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Die Vier ist ein Buch für Kinder von 7 bis 11 (und ihre Eltern und Großeltern), das die Abenteuer von vier Tieren erzählt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Luki, der fliegende Hund, Wappel, der bärenstarke Maulwurf, Luise, die schnelle Schnecke, und ein Löwe, der mal so und mal so heißt und mit dem es seine eigene Bewandtnis hat. Bis nach Afrika führt die Geschichte - und wieder zurück, wo sie dann ein glückliches Ende findet, weil Freunde einander helfen, auch wenn sie noch so verschieden sind.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kapitel: Die schnelle Luise
Kapitel: Der fliegende Hund
Kapitel: Der Löwe aus Stein
Kapitel: Nennt mich nicht Leo
Kapitel: Die Flucht
Kapitel: Der Löwe im Heu
Kapitel: Gefährlicher Besuch
Kapitel: Auf nach Afrika
Kapitel: Auf dem Flughafen
Kapitel: Eine Überraschung
Kapitel: Nelson
Kapitel: Nelson erzählt
Kapitel: Nelson erzählt weiter
Kapitel: Ein neues Zuhause
Kapitel: Doppeltes Pech oder: Unglück im Glück
Kapitel: Angriff ist die beste Verteidigung
Kapitel: Ein Sonntagsausflug
Es war ein angenehmer Morgen Anfang Juli. In der Nacht hatte es heftig geregnet; aber gegen Morgen hatte der Regen aufgehört und nun wehte nur noch eine leichte Brise von den Bergen in der Ferne her und die Sonne stieg an einem klaren blauen Himmel empor. Es würde wieder ein wundervoller Sommertag werden.
Luki stand am Tor des Bauernhofes und schaute auf die Weiden hinaus, auf denen nicht allzu weit weg etliche Kühe und Kälber grasten. Rechts konnte er in einem Tal in einiger Entfernung die ersten Häuser von Neuhausen erkennen; von links führte der breite Feldweg, der von der Straße heraufkam, an seinem Hof vorüber und verschwand nach ein paar hundert Metern in einem dichten Tannenwald.
Luki war ein fuchsroter Labrador, gerade mal drei Jahre alt.
Er war ungewöhnlich schlank und hochbeinig. Aber am auffälligsten war, dass sein Schwanz einen Knick hatte. So war er schon geboren worden und deshalb wollte ihn niemand kaufen. Darum hatte ihn der Bauer, bei dem er lebte, vom Züchter geschenkt bekommen. Er war sehr zufrieden mit seinem Leben auf dem Bauernhof, vor allem weil er alle Freiheiten des Landlebens genießen konnte, so weit ab von anderen Häusern und jedem Verkehr. Er konnte wählen, ob er im Haus oder draußen übernachtete; und wenn er wollte, konnte er spazieren gehen, die Gegend erkunden und den Hasen nachjagen. Große Verpflichtungen wie Hüten oder Aufpassen hatte er auch nicht: er musste nur da sein und lieb sein. Und das war er ja auch.
Der Bauer bewohnte das große Haus allein; nur hin und wieder kam eine Frau vorbei und half ihm bei seiner Arbeit. Aber meistens war Luki seine einzige Gesellschaft außer einigen Freunden und Bekannten, die ihn gelegentlich besuchten.
Plötzlich sauste etwas an ihm vorbei, etwas Kleines, Rundes, so schnell, dass er es gerade noch aus dem Augenwinkel bemerkte. Er schüttelte den Kopf und schnüffelte auf dem Boden, konnte aber nichts Besonderes riechen. Er drehte sich um und wollte gerade wieder in den Hof zurückgehen, als wieder etwas Kleines, Rundes an ihm vorbeizischte, diesmal von der anderen Seite. Er wandte sich wieder dem Weg zu und setzte sich auf seine Hinterpfoten. Das interessierte ihn schon, was da so schnell an ihm vorbeisauste. Vielleicht würde es ja wiederkommen. Und vielleicht war es sogar essbar. Luki war nämlich nicht nur neugierig, sondern auch sehr verfressen. Er sah das natürlich anders: man gab ihm nicht genug zu essen, und so blieb er ständig hungrig.
Da sah er wieder dieses kleine runde Etwas auf sich zu kommen. Er streckte aufs Geratewohl seine linke Pfote ein wenig aus, und tatsächlich klatschte etwas dagegen. Es fühlte sich feucht an, schien aber nicht sehr hart zu sein. “Pass doch auf, wo du hinlangst“, hörte er eine Stimme von unten und als er hinabschaute, sah er eine Schnecke auf dem Boden. Sie lag auf der Seite und versuchte, sich wiederaufzurichten.
Luki ärgerte sich erst einmal, denn Schnecken standen nicht auf seinem Speiseplan. Da schmeckten ja selbst die Kuhfladen auf der Weide viel besser.
„Die warten doch alle auf die Petersilie zum Pilzessen“, schimpfte die Schnecke weiter, die sich endlich wieder geradegerichtet hatte und ihre beiden Fühler ausfuhr. Jetzt sah Luki, dass neben der Schnecke ein Bündel Petersilie lag. „Du Tollpatsch! Könntest du wenigstens so gut sein, und mir das Bündel auf den Rücken legen?“ forderte sie ihn auf. Luki nahm das Grünzeug ganz vorsichtig mit seinen Lippen vom Boden auf und legte es behutsam auf die Schnecke. „Das fällt nicht runter“, sagte sie, „das klebt dort fest. Es sei denn, ein Trottel wie du kommt mir in die Quere.“ Luki überhörte geflissentlich den Vorwurf.
Stattdessen fragte er: „Wer wartet wo auf dich?“ – „Die anderen Schnecken. Dort im Wald am Rande der Lichtung.
Nach dem Regen schießen die Pilze nur so aus dem Boden.
Und ich hatte versprochen, ein wenig Würze mitzubringen.
Und dann hab ich’s vergessen. Deswegen musste ich noch mal zurück.“
„Dann bist du vorhin schon zweimal an mir vorbeigerannt?“ fragte Luki. Die Schnecke bog einen ihrer Fühler nach unten, was so viel wie „Ja“ bedeuten sollte.
Luki schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich denke, ihr Schnecken seid die langsamsten Geschöpfe hier im Wald“, sagte er.
„Die anderen schon“, sagte die Schnecke. „Aber ich bin die Ausnahme. Die schnelle Luise. So heiße ich nämlich.“
Luki schaute sie immer noch ziemlich fassungslos an.
„Geburtsfehler“, erklärte Luise. „Ich kann nicht schleichen.
Ich muss rasen. Es geht nicht anders.“
„Du Arme“, sagte Luki. „Ach, lass nur“, meinte Luise. „Das hat auch seine guten Seiten. Bis jetzt hat mich noch niemand gefressen, weil ich immer zu schnell gewesen bin.“ Sie schwieg einen Moment. Dann fuhr sie fort: „Aber niemand ist perfekt.“
Dabei schaute sie auf den Knick in Lukis Schwanz. Der lief ganz rot an, das sah man aber nicht, weil er sowieso ein rotes Fell hatte. „Der ist so abgeknickt seit meiner Geburt“, sagte Luki. Und weil ihm das Ganze peinlich war und er sich schon den ganzen Morgen gelangweilt hatte, fragte er schnell: „Kann ich mitkommen zu eurem Essen?“ „So schnell kannst du gar nicht laufen“, antwortete Luise. „Dann setzt du dich eben auf meinen Rücken und wir gehen zusammen dorthin. Ich kenne die Lichtung. So weit ist es ja nicht. In einer Viertelstunde sind wir da“, schlug Luki vor. „Na, meinetwegen“, stimmte Luise zu.
Luki nahm sie vorsichtig mit seinen Lefzen vom Boden auf und setzte sie sich auf den Rücken. Dann trabte er los. Luise erzählte ihm derweilen, wie schwierig es sei, eine schnelle Schnecke zu sein. Zwar hätten sich die meisten Artgenossen an sie gewöhnt, aber es gäbe immer noch einige, die nichts mit ihr zu tun haben wollten: Schnecken hätten gefälligst langsam zu sein. Dabei sei es manchmal ganz nützlich, so flink zu sein: sie könnte die anderen warnen, wenn die Waldarbeiter mit ihren schweren Maschinen kämen, oder ihnen Regen ankündigen, wenn der noch kilometerweit entfernt war. Und sie selber konnte natürlich schnell wegrennen, wenn Gefahr drohte.
„Wahrscheinlich sind die anderen nur neidisch“, gab Luki zu bedenken. „Sie wären gerne so wie du, aber das können sie nicht zugeben.“ Dabei musste er an seine sieben Geschwister denken, die ihn auch ständig gehänselt hatten wegen seines geknickten Schwanzes. Wenn sie nur wüssten … Und beinahe hätte er Luise sein Geheimnis verraten, aber da waren sie auch schon auf der Lichtung angekommen.
Bevor Luki die erste Schnecke sah, hörte er bereits ein leises, vielstimmiges Geschmatze aus allen Richtungen. Und dann sah er: überall, wo über Nacht die Steinpilze, Stockschwämmchen und Röhrlinge aus dem Boden geschossen waren, saßen große und kleine Schnecken, mit und ohne Haus, und knabberten an den Pilzen herum. „Ich wusste gar nicht, dass man Pilze essen kann“, sagte er ganz interessiert. Da war er wieder, sein großer Hunger! „Da musst du aufpassen“, sagte Luise und sprang von seinem Rücken auf den weichen Waldboden. „Da sind einige dabei, die sind ganz giftig. Die würdest du gar nicht vertragen.
Uns Schnecken machen die nichts aus. So was bringt uns nicht um. Aber bei dir ist das was ganz anderes.“ Sie schaute sich um. „Du wartest jetzt hier, während ich schnell rumgehe und die Petersilie verteile. Wenn ich zurückkomme, zeige ich dir ein paar Pilze, die du essen kannst.“ Schon war sie weg. Und Luki ließ sich auf einem Grasfleck nieder und schloss die Augen in der warmen Sonne.
So lag er einige Zeit und war wohl auch eingeschlafen, denn er erwachte mit einem Niesen: vor ihm stand Luise und kitzelte seine Nase mit einer Tannennadel. „Wach auf, du Schlafmütze“, sagte sie. „Wenn du mal probieren willst, wie lecker Pilze schmecken, dann musst du mitkommen.“
Sie sauste ein paar Meter weiter weg, und als Luki ihr gefolgt war, deutete sie auf einige unscheinbare gelbe Knubbel hin, die sich nur wenige Zentimeter aus dem Boden emporreckten.
„Das sind Pfifferlinge“, erklärte Luise, „die sind besonders lecker.“ Sie biss herzhaft in einen hinein, und Luki konnte an ihrem Schmatzen erkennen, wie sehr ihr die Pilze schmeckten.
Und als er selber mit seinem großen Maul einen ordentlichen Happen genommen hatte, musste er Luise zustimmen.
Die schaute ihn etwas vorwurfsvoll an: „Sei nicht so gierig.
Du musst den anderen auch etwas übriglassen.“ Dabei meinte sie mit „den anderen“ natürlich sich selber, aber Luki merkte schon, dass ein paar benachbarte Schnecken ihn ebenfalls misstrauisch beäugten.
„Keine Angst“, rief Luise zu ihnen hinüber. „Er mag keine Schnecken.“ Dann bemerkte sie ihren Fehler und korrigierte sich: „Also er mag Schnecken schon. Aber er isst keine Schnecken.“ Sie hatte kaum ausgeredet, da ertönte einige Meter weiter links ein Schrei: „Iiii!!! Ein Maulwurf!!! Hilfe!!“
Sofort stellte Luki seine Lauscher auf; dann schluckte er schnell noch einen leckeren Bissen von einem Steinpilz herunter, bevor er Luise folgte, die bereits in die Richtung gedüst war, aus der der Schrei gekommen war. Als Luki ankam, sah er eine ganze Reihe von aufgeregten Schnecken, die so schnell sie konnten vor einem pelzigen schwarzen kleinen Maulwurf davonkrochen.
Auch Luise hatte sich hinter einer Krausen Glucke versteckt, obwohl sie nun wirklich keine Angst haben musste, denn sie war ja hundertmal schneller als ein Maulwurf; und das wusste Luki jetzt. Aber er wollte die anderen Schnecken beschützen und so stellte er sich vor ihm auf und fragte: „Warum störst du die armen Schnecken?“ Er stupste ihn mit seiner linken Vorderpfote an, um ihn davon zu rollen, der Maulwurf aber rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Ganz im Gegenteil: mit einer seiner kurzen schaufelartigen Pfoten schlug er Luki so fest auf dessen Krallen, dass dieser vor Schmerz seinen Fuß zurückzog. Dann sagte er mit einer unerwartet tiefen Stimme: „Erstens esse ich keine Schnecken: ich bin nämlich Vegetarier. Und zweitens gibt es hier genug Pilze für uns alle!“ Und während Luki seine schmerzende Vorderpfote leckte, setzte der Maulwurf noch hinzu: „Und drittens: wer mir zu nahe kommt, der wird schon merken, wer der Stärkere ist!“
Damit ballte er eine seiner Pfoten, während er begann, sich langsam auf einen Fliegenpilz hin zu schieben. Er fing laut schmatzend an, den weißen Stiel in sich hinein zu knabbern, als Luki ihn fragte: „Was machst du eigentlich hier auf dem Boden? Du gehörst doch unter die Erde!“ „Erstens geht dich das nichts an!“ antwortete der Maulwurf sichtlich verlegen.
„Zweitens stört man Maulwürfe nicht beim beim Essen! Und drittens ist es unhöflich, Fragen zu stellen ohne sich vorgestellt zu haben!“ Mittlerweile hatten die anderen Schnecken sich beruhigt und auch wieder mit dem Pilzessen angefangen; und auch Luise hatte sich neben Luki hingesetzt und sagte: „Da hat er recht! Also: ich bin Luise, die schnelle Schnecke! Und das ist Luki. Er lebt da unten auf dem Bauernhof.“ Und dabei deutete sie mit einem ihrer Fühler in die Richtung, wo Luki wohnte.
„Also“, sagte der Maulwurf und hielt einen Moment mit dem Essen ein: „Erstens: ich heiße Wappel. Zweitens: ich bin der stärkste Maulwurf auf der Erde. Und drittens: Die Betonung liegt auf „AUF“ der Erde! Ich buddele keine Gänge durch den Boden, ich werfe keine Erdhügel auf.“ „Und warum nicht, wenn ich fragen darf? Alle Maulwürfe graben sich durch das Leben!“ sagte Luise. Wieder wurde der Maulwurf etwas verlegen:
„Erstens ist das wirklich meine Sache. Zweitens habe ich gesehen, dass du verdammt schnell bist. Und das ist drittens auch gegen die Natur der Schnecken.“ Damit wandte sich Wappel wieder seinem Fliegenpilz zu. „Hast du eigentlich auch etwas Besonderes?“ fragte er dann Luki, wobei er weiterkaute.
„Also: erstens spricht man nicht mit vollem Mund“, antwortete Luki, „zweitens habe ich etwas ganz Besonderes. Und drittens weiß ich nicht, ob ich euch das sagen soll.“ Luise musste so lachen, dass ihr Gehäuse wackelte: „Er kann sehr gut nachmachen, wie du redest. Sprichst du immer so gelehrt mit erstens und zweitens und drittens?“
„Das hilft beim Nachdenken: erstens überlegt man sich, was man sagt. Zweitens spricht man nicht zu viel. Und drittens sollte man sich sowieso immer genügend Zeit lassen für ein gutes Gespräch“, sagte Wappel selbstbewusst. „Aber gut: wenn ihr es unbedingt wissen wollt: erstens finde ich es schöner auf der Erde als unter der Erde. Immer in diesen dunklen engen Gängen, nein, das gefällt mir nicht. Zweitens ist es hier oben immer hell und die Luft ist besser. Und drittens mag ich keine Regenwürmer. Das hier schmeckt viel besser.“ Damit verdrückte er auch den letzten Bissen des Fliegenpilzes und fuhr sich genüsslich mit der Zunge über seine Lippen. Ach, so ein Essen, das gibt Kräfte“, sagte er und stupste mit seiner Nase an einen Stein, der viermal so groß war wie er und der gleich mehrere Meter weit weg flog. Dann wandte er sich wieder an Luki:
„Meine Frage hast du immer noch nicht beantwortet! Hast du auch etwas Besonderes?“ „Ich muss jetzt nach Hause“, antwortete der nur. „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.“ Er musste grinsen, denn die beiden würden gleich erfahren, dass auch er kein gewöhnlicher Hund war. Er ging ein paar Schritte zur Seite.
