Die Verpflichtung - Gregory Galloway - E-Book

Die Verpflichtung E-Book

Gregory Galloway

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Beschreibung

Rick und Frank sind ehemalige Drogensüchtige und erfahrene Einbrecher. Sie stehlen nicht wahllos – sie stehlen auf Befehl eines geheimnisvollen Auftragsgebers. Die Aufträge laufen routinemäßig ab, bis sie den Auftrag bekommen, eine scheinbar wertlose Trophäe zu stehlen: ein Objekt, das in keinem Verhältnis zu seinem scheinbaren Wert steht und dennoch Interesse und Besessenheit weckt. Gerade als der Raubüberfall abgeschlossen ist, werden die beiden in einen bizarren Autounfall verwickelt, der eine Kette von Ereignissen auslöst, und Frank verschwindet mit der Trophäe. Während Rick versucht, Frank zu finden, wird er gezwungen, sich seiner Vergangenheit zu stellen, was sowohl seinen Lebensunterhalt als auch seinen Realitätssinn auf den Kopf stellt. Die Erzählung steigert sich stetig zu einem kraftvollen und schockierenden Höhepunkt. DIE VERPFLICHTUNG schwelgt in Hochstapler- und Verratskünsten und ist eine nervenaufreibende, düstere Erkundung des Arbeitslebens zweier unvergesslicher Gauner und der verborgenen Kräfte, die ihr Leben beherrschen und ruinieren.Ein schmutziges Juwel von einer Geschichte – ein vertrackter und verworrener Kriminalroman, der an die Welten von George V. Higgins, Patricia Highsmith und David Mamet erinnert.

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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gregory Galloway

Die Verpflichtung

Aus dem Amerikanischen von Karin Witthuhn Herausgegeben von Jürgen Ruckh

Polar Verlag

Originaltitel: Just Thieves

Copyright: © 2021 by Gregory Galloway

Published by arrangement with The Robbins Office, Inc.

International Rights Management: Green & Heaton

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025

Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn

Mit einem Nachwort von Jon Bassoff © 2025, übersetzt von Karen Witthuhn

© 2025 Polar Verlag e.K.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Unsere Produkte wurden im Rahmen der Verordnung zur allgemeinen Produktsicherheit (General Product Safety Regulation) einer Risikobewertung unterzogen und erfüllen gemäß Artikel 5 der GPSR die Anforderungen an sichere Produkte.

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an: [email protected]

Hersteller: Polar Verlag e.K, Rippoldsauer Str. 2, DE-70372 Stuttgart, www.polar-verlag.de

Lektorat: Tobias Schumacher-Hernandéz

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Uzfoto / Adobe Stock

Autorenfoto: © Gina Maolucci

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, DK 8800 Viborg, [email protected]

Printed in Denmark 2025

eISBN: 978-3-910918-25-2

ISBN: 978-3-910918-24-5

Für Michael

(1959 - 2018)

»In Zeiten des Terrors, wo jedermann etwas vom Konspirateur an sich hat, wird auch jedermann in die Lage kommen, den Detektiv zu spielen.«

Walter Benjamin

»Der Kriminelle ist der kreative Künstler.«

G. K. Chesterton

Inhalt

1

1. DAS PFERD

2. DAS HOTEL

3. FROEHMER

4. DER UMSCHLAG

5. DAS ZIEL

6. DER VATER

7. DAS FEUER

8. DIE ZIEGE

9. DAS AUTO

10. DIE ARMBANDUHR

11. DER ABGANG

2

12. FRANK

13. DIE BAR

14. DER POOL

15. DIE UNTERBRECHUNG

16. DER ANRUF

17. DIE SCHWESTER

18. DAS DING

19. WAS MAN WEISS

20. DAS ENDE

21. DIE VERHAFTUNG

22. DIE TÜREN

23. DER JUNGE

24. DIE MASCHINE

25. IN DER KLEMME

26. DIE WAHRHEIT (IRGENDWIE)

3

27. DIE SCHULD

28. DER UNFALL

29. DER UMZUG

30. DER ZWEITE

31. DIE MUTTER

32. DAS MEETING

33. EVA

34. DIE TROPHÄE

KOMPLIZEN UND LEICHTE ZIELE

»Herzschmerz und Abgründe« Ein Nachwort von Jon Bassoff

1

1DAS PFERD

Wir hatten keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, aber als wir aufwachten, lag vor dem Hotel ein totes Pferd auf der Straße. Die Sonne stand noch nicht am Himmel, aber es war schon hell. Diese Tageszeit mag ich am liebsten, nicht mehr Nacht und nicht ganz Tag. Es fühlt sich wie ein Beginn an. Man kann rausgehen und sich die Welt ansehen, ohne dass sie einen stört. Normalerweise. Jetzt jedoch lag ein großes totes Tier auf der Straße, umringt von vielleicht fünf, sechs Menschen, die nichts Besseres zu tun hatten, als rumzustehen und Fotos zu knipsen. »Schau nicht hin«, sagte ich zu Frank und wusste, dass er nicht auf mich hören würde. Es waren weder Sattel noch Zügel noch Blut zu sehen, nur ein großes, graues Pferd, tot auf dem Asphalt. Es konnte noch nicht lange dort liegen, bisher waren weder Polizei oder Feuerwehr noch andere Hilfskräfte vor Ort, um sich um den Kadaver zu kümmern. Nur Leute wie wir, die ihren Tag beginnen wollten und im Leben nicht damit gerechnet hätten, dass ihnen buchstäblich ein totes Pferd vor die Füße fällt.

Wir hätten eigentlich schon auf dem Weg zur Arbeit sein sollen, aber so wie ich Frank kannte, würde das hier den Plan ändern, den ganzen Tag verändern. Er würde darüber nachdenken müssen. Im Rückblick hätten wir wahrscheinlich dableiben sollen, auf der Straße mit dem Pferd, damit er sich alles genau ansehen konnte. Damit er seine Schlüsse ziehen konnte. Das wäre besser gewesen. Vielleicht wäre dann der Tag anders verlaufen, vielleicht wäre alles anders gekommen. In dem Moment dachte ich jedoch, je schneller ich Frank von dem Pferd wegbekomme, desto weniger würde er darüber nachdenken. Es war nicht mein erster Irrtum. »Gehen wir«, sagte ich, und da Frank nicht den Eindruck machte, bleiben zu wollen, begaben wir uns ins nächste Diner und setzten uns in eine der hinteren Nischen.

In diesen Phasen sah Frank in den kleinsten Ereignissen ein Omen. Er war kein abergläubischer Mensch, schwarze Katzen, zerbrochene Spiegel, sieben Jahre Pech tangierten ihn nicht. In gewisser Weise war er schlimmer. Er war überzeugt, dass die Welt mit einer effizienten unterschwelligen Bösartigkeit operierte; alles lief nach bestimmten Regeln, und wer achtgab, konnte Schaden von sich abwenden. Er glaubte nicht an Überraschungen oder Zufälle, jedes Ereignis war ein Rädchen im Getriebe einer großen Maschine, die nie innehielt und jene belohnte, die ihren inneren Abläufen folgten, und die bestrafte, die sie ignorierten. Einmal wollten wir uns bei einem ähnlichen Auftrag wie diesem mitten in der Nacht gerade auf den Weg machen, als die Alarmanlage des Hotels losging. Auf allen Fluren blinkten Notlichter und schrillten Alarmglocken. Frank wollte sofort abbrechen und wieder ins Bett gehen. Er weigerte sich, das Zimmer zu verlassen, und wollte mich auch nicht allein gehen lassen. Ich ging trotzdem. Wir hatten einen Auftrag. Da die Aufzüge außer Betrieb waren, musste ich acht Stockwerke zu Fuß runterlaufen. Im siebten Stock saß ein Mann im Rollstuhl und bat mich um Hilfe.

»Allein schaffe ich das nicht«, sagte ich. Er war ein großer Kerl. »Sie können mich nicht einfach hierlassen«, sagte der Mann. Also blieb ich bei ihm und wartete, bis noch jemand kam. Unsere guten Vorsätze wurden schnell von unserem Unvermögen vernichtet. Wir kämpften auf jeder Stufe, hievten den Mann und seinen Rollstuhl vorsichtig nach unten, und mit jedem Stockwerk wurde er mehr und mehr zu Ballast. Dabei meckerte er ohne Unterlass.

• • •

»Passt auf«, rief er immer wieder, überzeugt, er würde umkippen, aber wir hatten ihn im Griff. Leider hatten wir ihn im Griff. »Warum haltet ihr an?«, fragte er, als wir im vierten Stock verschnaufen mussten. Wir waren am Ende, ich und der Fremde, das harsche Notlicht ließ uns leichenblass aussehen, und der heulende Alarm machte es nicht besser. Mir klingelten die Ohren, mein Herz hämmerte in meinem Brustkorb, als wäre es darin gefangen, und ich fand, eigentlich hätte ich in den Rollstuhl gehört. Aber wir machten uns wieder an die Arbeit und schleppten den Kerl nach unten. Als wir das Erdgeschoss erreichten, funktionierte das Licht wieder, und alle kehrten in ihre Zimmer zurück. Der Kerl im Rollstuhl war sauer. Auf uns.

»Ihr hättet mich oben lassen sollen«, sagte er. »Ich wusste ja, dass es nichts Ernstes ist.«

Ich drehte mich ohne ein weiteres Wort um, fuhr zurück auf unser Zimmer und erzählte Frank nichts von dem Rollstuhl. Von diesem Rädchen in seiner Maschine brauchte er nichts zu wissen. »Der ganze Block war ohne Strom«, berichtete ich ihm. »Gute zwanzig Minuten lang.« Wieder ging das Licht aus, flackerte erst, dann wurde es dunkel, das Notlicht leuchtete auf und die Alarmglocken schepperten los. Wir gingen ins Bett. Der Auftrag musste warten. Frank konnte warten, so lange warten, bis die Rädchen wieder reibungslos liefen.

»Wir betreiben kriminelle Machenschaften«, so begründete Frank seinen Aberglauben. »Kriminelle werden geschnappt, weil sie nicht gut genug aufpassen, nicht gut genug planen, Probleme zu spät erkennen. Ich will keine Überraschungen. Die gilt es unbedingt zu vermeiden.« Deswegen habe ich es mit ihm ausgehalten. Außerdem ließ sich der Erfolg nicht leugnen. Wir waren noch nie gefasst worden. Aber Frank hatte auch mehr Glück, als er jemals zugeben wollte.

Wir waren Diebe. Wir haben alles gestohlen, Gemälde, Autos, Münzen, Waffen, Zimmerpflanzen, egal. Wir haben ein Paar Sneakers gestohlen (von denen laut Frank nur dreiundzwanzig Paare hergestellt worden waren), sie lagen im Schrank des Besitzers mit Hausschuhen und Flipflops auf einem Haufen. »Die Reichen bekommen immer, was sie wollen«, sagte Frank hinterher, »und wenn sie es haben, wollen sie es oft nicht mehr.« Da kamen wir ins Spiel.

Wir haben nie etwas für uns gestohlen. Immer nur im Auftrag. Wenn irgendwer meinte »Das brauche ich«, sind wir losgezogen und haben es besorgt. Wir waren kleine Fische, die kleine krumme Dinger drehten. Als ich Frank kennenlernte, war ich schon eine Weile dabei, aber mit ihm als Kompagnon wurden die Geschäfte besser. Ich wusste, was ich tat, aber Frank hatte Fachkenntnisse. Außerdem hatte er das richtige Aussehen für den Job. Er sah gut aus, ohne herauszustechen. Und er hatte eine ruhige, freundliche Art. Angenehm. Die Leute wollten ihn mögen. Frank konnte in eine Bäckerei gehen und unbemerkt mit zwanzig Broten wieder rauskommen. Er konnte vor einem Gebäude stehen und fiel keinem auf. Er hätte den Leuten ins Gesicht sagen können »Das Haus da werde ich heute Nacht ausrauben«, und sie hätten genickt und erwidert: »Wie nett.« Wegen seines Aussehens und seiner Art. Die Menschen vertrauten ihm. Ich habe ihm lange vertraut.

Die Leute gucken, sehen aber nichts. Wenn zwölf Menschen vor einem toten Pferd auf der Straße stehen, bekommt man hinterher zehn unterschiedliche Beschreibungen der Situation. Und die beiden, die einer Meinung sind, irren sich aller Wahrscheinlichkeit nach. Eins habe ich gelernt: Wenn dich jemand anstarrt, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Der andere ist dann auf eine einzige Sache fixiert, auf deine Haare oder deine Nase, vielleicht auf eine Sommersprosse an deinem Ohr – wer weiß das schon –, aber er nimmt nicht dich wahr, sondern nur einen winzigen Teil, und wenn er die ganze Person aus der Erinnerung beschreiben soll, kann er das nicht. Meistens kann er nicht mal das beschreiben, auf das er fixiert war.

Ich lasse die Leute starren. Und wenn ich denke, dass sie mehr tun und mich tatsächlich betrachten, starre ich zurück. Sehe ihnen direkt in die Augen. Dann wenden sie fast immer den Blick ab, und in dem Moment erinnern sie sich schon nicht mehr. Alles verschwindet aus ihrem Gedächtnis oder verändert sich darin.

Ich sehe sowieso nicht bemerkenswert aus. Mein Gesicht bleibt nicht hängen und ist schwer zu beschreiben. Nicht gut aussehend, aber auch nicht hässlich. Beliebig. Darin liegt mein Talent. Niemand kann mich korrekt beschreiben. Ich bin mit jugendlichem Aussehen und ausdrucksvollem Mienenspiel gesegnet, was Beobachter verblüfft und mich bestens schützt. Woran soll man ein Gesicht identifizieren, das sich nach Belieben verändern kann, ganz ohne Schminke, und auf dem jeder flüchtige Ausdruck endgültig und greifbar wirkt? Die Leute wissen später nie, wie ich aussehe. Einmal wurde ich sogar verhört, nachdem ich nur eine Stunde zuvor einer Frau den Schmuck gestohlen hatte. Sie hatte mich genau gesehen, erkannte mich aber auf der Polizeiwache nicht wieder, obwohl ich direkt vor ihr stand. Als die Cops mich fassten, hatte ich mich des Zeugs längst entledigt, also stand ich da und ließ sie gucken. »Der wars nicht«, sagte die Frau, und schon durfte ich gehen.

Ich streife durchs Leben, wie es mir gefällt, und niemand achtet auf mich. Ein gutes Leben, solange es so bleibt.

• • •

Frank trank einen Kaffee, dann noch einen, und sprach kein Wort. Das war nicht gut. Er konnte den ganzen Tag so dasitzen, wie ein Schachspieler, der überlegt, wie die Figuren auf ihre Positionen gekommen sind, und in aller Ruhe das Brett betrachtet, während neben ihm die Uhr läuft, und der dann den nächsten Zug beschließt. Frank würde über das Pferd und die Menschen, die bei unserer Ankunft auf der Straße gewesen waren, nachdenken und sich überlegen, wo sie hergekommen waren, was sie vorhatten, wo sie hinwollten und warum. Ihm klarmachen zu wollen, dass das nichts mit uns zu tun hatte, war sinnlos. Wir haben es gesehen, wir waren dabei, würde Frank sagen, also hat es selbstverständlich etwas mit uns zu tun. Aber was? Das musste Frank herauskriegen. Er würde es schaffen, das war mir klar, aber es konnte dauern. In solchen Momenten wünschte ich mir, ich würde noch trinken. Oder rauchen. Irgendwas, um mir die Zeit zu vertreiben, während Frank überlegte. Bis dahin steckten wir beide fest. Frank trank seinen Kaffee, und ich sah ihm zu und versuchte, ihn nicht zu stören. Aber wir hatten nicht den ganzen Tag Zeit.

»Wir hatten einen Plan.«

Sobald ich es ausgesprochen hatte, erkannte ich meinen Fehler.

»Jeder Tag beginnt mit einem Plan«, sagte Frank, »und dann kommt alles anders. Wir glauben, alles würde so laufen, wie wir wollen, nach unserem Plan, aber wieso sollte es das? Warum überrascht uns, dass auf der Welt viel mehr vor sich geht als das, was wir erwarten?«

»Wir haben es ganz gut hingekriegt.«

»Das haben wir. Erstaunlich, oder? Misserfolge sollten Erfolge überwiegen, so muss es auf der Welt laufen. Das weißt du. Du siehst es. Denk nur an heute. Die meisten Tage sind nicht mehr als gerade noch abgewendete Vorfälle.«

An anderen Tagen hätte ich mich auf eine Diskussion eingelassen. Hätte ihm gesagt, dass nicht der Vorfall zählt, sondern die Reaktion darauf. Der Vorfall darf sich nicht auf alles auswirken, nicht alles durcheinanderbringen. Ich weiß, was er gesagt hätte, er hatte es schon oft gesagt. »Alle glauben, die Kontrolle zu haben, aber es gibt auf der Welt Kräfte, die uns kontrollieren. Und wir können nur versuchen, mit diesen Kräften umzugehen.«

Er hatte noch so einen Sinnspruch, der mir gefiel, dem ich aber nicht unbedingt zustimmte. »Autobiografien sollten eher im Passiv geschrieben werden«, sagte er. »Unser Leben wird weit mehr von Dingen bestimmt, die wir nicht kontrollieren können, als von solchen, die wir in der Hand haben. Wir werden von der Welt gemacht, nicht andersrum. Wir können nur reagieren.« Frank reagierte bestmöglich. Er berechnete alles neu, damit wir wieder auf Kurs kamen. Ich ließ ihn.

Er versank in seinem Kaffee, dachte nach über das Pferd und die Welt, die unsere Pläne vereitelte, als wären sie bedeutungslos, was sie natürlich auch waren. Frank wusste besser als die meisten, wie die Welt funktionierte, deswegen blieb ich bei ihm, deswegen hockte ich in einem Diner und starrte eine Kaffeetasse an, obwohl wir uns schon längst an die Arbeit hätten machen sollen, wie von uns erwartet wurde. Mir war klar, dass wir dafür würden geradestehen müssen. Ich würde dafür geradestehen müssen. Frank gab sich nie mit diesem Teil der Arbeit ab. Ich wurde ungeduldig. Frank tolerierte es, ließ sich aber nicht beirren.

»Also, was willst du tun, Frank?«

»Das war ein Polizeipferd«, sagte er.

»Es könnte ein Kutschpferd gewesen sein. Oder sonst was. Wir wissen es nicht.«

»Das ist nicht gut«, sagte er. »Jemand hätte bei ihm sein sollen, es nicht einfach so auf der Straße liegen lassen dürfen. Das ist nicht gut.«

»Was willst du tun?«

Frank holte sich noch eine Tasse Kaffee, sprach aber kein weiteres Wort. Ich saß und wartete. Was sollte ich sonst tun? Ohne ihn konnte ich gar nichts tun.

Wir waren beauftragt worden, etwas zu klauen. Mein üblicher Auftraggeber, Froehmer, hatte angerufen, uns die Adresse und den Namen des Typen gegeben und uns gesagt, was wir ihm abnehmen sollten. Ist ganz leicht, hatte Froehmer gesagt, so heißt es immer. Wenn es so leicht ist, hatte ich gesagt, brauchen Sie uns ja nicht.

Ich habe schon viel für Froehmer gearbeitet. Er hat mir unter die Arme gegriffen, als ich noch neu war und Hilfe brauchte. Froehmer hat nicht gut gezahlt, aber mir immer Arbeit gegeben. Für ihn ist alles leicht. Solange ich ihn kenne, war immer alles leicht für ihn. Ich musste ihn daran erinnern, dass für andere, wie uns, nicht immer alles so leicht ist. Es war ihm egal. Erledige es einfach, sagte er. In den nächsten ein, zwei Tagen. Das Ding könnte sonst weggebracht werden.

»Was sollen wir tun?«

• • •

Vielleicht habe ich das hier falsch angefangen. Vielleicht habt ihr eine falsche Vorstellung von Frank und mir bekommen. Ich habe nichts an ihm auszusetzen, im Gegenteil. Ohne Frank wäre ich nicht, wo ich bin, ohne ihn hätte ich gar nichts. Er hat seine Schwächen und Eigenheiten, aber weniger als die meisten. Er hat Fehler gemacht, aber weniger als ich, und hat mich davon abgehalten, noch viel mehr zu begehen. Was den Job betrifft, trägt er mehr bei als ich und erwartet von mir nur das, was ich geben kann. Kann man sich mehr wünschen?

Frank ist ein Denker, vom Naturell her und aus freier Entscheidung. Er kann sich hinsetzen und etwas durchdenken, im Kopf auseinanderpflücken und wieder zusammensetzen, bis er es verstanden hat. Dadurch konnten wir Dinger drehen, die niemand für machbar hielt. Er könnte filmreife Einbrüche durchziehen, komplizierte Dinger drehen, die haufenweise Fachkenntnisse und Planung und perfektes Timing erfordern und nur im Kino funktionieren. Ich bin sicher, dass er das könnte. Er will nicht. Lass gut sein, sagt er. »Wenn es solchen Aufwand erfordert, ist es die Mühe nicht wert.« Wenn er wollte, könnte Frank zu Hause am Küchentisch sitzen und auf der ganzen Welt irgendwelche Sachen klauen. Er kann fast alles hacken. Ich habe gesehen, wie er in Banken und Firmen und Regierungsdatenbanken eingebrochen ist. Er wollte einfach nur wissen, wie das geht, beruflich interessiert uns der Kram nicht. Wir mögen es klein, wir brechen in Häuser oder Büros ein, wo man rein- und rauskommt, ohne erst mit einem großen Schlüsselbund klappern zu müssen. Wo ist da der Spaß? Frank sind diese Jobs am liebsten, rein, mitnehmen, raus. Er will nicht viel und braucht nicht viel. Wir kommen gut zurecht, und er beschwert sich nie. Ich bekomme die Aufträge, wir erledigen sie, fertig.

• • •

Ich habe ihn geliebt, denke ich. Klar hat er mich auch irre gemacht. Wir sind ziemlich lange Partner gewesen und haben gut zusammengearbeitet. Das war das Wichtige. Ich hatte keine Geheimnisse vor ihm. Na ja, weniger als vor den meisten.

2DAS HOTEL

Wir verließen das Diner und kehrten zum Hotel zurück. Das Pferd war weg, die Menschen auf der Straße verhielten sich, als wäre es nie da gewesen, als wäre das alles nie passiert. Wir dachten auch fast, dass es so war.

»Was ist aus dem Pferd geworden?«, fragte ich die Frau am Empfang.

Dieselbe Frau hatte dort gestanden, als wir das Hotel verlassen hatten, aber sie tat so, als hätte sie uns noch nie gesehen und wüsste nicht, wovon wir sprachen. »Pferd?«

»Heute Morgen lag da ein Pferd auf der Straße.«

»Ein Pferd?«

Das Telefon klingelte, sie nahm ab. Frank und ich gingen zum Aufzug. »Sie hält uns für verrückt, und wir halten sie für verrückt«, sagte Frank. »Nach nur einem Wort.«

»Pferd?«, sagte ich und ahmte dabei recht gut ihren Tonfall nach. Frank lachte kurz und versank dann wieder in Grübeleien. Wie immer.

Der Aufzug trug uns sicher und ruhig in schwindelnde Höhen, und Frank beäugte die Knöpfe in dieser kleinen Metallkiste, als gelte es, einen geheimnisvollen Code zu knacken. »Man kennt ja die Geschichte von dem experimentellen Philosophen mit der Theorie von dem Pferd, das ohne Fressen überleben sollte«, sagte Frank, weniger zu mir als zu den Knöpfen, »die er überzeugend bewies, indem er sein eigenes Pferd auf einen Strohhalm am Tag herunterbrachte und es zweifelsohne in ein äußerst lebhaftes und wildes Tier verwandelt hätte, das ohne jegliche Nahrung ausgekommen wäre, wenn das Pferd nicht vierundzwanzig Stunden, bevor es seinen ersten Happen Luft bekommen sollte, gestorben wäre.« Die Türen öffneten sich in unserem Stockwerk, ich verließ den Aufzug und bemerkte gerade noch, dass Frank den Knopf für die Lobby drückte. Er sagte nichts, ich sagte nichts. Ich würde auf unser Zimmer gehen. Frank würde auf die pferdelose Straße zurückkehren.

Ich setzte mich im Zimmer auf einen fast lebensgroßen Sessel, zog einen Zettel aus der Tasche und betrachtete die aufgeschriebene Adresse. Dort sollten wir jetzt eigentlich sein. Das war heute Morgen unser Ziel gewesen und sollte jetzt unser Ziel sein. Ich sollte nicht hier im Zimmer sitzen und eine Adresse anstarren, sondern das dort stehende Haus observieren. Mit diesem Teil des Plans hatten wir noch nie Schwierigkeiten gehabt. Ich wusste nicht, wie ich das Froehmer erklären sollte. Ich hoffte immer noch, ich würde es nicht erklären müssen.

Wir hatten gestern Abend im Hotel eingecheckt. Wir arbeiteten hin und wieder auswärts für Froehmer, aber noch nie so weit weg. Wir waren hergefahren, hatten den Wagen auf einem öffentlichen Parkplatz abgestellt, waren zum Hotel gelaufen und hatten gewartet, bis sich am Empfang eine Schlange gebildet hatte, dann hatten wir eingecheckt und unser Zimmer bezogen. Die Rezeptionisten schenken einem sowieso kaum Aufmerksamkeit. Sie sagen ein paarmal deinen Namen und sehen dich kurz an, aber sie nehmen nichts wahr. Wenn du sie ein paar Sekunden später bittest, dich zu beschreiben und deinen Namen zu nennen, kriegen sie das nicht hin. Sie haben die Informationen bereits vergessen und sind beim nächsten Gast. Trotzdem machen wir uns so unsichtbar wie möglich. Wir lassen nie den Zimmerservice kommen, sprechen möglichst mit niemandem und meiden die Lobby und andere Gemeinschaftsräume. Wir treffen Vorsichtsmaßnahmen, die fast alle überflüssig sind, aber trotzdem. »Glück ist, wenn Gelegenheit und Vorbereitung zusammenkommen«, hatte Frank gesagt, noch so ein Glückskekszitat. Das hatte ich eine Weile aufgehoben und mit mir rumgetragen. Ich kramte in der Tasche und fand einen Glückskekszettel. »Wenn du heute Erfolg haben willst, verlass dich auf dich selbst.«

Ich fuhr mit dem Aufzug runter in die Lobby und trat auf die Straße hinaus. Frank war nirgendwo zu sehen. Auf dem Weg zum Auto warf ich den Zettel in einen Mülleimer.

• • •

Ich saß auf der Rückbank des Mietwagens, wo mich die getönten Scheiben besser vor fremden Blicken schützten, stocherte in einem Take-away herum und beobachtete das Haus. Diesen Teil des Jobs hasse ich, er ist der Hauptgrund, warum ich mit Frank zusammenarbeitete und nicht allein. Es ist langweilig. Man hockt ein, zwei Tage rum und beobachtet. Wer wann kommt und geht, wie lange sie wegbleiben, was sie tun, wenn sie gehen. Manchmal folgen wir ihnen. Manchmal sitzen wir nur stundenlang da und gucken. Frank, fast immer ist es Frank, hält Ausschau nach Alarmanlagen und Sicherheitssystemen. Er sucht nach dem Netzwerk, WLAN oder was auch immer, alles, mit dem sich das Zielobjekt ausspionieren lässt. Neun von zehn Malen ist das ein Kinderspiel. Die Leute werden nachlässig. Manche schließen die Fenster und lassen eine Tür offen. Leute, die ihre Alarmanlage über das Handy schalten, sichern die Tür, aber lassen die Fenster deaktiviert. Ein Kinderspiel. Wir machen das nicht hauptberuflich. Wir sind keine Einbrecher, wir sind Diebe. Aber wir tun, was nötig ist. Die Chancen, ausgeraubt zu werden, liegen bei etwa sechsundzwanzig zu tausend. Nicht sehr wahrscheinlich. Das lässt die Menschen nachlässig werden. Sie vergessen, ihre Alarmanlage scharf zu schalten; wenn sie kaputtgeht, lassen sie sie nicht reparieren; sie verlängern den Vertrag mit der Sicherheitsfirma nicht; sie denken nicht daran, alle Türen und Fenster abzuschließen. Sie leben ein sorgloses Leben, und da nichts passiert, werden sie noch sorgloser und zufriedener und fauler, und wir müssen einfach nur abwarten. Wir sind selbst kleine Faulpelze, wir wollen keine Herausforderung, sondern einfach zugreifen und weg. Ihr wärt überrascht, wie einfach das ist. »In Frankreich hat jemand fünf Gemälde im Wert von über hundert Millionen Dollar gestohlen«, sagte Frank eines Nachts, als wir im Wagen warteten. »Er hat dafür bloß eine Zange, einen Schraubendreher, ein Messer und ein paar Saugglocken benutzt. Hat in einer Nacht aus einem Museum alle Bilder geklaut. Braque, Picasso, Léger, Matisse und Modigliani. Mit ein paar Werkzeugen und ein bisschen Grips. Mehr braucht es nicht.«

»Mehr braucht es nicht.«

• • •

Ich schickte Frank eine Nachricht. »Bin vor Ort.« Ich kramte durch die Take-away-Tüte und zog den Glückskeks heraus. »Der Keks des Tages«, schrieb ich. »Nicht alle geschlossenen Augen schlafen. Nicht alle offenen Augen sehen.« Er schrieb nicht zurück. Vielleicht fand er es witzig. Ich stopfte alles in die Tüte und beobachtete weiter das Haus. Auf der Straße war es ruhig, tagsüber war hier kaum jemand unterwegs. Ich machte einen Spaziergang, sah mir das Haus aus der Nähe an, betrachtete die Türen und Fenster genauer, dann saß ich wieder stundenlang im Auto und wäre vor Langeweile ein paarmal fast eingenickt. Das war nichts mehr für mich allein. Früher, als ich jünger war, war ich gern allein gewesen. Aber damals hat mir Froehmer auch andere Aufträge gegeben. Die weniger Planung erforderten und dafür deutlich riskanter waren. Hier war das Risiko gering, wenn man seine Hausaufgaben machte, einen guten Plan hatte und sich an ihn hielt. Dieser Auftrag war nicht schwer. Die Familie besaß ein hübsches Haus in einer sicheren, behaglichen Gegend, und es lagen nicht haufenweise Wertsachen herum. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen.

Zuerst kam ein Junge nach Hause, Teenageralter, den Blick aufs Handy gesenkt, sodass er nichts anderes mehr mitbekam. Etwa anderthalb Stunden später kam eine Frau, dreißig Minuten danach ein Mann. Alles sah aus wie erwartet. Ich schrieb mir die Zeiten auf und wartete weiter. Wir konnten den Zeitplan noch einhalten. Ich konnte Froehmer sagen, dass alles klappen würde. Er würde pünktlich bekommen, was er bestellt hatte. Wir wussten noch nicht mal, was das war. So lief es meistens. Wir fuchsten aus, wie man an das Ding rankam, und wenn der Plan stand, sagte uns Froehmer, um was es ging. Ab und zu mussten wir es vorher wissen, wenn der Gegenstand zu groß oder schwer oder sonst was war, aber normalerweise erfuhren wir es erst auf den letzten Drücker. Frank fand das nicht so gut, aber es war immer so gewesen. Und hatte bisher gut funktioniert.

Frank hätte gern im Voraus gewusst, was wir stehlen sollten, damit er den Wert überschlagen konnte. Er war ihm egal, er wollte ihn nur wissen. Ihr würdet euch wundern, was Müll wert sein kann. Die hässlichsten, unscheinbarsten Dinge sind mehr wert, als man glaubt. Einmal haben wir ein schreckliches Keramikteil gestohlen, das wir für Zeitverschwendung hielten und das, wie sich herausstellte, fast zwanzigtausend Dollar wert war. Im Lauf der Jahre war Frank allerdings echt gut darin geworden, den Wert auf den ersten Blick korrekt einzuschätzen.

»Fragst du dich je, wo das Zeug hingeht?«, wollte Frank irgendwann von mir wissen.

»Es geht an Froehmer«, sagte ich.

Einen Gegenstand haben wir tatsächlich zweimal gestohlen. Froehmer hatte uns vor Jahren beauftragt, ein Gemälde zu klauen, und etwa drei Jahre später sollten wir anderswo wieder eins stehlen. Es war dasselbe Bild. Wir haben nichts gesagt und angenommen, dass Froehmer Bescheid wüsste. Außerdem war das seine Sache. Irgendjemand wollte etwas haben, das selten war, und bat Froehmer, es zu besorgen, und zahlte dafür. Das war die Rolle, die Froehmer spielte, dachten Frank und ich. Er machte das Zeug ausfindig, nannte uns den Ort, und wir brachten ihm die Beute. Wir wurden pro Auftrag bezahlt, Froehmer bekam vermutlich einen Anteil, der vom Wert des Gestohlenen abhing. Wahrscheinlich war das nicht fair, aber es war uns egal. Wirklich. Uns gings gut, Frank und mir. Ich hätte allein sicher mehr verdienen können, aber das wollte ich nicht. Und nachdem ich jetzt so lange schon mit Frank zusammenarbeitete, fand ich es furchtbar, allein zu sein. Ich observierte das Haus noch ein bisschen länger, dann fuhr ich zurück zum Hotel.

Frank saß auf dem fast lebensgroßen Sessel. »Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen«, berichtete ich. »Wir können loslegen, sobald du bereit bist. Wenn du nicht willst, kann ich es auch allein durchziehen.«

»Ich bin bereit«, sagte Frank. »Aber du hättest warten sollen.«

»Ich weiß. Aber Froehmer hat eine Deadline.«

»Was bringt das, wenn wir erwischt werden?«

»Wir werden nicht erwischt«, sagte ich. »Wie gesagt, da ist nichts, um das man sich Sorgen machen müsste.«

»Doch.« Er meinte das Pferd.

»Hast dus rausbekommen?«

»Ich glaube schon«, sagte er, dann schwieg er. Ich beließ es dabei. Sollte er es eine Weile für sich behalten. Es war mir egal. Jedenfalls fast.

• • •

Dass Frank für dieses Leben besser geeignet war als ich, fand ich erst heraus, nachdem er sich mir angeschlossen hatte. Er hatte die nötige Ruhe, um stundenlang still zu sitzen, und ein Gespür dafür, wann man schweigen und wann sprechen sollte. Er saß da und dachte sich irgendwohin und vergaß dann, dass ich seinen Gedanken nicht gefolgt war, und dann sagte er irgendwas, und ich brauchte eine Minute, um rauszufinden, wie er da überhaupt hingekommen war. »Alles außer blind«, sagte Frank, was an ein Gespräch anknüpfte, das er mit sich selbst geführt hatte. Ich wusste, was er meinte. Das wäre das Schlimmste, erwiderte ich.

»Ich fände es nicht schlimm, Dinge nicht zu sehen«, sagte Frank, »aber nicht zu wissen, wo ich bin oder wer in meiner Nähe steht, könnte ich nicht ertragen. Ich würde denken, dass die Wände mich erdrücken wollen oder dass mir jemand an den Kragen will.«

»Irgendwer will dir immer an den Kragen, Frank.«

• • •

Ich wollte nach Hause. Ich glaube, dieser Gedanke weckte mich auf. Vielleicht war ich auch schon wach und nur überrascht von dem Gedanken. So etwas hatte ich noch nie gedacht, aber plötzlich wollte ich nur noch weg aus diesem dunklen Hotelzimmer. Die Dunkelheit schien mich zu bedrängen. Frank schlief, wahrscheinlich schlief das ganze Gebäude, alle Gäste in allen Zimmern, und die Dunkelheit hatte beschlossen, mir auf die Pelle zu rücken und mich in die Flucht zu jagen, zum ersten Mal. Ich starrte die Decke an und versuchte, mich da wieder rauszudenken. Noch ein Tag und höchstens noch eine weitere Nacht, dann wären wir fertig und auf dem Weg nach Hause und zu Froehmer und hätten das Ganze hinter uns. An diesem Auftrag war nichts, das einem Sorgen machen müsste. Das würde morgen auch Frank einsehen, und ich wäre in unter einer Minute rein und raus, und alles wäre gut. Ich sah es vor mir, den Weg ins Haus, das Zimmer, das Regal, den Gegenstand, wie ich danach griff und sofort wieder verschwunden war. Alles würde genau so laufen wie in meiner Vorstellung, alles würde so laufen wie immer, ohne Probleme. Frank hatte sein totes Pferd durchdacht, und ich hatte das hier durchdacht. Dass ich wegwollte, war nichts als ein flüchtiger Gedanke in meinem Kopf. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Es war nur dunkel. Und Froehmer wartete auf uns. Auf seine Lieferung. Wir würden ihn nicht enttäuschen.

3FROEHMER

Er bestellte mich ins Diner. Ich war neunzehn, hatte gerade die Schule beendet und keinen Schimmer, was ich wollte. Ich wusste nur, dass ich Hilfe brauchte. Und er konnte mir angeblich helfen. Er war mit meinem Vater befreundet. Froehmer. Ich kannte ihn fast mein ganzes Leben. In meiner Kindheit war er oft bei uns zu Besuch gewesen, jetzt hatte ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich war nicht mal sicher, ob ich ihn erkennen würde. Ich hatte genug anderen Mist im Kopf. Mein Vater hatte das Treffen organisiert und mir die Anweisung gegeben, auf ihn zu warten. Also wartete ich. Und wartete. Ich hatte Suppe bestellt, die nach fünfunddreißig Minuten kalt war, und noch immer wartete ich. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie dreißig Minuten lang auf irgendwas gewartet. Die Kellnerin kam und nahm die Suppe mit, kam wieder und nahm mein Geld. Ich wartete immer noch. Dann klingelte mein Handy.

»Wo bist du?«, fragte Froehmer.

»Da, wo ich sein soll.«

»Ich bin in dem verdammten Diner. Wo zum Teufel steckst du?«

»Ich warte genau hier.«

»Wo? Egal, ich seh dich.«

Ich steckte das Handy wieder in die Tasche, und ein Typ, mindestens dreimal so alt wie ich, kam mit einer Kaffeetasse in der Hand auf mich zu, die andere war zur Faust geballt. Halb rechnete ich mit einem Schlag. Ich stand auf und streckte die Hand aus, er ignorierte mich und schob sich in die Sitznische. Ich hätte ihn niemals erkannt. Es war zu lange her, er war alt geworden. Ich hatte einen jüngeren Mann im Kopf, gut in Form, jemanden, der auf dem College bestimmt Sport gemacht hatte, vielleicht Lacrosse oder Squash, eine der unwichtigeren Sportarten. Früher hatte er so auf mich gewirkt. Jetzt war er grau und schlaff. Es dauerte etwas, bis ich in den Falten und Runzeln sein jüngeres Ich entdeckte.

»Hast du vergessen, wer ich bin?«, sagte Froehmer.

»Nein.«

»Du hättest mich suchen sollen. Nicht umgekehrt.«

»Ich hab Sie wohl übersehen. Ich war um Punkt elf hier, wie Sie gesagt hatten.«

»Ich bin seit dreißig Jahren hier«, sagte er, »wegen Typen wie dir. Nur warte ich nicht. Normalerweise.«

Ich trank einen Schluck Wasser, obwohl das Glas leer war.

»Du solltest was bestellen«, sagte er. »Wie gehts deinem Dad?«

»Er hält die Ohren steif, so gut er kann.«

»Wie oft muss er da hin, dreimal die Woche?«

Ich nickte. »Dreimal die Woche. Und so wird es vermutlich bleiben.«

»Gute Ärzte?«

»Sehr gut.«

»Dein Dad ist ein feiner Kerl«, sagte er.

»Das sagt er auch von Ihnen.«

Die Kellnerin kam, ich bestellte einen Burger. Froehmer wollte nichts, was mich denken ließ, ich hätte besser nichts bestellen sollen. Er weiß, was er tut, dachte ich, und ich hatte keinen Schimmer.

»Dein Vater meinte, du hast eine Frage.«

»Ich könnte Hilfe brauchen«, sagte ich. »Meine Freundin hat vor etwa einem Jahr ein Kind bekommen. Jetzt ist sie mit einem Typen zusammen, den ich nicht in der Nähe meines Kindes haben will. Ich wollte fragen, was sich da machen lässt. Damit der Typ sich von meinem Kind fernhält?«

»Wer ist der Typ?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Du kennst den Namen.«

»Ich weiß nicht mal, wie er aussieht«, sagte ich. »Ich hab ihn nie zu Gesicht bekommen. Aber ich weiß, dass er nichts taugt. Er ist nicht gut für das Kind, er tut niemandem gut.«

»Weil er mit deiner Freundin zusammen ist?«

»Das ist es nicht«, sagte ich. »Meine Ex ist mir egal. Aber mein Kind nicht. Der Typ hat ein Drogenproblem. Ich will ihn nicht in der Nähe meines Kindes haben.«

»Kinder haben einen wirklich am Wickel, stimmts?«, sagte Froehmer. »Was ist mit der Ex? Nimmt sie Drogen?«

»Ich glaube schon, aber nicht wie er.«

»Was hast du unternommen?«

»Ich hab eine Unterlassungsklage am Hals.«

»Davon hat dein Dad nichts gesagt.«

»Er ist nicht froh darüber.«

»Und du?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich hätte Sie gleich anrufen sollen.«

»Das wäre auf lange Sicht billiger gewesen.«

»Was wird es Ihrer Meinung nach kosten?«

»Soll er ganz weg oder nur Abstand halten?«

»Abstand, denke ich. Was sie macht, ist mir egal. Wie viel?«

»Mehr als dir lieb ist, aber ich muss mit ein paar Leuten reden. Wir kümmern uns darum.«

»Angeblich ist er ein echt harter Kerl. Er wird sich nicht einfach verziehen.«

Froehmer zuckte die Achseln. »Man kann nie wissen. Schauen wir mal, wies läuft.«

Die Kellnerin kam und stellte einen Teller mit einem Hamburger und einem großen Haufen Fritten und hellgrünen Gemüsegurken ab.

»Was macht die Arbeit?«

Ich lachte und bereute es dann. »Ich arbeite seit fast sechs Monaten nicht mehr. Niemand baut, also stellt auch niemand ein.«

»Willst du arbeiten?«

»Das wäre super.«

Froehmer betrachtete meinen Teller und nickte. »Ich rede mit ein paar Leuten.«

»Mein Dad sagt, Sie könnten Jesus überreden, vom Kreuz runterzukommen.«

»Ich bin nicht sicher, dass das eine gute Sache wäre.«

»Wie geht es jetzt weiter?«

»Ich rede mit ein paar Leuten, dann reden die mit ein paar Leuten, dann reden die mit mir, und ich rede mit dir.«

»Das ist alles?«

»Das ist alles.«

»Und dann muss ich bezahlen.«

»Ich sage dir Bescheid. Der Preis wird fair sein, aber ich sage dir Bescheid. Du musst gar nichts tun.«

»Ich will, dass es erledigt wird, aber ich habe ja keine Arbeit.«

»Okay.«

»Könnten Sie mir einen ungefähren Preis nennen?«

»Hier geht es nicht um eine Zahl. Sondern darum, was du willst. Du willst, dass das Kind in Sicherheit ist? Wie viel ist dir das wert? Was würdest du investieren? Wenn du es billiger haben willst, mach es selbst. Du weißt, wo du dann endest. Mit uns läuft alles sauber, und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Wir haben nur geplaudert. Alles andere erledigen wir, und du kriegst, was du willst. Das verstehst du doch?«

»Okay.«

»Okay.«

Ich schaute den Teller an. Es waren nur noch Ketchupschlieren übrig. Die Kellnerin legte die Rechnung umgedreht auf den Tisch. »Ich hätte Sie eingeladen«, sagte ich.

»Ist erledigt«, sagte Froehmer.

Wir standen auf, und Froehmer begleitete mich in Richtung Parkplatz.

»Ruf mich nicht an«, sagte er. »Ich melde mich bei dir. Wenn nicht, ruf mich nicht an. Aber du hörst von mir. Mach dir keine Sorgen.«

»Sie sollten meinen Vater mal besuchen. Er würde sich freuen.«

»Ich mich auch«, sagte Froehmer. Er würde ihn nicht besuchen. Dreimal die Woche. Wer will das sehen? Er hatte ihn lange nicht mehr besucht, schon bevor er krank wurde. Es war besser, es dabei zu belassen. Dreimal die Woche an eine Maschine gefesselt, würde er wollen, dass man sich so an ihn erinnert? »Sag ihm, ich komme bald mal vorbei.«

• • •

Ich arbeitete schon seit einigen Monaten für Froehmer und zahlte meine Schulden bei ihm ab. Ich klaute auf Baustellen in der Stadt Sachen, Werkzeug, Ausrüstung, Material, was immer er haben wollte. Dann rief er an und wollte sich wieder mit mir im Diner treffen, aber wir gingen nicht hinein. Wir saßen in seinem Wagen, immer ein schlechtes Zeichen, stimmts?

»Meinst du, du könntest mir was beschaffen?«, fragte er.

»Klar.«

»Du müsstest dafür bei einem Typen ins Haus rein«, sagte er.

»Sagen Sie mir, was es ist, dann besorge ich es Ihnen.«

Er schrieb mit einem Bleistift eine Adresse auf einen Zettel und gab ihn mir.

»Silbermünzen«, sagte er.

Ich dachte, er würde einen Witz machen, aber er lachte nicht.

»Sie liegen bei dem Typen im Arbeitszimmer«, sagte Froehmer. »In einer Holzschachtel, etwa so groß wie eine Federmappe. Entweder auf dem Schreibtisch oder in einer Schublade oder auf dem Bücherregal. Eine Holzschachtel. Sieh nach, ob die Münzen drin sind. Du erkennst die Schachtel, wenn du sie siehst. Das ist ganz leicht.«

»Was, wenn sie in einem Safe liegt oder so?«, sagte ich und bereute sofort, den Mund aufgemacht zu haben.

»Sie liegt entweder auf dem Tisch oder im Regal«, sagte Froehmer. Eigentlich wollte er dem nichts hinzufügen, überlegte es sich dann aber anders. »Die Leute sind faul«, sagte er, »aber die Reichen sind richtig faul. Oder nachlässig. Oder beides.«

Das schien logisch. Wenn man fünf Dollar und eine gute Uhr besaß, passte man darauf auf wie ein Schießhund, aber wenn man fünfzig Millionen und fünfzig Uhren besaß, waren einem fünf Dollar und eine Uhr vermutlich schnuppe, vielleicht bemerkte man den Verlust nicht mal. Ich nickte und hoffte, Froehmer würde mir trotzdem die Chance geben.

»Falls sie nicht im Büro liegt, such nicht danach, sondern verschwinde und sag mir Bescheid.«

»Bis wann wollen Sie sie?«

»Freitag«, sagte er.

Damit blieben mir ein paar Tage, um mir Gedanken zu machen, wie ich vorgehen sollte.

Stehlen ist etwas Instinktives. Wir alle (und ich meine uns alle) tun es; Raub ist eine Fähigkeit, Diebstahl eine Wissenschaft. Ich wusste, dass ich mich vorbereiten musste, also ging ich zu der Adresse, sah mich um, observierte das Haus und dessen Bewohner. Ich sah das Arbeitszimmer und den Typen, der besaß, was Froehmer wollte. Ich war vorsichtig und sorgte dafür, dass niemand mich bemerkte. Ich weiß, was ich tue, redete ich mir ein. Ich wusste, dass ich den richtigen Instinkt besaß, war aber nicht sicher, ob ich auch Talent hatte.

• • •

Hinten stand ein Fenster offen, das Fliegengitter ließ sich leicht aus dem Rahmen drücken. In Sekundenschnelle stand ich im Arbeitszimmer. Der dunkle Eichentisch sah aus wie ein Denkmal und schien den Raum fast auszufüllen. Ich stellte mich hinter den Lederstuhl und sah mich um. Ich hatte Zeit. Zwei Bücher lagen auf dem Tisch, Labor and Organization in Crisis und The Study of Economic Cycles, nichts Interessantes. Die gerahmten Fotos beachtete ich nicht weiter, außerdem waren da noch eine antike Lampe (oder ein Replikat), einige Dokumentenstapel, ein Briefbeschwerer mit einem Goldstück in der Mitte und eine kleine Holzschachtel, wie Froehmer sie beschrieben hatte. Ich klappte sie auf, um sicherzugehen, dass die Münzen darin lagen, dann steckte ich sie in meine Schultertasche und verließ das Zimmer, wie ich gekommen war. Ich hatte nichts angefasst, das ich nicht anfassen sollte, hatte keine Unordnung angerichtet, setzte sogar das Fliegengitter wieder ein. Es gab keinen Grund, sich irgendwelche Sorgen zu machen. Ich machte mir trotzdem welche, die ganze Nacht hindurch und am nächsten Tag und am übernächsten, solange sich die Schachtel in meinem Besitz befand, bis Froehmer endlich ein Treffen arrangierte und ich die Schachtel dem Mann übergab, den er schickte. Dieser Teil des Ganzen gefiel mir nicht. Ich kannte den Mann nicht. Ich kannte nur Froehmer. Und jetzt wussten beide, was ich getan hatte.

»Wie gehts dem Kind?«, fragte Froehmer eines Tages, nicht lange, nachdem er die Silbermünzen bekommen hatte.

»Gut«, sagte ich. Wahrscheinlich wusste er, dass ich das Kind nicht gesehen hatte. Wahrscheinlich wusste er mehr über das Kind als ich.

»Falls du dich fragst, du hast es abgearbeitet.« Ich hatte mich nicht gefragt. Ich nahm an, Froehmer hatte mir genug Bargeld zum Leben gegeben und den Rest abgezogen.

»Das sind gute Neuigkeiten.«

»Du kannst also entweder einfach weiterarbeiten wie bisher, oder wir treffen neue Absprachen, oder du kannst dir was anderes suchen.«

»Okay.«

»Überleg es dir.«

»Ich mache, was immer Sie wollen«, sagte ich.

»Du hast eine Begabung«, sagte Froehmer. »Die könnten wir uns zunutze machen, wie neulich. Dann musst du nicht mehr auf die Baustellen.«

»Okay.«

»Die Bezahlung ist besser. Wenn das okay ist.«

»Ist okay.«

»Okay dann«, sagte Froehmer. »Ich melde mich.«

Ich hörte fast eine Woche lang nichts von ihm. Dann schickte er mir eine Textnachricht, und wir trafen uns zum Frühstück im Diner. Er gab mir einen Zettel mit einer Adresse. »Es ist was Kleines«, sagte er. »Na ja, ein bisschen größer als ein Briefbeschwerer, aber du wirst kein Problem damit haben. Siehs dir an, und wenn du einen Plan hast, sage ich dir, um was es sich handelt.«