Verlag: Loewe Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Die Verschworenen - Ursula Poznanski

In der Stadt unter der Stadt finden Ria und ihre Freunde Zuflucht, doch bald zeigt sich, dass auch hier ein Überleben nicht garantiert ist. Während Aureljo seine Rückkehr in die Sphären vorbereitet, sucht Ria nach Jordans Chronik und findet Fragmente, die sie nicht zur Gänze deuten kann. Als Lichtblick erweist sich in dieser Zeit, im wahrsten Sinn des Wortes, ihre Freundschaft zu Sandor, mit dem sie immer wieder kurze Ausflüge an die Oberfläche unternimmt und dessen Zuneigung ihr täglich mehr bedeutet. Doch dann wird Sandor Clanfürst, und mit einem Schlag ist alles anders. Ria sieht sich gezwungen, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht gemeinsam mit Aureljo in die Sphären zurückzugehen. "Die Verschworenen" ist der zweite Band einer Trilogie. Der Titel des ersten Bandes lautet "Die Verratenen". Die Bestsellerautorin Ursula Poznanski, auch bekannt durch ihre Thriller für Erwachsene: "Fünf" und "Blinde Vögel", erschienen beim Wunderlich Verlag, legt mit diesem Jugendbuch-Thriller den zweiten Band der Verratenen-Trilogie vor.

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E-Book-Leseprobe Die Verschworenen - Ursula Poznanski

1

Die Kinder sind ein bebender Schatten im ersten Licht der Morgendämmerung. Ihre Stimmen dringen bis zu meinem Versteck. Aufgeregte, hohe Töne, manchmal ein Lachen, das tapfer klingen soll.

Sie sind so klein.

Das habe ich schon aus den Erzählungen gewusst. Mit sechs Jahren vollziehen sie das Ritual, dem ihr Clan seinen Namen verdankt. Schwarzdorn. Das Gestrüpp, durch das sie sich gleich kämpfen müssen, kann ich von hier aus erkennen. Mir würde es bis knapp über den Bauchnabel reichen, aber manche der Kinder werden völlig darin verschwinden, bevor sie blutend am anderen Ende wieder auftauchen.

Primitiv. Das Wort pocht in meinem Kopf, seit ich meine Beobachtungsposition eingenommen habe. Es kommt nicht von ungefähr, dass der zivilisierte Teil der Menschheit den Clans dieses Attribut zuordnet. Sie Prims nennt. Seit Wochen habe ich diesen Begriff nicht mehr in den Mund genommen, ihn nicht einmal gedacht, aber nun kehrt er mit Wucht in mein Bewusstsein zurück.

Ich rufe mich zur Ordnung. Den Menschen, die dort stehen, verdanke ich mein Leben, nachdem mich meine eigene, angeblich so rechtschaffene Regierung erschlagen lassen wollte wie ein wildes Tier.

Ein Windstoß fegt über die brüchige Mauer hinweg, die mein notdürftiges Versteck bildet. Quirin, der mehr Verständnis für Neugierde hat als jeder andere Mensch, den ich kenne, hat mir den Platz zugewiesen und verlässt sich darauf, dass ich stillhalte. Er weiß, dass ich weiß, wie wichtig es ist, unbemerkt zu bleiben. Offiziell bin ich, ist meine ganze Gruppe längst nicht mehr hier, sondern nach Westen weitergezogen.

In die Menschen vor der Hecke kommt Bewegung. Eltern helfen ihren Kindern aus der dicken Kleidung, bis sie nur noch in Fellstiefeln und grob gewebten Unterhemden dastehen. Ich fröstle aus Mitgefühl. Ein Mädchen beginnt zu weinen, einer der Jungen stimmt ein.

Quirin steht auf der anderen Seite des Dornengestrüpps – ganz in Weiß gekleidet, wie immer. Sie nennen ihn den Bewahrer, den Fürsten der Stadt unter der Stadt, doch im Moment wirkt er auf mich eher wie ein Priester der alten Religionen. Ich höre, wie er beruhigend auf die Kinder einspricht. Was er sagt, verstehe ich nicht, aber das Weinen ebbt ab. Das erste Kind löst sich aus der Gruppe und geht zögernd auf die Hecke zu.

Jemand tritt aus der Gruppe der Erwachsenen – ich erkenne die Silhouette sofort. Die geraden Schultern, die eleganten, sparsamen Bewegungen, das dunkle, schulterlange Haar. Sandor geht neben dem Kind in die Hocke und zeigt ihm, wie es mit den Händen seine Augen schützen soll. Danach steht er auf und begleitet den Kleinen bis zur Hecke, drückt ihm die ersten Dornenranken beiseite.

Der Junge geht los. Zweimal höre ich ihn aufschluchzen, dann ist er auf der anderen Seite bei Quirin angelangt, der ihm eine Decke um die Schultern wickelt und ihn lachend hochhebt.

Das Mädchen, das nach ihm an der Reihe ist, gibt keinen einzigen Laut von sich, während es sich durch die Dornen kämpft, aber als es die Hecke hinter sich lässt, glaube ich eine dunkle Spur an seinem Oberarm zu erkennen. Quirin drückt sofort ein Tuch auf die Wunde und streicht dem Kind über den Kopf, bevor er es zu seinen Eltern entlässt.

Die anderen Kinder weinen alle, manche lauter als andere, doch erst der Achte in der Gruppe setzt sich wirklich zur Wehr, klammert sich an seine Mutter, schreit. Lässt sich nicht beruhigen.

Sie treiben ihre Kinder durch Dornenhecken und ziehen nur die Überlebenden groß. Das war es, was wir uns flüsternd unter unseren Bettdecken über den Clan Schwarzdorn erzählt haben, damals, in der sicheren Wärme der Sphären. Ich ertappe meine Finger dabei, wie sie den Mörtel zwischen den Steinen der Ruine herauskratzen. Wieder rufe ich mich zur Ordnung. Meine Emotionskontrolle war immer vorbildhaft, aber jetzt überrasche ich mich oft bei unbewussten Handlungen, für die ich an der Akademie sofort ein paar Plätze in der Reihung eingebüßt hätte.

Das Schreien des Jungen hat an Heftigkeit zugenommen. Die Erwachsenen, die um ihn herumstehen, geben ihm Zeit, lassen eins der anderen Kinder den Weg durch die Hecke antreten, während sie auf ihn einreden. Sandor kniet neben ihm, legt ihm einen Arm um die Schultern, drückt ihn sanft in Richtung Gestrüpp, doch der Junge reißt sich los und läuft weg.

Genau auf mich zu.

Er will sich in der Ruine verstecken, keine Frage, und er wird mich bemerken.

Ich weiche zurück, geduckt, wenige Schritte hinter mir ist die Falltür zum Keller, durch den ich hergekommen bin. Die Stadt unter der Stadt, Quirins Reich, verfügt über Hunderte Öffnungen ins Freie, und das hier ist eine davon.

Aber die Klappe ist geschlossen, und bis ich sie aufgehebelt habe, wird der Junge hier sein, und zweifellos wird er den anderen erzählen, dass er jemanden gesehen hat, und …

Ich löse das Tuch, das ich um den Hals trage, und binde es mir ums Gesicht, lasse nur die Augen frei. Die hochgeschlagene Kapuze verdeckt mein Haar. Natürlich wird das alles nicht helfen, wenn die Clanleute dem Jungen nachlaufen und mich entdecken, aber vielleicht macht mein Aussehen ihm Angst. Wenn er mich für einen Scharten oder Schlitzer hält, wird er zurücklaufen, so schnell seine Beine ihn tragen.

Ein kurzer Blick über die Mauer. Der Kleine ist fast da, ich kann seinen keuchenden Atem hören – aber er kommt nicht alleine.

Sandor ist ihm dicht auf den Fersen, erwischt ihn, bevor er die Ruine erreicht, hebt ihn hoch und drückt ihn an sich. Der Junge verbirgt das Gesicht an seiner Brust, der schmale Rücken zittert.

»Alles ist gut.«

Sandor spricht beruhigend auf das Kind ein, doch sein Blick liegt auf mir. Ohne Überraschung. Er ist einer der wenigen, die wissen, dass ich und die anderen uns noch immer im Territorium der Schwarzdornen befinden. Hat Quirin ihm gesagt, dass ich das Ritual mit ansehen wollte? Ist Sandor so schnell gerannt, weil er wusste, dass der Junge mich hier entdecken würde?

Ein kurzes Lächeln, kaum sichtbar. Dann wendet er sich um und trägt das Kind zu den anderen zurück.

All sein Protest nützt dem Kleinen nichts. Was jetzt folgt, entspricht dem, was ich als Sphärenbewohnerin über die Clans zu wissen glaubte. Sie zerren ihn auf die Hecke zu und nun ist sein Brüllen herzzerreißend. Er schlägt um sich, tritt, wirft sich zu Boden; seine Mutter hat sich abgewendet und eine Hand vor den Mund gelegt.

Sie werden ihn hineinwerfen, ohne dass er sein Gesicht schützen, ohne dass er die Zweige zur Seite schieben kann. Die anderen haben Kratzer an Armen und Beinen, während er mit etwas Pech sein Augenlicht verliert.

Irgendwann hebt Sandor die Hand. Was er sagt, verstehe ich nicht, aber die Clanleute bleiben stehen. Der Junge blickt hoch und sein Weinen verebbt, während er gemeinsam mit den anderen beobachtet, wie Sandor erst seine ledernen Handschuhe, dann sein Wams abstreift. Aus der Hose steigt. Am Ende steht auch er nur noch in Stiefeln und einer Art Lendenschurz da. Mit einem großen Schritt tritt er in die Dornenhecke, von dort streckt er dem Jungen die Arme entgegen.

Sehnen, Muskeln und Narben. Nicht einfach, das aus dieser Entfernung auseinanderzuhalten. Sandors Oberkörper gleicht einer Landkarte und ich frage mich, ob ich sie lesen könnte, wenn der Abstand zwischen uns kleiner wäre.

Immer noch müssen sie den Jungen auf die Hecke zuschieben, doch sein Widerstand ist größtenteils erlahmt, er wird jetzt durchgehen, das sehe ich an seiner Körperhaltung. Er sucht bereits nach der Stelle im Gestrüpp, die am ungefährlichsten aussieht.

Sandor bewegt sich rückwärts. Noch einmal zeigt er, wie man am besten die Augen schützt, und diesmal macht es der Junge ihm nach. Tritt in die Hecke und durchquert sie, ohne einen einzigen klagenden Laut von sich zu geben.

Auf der anderen Seite lässt er sich von Quirin auffangen, der ihn lachend an sich drückt, bevor er die Kratzer an Armen und Beinen abtupft. Der Kleine hat sich zusammengekauert, und wenn ich mich nicht täusche, ist er drauf und dran, vor Erschöpfung einzuschlafen.

Ich ziehe mich leise zur Falltür zurück. Den Rest der Zeremonie muss ich nicht mit ansehen, ich habe genug. Mit der dafür vorgesehenen Eisenstange heble ich die Tür auf und steige zurück in die Dunkelheit.

Es ist mir auch nach all den Wochen, die wir nun bereits in der Finsternis unter der Erde leben, nicht gelungen, mich mit ihr anzufreunden. Quirin hat mir empfohlen zu warten, nach ein oder zwei Minuten würden sich die Augen daran gewöhnen.

Aber meine Augen wissen davon nichts. Ich lehne mich an die Mauer zu meiner Rechten und taste mich vorsichtig voran, prüfe bei jedem Schritt, wohin ich ihn setze.

Die Gänge unter der Stadt sind wie alte Höhlen. Jeder Laut klingt hier hohl, die Wandziegel sind feucht und kalt. Wasser tropft von den Decken, jeder Tropfen erzeugt einen anderen Ton, es ist wie Musik, das Lied der kühlen Dunkelheit.

Es gibt Stablampen, aber nur wenige. Kostbare Beute, wenn der Clan erfolgreich gegen einen Trupp Sentinel gekämpft oder einen Transport überfallen hat. Mir ist völlig klar, dass es noch lange dauern wird, bis man mir eine davon anvertraut, wenn überhaupt.

Gleich muss die Rechtskurve kommen. Dann geht es geradeaus, etwa fünfhundert Schritte, hat Quirin gesagt. Ich soll aufpassen, dass ich nicht über die erste der sechs Stufen falle und die Abzweigung nach links verpasse.

Ich schließe kurz die Augen, meine Hände gleiten die kalte, feuchte Wand entlang. Meine Erinnerung spult die Bilder von eben ab, immer und immer wieder. Der kleine Junge und seine große Angst. Sandor, so freundlich und trotzdem so unnachgiebig. Quirin, der dem Kind die Quälerei hätte ersparen können.

Es ist Tradition, hält den Clan zusammen. Wir alle tragen die gleichen Narben. Auf Sandors Armen sind es feine silberne Linien, die man kaum sehen kann. Musste er auch weinen, damals, als man ihn durch die Hecke gezwungen hat?

Da. Meine Hände greifen ins Nichts, ich muss mich nach rechts wenden. Hier kommt mir die Dunkelheit noch dichter vor.

Auch die Kindheit in den Sphären war nicht immer ein Spaß, aber wir hatten es warm. Die Salvatoren an unseren Handgelenken kontrollierten zu jeder Tageszeit unsere Körperfunktionen; Verletzungen wie die Kratzer, die den Kindern des Clans durch die Dornen zugefügt wurden, hätten die Geräte sofort an den nächsten Medpoint gemeldet und in kaum zehn Minuten wären die Wunden desinfiziert und verbunden gewesen. Ich weiß noch genau, welches Prozedere auf jedes aufgeschlagene Knie und jedes Nasenbluten folgte. Ihr seid doch unser wichtigstes Kapital, sagte der Arzt dann gerne, ihr seid die Zukunft.

Wenn ich mich zurückerinnere, fällt es mir noch immer schwer zu glauben, dass man uns einfach töten wollte. Wegen einer Verschwörung, die es nie gegeben hat.

Eine Bodenwelle bringt mich zum Stolpern, ich vermeide nur mühsam einen Sturz, nicht aber den leisen Aufschrei, der jetzt durch die finsteren Gänge unter der Stadt hallt.

Mein Puls jagt, während ich angestrengt ins Dunkel lausche. Sind da Schritte hinter mir? Habe ich jemanden aufgeschreckt … oder etwas?

Auf meine Frage hin hat Quirin behauptet, die Schlitzer mieden die unterirdischen Korridore, aber in seiner Stimme lag eine Spur zu viel Sorglosigkeit, als dass ich ihm hundertprozentig hätte glauben können.

Doch um mich herum bleibt es ruhig. Keine Schritte, die sich nähern, nicht einmal das vertraute flinke Huschen der Ratten. Weitergehen.

Ich versuche mir vorzustellen, was passiert, wenn ich den Weg zurück verfehle und immer weiterlaufe, wenn ich mich in den Kanälen, Kellern und Schächten unterhalb der Ruinen verirre. Doch der Gedanke ist so beängstigend, dass ich ihn rasch von mir schiebe. Quirin würde mich irgendwann finden, vielleicht. Ich würde es nicht wagen, nach Hilfe zu rufen, denn es gibt so viele hungrige Geschöpfe in dieser kalten Welt.

Weiter. Ich bin noch keine fünfhundert Schritte gegangen, das weiß ich, auch wenn ich nicht mitgezählt habe. Obwohl ich mich so langsam vorwärtsbewege, geht mein Atem hektisch und halb erwarte ich, dass mein Salvator vibrieren und mit einem Check der Körperfunktionen beginnen wird. Aber das ist nur die Macht der Gewohnheit; das Gerät ist seit Wochen außer Betrieb. Es ist nicht dafür geschaffen, lange in der Außenwelt getragen zu werden, und außerdem müsste der Akku längst leer sein. Trotzdem habe ich mich noch nicht dazu überwinden können, es abzulegen. Es ist die letzte Verbindung zu meinem alten Leben.

Über mir, im Freien, müsste die Sonne bereits aufgegangen sein. An dem wolkenverhangenen Himmel des heutigen Morgens ist sie sicherlich nicht mehr als ein heller Schimmer hinter dem Grau, trotzdem wäre ich gerne draußen, um ihre Gegenwart zu spüren. Achtzehn Jahre lang habe ich ohne ihre Wärme auf der Haut gelebt, aber nun, da ich das Gefühl kenne, will ich es nicht mehr missen. Als würde der Himmel mich umarmen.

Zu wissen, dass die Sonne da ist, ohne sie sehen und fühlen zu können, ist das Schwierigste an meinem neuen Leben unter der Erde. Doch im Moment haben wir keine Alternative. Wir dürfen nicht entdeckt werden. Am besten wäre es, die Welt würde vergessen, dass es uns gibt.

Mein Fuß stößt gegen einen Widerstand, so plötzlich, dass ich beinahe falle. Die Treppe, da ist sie. Sechs Stufen hinauf und dann müsste bald ein Gang nach links abzweigen.

Die Steine unter meinen Händen sind jetzt andere. Sie fühlen sich älter an, brüchiger. Wie die Wände des Gewölbes, das Quirin uns als Wohnstätte zugeteilt hat.

Wenig später kann ich riechen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es duftet nach gebratenen Äpfeln, so wie gestern, so wie vielleicht morgen noch und dann lange nicht mehr. Vilem, Clanfürst der Schwarzdornen, hat einem befreundeten Anführer einen Teil von dessen Beute abgekauft. Ein erfolgreicher Überfall auf den letzten Warentransport und nun muss die Sphäre Vienna 2 fürs Erste auf Äpfel, Honig und Weizenmehl verzichten. Ich kann mich erinnern, wie wütend mich diese Raubzüge früher gemacht haben. Wie ich sie manchmal gehasst habe, die Prims, diese Diebe, die uns um die wohlverdienten Früchte unserer Arbeit brachten.

Dem Duft zu folgen ist einfach und bald gesellt sich ein Lichtschimmer dazu, der mir im Vergleich zu der Dunkelheit, aus der ich komme, fast strahlend erscheint.

Bevor ich den Eingang zum Gewölbe erreiche, steckt Tycho seinen hellblonden Kopf heraus. »Ah, Ria. Endlich. Es gibt Frühstück.«

Als ich unser Quartier verlassen habe, war noch keiner der anderen wach. Jetzt sitzen sie, in Decken und Felle gehüllt, rund um ein winziges Feuer, das Tycho mittels einer Metallplatte und einiger Ziegelsteine in einen Herd verwandelt hat. Darauf kochen wir uns notdürftige Mahlzeiten und erwärmen das Wasser, mit dem wir uns und unsere Kleidung waschen. Beides nicht oft genug, für meinen Geschmack, aber immerhin alle paar Tage. Wir riechen erträglich, finde ich, aber vielleicht bin ich auch bloß abgestumpft.

Damit Tycho sieht, was er kocht, hält Tomma eine der Behelfslampen in der Hand – auch Beute aus einem Sphärentransport – und dreht jedes Mal die Kurbel, wenn das Licht beginnt, schwächer zu werden. Die Konstruktion aus Spiegelscherben, auf die sie das Licht richtet, ist ebenfalls Tychos Erfindung. Seit wir unter der Erde leben, blüht er auf, baut aus jedem Stück Schrott, das er aufstöbert oder sich erbettelt, etwas Neues, das uns das Leben erleichtert.

»Apfelscheiben mit Honig«, erklärt er jetzt, während er das geschnittene Obst wendet. »Quirin hat uns eine sehr großzügige Ration zugeteilt. Wisst ihr was? Ich glaube, er ist einfach froh, dass er es endlich mit Leuten zu tun hat, die auch ein paar Bücher gelesen haben.«

Obwohl Tycho es wie einen Scherz klingen lässt, wissen wir alle, dass mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in seinen Worten steckt. Wir verdanken es Quirin, dass wir noch am Leben sind, und ich bezweifle, dass er uns den Schutz seiner Stadt unter der Stadt nur deshalb angeboten hat, weil er uns so nett findet. Wahrscheinlicher ist, dass er von unserem Wissen profitieren will. Wir alle fünf waren Elitestudenten an der besten Akademie des Sphärenbundes. Wir sind hervorragend ausgebildet, jeder Einzelne, Spezialisten auf unserem Gebiet. Quirin ist vermutlich der Einzige hier, der unseren Wert für den Clan ermessen kann. Der Titel, den sie ihm gegeben haben, Bewahrer, bedeutet, dass er altes Wissen bewahrt, davon bin ich mittlerweile überzeugt. Und er ist höchst interessiert an Neuem.

Aureljo rückt zur Seite, damit ich mich neben ihn setzen kann. Er greift nach meiner Hand und erst da merke ich, wie kalt sie ist.

»Ich musste mich den ganzen Weg an den Wänden entlangtasten«, erkläre ich, noch bevor er etwas sagen kann. Bevor er meine Decke von unserem Schlafplatz holt und mich darin einwickelt wie eine der ägyptischen Mumien, über die ich erst vor drei Tagen gelesen habe, in einem von Quirins uralten Büchern.

Aureljos Fürsorge ist ein Wesenszug, den ich schon immer an ihm geliebt habe. Sie erstreckt sich sogar auf Menschen, die er nicht besonders mag, wie Tomma. Ihr Husten ist wieder schlimmer geworden, von uns allen verträgt sie die Bedingungen außerhalb der Sphären am schlechtesten. Und so holt Aureljo nun auch noch seine eigene Decke und legt sie um Tommas Schultern.

»Danke.« Sie wirft ihm einen flüchtigen Blick zu, bevor sie die Augen wieder auf die Wand richtet. So wird sie den ganzen restlichen Tag verbringen. Seit wir unter der Stadt leben, spricht sie nur noch das Nötigste und demonstriert uns bei jeder Gelegenheit, wie schlecht sie sich fühlt. Tatsächlich weckt sie immer wieder Mitleid in mir: Sie ist Biologin und die Zeit, die wir gemeinsam mit dem Clan in der Außenwelt verbracht haben, war für sie wie ein Fest. Bäume, zaghafte erste Versuche von Ackerbau im Freien, eine erstaunliche Vielfalt von widerstandsfähigen Pflanzen. Und Yann, einer der Jäger aus dem Clan, an dem sie einen Narren gefressen hatte, aus Gründen, die niemand von uns nachvollziehen konnte.

Ich verstehe, dass sie sich hier unten wie eingekerkert fühlt, aber für den Vorwurf, der aus ihrem Schweigen und ihrem Märtyrerblick spricht, habe ich kein Verständnis.

Vor zwei Tagen hat Dantorian sie gezeichnet. Eine Studie in vier Bildern: Tomma sitzend, liegend, kauernd, an der Wand lehnend und demonstrativ leidend. Ein winziges bisschen überzeichnet, aber keine Karikatur. Trotzdem konnte Tycho kaum aufhören zu lachen, obwohl ihm dabei seine Schusswunde immer noch wehtut. »Brillant, Dan. Besser als jeder Spiegel.«

Er hielt Tomma das Blatt unter die Nase, aber sie würdigte es keines Blickes. Schloss nur die Augen und lehnte in einer kraftlosen Geste den Kopf gegen die Wand.

Jetzt sitzt Dantorian an einer anderen Zeichnung. Quirin hat ihn mit Papier versorgt und ihm den Aufbau der Sphäre Vienna 2 beschrieben. Während er auf sein Frühstück wartet, arbeitet er an den Details des Mauerrings, auf dem die Sentinel Patrouille gehen. Das Bild ist so realistisch, dass ich glaube, die Wärme zu spüren, die von den Kuppeln ausgeht.

Dantorian zeichnet die Sphäre für Aureljo, der mehr denn je plant, sich dort einzuschleichen, um herauszufinden, wieso man uns für Verräter hält. Und wenn ihm das nicht gelingt, will er für Aufruhr sorgen, indem er den Menschen von Vienna 2 erzählt, was mit uns passieren sollte. Dass unsere eigenen Leute versucht haben, uns zu erschlagen. Mit dornenbesetzten Keulen.

Seiner Überzeugung nach sind wir verleumdet worden und er denkt, sobald wir wissen, wer dahintersteckt, werden sich die Dinge wieder einrenken. Meine Gegenargumente stoßen bei ihm auf taube Ohren und ich verstehe sogar, weshalb das so ist. Aureljos Ausbildung war mit meiner nicht zu vergleichen. Während ich immer angewiesen wurde, skeptisch zu sein und genau zu beobachten, wurde er zu einem Anführer herangezogen, der aus innerer Überzeugung alles für möglich hält. Der seine Ziele verfolgt und seine Umgebung dafür begeistert.

Bei Dantorian ist ihm das gelungen. Die beiden arbeiten fast jede wache Minute an ihrem Plan, Vienna 2 zu infiltrieren, und Quirin unterstützt sie dabei. Sie kommen gut voran, zu meinem großen Unbehagen.

»Wie war es?« Aureljos Mund ist in meinem Haar, sein Arm liegt um meine Schultern. »So, wie du es erwartet hast?«

Ich weiß nicht sofort, wovon er spricht, meine Konzentration lässt zu wünschen übrig. Aber natürlich meint er das Ritual. Kleine Kinder, spitze Dornen.

»Es war … eigenartig. Weniger brutal, als ich es mir vorgestellt hatte, und gleichzeitig gnadenloser.« Das tränenüberströmte Gesicht des Jungen steht mir wieder vor Augen und Sandor, der mit gutem Beispiel vorangeht. »Sie sind einfach anders als wir. Die Natur ist ein großer Teil ihres Lebens und sie machen ihre Kinder schon früh mit ihrer schmerzhaften Seite bekannt.«

Ich fühle, dass er nickt. »Das ist eine schöne Interpretation. Mir ist es wichtig, dass wir ihren Gebräuchen später einmal mit Respekt begegnen und nur sehr sachte Einfluss nehmen. Wurde eins der Kinder verletzt?«

»Kratzer hatten sie danach alle, aber es gab keine schlimmen Wunden, soweit ich sehen konnte.«

»Gut.« Er lächelt mich an, drückt mich fester. »Es wird gar nicht so schwierig sein, die Clans und die Sphärenbewohner zu vereinen. Die Gemeinsamkeiten sind größer als die Unterschiede, auch das ist eine Botschaft, die ich nach Vienna 2 bringen werde.«

Ich unterdrücke den Seufzer, der in mir aufsteigen will, und nehme wortlos das Stück Blech entgegen, das mir als Teller dient und auf das Tycho meine Portion Apfel gelegt hat. Der Duft ist paradiesisch.

»Ich habe keinen Appetit«, murmelt Tomma. Es wirkt, als spräche sie mit der Lampe, deren Kurbel sie gerade wieder dreht.

Tycho zuckt die Schultern. »Selbst schuld. Ich habe nichts gegen eine zweite Portion, ich wachse noch.«

»Nein.« Da haben wir Aureljos Anführerstimme, ausgiebig geschult von Morus, einem seiner Mentoren. »Du musst essen, Tomma. Wir haben hier keine medizinischen Möglichkeiten, um dich entsprechend zu behandeln, wenn du richtig krank wirst. Erkältet bist du ja bereits.« Er nimmt Tycho den Teller aus der Hand und stellt ihn vor Tomma auf den Boden. »Bitte. Iss.«

Sie ziert sich noch ein bisschen und verzieht das Gesicht, dann greift sie zu, aber nicht, ohne uns zweifelsfrei merken zu lassen, wie wenig sie es genießt.

Dafür loben wir anderen Tycho umso lauter, bis er sich nach allen Seiten hin übertrieben tief verbeugt. »Wartet nur, bis ich genug Material für einen Backofen beisammenhabe.«

Während wir die warmen, honigsüßen Äpfel verspeisen, spricht niemand ein Wort. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal etwas mit so viel Begeisterung gegessen und dabei das Gefühl von so unerhörtem Luxus verspürt habe.

Nach dem Frühstück verabschieden Aureljo und Dantorian sich sofort in die Bibliothek, um dort bei besserem Licht und mit Quirins Hilfe weiter an ihrem Plan zu arbeiten. Sie haben einen kleinen Raum zugeteilt bekommen, dessen Fenster so hoch liegen, dass niemand die beiden von draußen sehen kann. Ich habe sie kürzlich besucht, um Dantorians Skizzen und Aureljos Datensammlung in Augenschein zu nehmen – beides war viel weiter fortgeschritten, als mir lieb war.

Tycho dagegen hat sich ein eigenes Trainingsprogramm auferlegt: Orientierung in der Dunkelheit. Jeden Tag erkundet er die Gänge und Keller der unterirdischen Stadt ein Stück mehr. »Ich zeichne eine Karte in meinem Kopf«, hat er letztens erklärt. »Abenteuer pur. Und keine Sorge, ich finde zurück.«

Bis jetzt war das tatsächlich jedes Mal der Fall, Tycho muss über einen außergewöhnlich guten Orientierungssinn verfügen.

Manchmal bringt er von seinen Ausflügen Souvenirs mit – ein Stück rostiges Blech, die kleinen Knochen eines Tiers, eine Porzellanscherbe. Er verwahrt seine Funde wie Schätze und genießt jede Minute, die er unter der Stadt verbringt.

Ich wünschte, ich hätte seine Energie. Mir macht der Mangel an Licht zu schaffen und es fällt mir schwer, mir eine Aufgabe für den heutigen Tag zu suchen. Aber auf keinen Fall will ich ihn hier mit Tomma verbringen, die sich an die Wand zurückgezogen hat und dort mehr liegt als sitzt, die Stablampe in der Hand.

Tommas Resignation weckt meine Lebensgeister, auf keinen Fall will ich in diesen Zustand geraten. Ich stehe auf, klopfe mir den Staub von den Kleidern. »Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam zum Bibliotheksspeicher gehen? Quirin hat mir erlaubt, die alten Bestände zu sortieren. Richtige Bücher, Tomma. Ich bin sicher, wir finden etwas zum Thema Forstwirtschaft oder Ackerbau.« Meine Munterkeit klingt echt, jahrelange Übung, und bei mir selbst wirkt der Trick. Ich habe plötzlich Lust, auf Schatzsuche zu gehen, in den Bergen von brüchigem, staubigem Papier nach altem Wissen zu suchen.

»Vielleicht ergibt sich sogar die Gelegenheit, für ein paar Minuten nach oben zu gehen. In den großen Saal. Du brauchst Tageslicht.«

Mein Vorschlag ist Tomma nicht einmal ein Schulterzucken oder Kopfschütteln wert. Sie dreht einfach das Gesicht zur Wand und lässt die Stablampe erlöschen.

Meinetwegen. Insgeheim bin ich erleichtert und schäme mich sofort dafür. Wir müssen zusammenhalten. Trotzdem, ich werde sie nicht zu ihrem Glück zu zwingen. Oder bei ihr bleiben, gegen meinen Willen.

Die Gänge, die mich zur Bibliothek führen, kenne ich nun schon, ich weiß, dass etwa auf halber Strecke eine Mulde kommt, die einen leicht zum Stolpern bringen kann, wenn man unvorbereitet hineintritt. Ich habe die Schritte bis zur ersten Abzweigung mehrfach gezählt; manchmal sind es zweihundertfünf, manchmal zweihundertsieben, aber nie mehr als zweihundertzehn. Meine rechte Hand ersetzt mir die Augen, sie gleitet über alten Stein, glatt und kalt. In der Dunkelheit versuche ich, meine Übungen von früher durchzuführen, wie sie in der Akademie tägliche Routine waren. Gezielt Emotionen in meine Miene legen – Erstaunen, Interesse, Zustimmung. Bewunderung, Verachtung, kühle Ablehnung. Nach ein paar Minuten gebe ich auf, wie schon gestern. Ohne Spiegel kann ich nicht kontrollieren, ob ich überzeugend wirke, und damit ist das Training sinnlos.

Der Gedanke bedrückt mich nicht nur, weil ich fürchte, dass all die Fertigkeiten, in deren Perfektion ich während meines Studiums so viel Zeit und Mühe investiert habe, verloren gehen. Sondern vor allem wegen Grauko. Ich war zwölf, als er mein Mentor wurde, und er fehlt mir. Ich wüsste gern, ob er mich für tot hält – wahrscheinlich, unser aller Tod wurde öffentlich bekannt gegeben. Allerdings ist es fast unmöglich, Grauko etwas vorzumachen. Seine Fähigkeit, aus dem Verhalten anderer Menschen zu lesen, grenzt ans Unglaubliche. Falls bei der Todesnachricht auch nur eine Winzigkeit unstimmig war, wird er sie zumindest angezweifelt haben.

Das hoffe ich. Ich möchte glauben können, dass er in seinem Quartier am Schreibtisch sitzt und auf die verschneiten Hügel hinaussieht, die wie weiße Wellen sind. Dass er mir gute Gedanken hinausschickt in die Weite.

Schon um seinetwillen darf ich meine Übungen nicht aufgeben. Vielleicht gibt es unter Quirins Schätzen noch eine Spiegelscherbe, die er mir leihen kann; Tycho erwürgt mich, wenn ich eine aus seiner Beleuchtungskonstruktion entferne.

So. Hier ist die Abzweigung, ich muss mich nach links wenden. Jetzt ist es nicht mehr weit, noch knapp siebzig Schritte, dann werde ich zur Rechten auf ein eisernes Tor stoßen.

Ich beeile mich zu sehr und stolpere prompt, vermeide nur mit Mühe einen Sturz. Ermahne mich selbst. Wozu die Ungeduld? Ich werde ohnehin warten müssen, es dauert immer einige Zeit, bis jemand die Tür öffnet.

Da ist sie. Und da ist die Kette, an der ich ziehen muss, um mich bemerkbar zu machen.

In den Minuten, die vergehen, übe ich weiter. Zweifel. Begeisterung, aber nicht plump, sie soll nur aus den Augen leuchten. Betroffenheit. Ungerührtheit.

Ich bin gerade bei offener Feindseligkeit, als jemand das Tor öffnet, überraschend schnell. Fiore.

»Was machst du denn für ein Gesicht?«

Die Verlegenheit, die sich jetzt in meiner Miene abzeichnet, muss ich nicht spielen. »Tut mir leid, das hatte nichts mit dir zu tun. Ist Quirin da?«

Fiore fährt sich durch ihr stachelkurzes Haar, als müsse sie nachdenken, dann macht sie einen Schritt zur Seite und lässt mich eintreten. Das spärliche Licht, das den Korridor erleuchtet, färbt ihr Gesicht orange. »Ja, aber erst seit einer halben Stunde. Ich weiß nicht, ob er jetzt schon Zeit hat, in den Tiefspeicher zu kommen.«

Hinter uns fällt das Tor mit einem Krachen ins Schloss. Fiore sperrt zusätzlich mit einem altertümlich wirkenden Schlüssel ab.

»Ihr könntet euch übrigens angewöhnen, gemeinsam hier einzutreffen. Egal, ob ich Tordienst habe oder jemand anderes, wir sind auf jeden Fall dankbar, wenn wir nicht alle fünf Minuten den ganzen Weg hinunter- und wieder zurücklaufen müssen.«

Selbstverständlich hat sie recht. Nur dass Aureljo und Dantorian nach dem Frühstück zu schnell fort waren, es kaum erwarten konnten, mit ihren Plänen voranzukommen. Sie haben es so eilig damit, sich um Kopf und Kragen zu bringen.

»Ich werde ab jetzt darauf achten. Tut mir leid.«

Über ihre Schulter hinweg grinst Fiore mich spöttisch an, sagt aber nichts. Was sie vermutlich Überwindung kostet, sie ist normalerweise nicht sparsam mit spitzen Bemerkungen, und da sie klug ist, trifft sie mit ihren Worten oft ins Schwarze. Ich frage mich, welche ihrer Fähigkeiten genetisch veranlagt sind und wie viel davon Quirins Werk ist. Sie hilft ihm in der Bibliothek, seit sie acht ist, kennt jeden Gang, jedes Regal und unzählige Bücher. Nicht alle natürlich, aber das würde niemand schaffen. Es waren einmal über sieben Millionen, hat Quirin mir erzählt. Ein großer Teil davon wurde verheizt. In der eisigen Kälte der langen Nacht und der Zeit, die darauf folgte, war den Menschen Wärme wichtiger als Wissen.

»Bisschen schneller, wenn’s geht, ich habe heute noch etwas anderes vor.« Fiore nimmt immer zwei Stufen auf einmal, mit ihr Schritt zu halten, ist nicht einfach.

»Und zwar … was?«, keuche ich.

»Ich begleite die Sammler. Letztens hat Andris ein Gerät zerstört, das wir gut hätten brauchen können, ich will ihm auf die Finger sehen.«

Zu meiner eigenen Verwunderung identifiziere ich das, was in mir aufflackert, als Neid. Ich war selbst draußen mit den Sammlern, mit Andris, habe verfallene Häuser nach unentdeckten Schätzen aus Holz, Eisen und Plastik durchsucht. Nach geheimnisvollen Relikten einer vergangenen Zeit, in der alles an Kabeln gehangen haben muss.

Die Arbeit war anstrengend, aber faszinierend. Es war, als könnte ich durch die Jahrhunderte greifen und die Menschen von damals berühren. Außerdem befand ich mich unter freiem Himmel. In den Ruinen pfiff der Wind und immer wieder schimmerte eine warme Sonne durch die Wolken, um in manchen unvergesslichen Momenten hervorzubrechen und die Welt aufstrahlen zu lassen. Das ist nichts, worauf ich leichten Herzens verzichte.

Wir haben das richtige Geschoss erreicht und ich komme wieder zu Atem. Die Nachwirkungen meiner Verletzung sind immer noch spürbar, der Ring um meinen Hals – da, wo der Sentinel die Schlinge zugezogen hat – fühlt sich heiß an und pocht im Takt meines Herzschlags.

Über vier Etagen verfügt der Tiefspeicher – hier wurden in unterirdischen Hallen früher all die Bücher gelagert, die in den oberen Teilen der Bibliothek keinen Platz mehr hatten. Quirin hat mir letztens einen Platz im zweiten Untergeschoss zugewiesen. Meine Aufgabe ist fast beleidigend einfach: Ich soll unbeschädigte Bücher von beschädigten trennen. Dass ich die noch lesbaren anschließend thematisch ordne, ist mein persönliches Vergnügen. Auf diese Weise erhasche ich Blicke auf den Inhalt, auf Worte, die ich nicht kenne, auf Leben, die mir fremd sind. Außerdem habe ich noch ein ganz persönliches Projekt, über das ich bisher mit keinem gesprochen habe. Ich hoffe, auf etwas ganz Konkretes zu stoßen. Auf ein Buch mit rotem Umschlag und einer Abbildung des Sphärenwappens. Drei rote Kreise auf grauem Grund, die Farben von Asche und Feuer.

Es trägt den Titel Jordans Chronik und muss etwas mit dem zu tun haben, was uns zugestoßen ist. Der Mann, der unseren Tod angekündigt hat, erwähnte das Buch im gleichen Atemzug, und eine der letzten Nachrichten, die Fleming auf seinen Salvator erhielt, hatte damit zu tun.

Fleming. Ich schiebe den Gedanken an ihn fort, wieder einmal. Wenn ich es nicht tue, verliere ich mich nur in einer endlosen Spirale von Vermutungen und Rückschlüssen, die niemand bestätigen oder widerlegen kann. Er war einer von uns und war es doch nicht, er hat uns verraten, aber am Ende wollte er uns schützen, und das dürfte ihn das Leben gekostet haben.

Zwei Nächte ist es her, da habe ich von ihm geträumt. Er stand vor mir, gut einen Kopf größer als ich, trotzdem hatte ich ihn an seiner Jacke gepackt und ihm eine Frage nach der anderen ins Gesicht geschrien: Warum sollten wir sterben, worin besteht die angebliche Verschwörung, wie konnte er glauben, dass wir daran beteiligt sind?

In meinem Traum gab Fleming mir Antworten, er redete ganz ruhig, wie es seine Art war, aber in einer Sprache, die ich nicht verstand und die keiner der fünfzehn, die ich gelernt habe, ähnelte. In meiner Wut begann ich ihn zu schütteln und Aureljo weckte mich, weil er dachte, ich hätte einen Albtraum.

Die Korridore zwischen den hohen Buchregalen scheinen endlos. Gestern habe ich begonnen, mich durch den zweiten von links zu arbeiten, weil das pure Chaos, das dort herrscht, mich fasziniert. Alles durcheinandergeworfen. Auf dem Boden Bücherhaufen, die Regale fast leer. Es sieht so aus, als hätte dort jemand einen unkontrollierbaren Wutanfall ausgelebt. Ein solches Szenario wäre in den Sphären unmöglich gewesen, schon aus Platzmangel. Dort war Ordnung oberstes Prinzip, alles wurde sortiert, katalogisiert, nummeriert.

Nummern und Zahlen tragen auch die Bücher hier unten; Quirin hat mir erklärt, dass diese Signaturen den Platz bezeichnen, an dem man das jeweilige Werk finden soll. Sollte. Nichts davon hat mehr Gültigkeit.

»Ich gehe dann, ja?« Fiore hat zwei Energiesparlaternen eingeschaltet, ihr bläuliches Licht erwacht flackernd zum Leben. Ich kenne das Modell, wir haben es in den Sphären verwendet. Wenn ich die zwei Lampen in vernünftigem Abstand voneinander aufstelle, kann ich ungefähr fünf Regalmeter beleuchten.

»In drei Stunden bringt jemand das Essen in den großen Saal. Wenn es vertretbar ist, dass du dazukommst, wird Bojan dich holen, wenn nicht, bringt er dir etwas.«

»Danke.« Ich nehme die erste Laterne und tauche damit tiefer in meinen Korridor ein, bis ich die Stelle finde, an der ich gestern Schluss gemacht habe.

Wenn es vertretbar ist. Das bedeutet, wenn nicht gerade jemand von den Dornen da ist, um sich Rat zu holen oder um sich verarzten zu lassen. Die Gefahr, dass einer von uns hier gesehen wird, ist eine ständig über unseren Köpfen schwebende Bedrohung. Falls das passiert, müssen wir fort, noch am gleichen Tag, ohne einen Ort, wohin wir gehen können. Im Clan sprechen die Dinge sich schnell herum, wenn einer etwas weiß, wissen es bald alle, und dann würden es in Kürze auch die Sentinel erfahren, die nach uns suchen. Dazu müssten sie nur einen der Dornen fangen und ein wenig härter anpacken. Fürst Vilem will keine Sentinel-Trupps anlocken, und in Anbetracht der Blutbäder, die schon aus weit geringeren Gründen unter Clans und Stämmen angerichtet wurden, kann ihm das niemand verdenken.

Dass wir immer noch hier sind, wissen nur Sandor, Vilem, Quirin und seine Untergebenen. »Sie hüten wichtigere Geheimnisse«, hat Quirin gesagt, »ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass sie eurer Versteck nicht verraten.«

Die Pfahlbauten und ihre Bewohner. Eine Darstellung der Cultur und des Handels der europäischen Vorzeit ist das Buch, das ich gestern zuletzt eingeordnet habe. Es stammt aus dem Jahr 1866, aus einer Zeit, die ich mir trotz aller Bemühungen nicht vorstellen kann. Dann schon eher die Vorzeit, von der das Werk handelt. Manche der Clans leben wie die Menschen damals. Ursprünglich. Aufs Wesentliche konzentriert – essen, schlafen, Wärme, Sicherheit.

Die Seiten des nächsten Buchs, das ich vom Boden aufhebe, sind miteinander verklebt, der Titel auf dem Rücken nicht mehr lesbar. Ich lege es auf den Stapel der verlorenen Bücher, wie ich ihn nenne. Mit Bedauern, wie immer. Verlorene Bücher sind verlorenes Wissen, verlorene Geschichte, verlorene Gedanken. In mein Bedauern mischt sich auch diesmal wieder die Befürchtung, dass Jordans Chronik das gleiche Schicksal erlitten haben könnte. Dass ich vielleicht gerade eben das Buch, das ich so verzweifelt suche, auf den Stapel derer gelegt habe, die niemand mehr entziffern kann.

Wenn es so ist, lässt es sich nicht ändern. Ich greife nach dem nächsten.

Die Wasserräder und Turbinen, ihre Berechnung und Konstruktion. 1903 geschrieben. Ich blättere es vorsichtig durch, betrachte die Abbildungen. Das könnte man verwenden, um ein Wasserrad für den Fluss zu bauen, der die Stadt durchfließt. Ich packe das Buch auf den Stapel Nützliches für den Alltag. Weiter. Das nächste Buch. Das nächste. Die Zeit tritt in den Hintergrund.

Als mir plötzlich jemand auf die Schulter tippt, fahre ich mit einem Schrei herum, aber es ist nur Bojan, der eine stumpfgelbe Plastikschüssel mit einem Stück Fleisch und einem bräunlichen Fladen bringt, dazu einen Blechkrug mit Wasser.

»Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Hast du mich nicht rufen gehört? Ich habe auch an die Tür geklopft.«

Ich nehme ihm das Essen ab. »Nein, entschuldige bitte. Ich habe gelesen und nichts um mich herum bemerkt.«

Er schüttelt den Kopf, sodass der blonde Zopf, der ihm über den halben Rücken fällt, hin- und herschwingt. »Das ist unvorsichtig. Es kommen keine Schlitzer hier rein, denke ich, aber zwei Scharten mussten wir schon mal vertreiben.« Er legt seine Stirn in nachdenkliche Falten. »Ich könnte für dich die Tür bewachen. In einer Stunde müsste ich mit der Arbeit fertig sein, die Quirin mir gegeben hat, und dann …«

Ich lege ihm die Hand auf den Arm. »Danke, Bojan. Das ist ein großzügiges Angebot, aber es kommt gar nicht infrage, dass du deine Zeit für mich opferst. Ich passe jetzt besser auf.«

Er legt den Kopf schief. Achtzehn ist er, hat Fiore mir erzählt, genauso alt wie ich, doch die liebenswerte Naivität, die er an den Tag legt, lässt ihn jünger erscheinen.

»Schade, dass du nicht mit hinaufkommen kannst. Aber einer von den Jägern ist gebissen worden und liegt oben, Quirin kümmert sich gerade um ihn.«

Ja, schade. »Wolfsbiss?«

Bojan nickt. »Hat den Unterarm erwischt und nicht losgelassen. Aber Quirin sagt, er wird wieder.«

Ich frage mich, ob ich den Jäger kenne. Wahrscheinlich, denn ich bin auch mit auf der Jagd gewesen, während meiner Zeit an der Oberfläche.

Insgeheim hoffe ich, dass es Yann war, den der Wolf erwischt hat.

Das Fleisch ist kühl und ein wenig zäh, ich könnte mir vorstellen, dass es Ziege ist. Der Fladen ist einer von denen, die aus gestampftem Moos gemacht werden, der muffige Geschmack ist mir mittlerweile vertraut. Innerhalb von fünf Minuten habe ich alles aufgegessen, mit einer Gier, die mich selbst erstaunt. Als ich noch in den Sphären gelebt habe, musste ich mich oft zum Essen zwingen, jetzt picke ich die letzten Krümel mit dem Finger auf, bevor ich Bojan die Schüssel zurückgebe. »Danke.«

»Gern geschehen.« Er druckst noch ein wenig herum, blinzelt. »Falls du Hilfe brauchst«, mit einer vagen Handbewegung deutet er auf den riesigen Bücherspeicher, in dem wir sitzen, »dann frag mich ruhig. Ich kenne mich ganz gut aus in diesen Schluchten.«

Schluchten. Das ist ein treffender Vergleich. Doch obwohl mich die schiere Größe des Depots immer wieder einschüchtert, bin ich hier lieber allein. Ich kann es nur schwer erklären, aber ich habe das Gefühl, dass sich die größten Kostbarkeiten nur dann zeigen werden, wenn niemand stört. Dass ich sie rufen hören kann, wenn ich still und aufmerksam bin.

»Ich bin dir sehr dankbar für dein Angebot«, erwidere ich und nehme seine Hand. Sehe die weiße Linie, einen schwungvollen Haken zwischen Daumen und Zeigefinger – möglicherweise seine ganz persönliche Erinnerung an seinen Gang durch die Dornenhecke. »Aber ich kann mich besser konzentrieren, wenn ich allein bin.« Zuneigung in Stimme und Augen legen. Das fällt mir nicht schwer, ich mag Bojan.

Wie ich gehofft habe, versteht er meine Antwort nicht als Zurückweisung, sondern lächelt und drückt meine Hand, bevor er sie loslässt. »Das kenne ich. Es ist nur so, dass du niemanden rufen kannst, wenn du Hilfe brauchst, und hinauf in die Halle sollst du ja nicht …«

»Ich komme zurecht.« Ich greife nach dem letzten Buch, das ich in Arbeit hatte – Meerestiere im Aquarium –, und lege es auf den Stapel der gut erhaltenen, aber nutzlosen Werke.

»Wenn du mir einen Gefallen tun willst, könntest du am Abend wiederkommen und mich zurück ins Gewölbe begleiten. Ich habe nämlich kein Licht.«

Bojan strahlt und verspricht es. Ich sehe ihm nach, als er geht, und überprüfe in Gedanken die Signale, die ich ausgesendet habe. Vielleicht hätte ich seine Hand nicht nehmen sollen. In den Sphären ist das eine sehr verbreitete und rein freundschaftliche Geste, aber hier draußen könnte sie mehr bedeuten. Obwohl Bojan weiß, dass Aureljo und ich ein Paar sind, macht er sich eindeutige Hoffnungen. Das hätte ich auch erkannt, wenn ich nicht jahrelang die Nuancen menschlicher Regungen studiert hätte.

Ich nehme das nächste Buch zur Hand. Von der Einsamkeit des Menschen. Der Rücken ist gebrochen und vom Buchdeckel fehlt eine Ecke, sonst ist es in gutem Zustand. Trotzdem brauche ich lange, um es einem der Stapel zuzuordnen.

Vielleicht sollte ich Bojan bitten, sich um Tomma zu kümmern.

2

Es dauert zwei Tage, bis ich endlich wieder einen Streifen Himmel sehe, einen dämmrigen roten Himmel durch eins der Fenster in Quirins Säulenhalle. Das Glas ist intakt, was vermutlich den Metallstreben zu verdanken ist, die es in Quadrate unterteilen, in stabile, transparente Vierecke.

Ich hatte mich auf den Anblick von Sonnenlicht gefreut, aber kaum hatte Bojan sich mit uns zur Halle hinaufgeschlichen, musste er uns auch schon in einem der Nebenräume verstecken.

»Es gibt ein Neugeborenes«, erklärte er strahlend. »Und das bringen sie Quirin zur Aufnahme.«

Auf mein Nachfragen hin erläuterte Bojan, dass der Clan Schwarzdorn seine Kinder schon in den ersten Tagen ihres Lebens mit der Härte der Wildnis bekannt macht. Symbolisch natürlich – ein winziger Stich mit einem Dorn, an eine Stelle, wo es nicht wehtut. »Dafür sind die Bewahrer auch zuständig.«

Wir zucken zusammen, als draußen das Baby zu schreien beginnt.

»Oje.« Bojan zieht eine Grimasse. »Da beschwert sich jemand.«

Der Brauch erinnert mich an religiöse Rituale von früher. Taufen, Beschneidungen. Faszinierend, wie sie sich bei den Clans in Naturrituale gewandelt haben.

Als man uns endlich holt, hat sich der Himmel bereits rot und dunkelblau verfärbt. Während ich den Blick keine Sekunde lang von den Farben wenden kann, den Wolken, den Lichtstreifen, vertiefen sich hinter mir Quirin, Aureljo und Dantorian in ein Gespräch, bei dem es um die Frage geht, ob Aureljo sich mit einem Grenzgänger treffen soll.

Quirin ist skeptisch, er traut diesen Außenseitern nicht, die zwischen Sphären und Clans pendeln, ohne sich irgendwo dazugehörig zu fühlen. »Sie leben davon, Informationen zu verkaufen, und glaub mir, der Sphärenbund würde es sich einiges kosten lassen, zu erfahren, wo ihr seid und was ihr vorhabt. Das ist eine Versuchung, der keiner der Grenzgänger, die ich kenne, widerstehen könnte.«

»Ich würde mich natürlich als Clanmitglied ausgeben, das mehr über die Sphäre wissen will, über die Sicherheitsvorkehrungen, die Anzahl der Außenwachen und die Arbeitsbereiche. Wenn Vienna 2 zum Beispiel eine Recyclingstation hat, gibt es dafür ein spezielles Belüftungssystem, mit einem eigenen Schacht, über den man unbemerkt in die Sphäre eindringen kann, wenn man weiß, wie.«

Sie verlieren sich in technischen Details und ich höre nicht länger zu. Es wird jetzt schneller dunkel. Der Himmel ist blutrot, lila, schwarz und ich möchte hinaus, um den Wind zu spüren, der nun einsetzt.

Mit diesem Wind schwebt ein Vogel heran, segelt in weiten Kreisen herab und landet auf dem höchsten Punkt der Ruinenmauer gegenüber. Ich glaube, ich habe Lederriemen an seinem rechten Bein gesehen.

Dann sollte sein Besitzer nicht weit sein. Er müsste jeden Moment den Platz überqueren, hinter dem Denkmal auftauchen, ich kann ihn gar nicht übersehen. Doch es pocht an der Saaltür, bevor sich auch nur ein Schatten vor dem Fenster blicken lässt.

Sie sind zu zweit, Vilem und Sandor. Der Fürst und der Than, sein vorherbestimmter Nachfolger. Fiore begleitet sie herein, bleibt aber nicht, sondern möchte gemeinsam mit Bojan und zwei anderen eine Runde um die Bibliothek drehen. »Jemand hat Scharten gesehen. Ich will sichergehen, dass sie wieder verschwunden sind.«

Vilem bietet ihr an, die vier Jäger, die mit ihm gekommen sind, auf den Patrouillengang mitzunehmen, was Fiore dankend akzeptiert.

Der Clanfürst wirkt erschöpft. Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen, nicht, seitdem wir uns unter der Stadt verstecken. An seiner Schläfe verheilt eine grob genähte Wunde und er zieht sein linkes Bein nach – kaum wahrnehmbar, ich bemerke es selbst erst, nachdem er schon fast vor Quirin steht. Mir scheint es, als wäre sein langes Haar seit unserem letzten Treffen grauer geworden und der Haaransatz weiter nach hinten gerückt.

Sandor bleibt im Schatten des Fürsten. Seine Schritte sind lautlos auf dem glatten Steinboden und er wirkt noch wachsamer als sonst. Sprungbereit. Hat er nicht mit unserer Anwesenheit gerechnet?

Ich löse mich aus der Nische neben dem Fenster, gespannt, ob einer der beiden Männer von meinem plötzlichen Auftauchen überrascht sein wird, aber ich müsste mich wesentlich geschickter tarnen, um von ihnen übersehen zu werden. Sie sind Jäger. Ihnen entgeht kaum etwas – darin sind wir uns ähnlich.

»Vilem!« Quirin ist von seinem Platz aufgestanden, wie nebenbei wendet er die Skizze um, über die er, Aureljo und Dantorian sich eben noch gebeugt haben. Der Fürst und er umarmen sich kurz – ein graubrauner und ein schneeweißer Mann. »Was ist passiert?«

Es sind blitzschnelle, sparsame Fingerbewegungen, mit denen Sandor und Vilem sich verständigen. Die Zeichensprache der Jäger. Ein paar der Gesten kenne ich bereits, aber meistens habe ich keine Chance, einer solchen Unterhaltung zu folgen, auch jetzt nicht, und es bringt mich jedes Mal aus der Ruhe. Die Äußerungen anderer Menschen zu analysieren und zu interpretieren, das war mein Schwerpunkt an der Akademie. Nicht nur das zu deuten, was gesagt, sondern vor allem das, was verschwiegen wird. Angesichts dieser Zeichensprache fühle ich mich, als hätte ich plötzlich einen meiner wichtigsten Sinne verloren.

Arbeite mit dem, was vorhanden ist, waren Graukos Worte, meist dann, wenn ich mich über die Schwierigkeit einer Aufgabe beschwerte. Es gibt immer Material, du musst es nur verwenden.

Ich konzentriere mich also auf die Haltung und die Mienen der beiden Männer und komme zu dem Schluss, dass Sandor Bedenken hat und Vilem sie nicht gelten lassen will. Die Unstimmigkeit hat mit uns zu tun, Sandors Blick schnellt flüchtig zu Aureljo und Dantorian hinüber. Seine Gesten sind kurz und hart, die von Vilem gelassener. Würden sie sich mit Worten unterhalten, klänge seine Stimme vermutlich beschwichtigend.

Sie haben etwas Dringendes mit Quirin zu besprechen und Sandor will nicht, dass wir dabei sind, während es Vilem nicht allzu sehr stört.

Quirin scheint zu begreifen, wo das Problem liegt. Mit einem Kopfnicken gibt er Aureljo und Dantorian zu verstehen, dass sie ihre Hocker für die Neuankömmlinge frei machen sollen.

Im Aufstehen zieht Dantorian seine Skizze vom Tisch und rollt sie dabei mit einer geschmeidigen Bewegung zusammen.

»Ich würde gern mit dir allein sprechen«, erklärt Sandor an Quirin gewandt, während er einen der Hocker zu sich heranzieht. »Ohne die Lieblinge.«

Ich sehe Dantorian flüchtig grinsen, bevor er sich abwendet. Ebenso wie Tycho findet er den Namen, den die Außenbewohner uns verpasst haben, höchst amüsant. Lieblinge des Schicksals hat Melchart, der Mann, der die Sphären erdacht hat, uns Bewohner in seiner berühmtesten Rede genannt, und die Clans gebrauchen diesen Begriff mit ebenso viel Hohn wie wir Sphärenbewohner den Ausdruck Prims.

»Warum nicht einfach offen sein?«, entgegnet Quirin. »Von Aureljo und den anderen haben wir am wenigsten zu befürchten, sie begegnen niemandem, an den sie uns verraten könnten.«

Vilem nickt. »Der Meinung bin ich auch.« Nun, da ich seine Stimme höre, bestätigt sich mein Eindruck von vorhin. Er ist müde, wahrscheinlich machen seine Verletzungen ihm zu schaffen. Ich bin sicher, Quirin bemerkt es ebenfalls.

»Ist das so? Ich dachte, Aureljo wollte in eine der Sphären zurückkehren«, entgegnet Sandor scharf. »Und von Ria wissen wir, dass es sie ins Freie hinauszieht und dass sie diesem Drang nachgibt. Irgendjemand wird sie eines Tages fangen – Sentinel, Feindclans oder unsere eigenen Leute – und dann wird sie erzählen, was sie weiß, so wie alle.«

Er sieht mich nicht an, während er spricht, aber mir ist klar, dass er an gestern denkt, an den Morgen des Dornenrituals. Ich frage mich, ob die Schrammen an seinem Körper noch schmerzen.

»Ria war mit meiner Erlaubnis draußen«, erklärt Quirin umgehend. »Sie ist wissbegierig, das stimmt. Aber sie hält sich an unsere Vereinbarungen.«

Die Diskussion findet ein Ende, indem Vilem mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt. In letzter Konsequenz zählt hauptsächlich die Meinung des Fürsten und ihn stört unsere Anwesenheit offenbar nicht. Er wendet sich an Quirin. »Die Sentinel-Trupps werden wieder mehr. Wir sichten sie nun schon beinahe jeden Tag. Sie bleiben meistens auf Distanz und greifen nicht an, aber sie behalten uns im Auge. Letztens haben sie versucht, einige von uns auszufragen.« Vilems rechte Hand ballt sich zur Faust und entspannt sich wieder. »Nicht die Krieger, aber die Sammler und Hirten. Sie fragen nach den Lieblingen, natürlich, und da der ganze Clan überzeugt ist, dass sie fortgezogen sind, erfahren sie nichts, das uns in Gefahr bringen könnte. Trotzdem gehen sie nicht fort, sondern werden immer mehr.«

Es sind nicht wir, um die Vilem sich sorgt, so viel ist klar. Wenn es nach ihm ginge, wären wir längst wieder in der Gewalt der Sphären und damit wohl tot. Für die Dornen hätte das nichts als Vorteile – die freundliche Geste gegenüber dem Sphärenbund hätte sich sicher bezahlt gemacht. Doch Quirin hat uns für sich beansprucht und damit hat uns auch Vilem am Hals.

»Fiore hat mir schon davon erzählt.« Quirin scheint weder beeindruckt noch beunruhigt zu sein. »Es sind rote, nicht wahr? Nur leicht bewaffnet und sie nähern sich offen, wenn man überhaupt von Nähern sprechen kann. Fiore sagt, sie kommen kaum auf zehn Schritte heran. Wir müssen nicht mit einem Angriff rechnen, denke ich.«

»Noch nicht.« Sandors Miene ist unbewegt und seine Stimme leise. »Wir wissen nicht, was sie tun werden, wenn ihre Suche nach den fünf Lieblingen erfolglos bleibt. Die Spur endet bei uns, daran ist nicht zu rütteln.«

Quirin schlägt seine Beine übereinander. »Was willst du mir vorschlagen? Dass ich sie ausliefern soll? Oder vertreiben und darauf vertrauen, dass sie über die Runden kommen werden?«

Ich glaube, Sandors Blick auf mir zu spüren, bin mir aber nicht sicher. Er sitzt im Halbschatten und seine Augen sind so dunkel wie sein Haar.

»Nein. Aber ich möchte über eure Pläne informiert sein. Mich interessiert zum Beispiel, was der Junge dort vor uns versteckt?« Er deutet auf Dantorian, der die zusammengerollte Skizze der Sphäre hinter seinem Rücken verborgen hat.

»Das ist nichts, was den Clan gefährden könnte«, entgegnet Quirin seelenruhig.

»Dann zeigt es uns. Oder nein, lasst mich zuerst raten: Ihr wollt euch immer noch in die nächstgelegene Sphäre schleichen, nicht wahr? Nach Vienna 2.« Mit einem Ruck schiebt Sandor seinen Hocker zurück, springt auf und ist so schnell bei Dantorian, dass der kaum Zeit hat, zurückzuweichen. »Und das soll uns nicht in Gefahr bringen? Jeder Dummkopf weiß, dass ein solcher Plan nicht in einem Keller geschmiedet werden kann. Ihr werdet hinausmüssen, die Strecke erkunden, die tatsächliche Umgebung sondieren …« Er lacht auf, streicht sich das Haar aus der Stirn. »Ihr müsst Verbündete suchen, Kontakte knüpfen. Das soll nicht riskant sein?«

Nun nimmt er Quirin ins Visier, der nicht beeindruckt wirkt. Er hat lediglich den Kopf schief gelegt und bietet das Bild eines Mannes, der mit aller Aufmerksamkeit zuhört.

Erinnert er sich nicht mehr daran, dass Aureljo noch vor zehn Minuten davon gesprochen hat, Kontakt mit einem Grenzgänger aufzunehmen? Macht er sich keine Sorgen, dass wir auffliegen könnten?

»Heute Mittag«, fährt Sandor fort, »ist über den Sammlern ein Haus eingestürzt. Andris schwört, dass er gestern noch alle Stützen geprüft hat und das Gebäude sicher war. Trotzdem sind sechs von uns verschüttet worden.« Er stützt sich mit den Fäusten auf dem Tisch ab, sein Gesicht ist nur eine Handbreit von Quirins entfernt. Ich kann sehen, wie sehr er sich beherrscht und wie gerne er seine Wut hinausschreien würde. Seine Kiefermuskeln treten hervor, als würde er etwas zu heben versuchen, das zu schwer für ihn ist.

Quirin sieht bestürzt aus. »Niemand hat mir davon erzählt. Warum habt ihr keinen Boten geschickt?«

Ohne auf seine Frage einzugehen, fährt Sandor fort. »Innerhalb von fünf Minuten war ein Trupp Sentinel da und hat geholfen. Sie haben nicht selbst mit Hand angelegt, aber sie haben Geräte zur Verfügung gestellt und waren unglaublich freundlich, sagt Andris, haben sogar Anweisungen von ihm entgegengenommen. Bis auf einen haben alle Sammler überlebt.«

Noch vor drei Monaten hätte mich diese Geschichte nicht überrascht, im Gegenteil. Sie hätte genau in mein Weltbild gepasst: Die Sphärenbewohner tun alles, um den Außenbewohnern das Leben erträglicher zu machen, sie zu unterstützen, ihnen zu helfen. Sogar jetzt, obwohl ich es inzwischen besser weiß, stellt sich das vertraute warme Gefühl ein, das ich immer mit diesem Gedanken verbunden habe.

Sandor atmet tief ein und aus, während er sich aufrichtet und wieder mehr Abstand zwischen sich und Quirin bringt. »Andris meint, dass jemand in der Nacht die Stützen gelockert hat. Er findet es auch merkwürdig, dass ausgerechnet eins der kleineren Häuser einstürzt. Eins, das nicht aus schwerem Stein gebaut ist. Nur so war es überhaupt möglich, dass jemand überlebt und dieser wirklich sehr schnelle Sentinel-Trupp hilfreich eingreifen konnte.«

Aureljo und ich verständigen uns mit Blicken. Halten wir ein solches Manöver für denkbar? Ja, ohne Zweifel. Das Vertrauen der dummen Prims erschleichen, indem man bei einem selbstinszenierten Zwischenfall als Retter auftritt – das ist etwas, das Tudor hätte einfallen können.

An ihn habe ich lange nicht mehr gedacht. Nach Aureljos Verschwinden, genauer gesagt nach seinem Tod – der offiziellen Version nach –, ist er nun sicherlich die Nummer 1 der Akademie. Ob ihm langweilig ist, ohne ebenbürtigen Gegner?

»Wie geht es den Verletzten?«, will Quirin wissen. »Wieso habt ihr sie nicht zu mir gebracht?«

Sandor lacht auf. »Um den Sentineln den Weg zu dir zu weisen? Ich bin froh, dass sie die Ruinen meiden und sich lieber auf freiem Feld bewegen, das soll auch so bleiben.« Er verschränkt die Hände auf dem Rücken, macht einige ungeduldige Schritte auf eins der Fenster zu und wieder zurück. »Außerdem waren die Verletzungen nicht allzu schlimm. Ein Bein schienen können wir ebenso wie Fleischwunden nähen. Trotzdem: Könntest du morgen zu uns kommen und nach ihnen sehen?«

Quirin schließt kurz die Augen, lächelt. »Sicher.«

Während des gesamten Wortwechsels hat Fürst Vilem sich nicht mehr geäußert, hat Sandor weder unterstützt noch ihm widersprochen. Was bewegt ihn?

Ich versuche, es aus seiner Miene und Haltung abzulesen, ohne großen Erfolg. Er wirkt abwesend, in Gedanken versunken, streicht mit der linken Hand immer wieder über das Wolfsfell, das er um die Schultern trägt. Sein Blick liegt auf Aureljo, den er, wie es alle aus dem Clan tun, als unseren Anführer betrachtet. Wahrscheinlich erwartet Vilem, dass er Stellung beziehen wird. Zum Verhalten der Sentinel oder zu seinen Plänen.

Doch das tut Aureljo nicht. Er wendet alle Tricks an, die Grauko uns gelehrt hat, wenn es darum geht, möglichst mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Sich unsichtbar zu machen. Er will nicht in die Diskussion hineingezogen werden, so viel ist zumindest mir klar.

»Ihr müsst euer Vorhaben, Vienna 2 zu erreichen, nicht aufgeben«, sagt Vilem schließlich. »Aber bleibt unter der Stadt, solange die Sentinel hier nach euch suchen.«

»Und zwar ohne Ausnahme«, ergänzt Sandor. Er deutet mit dem Zeigefinger auf mich. »Ich warne dich, ich meine es ernst. Du hältst dich für sehr schlau, ich weiß, aber du hast keine Ahnung, wie man sich draußen verhält, ohne gesehen zu werden. Ich hatte dich gestern entdeckt, lange bevor ich den Kleinen abgefangen habe.«

Ich lege Bescheidenheit in meine Miene und Körperhaltung. »Ja, ich bin noch sehr ungeübt«, entgegne ich. »Aber mit der Zeit werde ich sicher besser wer–«

»Nein!«, unterbricht er mich scharf. »Keine Übungsspaziergänge. Du bleibst unter der Erde, genauso wie deine Freunde. Quirin findet sicherlich eine Beschäftigung für dich, die deinen Begabungen entspricht.«

Bücher sortieren.

Der Gedanke, dass mir Sonne, Wind und Regen bis auf Weiteres versagt sind, lässt die Wunder der Bibliothek plötzlich schal wirken. Ich halte die Enttäuschung tief in mir fest und demonstriere nach außen hin Verständnis. Forme nebenbei mit den Fingern das Zeichen für Wildschwein, das Sandor mir beigebracht hat, als wir gemeinsam auf der Jagd waren. Er dreht sich weg, bevor er es sehen kann.

3

Wir verbringen den Abend schweigsam in unserem Gewölbe, Tycho ist der einzig Gesprächige, er war den ganzen Tag in den Schächten, Kellern und Kanälen unterwegs. Alles, was er dort gefunden hat, präsentiert er uns jetzt und es ist erstaunlich viel. »Laut Quirin sind die Gänge unterhalb der Stadt 3600 Kilometer lang«, erzählt er und malt mit den Händen labyrinthartige Gebilde in die Luft. »An vielen Stellen war seit Hunderten von Jahren niemand mehr.«

Mein Kopf liegt an Aureljos Schulter, wir haben eine Decke um uns geschlungen und ich atme seinen vertrauten Geruch ein. Dass wir nicht einer Meinung sind, darüber, wie es weitergehen soll, darf nichts an unseren Gefühlen ändern.

Das hat er gestern zu mir gesagt, kurz vor dem Einschlafen, und ich habe ihm zugestimmt. Habe dann kurz versucht mir vorzustellen, wie es wäre, ohne ihn hier zu sein – ein Gedanke wie ein Abgrund.

»Das sieht aus wie der Teil eines Schaufelblatts, findet ihr nicht?« Tycho hält ein rostiges Stück Metall hoch. »Wenn ich es schaffe, einen Stiel dran zu befestigen, können wir Dinge vergraben. Oder ausgraben.«

Ich wünschte, ich könnte so viel Begeisterung aufbringen wie er. Tycho hat die Außenwelt ebenso genossen wie ich, findet sich aber problemlos damit ab, dass er dort im Moment nicht sein kann, und konzentriert seine geballte Energie eben auf etwas anderes. Im Vergleich zu ihm fühle ich mich starr und unflexibel, unfähig, das Beste aus der Situation zu machen.

Im Vergleich zu Tomma hingegen bin ich ein Muster an Optimismus und strahlender Lebensfreude. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass sie sich nicht vom Fleck gerührt hat, seit wir anderen am Morgen das Gewölbe verlassen haben. Sie hockt an der Wand, schweigend, ein bewegungsloser Schatten, ein stummer Vorwurf.

Ich mache mich von Aureljo los und deute mit dem Kopf zu ihr.

Er nickt, versteht mich ohne Worte. »Gute Idee. Danke, Ria.«

Tomma hat die Augen geschlossen, ihre Wimpern heben sich dunkel von der blassen Haut ab. Ich kauere mich neben sie.

»Ist dir nicht kalt, hier an der Wand? Komm doch zu uns, es gibt auch gleich etwas zu essen.«

Zuerst reagiert sie überhaupt nicht. Will sie mich glauben machen, dass sie schläft? Ich lege ihr eine Hand auf die Schulter.

»Tomma. Bitte. Du erreichst doch nichts, indem du dich von allem fernhältst. Ich verstehe, dass du wieder nach oben willst, mir geht es genauso, aber wir müssen noch ein wenig Geduld haben.« Ich greife nach ihrer Hand und bin erstaunt, wie heiß sie ist. Tommas Husten klingt seit Tagen unschön, hat sie jetzt auch Fieber?

Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir wünsche, Fleming wäre noch bei uns. Mit seiner Ruhe, seiner Klugheit und seinem ganzen medizinischen Wissen.

Mich an ihn zu erinnern löst jedes Mal die gleiche Vielfalt heftiger Gefühle aus. Wut, weil er uns verraten hat. Trauer, weil er tot ist. Hilflosigkeit, weil ich trotz aller Mühen die Zusammenhänge nicht verstehe.

Nichts davon hilft mir im Moment weiter. Ich sollte meine Aufmerksamkeit Tomma widmen.

»Fühlst du dich schlechter?« Ich streiche ihr über die Stirn. Ebenfalls heiß. »Komm zum Feuer, bitte. Ich gebe dir meine Decke, du musst dich warm halten, sonst wird die Erkältung noch schlimmer.«

Jetzt sieht Tomma mich an. Ich weiß nicht, ob es Fieber oder Abneigung ist, was ihre Augen glänzen lässt. »Lass mich in Ruhe.«

Ich denke nicht daran. »Wir brauchen dich, das weißt du, nicht wahr? Es dauert vielleicht noch ein paar Wochen … oder Monate, aber dann können wir wieder nach oben und du kannst Beete anlegen. Felder. Du wirst Nahrung wachsen lassen, die in der Sonne reift und nicht unter Biolichtstrahlern.«

Tomma blinzelt nicht einmal. Zieht sich nur die Decke enger um ihre Schultern. In den Innenwinkeln ihrer Augen sehe ich etwas Gelbliches, Kristallartiges. Verhärtetes Augensekret, wie bei einer Bindehautentzündung.

Ich habe einmal gelesen, dass die Abwehrkräfte des Körpers versagen können, wenn ein Mensch sehr unglücklich ist, und ich fürchte, dass ich gerade Zeuge eines solchen Falls werde. Morgen muss ich Quirin bitten, einen Blick auf Tomma zu werfen.

»Was hältst du davon, mich in die Bibliothek zu begleiten, wenn ich das nächste Mal hingehe?«, starte ich einen letzten Versuch. »Ich habe schon mindestens vier Werke gefunden, die sich mit Botanik beschäftigen, eins davon ist ein richtiger Almanach, so schwer, dass man es kaum heben kann.«

Sie antwortet nicht. Starrt einfach geradeaus.

»Oder soll ich dir ein paar Bücher mitbringen? Ich bin sicher, Quirin hat nichts dagegen.«