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"Die unendliche Geschichte" - ein Welterfolg, der noch heute die Leser begeistert und in ihnen die Sehnsucht weckt, selbst ins Reich der Phantasie zu reisen. Wie aber sich orientieren in einem Land ohne Grenzen? Ist es möglich, seine Geheimnisse zu ergründen, herauszufinden, was das Bergwerk der Bilder oder das Südliche Orakel für Michael Ende bedeuteten? Dieses Buch öffnet die Tür nach Phantásien. Es versammelt die Wesen und Landschaften der "Unendlichen Geschichte" ebenso wie die Quellen, aus denen Michael Ende schöpfte. Roman und Patrick Hocke haben sich lesend und forschend der Welt Michael Endes genähert, Archive durchforstet und zahlreiche Originalzitate zusammengetragen. Die Autoren laden ein zu einer Reise: zu liebgewonnenen und unbekannten Wesen, an schöne und unheimliche Orte. Mit einem Buch, das man nicht nur von vorne nach hinten lesen kann, sondern auch quer und verkehrt herum - wie man eben in Phantásien zu reisen pflegt. Das Lexikon zur "Unendlichen Geschiche". Mit vielen, z.T. erstmals veröffentlichten Texten aus den Werken Michael Endes.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Das Buch
Morla, die uralte Schildkröte, Fuchur, der Glücksdrache, die Kindliche Kaiserin und ihre Gegenspielerin Gaya - rätselhafte Wesen bevölkern Michael Endes Phantásien. Wo aber haben sie ihren Ursprung? Und wofür stehen sie? Michael Endes Unendliche Geschichte ist voller Bezüge: zu Literatur, Philosophie, zu den Kulturen der Welt.
Dieses Lexikon lädt ein zu einer Reise in die faszinierende Gedankenwelt Endes, die gleichzeitig eine Erforschung Phantásiens ist..
Mehr über Michale Ende: www.michaelende.de
© Privat
Roman Hocke, geb. 1953 in Rom, war eng mit Michael Ende befreundet und gilt als Kenner seiner Werke und phantastischen Welten. Fast zwei Jahrzehnte arbeitete er als Lektor für den Autor und begleitete ihn auf vielen seiner Reisen. Er hat zahlreiche Beiträge zu Leben und Werk von Michael Ende veröffentlicht und Ausstellungen über seine magischen Buchwelten veranstaltet.
Patrick Hocke, geb. 1980 in München, studierte Kommunikationswissenschaften in Rom und Berlin. Er arbeitet heute im Online-Bereich eines privaten Berliner Radiosenders. Michael Ende hat er gut gekannt. Als begeisterter Anhänger der phantastischen Literatur beschäftigte er sich intensiv mit dem Buch Die unendliche Geschichte und der Welt Phantásiens mit all ihren wundersamen Geschöpfen und magischen Landschaften.
© Nina Munz
Claudia Seeger, geb. 1963, studierte in Stuttgart und Atlanta Grafikdesign und Illustration. Seit 1988 ist sie freiberuflich tätig. Ihre zarten Illustrationen zum Thema Unendlichkeit verweisen auf Osten und Westen, die Welt der Märchen und Sagen, der Mathematik und Religion - auf die Ursprünge von Die unendliche Geschichte.
www.phantastische-gesellschaft.de
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Viel Spaß beim Lesen!
Die Autoren
Die Illustratorin
Der Verlag
Vorwort
A
B
C
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I
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Anmerkungen
Werke Michael Endes
Theaterstücke, Essays, Gedichte, Sachbücher
Sekundärliteratur zu Die unendliche Geschichte
Stichwortverzeichnis
Impressum
Ein unendlicher Mäander bestimmt die Abfolge der Bilder im Phantásien-Lexikon. Ist man bei Z (Zentrum) angekommen, rollt man sogleich wieder in das A (Anfang) hinüber. Von innen nach außen nach innen …
A
Zeichen für Unendlichkeit
B
Der Spiegel im Spiegel (nach einem Porträtfoto Michael Endes)
C
Pfau/Phönix
D
Ei
E
wie Ende und »So schreibt sich die Unendliche Geschichte selbst durch meine Hand.« (Der Alte vom Wandernden Berge)
F
I Ging und Yin Yang
G
Eine magische Kette
I
Ein Kompass ohne Nadel: »Da Phantásien grenzenlos ist, kann sein Mittelpunkt überall sein – oder besser gesagt, er ist von überall her gleich nah oder fern.«
J
Alchimie: Das Feste (Schlange) und das Flüchtige (Drachen) gehen ständig ineinander über.
K
Astronomie: Planet mit Neu- und Vollmonden
L
Schneckenhaus/Spirale
M
wie Michael und dazu die Schildkröte
N
Labyrinth
O
Ikosaeder (einer der Platonischen Körper) repräsentiert das Wasser. Außerdem wird die Zahl 3 in der Unendlichen Geschichte immer wieder gebildet, z.B. Bastian-Atréju-Kaiserin, Innen-Außen-Übergang, Koreander-Buch-Bastian …
P
Durchgang/Tor und optische Täuschung, denn was ist vorn und was ist hinten, was ist nah und was ist fern.
Q
»[...] muss Bastian [...] zu den Ursprüngen der wahren Wünsche, in sein Herz.«
R
Julia-Menge (aus der Chaos-Theorie)/Perelín
S
Rose: Symbol für Kindheit und Mutterliebe
T
Einhorn
U
Kabbala: 10 Sefirôt
V
Das Buch im Buch
W
Lotos/Magnolie
X
Elfenbeinturm
Y
»Alle Geschichten dieser Welt [...] sind aus einer Kombination dieser 26 Buchstaben geschrieben. Ist das nicht ein Wunder?«
Z
Pagat/Joker
Man pflanzt nicht nur einen Baum, um Äpfel davon zu haben, sondern ein Baum ist einfach schön, und es ist so wichtig, dass er das ist, nicht nur, weil er zu etwas nütze ist. Und so ist das, was viele Schriftsteller, nicht viele, aber doch einige Schriftsteller und Künstler, versuchen, nämlich einfach etwas zu schaffen, was dann da ist und was gemeinsamer Besitz der Menschheit werden kann – einfach, weil es gut ist, dass es da ist.
Michael Ende
Die Begegnung zwischen Leser und Buch kann zu einem lebensentscheidenden Abenteuer werden. Deshalb ist es auch hier unvermeidlich, einige Worte vorweg zu sagen: Phantásien – ein Reich ohne Grenzen. Dieses Lexikon hingegen ist nicht unendlich. Die Auswahl der Stichwörter musste notgedrungen gewissen Grenzen unterliegen. Wer also für das eine oder andere kein eigenes Stichwort findet, möge tun, wozu Michael Ende anregen wollte: seine eigene Phantasie gebrauchen. Vielleicht bringt sie eine Assoziation zu einem verwandten Stichwort. Vielleicht birgt sie auch selbst die Antwort auf die Frage.
Die Bewohner Phantásiens geben sich hier ein Stelldichein. Aber auch Begriffe, die für das poetische Konzept Michael Endes von Bedeutung sind, tauchen auf. Bunt gemischt und nur alphabetisch geordnet – denn für Phantásien sind sie alle von gleicher Bedeutung. Und vielleicht regt diese Mischung ja auch dazu an, noch tiefer in die Gedankenwelt Michael Endes einzutauchen:
»Das heilige Buch der Imagination« hat die polnische Wissenschaftlerin Alicja Baluch Die unendliche Geschichte genannt. Und in der Tat zeichnet sich dieses wie auch Michael Endes andere Bücher durch einen enormen Reichtum an Phantasie aus. Was die Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt begeistert, erregte beim Erscheinen des Buches den Argwohn der Literaturkritik: Man warf dem Autor Eskapismus vor. Das Spiel mit verschiedenen Ebenen, das Eintauchen in die Welt der Phantasie, der Bedeutungsreichtum wurden als mangelnder Realitätsbezug interpretiert. In einer Zeit, in der Bücher relevant zu sein hatten, war die Phantasie etwas, mit dem die Kritiker nichts anfangen konnten. Die Begabung Endes zur malerischen Inspiration, sein Spiel von Spiegelungen, um alle einseitigen und ausschließlichen Interpretationen der Welt zu vermeiden, war den Kritikern ebenso unverständlich, wie es die Leser hinriss.
Michael Ende seinerseits sah die Phantasie bedroht durch Kräfte der Entzauberung – Kräfte der funktionalen Weltsicht, die Phantasie töten und Reisen nach Phantásien zu verhindern suchen. Am deutlichsten nehmen diese Kräfte in den »Grauen Herren« in Momo Gestalt an. In der Unendlichen Geschichte sind sie die unbekannten Auftraggeber des Werwolfs Gmork, die Phantásien zerstören wollen.
In anderen Kulturen und in früheren Zeiten hingegen wusste man, dass Poesie ein Teil des Ichs ist. Für Michael Ende ist sie Lebensgrundlage, wichtiger als Essen und Trinken.
Poesie ist die schöpferische Fähigkeit des Menschen, immer wieder auf neue Weise sich in der Welt und die Welt in sich zu erfahren und wiederzuerkennen.1
Endes Gedankenwelt schließt sich an die der deutschen Romantik an und steht im Kontext eines E.T. A. Hoffmann und Novalis: »Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/sind Schlüssel aller Kreaturen/[…] und man in Märchen und Gedichten/erkennt die wahren Weltgeschichten […]«2 In seinem Theaterstück Das Gauklermärchen lässt Michael Ende Jojo sagen: »Du meinst, dass Phantasie nicht wirklich sei? Aus ihr allein erwachsen künftige Welten: In dem, was wir erschaffen, sind wir frei.«3
Wie in seinem Konzept vom »magischen Theater« ging es Michael Ende darum, etwas zu erschaffen, das nicht belehrt, sondern »verzaubert« und in eine andere Welt entrückt.4 Und vielleicht kann dieses Buch ebenfalls etwas dazu beitragen.
Phantásien ist das Reich der Mythen und →Märchen, das Reich, aus dem alle →Geschichten kommen, aber auch der Drang, sie zu erzählen und sie anzuhören. Die Reise durch dieses Reich heißt nicht umsonst Die unendliche Geschichte. Denn wie die menschliche →Phantasie ist Phantásien grenzenlos:
»In dieser Welt gibt es keine messbare äußere Entfernung, und so haben die Worte ›nah‹ und ›weit‹ eine andere Bedeutung. Alle diese Dinge hängen ab vom Seelenzustand und vom Willen dessen, der einen bestimmten Weg zurücklegt. Da Phantásien grenzenlos ist, kann sein Mittelpunkt überall sein – oder besser gesagt, er ist von überallher gleich nah oder fern. Es hängt ganz von demjenigen ab, der zum Mittelpunkt kommen will. Und dieses innerste Zentrum Phantásiens ist eben der Elfenbeinturm.«5
Zwar ist auch in Phantásien bisweilen von Himmelsrichtungen die Rede (Südliches Orakel, →Windriesen), doch haben diese keine absolute Gültigkeit, sondern ändern sich je nachdem, wo man gerade steht. Wie auf Grundfesten ruht Phantásien außerdem auf den vergessenen Träumen der Menschen, die im →Bergwerk der Bilder abgelagert sind. Doch sollte man auch diese nicht räumlich verstehen – in einem Reich ohne Grenzen kann es kein »oben« und »unten« geben.
Auch die Zeit ist in Phantásien unendlich: Alles, was geschieht, schreibt der →Alte vom Wandernden Berge auf. Doch geschieht es, weil er es aufschreibt, oder schreibt er es auf, weil es geschieht? Die Uralte →Morla sagt von der →Kindlichen Kaiserin, ihr Dasein bemesse sich nicht nach Dauer, sondern nach →Namen. Sie muss immer wieder von einem Menschenwesen einen neuen Namen erhalten, sonst stirbt sie – die verkörperte Phantasie (vgl. S. 68*). Insofern hat Phantásien auch keine Geschichte, die sich chronologisch, fein säuberlich nach Datum und Ort geordnet, erzählen ließe.
Wie soll man sich nun in solch einem Reich zurechtfinden? Wir Menschen leben in beiden Welten: in der äußeren Welt, die Michael Ende die »Außenwelt« nannte, und in der Welt der Träume und Wünsche, aber auch der Ängste und Albträume: »Phantásien«. Vieles ist dort anders als in der Welt der Menschen.
In Phantásien wird nämlich nicht unterschieden zwischen →Gut und Böse: Alle Wesen sind gleich wichtig. Führt man sich Endes poetisches Konzept vor Augen, wird verständlich, warum das so ist: →Kunst ist wie ein →Traum. Sie belehrt nicht, sondern stellt dar. Was wäre Shakespeares Othello ohne Jago, was Macbeth ohne die böse Lady? Träume kann man nicht moralisch werten. Die Darstellung des Bösen ist nicht böse, die des Heiligen nicht heilig.6
Die Bewohner Phantásiens sind also so unterschiedlich und bunt wie die Phantasie, aus der sie stammen. Immer wieder trifft man auch auf Gestalten, die man aus anderen →Büchern kennt. Denn sie tummeln sich gemeinsam mit seinen eigenen Erfindungen in →Bastians Kopf. Die Verfasser der großen Meisterwerke in Literatur, Kunst und Musik sind zu allen Zeiten eifrige Phantásienreisende gewesen.
Aber wie will man eine Welt betreten oder verlassen, die keine Grenzen hat? Für die Reise finden sich immer wieder magische Durchgänge: versteckte Türen, geheime Korridore oder unsichtbare Bahngleise … Bastian findet den Eingang beim Lesen auf dem Speicher seines Schulhauses. Dieser Eingang liegt aber nicht im Speicher selbst, der Teil der Außenwelt ist. Er liegt auch nicht im Buch. Nur durch den Prozess des Lesens selbst gelangt Bastian nach Phantásien:
»Michael Ende, der aufmerksame Empfänger schärfster Reflexionen, begibt sich auf das größte aller Abenteuer, das eines Buchspiegels, in dem die Realitäten sorgfältig aufeinander angepasst werden: Die Welt des Lesers und die des Buches vereinen sich, ohne sich gegenseitig auszulöschen, und so bilden sie eine dritte Größe ohne Namen. Es ist diese dritte Größe, die im Roman die wichtigste Rolle spielt, es ist die Geschichte dieser dritten Größe, die das Buch erzählt.«7
Der Prozess des Lesens aber ist eine ungemein persönliche, ja, intime Angelegenheit. Und so sieht Phantásien auch für jeden Reisenden anders aus. »Jede wirkliche Geschichte ist eine unendliche Geschichte […]. Es gibt eine Menge Türen nach Phantásien […]« (S. 474).
Der Einzelne zählt, nicht das Kollektiv. Die subjektive Imagination ist der Weg nach Phantásien, es gibt also kein Patentrezept. Michael Ende hegte Misstrauen gegenüber allen Ideologien. Die Vorstellung, die Gesellschaft erzeuge das Bewusstsein, war ihm zutiefst suspekt. In keinem Punkt war er weiter von Brecht und der bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts dominierenden literature engagée entfernt als in diesem: Nur ein neues Bewusstsein, so Ende, schaffe gesellschaftliche Veränderungen. Und entsprechend kann auch Bastian nichts anfangen mit Büchern, in denen man »zu irgendwas gekriegt werden sollte« (S. 29). Denn nach Phantásien findet man mit ihnen nicht.
Das spricht einen der zentralen Punkte in Michael Endes Gedankenwelt an: Alles Wesentliche trage seinen Sinn in sich selbst – so auch die Kunst. Sie erkläre die Welt nicht, sondern stelle dar.8 Deshalb müsse sie sich auch nicht mit einer →Botschaft rechtfertigen. Ein Künstler betrachtet »Erkenntnis-Ideen (also z. B. eine Botschaft, Anm. d. Verf.) nicht als sein Ziel, sondern als Teil seines Materials«9. »Gedankenpaläste kann man bewundern – doch Künstler sind fahrendes Volk: Haben sie eine Weltanschauung ausgeschöpft, ziehen sie weiter.10
Aber was ist Phantásien? Eine Gegenwelt, eine Projektionsfläche der Sehnsucht nach Frieden und heiler Welt? Ein Ort, an dem kleine, dicke, dumme Jungen wie Bastian Balthasar Bux plötzlich schöne, starke, mutige Helden werden? Keineswegs. Das Heldentum Bastians ist keines, das nur von schönen, guten und edlen Entscheidungen bestimmt wird. Er fällt auf die Ränke der Zauberin →Xayíde herein, erhebt sogar das Zauberschwert gegen seinen Freund →Atréju und entgeht nur knapp der →Alte-Kaiser-Stadt, die bedrückend an ein Irrenhaus erinnert. In Phantásien selbst lauern tödliche Sümpfe, gleichgültige Riesenschildkröten, gefährliche Monster wie das spinnenähnliche Wesen →Ygramul oder der →Werwolf→Gmork. Und im Gegensatz zur Fantasyliteratur dienen diese Wesen nicht nur dazu, vom Helden besiegt zu werden. Atréju tötet weder Ygramul, noch Gmork. Nicht sie sind die Gefahr für Phantásien, es gibt keinen Grund, sie zu beseitigen.
Die Flucht aus der Welt der Menschen in ein besseres Phantásien, die ihm im Rahmen der Eskapismus-Debatte immer wieder vorgeworfen wurde, war nicht Endes Anliegen: Denn das →Nichts, das Phantásien bedroht, jene banale, bedeutungslose Welt, in der die Phantasie geleugnet oder als Produkt von Spinnern und Mondkälbern verlacht wird – dieses Nichts hat sein Spiegelbild in der ebenso sinnlosen und banalen Welt der Alte-Kaiser-Stadt, wo diejenigen enden, die nicht mehr aus Phantásien herausfinden. Das Nichts und die Alte-Kaiser-Stadt, Banalität und Kreativität sind ihr jeweiliges Spiegelbild. Denn aus dem Nichts erwächst zugleich der Wille zum kreativen Schaffen.
Phantásien und die Welt der Menschen sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, Innen und Außen, die ohne einander nicht existieren können. Das Reich der Kindlichen Kaiserin ist kein transzendentes, sondern Teil des Diesseits. Phantasie ist eben nicht nur Gefühl, sondern ein Ganzes, das auch den Intellekt und die Sinne umfasst. Diese Interaktion beschreibt →Karl Konrad Koreander: »Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen […] und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. So wie du. Und die machen beide Welten gesund« (S. 473).
Nicht nur nach Phantásien hineinzukommen ist eine Aufgabe, sondern auch, es wieder zu verlassen. Denn die eigentliche Bewegkraft in Phantásien ist der Wille. →»Tu, was du willst« steht auf der Rückseite von →Auryn. Michael Ende hat dieses Motiv, das von Augustinus über Rabelais bis in die Moderne bekannt ist, von Alister Crowley (»Do what thou wilt«) übernommen, einem Vertreter des modernen Okkultismus, der von 1875 bis 1947 lebte. Und nicht nur in der Unendlichen Geschichte verwendet Ende dieses Motiv. In der Zauberschule heißt es zum Beispiel:
»1. Du kannst nur wirklich wünschen, was du für möglich hältst.
2. Du kannst nur das für möglich halten, was zu deiner Geschichte gehört.
3. Nur das gehört zu deiner Geschichte, was du in Wahrheit wünschst.«11
Wer sich nur von oberflächlichen Wünschen und Bedürfnissen leiten lässt, der verliert sich, vergisst sein früheres Leben, seinen Namen und endet schließlich in der Alte-Kaiser-Stadt. Wenn der bewegende Wille erloschen ist, findet man nicht wieder aus dem Land ohne Grenzen heraus. Wie die Binsenboote der →Yskalnari, die von der reinen Vorstellungskraft angetrieben werden, bewegt sich auch der Phantásienreisende nur durch seinen Willen fort. Der Wille als Bewegkraft in einem Land ohne Grenzen, die reale Bedrohung des Ichs im eigenen Innenleben – hier entfernt sich Michael Ende weit vom Kinder- und Jugendbuch. Aber muss man denn überhaupt so streng trennen zwischen Büchern für Kinder und solchen für Erwachsene? Findet nicht Bastian selbst Die unendliche Geschichte in einem Laden, in dem es nach Aussage von Karl Konrad Koreander keine Bücher für Kinder gibt? Und ist nicht Koreander selbst gerade in dieses Buch vertieft, bevor Bastian es stiehlt?
Michael Ende hat sich zeitlebens dagegen verwehrt, Kinder- und Erwachsenenliteratur voneinander zu trennen. Und in der Tat war Die unendliche Geschichte bei Kindern und Erwachsenen gleichermaßen beliebt. Michael Ende sagte über sich:
Ich bin ein Primitiver und stamme aus einem zentraleuropäischen Reservat […]: Kinderliteratur. Es gehört zu jenen Reservaten, die von den Bewohnern der Zivilisationswüste mit mildem Lächeln geduldet, von einigen Good-doer-Vereinen sogar gehätschelt, im Grunde aber von allen verachtet werden – wie übrigens das meiste, was mit Kindern zu tun hat.12
Dabei seien all die Einteilungen in Kinder- und Erwachsenenliteratur, in realistisch und phantastisch, reiner Unsinn – überhaupt erst entstanden in einer »abgehäuteten, funktionalen Welt«, in der »man alles Geheimnisvolle wegerklärt«13 habe. Seit dem Boom der Naturwissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert sei scheinbar alles erklärbar geworden. Die Welt: ein Haufen Planetenstaub. Die Ideale der Menschen: nichts als biochemische Prozesse. Allein →Kindern gestehe man heute noch zu, in einer Welt voll Zauber und Sinn zu leben, einer Welt, die Erwachsene und Kinder früher gemeinsam bewohnten. Die großen Werke der Weltliteratur tragen viel Phantastisches in sich. Würden der Faust oder die Odyssee heute erscheinen, meinte Ende, würde man sie wohl als Kinderliteratur abtun.
Gerade im absichtslosen Spiel eines Kindes sieht Ende aber – im Gefolge von Schiller, aber auch von Nietzsche – das Idealbild von Kunst verkörpert. Und so kann ein Kinderbuch ebenso ein Buch für Erwachsene sein, wie ein Buch für Erwachsene auch von Kindern verstanden werden kann.
Über die Beweggründe, Geschichten im Phantastischen anzusiedeln, schrieb Michael Ende:
Was mich dazu bewegt […], ist nichts anderes als das, was unser aller Unterbewusstsein dazu bewegt, innerseelische Vorgänge in Traumbildern auszudrücken. Da für mich Poesie und Kunst überhaupt in nichts anderem besteht, als Außenbilder in Innenbilder und Innenbilder in Außenbilder zu verwandeln (wie es im Übrigen in allen Kulturen üblich war), liegt diese Form des Ausdrucks nahe. Nach meiner Ansicht wird die Welt nur durch diese »Poetisierung« (Novalis) für den Menschen bewohnbar. Damit will ich sagen, nur wenn der Mensch sich in der ihn umgebenden Welt wiedererkennt, und umgekehrt, wenn er die Bilder der Welt in seiner eigenen Seele wiederfindet, kann er sich auf der Welt heimisch fühlen. Genau darin liegt das Wesen jeder Kultur.14
* Die Seitenzahlen beziehen sich auf: Michael Ende, Die unendliche Geschichte, Thienemann, Stuttgart 2019.
Der erste Buchstabe des Alphabets, das insgesamt aus 26 Buchstaben besteht. Alle →Geschichten dieser Welt, ob sie nun phantastisch oder realistisch sind, erfunden oder fast wahr, sind aus einer Kombination dieser 26 Buchstaben geschrieben. Ist das nicht ein Wunder?
Das letzte der →Drei Magischen Tore, die in der Unendlichen Geschichte zum Südlichen Orakel führen, ist das Ohne-Schlüssel-Tor. Doch nicht nur das Südliche Orakel verbirgt sich dahinter: Dieses Tor ist zugleich der Schlüssel zu einem der wichtigsten poetischen Konzepte Michael Endes – dem Gedanken der Absichtslosigkeit.
Das Ohne-Schlüssel-Tor hat weder Schlüssel noch Klinke. Es besteht aus phantásischem Selén, einer Substanz, die völlig undurchdringlich wird, sobald sich jemand von seinem Willen leiten lässt. Nur wer sich vom Wollen löst und jede Absicht vergisst, kann hindurchgehen.
