Die verschworenen Acht - Andrew Warrior - E-Book

Die verschworenen Acht E-Book

Andrew Warrior

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Beschreibung

Mit einem fremden Jungen im Wald, einem toten Fuchs und einem Computer, der lügt, beginnt für Mirco und seine sieben Freunde ein großes Abenteuer. Warum sind alle im Kinderheim krank? Was verheimlichen die Erwachsenen? Und warum riecht es im August nach Pfefferkuchen? Gemeinsam wollen sie diese Rätsel lösen, denn sie sind die "Verschworenen Acht". Der Roman spielt in der nahen Zukunft im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich. - Ein Roman für Jugendliche von 10 bis 16 Jahren. Die verbesserte 2. Auflage des Jugendroman ist seit Mai 2018 im Handel. Eine Fortsetzung ist schon in Arbeit und erscheint voraussichtlich Anfang 2019.

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Seitenzahl: 156

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Personenverzeichnis

Kapitel 1: Ein toter Fuchs!

Kapitel 2: Probleme mit dem Fußball

Kapitel 3: Eine verrückte Idee

Kapitel 4: Der Lauscher

Kapitel 5: Eine Einzelaktion

Kapitel 6: Auf Spurensuche

Kapitel 7: Die Vorbereitungen

Kapitel 8: Die Nachtwanderung

Kapitel 9: Die Verfolgung

Kapitel 10: Der Heimleiter ist sauer

Kapitel 11: Eine heimliche Operation

Kapitel 12: Neue Probleme kündigen sich an

Kapitel 13: Aufregung im Schlafsaal

Kapitel 14: Ein geheimes Gespräch

Kapitel 15: Der unnötige Streit

Kapitel 16: Warten im Dunkeln

Kapitel 17: Viele Besen kehren schneller

Kapitel 18: Die Luft ist raus

Kapitel 19: Ein unglaublicher Bericht

Kapitel 20: Pfefferkuchen im August

Kapitel 21: Männer in Schutzanzügen

Kapitel 22: Eine Überraschung

Kapitel 23: Eine große Veränderung

Bild ‚Das Holzbrett‘

Glossar

Über den Autor

Dank des Autors

Personenliste

Die Hauptpersonen des Romans sind:

Heimkinder

Alexander Andreas Boris Julian Lucas Mirco (Erzähler) Peter Waldemar

Jens

älterer Junge

Yannik

kleiner Bruder von Jens

Weitere Personen

René

Junge im Wald

Herr Dumas

Anwalt

Herr Kempf

Pfarrer

Herr Nehring

Heimleiter

Frau Raschke

Sicherheitsbehörde

Dr. Wernike

Heimarzt

Der Roman spielt in der nahen Zukunft im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Frankreich.

Hinweis für den Leser:

Alle in diesem Roman verwendeten Fachausdrücke findest du am Ende des Buches erklärt. Das erste Auftreten im Text wird kursiv dargestellt. Dort erfährst Du auch, ob es diese schon gibt oder ob sie noch ‚Zukunftsmusik‘ sind, also vom Autor ausgedacht sind.

1. Ein toter Fuchs

Ein toter Fuchs! Das also wollte René mir im regennassen Wald zeigen. Die Wassertropfen auf dem rotbraunen Fell glänzen wie Perlen. Seine leblosen Augen starren mich fragend an: Warum bin ich gestorben?

„Es gibt im Wald noch mehr tote Tiere“, bedauert mein Freund.

„Wie kommt das?“

„Keine Ahnung, im Herbst war noch alles in Ordnung. Vielleicht liegt es am Wetter. Er ist für Januar viel zu warm. Es sollte schneien und nicht ständig regnen.“

Ich schaue mich besorgt um.

„Es ist so still. Ich habe nicht einmal einen Krächzvogel gehört“, erkläre ich.

„Einen was?“

„Den großen beigen Vogel, der immer krächzt, wenn wir hierherkommen.“

„Ach so, du meinst einen Eichelhäher. Die sind die Polizei des Waldes. Wenn jemand Unbekanntes in ihr Revier kommt, warnen sie die anderen Vögel. Aber du hast Recht, ich habe auch keinen mehr gesehen.“

Auf dem Rückweg rätseln wir über das tote Tier; doch wir finden keine Erklärung dafür.

Schließlich wechsle ich das Thema: „Wo schläfst du heute Nacht?“

„Vielleicht in der Hütte am Bach.“

„Geh zu unserem Pfarrer. Bei ihm kannst du in einem warmen Bett schlafen. Er gibt dir auch was, zu essen.“

„Ne danke. Ich schlag mich irgendwie durch.“

„Ok. War nur ‘n Vorschlag.“

„Dass du mir ja den Mund hältst“, bittet mich René ernst.

„Warum denn?“

„Weiß ich, ob mich einer deiner Freunde verpfeift?“

„Bist du doof! Das würden sie nie tun“, schnauze ich ärgerlich. „Die haben keine Ahnung von dir!“

„Dabei soll’s auch bleiben.“

„Ok.“

Wir sind am Bach angelangt, der nah an meinem Kinderheim, vorbeifließt. An der Rückseite einer kleinen Holzhütte bleiben wir stehen. Die großen Eibenbüsche, die immergrün sind, geben uns zusätzlich Deckung. So bleibt René vor den anderen verborgen.

Er gibt mir ein Zeichen. Ich folge ihm in die kleine Hütte, die meine Freunde und ich aus alten Brettern zusammengebaut haben.

„Ich hab noch was für dich“, kündigt René an.

Mein Freund kramt in einer Ecke herum. Als er sich zu mir umdreht, hat er etwas Kleines in der Hand: Zwei Figuren aus Holz, die sich die Hände reichen.

„Hier, für dich.“

„Danke“, bringe ich zögernd hervor.

„Was ist das?“

„Ein Geschenk.“

Mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Ich habe keinen blassen Dunst, was das soll.

„Wieso?“, will ich von meinem Freund wissen.

„Ich mag dich. Daher möchte dir eine Freude machen. Es ist auch ein Dankeschön, dass du mich nicht verrätst, ich in der Hütte schlafen kann. Eben für alles.“

„Dir ist schon klar, dass du grad voll Verwirrung in mir stiftest?“

„Jetzt sag bloß?“

„Ne, hab noch nie was geschenkt bekommen“, unterbreche ich René.

„Noch nicht mal an Weihnachten oder zum Geburtstag?“

„Nö.“

Ich erkläre meinem verblüfften Freund: „Weihnachten klar, feiern wir. Jesu Geburt und so – doch bekommen wir kein Geschenk.“

„Bekommt ihr am Geburtstag eins?“

„Uns wird an diesem Tag nur gesagt, dass wir jetzt ein Jahr älter geworden sind.“

René ist platt! Sieht so aus, als wenn ihm das völlig unverständlich ist. Er erzählt mir von seinem Kinderheim: „Wir konnten es jedes Mal kaum erwarten, weil wir uns auf das Geschenk freuten, das wir bekamen. Die Erwachsenen hatten ihren Spaß daran, uns eine Freude zu machen.“

Mein Freund malt es in den schönsten Farben aus. Hört sich richtig toll an! Für einen winzigen Augenblick wünsche ich mir, zusammen mit René in seinem Kinderheim zu sein. So erstaunt ich gerade eben noch war, umso glücklicher bin ich jetzt. Das ist echt der Hammer! Mein aller erstes Geschenk! Ich werde es für immer behalten.

„Danke“, sage ich aus tiefstem Herzen.

„Sehen wir uns morgen?“, will ich wissen.

„Nö, will mir, was zu essen besorgen.“

„Um genau zu sein: Klauen.“

„Was bleibt mir anderes übrig?“

Dabei breitet mein Freund seine Arme zu einer hilflosen Geste aus.

„Du könntest in dein Heim zurückgehen“, schlage ich vor.

„Für die existiere ich nicht mehr – für niemanden.“

„Jetzt sag bloß, du hast deinen PETAC weggeworfen?!“

„Ja.“

„Dann wirst du für tot gehalten. Der ‘Persönliche-Taschen-Computer’ ist auch dein Ausweis“, bemerke ich nachdenklich.

„Schon klar, wenn man mich findet, stecken sie mich sofort ins Heim. Wegen dem Ortungschip im PETAC ist das eine Sache von Stunden, allerhöchstens Tagen.“

„Was ist dabei, wenn du im Kinderheim bist?“

„Ich fühle mich da eingeengt. Ich will meine Freiheit und mit Freunden zusammen sein.“

„Hast du denn bei euch im Heim keine?“

„Nö.“

„Wie lange wohnst du schon dort?“

„Weiß nicht genau, schon ziemlich lang.“

„Trotzdem keine Freunde gefunden. Das ist doof.“

„Deshalb bin ich ja abgehauen“, begründet René. „Du bist mein einziger Freund“, fügt er freudestrahlend hinzu.

Das macht mich mächtig stolz.

„Du kennst doch die Vorschrift für uns Kinder.“

„Ja, jeder muss in einem Kinderheim in der Zone leben, in der er geboren ist.“

„Ich hab meinen PETAC entsorgt, damit wir uns so oft sehen können, wie wir wollen“, erklärt mir René. „Und das ich frei bin!“, betont er noch einmal.

„Das hat einen großen Nachteil für dich.“

„Ja, ich kann mir Nichts zu essen kaufen“, gesteht er ein. „Den PETAC brauche ich zum Bezahlen.“

„Wenn sie dich beim Klauen erwischen, kommst du ins Gefängnis. Was ist besser? Heim oder Gefängnis?“

„Das Risiko gehe ich ein“, meint mein Freund.

„Ok, ganz wie du willst. Ich sag’s noch mal: Beim Pfarrer hättest jeden Tag was, zu essen.“

„Ich weiß. Gut gemeint von dir. Ich überleg’s mir.“

„War nur ‘ne Idee. – ‘Ne ganz andere Frage. Du kommst viel rum, bist doch eigentlich überall und nirgends, oder?“

„Ja, stimmt.“

„Du weißt ja, in der Nähe wurde ein neues E-Werk gebaut. Unser Heimleiter hat gesagt, dass es da vielleicht einen Störfall gegeben hat. Könntest du dich mal heimlich umsehen und versuchen, was raus zu kriegen?“

„Ich kann’s probieren. Versprechen tu’ ich nix.“

„Schon klar. Danke. Bis bald. Tschüss.“

„Adieu.“

2. Probleme mit dem Fußball

Tags darauf ist mir todlangweilig. Der Nachmittag zieht sich unendlich lang hin. Voll ätzend! Ich sitze auf meinem Bett. Lustlos schaue ich mich um. An der Wand kriecht eine Fliege. Das Tier ist die einzige Abwechslung, die ich habe.

Ich habe Stubenarrest. Herr Nehring, unser Heimleiter, hat uns Kindern schon gestern verboten, aus dem Haus zu gehen. Hat er eine Regel aufgestellt, so muss sich jeder daranhalten.

Ich habe mich nicht darangehalten und war im Wald. Dann habe ich auch noch in der Küche ein Ei eingesteckt, weil ich unseren Fußball reparieren wollte. Du kennst das sicher auch. Es gibt immer einen, der dich verpfeift. Mich hat jemand verraten. Kein Schimmer wer es war. Ich werde das wahrscheinlich nie herausfinden, egal. Das Ei haben sie nicht bei mir gefunden. Trotzdem muss ich heute, zur Strafe, den ganzen Tag, allein im Schlafsaal verbringen. Auf das Einhalten der Vorschriften achten die Großen bei uns im Heim. Einer von ihnen ist Jens. Er passt darauf auf, dass ich nicht flitzen gehe. Soeben hat er zum wiederholten Mal seinen Kopf durch die Tür gesteckt. Auf sein dämliches Grinsen kann ich verzichten.

Wenn du meinst, dass ich das Zimmer für mich alleine habe, irrst du dich. Es ist ein großer Schlafsaal. Ich muss ihn mit anderen Jungen teilen. Unser Pfarrer hat uns erzählt, dass es früher mal doppelt so viele waren.

Ein Bett, neben dran ein kleines Nachtschränkchen und ein Schrank. Alles Zentimeter genau geordnet. Davon stehen jeweils zwölf im Raum. Alle sind in einem fahlen Grau gestrichen. Die Wände haben die gleiche Farbe.

Der Himmel zeigt sich genauso düster. Seit Tagen regnet es ununterbrochen. Überall steht das Wasser knöcheltief. Alle Wege, auch die Wiesen sind die reinsten Schlammwüsten. Man kann nur in Regenkleidung rausgehen. Allerdings haben wir keine.

Der Staat hat die Ausgaben stark beschränkt. Auch für Kinderheime. Die Produktion hängt mit allem total hinterher. Die Sommer sind entweder total verregnet oder knall heiß. Deswegen gibt es auch weniger Lebensmittel. Importe sind für den Staat Europa zu teuer.

Ach, du weißt ja gar nicht, wer ich bin. Ich heiße Mirco, bin zwölf Jahre alt und wohne ganz im Westen der Zone D. Das hieß früher Deutschland. Dicht an der Zone F, dem ehemaligen Frankreich. Ganz Europa ist in Zonen aufgeteilt. Von ihren alten Ländernamen haben sie nur die Anfangsbuchstaben behalten. Aus der Zone F kommt mein neuer Freund René. Von ihm weiß ich noch nicht viel und er ist mein großes Geheimnis!

Der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben. Der Wind verstärkt dieses prasselnde Geräusch. Es klingt, als wenn Hagelkörner gegen die Scheiben und auf das Dach schlagen. Doch ich weiß, es ist nur der Regen, der unaufhörlich niederfällt. Ich lege mich auf mein Bett. In letzter Zeit fühle ich mich oft sehr unwohl.

In unserem Waschraum hängt ein Spiegel. Genau genommen ist er ein richtiger Computer – ein Spiegelscanner. Du drückst mit der Hand drauf. Ein hellblauer Lichtstreifen läuft von oben nach unten am Spiegel entlang. Er scannt dein Gesicht. Nach wenigen Sekunden weißt du, ob und was sich in deinem Gesicht verändert hat. Jedes Mal, wenn ich reinschaue, hoffe ich, in meinem Gesicht Anzeichen für mein Übelsein zu erkennen.

Erst heute Morgen hat er mir angezeigt, dass alles in Ordnung ist. Ich glaube, er lügt. Ich bin echt dünn geworden. Auch spüre ich, dass ich körperlich stark abbaue. Na ja, ich bin weder der Größte noch der Stärkste. Alle Kinder im Heim sind krank.

Vor einigen Tagen hat unser Heimleiter, Herr Nehring, uns die Situation erklärt: „Für die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, kurz HGÜ, werden überall neue Stromleitungen benötigt. Die verlaufen oberirdisch oder in der Erde. Die neuen Leitungen braucht man, damit der Strom schneller überall in Europa verteilt werden kann. Es werden auch neue E-Werke gebaut. Eines davon steht hier in der Nähe, in der Zone F. Ich vermute, es hat da vor kurzem einen kleinen Störfall gegeben. Ihr werdet euch bald wieder wohlfühlen.“

Der Mann hat sich geirrt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir werden von Tag zu Tag wackliger auf den Beinen.

Eine leichte Müdigkeit überkommt mich. Auf dem Bett liegend, wandern meine Augen durch den Raum. Sie suchen erfolglos die Fliege. Ob sie irgendwo tot herumliegt? So wie der Fuchs, den mir René gestern gezeigt hat. Mein Blick bleibt an den verdreckten Fensterscheiben haften. Die müssten auch mal geputzt werden, überlege ich. Zurzeit haben wir jedenfalls keinen klaren Blick auf den kleinen Bach und die Wiese hinter unserem Haus. Dort spielen meine Freunde und ich oft Fußball. Ach, wie schön wäre es, wenn auch René dabei sein könnte. Aber ich muss schweigen! Das ist doof. Ich habe ungern Geheimnisse vor meinen Freunden. Auch ohne Verbot des Heimleiters müssen wir im Moment dem Bach fernbleiben. Das Wasser ist über die Ufer getreten, denn es regnet ununterbrochen.

Da fällt mir die Geschichte von der Arche Noah ein, die haben wir im Reliunterricht durchgenommen. Da hat es auch Tage lang geschüttet wie aus Eimern. Jedoch im Gegensatz zu damals besteht für uns noch keine Gefahr, in den Fluten zu ertrinken. Religionsunterricht gibt es erst seit Kurzem wieder. Die Kirche und alles, was damit zusammenhängt, war Jahre lang verboten. Es entstehen wieder neue Gemeinden. Die Euro-Regierung lässt es stillschweigend zu, auch wenn es keine offizielle Erlaubnis gibt. Für die Pfarrer und Prediger gibt es keine Nachteile. Auch wir können problemlos sonntags in den Gottesdienst gehen und am Reliunterricht teilnehmen.

*

Als wäre ich von einer Tarantel gestochen worden, fahre ich plötzlich hoch. Alex hat mich an der Schulter gerüttelt. Ich bin eingeschlafen, ohne dass ich es wollte. Das passiert mir häufiger, wenn ich mich nur ausruhen will.

„Was ist?“, frage ich schlaftrunken.

„Komm, wir wollen Fußball spielen.“

„Wo?“

„Auf der Wiese am Bach.“

„Ihr wollt bei dem Regen echt Fußball spielen?“

„Ja. – Dann macht’s mehr Spaß.“

Alex hält mir den Fußball entgegen.

„Aber mit dem schlaffen Ding geht’s nicht. Du hast gesagt, du kannst ihn reparieren.“

„Ja, kann ich. Wozu hab ich denn das Ei aus der Küche und die Spritze im Krankenzimmer organisiert.“

„Und irgendjemand hat dich dabei gesehen und verpetzt“, kommentiert Alex.

„Wer es war, werde ich wohl nie herausfinden“, gebe ich zurück. „Deshalb hab ich ja Stubenarrest, obwohl ich die Sachen dir gegeben habe.“

Alex legt mir den halb schlaffen Ball auf das Bett. Dann holt er das Ei und die Spritze aus seinem Nachttisch.

„Gut, dass ich es in meinem versteckt habe“, sagt er grinsend. „Alles schon vorbereitet, Dr. Mirco.“

Alex lacht und klatscht mir das medizinische Werkzeug wie eine OP-Schwester in die Hand.

„Das klappt auch wirklich?“, fragt er zweifelnd.

Ich nicke nur. Den Inhalt des rohen Eis lasse ich in ein Wasserglas fallen. Das Eiweiß ziehe ich in die Spritze. Fasziniert sieht Alex zu, wie ich es durch das Ventil des Balls hineinspritze. Als die Spritze leer ist, werfe ich ihm den Ball eilig zu.

„Jetzt kräftig schütteln und rollen, damit sich das Eiweiß an den Wänden gut verteilt. Es dichtet die kleinen Risse ab, so bleibt die Luft dann drin.“

Alex führt mit dem Ball in der Hand einen wilden Tanz auf. Fast wirft er das Glas um. Als er zu Atem gekommen ist, pumpt er den Ball mit einer Fahrradpumpe auf.

„Perfekt. Er hält die Luft!“, strahlt Alex. „Komm, wir probieren den Ball gemeinsam aus.“

„Ich hab Stubenarrest“, erinnere ich meinen Freund.

„Musst halt heimlich abhauen“, ermuntert mich Alex.

„Hab keine Lust von Jens erwischt zu werden“, gebe ich brummig zurück.

„Na gut.“

Andere hätten mich einen Feigling genannt. Alex nicht. Das finde ich gut von ihm.

In der ersten Zeit, die mein Freund hier war, hat er sich richtig mies gefühlt. Wie ein alter Eisenbahnwagon, der auf ein Abstellgleis geschoben und dort vergessen wird. Jetzt fühlt er sich wohl bei uns. Alex will nirgendwo anders mehr hin. Das liegt auch daran, dass er außer mir noch sechs andere Freunde gefunden hat. Andreas, Boris, Julian, Lucas, Peter und Waldemar, die auch meine Freunde sind. Wir unternehmen alles gemeinsam. Am Anfang hatten wir manchmal Streit. Mit der Zeit haben wir uns zusammengerauft. Wir sind eine geheime Bande geworden. Der Pfarrer hat uns mal die ‘Verschworenen Acht’ genannt und uns dabei begeistert angeschaut.

Als ich Alex das erste Mal sah, habe ich bei mir gedacht. O man, der ist dick wie eine Tonne. Jetzt sind wir beide fast gleich schlank. Das kann unmöglich nur allein am knappen und schlechtem Essen liegen. Irgendwo hat das seinen Ursprung. Nur haben wir noch keine Erklärung gefunden. Auch die anderen Kinder interessieren sich dafür. Wenn wir unsere Erzieher fragen, bekommen wir keine brauchbare Antwort. Sie weichen uns aus. Das merken wir deutlich. Deshalb haben wir Acht beschlossen, der Sache selbst auf den Grund zu gehen.

Nachdem Alex aus dem Zimmer gegangen ist, hole ich meinen PETAC aus dem Nachttisch. Er hat alles abgelöst, was es früher gab. Geld, alle persönlichen Dokumente, die Schreibhefte in der Schule, das Handy. Auch die Computer und Laptops. Ohne so ein Teil bist du total aufgeschmissen. Mal sehen, ob ich dieses Mal was über einen Störfall in einem E-Werk in der Zone F finde. Ruck zuck bin ich in der Web-Suchmaschine. Ich gebe „Zone F“ und „Störfall E-Werk“ ein. Erfolglos. Ich versuche es mit verschiedenen Varianten. Jedes Mal heißt es: Diese Internetseite ist zurzeit nicht verfügbar. Mist! Typisch denke ich bei mir. Wir Kinder erfahren die wichtigen Sachen entweder als letzte oder nie. Wer steckt dahinter? Unser Heimleiter? Jemand anderes? Technisch ist das machbar. Es genügt ein Tastendruck vom Betreiber der Webseite, so ist sie lahmgelegt.

Unversehens wird es laut auf dem Flur. Jens schreit zwei der Kleinen an. O man, kann man hier nicht mal ungestört Langeweile haben?

Ich habe zwar so getan, als wenn ich schon hundertmal einen Ball auf diese Weise repariert habe. In Wirklichkeit hatte ich es vorher noch nie gemacht. Es interessiert mich schon, ob er wirklich dicht bleibt. In aller Eile ziehe ich Schuhe und Jacke an. Mit größter Vorsicht öffne ich die Tür. Sie knarrt ein wenig. Ob Jens was gemerkt hat? Doch der ist total damit beschäftigt, die zwei Kleinen zur Schnecke zu machen, sodass ich unbemerkt abzischen kann. Wieselflink husche ich den Gang entlang.

Gleich, nachdem ich die Haustür geöffnet habe, peitscht mir der Regen ins Gesicht. Bis ich meine Freunde auf der Spielwiese erreicht habe, bin ich klatschnass.

Der Ball, mit dem wir spielen, ist für uns was ganz Besonderes. Letztes Jahr haben wir im Sommer einem Bauern bei der Ernte geholfen. Er hat ihn uns geschenkt.

Ich stehe im Tor, weil ich von uns allen der beste Torwart bin. Meine Begeisterung dafür hält sich in Grenzen. Bei diesem Matschwetter kann ich mich nach keinem Ball werfen, um ihn abzuwehren. Da sehe ich gleich wie ein Schwein aus. Das runde Leder bleibt in den Pfützen ständig liegen. Es ist mehr ein Gestocher als ein richtiges Spiel, was wir veranstalten. Aber lustig ist es schon. Zumindest für die anderen. Im Tor stehend friere ich doch recht arg. Plötzlich prallt die Kugel fest gegen meine Brust. Ehe ich mich versehe, sitze ich auf dem Hosenboden.

„He Mirco, ‘schuldige.“

„Kein Ding, Julian.“

Wir lachen uns beide an. Weiter geht es.