Die Verwechslung - Christian Windspringer - E-Book

Die Verwechslung E-Book

Christian Windspringer

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Beschreibung

Die Geschichte beleuchtet, wie äußere Einflüsse unsere Persönlichkeit beeinflussen, ja, sogar verändern, und erzählt am Beispiel aktueller Umweltzerstörung und neuester Technologie auf welche Art und Weise zwei junge Frauen sich in der modernen Welt verlieren und wiederfinden.

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Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Christian Windspringer

Die Verwechslung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Im Theater

Die Kreuzung

Die andere Perspektive

Die Verwechslung

Schaulustige

Wer bin ich

Zwei Wochen davor

Zwei Wochen danach

Bewerbung

Zusage

Der erste Arbeitstag

Abgelenkt

Computerprobleme

Hacken

Ein Anschlag?

Mittagessen mit Melissa

Innen (im) Ministerium

Spät abends im Büro

Leo

Aufstieg und Fall

Die beiden Zeugen

Ina und Hanna

Bettina sucht körperliche Nähe

Nachforschungen über Lisbeth

Ein Kaffee unter Freundinnen, die sich noch nicht kannten

Traumdeutung

Ein Treffen

Inas Ermittlungen und Klements Durchbruch

Indisch essen

Bettina weiht Markward ein

Predlitz muss auf ein Sommerfest

Bettina

Feuer in der Gefängnisküche

Sommerfest

Wer bist du?

Der Sektionschef

Beim Heurigen

Erwachen aus dem Koma

Dr. Saibl und Lisbeth

Arbeitsantritt

Flug nach Afrika

Ankunft

Tour durch den Garamba Nationalpark

Angriff

Die Wilderer

Lisbeth zurück

Lisbeths Nachforschungen

Entführung

Empfang

Lisbeths Schwangerschaft

Nachspiel im Ministerium

Treffen im Jänner

Lisbeths Entbindung

Lisbeth in Kärnten

Elias zurück in Wien

Isolde

Georg

Lisbeth und Bettinas Herkunft

Afrika

Zuwachs

Bettina

Ina und Lisbeth

Mysteriöse Anrufe

Das Ende

Impressum neobooks

Im Theater

Die Verwechslung

„Nein, Ina ist mein Name, es ist kein Kosename von Bettina, Martina oder Valentina. Laut Taufschein heiße ich Ina.“

Viele Leute fragten sie, wofür Ina eine Abkürzung wäre, wenn sie sich vorstellte. Lästig, dachte sie, warum fragen sie überhaupt, ob es eine Abkürzung ist und von welchem Namen? Klar, die Menschen sind neugierig. Neugier ist einer der stärksten Antriebe, aber versteht denn niemand, dass diese Frage nach dem echten Namen so rüberkommt wie: „Was ist denn das für ein Name? Da muss doch was ‚Normales‘ dahinter – oder davor – stehen.“

Als Regel müsste gelten: So wie man sich vorstellt, möchte man genannt werden, basta. Jemand, der sich als Susanne vorstellt, möchte nicht Susi genannt werden, jemand, der sich als Joe vorstellt, nicht Josef. Unser Name ist Teil unserer Identität. Einen Namen zu hinterfragen, heißt, den Menschen als Ganzes in Frage zu stellen.

Mit dreizehn Jahren war Ina das erste Mal im Sommer zwei Wochen ohne Eltern auf Urlaub; Jugendcamp am Mondsee. Als sie auf der Busfahrt dorthin das zweite Mal gefragt wurde, ob Ina wohl ihr richtiger Name wäre, meinte sie, nein, Christina sei ihr richtiger Name, Ina die Abkürzung davon. Das wäre doch ein schöner Name, meinte die Organisatorin des Camps, die das Gespräch mitgehört hatte, und nannte sie zwei Wochen lang Christina. Den ganzen Urlaub fühlte sich Ina wie eine andere, auch wenn es nur diese eine Frau war, die sie Christina nannte; sie war für alle anderen auch Christina, selbst wenn die sie mit Ina ansprachen. Erst störte es sie, doch bald genoss sie, Christina zu sein; sie wollte nicht Tennis spielen, wie Ina es getan hätte, sondern meldete sich für den Segelkurs an, und abends knutschte sie schon mal mit zwei oder drei Burschen hintereinander, was Ina niemals in den Sinn gekommen wäre. Als sie zuhause wieder Ina war, behielt sie dann allerdings einige Gewohnheiten von Christina; Tennis spielen zum Beispiel wollte sie nicht mehr.

Es war einfach nicht richtig, einen Namen zu hinterfragen. Die Menschen müssen sensibler werden, dachte sich Ina gerade in letzter Zeit besonders häufig, in diesen Tagen und Nächten, die sie allein zuhause oder an der Universitätsbibliothek von morgens bis abends über Bücher gebeugt saß, Kapitel für Kapitel in sich hineinpresste und einfach keine Energie hatte für alles, was an ihrem gebrechlichen Seelengerippe nagte: Die Fragen der Eltern oder Kollegen etwa, ob es einem eh gut ginge, ob man eh vorankäme mit dem Stoff; das Betteln des Freundes, ob sie nicht den ganzen Sonntag blau machen könne, nicht bloß den halben. Ihr Hirn war in Topform – ein Schwamm, der Information aufsaugen und behalten konnte –, die Flora ihrer Gefühlswelt hingegen war so empfindlich geworden, dass eine schwache Brise wie ein Starkwind alles niederfegen konnte.

***

„Okay, also Ina. Ich verstehe. Sorry. Ich bin Hanna. Mein erster Tag heute.“

Ina wollte Hanna nicht den Einstieg verderben, bloß weil sie, wie viele andere, ihren Namen hinterfragte, und setzte daher ein freundliches Lächeln auf: „Für mich ist es der vorletzte Tag hier. Ich war das ganze Semester Garderobenfrau, aber jetzt kommt die Prüfungssaison, da brauche ich mehr Zeit zum Lernen, gerade in den Abendstunden.“

Ina studierte Volkswirtschaft und stand vor den letzten Prüfungen ihres Masterstudiums.

„Ich studiere auch. Soziologie und Psychologie, aber ich überlege, auf Wirtschaft umzusatteln. Bessere Jobmöglichkeiten.“

***

Hanna sah müde aus und Ina lag richtig mit ihrer Einschätzung, dass die Neue nicht aufmerksam zuhörte, als sie ihr den Ablauf ihrer Arbeit erklärte: Wo sich die Leute anstellen, in welcher Reihenfolge die Gänge der Kleiderhaken befüllt werden und dass die Garderobenzettel erst ausgehändigt werden dürfen, wenn Geld auf dem Tisch liegt.

Zehn Minuten später kamen die ersten Zuschauer. Es war ein kalter, verregneter Abend Mitte Januar und das Theater war ausverkauft. Deshalb gab es besonders viel zu tun: Neben dicken Pelzmänteln und Daunenjacken, Schals und Hüten wollten die Frauen auch noch Plastiksackerl mit Stiefeln oder große Handtaschen abgeben. Mit Hanna im gleichen Sektor musste Ina schneller arbeiten als gewöhnlich; Hanna war nicht nur eine schlechte Hilfe, sie war sogar eine Belastung. Oft kam sie nicht damit zurecht, Taschen und Hüte in wenigen Handgriffen gemeinsam mit dem dazugehörigen Mantel zu verstauen; umso schneller sie greifen wollte, desto mehr kam sie durcheinander, ließ Hüte oder Schuhe zu Boden fallen und war schließlich langsamer, als sie gewesen wäre, hätte sie ohne Hektik eins nach dem anderen erledigt. Ina hatte beinahe die doppelte Arbeit als sonst, obwohl Hanna nur die Nummern 001 bis 150 bediente und Ina 151 bis 400. Auch die Leute bemerkten bald die Verzögerungen am Garderobenabschnitt der beiden und wichen auf andere aus.

Endlich begann die Vorstellung. Alle paar Minuten kamen noch Zuspätkommende, einige außer Atem und abgehetzt, als wären sie im Ziel eines Laufwettbewerbs angekommen, andere mit auffälliger Gelassenheit, „routinierte Zuspätkommer“, wie Ina sie nannte. Sie standen über solchen Kleinigkeiten wie Pünktlichkeit. Die Welt hatte sich gefälligst nach ihnen auszurichten, alles – vor allem Schauspieler und andere Zuschauer, aber auch Kollegen in der Arbeit und meistens der eigene Partner und die Familie –, einfach alles war zweitrangig. Inas Vater war von diesem Schlag Menschen, hatte ihr und der ganzen Familie mit seiner Art tagein, tagaus Macht demonstriert; denn es war genau das, was das Leben solcher Menschen erfüllte: Macht, das Leben der Anderen dem eigenen gefällig zu machen.

Ina freute es, wenn einer dieser selbstzufriedenen Zuspätkommenden in ihre Fänge geriet, Fänge der zeitlichen Dimension, die sie genüsslich ausfuhr. Erst würde es doppelt so lang wie gewöhnlich dauern, bis sie endlich einen Platz für den Mantel gefunden hatte. Schließlich war schon alles voll und sie musste erst einmal einen freien Haken finden oder Platz schaffen. Das würde der Zuspätkommende wohl verstehen – er war schließlich zu spät, auch wenn es ihm selbst gar nicht so vorkam. Sobald umständlich ein Platz für den Mantel gefunden war, dauerte es besonders lang, bis sie den Garderobenzettel aushändigen oder Retourgeld geben konnte. Meistens erreichte sie ihr Ziel, mindestens eine scharfe Ermahnung zu ernten, „doch endlich weiter zu tun“, vielleicht sogar „gefälligst weiter zu tun“ oder „bevor die Vorstellung um ist“. Dem entgegnete sie entweder ein freundliches Lächeln oder ein entschuldigendes „Es tut mir so leid, dass sich das Universum heute nicht schnell genug um Sie dreht.“ Ja, geradezu enttäuscht war Ina, wenn der selbstgefällige Mittelpunkt des Universums vor lauter Selbstgefälligkeit gar nicht bemerkte, wie langsam er oder sie bedient wurde und nichts von sich gab.

An diesem Abend war einer der Zuspätkommenden in Begleitung einer Frau, die einen dicken Pelzmantel und einen auffälligen Haarschmuck trug. Sie hatte dunkles, beinahe schwarzes Haar, das kompliziert hochgesteckt und von einem weißen Dreizack mit feinen Schnitzmustern zusammengehalten war. Ina bediente dieses Paar schneller, als sie Zuspätkommende normalerweise bediente; sie war abgelenkt von dem Haarschmuck. Er sah aus wie Plastik, hätte aber auch aus Elfenbein sein können. Unmöglich, dachte sie sich, war es nicht verboten, Elfenbein zu tragen?

***

Während der Aufführung versuchte Hanna, sich für ihre anscheinend unpassende Frage zu Inas Namen zu entschuldigen, indem sie sich mit aufrichtigem Interesse über Inas Studium und Leben erkundigte. Doch viel ließ Ina sich nicht entlocken, Spieltheorie und Ökonometrie wären die nächsten Prüfungen – ihre beiden letzten – und, ja, sie hätte einen Freund und lebe gemeinsam mit ihm etwas außerhalb der Stadt. Danach versank Ina in einem Lehrbuch einige Meter hinter dem Garderobenpult, zwischen Wintergewand, aus dem sich der Geruch von Regen und Parfum im Raum ausbereitete.

In der Pause zeigte Ina Hanna einen Hocker im Zuschauerraum rechts von der Tür nahe zu ihrem Garderobenabschnitt; von dort aus könne sie bis kurz vor Ende der Vorstellung zuschauen, falls es sie interessiere. Bevor die heiße Phase der Prüfungsvorbereitung begonnen hatte, saß Ina oft selbst darauf; die ersten paar Male verfolgte sie das Stück, bemerkte wie die Schauspieler von einem Mal zum anderen die Szenen unterschiedlich spielten – mal waren es nur Nuancen, dann waren es komplett andere Akzente –, sie bekam ein Gefühl dafür, in welcher Tagesverfassung welcher Schauspieler war, und sie wäre bald schon als Regieassistentin geeignet gewesen. Nach einiger Zeit konzentrierte sie sich mehr auf die Zuschauer. Wie hypnotisiert saßen sie da und folgten der Geschichte, die sich live vor ihnen aufbaute. Auf den ersten Blick gab es kaum Unterschiede. Die einen hatten Anzug mit Krawatte an, die anderen Anzug ohne Krawatte und einige wenige kamen auffällig leger im Pullover oder einer Strickjacke. Bei den Damen gab es mehr Abwechslung, die vor allem die Grenzen zwischen den Generationen aufzeigte: Kleid, zweiteiliges Kostüm, Jeans mit Bluse. Sobald es still wurde und alles gebannt zur Bühne blickte, legte sich eine Uniformität über die Menschen, die erst wieder durch die Art, wie wer auf welche Szene reagierte, aufgebrochen wurde. Die Wirkung der Geschehnisse auf das Individuum, wie wer damit umging, hob den Einzelnen aus der Masse heraus. Es ging nicht darum, sich durchs Aussehen abzuheben oder weil man eine bestimmte Meinung vertrat, es ging nicht darum, durch ein Talent aufzufallen oder weil man von einer steilen Karriere oder einem außergewöhnlichen Urlaub erzählen konnte. Nein, nur die Reaktion auf das, was sich vorne abspielte, machte den Unterschied; einen Unterschied, der größer war als vieles, was uns sonst voneinander unterscheidet.

Während Ina wieder in ihrem Lehrbuch versank, überlegte sie, wie das Stück und die Zuschauer wohl auf Hanna wirken würden.

***

Das Ende der Aufführung kündigte sich an, als die ersten Zuschauer etwa zwei Minuten vor Schluss ihre Mäntel abholten; besonders viele dieser früher Gehenden stellte die Gruppe der gelassenen Zuspätkommenden. Es folgte Klatschen und zwei oder drei Vorhänge, bis die große Masse aus dem Theatersaal zur Garderobe drängte, kurz nachdem Hanna wieder ihre Position bezogen hatte.

Anders als vor dem Stück, wenn die Leute schön verteilt über eine halbe Stunde oder mehr hereintrudelten, mussten nun alle zugleich bedient werden, was Hanna völlig überforderte. Einer der letzten Mäntel hing auf dem Haken mit der Nummer 162, doch die Dame am Pult hatte ihr einen Garderobenzettel mit der Nummer 126 gegeben – dort hing kein Mantel mehr.

„Egal“, dachte sich Hanna und gab den Mantel von 162 samt Tasche, die dort hing, der Dame mit der Nummer 126. Sie war sich gar nicht mehr so sicher – oder besser, sie wollte sich nicht sicher sein –, ob ihr nicht vielleicht schon beim Entgegennehmen des Mantels ein Verwechslungsfehler unterlaufen war. Außerdem – falls nicht – hoffte sie, dass sich das Ganze von selbst klären würde; schließlich müssten die beide Damen sich doch melden oder einander sehen, am jeweils eigenen Mantel die andere erkennen und ihre Garderobe austauschen.

Hanna sah dem falschen Mantel nach, das Gesicht der Frau würde sie sich gut merken – große dunkle Augen, ein zartes Gesicht mit einer feinen Nase und braunes schulterlanges Haar.

Die Kreuzung

Bettina Sandtner zog sich den Mantel an und klemmte die Tasche unter ihren Arm. „Was hatte dieses Ende bloß zu bedeuten“, dachte sie über den unerwarteten Ausgang des Theaterstücks nach. „Die Nashörner“ von Eugène Ionesco. Warum kein Happy End, warum musste der Protagonist, wenn er schon die anderen nicht davor bewahren konnte, Nashörner zu werden, zum Schluss auch noch seine Daisy verlieren?

Bettina versuchte – wie sie es als kleines Kind oft versucht hatte, wenn ihr der Ausgang eines Films oder eines Buches nicht gefiel –, das Ende umzudichten. ‚Das Mädchen mit den Streichhölzern’ etwa; in Bettinas geänderter Version erfriert das Mädchen nicht und fährt in den Himmel auf, sondern wird von einem Mann gefunden, einem Arzt, der sie mit nach Hause nimmt. Sie wird gepflegt, erholt sich wieder und der Mann und seine Frau adoptieren das Mädchen, erfüllen sich so ihren bisher unerfüllten Kinderwunsch.

Was wäre für die Nashörner das bessere Ende gewesen? Dass sich alle wieder in Menschen zurückverwandeln, wäre etwas zu plump. Vielleicht bekommen sie Kinder, die sich wieder in Menschen zurückverwandeln? Ja, das wäre ihr präferiertes Ende.

***

Im Programm, das Bettina in der Pause gelesen hatte, waren einige Interpretationen des Stückes abgedruckt; eine aus der Zeit, als es uraufgeführt worden war, 1959, eine von heute, geschrieben von einem Österreicher, und eine aus den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders Ende der 1960er. Die älteste Interpretation zog Parallelen zu totalitären Regimen, den Nazis und den Stalinisten, die Interpretation aus Deutschland legte die Kritik des Stückes um in Kritik an einem blinden Kapitalismus, der sich über jede soziale und ökologische Instanz hinwegsetzte und deshalb unmenschlich wäre. Die aktuelle Interpretation verglich die Nashörner mit den abgestumpften Internet-Usern, die mehr in einer virtuellen Welt lebten als in der Realität und so den Bezug zu Menschen und zur Menschlichkeit an sich verloren hatten. Auch als Social Media Zombies wurden sie bezeichnet.

Zentral für alle Interpretationen war die Aufgabe des Individuums, das Plattmachen von Einzelinteressen, ja mehr noch: das Ende einzelner Subjekte zum Wohle des großen Ganzen, einer Masse funktionierender Objekte vergleichbar mit einem Bienenschwarm; es gibt zwar noch die einzelnen Bienen, doch sie dienten allein dem Schwarm. Bettina fiel Russland ein, wie dort Medien als Werkzeug eines Regimes, das Gleiche bewirken konnten, einen Schwarm formen, der solange zusammenhält, bis plötzlich der Einzelne für die nationalistischen Ziele der Staatsspitze Ihr Leben opfern müssen.

Am meisten dachte Bettina über die moderne Interpretation nach. Dort hieß es, die Menschen heute würden ebenso ihre Eigenständigkeit aufgeben und Teil einer großen Herde werden, wie in totalitären Herrschaften des 20. Jahrhunderts. Sie würden, obwohl Teil der Herde, zwar glauben, sich selbst zu verwirklichen, eine Karriere verfolgen, von der sie meinen, sie eigenständig und bewusst gewählt zu haben; in Wahrheit wären sie aber nur kleine Rädchen einer Informationsindustrie, die den Menschen zwar in den Mittelpunkt stelle, aber dabei sich selbst diene, ohne den Menschen einen tieferen Sinn zu bringen. Angetrieben wird der Motor dieser Industrie von Eitelkeit, Konsum und Machtstreben. Selbstentfaltung und das Ausleben eines scheinbar bewusst gewählten Lebensweges wären die zwei Kardinalslügen dahinter. Denn die Selbstentfaltung gelte als umgesetzt, wenn man auf virtuellen Plattformen im Netz möglichst markant auftritt, der ideale Lebensweg gelte als gefunden, wenn besonders viele die hochgeladenen Urlaubs- und Kinderfotos kommentieren und man sich durch ein elektronisch nach außen gestülptes Innenleben das richtige Image gepostet hat.

Was Bettina vermisste an dieser Interpretation, waren Beispiele dafür, was nun das wahre Menschliche wäre, nach dem zu streben es sich lohnen würde. Was sollten wir für ein erfülltes Leben anders machen als die anderen? Alles hinschmeißen kann auch nicht das Ziel sein? Der Autor schloss seine Ausführungen schlicht damit, dass wir zu sehr von äußeren Kräften angetrieben wären: erst von den Eltern, dann von Lehrern und – sobald wir eigenständig entscheiden sollten – vom Internet. Der bessere Antrieb läge im tiefsten Inneren verborgen, was auch immer das heißen sollte. „Tiefstes Innere“ resonierte es in Bettina. Was ist wohl mein tiefstes Innere? Während sie sich diese Frage stellte, sah Bettina sich mitten in einem Wald stehen, umgeben von hohen Bäumen, die weit auseinander standen; der Waldboden war vollständig von dunkelgrünem Moos und hellgrünen Farnen bedeckt und ließ keine Erde durchschimmern; Sonnenstrahlen leuchteten sanft durch die Baumwipfel bis zu ihr herunter. Sie schaute wieder auf das Programmheft und war zurück im Zuschauerraum. Rausgehen wollte sie jetzt. Sie wollte raus ins Freie, sie wollte in diesen Wald. Doch draußen würde es dunkel sein. Sie erinnerte sich an ihre Frage, „mein tiefstes Inneres, was ist das?“ Für einen Augenblick sah sich Bettina auf einem Berghang stehen, genau dort, wo die letzten Bäume standen und sich Almwiesen bis zu den Gipfeln streckten. Würde sie dort ihr tiefstes Innere finden, in der Natur?

***

Bettina fiel der Podcast ein, den sie am Vortag auf dem Weg zur Arbeit gehört hatte. Um Schönheits-OPs ging es da, um das Aufspritzen der Lippen, das Absaugen von Fett, die Aufpolsterung der Hüften. In kurzen Videoclips von Influencerinnen und Influencer überzeugt, dass diese Eingriffe völlig normal wären und die Veränderung des eigenen Körpers durch entsprechende Eingriffe ähnlich wäre, wie eine neue Frisur zu bekommen, ließen sich von Jahr zu Jahr immer mehr Menschen und vor allem immer mehr junge Menschen den gerade aktuellen Schönheitsidealen gemäß modellieren.

„Das sind die heutigen Nashörner!“, schoss es Bettina durch den Kopf und anscheinend sprach sie ihren Geistesblitz auch laut aus.

„Pardon, was meinten sie?“ fragte eine ältere Dame, die sich an Bettina vorschob zurück zu ihrem Platz.

„Oh, entschuldigen Sie. Ich dachte nur laut. Die Menschen mit Lippen, die an Schlauchboote erinnern, und straffgespritzen Gesichtern, die keine Mimik mehr zuließen, das sind doch die Nashörner von heute.“

Die ältere Dame lächelte freundlich. „Sie haben Recht, die schauen alle gleich aus. Wie Barbie-Puppen.“ Sie nickte noch nachdem sie bereits weitergangen war, drehte sich nach ein paar Metern nochmals zu Bettina um. „Ja, Sie haben wirklich Recht.“

***

Es läutete das erste Mal, um das Ende der Pause anzuzeigen. Bettina blätterte weiter im Programm, auf jeder vierten Seite war eine Werbung abgedruckt: für Schweizer Uhren, die edelsteinbesetzt funkelten; für das neueste Smartphone, das über einen kleinen Ball, nicht größer als drei Zentimeter im Durchmesser, und den Bildschirm in Form einer Kontaktlinse zu bedienen war; für das Restaurant zwei Straßen weiter.

Ganz hinten im Programmheft war ein Beitrag über Meditation abgedruckt; er stammte vom Autor, der die moderne Interpretation über die Nashörner verfasst hatte, und in diesem Beitrag fand Bettina die Antwort auf ihre Frage, was nun das wahre Menschliche wäre. Sie wunderte sich darüber, dass dieser Beitrag am Ende des Programheftes stand – nicht jeder würde so weit blättern wie sie, nicht jeder hätte die Zeit dafür. Gerade das wurde im Beitrag auch angesprochen, dass die Menschen für nichts mehr Zeit hätten. Meditation, so hieß es eingangs, helfe dabei, zum tiefsten Inneren vorzudringen, sich selbst kennen zu lernen. Yoga, Qi-Tschong-Gai, vielleicht auch einfach nur entspannt auf einem Sofa sitzen und an nichts denken, all das könne der Einstieg in Meditation sein. Wichtig wäre es dabei, sich vom Alltag zu lösen, nicht nur von den Sorgen und Ängsten, die einen beschäftigen, sondern auch – gerade auch – von den Freuden und Glücksmomenten, die einen bewegen. Sich zuerst auszuklinken aus allem, was einen scheinbar definiert, was die tägliche Routine in vorgezeigten Bahnen abspulen lässt, wäre der erste Schritt. Wenn das zuhause oder an gewohnten Orten nicht möglich war, müsste man oder frau vielleicht in die Natur gehen. Der zweite Schritt wäre, eins zu werden mit dem Rundherum, die Grenzen zwischen sich selbst und den Objekten der Umgebung verschwimmen zu lassen. Dafür sollte man sich hineindenken in die einzelnen Gegenstände, fühlen wie ein Tisch, gedanklich hineinschlüpfen in die Stehlampe, mental die Aufgabe der Türe übernehmen, Räume verbinden, aber zugleich voneinander trennen. In einem dritten und letzten Schritt wäre das Ziel, zu einem neuen Ich zu finden, wieder in sich selbst einzufahren, nachdem man in die Welt und in einzelne Gegenstände hineingeschlüpft war, nunmehr bewusst der eigenen Bedeutung zurückzukehren ins wahre Ich.

Bettina rümpfte die Nase und kratzte sich an der Schläfe. Das war ihr zu abgehoben, zu abstrakt. Und überhaupt, es war lächerlich! Wenn die Menschlichkeit, nach der zu streben war, in der Funktion einer Türe verborgen war, würde sie lieber Nashorn werden und unmenschlich sein. Doch dieser Tipp, in die Natur zu gehen, um zu sich selbst zu finden, das gefiel ihr; der Wald, in dem sie sich sah, der Berghang, auf dem sie stand; scheinbar instinktiv wurde sie dorthin gewiesen.

Sie beuge sich wieder über das Programmheft und las weiter. Dieses wahre Ich würde einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, zum Beispiel „nicht nur hineinblättern in ein Programmheft, sondern es von vorne bis hinten durchlesen, wie Sie es gerade tun, falls Sie nicht rein zufällig diese Seite aufgeschlagen haben.“

Bettina schüttelte den Kopf und stieß mit einem leichten Schnauben Luft aus der Nase. Immerhin kam der Beitrag zu einem Ergebnis: Mit diesem wahren Ich, einem Ich, das achtsamer gegenüber der Umwelt geworden wäre, das einen schärferen Blick auf alles rundherum haben würde, fiele es leichter, die persönlichen Ziele zu erreichen und damit seine Bestimmung als Mensch zu erfüllen.

Gerade noch sollte man wie ein Tisch fühlen und sich in eine Stehlampe hineinversetzen und plötzlich müsste man Ziele erreichen? Bettina nahm sich fest vor, sich niemals mit einem Tisch, einer Stehlampe oder sonst irgendeinem Möbelstück zu identifizieren und lieber keine menschliche Bestimmung zu haben. Doch so bald wie möglich wollte sie in einen Wald gehen, wollte dort innehalten und in sich hineinspüren.

Sie schob das Programmheft zwischen Armlehne und Sitzfläche. Nach dem Beitrag über das Finden des wahren Ichs durch Meditation mit Möbeln war noch ein Aufsatz Erich Fromms übr Meditation abgedruckt. Für heute genug Ganzheitlichkeit, dachte sie und beobachtete die Menschen. Fromm würde sie später lesen, vielleicht auf dem Weg nach Hause, falls sie kein Taxi nehmen würde, sondern öffentlich fahren sollte. Vielleicht hatte er etwas Vernünftiges über Mediation zu sagen?

Etwa die Hälfte der Leute war mit ihren Mobile Devices beschäftigt. Es standen Gruppen von drei bis fünf Leuten zusammen und ein oder zwei davon nahmen zwar irgendwie am jeweiligen Gespräch teil, mussten aber gerade auf ihre Bildschirme starren oder etwas hineintippen. Wie wird das bloß werden, wenn sich diese Technologie mit Bällchen und Kontaktlinse durchsetzt? Man würde scheinbar ins Nichts starren, per Morsesprache und Bildschirm im Auge aber dennoch mit der weltweiten Smartphone-Community in Kontakt sein. Vielleicht war die Grundaussage dieses absurden Beitrages gar nicht so daneben? Einmal am Tag vollkommen auszusteigen, aus einer Vogelperspektive heraus sich selbst und die Welt zu beobachten, könnte schon Sinn ergeben. Bettina hatte schon mehrmals darüber gelesen, wie Meditation das Leben von Menschen verändert hatte, und gerade als sie diesen Gedanken fasste, fiel ihr auf, wie ihr eigenes In-Gedanken-versunken-Sein sie selbst beeinflusste: Sie wollte ihr Telefon heute nicht mehr entsperren, denn all diese Leute, die in leicht gebückter Haltung von einem kleinen Bildschirm in eine virtuelle Welt gezogen wurden; sie kamen ihr noch abgestumpfter vor als Nashörner.

Sie waren Teil einer virtuellen Welt, die eine Plattform dafür bot, virtueller Teil dieser Welt zu sein; sie erschufen eine Sphäre, die für alle da war, die jener Sphäre Schöpfer waren. Und wenn sie nicht in dieser Welt waren, konnten sie nicht aufrecht stehen mit Ohren, Schultern und Hüfte auf einer Linie, sie wie von der Natur vorgesehen.

Es läutete ein zweites Mal und langsam bewegten sich alle zurück auf ihre Plätze; viele ohne den Blick von ihren Geräten zu nehmen.

***

Jetzt – nach der Vorstellung – war Bettina in der Schlange für die Taxis langsam vorgerückt. Sie überlegte immer noch, welches Ende ihr für die Geschichte der Nashörner besser gefallen hätte. Sie wollte ihr Telefon herausnehmen, um ihre Idee für ein anderes Ende des Stücks (die Nashörner bekommen Kinder, die sich wieder in Menschen zurückverwandeln) abzutippen. Den Vorsatz, das Telefon heute nicht mehr anzufassen, über Bord werfen? Sicher doch, sie wollte ja nicht ins Netz einsteigen oder spielen, sondern einen Gedanken festhalten.

Nun aber war sie an der Reihe, ihr Taxi fuhr vor, doch gerade als sie einsteigen wollte, hörte sie eine Stimme hinter sich.

„Entschuldigen Sie, ich war schon vorher in der Schlange, musste nur kurz zurück aufs WC. Ich, ich habe es eilig. Könnten Sie …“

Noch bevor die Frau den Satz zu Ende gesprochen hatte, deutete Bettina mit ihrer linken Hand, dass sie einsteigen solle.

„Danke, vielen Dank, das ist total nett von Ihnen. Mein Mann wartet schon zuhause und ... Danke!“

Die Tür knallte zu und das Taxi beschleunigte schnell zu einer ein paar Meter entfernten Kreuzung, wo die Ampel gerade grün geworden war. Der Taxifahrer musste angewiesen worden sein, sich zu beeilen und wäre das zweite Auto über der Kreuzung gewesen, dicht hinter einer schwarzen Limousine, die ebenfalls schnell beschleunigte, als es grün geworden war.

Bettina würde sich später genau daran erinnern, woran sie dachte, als das Taxi losfuhr, dass sie nämlich auch gerne nach Hause fahren würde zu einem Mann, der auf sie wartete.

Noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte und auskosten konnte, hörte sie den lauten Donner, ein Geräusch als würde eine Bombe aus Metall und Glas zerbersten, gefolgt vom Quietschen der Reifen und lauten Aufschreien der umstehenden Passanten. Ein riesiger LKW hatte Tempo aufgenommen, um gerade noch das Grün der Querstraße zu erwischen. Doch der Fahrer musste sich verschätzt haben, für ihn war es wohl bereits rot, als das Taxi in die Kreuzung einfuhr.

Bettina zog ruckartig beide Händen vor ihr Gesicht und drückte sie dann fest gegen ihre Wangen, hatte die Augen und den Mund weit aufgerissen, doch es kam kein Ton aus ihr heraus. Ihr Kreislauf sackte ab, bis Adrenalin in ihre Adern schoss, um sie auf den Beinen zu halten. Reglos stand sie da in etwa 20 Metern Entfernung. Polizei und Rettung waren innerhalb weniger Minuten am Unfallort. Ein paar Augenzeugen wurden sofort vernommen, die Rettungskräfte forderten die Feuerwehr an, ein Polizist barg die Tasche der Frau aus dem Wrack. Der Taxifahrer war unverletzt. Fassungslos stand er neben seinem Auto und schaute der Szene zu, als wäre es ein Film. Der LKW hatte nur den hinteren Teil des Taxis gerammt und die rechte Hälfte davon unter sich begraben, gerade die Hälfte, in der die Frau gesessen hatte. Trotz Schaulust und Neugier für Brutalität wagte es niemand, genau hinzusehen. Soviel aber war allen klar: Das Unfallopfer musste vollkommen eingeklemmt worden sein.

Die andere Perspektive

Die Dame mit dem Haarschmuck aus Elfenbein (oder Plastik) holte allein die Garderobe ab. Das fiel Ina aus zwei Gründen auf: Sie holte ihren Mantel und den ihres Mannes als eine der Letzten ab und ging von der Garderobe zielstrebig Richtung Ausgang. Es war nicht außergewöhnlich, dass auch Frauen immer wieder mal die Garderobe abholten. Der Mann musste vielleicht noch schnell aufs WC oder war am Telefon; aber er schien vorausgegangen zu sein, nach draußen. Bei der Kälte? Gerade bei diesen Gedanken hörte Ina diesen metallischen Krach und das Reifenquietschen. Nur ein paar Sekunden später liefen zwei Menschen in den Vorsaal: „Rettung, rufen Sie die Rettung!“

Es waren ältere Menschen, die in solchen Momenten zu vergessen schienen, dass Mobiltelefone auch die Rettung herbeirufen konnten, und nicht wie früher nur eine offizielle Stelle wie die Kartenverkäufer, Billeteure oder das Garderobenpersonal. Geistesgegenwärtig nahm Ina ihr Telefon und rief sofort 112.

Als die Garderobe etwa fünf Minuten später leer war, gingen Ina und Hanna hinaus. Es bot sich ihnen eine Szene, wie sie aus Kinofilmen bekannt ist: Blaulicht, Polizei- und Rettungswägen auf dem Gehsteig und quer über die Straße. Ein Feuerwehrbus, aus dem Spezialwerkzeug geladen wurde, und Schaulustige, die mit Absperrbändern der Polizei zurückgehalten werden mussten.

Hanna sah die Frau, der sie den Mantel vom Haken 162 gegeben hatte. Sie stand etwas abseits der Massen und schaute zu einem Polizisten rüber, als wollte sie auf ihn zugehen. Dann sagte der Polizist etwas zu seinem Kollegen. Hanna konnte erkennen, wie die Frau dem Polizisten zuhörte. Ihre Gestik vermittelte es unmissverständlich: Der eine hatte dem anderen etwas zu sagen, was diese Frau mit dem Mantel von 162 betraf. Niemals könnte diese Frau im Geheimdienst arbeiten, dachte sich Hanna, so auffällig war ihr Verhalten. Hanna hatte sogar den Eindruck, die Frau wollte etwas von den Polizisten; sie machte einen Schritt auf sie zu, entschied sich dann allerdings anders und ging schnellen Schrittes an ihnen vorbei. Den Polizisten schien das alles überhaupt nicht aufzufallen.

Die Verwechslung

Bettina wollte zu dem Polizisten gehen, der die geborgene Tasche durchsuchte. Sie fühlte sich schuldig – sie hätte in diesem Taxi sitzen sollen. Das wollte sie melden. Ein paar Schritte vor dem Polizisten jedoch zögerte sie. Gebeten wurde sie darum, nicht einzusteigen, das nächste Taxi zu nehmen; außerdem hätte sie den Taxifahrer nicht dazu aufgefordert, schnell wegzufahren. Auf sie wartete ja auch kein Mann zuhause. Während sie zögerte, hörte Bettina, wie der Polizist einem Kollegen die Identität des Unfallopfers diktierte: „Bettina Sandtner, 27. August 1989. Instinktiv wollte Bettina aufschreien „Nein, das bin ich!“, doch irgendetwas hielt ihre Instinkthandlung zurück, so als würde eine fremde Macht ihr den Atem und damit die Stimme nehmen.

Tatsächlich sollte sie das sein, es wäre ihr Taxi gewesen, aber was fiel diesem Polizisten ein, ihren Namen aus dem Ausweis dieser Frau vorzulesen! Sie musste sich das eingebildet haben. Anstatt den Polizisten wütend zu fragen, was das soll, ging sie im Stechschritt an ihm vorbei und griff unbewusst in die Tasche, die sie bis jetzt fest unter ihrem Arm eingeklemmt hatte. Die Geldbörse, das Handy, die Schminkschatulle, es waren nicht ihre Sachen. Sie nahm die Geldbörse heraus, ging schnell weiter und las auf dem Ausweis „Lisbeth Sandinitsch, geb. 30. August 1989.“

Sie nahm das Mobiltelefon aus der Tasche; es ließ sich freilich nicht per Gesichtserkennung öffnen, doch mit dem PIN 3008 für das Geburtsdatum, so wie es bei ihrem eigenen Handy eingestellt war, funktionierte es. Aus den SMS des Gerätes erschloss sich rasch, wer Lisbeths Mann war. Sie wählte seine Nummer: „Leo, hi. Entschuldige, ich habe … wie soll ich sagen? Ich habe unsere Adresse vergessen.“

„Schaut dir ähnlich, aber noch eine Woche im neuen Haus und du merkst sie dir, Liebling“, sagte Leo mit freundlicher Stimme und gab die Adresse durch.

Bettinas Herz setzte einmal aus und schlug danach schneller. „Liebling.“ Noch nie hatte ein Mann das zu ihr gesagt. Es war nicht für sie bestimmt, dieses Liebling, aber doch sagte er es zu ihr. Ihre Stimme schien sie nicht verraten zu haben. Übers Telefon war sie Lisbeth, war sie jetzt der Liebling eines fremden Mannes?

„Ja, Leo, ich werde sie mir jetzt merken.“ Ihn einfach nur mit „Leo“ anzusprechen war vielleicht zu distanziert, dachte Bettina. Deshalb schoss sie schnell „Danke, Liebling, ich bin gleich bei dir“ nach. Sie sagte dem Taxifahrer die Adresse und betonte, dass sie es nicht eilig habe; er solle bloß nicht rasen, davon würde ihr schlecht.

Sollte sie nicht zurück zur Polizei und aufdecken, dass es sich um eine Verwechslung handelte? Leo würde sie doch ohnehin sofort wegschicken. Welches Delikt könnte sie begehen, wenn sie vorgab, jemand anderer zu sein? Betrug? Diebstahl dazu, weil sie fremde Sachen an sich nahm? Nein, eher Unterschlagung, sie hatte die Tasche einer Fremden schließlich nicht wissentlich an sich genommen, sie nur behalten, nachdem es offensichtlich war, dass es nicht ihre eigene war. Wie würden Freunde, wie ihre Mutter auf die Nachricht reagieren, dass sie tot sei oder auch nur schwer verletzt? Bestimmt tot, so wie das Taxi ausgesehen hatte nach dem Unfall. Ihre Mutter? Zuletzt hatten sie einander vor einem Monat gesehen, davor mehr als ein Jahr nicht. Zur Graduierung in New York war sie extra angereist, während des Studiums in Linz hatten sich die beiden voneinander distanziert. Bettinas beste Freundin zog zwei Jahre vor der Matura nach Frankreich; für Bettina brach eine Welt zusammen, sie zog sich in ihre Innenwelt zurück, feierte teilweise exzessiv Partys unter dem Einfluss von Alkohol, war sonst aber nur aufs Lernen konzentriert und auf eine Traumwelt, in der sie lebte. Ihr Traum: ins Ausland zu gehen, die Realität: eine alleinerziehende Mutter, die kein hohes Verdienst hatte; sie konnten sich nicht das Gleiche leisten wie andere, Urlaub in Spanien oder gar noch weiter weg, Gewand von teuren Marken, neue Skisachen, Essengehen in Restaurants. Sie hatten keinen Fernseher, stattdessen nur einen alten LP-Spieler. Die Mutter wollte ihr alles ermöglichen, doch hatte dazu nicht die Mittel. Die letzten zwei Schuljahre jobbte Bettina im Sommer und in den Herbst- und Oster-Ferien als Kellnerin, während des Studiums arbeitete sie Teilzeit als Sekretärin und später als juristische Praktikantin in Anwaltskanzleien. Mit dem ersparten Geld, einem Stipendium vom Ministerium und einem Fellowship-Programm der Columbia University konnte sie sich ihren Traum dann doch erfüllen. Die Mutter schien sich alleingelassen zu fühlen; es war eine große Überraschung, dass sie dennoch zur Graduierung anreiste. Sie kam mit einer Pelikan-Füllfeder als Geschenk.

Nach einer Viertelstunde Taxifahrt stieg Bettina in einem Vorort aus und stand in einer Straße mit kleinen frisch gepflanzten Bäumen. Jedes dritte oder vierte Haus war eine große alte Villa, dazwischen schoben sich kleinere moderne Einfamilienhäuser. Die großen Gärten der alten Häuser wurden wohl parzelliert und so Platz geschaffen für neue Generationen. Die modernen hatten alle einen ähnlichen Stil: gerade Linien, keine Dachschrägen. Sie hätten die strengen horizontalen und vertikalen Linien auch bloß gestört. Viel Glas, viel Offenheit und damit Einblick. Farblich herrschten Weiß und Schwarz vor. Manchmal mischte sich Grau in die klare Zweifärbigkeit. Eine Ausnahme dazu war das Haus, das zu Leos Adressangabe passte: Es war im schwedischen Stil gebaut, die Wände aus weiß gestrichenem Holz, die Fenster, Balkone und der Treppenaufgang blau eingerahmt, ein Pastellblau, das sich wenig vom Weiß abhob.

Schaulustige

Ina sah die Menschenmenge um die Unfallszene drängen und dachte an das Theaterstück. Der Mensch ist nun mal ein Herdentier.

Die ersten paar Vorstellungen hatte sie sich angesehen, von hinten an eine der Eingangstüren gelehnt oder von dem Hocker aus, den sie Hanna gezeigt hatte. Nach der Pause waren immer wieder mal auch Sitzplätze am Rand frei; sie durfte sich nur an den Rand setzen, damit sie am Ende rechtzeitig zurück am Arbeitsplatz sein konnte.

Die Idee dieses Stückes gefiel ihr sehr, doch war für sie klar, dass es beide Extreme – Nashorn sein und sich dagegen wehren – in jedem von uns gab: Einmal wollte man ein kleiner Teil des großen Ganzen sein oder war es einfach deshalb, weil es bequem und richtig erschien; dann wieder hatte man diesen Drang herauszustechen. Beides war Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Es war genau das, was ihr in dem Stück fehlte, die Aussage, dass Vereinheitlichung, noch dazu diese dumpfe Form der Vereinheitlichung – alle werden grobschlächtig und plump –, nicht das eigentliche Übel war. Sowohl das Herausstechen als Individuum als auch das Untergehen in einer Masse konnte Gutes oder Schlechtes bringen. Alexander der Große oder Napoleon waren herausragende Menschen, und haben doch – oder gerade deshalb – viel Leid über die Menschen gebracht, über die auf der Seite ihrer Gegner und über die auf ihrer Seite. Die Alliierten im Zweiten Weltkrieg oder die rasenden Scharen der Französischen Revolution waren eine einheitliche Masse, die vorging wie ein einziges Wesen, dennoch haben sie viel Gutes gebracht, neben all dem Leid, das auch sie hinterließen.

„Ich glaube, wir werden hier nicht mehr gebraucht“, sagte Ina zu Hanna. „Ich gehe heim.“

„Du hast Recht, noch mehr Schaulustige brauchen die hier nicht. Schönen Abend noch.“

Wer bin ich

Der zweite Schlüssel aus Lisbeths Handtasche passte zur Türe von der Straße in den Vorgarten; hoffentlich sperrt er auch die Haustüre auf, dachte sich Bettina. Also ob Leo daran erkennen würde, dass Bettina nicht Lisbeth wäre, wenn sie lang nach dem Schlüssel suchte. Er passte auch zur Haustüre und so stand Bettina jetzt in diesem fremden Haus, das auf sonderbare Weise ihres geworden war. Oder müsste sie gleich wieder gehen?

Leo kam aus dem Wohnzimmer in den Vorraum und starrte Bettina an. Seine Augen öffneten sich weit und langsam und – fast wie in Zeitlupe – verzogen sich seine Stirn und schließlich das ganze Gesicht zu einer Frage, die er nicht aussprach. Erst holte er Luft und setzte an, doch dann schloss er seine Lippen wieder und blieb eine Weile so stehen.

Plötzlich, ohne die Frage von seinem Gesicht zu nehmen, sagte er: „Leg ab, komm doch weiter.“ Bettina tat wie angewiesen und folgte ihm ins Wohnzimmer. Auf dem Esstisch, dort wo Leo nun Platz nahm, stand eine Flasche Gin und daneben ein Glas, in dem noch ein Schluck übrig war. Sie setzte sich neben ihn und beide schauten ins Zimmer als suchten sie dort nach etwas.

„In den Nachrichten wurde von einem entsetzlichen Verkehrsunfall berichtet“, sagte Leo, „ich habe mir Sorgen gemacht.“

Stille. Bettina überlegte, ob er meinte, was er sagte.

„Gut, dass du angerufen hast; irgendwie gut, dass du die Adresse vergessen hast, sonst hättest du vielleicht gar nicht angerufen.“

„Ja, gut, dass ich angerufen hab“, stimmte Bettina ihm zu. „Da war tatsächlich ein Unfall. Ich hätte auch angerufen, wenn ich nicht nach der Adresse hätte fragen müssen. Damit du beruhigt bist.“ Eine erste Lüge, dachte Bettina, oder war das bereits die zweite oder nur eine weitere in einer ganzen Reihe von Lügen?

Wieder Stille. Eine Minute. Vielleicht mehr.

„Der Unfall war ... er war schlimm. Alles musste sehr schnell gegangen sein. Ich glaube, niemand hat das so richtig mitbekommen. Ich meine, auch nicht die Insassen des Unfallwagens.“

Sie sah zu ihm hinüber. Seine Lippen zitterten unkontrolliert, über die Wange liefen ihm Tränen; geräuschlos, ohne Schluchzen, ohne sonstige Regung. Stille, beide waren ergriffen von einer Art festlicher Stille, wie sie Bettina von Begräbnissen kannte. Sie waren ergriffen von etwas, was einmal war und nicht mehr ist.

Nach einiger Zeit stand Leo auf, ging zur offenen Küche, die nur durch eine Kochinsel vom Wohnraum getrennt war, wischte sich mit dem Papier einer Küchenrolle die Wangen ab: „Willst du auch ein Glas?“

„Ja, bitte.“

Er setzte sich wieder, schenkte ihr ein, schenkte sich selbst ein und beide nahmen einen kräftigen Schluck. Noch bevor Bettina das Glas wieder auf den Tisch stellte, überlegte sie es sich anders und nahm einen zweiten Schluck.

„Habe ich noch nie getrunken“, sagte Bettina.

Leo schaute sie kurz an, dann wieder geradeaus ins Zimmer: „Doch, vor zwei Wochen. Als wir einmal was Hochprozentiges ausprobieren wollten.“

Wieder ging er zur Küche, um sich ein Papier von der Küchenrolle abzureißen; diesmal entkam ihm ein leichtes Schluchzen. Oder war es nur ein tiefes Einatmen?

Bettina fiel ein, was irgendein Dichter über Schuberts Musik sagte: „Es stürzt die Träne aus dem Auge, bevor die Seele sie befragt.“ Das bewusst erlebte Innere hinkt dem verborgenen Inneren hinterher, wenn besonders große Gefühle aufsteigen.

Es war klar, er lebte nicht in einer Traumwelt; so emotional wäre er sonst nicht. War es also ein Spiel, das er trieb – oder besser, das sie trieben – oder war es bloß der Versuch, das Beste daraus zu machen?

Er setzte sich wieder zu ihr: „Uns beiden hat es nicht geschmeckt, aber dieses Sofort-Beschwipst-Sein, das fanden wir interessant.“

Bettina nickte langsam. Sie spürte, wie schnell der Alkohol wirkte, wie er ihre Gliedmaßen ergriff, sie auf angenehme Art schwer machte, und wie er ihre Gedanken ergriff, sie leicht machte. Noch nie zuvor hatte sie Gin getrunken. Sie sah Leo durchdringend an: „Ja, jetzt erinnere ich mich. Er wirkt so schnell. Das musste uns gefallen.“ Lügen über Lügen. Jedoch: keine bösen Lügen. Denn sie wollte, dass es so gewesen wäre, wie sie vorgab, sich zu erinnern. Und: Leo offenbar auch.

Leo stand auf. Entschlossen nahm er sein Glas und brachte es in die Küche, ging an Bettina vorbei zur Treppe und hinauf in den oberen Stock. Bettina überlegte. Eine Minute, dann noch eine. Sie entschloss sich, das Haus wieder zu verlassen und ging zur Türe. Doch wie so oft merkte sie schon, als sie den Entschluss ernsthaft gefasst hatte, dass er ihr nicht gefiel. Oft ist einem nicht klar, was man will, bevor man einen Entschluss fasst. Da ist ein Gefühl oder die Vernunft, die einem sagt, was man machen soll, welchen Weg man einschlagen muss. Und erst wenn man den Entschluss gefasst hat – und ihn ernsthaft gefasst hat, ohne ein Zurück in Betracht zu ziehen – erst nach Überschreiten dieser Entscheidungsschwelle, merkt man, ob ihn auszuführen richtig ist, ob man damit leben wird können und wollen. So ging es Bettina mit ihrem Entschluss zu gehen. Sie wollte nicht damit leben.

Diese Gedanken drehten sich angestupst von Gin in ihrem Kopf, als sie vor der Türe stand, die Hand bereits an der Schnalle, Mantel und Tasche unter den Arm geklemmt. Warum einem Entschluss folgen, mit dem sie nicht eins war?

Sie legte Mantel und Tasche vor der Tür auf dem Boden ab, zog die Schuhe aus und ging die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer, das sie noch nicht kannte. Leo lag bereits im Bett, zugedeckt lag er da, auf dem Rücken, die Augen an die Decke fixiert. Bettina ging zum offenen Kleiderschrank, nahm ein Hemd von Leo heraus, verschwand im Bad und kam ein wenig später wieder heraus, bekleidet nur mit dem Hemd und einem Slip. Als wäre es ein tägliches Ritual, legte sie sich auf Lisbeths Seite neben ihn, zog die Decke fest bis über die Schultern, drehte sich auf die Seite mit dem Gesicht zu Leo und zog die Beine fest an sich heran, bis sie beinahe in der Embryonalstellung war.

„Gute Nacht, Lis.“

„Gute Nacht, Leo.“

Er schaltete das Licht aus und beide fühlten sich von der Dunkelheit wohlig umarmt. Sie fühlten sich beide wie Fremde vor dem anderen und vor sich selbst. Gerade deshalb fühlten sie sich dem anderen ganz besonders nahe – und auch dem ungreifbaren Unbekannten, das zwischen ihnen lag, sie miteinander verband, genauso wie es sie auch voneinander trennte.

Wer war Leo, wer war diese Frau? Weil es darauf keine Antwort gab, waren sie mehr sie selbst, als hätte es eine Antwort gegeben. Auf einem weißen Papier steht nichts und doch alles, was man darauf schreiben könnte. Im Samen eines Baumes – ein paar Millimeter klein – ist bereits der ganze Baum enthalten, doch so wie er ausgewachsen dasteht, ist er vielleicht weniger, als er hätte sein können. Das Mögliche ist oft mehr, verspricht oft Größeres.

Leo seufzte. Es klang traurig und zufrieden zugleich. Sie seufzte auch. Es klang, als wäre sie erleichtert.

Zwei Wochen davor

Ihre Chefin war einer dieser Menschen, die erst in 10, 15 Jahren, im schlimmsten Fall erst bei der Pensionierung, erkennen, dass sie ihr Leben lang die falsche Position ausfüllen wollten, dabei aber gescheitert sind. Der Zufall hatte sie überhaupt erst dorthin gehoben, wo sie war, nicht ihre fachliche oder persönliche Qualifikation: Der Chef war bei einer Bergwanderung tödlich verunfallt. Es gab zwar drei mögliche Nachfolger, doch alle waren Männer. Vom weit entfernten Diversity Committe in London wurde eine Frau gefordert und deshalb sie, obwohl noch nicht geeignet dafür, vom lokalen Management abgesegnet. Eine „glückliche Fügung“ nannte sie es, eine „Chance, die sie nutzen musste.“ Gefährlich sind sie, die Menschen, die ans Schicksal glauben, die meinen, etwas muss ja gut sein, wenn es sich so gefügt hat.

Für Bettina war es vom ersten Arbeitstag an klar: Diese Frau ist eine Falschbesetzung. Fehlende Qualifikation führte zu einer ständigen Unsicherheit, die mit Machtdemonstrationen überspielt wurde; sie brachte eine Unruhe gerade dann, wenn klare Vorgaben und Verantwortung gefragt waren. Schlechte Laune und eine angespannte Stimmung waren aus strengen Blicken und kurzen, unvollständigen Anweisungen geradezu greifbar. Oft gab es nicht einmal ein „Guten Morgen“ in der Früh oder ein „Danke“ nach erledigter Arbeit. Die Dringlichkeit unterschiedlicher Arbeitsaufträge wurde oft falsch eingeschätzt, weniger Wichtiges musste unbedingt morgen Früh auf dem Tisch liegen, für große Projekte wurde nicht genügend Zeit eingeplant. Manchmal wirkte es geradezu wie beabsichtigt, tatsächlich jedoch war die Fehlplanung Folge mangelnder Einschätzung von Arbeitsaufwand und Relevanz.

Auszubaden hatten diese Missstände die unteren Chargen, Bettina und Klaus, ihr Kollege, der knapp vor einem Burn-out angelangt war. Klaus war schon länger im Unternehmen, Bettina erst kurz und es sollte auch nur vorübergehend sein. Von New York aus bewarb sie sich für das Londoner Büro, doch bis alle Formalitäten für die Arbeitsgenehmigung abgeschlossen sein würden, musste sie in Wien arbeiten; schon viel länger als geplant, war sie nun in Wien. Es würde wohl nicht klappen mit der Position in London, das war für Bettina immer klarer geworden, und sie überlegte, doch wieder bei einer Anwaltskanzlei anzuheuern. Bevor sie nach New York für ihr Studium gegangen war, hatte sie bereits die Gerichtspraxis absolviert und war vier Monate Rechtsanwaltsanwärterin gewesen. Auch das Jahr beim Steuerberater direkt nach dem Studium würde ihr auf die Anwärterzeit angerechnet werden; ob ihr auch die zwölf Monate im Büro einer US-Kanzlei in London angerechnet werden würde, wusste sie nicht.

„Guten Morgen!“ Klaus blickte nicht von seinem Bildschirm auf, als er Bettina begrüßte. „Dicke Luft heute wieder. Meine Analyse über die Rückstellungen hätte gestern Abend fertig sein sollen. Doch wie hätte ich das wissen können, eingeplant dafür hätte ich drei Tage.“

„Du meinst die Rückstellungen für die Ausfallshaftung dieser Auslandstochter in Kroatien?“ Klaus nickte Bettina zu, blieb mit seinen Augen aber auf den Bildschirm fixiert. „Ja, ja, ich muss für diese Tochter auch etwas machen, nämlich beurteilen, ob die Beteiligung abgeschrieben werden muss. Das Ergebnis weiß ich jetzt schon: Ja, wir müssten wohl etwa um 50 % abschreiben, bloß der Vorstand wird das nicht hören wollen und deswegen suchen wir nach Gründen, warum die Anschaffungskosten beibehalten werden können.“

„Bettina, gut, dass du hier bist“, die Chefin trat im Stechschritt ins Zimmer ein, „ich habe es Klaus bereits gesagt, unsere Schlussfolgerungen zur kroatischen Tochter, wir müssen sie heute mittags abliefern. Am besten du findest drei Gründe, die für, und drei, die gegen eine Abschreibung sprechen. Die dagegen sollten möglichst stärker wiegen.“

„Aber Frau Heldwig, gegen eine Abschreibung sprechen Marktumfeld, Geschäftsentwicklung, Erschließung neuer Geschäftsbereiche – alles Punkte, die ich als Juristin nicht beurteilen kann. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir das mit den Wirtschaftsprüfern und dem Management Vorort abklären müssen, besser vorige Woche schon als heute. Und für eine Abschreibung sprechen die Ergebnisse der letzten drei Jahre. Das könnte aber bedeuten, dass bereits vor zwei Jahren oder voriges Jahr hätte abgeschrieben werden müssen. Genau darin lag das Problem: Versäumte Abschreibungen kann man für Steuerzwecke später nicht nachholen.“

„Jetzt pass mal gut auf: Wir sind nicht hier, um neue Probleme aufzureißen, sondern um die bereits bestehenden Probleme zu lösen. In deinem Memo, das um 13 Uhr auf meinem Tisch liegen wird, wirst du einfach mit Annahmen arbeiten: Alles das, was wir noch mit dem Management und den Wirtschaftsprüfern abklären müssen, nimmst du als gegeben an und basierst deine Schlussfolgerungen darauf. Falls der Sachverhalt dann anders liegt, können wir nichts dafür.“

„Und externe Berater?“ Bettina schaute Frau Heldwig mit gerunzelter Stirn an, „es geht um dreistellige Millionenbeträge, da können wir doch ruhigen Gewissens österreichische und kroatische Berater beauftragen, ein Gutachten zu schreiben?“

„Können wir gerne machen, aber in ein paar Monaten wird mich der Vorstand fragen, warum sich der CFO eine teure Bilanz- und Steuerrechtsabteilung hält, also euch beide, wenn wir ohnehin immer andere fragen und bezahlen.“

Mit diesem Hinweis verließ sie das Zimmer, während Bettina die Schultern hochzog und sich kopfschüttelnd Klaus zuwandte.

Um 13 Uhr lieferten beide ihre Memos ab, bereits eine halbe Stunde später – sie saßen mit ihren aus der Kantine geholten Lunchboxen vor ihren Computern und lasen beide online die Wirtschaftsteile der heimischen Zeitungen – stand Frau Heldwig im Zimmer und brüllte die beiden an. So könne man das nicht dem Vorstand vorlegen; sie hätte eine Fristverlängerung bekommen: Bis morgen um acht Uhr müssten die Memos überarbeitet werden, sie müssten viel länger sein, viel mehr ins Detail gehen, vor allem dort, wo es darum ginge, keine Rückstellungen bilden zu müssen und keine Abschreibungen vorzunehmen. Außerdem müsste die Sprache viel juristischer sein, nicht so plumpes Deutsch, als hätten das irgendwelche BWL-Studenten geschrieben. Damit sich die neue Deadline ausginge, erwarte sie erste Entwürfe um 18 Uhr und finale Fassungen um 22 Uhr. Vom Gang rief die Chefin noch „Lunch is for Wimps!“ gut hörbar für alle umliegenden Zimmer.

Klaus und Bettina sprachen kein Wort, nachdem die Chefin aus dem Zimmer war. Sie schoben beide das Essen zur Seite, öffneten ihre Memos wieder und begannen darin zu lesen, zu überlegen, wo sie noch etwas hinzufügen konnten, wo sie etwas juristischer – und damit unverständlicher – ausdrücken könnten. Erst nach knapp einer Stunde schaute Bettina zu Klaus hinüber: „Spielst du ein Musikinstrument?“

„Wie bitte?“ Klaus wandte sich Bettina zu. Sie blickte aus dem Fenster hinaus über den kleinen Park vor ihrem Büro. „Klarinette“, sagte Klaus. „Ich wollte immer Saxophon spielen. Meine Eltern konnten sich das nicht leisten, weder eines zu kaufen noch den Unterricht zu bezahlen. Also begann ich in der Schule mit Klarinette. Zweimal pro Woche hatte ich Unterricht und zwei weitere Male durfte ich alleine üben. Ich hatte richtig Freude daran, spielte sehr häufig, aber mein Talent war nur mäßig. Im ersten Studienjahr spielte ich im Uni-Orchester.“ Klaus wurde nachdenklich. „Irgendwann hatte ich keine Zeit mehr dafür, oder besser: Ich nahm mir keine Zeit mehr dafür. So wurde ich nachlässig und konnte das Niveau nicht halten. Zum Studienabschluss schenkten mir meine Eltern ein Saxophon. Irgendwie war das dann wohl zu spät. Ich habe mich riesig gefreut, mir immer vorgenommen, Unterricht zu nehmen. Tja, sollte ich wohl einmal machen. Vor Kurzem erst habe ich noch dazu erfahren, dass Klarinette spielen, bevor man mit Saxophon anfängt, kontraproduktiv ist, weil du für die Klarinette die Lippen zusammenpressen musst, beim Saxophon aber der Druck aus dem Rachen kommen muss und die Lippen eher entspannt sein sollten. Na ja, probieren sollte ich es trotzdem mal.“

Bettina schaute weiter zum Fenster hinaus. „Warum fragst du?“, wollte Klaus schließlich wissen.

„In meiner Schule gab es gratis Klavierunterricht, meine Mutter hat mir Belohnungen versprochen, wenn ich anständig übe, ich habe sogar bei kleinen Konzerten gespielt, die von der Schule aus organisiert wurden; es war das volle Programm. Nach zwei Jahren wurde ich einer Gruppe Hochtalentierter zugewiesen; erst war ich stolz darauf, doch es bedeutete vor allem, noch mehr üben, noch weniger Freizeit. Ich glaub, ich habe es gehasst. Die Lehrer, zwei waren für den Unterricht zuständig, waren begeistert. Anfangs hatte ich auch richtig Spaß daran. Aber dieser Zwang, hat mich so eingeengt, und meine Mutter hatte so eine Freude. Manchmal holte sie mich nachmittags vom Klavierspielen ab und wir gingen in ein Kaffeehaus Kuchen essen oder in ein Eisgeschäft. Als müsste ich belohnt werden fürs Üben. Ich kam mir vor wie eine Puppe: Dort ein Konzert und da eine Probe, die Lehrer waren so stolz auf mich und meine Mutter erzählte allen von meinen Fortschritten, als wäre ich Top-Pianistin. Alles war durchgetaktet: dieses Stück einstudieren und jenen neuen Orchesterleiter kennenlernen; Weihnachtskonzert, Schulabschluss und im Herbst von neuem. Der Sommer war wie eine Insel, auf der ich nicht spielen musste; das fühlte sich richtig gut an; ich verband es mit Freiheit.

Eines Tages habe ich meiner Mutter verkündet, dass ich nicht mehr spielen möchte, dass ich keinen einzigen Ton mehr anschlagen will. Ich weiß noch genau ihre Antwort: ‚Das geht nicht, mein Kind. Heute Abend spielst du doch bei einer Charity-Veranstaltung. Es wird dir gefallen.‘ Ich hatte meinen Entschluss gefasst und durchgezogen. Es war so ein enormes Gefühl von Macht – ja, von Überlegenheit –, nicht nach ihrem Willen zu funktionieren, die Erwartungen von ihr und meinen Lehrern zu zerschlagen. Drei Wochen hat sie kein Wort mit mir gewechselt und das, was damals zwischen uns zerbrochen ist, konnten wir nie mehr so richtig zusammenkleben.“ üüü

Bettina wandte nun ihren Blick vom Park wieder ins Zimmer, schaute Klaus direkt an. „Das Schlimme daran: Dieses Gefühl, ihr überlegen zu sein, nicht das zu tun, was sie wollte, es war so belebend, geradezu so, als würde es mir Energie geben, so viel Energie, dass ich in einem Art Rauschzustand war an dem Abend, an dem ich aufhörte, ihrem Willen zu folgen. Vorhin, als wir von der allzu gütigen Verschiebung der Abgabe-Deadline erfahren haben, da wäre ich am liebsten aufgestanden und hätte gesagt: ‚Machen Sie sich ihr Memo doch selbst, ich gehe jetzt nach Hause und komme nicht wieder.‘ Ich war wirklich knapp daran, ich spürte schon, wie gut es sich anfühlen würde, alles liegen und stehen zu lassen, sie einfach so ihrem Schicksal zu überlassen.“

„Ich glaube, wir müssen beide hier raus“, stellte Klaus gelassen fest. „Stell dir vor, wir kündigen zugleich – wie sie dann dastünde. Null Personalführungskompetenz und vollkommen aufgeschmissen. Ihre Zukunft hängt doch allein an ihren Mitarbeitern. Wir sollten das nach oben kommunizieren.“

„Na ja, vor uns hatte sie doch auch ein Team; sie wird auch nach uns jemanden finden. Obwohl, langsam könnte es sich rumsprechen, dass sie fachlich nichts draufhat und nur andere antreiben kann.“

„Ob sie jemals CFO werden wird?“

„Mit uns im Team bestimmt.“ Bettina musste lächeln. „Komm, wir machen weiter, wir sollten beide mindestens ein Jahr im Lebenslauf stehen haben, nicht schon nach einem halben Jahr kündigen. Das bringt immer Erklärungsbedarf mit sich.“

Klaus war ein dreiviertel Jahr, Bettina fünf Monate in dieser Bank tätig – zu kurz, um im Lebenslauf als positiv angesehen zu werden.

„Wer weiß, Bettina, vielleicht geht sie vor uns oder wird weggelobt. Vielleicht wird das noch zu einer richtig guten Abteilung. Wir dürfen nicht den Kopf in den Sand stecken. Du solltest außerdem wieder mit dem Klavierspielen beginnen, ich mit dem Saxophon; das alles hier wäre dann nicht mehr so wichtig.“

Bettina nickte bestimmt und sie machten sich beide wieder ans Werk.

Später, auf dem Heimweg, klangen Klaus’ Worte noch einmal nach, „du solltest wieder mit dem Klavierspielen beginnen“. Sie wollte das wirklich machen, sie wollte gerne ihrer Mutter ein Stück vorspielen, nur ihr allein, sonst niemandem; keinem kleinen Publikum in einem privaten Umfeld oder einer großen in einem Konzerthaus. Sie sollte keinen Druck und keine vorgegebene Zeit, sie wollte nur ihrer Mutter zeigen, dass sie gerne Klavier spielte, aber eben nur für sich allein und vielleicht für ihre Nächsten.

Zwei Wochen danach

Es war bereits das dritte Vorstellungsgespräch, zu dem Bettina ging; das erste Mal, dass sie etwas nervös war.

Gleich am Montag nach dem Theaterabend hatte sie ihren Job in der Bank gekündigt. Ihre Chefin war außer sich. Das könne sie nicht machen, sie müsse jedenfalls noch drei Monate bleiben, gerade jetzt hatte sie Bettina dringend gebraucht. Klar, dachte sich Bettina, gerade jetzt käme viel Arbeit auf sie zu; die Chefin könne das gar nicht alleine schaffen. Dass sie doch eigentlich nach London wollte und daraus anscheinend nichts werden würde, schob Bettina als Grund vor. Doch, meinte daraufhin die Chefin, in vier oder fünf Monaten sollte es so weit sein. Doch vergebens.

Um zu kündigen, hatte Bettina lediglich angerufen. Sie wollte nicht persönlich hingehen, denn was würde passieren, falls herauskäme, dass sie am Freitag vor der Kündigung verunglückt war? So könnte davon ausgegangen werden, dass die Mutter oder eine Cousine angerufen hatte, weil man es selbst noch nicht wahrhaben wollte.

Doch was nun, rein rechtlich könnte die Chefin wohl darauf bestehen, dass sie noch zwei Monate weiterarbeitet. „Nun gut“, meinte sie nach ein paar Augenblicken wutgefüllten Schweigens. „Du brauchst nicht mehr zu kommen, ich werde dich dienstfreistellen lassen. Deine Arbeit ist zu heikel, um von einer bereits im Weggehen begriffenen Mitarbeiterin erledigt zu werden. Urlaubsanspruch werden wir dir ausbezahlen. Wir werden ohnehin bald Ersatz finden für deine Stelle; sie ist heiß begehrt.“

Bettina war erleichtert. Als nächstes kündigte sie ihre Wohnung und bot alle Möbel zu Spottpreisen im Internet an. Sie ließ sogar ausmalen, obwohl das rechtlich nicht mehr eingefordert werden konnte, teuer ausmalen, damit es nur keine Probleme gab. Die Schlüssel schickte sie per Post an die Hausverwaltung. Am Unfallabend hatte Bettina die Wohnungsschlüssel das erste Mal anstatt in der Handtasche in ihrer Hose, weil gerade an diesem Tag eine Kollegin erzählt hatte, das Teuerste bei ihrem letzten Taschendiebstahl wäre die Bestellung neuer Schlüssel gewesen; allein der Autoschlüssel mit Komfort-Zugang, jener Funktion, bei der man bloß die Türe in die Hand nimmt und schon ist aufgesperrt, allein dieser Schlüssel hätte ein Vermögen gekostet.

Doch sie glaubte nicht daran, dass Zufälle irgendeine Bedeutung hatten, obwohl sie sich eingestehen musste, dass mit dem Unfall ein paar Zufälle zu viel einhergingen. So hatte sie ihre Bankomatkarte kurz vor dem Theaterabend mit dem Magnetverschluss ihrer Tasche unbrauchbar gemacht. Das war deshalb ein Glück, weil sie so ein paar Tage später in der Post eine neue Karte hatte. Damit hob sie jeden Tag so viel Bargeld ab wie möglich. Besonders viel hatte sie dort zwar nicht, aber immerhin drei Montagsgehälter. Sie wollte nicht persönlich zur Bank gehen; schließlich war sie tödlich verunglückt.

Nach der Kündigung ging sie zum Friseur: Mit wesentlich kürzeren Haaren, die dunkel gefärbt waren, würden sie hoffentlich die wenigen Leute in Wien, mit denen sie zu tun hatte, nicht erkennen. Sie dachte sogar an eine Nasen-OP oder Ähnliches. Doch das wäre ein zu starker Eingriff gewesen und sie könnte es sich auch gar nicht leisten.

Als nächstes folgte der erste offizielle Schritt als Lisbeth Sandinitsch: ein neuer Reisepass, Personalausweis und Führerschein. Erst zur Polizei für die Vermisstenanzeige, dann zu einem Elektrohändler für die Fotos und von dort zu den Ämtern. Bettina fühlte sich wie eine Schwerverbrecherin, doch von einem Schritt zum nächsten gefiel ihr diese Rolle sogar. Sie wäre eine gute Betrügerin geworden. Als Juristin war sie nicht einmal sicher, ob es ein Verbrechen war, was sie da machte. Es gab vor allem keinen Geschädigten; Pensionsansprüche mussten sie beide in etwa gleicher Höhe angesammelt haben und bei ihren Bewerbungen gab sie keine Kenntnisse vor, die sie selbst nicht hatte. Im Gegenteil sogar, sie hatte ein Jahr mehr Berufserfahrung in Bilanzierung und Steuerrecht und ihr Englisch war nach dem einen Jahr Arbeiten in London vermutlich besser als Lisbeths.

Zuletzt ging Bettina zur Bank, um ihren, Lisbeths, Kontostand abzufragen und sich Zugang zu verschaffen. Außerdem wollte sie das Bargeld einzahlen, das sie die letzten Tage von ihrem alten Bankkonto abgehoben hatte, und eine neue Bankkarte samt neuem PIN beantragen. Alles verlief ohne unangenehme Fragen, die Bankangestellte wunderte sich nicht einmal darüber, dass Bettina neue Internet-Zugangs-Codes verlangte.

„Gerne, Frau Sandinitsch, wir würden Ihnen die neuen Daten an Ihre Privatadresse zustellen, wenn Ihnen das passt.“

„Sicher, das ist perfekt.“

***

Bewerbung

Diese dritte Bewerbung war für sie die wichtigste. Erst verstand sie nicht, weshalb Lisbeth sich bei einer Rechtsanwaltskanzlei beworben hatte. Ein Grund war wohl das gebotene Gehalt: Es war so hoch wie für die Positionen in Steuerberatungskanzleien, obwohl sie noch vier Jahre als Rechtsanwaltsanwärterin arbeiten hätte müssen und zwischendrin die Anwaltsprüfung abzulegen war. Doch so richtig verstanden hatte sie die Motivation erst nach einem Besuch der Kanzlei-Website und dem Lesen einiger Berichte im Internet über internationale Kanzleien. Alle Mitglieder des Steuerrechtsteams waren mehrere Jahre im Ausland gewesen, ihr Fokus lag auf der Beratung anglo-amerikanischer Klienten, die in Wien ihr Headquarter für Mitteleuropa aufschlugen oder in Österreich Unternehmen kauften. Außerdem schienen enge Beziehungen zu London und Frankfurt zu bestehen, die Namen der Klienten war eine Hitliste von DAX-Gesellschaften und Banken aus England und New York.

Beim Bewerbungsgespräch saß sie drei Leuten gegenüber, der Human-Resource-Dame, die Bettina bereits vom Telefon kannte, einer Anwältin, die gerade erst sechs Monate dabei war und davor zwei Jahre bei einer Bank in London gearbeitet hatte, und einem Partner, der ohne Krawatte im dunkelblauen Anzug und in weißem Hemd erschien. Von den dreien schien er der Jüngste zu sein.