem Moment war sie sich nicht sicher, ob sie Jürgen noch so liebte wie zu Beginn ihrer Beziehung. »Übrigens hat mir Rica angeboten, sie kostenfrei für mich nach Peking zu begleiten.«
Endlich sah Jürgen von seiner Lektüre auf. »Was willst du in Peking?« fragte er verblüfft. »Du hast ihr natürlich gesagt, daß du gar nicht daran denkst, ihre Gesellschafterin zu spielen.«
»Was würdest du sagen, wenn ich mich einverstanden erklärt hätte?«
»Das ist doch Quatsch«, maulte Jürgen kopfschüttelnd. »Du wirst in der Redaktion gebraucht, und du willst mich doch nicht im Stich lassen. Iris, ich brauche dich.«
»Wozu? Welche Neuerungen es auf dem Computermarkt gibt, kannst du auch deinen Kollegen erzählen. Im übrigen sitzt du über deiner Arbeit und willst nicht gestört werden.«
Jürgen aß gelassen weiter. »Ich mache das alles nur für uns, für dich, Iris.«
»Morgen werde ich einen Urlaubsschein ausschreiben.«
