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Als Captain John Mayweather seinen Rundgang übers Gelände der Naval Base von San Diego macht, gibt es zunächst keine besonderen Vorkommnisse. Doch dann sticht ihm die orange blinkende Kontrollleuchte an der Lichtschranke zum Delfin-Trainingscenter ins Auge. Als er sich zum Wasserbecken mit den aufgeregt umherspringenden Meeressäugern begibt, erkennt er mit Schrecken: Willie ist fort! Er muss entführt worden sein, da die Anlage keinen Zugang zum Meer hat.
Mayweather weiß, dass das Verschwinden seines hochintelligenten Schützlings unabsehbare Folgen haben kann. Willie gehört zum Geheimprojekt UFO-Protect. Ein Trupp Marines macht sich sofort auf die Suche, und Mayweather informiert auch Senator Campbell. Da sich für ihn der Verdacht erhärtet, dass hier außerirdische Kräfte am Werk sind, entsendet er Cliff und Judy zur Suchmannschaft. Vor der Isla Santa Barbara finden sie den Zugang zu einer fremden Station ...
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Delfin auf Abwegen
UFO-Archiv
Vorschau
Impressum
Arndt Ellmer
Delfin auf Abwegen
Naval Base Coronado
San Diego, Kalifornien, 14. März 2023, 07:20 Uhr
»Guten Morgen, Captain!«
»Morgen, Junior. Wie sieht's aus?«
»Keine besonderen Vorkommnisse. Die Rekruten schlafen wie die Murmeltiere. Ich wäre froh, unsere Kleinen würden sich eine Scheibe davon abschneiden.«
»Die Zwillinge«, ergänzte Captain Mayweather nickend. »Mit der Zeit legt sich das. So ab dem achten Monat.«
»Ich hoffe es!«, meinte Junior Lieutenant Updike skeptisch.
John Mayweather salutierte und ging weiter. Bis er abrupt verharrte, den Blick auf das orangene Licht gerichtet, das am Eingang des Geheges aufblinkte.
Eindringlingsalarm! Verdammt, was war da los?
Normalerweise leuchtete die Lampe blau.
Der Captain aktivierte daher das Funkgerät in seiner Brusttasche.
»Mayweather an Zentrale. Was gibt es?«
»Die Sensoren melden eine leichte Unruhe bei den Rekruten. Bisher ist keine Ursache zu erkennen.«
Oder handelt es sich mal wieder um einen Fehlalarm?, grübelte der Captain. Bei der ganzen Technik hier kann das durchaus vorkommen. Das haben wir gleich.
Dennoch sah man John Mayweather die leise Vorahnung an, dass etwas nicht stimmte.
»Meldet euch, sobald es eine Veränderung gibt.«
Die Lichtschranke beim Trainingscenter zeichnete einen flüchtigen Strich auf seinen Overall, als er sie durchquerte.
Ein halbes Dutzend Kontrollen ließ der Captain auf seinem Weg über sich ergehen. Dies war allerdings auch nichts Ungewöhnliches, denn die Anlage gehörte zum Hochsicherheitstrakt des Navy-Stützpunktes von San Diego.
Mayweather eilte die Treppe zum Steg hinauf. Hier oben hatte er eine gute Aussicht über das gesamte Gelände, bis hinüber zu den Piers der Basis.
An Pier 8 hatte vor vier Monaten die USS PORTLAND angelegt, auf deren Welldeck sich die Orion-Kapsel befand.
Captain Mayweather hatte ihr natürlich einen Besuch abgestattet und die Kapsel besichtigt, die als Erste nach fünfzig Jahren den Mond umrundet hatte.
Die Kollegen aus dem Astronautenteam bereiteten sich mittlerweile in Pasadena und Huntsville auf die nächste Mondlandung vor.
Er, Captain John Mayweather, gehörte selbstverständlich dazu. Nicht in der schwerelos-schwebenden Zunft, aber in der schwimmenden.
Und das, wofür er seine Rekruten ausbildete, würde in nicht allzu ferner Zukunft den wissenschaftlichen Fortschritt der Menschheit entscheidend voranbringen.
Welt, lass dich umarmen und das Universum gleich mit.
Für sich persönlich hatte Mayweather eine Zielmarke gesetzt: Wasser für den Mars.
»Die Unruhe nimmt zu!«, meldete die Zentrale.
Mayweather schreckte auf und lief in langen Schritten über den Steg bis zur Aufzugstür. In deren Glasscheibe konnte er deutlich sein Spiegelbild sehen. Dann fiel ihm plötzlich auf, dass das Schiffchen auf seinem Kopf schief saß. Er wollte es schnell zurechtrücken, hielt dann aber inne und stellte fest, dass es vielmehr die »Uferlinie« seiner Frisur war, die nicht stimmte. Bei nächster Gelegenheit wollte er daher mit seinem Friseur ein ernstes Wörtchen reden.
Im nächsten Moment glitt die Schiebetür des Aufzugs zur Seite. Mayweather trat ein und drückte den Knopf für die zweite Etage. Augenblicke später wich der Boden nach unten weg, und die Kabine fuhr den Kellern entgegen.
Das erste Tiefgeschoss beherbergte die Depots für Lebensmittel, Bettgestelle, Wasserpumpen und eine Halle voller Beatmungsgeräte. Im zweiten lag sein tägliches Ziel, sein Arbeitsplatz. Technisches Equipment half ihm bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben.
Unten angekommen verließ Mayweather den Aufzug. Die Bewegungsmelder im Korridor registrierten seine Ankunft und schalteten das Licht ein.
»Statusmeldung!«, sagte er ins Mikrofon.
»Status indifferent. Der Lärmpegel pendelt sich auf einem einheitlichen Niveau ein. Wir können an den Bildschirmen der Fernüberwachung jedoch nicht erkennen, was los ist.«
Captain Mayweather hörte den Lärm jetzt auch, denn die Tür zur Schleuse öffnete sich. Die von Feuchtigkeit geschwängerte Luft drang in den Korridor und verstärkte die Geräusche in der Halle. Um Mayweather herum tobte ein Lärmorkan.
Mit wenigen Sätzen überwand er die letzten Meter und stand im nächsten Augenblick auf der Galerie der Halle, die rings um das Areal führte. Drei Meter unter ihm erstreckte sich das Trainingsbecken mit Sims.
Die Rekruten tobten darin. Er sah Körperspitzen und breite Segel, langgestreckte, gewölbte Rümpfe, und immer wieder dazwischen Augen. Große Augen, kleine Augen ...
»Hallo Freunde«, begrüßte der Captain sie wie jeden Morgen.
An ihren Bewegungen erkannte er allerdings, dass sie anders reagierten als sonst. Sie legten sich flach aufs kühle Nass und wedelten mit den Schwanzflossen. Sie peitschten das Wasser hoch, schlugen noch einmal darauf, und ehe der Captain sich versah, traf ihn eine große Lache. Zielen konnten sie jedenfalls gut.
Mayweather wischte sich das Wasser aus dem Gesicht.
»Langsam, Freunde!«, rief er.
Sie schienen ihn dennoch nicht zu hören oder nicht hören zu wollen. Sie sprangen wild durcheinander in die Höhe, bildeten Knäuel und klatschten zurück ins Trainingsbecken. Ihre aufgeregten Bewegungen nahmen zu, sie wurden immer schneller.
Mayweather konnte bald ihre Körper nicht mehr unterscheiden. Die Muster ihrer Haut verschwammen ineinander. Eine Mauer aus hellem und dunklem Grau türmte sich vor ihm auf.
Er stand vor einem Gebirge, das sich auf- und abbewegte und kein Ende fand. Ein paar Augenblicke war er ratlos. Was bedeutete das Verhalten der Meeressäuger? Sie wollten ihm etwas mitteilen, klar. Aber worum ging es?
Der Captain kam nicht darauf und zog entschlossen die kleine blaue Pfeife aus der Brusttasche. Mit ihr übermittelte er ihnen eine Signalfolge im Ultraschallbereich, für ihn unhörbar, für die Rekruten deutlich zu verstehen.
Das graue Gebirge zerfiel und erhielt klare Konturen. Säulen kristallisierten sich heraus, alle 2,50 bis 3 Meter hoch, mit glatter Haut in voneinander abweichenden Farbmustern. Der Lärm, den sie veranstaltet hatten, verebbte schlagartig. Es wurde still bis auf das Wapp-Wapp-Wapp der Schwanzflossen, mit denen sie sich in Position hielten.
Besser als meine Rekruten können die Matrosen der Navy Base auch nicht strammstehen, dachte Mayweather amüsiert. Er setzte die Pfeife ab und beschrieb mit dem rechten Arm ein Fragezeichen. Was ist los?
»I-i«, erklang die einstimmige Antwort. »I-i, i-i ...«
»Ich schlage vor, ihr frühstückt erst einmal«, sagte Mayweather. Lag es daran? Hatten sie Hunger? Wohl eher nicht.
Sie hatten ihre letzte Mahlzeit schließlich pünktlich erhalten. Die Delfine der Staffel 8 konnten daher unmöglich hungrig sein.
Er versuchte es noch einmal. »Was meint ihr?«
»I-i.«
Zehnmal wiederholten sie es. Er sah ihnen zu, wie sie ihre Seitenflossen ausstreckten und sich gegenseitig berührten. Sie bildeten eine Kette über der Wasseroberfläche.
Mayweather kannte die Methoden ihrer Verständigung und sah ein, dass er dennoch nichts verstanden hatte. Er musste stärker auf die Bewegungen achten, die sie machten. Womöglich enthielten sie eine Botschaft für ihn.
Beim nächsten Versuch zählte er mit. Flosse an Flosse. Eins bis Neun. Nun schien es endlich klar zu sein.
Die Delfine sanken zurück ins Wasser. Sie warteten, bis bei ihm der Groschen fiel. John Mayweather schlug sich an die Stirn.
»Wo ist Willie?«
»I-i«, kam das Echo. »I-i!«
Der Captain spürte Hitze in sich aufsteigen. Was er jetzt tat, nannten die Matrosen auf den Schiffen Dreißig-Knoten-Koller.
Er rannte hinüber zum Terminal. Mit fliegenden Fingern rief er die Daten auf dem Computer auf. Alles stimmte. Die Fütterungszeiten, die aufgenommene Nahrung, die Vitalwerte ... Sie bestätigten allesamt die Anwesenheit von zehn Rekruten. Staffel 8 war vollzählig anwesend, auch beim letzten Happen zu Beginn der Schlafenszeit ...
Die Bildschirme an der Wand zeigten Bilder aus allen Schlafbecken und Reinigungsräumen. Kein Delfin hielt sich versteckt.
Zusammen mit dem aufgeregten Verhalten der übrigen Rekruten blieb für John Mayweather jetzt nur eine Schlussfolgerung: Willie fehlte!
Mayweather löste Alarm aus. Der abgeschirmte und unauffällige Sektor der Naval Base erwachte zum Leben. Nach außen hin unauffällig – alles blieb ruhig – erhöhten sich die Energielevel um zwanzig Prozent.
»Captain, was ist los?«, drang eine sonore Stimme aus den Lautsprechern. Sie gehörte Finnegan, dem Funker des Admirals.
»Ein Delfin ist verschwunden«, erwiderte Mayweather betrübt. »Name Willie, Anführer der achten Staffel.«
Finnegans Stimme klang plötzlich belustigt. »Hat sich wohl in Rauch aufgelöst oder besser in Wasser.«
»Alarmstufe Rot!«, entgegnete Captain Mayweather mit Nachdruck. Irgendwie würde er den Schnösel schon noch zur Räson bringen.
»Das – ist – nicht – Ihr Ernst!«
»Informieren Sie endlich den Admiral!«
Der Adjutant winkte ihn durch. Mayweather trat ein und blieb in der Nähe der Tür stehen.
Die anwesenden Offiziere blickten auf die Gestalt in der Mitte des Saals. Der Captain sah den Admiral bloß von hinten. Er war groß, breitschultrig, und man konnte regelrecht von einem Kleiderschrank in Uniform sprechen.
Das war also der Neue. Admiral Montescue, seit einer Woche Kommandeur der Navy Base Coronado, Herrscher über ein Imperium von etlichen Quadratkilometern an der Pazifikküste.
Der Adjutant folgte Mayweather in den Saal und ging zu Montescue. Er salutierte. Der Admiral rührte sich keinen Millimeter von der Stelle. Halblaut sagte er »Danke!« und »Abtreten!«
Captain Mayweather wartete, während sich die Minuten endlos zu dehnen schienen. Innere Unruhe befiel ihn, in seinen Beinen kribbelte es. Ihm lief die Zeit davon, wenn Montescue nicht endlich zur Sache kam.
Eine Stimme meldete durch einen an der Wand installierten Lautsprecher die Auswertung der Videoüberwachung. Der Captain hätte das Gesagte nicht besser erläutern können.
Wieder nickte der Admiral. Und diesmal bewegte sich der Schrank mehr als zuvor. Er drehte sich schwerfällig um seine Vertikalachse, bis sein Gesicht in Mayweathers Richtung zeigte. Der salutierte ziemlich hastig.
»So schlimm, Captain?«
»Ja, Sir! Die Schwimmbecken und Trainingskanäle sind ausbruchssicher. Von der Steilküste her wird das auch nichts. Es gibt keine Spur, ich habe keine Idee, wohin der Delfin verschwunden sein könnte.«
»Ausbruchssicher, sagen Sie, hm ...«
»Ja, Sir!«
Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Um die Base zu verlassen, hätte Willie fliegen müssen.
»Hoffen wir mal, dass niemand ihn herausgeholt hat!«, raunte Montescue mit einem eindringlichen Unterton. »Und wenn, müssten wir uns fragen, wer es war und warum. Und wie!«
»Selbstverständlich, Sir. Ich bitte Sie um Suchtrupps in der Base und Patrouillen außerhalb.«
»Genehmigt. Schlagen Sie vor, wie wir vorgehen sollen.«
»Schleppnetzfahndung.«
»Genehmigt. Wegtreten!«
Wieder salutierte Mayweather und folgte Montescue zum Ausgang, bis letzterer sich plötzlich umdrehte.
»Captain!«, ertönte nun die Stimme des Admirals und besaß einen fast magnetischen Anklang. Sie bannte John Mayweather an die Stelle, wo er stand.
»Ja, Admiral?«
»Was steckt dahinter? Welchen Grund könnte jemand haben, Willie zu entführen?«
»Möglicherweise hängt es damit zusammen, dass Willie der Anführer von Staffel 8 und intelligenter als seine Artgenossen ist.«
»Wie intelligent?«
Da war sie, die Frage aller Fragen, deren Antwort vieles entscheiden konnte. Ob Delfine weiterhin als Spione für die Navy eingesetzt werden durften oder wie es in Fernost bereits geschehen war, als lebende Bomben. Mayweather sträubte sich gegen Brutalität dieser Art mit ihrem bekanntermaßen zweifelhaften Effekt.
Seine Delfine trainierten für Forschungseinsätze und für den Erhalt des Planeten. In einer der anderen Schulen an der Atlantikküste Floridas gab es ein paar Spezialisten für die Erderwärmung.
»Meine Frage!«, erinnerte der Admiral ihn.
»Willie kooperiert mit mir und den Matrosen, die für die Versorgung der Staffel zuständig sind, Sir!« Das war eine knappe, aber dennoch klare Aussage.
»Ausschwärmen! Kreuzer und Schlauchboote aufs Wasser, LKW-Patrouillen auf alle Straßen. Ein Delfin kann sich nicht einfach in Luft auflösen und erst recht nicht in Wasser.«
Der Seitenhieb galt Finnegan, dem Funker, der sich im Sessel klein machte.
John Mayweather versuchte seine Gedanken auf die Reihe zu bekommen. Die Auswertung der Delfin-Daten zum Vergleich aller Individuen, die hier auf der Naval Base untergebracht waren, hatte immer einen Vorsprung für Willie attestiert. Die Ergebnisse waren so eindeutig und unmissverständlich gewesen, dass sich schnell die Bezeichnung »Individuen« für die Tiere des Meeres eingebürgert hatte. Die Evolution hatte aus den Säugetieren durch Anpassung neue Wesen gemacht oder besser gesagt ähnliche Wesen für neue Gegebenheiten. Fische waren die Delfine und Wale nie gewesen.
Der Captain hätte zu gerne gewusst, was in Montescues Kopf vorging. Welches Wissen besaß er? Wie würde er entscheiden, wenn es um das Leben der Delfine ging?
Rekruten waren sie oder vielmehr Schutzbefohlene!
»Mayweather!«
»Ja, Sir?« Der Captain hatte inzwischen wieder die Tür erreicht und beabsichtigte, ins Trainingszentrum zurückzukehren.
»Sie übernehmen das Kommando über die Einsatzkräfte im Umkreis von zwanzig Meilen um die Basis.«
»Aye!«
»Was außerhalb liegt, untersteht Major Gonzalo Silva. Um die Lage hier in der Naval Base kümmere ich mich selbst.«
In der Bay herrschte für kurze Zeit ein unübersichtliches Durcheinander. Die Zahl der Patrouillenboote verdreifachte sich.
Die Fähren zwischen der Halbinsel und dem Festland verließen ihren vorgegebenen Kurs, bewegten sich in Bögen und Halbkreisen durchs Wasser. Deren Kapitäne hassten das, denn die ständig wechselnden Angaben aus dem Lotsenzentrum trieben sie nach und nach in den Wahnsinn.
Zwei Zerstörer liefen ebenfalls aus. Sie waren bis an die »Zähne« bewaffnet. Um den Wendebogen zu passieren, brauchten sie eine Viertelstunde. In dieser Zeit wählte sich Mayweathers Funkgerät achtmal in das Überwachungsnetz ein. Bei Stufe 1 fing es an, kletterte höher und höher und erreichte mit Stufe 6 den zweithöchsten Rang. Die Frequenzwechsler machten dabei praktisch Überstunden.
John Mayweather quittierte es mit einem Zähneknirschen. Rang 2 ließ sich gerade noch ertragen, Rang 1 bedeutete die höchstmögliche Katastrophenstufe, gleichbedeutend mit Weltuntergang.
»CapCom* an alle zugeordneten Einheiten«, meldete er sich auf Frequenz Alpha-2. »Wir bilden eine Kette entlang der mexikanischen Grenze. Haltet Sichtweite zwischen den Fahrzeugen. Geräte im Dauerfunk. Abraham hält die Straßen an der Grenze für besonders gefährlich.«
Mayweather stimmte der Einschätzung des Computersystems zu. Über die mexikanische Grenze kamen nämlich neben legalen Einwanderern auch Kriminelle in die Vereinigten Staaten, wenn ihnen eine Überquerung des Zauns oder der Schutzmauer gelang.
Die Grenzbefestigung führte bis ins Wasser der Bucht. Insofern konnte sich jemand nur mit viel Raffinesse dorthin begeben und mit dem Delfin untertauchen. Völlig schleierhaft erschien es Mayweather hingegen, wie der Delfin aus dem Trainingsgebäude und der teilweise unterirdisch verlaufenden Anlage der Navy entkommen war.
Die Frage, wohin Willie von seinen Entführern gebracht worden war, ließ sich dadurch nicht beantworten.
Der Ansatz der Suche musste ein anderer sein. Ein Delfin hinterließ jedoch nicht viele Spuren. Weder an Land noch im Wasser.
»CapCom an alle«, sagte Mayweather. »Stellt die Pick-ups mit den Fußtruppen bereit. Achtung, wie viele Kleinbusse mit Steuerkonsolen für Drohnen sind vorhanden?«
»Vierzig, Captain.« Das war die Stimme von Montescue. »Das sollte ausreichen. Ansonsten bekommen wir Unterstützung von der San Diego Police.«
»Danke, Admiral.«
Kurz darauf erhielt er die letzten Klarmeldungen der Truppen. Alle waren auf ihren Posten und startklar für das Ausschwärmen um die Basis.
John Mayweather eilte hinaus. Draußen rollten Trucks mit mittelschwerer und schwerer Bewaffnung. Um weniger Aufsehen zu erregen, hätten zwanzig gereicht, aber der Admiral bestand aus irgendeinem Grund auf der höchsten Sicherheitsstufe für den Delfin.
Captain Mayweather holte tief Luft und kehrte im Laufschritt in die Trainingshalle zurück.
Es war ruhig geworden. Wie jeden Morgen nach dem Frühstück zogen die Delfine ihre Kreise im Becken.
Als Mayweather eintraf, reihten sie sich hintereinander auf der Außenbahn auf und bewegten sich im Uhrzeigersinn. Neun Grazien waren es, Männchen und Weibchen gemischt und alle von derselben Eleganz, die ihrer Gattung seit jeher eigen war.
Der Captain zog die weiße Pfeife heraus und gab ein kurzes Signal ab. Die neun hielten an, ein ungewöhnlicher Anblick – kein Abbremsen mit Wellen und Luftblasen als Spuren. Sie lagen übergangslos still, als habe jemand den Film angehalten.
Captain Mayweather schritt an der Balustrade entlang, rund um das Becken. Das Aufwärmtraining begann jeden Morgen gewöhnlich mit Ballspielen. Bedienkonsolen im Abstand von jeweils zehn Metern erleichterten Mayweather den Einsatz des Spielzeugs.
Wasserball, Korbball, was noch? Seit Monaten gewann er immer wieder den Eindruck, als seien seine Rekruten unterfordert. Ihre Bewegungen variierten, aber sie waren einander ähnlich. Wie abgesprochen.
Synchronschwimmen, Wasserballett. Bei dem Gedanken sah er Badenixen in adretten Kostümen vor sich. Die Delfine konnten es besser. Ihre Bewegungen wirkten anmutiger und eleganter.
Er drückte einen Knopf. An der Decke über dem Becken öffneten sich daraufhin Klappen, aus denen Bälle fielen. Zehn Stück für neun Tänzer. Der überzählige fand einen Weg auf die Nasenspitze von Lobo, der ihn mit Schwung aus dem Becken kickte, herauf auf die Balustrade.
»I-i«, pfiff Lobo.
»Ja!«, rief Mayweather. »Das ist Willies Ball. I-i!«
Lobo erstarrte für einen Moment, krümmte sich dann nach unten, stieß pfeilschnell ins Wasser und tauchte unter dem Ball auf, der für ihn übrig war.
