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Am Laguna Niguel Lake entdecken Cliff und Judy seltsame Spuren im Sand. Es handelt sich um zwei fingerbreite Rillen, die parallel verlaufen und von hier aus entlang der Uferstraße bis ins San Fernando Valley führen. Sind Messungen für Fracking-Projekte vielleicht die Ursache? Oder hat jemand den See mit schwerem Gerät von Algen befreit?
Dass mehr dahintersteckt, wird den Bundesmarshals spätestens bewusst, als sie in die Nähe eines Ortes gelangen, wo sie vor zwei Monaten schon einmal waren: die Unterwasserstation bei Santa Barbara Island!
Hier treffen sie erneut auf die Professorin Denise Harding und den Delfin Willie. Doch diesmal richtet sich ihre Aufmerksamkeit vor allem auf das Pflanzengebilde im Aquarium der Station ...
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Die Mikromonteure
Leserseite
Vorschau
Impressum
Arndt Ellmer
Die Mikromonteure
Laguna Niguel Lake
Kalifornien, 06. Juni 2023, 14:17 Uhr
»Ausgerechnet hier«, murmelte Cliff und zeigte auf die eigenartigen Spuren im Sand. »Ich verstehe das nicht.«
Judy nickte. »Die Abdrücke sind zu klein, als dass sie von Menschen sein könnten, aber es muss doch eine Erklärung dafür geben. Und dann diese Rillen ... Für mich sieht es so aus, als hätte jemand etwas Schweres hinter sich hergezogen. Aber mit so kleinen Füßen?«
Cliff Conroy schüttelte den Kopf. »Das passt einfach nicht zusammen.«
»Da vorne verlaufen die Rillen weiter!«, fuhr Judy Davenport fort und deutete voraus. »Vielleicht sollten wir die Uferstraße entlanggehen!«
Auf den ersten Blick ergaben die Spuren für die Bundesmarshals keinen Sinn. Und doch sollte so viel mehr dahinterstecken, als sie zu diesem Zeitpunkt ahnten ...
Zwei parallele, fingerbreite Rillen verliefen im Sand neben der Uferstraße her. Ihr Abstand zueinander war überall gleich.
Cliff Conroy schätzte ihn auf zwanzig Zentimeter. Die Rillen führten meist geradeaus oder beschrieben Kurven, wenn das Gelände es erforderlich machte.
Cliff verglich sie mit den Bildern, die der Sheriff von Elsinore ihnen geschickt hatte. Sie waren identisch.
Judy hatte nun plötzlich einen Verdacht, wo die Spuren herrühren könnten. Fracking wurde hier in der Region praktiziert. Da gab es ganz ähnliche Rillen. Sie entstanden, wenn jemand Messwagen oder mobile Sonden über den Boden bewegte.
»Fracking«, sagte sie. »Wir bewegen uns innerhalb der kalifornischen Fracking-Zone.«
Cliff überquerte den Uferweg und kletterte zwischen die Felsbrocken und Grasbüschel.
»Da sind noch andere Spuren, Judy!«
Im Sand gab es Abdrücke kleiner Schuhe. Winziger Schuhe.
»Zu schmal für Babys, Cliff. Es sind Puppenschuhe.«
Die beiden Bundesmarshals sahen sich kurz an.
»Puppen beim Spaziergang an der Mündung des Sulphur Creeks«, sinnierte Cliff. »Siehst du da einen Zusammenhang?«
Zwei Tage zuvor
Highway 17, kurz hinter Black Canyon City
Kalifornien, 04. Juni 2023, 06:35 Uhr
Die schroffen Gipfel der Rockies und die sandigen Hochebenen und Hänge der Wüste Arizonas bildeten eine unheilige Einheit. Es war schwer, den Anblick zehn Stunden lang zu ertragen.
Der Gedanke, dass in dieser Gegend früher große indigene Völker gelebt hatten, wollte Judy fast nicht in den Kopf. Und doch war es so.
Sie fuhren mit dem Winnebago durch das frühere Apachengebiet.
Die Stämme der Mimbrenjos und der Mescaleros hatten hier gewohnt und gejagt. Der berühmteste Mescalero hieß: Winnetou.
Auch wenn der lediglich die Erfindung eines fantasievollen deutschen Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert namens Karl May gewesen war, der zum Zeitpunkt, als er die Figur Winnetou erschaffen hatte, die USA lediglich aus Büchern und Zeitschriften kannte.
In der heutigen Zeit betrug die Bevölkerung kaum ein Zehntel von damals.
Damals – das war Hochkultur, Technik und in Stein geschliffenes Know-how. Das meiste hatte der Zahn der Zeit zernagt. Ein paar Bruchstücke fanden sich ab und zu in den Bächen und Flüssen, wenn starke Regenfälle sie aus dem Erdreich lösten.
Jetzt, mitten im Sommer, lag ein dünner Film Sand in der Luft und legte sich aufs Dach des Winnebagos. Und selbstverständlich sammelte er sich auch auf dessen Scheiben. Nur die Heckscheibe war mehr oder minder frei.
Für klare Sicht hätten die Bundesmarshals wenden und im Rückwärtsgang weiterfahren müssen.
»Der Tag fängt ja schon gut an«, klagte Cliff und trommelte mit den Handballen gegen das Lenkrad.
»Ein paar Stunden noch, dann haben wir es hinter uns.«
Sie hatten im Black Canyon Campground die Nacht verbracht und waren mit dem ersten Licht des Morgens wieder aufgebrochen. Flagstaff hatten sie am Vortag schon passiert. Jetzt lag Phoenix in greifbarer Nähe vor ihnen.
Nach den Ereignissen der vergangenen zweieinhalb Monate waren sie froh, ein paar Tage festen Boden unter den Füßen zu haben. Kein Wasser von oben oder unten, keinen Ozean um sich herum. Ein paar Wochen ausspannen, Urlaub, die Seele und die Beine baumeln lassen, das brauchten sie nun. Die Ereignisse um James Miller und die zwei anderen verlorenen Kinder damals waren ihnen durchaus an die Nieren gegangen, sein spurloses Verschwinden jetzt nicht weniger*.
Die direkte Konfrontation mit McKay hatte Judy ebenso zugesetzt, sie wollte jetzt einfach nur ihre Ruhe.
Aber da gab es noch andere Menschen, die über ihre Freizeit verfügen zu können meinten ...
Im nächsten Augenblick klingelte das Smartphone.
Cliff nahm es aus der Brusttasche seiner Jacke und reichte es Judy. Sie schaltete es ein.
»Davenport!«
»Na, endlich!«, hörte sie diese Stimme, manchmal meistgeliebt, dann wieder meistgehasst. »Guten Morgen, Ms. Davenport. Hört Ihr Partner mit?«
»Ja. Guten Morgen, Senator!«
»Ich störe Sie nur ungern«, behauptete Campbell. Immer, wenn er so etwas sagte, kam es anschließend ganz dicke. »Nach den Vorgängen in Chillicothe, Columbus und den Hideaway Hills habe ich diesmal einen gänzlich anderen Auftrag für Sie. Der Schwerpunkt Ihrer Ermittlungen liegt ab sofort im Westen, an der Küste zwischen San Diego und Santa Barbara City.«
»Da waren wir schon.«
»Wem erzählen Sie das? Aber diesmal ermitteln Sie, ohne das man Sie bemerkt. Von ein paar wenigen Kontaktpersonen selbstverständlich abgesehen ...«
»Warum ist das erforderlich? Sind wir etwa einer erhöhten Gefahr ausgesetzt?«, hakte Cliff nach. »Worum geht es?«
»Das weiß ich selbst auch noch nicht so genau. Die Ausgangslage ist ziemlich verworren. Vielleicht haben die verschiedenen Vorfälle nicht viel zu bedeuten, und möglicherweise hängen sie nicht einmal miteinander zusammen. Aber die Vielzahl der Berichte meiner Informanten schreit förmlich nach Aufklärung. Ein völlig unklares Bild. Bringen Sie Licht ins Dunkel!«
»Geht es auch etwas präziser, Senator?«, erwiderte Cliff mit ironischem Unterton.
»Natürlich«, gab Campbell zurück. »Sie erhalten die benötigten Informationen auf dem üblichen Weg. Alles liegt auf dem UFO-AKTEN-Server. Das Stichwort lautet: Leprechaun.«
»Leprechaun«, wiederholte Cliff. »Verstanden. Und da Sie gerade San Diego erwähnt haben, wie geht es Willie?«
Eine Antwort auf diese Frage erhielten sie nicht, denn Campbell hatte bereits aufgelegt.
Die beiden Bundesmarshals sahen sich nun mit fragenden Blicken an, waren aber trotz allem zu neuen Taten bereit.
»Ich fahre schon mal den Computer hoch und rufe den Server auf«, sagte Judy. »Du kochst in der Zwischenzeit frischen Kaffee. Wie ich unseren Boss kenne, könnte die Sache länger dauern.«
Campbell hatte nicht zu viel versprochen. Zwischen den einzelnen Informationen schien es auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zu geben, aber der Senator würde seine Gründe haben, einen solchen zu vermuten. Schließlich schickte er seine Ermittler nicht zum Spaß auf die Jagd.
Leider neigte er dazu, mit Hintergrundinformationen zu geizen. Ein Umstand, der Cliff immer wieder verstimmte, obwohl er den Grund dafür nur allzu gut kannte und nachvollziehen konnte.
Es handelte sich um Sicherheitsvorkehrungen, um sie selbst und seine zahlreichen anderen informellen Mitarbeiter zu schützen. Wer nicht viel wusste, konnte auch nicht viel ausplaudern, selbst wenn er unter Druck geriet oder unvorsichtig agierte.
Trotzdem fühlte sich Cliff gelegentlich ausgenutzt und an der Nase herumgeführt. Mehr als einmal hatten sie Leib und Leben riskiert, um für ihren Auftraggeber die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Der Datenordner »Leprechaun« – ein Kobold aus der irischen Mythologie – umfasste vier Themenschwerpunkte. Erstens eine Häufung von UFO-Sichtungen westlich der Rockies im südlichen Kalifornien, einschließlich einiger angeblicher Abstürze, zweitens eine ganze Einbruchsserie in Spielzeugläden und Modellbaugeschäften, drittens zahlreiche Berichte über das Unwesen von Gnomen, Kobolden, Zwergen oder Heinzelmännchen und viertens merkwürdige, nach Westen führende Spuren, für die niemand eine Erklärung finden konnte.
Außer dass sie zu klein waren, als dass normale Menschen sie hätten hinterlassen können.
Um die UFO-Sichtungen sollten sie sich nicht kümmern. Den Job würden »andere Kräfte« übernehmen. Die Berichte dienten lediglich ihrer Information. Ihr Auftrag betraf die Punkte zwei bis vier.
»Uff!«, seufzte Cliff. »Ich frage mich immer wieder, wie es den Aliens gelingt, die unermesslichen Abgründe von Zeit und Raum zu durchqueren, um zu uns zu gelangen, nur um dann hier ständig Bruchlandungen hinzulegen.«
»Und ich frage mich, warum nie irgendwelche Wrackteile an die Öffentlichkeit gelangen, wenn so viele UFOs abstürzen. Ich meine, Fotos und Filme verschwinden zu lassen, Spuren zu beseitigen oder harmlose Erklärungen dafür zu fabrizieren, Augenzeugen einzuschüchtern, zu bestechen oder zu diskreditieren, das alles lässt sich irgendwie bewerkstelligen, aber ganze havarierte UFOs unauffällig beiseitezuräumen ...«
»Mein Reden«, bestätigte Cliff. »Aber konzentrieren wir uns lieber auf unseren aktuellen Auftrag. Wie sollen wir vorgehen?«
»Befragen wir die Einwohner vor Ort«, schlug Judy vor. »Unauffällig, wie der Boss gesagt hat. Am besten Straße für Straße.«
Cliff nickte. »Klar, wir klingeln an den Türen, verwickeln die Leute in Gespräche und versuchen, ihnen unbemerkt ein paar Informationen zu entlocken. Es dauert keine halbe Stunde, und wir finden uns auf einem Polizeirevier wieder.«
»Das ist das Stichwort zum Frühstück, Cliff. Wir fangen mit der Polizei an. Am besten in einer möglichst großen Stadt, wo viele Informationen zusammenlaufen.«
Eine solche Stadt lag in erreichbarer Nähe vor ihnen.
Phoenix.
Police Departement Glendale, Cactus Road
Kalifornien, 04. Juni 2023, 08:17 Uhr
Ausfahrt Glendale, sechs Seitenstraßen kreuzen, an der siebten lag das Ziel rechts.
Cliff bog ab und schwenkte links in die Zufahrt ein. Der Vorplatz war karg bemessen, er stellte den Winnebago deshalb parallel zum Randstein ab.
Das Parkareal besaß eine halbhohe Einfassungsmauer und eine senkrechte Scheibe aus verputztem Metall, die den Eingang zur Straße hin abdeckte.
»Das sieht gefährlich aus«, stellte Judy fest. »Wird hier so viel geschossen?«
»Die Grenze zu Mexiko ist nicht weit. Die Interstate führt direkt dorthin.«
Die Bundesmarshals gingen zur Tür aus halb durchsichtigem, verdunkeltem Glas. Es handelte sich um einen Sichtschutz, vermutlich war er kugelsicher.
Drinnen vermittelten verchromte Geländer die Atmosphäre einer Abfertigungshalle am Airport. Links zogen sich die Schalter entlang, waren hell ausgeleuchtet.
Hinter dicken Glasscheiben sahen sie ernste und fragende Gesichter. Rote Leuchtbuchstaben »on serve« vermittelten Cliff und Judy ein »besetzt«, die grünen hießen sinnigerweise »off serve«, also »frei«.
Sie wandten sich an den ersten grünen Schalter und streckten dem Officer ihre Dienstausweise entgegen.
»Bundesmarshals«, murmelte ihr Gegenüber vor sich hin, während es die Dokumente so beäugte.
Im nächsten Augenblick nahm der Mann in Uniform mit dem daran befestigten Namensschildchen »Girardo« Haltung an.
Cliff erzählte ihm nun, worum es ging.
Merkwürdige oder aufsehenerregende Vorfälle in der Gegend bis zur Küstenebene. Nichts Schwerkriminelles, also keine Schießereien, Banküberfälle oder Ähnliches. Der Schwerpunkt lag eher auf Einbrüchen in Spielzeuggeschäften, Hobby- und Bastelläden, verschwundenen Haustieren, Booten, Karren, Gespenstererscheinungen und merkwürdigen, unerklärlichen kleinen Spuren.
»My goodness«, sagte der Officer. »Wenn ihr Bundesmarshals in so was ermittelt, dann muss es schlimm sein. Ist die Mafia hier in der Region mal wieder mit ungeübten Neuzugängen unterwegs oder kleinere kriminelle Banden?«
»Viel schlimmer«, gab Cliff zurück. »Wir jagen kleine Sagengestalten, die häufig unsichtbar und sehr kleptomanisch veranlagt sind. Wobei sie es wie die meisten Kleptomanen gar nicht auf besonders wertvolle Gegenstände abgesehen haben. Hin und wieder hinterlassen sie ein paar Spuren, und da beginnt unser Job.«
»Aber doch hoffentlich keine Aliens? Himmel und Hölle. Warum habe ich mich nicht an die Ostküste versetzen lassen?«
»Dort ermitteln wir auch«, sagte Judy. »Und es ist nicht weniger schlimm als hier und am Golf. Außerdem, wer sagt denn, dass Aliens nicht ebenfalls winzig, unsichtbar und kleptomanisch verlangt sein können?«
Officer Girardo verdrehte die Augen und stand auf. »Kommen Sie mit in den Projektorraum. Unsere Spezialisten stellen gerade eine Landkarte zusammen, die den Anforderungen gerecht sein müsste.«
Er führte die beiden Bundesmarshals nun ans Ende des Ganges. Eine Schiebetür gab den Weg in einen Korridor frei. Hinter einer der Türen auf der rechten Seite lag der besagte Raum. Er besaß Kreisform. Rundherum flackerten unregelmäßig Bilder auf, die Projektionen von Berghängen, Wäldern und kahlen Klippen zeigten.
»Das sind Aufnahmen des Geländes auf der Ostseite des Vorgebirges«, erläuterte Girardo. »Es gibt viele Wege und Pfade, aber wenig geteerte Straßen. Am besten kommen Sie dort hoch zu Ross, also mit Pferden, voran. Sie können doch reiten, oder?«
Beide nickten. Über die wahren Künste im Sattel schwiegen sie sich lieber aus.
Girardo trat im nächsten Augenblick ans Pult in der Mitte des Raumes und drückte mehrere Tasten. Die Bilder verschwanden daraufhin und wichen einer Videoprojektion.
»In diesem Gebiet sind wir hauptsächlich mit Helis unterwegs und mit Drohnen. Hier wurden tatsächlich mehrere rätselhafte Spuren entdeckt, für die wir noch keine Erklärung finden konnten.«
Einer der Beamten im Hintergrund gab ihm halblaut eine Information. Die Projektion erwachte nun zum Leben, ließ die Bilder über die gewölbte Wand rasen und stoppte so abrupt, dass es Cliff und Judy leicht schwindelig wurde.
»Beobachtungen aus der Umgebung vom Lake Henshaw!« Girardo navigierte hektisch mit dem Trackball der ergonomischen Maus über die Projektionsfläche. »Die Gegend gehört zu den Palomar Mountains, liegt also außerhalb unserer Zone. Die Polizei von Pauma oder die von Rincon ist hierfür zuständig.«
»Weitere Meldungen liegen nicht vor?«, fragte Judy vorsichtig.
»Bisher nicht. Aber das ändert sich bestimmt in den nächsten Stunden.«
»Sind Sie sich sicher?«
»Erfahrungswerte, Ma'am! Wenn sich eine Meldung verbreitet, dann folgen hunderte auf dem Fuß. Jeder will dabei gewesen sein. Bestimmt können Sie sich vorstellen, wie diese Wesen aussehen.«
»Kommt darauf an, welche Sie meinen. Die unsichtbaren Heinzelmännchen oder die kleptomanischen Mini-Aliens?«
Der Polizist verdrehte erneut die Augen. »Bleiben wir bei Letzteren.«
»Das Foto eines solchen Wesens geistert seit 1947 durch die Presse«, konstatierte Cliff. »Seit jenem Vorfall bei der Area 51.«
»Und? Entspricht es den Tatsachen?«
»Schwer zu sagen.«
»Das ist so wie mit den Wolken am Himmel«, warf Judy ein. »Unser Gehirn glaubt, etwas Bestimmtes zu sehen, und es wird von Minute zu Minute deutlicher. Schäfchen, Kamele, manchmal Engel. Nach wenigen Minuten lösen sich die Bilder in Wohlgefallen auf.«
Officer Girardo kramte in seiner Hosentasche und zog ein Kärtchen heraus, offenbar hatte er noch etwas anderes zu tun.
»Meine Nummer. Für alle Fälle. Was die Einbrüche und Diebstähle betrifft, sollten Sie das lieber unseren Jungs überlassen. Das ist ihr tägliches Brot, und kein Job für einen Bundesmarshal. Aber sollten Sie trotzdem Fragen in dieser Hinsicht haben, wissen Sie, wie Sie mich erreichen können.«
Kurz darauf gaben sich die drei die Hand, und der Officer begleitete sie hinaus.
Zielstrebig ging Cliff nun zum Winnebago und holte zwei leere Plastikflaschen heraus, um sie am Trinkbrunnen mit Wasser zu befüllen. Dann reinigten sie die verdreckten Scheiben ihres mobilen Heims und füllten die Flaschen nochmals auf. Schließlich folgte ein letztes Winken hinüber zu Girardo, dann startete Cliff den Motor des Wohnmobils und lenkte es zurück auf die Straße.
Auf der Cactus Road ging es zur Interstate, erst nach Süden, dann Richtung Westen.
Cliff nahm wenig später die Schnellstraße bis Gila Bend, sie verband die 10 mit der 8.
Das Navi zeigte für die Strecke fünfhundertsiebzig Kilometer an, die Fahrzeit betrug insofern ungefähr sechseinhalb Stunden.
Cliff und Judy warfen sich einen Blick zu, der etwas Nachdenkliches an sich hatte.
Nun war es so weit, nach über zwei Monaten kehrten sie zurück. Zurück in die Gegend rund um San Diego.
»Was erwartet uns?«, fragte Judy. »Ist in der Navy Base wohl alles in Ordnung?«
»Ach, ... was meinst du? Und wie weit ist die Professorin nun schon mit ihrem Training vorangekommen?«, stellte Cliff zögerlich eine Gegenfrage.
All das würden sie erfahren, aber nicht jetzt und wahrscheinlich auch nicht so schnell.
Ihr erstes Ziel war der Lake Henshaw. Sie erreichten den Stausee über Shelter Valley und San Felipe. Gegen Abend kamen sie an.
Naval Base Coronado
San Diego, Kalifornien, 04. Juni 2023, 08:20 Uhr
Professor Denise Harding maß mit ihren Schritten den Abstand zwischen dem Tank und der Wabenmauer, die das Gelände von der Umgebung abschirmte. Auf der anderen Seite wusste sie die Videokameras der Überwachungsanlage.
Zehn oder elf Schritte zählte sie. Das war wenig, sie hatte sich die Zufahrt breiter vorgestellt.
»Es wird schwierig«, sagte sie. Sie überquerte dann die Straße, lehnte sich gegen die Wabenmauer und beobachtete den Transporter, der sich im Schritttempo näherte. »Besser ist, wenn er draußen umkehrt und rückwärts hier reinfährt.«
Der Marine nickte und sprach in sein Funkgerät.
»Die Tasten des Keyboards schauen nach rechts«, erklärte die Professorin. »Im Gebäude und auf der Empore können wir die Kiste nicht drehen, und dann steht sie verkehrt herum im Aufzug.«
Mit diesen Bemerkungen erntete Denise Harding ein Stirnrunzeln der sechs Marines, die das Gehäuse tragen sollten.
»Ihr werdet es gleich sehen«, sagte sie. »In den runden Öffnungen sind Kontaktplatten eingebaut. Die Delfine sollen sie berühren. Das geht nur, wenn die Öffnungen nach vorne zeigen, nicht zur Wand.«
Kurz darauf lenkten Stimmen die Professorin ab. Hinter der Mauer erklangen militärische Kommandos. Soldaten tauchten auf der Mauerkrone auf. Sie trugen Helme und hielten Waffen in den Händen. Aus der Ferne stellte jemand eine Frage.
»Aye, Aye, Admiral!«, antworteten sie im Chor.
Der Admiral also. Montescue kümmerte sich selbst um die Ankunft des Trucks und dessen Bewachung.
Denise Harding schürzte die Lippen.
Was für ein Aufwand!
Einerseits fand sie es richtig, den Transport keinen Moment aus den Augen zu lassen. Andererseits erweckte das Getue um die Kompetenz bei ihr den Eindruck, als betrachtete Montescue den Zwei-Wege-Kommunikator als militärisches Eigentum. Na ja, vielleicht wollte er nach außen lediglich dokumentieren, dass es so sei. Sie wurde aus dem Gebaren des Admirals jedenfalls nicht schlau.
Dann warf die Professorin einen Blick auf ihre Armbanduhr, den neunten oder zehnten in der kurzen Zeit. Der Truck hätte längst da sein müssen. Wenn sie es exakt auszählte, dann war er seit siebzehn Minuten überfällig. Wenig Zeit im Vergleich mit der Wegstrecke von Orlando nach San Diego.
Willie, unser Wunderdelfin, hat hier seine Heimat, ging es Harding durch den Kopf. Deshalb geht er nicht nach Florida, sondern das Unterwasser-Keyboard kommt zu ihm.
Die Professorin blieb mitten auf der Straße stehen.
Hinten an der Biegung beim ersten Tank tauchte eine Gestalt auf. In zackigem Schritt und auffällig raumgreifend eilte der Admiral nun herbei.
Denise Harding fand die Art der Bewegung unnatürlich. Beim Gedanken daran kam sie auf den Storch im Salat oder an einen Artisten auf Stelzen.
Montescue näherte sich und verlangsamte sein Tempo. Als er Harding erreichte, hatte er seinen Atem unter Kontrolle.
»Sie kennen das schon, Professor«, sagte er statt einer Begrüßung. »Jetzt entwickelt sich das Ganze zu einer höchst brisanten Angelegenheit.«
»Aha. Für wen? Für die Naval Base oder für den Staat?«
»Für die Menschheit.«
Denise Harding hatte es geahnt. Das Märchen von den Aliens zog immer weitere Kreise. Dabei schien selbst das Spezialistenpärchen von der Idee abgekommen zu sein und war abgereist. Was immer in der Station am Grund des Meeres nahe Santa Barbara Island vor sich gegangen war, es musste nichts Geheimnisvolles gewesen sein. Relikte einer alten Station aus einem der vielen Kriege der letzten Jahrhunderte. Aber Aliens*?
»Dann sind wir einer Meinung«, sagte sie. »Ich bin seit Jahren permanent im Einsatz für die Menschheit. Und das, ohne sie zerstören zu wollen.«
»Ja, ja.« Montescue wiegelte ab. »Und bestimmt treffen wir bei einer gemeinsamen Lösung wieder aufeinander.«
»Solange es keine moralisch verwerfliche Lösung ist ...«
Diese Anspielung verstand er nicht, und sie unterließ es, ihn aufzuklären.
Die mausgraue Rückwand des Trucks schob sich ins Blickfeld. Er fuhr Schritttempo. Vier Marines flankierten ihn und gaben dem Fahrer Anweisungen per Zuruf.
Denise Harding ertappte sich dabei, wie sie unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. Ging das nicht schneller? Wenigstens ein kleines Bisschen?
»Der Truck ist okay«, hörte sie den Admiral sagen. »Meine Männer haben ihn durchleuchtet und durchsucht. Unsere Taster arbeiten zuverlässig.«
»Was?« Sie rief es lauter, als beabsichtigt. »Sind Sie noch bei Trost? Lesen Sie keine Transport-Instruktionen? Eine winzige Magnetisierung löst eine Katastrophe aus. Wenn Sie das Gerät unbrauchbar machen oder es zerstören, sitzen Sie morgen im Jail.« Sie holte tief Luft. »Gott!«
»Meine Männer sind für solche Fälle ausgebildet, Gnädigste. Sie werden sich hüten, der Maschine zu nahe zu kommen.«
Denise Harding hatte sich wieder beruhigt. »Hoffentlich hat keiner der Männer einen Schnupfen.«
