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Die #1- Bestseller Serie aus den USA Lady Sherlock erstmals auf Deutsch Von der Gesellschaft verstoßen zu sein, hat durchaus seine Vorteile – zumindest für Charlotte Holmes. Die junge Detektivin hat nun die Freiheit, ihr ermittlerisches Talent einzusetzen. Und ein neuer Fall lässt nicht lange auf sich warten: Lady Ingram möchte, dass Sherlock Holmes ihren Jugendschwarm findet. Für Charlotte wird die Ermittlung bald ziemlich persönlich: Denn der Vermisste ist kein anderer als Myron Finch – ihr unehelicher Halbbruder. Als wäre die Lage nicht bereits kompliziert genug, muss Charlotte sich dann auch noch mit einem überraschenden Heiratsantrag und einem unidentifizierten Toten herumschlagen! Ob sie ihren Bruder dennoch rechtzeitig finden kann? Oder wird er auch als namenlose Leiche in den Gassen Londons enden? Band 2 der Lady Sherlock Reihe von Sherry Thomas. weitere Bände in Vorbereitung
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Sherry Thomas
LADY SHERLOCK
Die Verschwörungvon Belegravia
Impressum
Deutsche Erstausgabe ©2023
Englische Originalausgabe: Sherry Thomas - A Conspiracy in Belgravia
Verlag und Vertrieb: LAUSCH medien, HamburgÜbersetzung aus dem Englischen: Meike Bogmaier
Umschlaggestaltung und Buchsatz: Catrin Sommer | rausch-gold.com
Coverabbildung: shutterstock | IrinaKorsakova, Songquan Deng
Inhalt
Impressum
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Vorschau
Prolog
Gott sei Dank war es ein ganz offensichtlicher Mord. Inspector Treadles sprach diese Worte nicht laut aus – das wäre dem Verstorbenen gegenüber respektlos gewesen. Aber er spielte durchaus mit dem Gedanken, als er sich mit Sergeant MacDonald im Schlepptau auf den Weg zu dem Haus machte, in dem die Leiche gefunden worden war.
Nach den anstrengenden Unregelmäßigkeiten des Sackville-Falls würde ein gewöhnlicher Mord beruhigend und erholsam sein. Er freute sich auf das Sammeln von Hinweisen. Er freute sich darauf, Zeugen zu befragen. Er freute sich darauf, einen Bericht zusammenzustellen, der als Beweismittel der Krone dienen würde.
Er freute sich darauf, jeden Aspekt der Arbeit selbst erledigen zu können, ohne jemanden um Hilfe bitten zu müssen.
Das Viertel war unaufregend, die Straßen ohne Charakter, die Häuser unantastbar in ihrer Fadheit. Inspector Treadles begann, diesen Fall immer mehr zu mögen, auch wenn eine Stimme in seinem Hinterkopf flüsterte, dass dies alles war, wofür er gut genug war: die ganz gewöhnlichen Fälle. Die Fälle, die nur langweilige, mühsame Arbeit erforderten.
Grimmig schob er die Gedanken beiseite. Sie waren etwas für die frühen Morgenstunden. Im Moment gehörten seine Zeit und sein Verstand den Aufgaben der Kriminalpolizei. Und er würde seinen Vorgesetzten zeigen, dass er, ob mit oder ohne Sherlock Holmes, ein fähiger und effektiver Mann war, eine Bereicherung für jede Polizeitruppe.
»Da vorne, das ist der Ort«, sagte Sergeant MacDonald.
Sie befanden sich in einer Straße, die überall in den Vororten Londons gefunden werden konnte: eine Makadamstraße, zwei- und dreistöckige braune Backsteinhäuser, ein Zeitungsladen an einem Ende und ein Pub am anderen. Am Tatort, vor der Eingangstür, war ein Wachtposten postiert worden. Als sie sich näherten, flatterten in den benachbarten Häusern die Vorhänge.
Eine Droschke fuhr vorbei und kam zum Stehen. Ein Mann stieg aus.
»Ist das...«, murmelte Sergeant MacDonald.
Er war es. Lord Ingram, der geschätzte Freund von Inspector Treadles – heutzutage vielleicht etwas weniger geschätzt, da er mit »Sherlock Holmes« in Verbindung stand.
Lord Ingram stand an der Seite der Droschke und half einer Dame beim Aussteigen. Nein, keiner Dame, sondern einer gefallenen Frau, die weder in ihrer Vergangenheit noch in ihrer Gegenwart jemals auch nur im Entferntesten verlegen zu sein schien.
Sie sahen Treadles, wechselten einen Blick miteinander und kamen auf ihn zu.
»Inspector, Sergeant, wie unerwartet«, sagte Lord Ingram. »Probleme in dieser Gegend?«
Treadles bemerkte, dass sein Freund bei der Begrüßung weniger herzlich war als sonst. Hatte er die Anspannung in Treadles‘ Kiefer gelesen und daraus auf sein Unbehagen in der Gegenwart von Miss Charlotte Holmes geschlossen? Es war nur natürlich, dass er sich, als Freund der beiden, gelegentlich in die Enge getrieben fühlen konnte. Dennoch konnte Treadles ein gewisses Gefühl von Neid nicht vermeiden. Ein tiefgehendes Gefühl, welches ihn davon zu überzeugen suchte, dass Lord Ingram Miss Holmes stets ihm gegenüber vorziehen würde.
»Ich fürchte, es ist mir nicht gestattet, über polizeiliche Angelegenheiten zu sprechen«, sagte er und hasste die Steifheit seiner Stimme.
Ein großer, rotgesichtiger Mann kam aus dem Haus. »Ah, Inspector Treadles«, sagte er laut. »Sie sind hier. Die Leiche ist drinnen, sieht nicht schön aus.«
»Ich möchte Sie nicht von Ihrer Arbeit abhalten.« Lord Ingram nickte. »Inspector, Sergeant, guten Tag.«
Er und Miss Holmes stiegen wieder in die Droschke und fuhren davon. Inspector Treadles starrte ihnen nach. Er hatte keine Ahnung, wie sie von dem Verbrechen erfahren hatten, obwohl er selbst erst vor weniger als einer Stunde informiert worden war, aber er ahnte, dass ihre Verwicklung in diesen Fall anhalten würde.
Und das gefiel ihm nicht.
Eins
Sonntag
Sechs Tage zuvor ...
Dies ist ein Bericht über einen bemerkenswerten Mann namens Sherlock Holmes.
Nein, nein, eine zu unscheinbareEröffnung. Miss Olivia Holmes strich die Zeile durch.
Lassen Sie mich eine Geschichte von Kummer und Rache erzählen.
Besser, – vielleicht. Zumindest ein bisschen interessanter.
Der Ursprung unserer Geschichte liegt Jahrzehnte zurück, in einem Paroxysmus von Gewalt und Verrat. Lassen Sie Ihre Gedanken über den Tumult des Atlantischen Ozeans in die Weite der Neuen Welt springen. Vorbei an den Städten an der Ostküste des Kontinents, vorbei an den Farmen und Gehöften in den zahmeren Regionen des Landesinneren. Jetzt sind Sie am Rande der Grenze angelangt. Das Land dahinter ist rau, Überleben ist ungewiss. Aber Sie sind bereits zu weit gekommen, um aufzugeben. Sie haben keine andere Wahl, als weiterzuziehen.
Livia tippte sich mit dem Ende ihres Stiftes auf die Unterlippe. Das war ein guter Anfang, wenn sie das selbst sagen durfte. Der Schauplatz war klar. Die Sätze waren muskulös. Und als sie das Ganze laut las – wie es bei allen guten Geschichten getan werden sollte –, entdeckte sie eine angenehme Kadenz in den Silben.
Sollte es tatsächlich möglich sein, dass sie es schaffen konnte, eine fesselnde Geschichte zu schreiben, die von den Taten ihrer Schwester Charlotte inspiriert war?
Am Tag zuvor hatte Charlotte ihr versichert, dass sie der Aufgabe voll und ganz würdig sei. Livia hatte kein Auge zugetan. Während sie an die dunkle Decke gestarrt hatte, war ihr die Geschichte blitzartig eingefallen: eine grasbewachsene, von Bergen umgebene Oase in einer trockenen, feindlichen Landschaft, ein Wagenzug mit müden, aber hoffnungsvollen Familien auf dem Weg nach Kalifornien, ein Massaker, das sich in den Herzen der Milizen des Utah-Territoriums zusammenbraute, die Verfolgung fürchteten und Außenseiter verabscheuten.
Wenn es ihr gelänge, diese Geschichte zu schreiben, könnte sie sehr wohl in einer angesehenen und viel gelesenen Publikation erscheinen. Wie erfreulich wäre es, von ihrer vernachlässigten Ecke aus, in irgendeinem Salon der Gesellschaft zu hören, wie die Gäste, die nie etwas mit ihr anfangen konnten, ihre Erzählung mit staunender Bewunderung diskutieren.
Livia stellte sich die Befriedigung vor, die sie empfinden würde, ein warmes, behagliches, dauerhaftes Gefühl des Wohlbefindens.
Sie nahm einen Bissen Speck und sah in dem Reisehandbuch nach, das sie sich in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Es war unerlässlich, dass sie Utah korrekt beschrieb. Ungenauigkeiten seitens der Chronistin von Sherlock Holmes könnten die Meinung der Leser über den großen Detektiv schmälern, und das durfte sie nicht zulassen.
Das Problem war, dass sie kein allzu vollständiges Bild zeichnen konnte, da selbst das Handbuch nur lückenhafte Informationen bot. Sie musste ihren Schauplatz daher vage beschreiben – und irgendwie einen oder zwei beschreibende Absätze zusammenschustern –, um dann auf die Taten ihrer Figuren eingehen zu können.
Nur wusste sie noch nicht, wer diese Personen sein sollten. Das Opfer würde ein Mädchen sein, so viel war klar. Aber was war mit dem Rächer, der Jahrzehnte später die Schuldigen bestrafen würde? Würde diese Person eine Frau oder ein Mann sein? Und die Täter, wer wären sie?
Laut Mark Twain, dessen Bericht über das Massaker von Mountain Meadows sie auf die Idee brachte, eine Rachegeschichte zu schreiben, wurden danach neun Männer angeklagt, aber nur einer wurde vor ein Gericht gestellt. Diejenigen, die der Justiz entkamen, waren natürlich ein gutes Ziel für einen wachsamen Rächer. Aber acht Ziele waren zu viel – zwei oder drei schienen vernünftiger zu sein.
Bedeutete das, dass sie auch das Ausmaß des Massakers verringern musste, um der geringeren Zahl der Mörder Rechnung zu tragen? Oder wäre es in Ordnung zu sagen, dass mehr von ihnen rechtmäßig bestraft worden waren? Den Aufzeichnungen zufolge wurden nur Kinder unter sieben Jahren verschont und von Familien in der Nähe aufgenommen. Wenn ihr Rächer eines dieser Kinder war, würde dies der Geschichte eine ganz andere Dimension von Komplikationen hinzufügen. Könnte sich ein älteres Kind, vielleicht ein Jugendlicher, in der Nacht weggeschlichen haben und entkommen sein?
Livia rieb sich die Schläfen. Jetzt erinnerte sie sich daran, warum sie in einer Geschichte nie über ein paar Seiten hinauskam: zu viele Entscheidungen mussten getroffen werden. Oft wünschte sie sich, dass ihr Leben nicht so eingeengt wäre, dass sie mehr eigene Entscheidungen treffen könnte. Doch als sie auf das immer noch weitgehend leere Blatt Papier vor sich starrte, wurde sie daran erinnert, dass Charlotte diejenige war, die ihre eigenen Entscheidungen treffen wollte. Sie, Livia, wünschte sich lediglich, die Welt würde ihr auf einem Teller serviert – mundgerecht zugeschnitten und genau nach ihrem Geschmack gewürzt.
Ein Hausmädchen betrat den Frühstückssaal. Livia klappte ihr Notizbuch zu. Doch das Hausmädchen legte nur eine gebügelte Kopie der Zeitung auf den Tisch und ging schweigend davon.
Livia fluchte leise vor sich hin. Warum war sie immer so nervös? Warum konnte sie nicht einfach ruhig und majestätisch sein?
Sie griff nach der Zeitung. Genauer gesagt, nach den kleinen Mitteilungen auf der Rückseite der Zeitung. Besonders gut gefielen ihr die verschlüsselten, geheimen Botschaften zwischen Liebenden, die sich nicht trauten, öffentlich zu kommunizieren.
Der von ihnen verwendete Code bestand in der Regel aus einfachen Buchstabensubstitutionen, die häufig nicht komplizierter waren als das Verschieben des gesamten Alphabets um einen Buchstaben. Einige strebten nach etwas mehr Raffinesse. In einer Reihe von Meldungen, die vor einigen Tagen veröffentlicht worden waren, wurden beispielsweise bereits ersetzte Buchstaben in Zahlen umgewandelt, je nachdem, wo sie im Alphabet standen.
Es waren ziemlich beunruhigende Botschaften: ein verlassener Liebhaber, der entmutigt, aber hartnäckig versuchte, eine Antwort von der treulosen Geliebten zu bekommen.
Zumindest interpretierte Livia die Nachrichten so. Sie glaubte nicht, dass der Absender die erhoffte Antwort erhalten würde, aber sie konnte nicht anders, als jeden Morgen nachzusehen, ob die unerwiderten Nachrichten noch immer gedruckt wurden.
Beinahe hätte sie den Künstlernamen ihrer Schwester übersehen. Doch irgendetwas veranlasste sie, einen Blick auf die Spalten der Zeitung zu werfen, die sie übersprungen hatte.
Seltsame Geräusche auf dem Dachboden? Es gibt ja noch Sherlock Holmes.
Im Juni dieses Jahres wurde durch den Tod des ehrenwerten Harrington Sackville ein gewisser Mr. Sherlock Holmes, ein mysteriöser Berater der Metropolitan Police, bekannt. Seitdem hat Mr. Holmes seine Dienste der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Was zu der berechtigten Frage führt: Was genau hat er für den Mann auf der Straße getan – oder auch, um genau zu sein, für die Dame in der Stube?
Ein Herr, Mr. S_______, schwärmte, dass Mr. Holmes ihm geholfen habe, Hinweise seiner Geliebten bezüglich ihres Geburtstagswunschs zu entschlüsseln. Eine Dame, Mrs. O_______, behauptete, dass Mr. Holmes ihren verlorenen Ring wiedergefunden hat. Ein Trio älterer Schwestern erklärte, er habe ihnen geholfen, ihre Sorgen über mysteriöse Geräusche auf dem Dachboden zu zerstreuen, welche nicht von Geistern stammten, die über Morsecode kommunizierten, sondern von holzbohrenden Insekten, die ihrer täglichen Arbeit nachgingen.
Auf die Frage nach den überwiegend privaten Beratungen von Mr. Holmes antwortete ein Beamter von Scotland Yard: »Wie Sherlock Holmes seine Zeit verbringt, geht die Metropolitan Police nichts an.« Derselbe Beamte lehnte es ab, sich dazu zu äußern, ob Scotland Yard in Zukunft Mr. Holmes‘ Hilfe in Anspruch nehmen würde, wies aber darauf hin, dass sein Rat bei aktuellen Fällen nicht benötigt werde.
Ist der vielversprechende Sherlock Holmes nach seiner aufregenden Ankunft auf der Bühne bereits in der Langeweile des Aufdeckens von Haushaltskuriositäten verblasst? Von donnernden Morden bis hin zum Lebenszyklus von Totenwächterkäfern?
Das kann nur die Zeit zeigen.
*****
»Oh, was für ein Unsinn«, rief Penelope Redmayne aus, als sie den Zeitungsartikel zu Ende vorgelesen hatte.
»Ich stimme zu«, sagte ihre Tante, Mrs. John Watson, die Dame des Hauses.
Beide blickten auf die dritte Person am Tisch, eine junge Frau in den Mittzwanzigern. Sie trug ein zartrosa Tageskleid mit einem Rüschenkragen aus gestärkter weißer Lochspitze, der ihre glänzenden blonden Locken, ihre großen blauen Augen und ihre vollen Lippen perfekt zur Geltung brachte. Dieselbe dreistufige Spitze fiel auch von ihren Manschetten herab. Der Saum streifte das Tischtuch, als sie einen frisch gebackenen Muffin mit Butter bestrich.
Sie tat es mit großer Konzentration – Miss Charlotte Holmes, so hatte Mrs. Watson von Anfang an festgestellt, nahm ihr Essen ernst. In Anbetracht ihrer angenehm molligen Gestalt und der Andeutung eines zweiten Kinns – ihre Gesichtszüge waren reizend, aber ihr Gesicht würde nie für seinen Knochenbau gelobt werden – könnte man leicht annehmen, dass Miss Holmes an nichts anderes dachte als an ihre Mahlzeiten.
Miss Holmes nahm einen Bissen von ihrem Muffin, ihr Gesichtsausdruck strahlte vor intensivem Vergnügen. Doch als sie sprach, war ihre Stimme kühl und abwägend. »Der Artikel hat mir gefallen. Das Timing ist gut – wir werden in diesen zwei Wochen keine Werbeausgaben tätigen müssen. Und ehrlich gesagt ist der Vorstoß des Autors nicht weniger vorteilhaft für unsere Interessen. Kuriositäten im Haushalt sind das Rückgrat unseres Unternehmens. Es muss eine Reihe von Männern auf der Straße – und Damen im Salon – geben, die sich dagegen entschieden haben, Sherlock Holmes zu konsultieren, weil sie ihn vor allem als jemanden kennen, der Scotland Yard bei Morden berät. Jetzt, wo sie wissen, dass Holmes gerne bei häuslichen Merkwürdigkeiten hilft, sind sie eher bereit, sich zu melden.«
Sie blickte auf den Muffin hinunter, als würde sie darüber nachdenken, ob sie ihn mit noch mehr Butter bestreichen sollte. Mrs. Watson kam der Satz »Maximale Anzahl von tolerierbaren Kinns« in den Sinn – er war aufgekommen, als sie das erste Mal zusammen am Tisch saßen, der Maßstab dafür, ob Miss Holmes aß, was sie wollte, oder ob sie der bedauerlichen Notwendigkeit nachgab, ihren Appetit zu zügeln.
Mit sichtbarem Bedauern setzte Miss Holmes ihr Buttermesser ab. »Außerdem halte ich viel von der Aufdeckung von Haushaltskuriositäten. Sie werden gut entlohnt und gefährden niemanden.« »Hört, hört!«, sagte Penelope fröhlich.
Mrs. Watson schürzte die Lippen. »Mir gefällt der abfällige Ton des Artikels immer noch nicht.«
»Dann sollten Sie froh sein, dass der Autor nicht weiß, welches Geschlecht Sherlock Holmes eigentlich hat, Tante Jo.« Penelope tippte auf das beleidigende Papier. »Er will damit eindeutig andeuten, dass Sherlock Holmes‘ Genie durch die Alltagsprobleme der Londoner entmannt wurde. Stellen Sie sich vor, er erfährt, dass Sherlock Holmes nur eine Frau ist, die alte Witwen beruhigt. Das würde seine Genialität völlig zunichte machen.«
Miss Holmes nahm einen kleinen Bissen von ihrem Muffin. Bei einer anderen jungen Frau könnte man diese Geste als feines Benehmen interpretieren, aber Mrs. Watson vermutete, dass Miss Holmes nur den Genuss eines einzelnen Muffins verlängern wollte, da sie sich keinen weiteren gönnen würde.
»Das ist nicht zu befürchten«, sagte sie. »Selbst wenn ich mitten auf dem Trafalgar Square stehen und Probleme an Ort und Stelle lösen würde, gäbe es einen großen Teil der Bevölkerung, der glauben würde, dass mir die Antworten auf geheimen Wegen geliefert würden – und natürlich von Männern«.
»Aber wollen Sie denn keine Anerkennung für ihre Leistungen?«, fragte Penelope.
Eine weiterer kleiner Bissen des Muffins verschwand in Miss Holmes Mund. »Ich wollte immer nur meine Fähigkeiten einsetzen und für meine Arbeit anständig entlohnt werden.«
Für jemanden, dessen Lebensumstände sich kürzlich drastisch verändert hatten, konnte ihre Gelassenheit als außergewöhnliche Reife interpretiert werden. Aber Miss Holmes war auch nicht anfällig für die Art von aufgewühlten Emotionen, die die meisten Menschen entweder für selbstverständlich hielten oder aus Gewohnheit unterdrückten.
Tatsächlich hatte Mrs. Watson manchmal den Eindruck, dass Miss Holmes Situationen beurteilte, wie eine Schneiderin einen Kunden vermessen würde, um dann einen Katalog von Antworten zu überprüfen, so wie die Schneiderin Seiden– und Samtballen betrachten würde.
Es war nicht so sehr Berechnung als vielmehr... Am ehesten konnte sich Mrs. Watson zum Vergleich einen Ausländer vorstellen, der erst im fortgeschrittenen Alter Englisch gelernt hatte. Durch Beharrlichkeit und viel Übung hatte der Ausländer ein passables Verständnis der Syntax, der Grammatik und des Vokabulars dieser Sprache erreicht. Ein Gespräch würde jedoch immer eine Herausforderung sein, da all die Redewendungen und Eigenheiten des Sprachgebrauchs nur darauf warteten, dem Nicht-Muttersprachler aufzulauern.
»Miss Holmes«, sagte Penelope und beugte sich eifrig vor, »da Sie bald mehr Kunden haben werden, wären Sie bereit, mich in diesem Sommer zu engagieren? Es wäre mir ein Vergnügen, den Leuten den Salon in der Upper Baker Street zu zeigen und ihnen das Teetablett zu bringen. Auch ich verachte häusliche Geheimnisse und alltägliche Seltsamkeiten keineswegs.«
Mrs. Watson sog scharf den Atem ein. Sie wünschte, Penelope hätte sie zuerst gefragt, bevor sie diese Frage direkt an Miss Holmes richtete. Aber noch wichtiger war, dass die Arbeit von Sherlock Holmes keineswegs nur aus häuslichen Geheimnissen und alltäglichen Kuriositäten bestand: Beim jüngsten Fall um Mrs. Marbleton zum Beispiel ging es nicht um kleine alte Damen, die durch Geräusche auf dem Dachboden verwirrt wurden.
»Und natürlich habe ich die ehrgeizige Hoffnung, die Schwester von Sherlock Holmes zu spielen«, fuhr Penelope fort. »Ich bin zwar nicht professionell auf der Bühne aufgetreten, aber meine Tante kann bezeugen, dass ich für sie im Kinderzimmer Vorstellungen gegeben habe und eine überzeugende Julia war – und eine noch bessere Lady Macbeth.«
Miss Holmes warf einen Blick in die Richtung von Mrs. Watson. »Mrs. Watson ist für die Einteilung der Aufgaben zuständig. Ich bin sicher, dass sie Ihnen Bescheid geben wird, wenn wir in der Upper Baker Street eine Assistentin brauchen.«
»Aha, Sie haben meinen Plan durchschaut. Ich hatte gehofft, die strengen Auflagen meiner Tante zu umgehen.« Penelope grinste Mrs. Watson frech an. »Aber jetzt sehe ich, dass ich einen Berg mit nichts anderem als einer Suppenkelle abtragen muss. Wie gut, dass ich ein Temperament habe, das für Herkulesaufgaben geschaffen ist.«
Ohne eine Antwort von Mrs. Watson abzuwarten, stand sie auf. »Ich ziehe mir besser mein Ausgehkleid an. Wir müssen uns beeilen, wenn wir unseren täglichen Spaziergang machen wollen, bevor es wieder regnet.«
Allein am Tisch sitzend, knabberte Miss Holmes weiter an ihrem Muffin, während Mrs. Watson sich an ihrer Tasse Tee labte. Sie fühlte sich unwohl. Heute Morgen war eine Nachricht von Lord Ingram gekommen, in der er ihr mitteilte, dass Miss Holmes ihren Betrug durchschaut hatte – dass Mrs. Watson nicht zufällig auf Miss Holmes im Exil gestoßen, sondern von Lord Ingram beauftragt worden war, dieser jungen Frau in Not zu helfen.
Aber Miss Holmes hatte sich nicht zu der Angelegenheit geäußert, und Lord Ingram erwartete auch nicht, dass sie dies tat. Ich glaube nicht, dass sie es uns übel nimmt – und schon gar nicht Ihnen, hatte er geschrieben. Aber ich spürte ihre Enttäuschung: Sie hatte die Katastrophe nur abwenden können, weil sie ohne es zu wissen, Hilfe von den Menschen hatte, die sie schon vor ihrem Sündenfall kannte – und nicht, weil das Leben sich unerwarteter Weise als wesentlich sanfter erwiesen hatte, als sie dachte.
Mrs. Watson kannte Miss Holmes noch nicht so lange wie Lord Ingram – sie konnte weder Zorn noch Enttäuschung in der jungen Frau spüren. Und das machte sie unruhig. Sie schätzte Miss Holmes sehr und wollte sie nicht verprellen, nichtmal unabsichtlich.
Aber wie sollte sie das Thema ansprechen? Wie konnte sie Miss Holmes versichern, dass ihre Zuneigung und Kameradschaft echt waren, ohne unglaubwürdig zu wirken?
Miss Holmes aß ihren Muffin auf – und alles andere auf ihrem Teller. »Wenn Sie mich entschuldigen, Ma‘am«, sagte sie mit ihrer üblichen Gelassenheit, »ich werde mich ebenfalls umziehen und mich für unseren Spaziergang fertig machen.«
****
»Hast du den Artikel über Sherlock Holmes in der Zeitung gelesen?«, fragte die Frau von Inspector Treadles, während sie seine Krawatte zurechtrückte.
Hatte er. »Nein, ich muss ihn verpasst haben. Was stand drin?«
Alice schürzte die Lippen. »Nicht wirklich etwas Lesenswertes. Ziemlich abfällig über sein Hinz- und Kunz-Klientel und deren nicht so schockierende Probleme. Sollte es nicht eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Öffentlichkeit sich nicht in dramatische Kriminalität hineinsteigert?«
Sie tätschelte den fertigen Knoten und sah zu ihm auf, ihre haselnussbraunen Augen waren eher grün als braun. »Und der Beamte von Scotland Yard, der die Aussage gemacht hat, kommt auch nicht besser rüber. Man sollte meinen, Scotland Yard wäre dankbarer.«
Er war der Beamte gewesen, der die knappe Erklärung abgegeben hatte. Dass sie das nicht wusste, machte ihre Bemerkung nur noch schlimmer.
»Was könnte jemand von Scotland Yard denn sagen, außer etwas Nüchternes und Offensichtliches?«
Klang er defensiv? Oder defensiver, als er es sein sollte?
Ihr Blick war neugierig, verwirrt und – war es möglich? Gab es da eine, wenn auch noch so kleine, Spur von Misstrauen? »Ich glaube, ich werde Miss Holmes schreiben und sie wissen lassen, dass ich den Artikel für völligen Unsinn halte.«
Nein, du wirst ihr nichtschreiben.
Er schluckte die Worte hinunter.
Am Ende unserer Begegnung wusste ich, dass ich nie wieder leichtfertig über sie denken würde, hatte er seiner Frau gestanden, kurz nachdem er Miss Holmes zum ersten Mal begegnet war. Aber er hatte Alice nie die Wahrheit gesagt – dass es keinen Sherlock Holmes gegeben hatte, sondern nur eine Frau mit einem brillanten Verstand.
Eine Frau, die in der gehobenen Gesellschaft nicht mehr akzeptiert wurde.
Aber warum sollte er so grausam sein? Warum sollte Alice nicht die Illusion des großen beratenden Detektivs genießen, der vom Krankenbett aus, liebevoll umringt von einer Schar besorgter Frauen, seine deduktiven Fähigkeiten unter Beweis stellte?
Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände. »Stimmt etwas nicht?«
Noch vor wenigen Wochen hatte er sich für den glücklichsten aller Männer gehalten. Er hatte die Gunst seiner Vorgesetzten, den Respekt seiner Untergebenen und die Liebe der perfektesten Frau der Welt. Ganz zu schweigen von einer direkten Verbindung zu Sherlock Holmes – ein großer Segen für seine Karriere.
Zwar hatte Gott beschlossen, ihm keine Kinder zu schenken. Dennoch war er voller Dankbarkeit für alles, was ihm gegeben worden war. Und dann hatte sich Sherlock Holmes als eine Frau mit lockerer Moral und ohne Reue entpuppt. Und Alice, Alice hatte verlauten lassen, dass sie die Leitung von Cousins Manufacturing anstrebte, dem großen Industrieunternehmen, das das Lebenswerk ihres Vaters gewesen war.
Das hätte Treadles nie vermutet. Sie war intelligent und belesen, außerdem kompetent und organisiert. Aber ehrgeizig? Ehrgeizig weit über ihr Schicksal hinaus?
Natürlich bestand keine Gefahr, dass sie die Firma Cousins Manufacturing tatsächlich leiten würde – sie hatte offen gesagt, dass ihr Vater sie nicht für das Unternehmen in Betracht gezogen hatte. Und auf jeden Fall war die Firma jetzt in den Händen ihres Bruders.
Dennoch hatte ihre Offenbarung ihn durch verschiedene Stadien des Schocks, der Angst und des Kummers geschickt. Warum willst du Dinge, die ich dir unmöglich geben kann? Warum willst du Macht und unweibliche Errungenschaften? Und bist du am Ende auch nicht die, für die ich dich hielt, nicht die, die ich liebte und respektierte?
»Natürlich ist alles in Ordnung«, sagte er, nachdem er vielleicht einen Bruchteil einer Sekunde zu lange gezögert hatte. »Warum fragst du das?«
Sie kräuselte einen Winkel ihrer Unterlippe, als ob sie sich fragte, ob sie etwas sagen sollte. »Du bist in letzter Zeit ein wenig abgelenkt.«
»Manchmal komme ich ein bisschen müde von der Arbeit zurück.«
Sie musterte ihn noch einen Moment, dann lächelte sie und küsste ihn auf die Wange. »Wenn das so ist, werden wir diesen Sabbat zu einem echten Ruhetag machen.«
Er konnte sich nicht sicher sein, ob sie ihm glaubte – oder ob sie es für den Moment dabei belassen wollte.
Sie ging zu ihrem Frisiertisch und setzte ihren Sonntagshut auf, ein kunstvolles Gebilde, architektonisch so komplex wie eine gotische Kathedrale. »Oh, das hätte ich fast vergessen. Während du im Bad warst, kam eine Nachricht von Eleanor. Barnaby fühlt sich nicht wohl. Sie bittet uns, unser Sonntagsessen auf nächste Woche zu verschieben.«
Barnaby Cousins, der derzeitige Chef von Cousins Manufacturing, und seine Frau Eleanor gehörten zu den Menschen, die Treadles am wenigsten mochte. Und das Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Als Mortimer Cousins, sein geschätzter Schwiegervater, noch lebte, hatte sich die ganze Familie jede Woche nach der Kirche zum Sonntagsessen getroffen. Nach seinem Tod waren die gemeinsamen Sonntagsessen immer seltener geworden, einmal in zwei Wochen, einmal im Monat und jetzt einmal alle zwei Monate.
»Werden wir uns von nun an vierteljährlich sehen?« Nicht, dass es Treadles etwas ausmachte, sie nicht zu sehen, aber trotzdem war es eine Beleidigung.
Alice schob eine lange Stecknadel durch die Krone ihres Hutes; ihre Augen trafen seine im Spiegel. »Das war auch mein erster Gedanke. Aber wenn sie sich bisher von den Sonntagsessen abmelden wollten, haben sie immer gesagt, dass es Eleanor nicht gut geht. Dies ist das erste Mal, dass Barnaby diese Rolle spielt, und ein Teil von mir fragt sich, ob es stimmt, dass er wirklich krank ist.«
Treadles zog seinen Mantel an. »Du wirst mich doch nicht drängen mich bei ihm zu melden, oder?«
»Nein, aber vielleicht heute Abend.« Sie lächelte ihn wieder an. »Legen Sie die Füße hoch und genießen Sie Ihren freien Tag, Inspector.«
****
Charlotte Holmes stand vor dem Fenster ihres Zimmers und betrachtete das Grün des Regent‘s Park auf der anderen Straßenseite. Ein sanfter Nebel schwebte über dem See, der gerade noch hinter einer Kolonnade aus ausgewachsenen Bäumen zu sehen war, schwer von Regen und Laub.
Sie freute sich über einen guten Winterregen, über einen Sommerschauer allerdings fast ebenso sehr, nämlich dann, wenn sie ein richtiges Dach über dem Kopf hatte und sich keine Sorgen machen musste, dieses Dach zu verlieren.
Es war seltsam, aber sie befand sich in einer schöneren Stadtresidenz als in jeder anderen, die sie bisher bewohnt hatte.
Ihr Vater, Sir Henry Holmes, Baronet, hatte einst ein Haus in London besessen. Aber das wurde verkauft, lange bevor Charlotte ihre erste Saison hatte. Jedes Jahr beklagte Charlottes Mutter, Lady Holmes, den Verlust. Wie viel besser wäre es gewesen, im eigenen Haus anzukommen, statt in einem gemieteten Anwesen.
Die Häuser, die sie anmieteten, lagen in moderneren Stadtteilen als das von Mrs. Watson, aber das machte sie teuer – und nie groß genug für Lady Holmes‘ Bedürfnisse. Ein Abendessen mit mehr als sechzehn Personen kam nicht in Frage, und anständige Bälle waren ein Tagtraum. Das Beste, was sie zum Tanzen tun konnten, war, alle Möbel aus dem Salon zu schieben und zu beten, dass die Herren, die es wagten, Walzer zu tanzen, geschickt genug waren, um ihre Partner nicht mit anderen Gästen zusammenstoßen zu lassen.
Diese Häuser boten weder Aussicht noch die neuesten Errungenschaften der Sanitärtechnik. Und schon gar keine Elektrizität, mit der sie sich erst langsam anfreunden konnte. Ihre Eltern hatten nie eine so gute Köchin wie Madame Gascoigne oder einen so tüchtigen Butler wie Mr. Mears beschäftigt. In der Tat hatte sie nie ein Zimmer für sich allein gehabt.
Charlotte hatte das beunruhigende Gefühl, dass ihr ein solches Glück nicht zustand – oder zumindest, dass sie es sich nicht verdient hatte. Und sie wusste nicht, wie sie sich mit der Tatsache abfinden sollte, dass der Keim dieses Glücks ihr von Lord Ingram geschenkt worden war, dessen Hilfe sie selbst in ihrer verzweifeltsten Stunde nicht in Anspruch genommen hatte, weil sie ihm nicht zu Dank verpflichtet sein wollte.
Aber jetzt war sie es, für immer und ewig.
Der Regen hatte erst eingesetzt, nachdem sie von ihrem Spaziergang zurückgekehrt waren, bei dem Miss Penelope Redmayne mit unerschütterlicher Fröhlichkeit den Widerstand von Mrs. Watson bearbeitet hatte. Mrs. Watson blieb hart. Charlotte hatte – ohne jede Anstrengung, muss man sagen – ihre vollkommene Neutralität bewahrt.
Im Moment genoss Mrs. Watson eine Atempause von Miss Redmaynes entschlossenem Appell: Die Damen waren in der Kirche. Charlotte war nicht mehr in der Kirche gewesen, seit sie von zu Hause weggelaufen war. Gott hätte wahrscheinlich nichts dagegen, wenn sie sein Haus betrat – Jesus hatte freiwillig mit Frauen verkehrt, deren Ruf nicht ganz so tadellos war –, aber seine Anhänger waren weniger großmütig.
Auf jeden Fall hatte sie einen Termin, den sie Mrs. Watson gegenüber nicht erwähnt hatte.
Mit dem Regenschirm in der Hand machte sie sich auf den Weg zur Upper Baker Street 18. Das Haus gehörte Mrs. Watson und wurde normalerweise an einen Mieter vermietet. Vor kurzem war es jedoch zu einer Wohnung für den fiktiven Sherlock Holmes umgebaut worden, der an einer mysteriösen Krankheit litt, die ihn bettlägerig und auf normalem Wege unzugänglich machte, so dass seine Schwester als Orakel fungierte, das seine Klienten konsultieren mussten, um seine großen und schrecklichen Erkenntnisse zu erlangen.
Normalerweise spielte Charlotte die Rolle der Schwester, aber auch Mrs. Watson war gelegentlich in diese Rolle geschlüpft.
Das Wohnzimmer in der Upper Baker Street 18 war groß und mit bequemen Stühlen ausgestattet, die um einen Kamin gruppiert waren. In der Luft lag ein Hauch von Whisky und Tabak, genug, um eine männliche Präsenz anzudeuten, aber nicht so viel, dass man an eine Kneipe denken musste. Es gab auch den Geruch von Rekonvaleszenz, von Kampfer und Leinöl. Und über allem schwebte der Duft von Blumen, der von dem frischen Strauß ausging, der immer auf der Sitzfläche des Erkerfensters blühte.
Pünktlich um elf Uhr klingelte es an der Tür – Lord Bancroft war wie sein Bruder äußerst pünktlich, eine der wenigen Eigenschaften, die sie gemeinsam hatten.
»Sie sehen gut aus, Miss Holmes«, sagte er, als er sich auf dem von ihr angebotenen Platz niederließ, wobei sein Tonfall etwas überrascht war.
Charlotte hatte für seine Ankunft einen Kessel über der Spirituslampe zum Kochen gebracht. Jetzt wärmte sie eine Teekanne vor und ließ zwei Löffel Ceylonblätter der ersten Blüte ziehen. »Ich danke Ihnen, Sir.«
In gewisser Weise war er das Gegenstück zu seinem Bruder. Während Lord Ingram Gesundheit und Anziehungskraft ausstrahlte, fehlte Lord Bancroft jegliche persönliche Ausstrahlung. Doch anstatt ihn als leicht zu vergessen einzustufen, war man sich einig, dass diejenigen, die bei gesellschaftlichen Anlässen neben ihm saßen, anschließend nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst waren.
Seine »Fadheit« bestand aus einem einzigartigen Mangel an Wärme, einer verbissenen sozialen Hartnäckigkeit und einer gehörigen Portion Skepsis. Livia war einmal seine Tischnachbarin gewesen. Sie musste stundenlang Fragen beantworten, die von der praktisch nicht vorhandenen Bildung der Holmes-Mädchen bis hin zu allen Einzelheiten einer Parlamentswahl in ihrer ländlichen Gemeinde reichten, nachdem ihr Vater erfolglos versucht hatte, für ein Amt zu kandidieren. Lord Bancroft hatte von ihr verlangt, jede Tatsache zu belegen und jede Meinung zu rechtfertigen, während er den Anwalt des Teufels spielte und fragte, warum sie nicht an das genaue Gegenteil von dem glaubte, was sie tat.
Livia, die ohnehin schon an mangelndem Selbstvertrauen litt, kam weinend nach Hause und war überzeugt, dass sie das dümmste und unwissendste Wesen der Welt sei.
Sein soziales Verhalten entsprang nicht etwa Bosheit, sondern der Pflicht, wie er sie verstand: Man sollte das Gespräch bei Tisch in Gang halten – und das tat er auch. Aber er hatte nur wenige Interessen und keine Hobbys, wollte niemanden über Dinge informieren, die man auch aus Büchern und Zeitungen hätte erfahren können – und konnte natürlich auch nicht den Debütantinnen von seiner heimlichen Arbeit im Auftrag der Krone erzählen.
Und so stellte er denjenigen, mit denen er verkehrte, Fragen, Männern wie Frauen. Charlotte hatte gehört, wie die Herren nach einer Begegnung mit ihm fluchten, weil er sie über die Verwaltung ihres Besitzes, ihrer Freundschaft und ihres Pferdefleisches ausgefragt hatte, und sie hatten sich dabei genauso unreif und inkompetent gefühlt wie Livia.
Charlotte hingegen verstand sich gut mit Lord Bancroft. Sie hielt sich an die Fakten und war nicht sonderlich an ihre Meinung gebunden, die sich naturgemäß ändern konnte. Sie hatte weder das Bedürfnis zu gefallen noch zu beeindrucken und beantwortete seine Fragen, solange er Fragen hatte, und wenn er keine mehr hatte, aß sie schweigend.
So auch jetzt, als sie ein Stück des ausgezeichneten Poundcakes knabberte, während Lord Bancroft sich im Salon umsah.
»Angenehme Umgebung«, sagte er nach einer Weile. »Und sehr guter Kuchen.«
»Danke«, sagte sie.
Viele Menschen, insbesondere Frauen, so hatte sie beobachtet, reagierten auf ein Kompliment, indem sie erklärten, womit sie es verdient hatten – oder auch nicht. Aber bei Lord Bancroft waren einfache, ungeschönte Antworten der richtige Weg, es sei denn, man war bereit, die Herkunft seiner Stühle durch eidesstattliche Erklärungen von längst verstorbenen Schreinern und Polsterern zu belegen – oder zuzugeben, dass es sich bei den besagten Stühlen um billige, in Leeds hergestellte Nachbildungen handelte.
Obwohl sie in diesem Fall fast versucht war, etwas über den Poundcake zu sagen, der jedes Lob verdiente. Sie berührte den Rand der Teekanne, um die Temperatur des Gebräus darin zu messen.
»Sie wollten Sherlock Holmes in einer Angelegenheit sprechen, Mylord?«
»War es das, was ich in meinem Brief geschrieben habe? Nein, ich bin gekommen, um Sie zu sehen, Miss Holmes.«
Am Abend zuvor, als er Lord Bancrofts Botschaft überbrachte, hatte Lord Ingram halb im Scherz gesagt: Ich habe immer befürchtet, dass dieser Tag kommen würde. Dass Bancroft Euch für Euren Verstand entdecken würde. Charlotte hingegen war nicht so zuversichtlich gewesen. Lord Bancroft war es gewohnt, seine Probleme selbst zu lösen. Er hatte weitaus mehr Mittel als Inspector Treadles. Und höchstwahrscheinlich betrachtete er Frauen außerhalb ihrer biologischen Funktionen nur selten als nützlich.
Sein Tonfall, eine seltsame Mischung aus Aufdringlichkeit und Zögern, erhärtete ihren Verdacht noch weiter. Aber sie faltete nur die Hände in ihrem Schoß. »Oh?«
»Wir waren alle bestürzt, als Sie von zu Hause weggegangen sind«, begann er. »Es war beruhigend zu erfahren, dass Sie auf ihren Füßen gelandet sind.«
Er sah sie an; sie schenkte ihm eine Tasse Tee ein. »Sie trinken ihn schwarz, wenn ich mich recht erinnere.«
»Ja.«
Sie fügte ihrem eigenen Tee Sahne und Zucker hinzu, während sie ihn mit ihrem üblichen gleichgültigen Gesichtsausdruck ansah, der fast immer als ein Blick süßer Hoffnung fehlinterpretiert wurde.
Er nahm einen Schluck. »Aber natürlich ist die Situation immer noch höchst irregulär.« Sie blieb stumm und rührte in ihrem Tee.
»Ash hat mir erzählt, dass Sie in dem Haus in der Nähe des Portman Square gewesen sind.«
Ash war der Name, den Lord Ingrams Vertraute ihm gaben. Kürzlich, als in der Upper Baker Street 18 eingebrochen worden war, hatten sie sich zusammen mit Inspector Treadles in dem von Lord Bancroft erwähnten Haus getroffen.
»Ja, das war ich.«
»Er hat mir auch gesagt, dass Sie einen positiven Eindruck davon hatten.«
Das Haus hatte die üppigste Einrichtung, die ihr je begegnet war, eine Kombination aus Farbenblindheit und mutwilliger Unbekümmertheit, und es hätte ihr gut gefallen, wenn die Exzesse um ein halbes Dutzend orange-blauer Kissen reduziert worden wären. »Es gab viel zu bewundern an der Einrichtung.« Es war ein knalliger Zoo, und sie mochte knallige Zoos.
»Ich hatte einmal gehofft, dass wir dort als Mann und Frau wohnen würden.«
Und so beginnt es. Er würde nun vorschlagen, dass sie dort als Mann und Geliebte wohnen sollten.
»Ich habe immer noch die gleiche Hoffnung«, sagte er.
Ihre Teetasse hielt auf dem Weg zu ihren Lippen inne. Sie musste sie sogar ganz absetzen. Hatte sie ihn richtig verstanden? »Mein Herr, ich bin nicht mehr verfügbar.«
»Sie sind in der Gesellschaft nicht mehr willkommen, aber da Sie bei klarem Verstand sind, hat die Kirche keinen Grund, Sie als nicht heiratsfähig zu betrachten«.
Heiraten. Es war nicht leicht, Charlotte zu überraschen, aber Lord Bancroft war gefährlich nah daran, sie zu verblüffen. »Ihr seid sehr gütig. Dennoch bin ich für die Ehe nicht geeignet.«
»Aber Sie sind nicht unpassend für mich. Ich wäre froh, wenn ich nie wieder irgendwo eingeladen würde – Sie wären eine gute Ausrede. Ich wäre froh, wenn ich nie wieder Smalltalk machen müsste – ich habe das Gefühl, dass Sie diese Meinung teilen. Und ich werde viel zu tun haben und viel von zu Hause weg sein – nichts, was die meisten Bräute bei einem Bräutigam suchen, aber für Sie wäre das zweifellos ein zusätzlicher Anreiz.«
Trotz seiner Fehler war er ein intelligenter und ehrlicher Mann.
»Ich bin kein reicher Mann, aber ich kann bequem für eine Frau sorgen. Wenn Sie mich heiraten, werden Sie ihren Ruf nicht vollständig rehabilitieren. Aber zumindest werden Sie wieder von ihrer Familie aufgenommen. Das muss doch etwas wert sein.«
Sie hielt nichts davon, für Heiratsanträge dankbar zu sein – Männer verpfänden sich nicht aus reiner Herzensgüte. Dennoch war sie geneigt, diese spezielle Verbindung zu diesem Zeitpunkt eher aus sentimentalen als aus rationalen Gründen zu erwägen.
Mit einem leichten Kopfschütteln holte sie sich in die Realität zurück. »Ich fühle mich durch Ihre Geste geehrt, Sir. Aber ich nehme an, Sie verlangen von mir, dass ich meine Freundschaft mit Mrs. Watson sowie meine Praxis als Sherlock Holmes aufgeben muss.«
»Es wird nicht nötig sein, Mrs. Watson zu meiden. Sie war eine Bekannte unseres Vaters. Ash versteht sich ausgezeichnet mit ihr, und auch ich bin ihr bereits gelegentlich über den Weg gelaufen. Sie scheint mir eine vernünftige Frau zu sein, die Ihre Position nicht ausnutzt, um ihre eigene zu fördern. Ich wüsste nicht, warum Sie sich in Zukunft nicht gegenseitig aufsuchen sollten, vorausgesetzt, es geschieht diskret.
»Was das Geschäft mit Sherlock Holmes betrifft, so hat Mrs. Watson in dieses Unternehmen investiert. Wenn Sie der Meinung sind, dass sie für diese Investition keine ausreichende Rendite erhalten hat, bin ich gerne bereit, sie im Rahmen unserer Ehevereinbarung zu entschädigen.«
Mit anderen Worten, sie sollte nicht mehr als Sherlock Holmes, beratender Detektiv, auftreten. »Ich danke Ihnen sehr, Mylord, für die Ehre, dass Sie...«
Er hob einen Finger, um dem »Nein, danke«-Teil ihrer Antwort zuvorzukommen. »Aber da Ihnen geistige Anstrengung Freude bereitet, werde ich Ihnen gerne nötige Übungen liefern. Schließlich stelle ich mich solchen regelmäßig.«
Er öffnete eine lederne Mappe, die er mitgebracht hatte, holte ein schmales Dossier heraus und legte es ihr vor. »Dies ist nur eine kleine Auswahl der Dinge, die auf meinem Schreibtisch landen. Bitte prüfen Sie sie in Ruhe.«
Damit erhob er sich und verließ das Haus.
Zwei
Charlotte und Livia Holmes gingen das Leben sehr unterschiedlich an.
Livias Blick auf die Welt war voller Komplikationen, realer und imaginärer. Von, wo sie bei einer Teegesellschaft sitzen sollte, bis hin zu der Frage, ob sie der Gastgeberin sagen sollte, wenn auf ihrem Tisch eine Gabel fehlte, lieferte ihre düstere und reichhaltige Fantasie immer Szenarien, in denen sie einen fatalen Fehltritt beging, der jede Chance auf ein glückliches, sicheres Leben zerstörte. Für sie war jede Entscheidung eine Qual, jede Woche sieben Tage Treibsand und Morast.
Charlotte griff nur selten auf ihre Vorstellungskraft zurück – Beobachtungen lieferten weitaus bessere Ergebnisse. Und während die Welt aus unzähligen variablen Teilen bestand, sah sie in ihrem eigenen Leben keinen Grund, warum Entscheidungen nicht einfach sein sollten, zumal die meisten Entscheidungen binär waren: mehr Butter auf dem Muffin oder nicht, von zu Hause weglaufen oder nicht, den Heiratsantrag eines Mannes annehmen oder nicht.
Nicht unbedingt leicht, aber einfach.
Der Vorschlag von Lord Bancroft jedoch... Sie fühlte sich wie eine Gelegenheitsmathematikerin, die zum ersten Mal mit nicht-euklidischer Geometrie konfrontiert wurde.
Ihre Heirat würde ein Segen für ihre Familie sein. Ihre Eltern mochten zutiefst unvollkommene Menschen sein, die auf keinen Fall zufrieden sein konnten, aber Charlottes fortwährender Status als Ausgestoßene vergrößerte mit Sicherheit ihr Unglück, sowohl jetzt als auch auf lange Sicht. Sie sorgten sich verzweifelt um ihre Fassade der Überlegenheit – und so oberflächlich diese auch war, so war sie ihnen doch unendlich viel lieber, als ihr wahres Ich ans Tageslicht kommen zu lassen: zwei Menschen mittleren Alters, die in einer lieblosen Ehe lebten, deren Finanzen in Scherben lagen und die kein einziges Kind hatten, auf das sie sich verlassen konnten, um Trost und Beistand zu erhalten.
Henrietta, die älteste Holmes-Schwester, hatte sich noch vor ihrer Rückkehr von der Hochzeitsreise von ihrer Familie distanziert. Bernadine, die zweitälteste, war nie in der Lage gewesen, für sich selbst zu sorgen. Livia verachtete ihre beiden Eltern. Und Charlotte hatte natürlich den schlimmsten Schlag erlitten, einen aufsehenerregenden und anzüglichen Sturz in Ungnade.
Sollte Charlotte ihre Ehrbarkeit wiedererlangen, und sei es auch nur teilweise, könnten ihre Eltern wieder erhobenen Hauptes durch die Gegend laufen – oder zumindest ohne ein Übermaß an Scham.
Und es waren nicht nur ihre Eltern. Charlottes Verrufenheit beeinträchtigte Livias Chancen auf eine gute Ehe. Livia hatte sich über die Idee lustig gemacht und sich selbst zum größten Hindernis für eine Ehe erklärt, das ihr je begegnen würde. Aber Charlotte konnte das nicht so einfach hinnehmen.
Außerdem könnte sie, wenn sie Lord Bancroft heiratete, Livia eine Unterkunft bieten, so dass diese nicht mehr täglich von ihren Eltern herabgesetzt würde. Und auch Bernadine, wenn es möglich wäre – sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Atmosphäre zu Hause für Bernadines Wohlbefinden förderlich war.
Andererseits würde eine Heirat mit Lord Bancroft sie zur Schwägerin von Lord Ingram machen, eine Situation, die so verzwickt war, dass selbst Livias Vorstellungskraft nicht ausreichen würde, um die Folgen zu bewältigen. Ganz zu schweigen davon, dass er eindeutig von ihr verlangte, ihr junges Unternehmen aufzugeben – und sie hing ziemlich an dem Einkommen, das es einbrachte.
Sie biss in ein weiteres Stück Poundcake, denn ihr Appetit auf reichhaltigen, buttrigen Trost war noch größer, wenn sie vor einem unlösbaren Dilemma stand.
Angenommen, sie überredete Lord Bancroft, ihr fünfhundert Pfund pro Jahr zu überlassen. Dann hätte sie ein unabhängiges Einkommen – genug, um für Livia und Bernadine zu sorgen. Sie wäre immer noch in der Lage, Mrs. Watson zu sehen. Und sollte er sich tatsächlich als Quelle faszinierender und ablenkender Fälle erweisen...
Sie hob das Dossier auf, das er zurückgelassen hatte.
Es enthielt sechs Umschläge. Sie öffnete den ersten und zog ein Blatt Papier heraus.
Im Jahr 18__ reiste Herr W., ein junger Witwer, dessen Frau bei der Geburt seines Kindes ums Leben gekommen war, nach Indien, um eine Stelle im öffentlichen Dienst in der Präsidentschaft von Madras anzutreten. Einige Wochen nach seiner Ankunft nahm er an einer Nachmittagsteeparty teil. Erschöpft von der Hitze – obwohl die Regenzeit angebrochen war und die Temperaturen kühler waren, als sie es sonst gewesen wären – setzte er sich auf die Veranda und schloss die Augen für ein Nickerchen.
Die Gruppe zerstreute sich. Als sich die Familie zum Abendessen umzog, informierte ein Diener die Hausherrin, dass ein Sahib noch immer auf der Veranda schlief. Die Hausherrin ging hin, um ihn zu wecken, und fand ihn zu ihrem großen Entsetzen tot vor.
Herr W. hatte keine Verbindung zu Macht, Prestige oder Vermögen. Er hatte keine Position inne, in der sein Verschwinden – oder seine Mitarbeit – irgendjemandem einen spürbaren Vorteil verschafft hätte. Und in seinem Privatleben war er nachweislich schüchtern und konfliktscheu – keine kriminellen Tendenzen oder unklugen Liebschaften.
Wie und warum ist Herr W. gestorben?
Indien. Monsun. Die Antwort schien viel zu offensichtlich.
Charlotte kramte weiter in dem Umschlag und fand einen gefalteten Papierstreifen, auf dem außen »Hinweis« stand, und einen kleineren Umschlag mit der Aufschrift »Antwort«. Der Hinweis lautete: »Der Tod von Herrn W. wurde als Unfall erklärt.«
Nun, damit war die Sache erledigt. Sie öffnete den Antwortumschlag.
Der Arzt, der die Leiche von Herrn W. untersuchte, fand Einstichspuren am Handgelenk des Mannes. Gewöhnliche Kraits, hochgiftige Schlangen, die in Indien heimisch sind, dringen während der Monsunmonate manchmal in Wohnungen ein, um sich trocken zu halten. Herr W. war nicht der erste und würde auch nicht der letzte sein, der im Schlaf gebissen wurde und nie wieder aufwachte.
Ein Schlangenbiss, wie sie gedacht hatte. Sie studierte die Papierbögen und die getippten Wörter. Der Fall mochte alt sein, aber die Konstruktion des Falls als Rätsel war neu. Und sie war akribisch ausgeführt worden.
Natürlich nicht von Bancroft, dafür war er zu beschäftigt. Ein Lakai also, einer mit Zugang zu den Archiven. Wie lautete Bancrofts Anweisung? Schnappen Siesich die erstbesten Unterlagen?
Sie schüttelte den Kopf. Sie war ungerecht. Bancroft hatte mit dem wirklichen Leben zu tun und das bot selten besonders interessante Rätsel. Ganz zu schweigen davon, dass die Konstruktion von Rätseln eine Kunst war. Ein Lakai, der darin keine Erfahrung hatte und Charlotte Holmes noch nie begegnet war, konnte den Fall von Herrn W., so wie er sich darstellte, durchaus als ein erstklassiges Rätsel betrachten.
Sie öffnete den nächsten Umschlag.
Am letzten Sonntag des. Januars 18___, besuchte die Familie S___ nicht den Sonntagsgottesdienst. Herr S. war Angestellter, Frau S. eine Hausfrau, die anderer Leute Wäsche auf Auftrag hin wusch. Sie waren arm, aber fromm. Nachbarn klopften nach dem Gottesdienst an ihre Tür, weil sie befürchteten, dass sie krank geworden sein könnten. Keiner antwortete.
Als die Nachbarn schließlich die Wohnung betraten, fanden sie die gesamte Familie – Ehemann, Frau und drei Kinder – tot in ihren Betten.
Was war die Todesursache?
Wo lebte die Familie S___? Wären sie in England gewesen, hätte Charlotte länger gezögert, aber wenn sie auf dem Kontinent lebten ...
Auch zu diesem Fall gab es einen Hinweis, der lautete: Die Familie S___ wohnte in Minden, Deutschland.
Sie wettete einen Guinea, dass die Familie an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben war.
Der Vorfall ereignete sich in einem Haus, das zufällig das letzte Haus in einer Reihe von Häusern war und direkt über einem stillgelegten Bergbauschacht lag. Alle fünf Hausbewohner sowie zwei Katzen und ein eingesperrter Singvogel starben über Nacht. In der gegenüberliegenden Hütte, genau so ein Endhaus, erkrankten die Bewohner ebenfalls, und auch sie verloren in dieser Nacht ihre Haustiere, obwohl sich die Menschen schließlich erholten.
Die Theorie ist, dass schädliche Gase aus dem Minenschacht durch die Erdböden der Keller nach oben sickerten. Die Keller waren mit Türen ausgestattet, die sich nach draußen öffnen ließen, aber in beiden Häusern waren sie in den vorangegangenen Wochen geschlossen geblieben – es war Winter und die Familien wollten nicht, dass kalte Luft nach oben ins Haus kam. Die befragten Nachbarn erinnerten sich, dass die Mitglieder beider Familien eine Zeit lang über Kopfschmerzen und Übelkeit geklagt hatten. Der Vorfall wurde dann als Sache des Glücks betrachtet. Ähnliche Bedingungen, ähnliche Gefahr. Die eine Familie erlag den Folgen, die andere überlebte.
Charlotte hätte gedacht, dass es einfach an der unzureichenden Belüftung des Ofens lag – die Zusammensetzung der Kohle auf dem Kontinent machte es wahrscheinlicher, dass sie Kohlenmonoxid als Nebenprodukt einer nicht ausreichend belüfteten Verbrennung abgab.
Also ... etwas interessanter, aber kaum anregend.
Sie hatte den nächsten Umschlag in der Hand, zwang sich aber, ihn wegzulegen. Es waren nur sechs Umschläge. Es hatte keinen Sinn, alles auf einmal zu erledigen.
Stattdessen ging sie zum Erkerfenster und nahm den schmalen Band in die Hand, der auf der Fensterbank lag. Ein Sommer in römischen Ruinen, Lord Ingrams Bericht über seine Tage als Jugendlicher, die er mit der Erforschung der Überreste einer römischen Villa auf dem Anwesen seines Onkels verbracht hatte. Er enthielt eine schräge Referenz auf ihren ersten Kuss, aber das war nicht der einzige Hinweis auf ihre Anwesenheit.
Es gab zum Beispiel auch diese spezielle Passage:
Eines Tages grub ich ein steinernes Objekt aus, das fast einen Meter breit und gut zehn Zentimeter dick war. Es war vollkommen rund, abgesehen von einer Ausstülpung, die wie ein Griff aussah, nur war er viel zu kurz.
Als ich den verkrusteten Schmutz von der Oberfläche des Objekts entfernte, kam eine Rille zum Vorschein, die um den Umfang dieser großen Scheibe herum und genau in der Mitte der Ausstülpung geätzt worden war. Es handelte sich also nicht um einen Mühlstein, wie ich ursprünglich angenommen hatte.
Die Funktion des Artefakts war mir ein Rätsel, bis jemand, der sich besser auskannte, mir Bedes Ecclesiastical History mitbrachte und auf die Erwähnung von Weinbergen in alten Zeiten hinwies: Es handelte sich um eine Traubenpresse – und die Ausstülpung war die Tülle, aus der der Traubensaft in ein Gefäß fließen sollte.
Weintrauben? Er hatte die Stirn gerunzelt. Hier?
Sie zeigte ihm genau die Stelle, an der der ehrwürdige Bede Weinstöcke beschrieben hatte, die an verschiedenen Orten in Britannien wuchsen.
Was ist mit all diesen Weinbergen geschehen?
Vielleicht ist das Klima oder der Boden nicht mehr geeignet. Vielleicht hat die Pest alle ausgerottet, die sich mit dem Weinanbau auskannten. Oder vielleicht waren die französischen Weine einfach besser und billiger, und es machte Sinn, die Rebstöcke zu entwurzeln und etwas Gewinnbringenderes anzubauen.
Er war eine Zeit lang still. Mein Patenonkel besitzt einige Weinberge in Bordeaux. Ich habe sie besucht. Es ist schwer, sich diese Landschaft hier vorzustellen.
Waren Sie in Frankreich in einer Konditorei?
Ich glaube nicht – ich mag keine Süßigkeiten. Er schaute sie an. Mögen Sie französisches Gebäck?
Was ich bisher davon gehört habe gefällt mir. Aber ich habe noch nie Croissants, Mille-feuilles oder Windbeutel gegessen.
Selbst wenn ich jede Konditorei in Paris besucht hätte, hätten Sie sie nach wie vor nicht probiert.
Aber zumindest hätten Sie sie beschreiben können.
Ich habe schon Croissants gegessen. Sie sind nicht schlecht. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass sie irgendwie besonders waren.
Sie seufzte und nahm ihr Buch wieder in die Hand.
Doch als sie zwei Tage später in ihr Zimmer kam, fand sie eine Schachtel mit Croissants, Mille-feuilles und Windbeuteln.
Keiner der beiden erwähnte jemals das Gebäck, aber dies war der nächste Absatz in dem Bericht:
Ich hatte mich nicht sehr für den Konsum von Büchern interessiert, sondern zog Sport und die eher körperlichen Aspekte der Ausgrabungen vor. Aber in diesem Moment wurde mir klar, dass Unwissenheit nicht gut für mich wäre – und dass ich, wenn ich mich weiter mit Archäologie beschäftigen wollte, die Geschichte studieren musste, die in den Regalen der Bibliotheken überliefert war, zusätzlich zu der Geschichte, die durch die von den längst Verstorbenen hinterlassenen Gegenstände belegt wurde.
Sie klappte das Buch leise zu.
Nein, sie wünschte sich nicht, dass sie ihn geheiratet hätte – sie war für die Ehe nicht geeignet –, aber sie wünschte sich, dass er nicht eine andere geheiratet hätte.
Dass er die ehemalige Alexandra Greville nicht geheiratet hatte.
Es läutete an der Tür. Charlotte hob ihren Kopf. Mrs. Watson und Miss Redmayne würden noch nicht von der Kirche zurückgekehrt sein. Lord Bancroft hatte nichts zurückgelassen. Und sie selbst hatte an diesem Tag keine anderen Kunden zu betreuen. Wer konnte das sein?
Ein Kurier stand auf der Türschwelle, einen Umschlag in der Hand. Er neigte respektvoll den Kopf. »Ich habe einen Brief für Mr. Sherlock Holmes.«
»Ich bringe ihn zu ihm.«
Der Kurier zerrte an seiner Mütze und ging.
Der Umschlag war von vertrautem Gewicht und Material, das Leinenpapier knackig und fest. Charlotte erkannte auch die Schreibmaschine, die für den Namen und die Adresse auf der Vorderseite verantwortlich war – Schreibmaschinen, vor allem solche, die schon eine Weile in Gebrauch waren, produzierten Briefe, die fast so identifizierbar waren wie die von Hand geschriebenen.
Lord Ingram. Sie hatten erst am Abend zuvor persönlich miteinander gesprochen. Was konnte ihn dazu veranlassen, so kurz danach einen Brief per Kurier zu schicken?
Lieber Mr. Holmes,
Entschuldigen Sie, dass ich Ihren Ruhetag unterbreche, aber ich brauche dringend Hilfe. Ich bitte Sie, mich heute Nachmittag um vier Uhr zu empfangen.
Mrs. Finch
Die Handschrift auf dem Zettel war nicht die von Lord Ingram. Es war auch keine der Schriften, die er, ein versierter Kalligraph, der Charlotte alles beigebracht hatte, was sie über das Fälschen von Schriftzeichen wusste, entwickelt hatte.
Ihre Wirbelsäule kribbelte. Es gab noch jemanden im Haushalt von Lord Ingram, der die Schreibmaschine in seinem Arbeitszimmer und die Briefumschläge, die beim besten Schreibwarenhändler Londons bestellt worden waren, rechtmäßig hätte benutzen können.
Seine Frau.
****
»Papa, haben Sie jemals die ganze Nacht durchgetanzt?«, fragte Lucinda, die Tochter von Lord Ingram.
Lord Ingram lächelte, amüsiert über ihre Frage. »Nein. Ich habe schon eine halbe Nacht getanzt, aber nie eine ganze Nacht.«
Sie waren im Kinderzimmer, zurück von der Kirche, und wollten demnächst ihr gemeinsames Sonntagsessen einnehmen. Carlisle, sein jüngeres Kind, spielte eifrig mit einer Kiste voller Holzklötze. Lucinda hatte genauso viel Spaß an den Klötzen wie Carlisle, aber im Moment war sie noch nicht mit ihren Pflanzen fertig.
Auf den drei Fensterbänken der Gärtnerei standen kleine Töpfe aus Terrakotta mit einem Dutzend verschiedener Setzlinge. Lucinda hatte sie in der vergangenen Woche beobachtet, ihre Höhe gemessen, die Anzahl der Blätter gezählt und Zeichnungen in ihr Notizbuch gemacht, damit sie die Pflanzen in den verschiedenen Wachstumsstadien besser erkennen konnte.
Sie schrieb die Anzahl der Blätter für einen Sonnenblumensetzling auf. »Warum haben Sie noch nie die ganze Nacht getanzt?«
»Weil Tänze und Bälle normalerweise nicht so lange dauern. Um drei Uhr morgens wollen die meisten Leute im Bett sein, auch die, die gerne tanzen.«
Lucinda zählte die Blätter an einem weiteren Sonnenblumensetzling, dem letzten ihrer Versuchsobjekte. »Ich möchte versuchen, die ganze Nacht durchzutanzen. Miss Yarmouth hat gesagt, dass ich das darf, sobald ich verheiratet bin – sie hat gesagt, dass ich alles tun kann, was ich will, sobald ich verheiratet bin –, aber Mama hat gesagt, dass das alles Unsinn ist.«
Lord Ingram hatte seine Frau schon lange nicht mehr gefragt, was sie von der Ehe hielt, weder im Allgemeinen noch im Besonderen. »Wenn du älter bist, wirst du mehr von dem tun können, was du willst, ob du nun verheiratet bist oder nicht.
»Miss Yarmouth sagt, ich kann schon mit sechzehn heiraten. Mama sagt, sie lässt mich nicht. Sie sagt, sie wird mit Miss Yarmouth sprechen.« Lucinda sah besorgt auf. »Wird sie Miss Yarmouth entlassen?«
Lord Ingram bewässerte den letzten Setzling – das war seine Aufgabe als ihr »Hauptassistent«, zudem sie ihn ernannt hatte. »Das glaube ich nicht. Aber Miss Yarmouths Vorstellung von der Ehe . . . Ich kenne niemanden sonst, der die Ehe als unbegrenzte Freiheit betrachtet.«
»Mama sagte, ich könnte es hassen. Und ich werde nicht in der Lage sein, wieder zu entheiraten.«
Wer ärgerte sich wohl mehr über den Zustand ihrer Ehe, er selbst oder Lady Ingram? Bis zu diesem Moment war Lord Ingram nie in der Lage gewesen, sich für eine Antwort zu entscheiden. Jetzt wusste er, dass es seine Frau war, um ein Haar.
»Es ist bestimmt nicht einfach, eine Ehe zu lösen.«
Eine Annullierung würde seine Kinder illegitim machen. Und selbst wenn er Gründe für eine Scheidung gehabt hätte, wäre dies ein atemberaubend skandalöser – und schädlicher – Prozess gewesen.
Lucinda schloss ihr Notizbuch. »Warum denken Mama und Miss Yarmouth so unterschiedlich über dieselbe Sache?«
»Es ist wie mit dem Spargel. Du kannst gar nicht genug davon bekommen; Carlisle rührt seinen kaum an. Nichts ist für jeden.«
»Was ist mit Ihnen? Was halten Sie davon?«
Er hatte die Frage erwartet – darauf war das Gespräch unweigerlich hinausgelaufen. Dennoch zuckte er innerlich zusammen.
Er legte die Gießkanne beiseite, sank auf ein Knie und legte seine Hände auf die Schultern seiner Tochter. »Ich glaube, das ist das Beste, was ich je getan habe. Weißt du, warum?« Sie schüttelte den Kopf.
»Weil sie mir dich und deinen Bruder gebracht hat.« Er küsste sie auf die Stirn. »Und jetzt lass uns essen. Ich habe gehört, es gibt wieder Spargel.«
****
»Es ist ein Termin reingekommen«, sagte Miss Holmes, während sie sich eine großzügige Portion aus der Schüssel mit Trifle in der Mitte des Tisches auftat.
Sie hatten sich über Penelopes Freunde vom Medizinstudium unterhalten, die in Kürze in London eintreffen würden. Penelope hatte vor, eine Tour durch die schottischen Highlands zu organisieren. Mrs. Watson hörte sich ihre Ideen an und überlegte zwischendurch, ob sie nicht einige Veränderungen in den öffentlichen Räumen des Hauses vornehmen sollte. Sie waren so düster, voller tiefer Blautöne und freudloser Brauntöne. Sicherlich praktisch – der Ruß in London würde ohnehin mit der Zeit jede Farbe dunkel und schmutzig machen. Aber vielleicht könnte eine neue Tapete mit Blattmustern auf einem steinfarbenen Hintergrund als Kompromiss dienen?
Die Ankündigung von Miss Holmes riss sie aus dieser angenehmen Träumerei von Farben und Mustern heraus. »Was ist los?«
Miss Holmes löffelte eine Blaubeere mit Schlagsahne und Kokosnuss in ihren Mund. »Um vier Uhr wird eine neue Kundin vorbeikommen. Sie kennt mich. Ich habe den leisen Verdacht, dass sie auch Mrs. Watson vom Sehen her kennt, auch wenn sie nie offiziell vorgestellt wurden. Also muss Miss Redmayne, vorausgesetzt sie kann ein Geheimnis bewahren, die Rolle der Schwester von Sherlock Holmes übernehmen.«
Penelopes Dessertlöffel schwebte über ihrer eigenen Portion Trifle. Sie warf einen Blick auf Mrs. Watson. Sie waren zu einer Pattsituation gekommen, was die Rolle anging, die Penelope in Bezug auf Sherlock Holmes einnehmen würde oder nicht. Miss Holmes‘ Bitte löste diese auf.
Mrs. Watson war alamiert – Miss Holmes würde ihre Neutralität nicht aufgeben, wenn nicht etwas Außergewöhnliches passiert wäre. »Ich dachte, wir hätten für heute keine Termine mehr. Wer ist diese Kundin?«
»Lady Ingram«, sagte Miss Holmes.
Beruhigend.
Mrs. Watson tauschte einen weiteren Blick mit Penelope aus, der nun vor Erstaunen die Kinnlade herunterfiel.
Vor drei Jahren, in der Pause eines Stücks im Savoy-Theater, war Lord Ingram zu Mrs. Watsons Loge gekommen, um ihr seine Aufwartung zu machen. Als er gerade gehen wollte, fiel ihr Blick zufällig auf Miss Holmes im Zuschauerraum, die auf ihren eigenen Platz zuging.
Oh, sehen Sie sich diese junge Frau in rosa Moiré an, hatte Mrs. Watson ausgerufen. Sie muss das reizendste Mädchen sein, das heute Abend anwesend ist.
Lord Ingram blickte zu Boden.
