Die Vierpfotengang - Ryan Garcia - E-Book
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Die Vierpfotengang E-Book

Ryan Garcia

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Beschreibung

Nachdem Mogli, der Anführer einer halbwilden Katzenfamilie, plötzlich verschwunden ist muss Balou seinen Platz einnehmen. Balou, wie Mogli ein Sprachwandler, sucht sich auch Ryan als seinen Menschen aus, der sich um ihn kümmern muss. Balou, wortkarg, aber einem gewissen Druck ausgesetzt, muss sich damit abfinden, dass er die Hilfe der Menschen vom Viertel braucht. Die Bewohner des Viertels lernen die Vierpfotengang zu lieben und erleben so allerhand mit den Miezen. Mogli, der nicht verschwand, sondern entführt wurde befindet sich auf dem Rückweg in die Heimat und erlebt ein Abenteuer nach dem anderen.

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ryan Garcia

Die Vierpfotengang

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Kennenlernen

Einblicke ins Katzenleben

Nachrichten von Mogli

Flucht aus dem goldenen Käfig

Zeichen von Tenerife

Das Viertel wird erobert

Die Reise beginnt

Was habe ich richtig gemacht?

Der weite Weg

Katzenleben

Veränderungen

Gerüche der Heimat

Schicksalstadt Cádiz

Neue Zeiten

Die Zielgerade

Impressum neobooks

Das Kennenlernen

Die Vierpfotengang

Ich saß auf meiner Terrasse und auf einmal hörte ich eine Stimme, deren Klang mich an einen alten Freund erinnerte. Ich schaute mich um, doch ich sah nichts. Dann wieder, „hallo du, ich habe Hunger, gib mir was zum Essen.“ Ich sah mich noch mal um, nichts. Ja so fängt es an. Dann wieder, „he du, was ist so schwer daran zu verstehen, dass ich Hunger habe? Ein Onkel von mir hat erzählt, dass er früher mal bei dir gewohnt hat und die Verpflegung gut und reichlich war.“ „OK und du bist eine fleischfressende Pflanze oder was?“ „Nein, ich bin inkognito unterwegs, weil es hier nur so von ganz, ganz schlimmen Katzen wimmelt, Schläger und Herumtreiber.“ Ich sah zwar immer noch nichts, war mir aber ganz sicher, dass ich ein Déjà-vu hatte. So fing das damals mit Mogli auch an und von der Stimme her, das Miauen, verblüffend ähnlich. Aber wo versteckt sich die Mieze? „Du bist also inkognito unterwegs?“ „Ja, also praktisch unsichtbar, ähm gut getarnt meine ich.“ Angestrengt schaute ich zwischen die Blumentöpfe und sah einen tief schwarzen Schatten, der bei näherem Hinschauen, die Konturen einer dunkelfarbigen Katze annahm. „So, unsichtbare Inkognitokatze, ich kann dich sehen, auch wenn ich zugeben muss, dass du wirklich gut getarnt bist.“ „Ähm, du siehst mich nur, weil ich will, dass du mich siehst, sonst würdest du nur einen dunklen Schatten sehen.“ Wie Mogli schoss es mir durch den Kopf. „Okay, du bist wirklich gut getarnt.“ „Kannst du mir jetzt was zum Essen holen?“ „Ich habe aber nur Essen für Menschen hier, ich war auf Besuch nicht eingerichtet.“ „Na ja, das wird auch gehen, mein Onkel Mogli hat früher schon erzählt, dass er dich nicht perfekt erziehen konnte, du hättest dich immer gewehrt, zu viel Eigenleben, nicht kätzisch genug!“ Während ich ein Würstchen klein schnitt, ließ ich mir den letzten Satz der Miezekatze noch mal auf der Zunge zergehen – ich bin nicht perfekt erzogen, die Mieze kennt Mogli tatsächlich, das war seine Sprache.

Mogli habe ich auch auf eine etwas andere Art als normal kennengelernt. Eines Abends sah ich eine Mieze, die den Eindruck auf mich machte, als würde sie meine Terrasse mustern. Vorsichtig fragte ich: „Und wer bist du denn?“

Mich hat es schier umgehauen, als ich das Miauen verstand. „Ich heiße Mogli und bin auf der Suche …“ OK, ich bin jetzt also der Katzenversteher, na ja, warum nicht, es gibt Pferdeflüsterer, der mit dem Wolf tanzt und jetzt noch mich den Katzenversteher. Mogli war inzwischen durch die Terrassentür in meine Wohnung gehüpft und schaute sich neugierig um. „Also, ich werde ein paar Tage bei dir wohnen. Ich bin oft unterwegs, vor allem nachts und wenn ich heim komme habe ich Hunger, das heißt du musst mich füttern. Hast du alles verstanden?“ Ich war überrascht, dass er mich fragte, obwohl von ihm schon alles beschlossen war. „Im Großen und Ganzen schon, ich wiederhole nur, um ganz sicher zu sein: also du ziehst hier ein und ich darf bleiben und für dich sorgen.“ „Ja genau so, geht doch“, miaute Mogli trocken und schaute mir tief in die Augen.

„Also das Würstchen war nicht schlecht, na ja ein paar Sachen, die ihr Menschen esst, kann man als Katze auch essen. Aber das nächste Mal möchte ich was Richtiges zum Essen haben, am liebsten mit Fisch. Kann ich jetzt noch was zum Trinken haben“, fragte die Inkognitomieze? Ich ging noch mal in die Küche und machte der Mieze Dosenmilch mit Wasser und stellte ihr die Schüssel hin. Sie kam nie ganz aus ihrer Deckung heraus, Teile von ihr waren so wirklich wie unsichtbar. „Sag mal, du kennst Mogli? Du hast gesagt, dass er dein Onkel ist, also seid ihr aus der gleichen Familie? Und er hat dir Dinge über mich erzählt?“ Meine Neugierde war schon entsprechend groß und mit Spannung wartete ich darauf, was mir die Mieze erzählen würde. „Nicht so viele Fragen auf einmal, darauf antworte ich dir später. Also, wie sieht es aus, ich komme zweimal am Tag bei dir vorbei und du gibst mir zu essen und zu trinken?“ „Ach du willst gar nicht bei mir einziehen und mich zu deinem Haustier machen“, fragte ich ein wenig erleichtert, „ich soll nur für dich sorgen?“ „Ja genau, ich will mir keinen Menschen halten, das ist zu aufwendig und erfordert zu viel Zeit und die habe ich nicht.“ Glück gehabt, also keine feindliche Übernahme durch die Mieze, nur füttern. Da war Mogli schon anders. Er wurde ziemlich schnell ein Teil meines Lebens oder wie die Mieze sagen würde, ich ein Teil ihres Lebens. „Gut, ich gehe jetzt wieder, ich schaue dann gegen Abend noch mal vorbei, solange kannst Du schon mal was Anständiges zum Essen besorgen, wie gesagt am liebsten was mit Fisch.“ „Jawohl, hast du sonst noch irgendwelche Wünsche und wie heißt du denn eigentlich?“ „Ich heiße Balou.“ „Ach, Balou der Bär“, fragte ich? „Nein Balou der Unsichtbare unter den Katzen.“ „Warum bist du denn so darauf aus, dass dich keiner sieht?“ „Weil ich keine Schwierigkeiten will und das meiner Ausbildung entspricht.“ „Ausbildung“, fragte ich erstaunt? „Ja, ich habe die Ausbildung im Nichtdasein, egal wo ich bin.“ „Kann es sein Balou, dass du nur feige bist und Angst vor den anderen Katzen hast?“ „Ich habe keine Angst, aber in dieser Gegend ist fast nur Gesindel unterwegs und verwöhnte Hauskatzen, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind.“ „Und was machst du dann hier, wenn es so schlimm ist?“ „Meine Ausbildung im Nichtdasein!“ Ich merkte, dass die Unterhaltungen mit Balou recht zäh werden könnten. Balou hatte das Weite gesucht, auf jeden Fall hörte ich ihn nicht mehr, sehen konnte man ihn ja nicht, schenkte man ihm Glauben; er sah sich selber denke ich als Schatten. Mir kam immer wieder der Gedanke, dass Balou einen an der Waffel hat, aber zu der Sorte Wesen gehört, die das von ihrem Umfeld dachten. Und er war sehr verhalten im etwas von sich aus preiszugeben. Ich hatte ihm klare Fragen zu Mogli gestellt, die er später beantworten wollte, doch dann blendete Balou das Thema aus. Wiederum glichen sich die zwei Katzen hier, wie ein Ei dem anderen. Mogli erzählte auch nichts von sich, er kommentierte nur mein Tun und fragte mir Löcher in den Bauch. „Wir haben jetzt Sommer, die Temperatur liegt bei knapp 30 C und du legst dir einen bunten Strick um den Hals und ziehst ihn zu, ist das intelligent? Ich mein ja nur so.“ Das war ein typischer Kommentar von Mogli, nachdem er mir ein paar Mal beim Krawattenbinden zugesehen hatte. So, die Katze ist aus dem Haus und der Mensch hat die Rennerei. Fisch will er also haben. Bin ich doof oder hat mich die Mieze schon nach ihrem ersten Besuch dressiert. Gut, Balou hat behauptet, dass er mit Mogli verwandt sei und mich würde schon interessieren, wo Mogli abgeblieben ist, schließlich hat er über ein Jahr bei mir gelebt; oder soll ich lieber sagen ich musste nicht ausziehen, als er sich entschlossen hat bei mir einzuziehen. Man muss auch Mal Glück haben. Balou wollte also nicht mit mir wohnen, er brauchte nur eine sichere Futterstelle. Warum nicht, dachte ich und ging sein Essen besorgen. Danach machte ich es mir auf der Terrasse bequem und vertiefte mich in die Tageszeitung. „Hast du an mein Essen gedacht?“ Ich fühlte einen Stich in der Brust, sprang auf, der Stuhl schepperte über die Terrasse, mein Puls sortierte sich bei 200 ein, so habe ich mich erschrocken. „Mieze, kannst du deinen Inkognito Modus bei mir sein lassen, für solche Spielchen bin ich zu alt?“ Wiederum sah ich nicht einmal einen Schatten, Balou war wirklich unsichtbar. „Hier bin ich“, hörte ich seine Stimme und sah ein grünes Auge zwischen zwei Pflanzenblättern herausblitzen. „Ich habe Hunger“, schnurrte er mir entgegen. Die Schüssel mit dem Futter stellte ich auf den Boden, die Mieze roch daran und warf mir einen starren Blick zu. „Hast du schon mal einen Fisch mit vier Füssen, oder ein Rind mit Flossen gesehen?“ „Nein“, antwortete ich ein bisschen verdutzt. „Und warum stellst du mir dann Rind zum Essen hin, kannst du nicht lesen?“ „Du kannst lesen“, fragte ich erstaunt? „Nein lesen kann ich nicht, aber riechen, schmecken und sehen. Und ich rieche, schmecke und sehe, dass das hier kein Fisch ist. Außerdem ist das Lesen deine Begabung, nicht meine. Ich sage dir, was ich möchte und wann ich komme, also leichter kann ich es dir nicht machen.“ Trotzdem fing die Mieze an zu fressen, schaute dann zu mir hoch und meinte mitleidig:

„Na ja, ich will am Anfang nicht zu streng mit dir sein.“

Da hatte ich unheimliches Glück, dass Balou so geduldig mit mir war, nachdem ich so einen Bock geschossen hatte. Ich kaufte drei Dosen und die vordere war Fisch, Forelle und Lachs, ich dachte die ganze Reihe wäre Fisch, doch das war offensichtlich nichts so. Aber es ist sicher, dass ich beim nächsten Füttern punkten werde, wenigstens eine Dose Fisch ist im Haus. Balou machte nicht den Eindruck, dass er kein Rind mag, er lag gerade in den letzten Zügen die Schüssel zu leeren. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, schließlich wollte ich ihm noch Fragen zum Thema Mogli stellen. Genüsslich leckte die Mieze sich die Schnauze und schaute mir tief in die Augen: „Hast du vergessen, dass ich nach dem Essen was zum Trinken brauche? Das gleiche wie gestern, aber weniger Wasser, sonst schmeckt das nicht, wie es schmecken soll.“ Sofort machte ich mich auf den Weg in die Küche und dachte, ein Kind würde spätestens jetzt Probleme bekommen, warum lass ich mir das von der Katze gefallen. Ich ging in die Knie und stellte die Schüssel auf den

Boden, blieb aber knien. „Kannst du einen Schritt zurückgehen, das wird mir sonst zu eng?“ Stur blieb Balou zwischen den Pflanzen sitzen bis ich aufstand und mich wieder hinsetzte. Er machte sich über die Katzenmilch her und ich konnte sehen, dass er, wie jede Katze diese Milch liebte. Gestern gab ich ihm Dosenmilch mit Wasser, aber das hat er ja schon bemängelt. Wieder strich seine Zunge mit Genuss um seine Schnauze. Er hob den Kopf und wollte gerade etwas von sich geben, doch ich kam ihm um Millisekunden zuvor: „Sag mal Balou, du kennst Mogli, wie geht’s ihm und vor allem wo ist er?“ „Findest du nicht, dass du ganz schön neugierig bist und zu viel fragst? Ich muss jetzt gehen und komme heute Abend wieder vorbei und nicht vergessen, Fisch“, er hüpfte durch die Pflanzen und war weg. Na ja, an der Kommunikation müssten wir noch ein wenig arbeiten, er ist nicht nur unsichtbar, sondern auch noch nonverbal unterwegs, zumindest wenn es um Fragen geht. Die Uhr zeigte 17.30 Uhr an, langsam müsste die Mieze doch auftauchen. Gut, Abend ist auch ein dehnbarer Zeitraum. Ich hatte die zwei Schüsseln für Essen und Trinken nahe der kleinen Blumenbank platziert, leer; ich wollte endlich etwas über Mogli in Erfahrung bringen. Plötzlich war ich mir sicher einen Schatten zu sehen, der da nicht hingehört. „Hallo Balou, sitzt du schon zwischen den Pflanzen und machst einen auf Nichtdaseinkatze?“ „Nein, ich übe noch den Unsichtbaren“, antwortete er, doch seine Stimme kam aus einer ganz anderen Richtung. Er stand direkt hinter mir und lief langsam auf die Schüsseln zu, die er ungläubig betrachtet, um mir dann sein gesamtes Unverständnis in einem Blick zuzuwerfen. „Du kannst die Schüsseln jetzt voll machen“, sagte er fast schockiert darüber, dass ich mir so etwas erlaube. „Nein Balou zuerst möchte ich was über Mogli erfahren“, antwortete ich ihm lapidar. „Du willst mich unter Druck setzen, Menschlein, tu das nicht, das wäre für unser Verhältnis sehr, sehr störend!“ „Ja, weil die Mieze dann Mäuse zu jagen hätte und so vielleicht kooperativer sein müsste.“ „Noch kooperativer wie ich es bin, ich sage dir, was ich möchte und wann ich komme, also du kannst dich wirklich nicht beschweren und Mäuse jagen kommt mir gar nicht in den Sinn, solange es Menschen gibt, also geh jetzt in die Küche und hol mein Essen und Trinken und ich will noch einmal darüber hinwegsehen.“ Einen Moment war ich mir nicht sicher, was ich tun sollte, die Ignoranz von Balou war auf der einen Seite cool, aber ich wollte doch nicht, dass er es so einfach bei mir hatte. „Ich denke Balou, du solltest mal über Nacht darüber nachdenken, ob ein Platz, wo man leckeres Essen und Trinken bekommt nicht ein paar Antworten wert ist.“ Ich ging in die Wohnung, machte die Terrassentür zu und sah eine Mieze, die über mein Verhalten sichtlich geschockt war und dann mit zwei Sprüngen aus meinem Sichtfeld entschwand. Ich war gespannt auf den nächsten Abend.

Erster Abend. Früh genug schlenzte ich mich in meinen Gartenstuhl und beobachtet mit Spannung meine Topfpflanzen, vor allem alle Zwischenräume und Möglichkeiten, wo sich die Mieze verstecken konnte. Ich wollte mir die Peinlichkeit ersparen, dass ich sie vor mir vermutete und sie aus meinem Rücken heraus spazierte. Nein Mieze, heute ist nicht dein Tag, heute werde ich dich entdecken, egal wie nichtdadubist. Eigentlich tat sie mir leid, auf einen so harten Brocken wie mich getroffen zu sein. Aber Katzen musste man früh genug zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Was hat er zu meiner Wohngegend noch mal gesagt? Es seien fast nur Gesindel und verwöhnte Hauskatzen unterwegs. Gut hier auf Tenerife gibt es noch vereinzelt wilde Katzen, die in Barrancos, das sind tiefe trockene Flussbetten, die nur bei Starkregen Wasser führen, vorkommen. Mein Haus steht am Rand eines Barrancos und da gibt es einen Kater, der aussieht, als hätte er in seinem Leben viel gerauft. Er macht einen zerzausten Eindruck und hat böse Narben am Kopf. Ein scheuer, immer übel aufgelegter Geselle, dem man ganz sicher nicht bei Nacht begegnen möchte. Er jagt die von Balou als „verwöhnte Hauskatzen“ bezeichneten Miezen und unter einem Gejohle, als ob Kinder schreien, verhaut er sie. Er duldet niemanden in seinem Revier. Es gab selten eine Nacht, in der man nichts hörte. Das Leben der Hauskatzen war aus diesem Grund sehr verhalten, selten trauten sie sich weit von ihren Herrchen und Frauchen weg. Die meisten trugen Halsbänder mit Glöckchen, wenn die Schläge kassierten hörte es sich an, als flogen Glöckchen durch den Garten, mit dem entsprechenden Geschrei unterlegt. Wenn ich mir vorstelle, dass an den fliegenden Glöckchen noch Katzen hingen, machte der ganze Geräuschpegel einen Sinn. War es das, was Balou an den verwöhnten Hauskatzen bemängelte, dass sie immer Schläge kassieren und dann tagelang verängstigt nicht mehr aus der Wohnung gehen und sich jede Sekunde schon fast manisch umdrehten und angstvoll auf alle Seiten schauten, verhaltensgestört halt. Die Zeit war vorgerückt und ich zog mich in meine Wohnung zurück. Die Mieze wollte mich also abstrafen.

Zweiter Abend. Schon krass, Balou machte einen auf beleidigt, aber heute kommt er sicher, der wird bestimmt einen Mordshunger haben. Vorsichtshalber hatte ich ihm eine Schüssel mit Lachs und Forelle und eine andere mit Katzenmilch hingestellt, ich wollte ihn nach dem Tiefschlag von vorgestern nicht noch mal schockieren, so eine Katze ist eben auch nur ein Tier. Eigentlich war er schon ein Lieber, halt ein bisschen egoistisch, aber das ist ja bekanntlich der erste Charakterzug des Katzentieres. Wenn Balou nur ein wenig umgänglicher und auskunftsfreudiger wäre, aber die Mieze ist wirklich die Inkognitokatze, obwohl ich so viele Fragen hätte. Er ist schon interessant, hat eine Ausbildung und beherrscht es wirklich sich als lebendiger Schatten unsichtbar zu machen. So viele Fragen quälten meinen Kopf, aber wie konnte ich die Mieze davon überzeugen mit mir zu sprechen. Also mit Futterentzug schien es anscheinend nicht zu funktionieren. Noch immer kein Anzeichen von Balou. War ich zu streng, erwartete ich zu viel? Ich muss zugeben die Mieze hat mein Herz im Sturm erobert, obwohl Balou schon sehr gewöhnungsbedürftig daherkommt. Mogli war geselliger, klar für ihn war ich teilweise auch nur der persönliche Dosenöffner, doch das hat er trickreich kaschiert. Es gab ganz wenige Szenen, wo er ohne Tarnung seine von ihm eingenommene Stellung verraten hat. Zur Zeit der Siesta habe ich mir angewöhnt mich auf dem Sofa ein wenig auszuruhen, Mogli auch. Er lag am Fußende und ich durfte den Rest des Sofas benutzen. Wenn ich ihn dann aus Versehen mit meinen Füßen berührt habe, griff er meine Zehen an, linke Tatze, rechte Tatze, aber natürlich mit Krallen, dann biss er zu und knurrte, dass es schon unheimlich war und verließ das Sofa. Er kämpfte gegen meine Füße, nicht gegen mich, meine Füße waren in dem Moment kein Teil von mir. Nur wenige Minuten später als sei nichts gewesen, strich er mir wieder um die Füße um zu signalisieren, dass seine Schüssel schon viel zu lange leer dastand. Nach wenigen Attacken saß ich nur noch auf dem Sofa, um ja nichts zu riskieren. Dann war die Katze zufrieden und schnurrte vor sich hin. Balou ist wieder nicht gekommen, der wollte mir demonstrativ zeigen, dass er mich nicht braucht und ich froh sein kann, wenn er zur mir zum Essen kommt. Echt Katze.

Dritter Abend. Langsam machte ich mir ernsthafte Sorgen. Was war los mit Balou, wo war die Mieze abgeblieben? Vielleicht hat er sich einen anderen Ernährer ausgesucht, einen etwas Unkomplizierteren als mich, einen, der keine Fragen stellte und ihm leere Schüsseln hinstellte und ihn dann hungrig stehen ließ. Ich hatte alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Ich hätte mir als Katze auch den Laufpass gegeben. Über mein schlechtes Verhalten gegenüber Balou den Tränen nahe, merkte ich, wie in mir Schwüre aufstiegen, sollte Balou noch einmal kommen. Ich wollte auf sein sensibles Wesen eingehen und mich gut um ihn kümmern. Traurig saß ich da und stürzte in üble Selbstvorwürfe ab, wie man nur so schlecht zu einer Mieze sein konnte. Meine Laune wurde immer dramatischer und ich fühlte mich, als ob mein Leben keinen Wert mehr hätte. „Na hast du ein schlechtes Gewissen und bereust, wie gemein du zu mir warst?“ Jetzt hörte ich schon seine Stimme, die mir Vorwürfe machte. „Wenn du mir jetzt mein Essen hinstellst, könnte ich über das hinwegsehen.“

Eine Stimme die etwas zum Essen möchte. Ich öffnete meine Augen und da saß Balou vor mir und musterte mich mit großen Augen.

„Balou, du bist ja tatsächlich hier.“

Seine Augen durchdrangen mich förmlich, er hob den Kopf und sagte:

„Ja, könnte ich jetzt mein Essen haben, ich habe Hunger?“

Wie von der Tarantel gestochen flitzte ich in die Küche und holte eine Dose Katzenfutter aus dem Schrank, nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass es auch Fisch war, Forelle und Lachs. Ich füllte ihm seine Schüssel mit einer großen Ration seines Lieblingsessens und goss beschwingt Katzenmilch in die andere Schüssel. Auf der Terrasse stellte ich es ihm hin und setzte mich sofort auf den Stuhl, um ihm zu signalisieren, dass ich im Begriff war, alles so zu machen, wie er es wollte. Nur nicht mehr erschrecken. Ich sah ihm zu, wie er sich genüsslich mit seinem Futter beschäftigte und dann über die Milch herfiel, als wenn es das letzte Mal wäre, dass er etwas bekommt. Schon wieder meldete sich mein Gewissen, nur wegen meiner absurden Gedanken.

„Siehst du, es ist doch gar nicht schwer, mach einfach was ich sage, dann geht es uns beiden gut“, meinte Balou nachdem er sich ausgiebig geputzt hatte, „das ist doch leicht zu verstehen.“

Ich wollte was sagen, aber mein Gewissen verbot mir jede Äußerung.

„Ich komme dann morgen wieder und da hätte ich gerne Huhn“, sagte er und war weg.

Wenn der jetzt die Angebotspalette der Katzenfutterhersteller durchprobiert, brauche ich einen neuen Küchenschrank, aber was soll´s. Morgen habe ich frei, dann habe ich Zeit die gewünschten Dosen zu kaufen. Die Mieze ging mit keinem Wort auf die drei Tage ohne Fressen ein, das hat sie einfach weggesteckt. Darüber konnte ich nur froh sein. Ich habe mir vorgenommen mit der Zeit zu arbeiten, viel Zeit, um nicht aufdringlich, oder gar neugierig zu erscheinen.

Am nächsten Morgen saß ich mit meiner Perle auf der Terrasse und genoss eine schöne Tasse Kaffee.

„Sag mal, war die kleine schwarze Katze abends auch noch hier“, fragte mich Myriam?

„Wie, kleine schwarze Katze, die war bei dir auch da, also da, als du da warst, ähm … ich meine morgens“, fragte ich nervös, während ich den vor Schreck versabbelten Kaffee vom T-Shirt zu putzen versuchte?

„Ja, die letzten drei Tage tauchte die immer auf“, ließ mich Myriam wissen.

„Und sie …“, hat mit dir gesprochen, hätte ich schier gesagt, „äh was hat sie gemacht?“

Gerade noch mal die Kurve gekriegt, das war knapp. Ich konnte doch nicht zugeben, dass ich mit einer Katze spreche, das könnte ungeahnte Folgen haben. Ich halte mich ja selber schon für bekloppt, was sollen denn da andere meinen, reif für den Psychologen und ab in die Geschlossene. „Na Herr Garcia wie geht’s uns denn heute, haben sie die Katze wiedergesehen und was hat sie denn so alles erzählt?“

Nein auf so etwas habe ich null Bock! Andererseits musste ich wissen, ob Myriam auch mit ihr spricht.

„Und wie findest du die Mieze Myriam?“

„Sie ist wie alle Streuner, heult und miaut so lange rum, bis du ihr was zum Essen gibst und wenn sie hat, was sie will, bist du Luft.“

„Du hast ihr also zu Essen gegeben?“

„Ja die letzten drei Morgen, heute war sie noch nicht da. Ich sah, dass du Katzenfutter gekauft hast und hab dann die Dosen und die Katzenmilch nachgekauft, die ich ihr gefüttert habe.“

„Und sie war die letzten drei Morgen hier und hat sozusagen bei dir gefrühstückt“, ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut heraus zu lachen?

So ein durchtriebenes Stück, aber es galt noch herauszubekommen, inwieweit sie bei Myriam vorstellig wurde.

„Sonst ist dir an der Katze nichts aufgefallen Myriam?“

„Was soll mir an der schon aufgefallen sein, es ist halt eine schwarze Katze, hat aber kein Halsband, also wird sie niemandem gehören, ein Streuner halt, der dich nicht mehr kennt, wenn er den Magen voll hat“, sagte Myriam und nahm die leeren Tassen mit in die Küche.

So war meine Perle, gerade heraus und ohne Illusionen, dem Realismus zugeneigt. Ich konnte also davon ausgehen, dass die Mieze nur mit mir sprach, darüber war ich froh, so konnte ich es für mich behalten. Und Balou, um den musste ich mir wirklich keine Sorgen machen, der war ausgekochter als mancher Mensch. Ich mache mir Sorgen, dass er Hunger schieben muss und er frisst sich unter tags durch meine Speisekammer, raffinierter geht es wirklich nicht.

Einblicke ins Katzenleben

Eine Schüssel mit Huhn und Katzenmilch standen schon auf der Terrasse, ich wollte mich nicht auffordern lassen. Heute kam die Mieze ziemlich spät und so wie mir schien ein wenig außer Atem.

„Hallo Balou, alles in Ordnung? Du machst den Eindruck, als wenn du ein wenig außer Atem bist.“

„Du wohnst wirklich in einer üblen Gegend, zwei Minuten nicht aufgepasst und schon hat man Ärger mit dem alten bösen Kater aus dem Viertel, der bräuchte schon allein für sein Aussehen eine Ausnahmegenehmigung, so ein böser Spießgeselle“, presste Balou die Worte heraus.

„Was ist denn passiert“, fragte ich nach, obwohl ich nicht wirklich mit einer Antwort rechnete?

Ich hörte schon, du bist zu neugierig, oder du fragst zu viel. Erstaunt vernahm ich, dass Balou doch antwortete.

„Hier im Barranco lebt ein übergroßer ganz schlimmer Kater, ein Kinderfresser, der nur auf Krawall aus ist. Der verkloppt alles, was nicht schnell genug die Flucht ergreifen kann. Einen kurzen Moment habe ich meine Tarnung vergessen und dann stand das Untier vor mir, böse fauchend mit weit aufgerissenem Rachen. Ich begann sofort mit der Flucht, aber der ist für sein Alter noch sehr schnell und wenn du so einen am Schwanz hast, ist es mit der Tarnung aus, da hilft dann nur Geländekenntnis und Mut.“

Mut dachte ich, auf der Flucht Mut. Aber egal Balou hat fast ein Buch erzählt, also zumindest für seine Begriffe. Zu meiner Verwunderung setzte er noch einmal an:

„Aber dieses Mal hat er sich mit dem Falschen angelegt. Ich bin so schnell ich konnte gerannt, dann einen knallharten Stopp, einen Sprung durch ein Gebüsch und ganz langsam zum anderen Ende der Terrasse gelaufen. Der Kinderfresser kannte die Terrasse noch nicht und sprang mir im vollen Lauf hinterher, machte eine Bauchlandung, schlitterte auf dem Boden der Terrasse mit hoher Geschwindigkeit gegen die Hauswand, das hat ganz schön geklatscht und ich konnte mich in Sicherheit bringen.“

Er ging zu den Schüsseln und schaute mich an; war das etwa ein dankbarer Blick? Er ließ mich an seinem Leben teilhaben und erzählte mir eine Geschichte von Anfang bis zum Ende, vielleicht bestand ja doch noch die Hoffnung, dass er mal was über Mogli erzählt.

„Du hast dich aber sehr geschickt angestellt Balou, das geschieht dem Alten ganz recht.“

„Ja, wie ich sagte, Geländekenntnis und Mut. Weißt du, wie schwierig es ist langsam zu laufen, wenn deine Füße wegrennen wollen? Das kostet Selbstüberwindung und vor allem Training, sonst klappt so was nicht. Aber es war ein Erfolgserlebnis, als ich den Klatscher hörte; ist mir der Kinderfresser doch auf den Leim gegangen. So, ich muss gehen, wir sehen uns morgen wieder.“

Balou verschmolz mit der Dunkelheit und war weg, ich konnte ihn nicht mal fragen, was er morgen zum Fressen wollte. Zum Glück hatte ich alle Katzenmenüs gekauft, die es gibt, dann kann ich ihm morgen ja wieder die Wahl lassen, die er mir noch nie gelassen hat.

So ein Katzenleben schien hier nicht gerade einfach zu sein. Katzen haben ihr Revier und da wo es zu Überschneidungen kommt, herrscht Krieg. Der Barrancokater, den Balou als Kinderfresser bezeichnet, schien der uneingeschränkte Herrscher in meinem Viertel also hinter dem Haus zu sein. Vor dem Haus lebten nur die von Balou sogenannten Hauskatzen, die verängstigt unter den Autos herumschlichen und die Weichlinge der Wildkatzen, die jeden um Fressen anbettelten und immer am rum miauen waren. Sie standen aber im Rang ein wenig höher als die Hauskatzen, das konnte ich aus den Erzählungen meiner Nachbarn heraushören. Die Hauskatzen hatten solche Angst vor anderen Katzen, dass sie zu Salzsäule erstarrten, wenn sie eine der Wildkatzen in ihrer Nähe sahen. Das wiederum machte die feigen Wildkatzen zu Mundräubern, sie bedienten sich, während die Hauskatze mit einem Herzstillstand kämpfte, an deren prall gefülltem Futternapf. Es schien in der Katzenwelt alles geregelt zu sein. Der Einzige, der sich nicht über die Menschen ernährt, schien der Kinderfresser zu sein, der scheint noch zu jagen und auf die alte, herkömmliche Weise zu leben. Vielleicht war er deshalb auch so aggressiv und sieht hinter jeder anderen Katze einen potenziellen Konkurrenten, der ihm in seinem Revier das Fressen streitig macht. Da kann ich nur hoffen, dass Balou die nächste Zeit das Nichtdasein, obwohl er da war, ernst nimmt. Ich konnte mir gut vorstellen, dass der Barrancokater nicht gut auf Balou zu sprechen war, vor allem nach dem Wandklatscher von heute. Böse Sache, sich beim Herrscher des Viertels unbeliebt zu machen. Im normalen Kampf würde Balou keine Chance haben, er ist vielleicht halb so groß wie der Kinderfresser. Doch sein Trick mit den rutschigen Fliesen, seine Reduzierung der Geschwindigkeit, die Gabe seine Angst unter Kontrolle zu haben gab mir Hoffnung, dass er noch weitere Ideen hat, sollte er in Schwierigkeiten geraten. Er schien mir eine schlaue Mieze zu sein, die mit allen vier Pfoten im Katzenleben steht.

„Hola Balou, heute bist du aber früh dran und du kommst einfach durch die Pflanzen, ohne dich zu tarnen, lässt dich gleich sehen.“

„Ich bin schon eine Weile hier“, sagte er.

„Ach so, das ist mir gar nicht aufgefallen“, bemerkte ich.

„Das ist ja auch der Sinn meiner Tarnung, nicht gesehen zu werden“, erwiderte die Mieze.

Jetzt waren wir wieder beim Niveau der anfänglichen Konversationen, einfach schräg.

„Was willst du heute zum Essen, ich habe …“, Balou fiel mir ins Wort und meinte:

„Es ist nur wichtig, dass es etwas anderes als gestern ist, ich mag nicht zweimal hintereinander das Gleiche essen.“

Ich bereitete ihm seine zwei Schüsseln und setze mich hin.

„Ich glaube, ich habe Probleme, echte Probleme“, gab die Mieze von sich. „Warum, was ist den los?“

„Die Futterstelle von zwei meiner Brüder ist weggefallen, die alte Frau scheint nicht mehr dort zu wohnen. Seit zwei Tagen macht sie die Rollläden nicht mehr auf und es ist ganz ruhig im Haus“, sagte Balou mit besorgter Stimme.

„Hat es das schon mal gegeben“, fragte ich alarmiert?

„Nein Mick und Rafa kommen da schon über 2 Jahre jeden Tag hin und bleiben auch mal ein paar Tage bei ihr, die alte Frau war immer da“, antwortete er mir.

Da Katzen ihrem Revier treu sind, vermutete ich, dass die Futterstelle von seinen Brüdern hier in der Nähe sein könnte und ich hatte eine Befürchtung.

„Kannst du mir zeigen, wo die alte Frau wohnt, ich kann aber nicht durch den Barranco gehen, wir müssten das Haus von der Straße aus suchen, geht das Balou?“

„Ich gehe durch den Barranco und warte dann vor dem Haus auf dich, es gibt einen Baum im Garten an der Straße, der hat Blüten, die so aussehen wie das laute Blech, das die Menschen bei Festen spielen, dort warte ich auf dich“, meinte Balou und schon war er weg.