Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Mathematik kann eine Waffe sein Jan und sein Freund Philipp werden brutal bedroht - von einem Mann in der Rüstung eines römischen Zenturio. Wer ist dieser Mann? Was will er von ihnen? Auf rätselhafte Weise reisen die Jungen in das Jahr 212 vor Christus, in eine belagerte Stadt: Syrakus, erschüttert von ständigen Angriffen der Römer. Sie begegnen dem genialen Mathematiker Archimedes, der Syrakus mit seinen Maschinen gegen die Übermacht der Römer verteidigt. Als Archimedes die beiden Freunde um Hilfe bittet, beginnt ein lebensgefährliches Abenteuer... Ein Jugendroman für Leser*innen ab 12 Jahren
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
„Den Laptop oder gar nichts!“
Jan kochte vor Wut. Mit einem lauten Knall schmiss er die Tür seines Zimmers hinter sich zu und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken. Warum konnte sie seinem Wunsch nicht zustimmen? Einfach mal zustimmen! Er betrachtete den Werbeprospekt, den er im Streit in seiner Hand zusammengeknüllt hatte. Auf der Titelseite prangten die Bilder aufgeklappter Laptops, umrahmt von großen Blasen, in denen die Preise leuchteten. Es klopfte und die Zimmertür öffnete sich. Jans Mutter blieb im Türrahmen stehen.
„Jan, lass uns noch mal in Ruhe über dein Geburtstagsgeschenk reden!“
Jan drehte sich abrupt um: „Was gibt’s da zu reden? Ich wünsch mir den Laptop. Oder gar nichts!“ Er schlug mit der Hand auf den Prospekt.
Seine Mutter seufzte. „Du sitzt jetzt schon zu viel vor dem Bildschirm.
Du wirst dann noch mehr Zeit mit Computerspielen vertrödeln.“
Jan brauste auf: „Mama, ich spiele nicht nur! Ich mache meine Hausaufgaben mit dem Computer.“
„Neue Inlineskater könntest du wirklich gebrauchen. Die alten sind dir viel zu klein.“
„Ich will aber keine Inliner! Ich will endlich einen neuen Computer.
Keiner aus meiner Klasse hat so ein altes Ding! Weißt du, wie lahm der ist? Ich kann praktisch kein Update mehr installieren.“
Jan holte tief Luft.
„Wenn ich einen Vater hätte, der würde das sofort verstehen!“
Er sah, wie sich das Gesicht seiner Mutter verhärtete. Einen Moment lang blickte sie schweigend zu ihm hinüber.
„Zeig mir noch mal den Prospekt!“, sagte sie tonlos.
Jan strich das zerknitterte Papier glatt und reichte es seiner Mutter.
Prüfend ließ sie die Augen über die Titelseite schweifen, dann schaute sie Jan an.
„Ich möchte dir nichts versprechen.“
Sie drehte sich im Türrahmen um und verließ das Zimmer.
*
Die Sonne blinkte hinter der dichten Wolkendecke auf, kaum länger als ein Zwinkern, und tauchte die kleinen Reihenhäuser in ein gelbes Licht, als wollte sie die Menschen daran erinnern, dass der Tag begann. Jan wachte auf und öffnete die Augen: Heute war der letzte Samstag in den Herbstferien, sein Geburtstag! Er sprang aus dem Bett und fischte Kleidungsstücke aus dem Haufen neben seinem Schreibtisch.
Während er sich anzog, blickte er flüchtig in den Spiegel. Bei einer Castingshow, dachte er, würden sie bei mir nur müde abwinken. Zu unscheinbar! Weder besonders groß noch besonders klein. Ein blasses, schmales Gesicht. Das einzig Auffällige waren seine Haare: borstig, schwarz und kaum zu bändigen. Jan drehte den Kopf. Die roten Pickel am Hals waren noch da, die Creme half nicht.
Plötzlich drang ein Geräusch durch die verschlossene Zimmertür. Seine Mutter war also schon wach! Würde sie ihm den Laptop schenken? Seit ihrem Streit in der letzten Woche hatten sie nicht mehr darüber gesprochen. Jan öffnete die Tür und stieg die Treppe ins Wohnzimmer hinunter.
„Da bist du ja!“, rief seine Mutter. Sie lief auf ihn zu, um ihn in den Arm zu nehmen. „Alles, alles Gute zu deinem Geburtstag!“
Jan machte sich los und ging zum Esstisch, auf dem ein Kuchen mit brennenden Kerzen stand. Davor lagen zwei Päckchen in rot leuchtendem Geschenkpapier, eines war würfelförmig, das andere sah aus wie ein flaches Kissen.
Seine Mutter trat zu ihm. „Pack ruhig aus!“
Enttäuscht setzte sich Jan an den Tisch – in den Päckchen war wohl kaum der Laptop. Langsam begann er die Klebestreifen des kissenförmigen Päckchens zu lösen. Unter dem Geschenkpapier befand sich eine dicke Polsterung aus Luftblasen, im Inneren fühlte er einen harten Gegenstand, der metallisch glänzte. Mit einem Ruck zog Jan die Verpackung weg. Es war der Laptop!
„Danke, Mama, danke!“ Jan sprang auf und umarmte seine Mutter.
„Du hast das zweite Päckchen ja noch gar nicht aufgemacht.“
Jan setzte sich zurück an den Tisch, um das würfelförmige Paket zu öffnen. Ein brauner Karton kam zum Vorschein. Er klappte den Deckel auf und zog ein Gerät aus weißem Plastik hervor, das ihn im ersten Moment an einen Küchenmixer erinnerte. Er stutzte.
„Was ist das?“ Als er das Gerät umdrehte, sah er vorne einen Ring aus Leuchtdioden. „Eine riesige Taschenlampe?“
Seine Mutter lächelte. „Das ist ein Handgenerator. Damit kannst du den Laptop ohne Steckdose aufladen.“
Jan blickte seine Mutter irritiert an, während sie das Gerät nahm und mit dem Daumen einen Schalter nach vorne drückte.
„Ich zeig’s dir. Herr Fischer hat mir im Geschäft alles genau erklärt.“
Mit einem Klack sprang ein Hebel nach außen, an dem sie nun kurbelte. Das Gerät fing an zu surren. Sie tippte auf das weiße Plastik.
„Man hört das Schwungrad des Generators.“
Als sie einen weiteren Knopf drückte, leuchteten die Dioden an der Vorderseite auf, so hell, dass Jan die Augen zusammenkniff.
„Aha“, murmelte er.
Seine Mutter schaltete das Licht wieder aus. „Genau so kannst du deinen Laptop aufladen.“ Mit einem Griff zog sie ein Kabel aus dem Karton und stöpselte die Geräte aneinander. Jan nickte. „Okay, aber wozu brauch ich das? Ich kann den Laptop doch immer an der Steckdose aufladen, hier zu Hause.“
Seine Mutter schmunzelte. „Stimmt! Aber ich hatte damit eben einen Hintergedanken. Ich finde es wichtig, dass du mehr an der frischen Luft bist. Jetzt kannst du mit dem Laptop wirklich lange draußen bleiben.“
Jan schwieg einen Moment. Schließlich brummte er: „Wenn du meinst.“
Seine Mutter raffte das zerrissene Geschenkpapier zusammen. „Nun lass uns erst mal frühstücken.“
Nachdem sie sich an den Tisch gesetzt hatten, blies Jan die Kerzen auf dem Kuchen aus.
„13 Jahre!“, rief seine Mutter. „Dass du schon so alt bist!“
Sie blickte ihn an. „Früher haben wir immer mit anderen Kindern gefeiert. Willst du nicht doch jemanden einladen?“
Jan schüttelte den Kopf. „Ich mag diese Feiern nicht mehr. Die sind immer so …peinlich.“
*
Da lag er. Endlich! Jan strich mit einer Hand über die silbern glänzende Oberfläche des neuen Laptops und fühlte dessen metallische Kälte.
Behutsam klappte er den Deckel auf und beobachtete, wie der Laptop hochfuhr. Das Display war super! Jan öffnete einen Ordner, um die Bilder und Filme zu löschen, die vorinstalliert waren. Die brauchte man sowieso nie. Besser, man hatte möglichst viel freien Speicherplatz. Als er auf den Browser klickte, blinkten ihm nach einigen Sekunden bunte Banner entgegen. Das war der Hammer! Bei seinem alten Computer hatte das immer ein paar Minuten gedauert. Sein Traum war wahr geworden, seine Mutter hatte ihm den Laptop geschenkt! Aber dieser Streit mit ihr, diese ständigen Streitereien, wie oft er aufräumen sollte, wie viel er für die Schule lernen sollte, wann er ins Bett gehen sollte.
Wie das nervte! Und überall schien es Streit zu geben. In den Nachrichten berichteten sie dauernd über Kämpfe und Kriege, über unzählige Menschen, die aus ihrer Heimat flohen, weil ihr Leben bedroht war.
Und doch gab es etwas, worüber nicht gestritten werden konnte: die Mathematik. In der Mathematik war etwas entweder wahr oder falsch, es ging um logisches Argumentieren und nicht darum, wer mächtiger war.
Jan blickte auf den Bildschirm. Wenn er mit dem Laptop mathematische Figuren zeichnen wollte, musste er Geodyma installieren. Er tippte www.geodyma.org in das Suchfeld ein. Auf dem Bildschirm öffnete sich eine neue Seite, oben leuchtete ein Logo, ein Quadrat, das von einem Kreis umschlossen wurde:
Dynamische Mathematiksoftware. Geodyma vernetzt Algebra und Geometrie.
Jan startete den Download. Einwandfrei! Er öffnete das Programm und begann mit einer Konstruktion, die ihn faszinierte, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Er zeichnete einen Kreis und um einen Punkt auf dessen Rand einen weiteren Kreis mit dem gleichen Durchmesser.
Die Kreise schnitten sich in zwei Punkten und Jan wählte einen aus, um einen dritten Kreis zu zeichnen.
Jetzt gab es wieder zwei Schnittpunkte mit dem ersten Kreis. So konnte man weitermachen, bis es nicht mehr weiter ging.
Sechsmal! Es war jedes Mal ein Wunder! Genau sechs Kreise passten auf den ersten Kreis! Jan hielt einen Moment inne. Wann immer er die Kreise konstruierte, fühlte er dieses tiefe Staunen. Was war das Geheimnis dieser Konstruktion? Wieso waren es nicht fünf oder sieben Kreise? Wieso passte es überhaupt so genau?
Jan betrachtete die Figur.
Und plötzlich sah er es. In der Figur waren Dreiecke verborgen.
Besondere Dreiecke. Dreiecke mit gleich langen Seiten.
In solch einem Dreieck waren nicht nur alle Seiten gleich lang, auch alle Winkel waren gleich groß. Genau 60 Grad, weil alle drei Winkel zusammen 180 Grad ergeben mussten! Jan zeichnete hastig weiter.
Sechs! Das war es! Sechs Dreiecke mit 60 Grad ergaben genau den vollen Winkel von 360 Grad. Fünf Dreiecke waren zu wenig, sieben schon zu viel. Das war der Grund, warum auf den ersten Kreis genau sechs Kreise passten. Es konnte gar nicht anders sein!
Jan hatte ein Gefühl überwältigender Klarheit, als wäre er auf einen hohen Berg gestiegen und würde nun über eine Landschaft schauen, die sich weit unter ihm ausbreitete. Als könnte er plötzlich all das sehen, was beim Aufstieg verborgen war: die Linien der Wege, die Kreuzungen, die Felder, die Städte. Mathematik war wunderschön!
Dass es genau sechs Kreise waren, würde für alle Zeiten stimmen! Das konnte kein Mensch bestreiten und auch kein Außerirdischer auf irgendeinem fernen Planeten! Das war eine unumstößliche Wahrheit!
Nichts war so klar wie Mathematik!
Doch eine Frage hatte ihm bis jetzt niemand beantworten können:
Konnte man eigentlich sagen, dass es diese Figur wirklich gab?
Schließlich gab es auf der Welt noch nicht einmal einen perfekten Kreis. Jede Münze war an irgendeiner Stelle etwas eingedellt. Jeder Kreis, den man mit einem Zirkel auf Papier zeichnete, war an einigen Stellen etwas dicker, an anderen dünner, weil der Stift das Papier nie ganz gleich berührte, auch wenn man das mit bloßem Auge vielleicht nicht sofort erkennen konnte. Jan wusste, unter einem starken Mikroskop würde man es sofort sehen. Und auch eine Zeichnung im Computer war nicht perfekt. Als Jan einmal einen Kreis auf dem Monitor stark vergrößert hatte, bekam die Kreislinie Ecken wie eine Treppe. Das waren die Pixel, in die der Computer den Bildschirm unterteilte.
Nirgendwo auf dieser Welt gab es einen perfekten Kreis!
Jan schloss das Programm. In einem Sekundenbruchteil schnurrte die Zeichnung in sich zusammen.
Solche Fragen sollten wir in Mathe diskutieren, nicht immer nur rechnen. Und wie Herr Stubbe nervte! Dein Heft sieht aus wie Kraut und Rüben! Jan hasste diesen Satz. Nicht jeder konnte so eine Blümchenschrift haben wie Felicitas, die ihm schräg gegenüber saß.
Die brauchte aber auch immer doppelt so lang, um irgendetwas von der Tafel abzuschreiben. Dafür hatte er gute Ideen, vor allem wenn es um schwere Aufgaben ging. Und Ausdauer.
Das hast du nicht von mir!
Als Jan letztes Jahr mit dem Zeugnis nach Hause gekommen war, mit einer Eins in Mathe, da war seine Mutter so stolz gewesen, dass es ihr einfach herausgerutscht war.
Das hast du nicht von mir!
Jan hatte sie überrascht angeschaut. Sie konnte nur seinen Vater meinen! Jan wusste nichts über ihn. Immer wich sie aus, wenn er nach dem Vater fragte. Es gab kein Foto, und auf Jans Geburtsurkunde, an der Stelle, wo der Name des Vaters eingetragen werden sollte, stand nur: unbekannt. Inständig hatte Jan gehofft, seine Mutter würde noch etwas erzählen, nur dieses eine Mal. Aber sie hatte sich auf die Unterlippe gebissen und geschwiegen.
Jan seufzte.
Was sollte er als Nächstes installieren? Minecraft, sein Lieblingsspiel!
Jan führte die Installation durch. Kurz darauf bewegte er sich in einer riesigen Halle, die aus farbigen Würfeln aufgebaut war. Das Spiel startet in 3 Sekunden. Jan spürte ein Kribbeln im Bauch. Jancrafter im Team Blau. Schnell holte er sich ein Schwert und rannte auf einem schmalen Steg über den Abgrund.
„Jan!“
Gleich hatte er die gegnerische Basis erreicht!
„Jan!“
Da! Ein Roter! Jan schlug zu, bis die andere Figur zu Boden sank, aber hinter einer Ecke näherten sich weitere Gegner.
„Mensch, Jan!“
Er fühlte eine Berührung an der Schulter und drehte sich ruckartig um.
Seine Mutter war ins Zimmer gekommen. Während sich der Bildschirm dunkel färbte, erschien ein Schriftzug: Du bist gestorben.
„Verdammt!“, rief Jan gereizt. „Mein Team hätte fast gewonnen!“
„Ich habe dich die ganze Zeit gerufen. Wenn du am Computer sitzt, bist du wie betäubt.“ Sie hielt ihm das Telefon hin. „Philipp. Auf dem Anrufbeantworter.“
Als Jan den Wiedergabeknopf drückte, ertönte eine blecherne Stimme.
„Okay“, sagte er. „Ich gehe gleich rüber. Wir wollen zur Hütte.“
„Gut. Aber komm nicht zu spät nach Hause!“ Seine Mutter lächelte.
„Es gibt ein Geburtstagsessen!“
Jan nickte, dann klappte er den Laptop zusammen. Auf jeden Fall würde er Philipp den neuen Computer vorführen, der würde Bauklötze staunen! Jan kramte im Schrank und zog einen schwarzen Rucksack hervor. Der Laptop passte gerade ins hintere Fach, und durch das Rückenpolster war er gut geschützt. Nachdem Jan den Reißverschluss zugezogen hatte, ging er die Treppe ins Wohnzimmer hinunter. Auf dem Esszimmertisch lag noch dieses weiße Gerät. Wie hatte seine Mutter das genannt? Handgenerator. Jan zögerte. Sollte er den auch mitnehmen? Besonders schwer war er nicht. Ausprobieren konnte er ihn ja mal. Jan ließ den Rucksack von der Schulter gleiten und verstaute den Handgenerator im vorderen Fach.
*
Als er auf die Straße trat, fuhr ein Windstoß durch seine Haare und wirbelte Blätter umher. Graue Wolken bedeckten den Himmel, nur an einzelnen Stellen schimmerte etwas blau durch. Nachdem Jan ein paar Minuten gegangen war, blieb er vor einer Haustür stehen und klingelte.
Hinter der dicken Glasscheibe näherte sich eine verschwommene Gestalt, dann wurde die Tür aufgerissen.
„Alter, da bist du ja! Herzlichen Glückwunsch!“ Philipp klopfte ihm auf die Schulter. Die blonden Haare an seiner Stirn waren mit Gel zur Seite gekämmt, und man sah noch die Rillen, die der Kamm hinterlassen hatte.
„Wollen wir ein bisschen kicken?“
Jan nickte.
„Warte!“, rief Philipp.
Er sprintete die Treppe hoch, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Jan schaute ihm nach. Dass sie wirklich Freunde geworden waren! Obwohl Philipp so anders war als er: groß, kräftig und sportlich.
Einer, der beim Fußball immer als Erster ausgewählt wurde. Außerdem konnte Philipp genial fechten. Er trainierte im Verein und hatte bei der letzten Landesmeisterschaft den zweiten Platz errungen. Kein Wunder, dass die Mädchen aus ihrer Klasse auf ihn standen.
Dabei hatten sich Philipp und Jan anfangs nur geprügelt. Jan hatte gewusst, dass Philipp viel stärker war als er selbst, aber er war immer wieder auf ihn losgegangen, hatte ihn attackiert, ohne nachzudenken.
Einmal hatten sie in der Pause so heftig miteinander gekämpft, dass Philipp aus der Nase blutete und Jan ein Stück Schneidezahn herausgebrochen war. Als er nach Hause kam, hatte seine Mutter die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Zum Glück hatte der Zahnarzt in die Lücke ein Stück Keramik einsetzen können, man sah es nur, wenn man ganz genau hinschaute. Und dann, zwei Tage später, war Philipp plötzlich in der dunkelsten Ecke des Schulhofs vor ihm aufgetaucht. Wie aus dem Nichts. Er hatte mit dem Arm ausgeholt, und Jan war zusammengezuckt, weil er dachte, Philipp wollte ihn mit der Faust mitten ins Gesicht schlagen. Aber der hatte nur gegrinst und ihm vorgeschlagen, gemeinsam nach Hause zu laufen. So war Philipp sein Freund geworden. Sein einziger richtiger Freund.
Und noch etwas unterschied sie: Mathematik fiel Philipp unglaublich schwer. Es ging noch, wenn Philipp mit Zahlen rechnete, aber sein Gehirn streikte, sobald er mit Variablen jonglieren sollte. Nachdem Jan ihm einmal erklärt hatte, wie man eine Aufgabe mit Gleichungen löst, hatte Philipp ihn angeschaut und ganz leise gesagt: „Wahnsinn, wie du das alles verstehst! Echt Wahnsinn!“
Jan erinnerte sich, wie überrascht er in diesem Moment gewesen war, überrascht vom Staunen und von der Bewunderung in Philipps Stimme.
„Da bin ich!“ Philipp hatte einen Ball unter den Arm geklemmt. Mit der freien Hand strich er die Haarsträhne zur Seite, die ihm über die Augen gerutscht war. Sie gingen los. Jan deutete nach hinten auf seinen Rucksack.
„Rat mal, was ich dabei habe!“
„Was denn?“
„Den Laptop. Ich hab ihn bekommen.“
„Echt? Cool!“
„Unglaublich, dass meine Mutter ihn mir geschenkt hat! Nachdem wir uns letzte Woche so in die Haare bekommen hatten!“
Philipp lachte, während er den Ball auf den Boden prellen ließ. „Siehst du, Alter! Man soll nie aufgeben! Mit viel Geduld kann man sogar schwierige Eltern erziehen.“
Jan kicherte. Wie locker Philipp alles sehen konnte! Mit Philipp konnte er lachen, aber zu Hause fühlte sich ein Streit nie komisch an.
Ein Porsche röhrte an ihnen vorbei, kurz darauf überquerten sie die Straße. Vor ihnen lag nun ein kleiner Wald, der an die Siedlung grenzte. Jan und Philipp bogen von der Straße auf einen mit Kies geschotterten Weg ab. Ein Jogger mit neongelbem Stirnband überholte sie schnaufend. Dann liefen sie auf einem Trampelpfad weiter, der so schmal war, dass sie eine Weile hintereinander gehen mussten, bis sie schließlich auf eine Wiese hinaustraten. Der Himmel war jetzt dunkelgrau und die Wolken trieben schnell. Am Rand der Wiese, unter einer alten Eiche, stand die Hütte, die sie vor einigen Jahren mithilfe von Philipps Vater gebaut hatten. Sein Vater war Schreiner, und sie hatten damals nicht nur ein paar wacklige Bretter zusammengenagelt, sondern ein richtiges kleines Blockhaus gezimmert, das auf drei Meter hohen Pfählen über der Wiese thronte. Eine schmale, hölzerne Leiter führte zum Eingang. Den Boden der Hütte hatte Philipps Vater in eine perfekte quadratische Form geschnitten, genau ausgemessen, wo sich der Mittelpunkt befand, und dort eine dicke, gelb glänzende Schraube aus Messing hineingedreht.
„Weil du ein solcher Mathefreak bist!“, hatte er Jan damals mit einem Lachen erklärt, und Jan mochte die Hütte von Anfang an. Früher hatten sie hier oft mit den anderen Kindern aus der Siedlung gespielt. Die Hütte war dann eine Burg oder ein Piratenschiff gewesen. Als Burg war die Hütte praktisch uneinnehmbar, denn Philipps Vater hatte eine Tür eingebaut, die mit einem soliden Querbalken von innen verriegelt werden konnte. In den letzten Jahren kamen sie vor allem zum Chillen hierher, oder, wie heute, um ein bisschen auf der Wiese zu kicken.
Für einen Moment drang die Sonne durch ein Loch im wolkenverhangenen Himmel. Die Wiese leuchtete auf, als wäre plötzlich ein Scheinwerfer angeknipst worden. Jan sah ein Blinken.
Was war das? Er drehte den Kopf. Da! Es blinkte noch mal! Am anderen Ende der Wiese stand ein Mann, der offensichtlich etwas suchte.
„Seltsam“, rief Philipp. „Der sieht komisch aus! Verkleidet. Sieht so aus, als hat er einen Helm mit einem riesigen Ding quer oben drauf.“
„Das könnte ein Federbusch sein“, meinte Jan. „Wie ein römischer Legionär. Ein Zenturio oder so was. Und guck doch mal: Der trägt auch einen Brustpanzer und Beinschienen!“
Philipp zuckte mit den Schultern. „Manche Leute lieben es ja, Menschen aus früheren Zeiten zu spielen. Im Sommer waren wir auf einem Mittelaltermarkt, da hatten sich alle verkleidet. Mit bunten Umhängen, Lederschuhen und all diesem Zeug.“
Der Mann hatte sie jetzt bemerkt. Er drehte sich zu ihnen um und starrte sie an. Fast im gleichen Moment rannte er los. Genau in ihre Richtung. Jan erschrak. Das war ein Schwert! In der Faust hielt der Mann ein kurzes Schwert! Trotz der Unebenheiten auf der Wiese rannte der Fremde in vollem Tempo auf sie zu.
„Der Typ ist verrückt!“, schrie Philipp.
Jan war wie versteinert. Philipp riss an seinem Arm. „Schnell, in die Hütte!“
Philipp ließ den Ball fallen und sprintete zur Holzleiter, die zur Hütte hoch führte. Als Jan hinter ihm her lief, schlug sein Rucksack von rechts nach links, er spürte die harten Kanten des Laptops an seinen Schultern. Philipp hatte bereits die Leiter erreicht und war schon halb oben. Aufgeregt feuerte er den Freund an: „Los, Jan! Er ist gleich da!“
Mühsam zog sich Jan die Sprossen hoch. Eine nach der anderen. Der Rucksack war viel zu hinderlich!
„Jan!“
Philipp streckte ihm eine Hand entgegen. Hinter sich hörte Jan ein Geräusch und spürte, wie durch die Leiter ein heftiger Ruck ging. Als wäre etwas Schweres dagegen geworfen worden. Der Mann musste unten angekommen sein! Als Jan endlich seine Hand nach oben streckte, zog Philipp ihn mit aller Kraft in die Hütte hinein.
Jan rutschte aus und landete auf seinen Knien. Ein scharfer Schmerz durchzog seinen rechten Unterschenkel. Er war gegen einen dicken Holzklotz gestoßen, der auf dem Boden lag. Hinter sich hörte er ein Krachen. Philipp hatte die Tür zugeschlagen. Jan rappelte sich auf, und gemeinsam wuchteten sie den Querbalken in die Verriegelung. Im gleichen Augenblick hörten sie, wie der Mann schrie und mit der Faust gegen die Tür donnerte.
Jan fühlte sein Herz pochen. „Was will der von uns? Ich hab den noch nie gesehen!“, keuchte er atemlos.
Ein besonders heftiger Schlag ließ die Tür der Hütte erzittern.
Philipp drückte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den Querbalken, um die Tür fester zu verkeilen. „Auf jeden Fall ist der völlig ausgerastet.“
Auf einmal verstummte das Hämmern. Jan und Philipp hielten den Atem an. Eine heftige Windböe rauschte durch die Eiche und rüttelte an ihrer Hütte. Dann hörten sie knirschende Schritte über sich. Der Mann musste aufs Dach geklettert sein! Philipp griff hastig in die Tasche seiner Hose und zog sein Handy hervor.
„Ich ruf meinen Vater an. Der holt die Polizei!“
Im Dämmerlicht der Hütte sah Jan, wie das Display von Philipps Handy aufleuchtete. Gleichzeitig nahm er aus den Augenwinkeln wahr, dass sich eine sehnige Hand an die schmale Fensteröffnung krallte!
Der Fremde!
Jan schrie auf. „Philipp! Da!“
Ruckartig drehte sich Philipp zur Fensteröffnung. Das Handy rutschte ihm aus der Hand und prallte klirrend auf den Boden. Im selben Moment hörte Jan, wie die Wände der Hütte knirschten und ächzten.
Holzspäne rieselten von der Decke. Wenige Sekunden später ertönte ein ohrenbetäubender Knall, als würde ein dicker Balken im Feuer bersten. Jan spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Was war das? Er hörte jetzt ein tiefes Brummen und spürte ein Zittern unter seinen Füßen. Er stolperte. Die Hütte begann sich zu drehen!
„Philipp! Was ist das? Was ist mit der Hütte los?“ Jans Stimme überschlug sich.
„Keine Ahnung!“
Blätter fielen auf den Boden. Sie blickten beide zur Fensteröffnung, an der Zweige entlang schleiften. In diesem Moment schob sich ein halbnacktes Bein vor die Öffnung. Eine glänzende Schiene schlug dumpf gegen das Holz.
Jan flüsterte aufgeregt: „Der will hier rein!“
„Das Handy!“, rief Philipp. „Wo ist mein Handy?“,
Jan zerrte es unter dem Rucksack hervor. „Hier!“
Hektisch tippte Philipp aufs Display: „Hallo! Papa! Kannst du mich hören?“
Als die Hütte ruckartig beschleunigte, taumelten die beiden Jungen und prallten gegen die Wand.
Philipp ließ das Handy sinken. „Scheiße! Keine Verbindung!“
Vor dem Fenster rauschten jetzt abwechselnd Wald und Himmel vorbei. War der Mann weg? Hatte ihn die Drehung vom Dach gerissen?
Die Hütte rotierte jetzt so schnell, dass die Jungen gegen die Außenwand gepresst wurden. Jan schwindelte. Da ging das Brummen für einen ganz kurzen Moment in ein vielstimmiges Klingen über, als würden viele Glocken gleichzeitig läuten. Jan fühlte sich davon auf eigenartige Weise berührt. Draußen war nur noch ein weißlicher Nebel zu erkennen. Dann rollte etwas auf sie zu. Der Helm! Der Mann war noch da! Wie konnte er sich festhalten? Bei dieser Geschwindigkeit!
Jan zuckte zusammen, als sich ein kahl rasierter Kopf in die Öffnung schob. Zwei eisige Augen fixierten ihn voller Wut. Ein Wahnsinniger!,
dachte er. Wenn der hier reinkam, hatten sie keine Chance. Er fühlte, wie ihn Übelkeit und Panik überwältigten.
Der Mann keuchte schwer und starrte die beiden Jungen an. Wie elektrisiert. Anstelle des einen Ohrs war nur noch eine verwachsene Narbe zu sehen. Unheimlich. Was wollte der Typ? Was wollte er von ihnen?
Plötzlich wirbelte etwas durch die Luft. Das Handy! Philipp hatte sein Handy geworfen! Es streifte den Brustpanzer des Mannes und verschwand im weißlichen Nebel. Ungerührt drückte der Mann seinen Körper weiter in die Fensteröffnung hinein. Philipp bückte sich nach dem dicken Holzklotz, gegen den Jan vorhin gestoßen war, und schleuderte ihn mit voller Wucht Richtung Fenster. Der Klotz prallte an die Stirn des Fremden. Jan sah, wie er von der Fensteröffnung abrutschte und nach außen geschleudert wurde.
Im selben Moment bremste die Drehung so stark ab, dass Jan eine neue Welle Übelkeit in sich aufsteigen spürte. Von draußen ertönte ein heiserer Schrei. Die Hand des Mannes war verschwunden ... Und die Fensteröffnung war nun dunkel wie ein Nachthimmel.
Aber da! Jan stieß Philipp in die Seite. „Siehst du das? Sind das Flammen?"
Tatsächlich, dort draußen brannte etwas! Etwas Großes! Aber was?
Plötzlich war es wieder hell. Jan hörte ein lautes Splittern und spürte eine Erschütterung, die Philipp und ihn zu Boden riss.
Die Hütte hatte aufgehört, sich zu drehen.
Alles war still.
*
Jan lag auf dem Boden und wagte nicht, die Augen zu öffnen. Ihm war noch immer schwindlig. War das alles wirklich geschehen? Der Mann, der sie verfolgte. Die Hütte, die sich drehte. Es wirkte wie ein schlimmer Traum, und doch fühlten seine Hände das Holz des Bodens.
Hart und rau. Konnte man im Traum so fühlen? Konnte man so denken?
Plötzlich hörte er neben sich die besorgte Stimme von Philipp: „Jan!
Bist du verletzt?“
Langsam hob Jan den Kopf und öffnete die Augen. Da kniete Philipp!
Das hier war kein Traum. Ein Traum fühlte sich anders an. Unschärfer.
Im Traum konnte man nie so lange auf eine Stelle starren. Jan schluckte.
„Mir ist übel, ansonsten …“
Philipp unterbrach ihn plötzlich. „He, was ist denn mit der Hütte los?“
Jetzt merkte Jan es auch. Die Wände sahen ganz anders aus.
„Sie ist ... größer!“, stammelte er. „Und hat mehr Ecken!“
„Das kann doch nicht sein!“, rief Philipp.
Jan zählte und sagte schließlich: „Sieben! Sieben Ecken!“
Philipp betastete die Bretter an der Wand und schüttelte ungläubig den Kopf: „Als ob mein Vater die Hütte so gebaut hätte!“ Alle Seiten der Hütte schienen gleich lang zu sein und die Winkel gleich groß. Nur eine Seite war stark eingedrückt, scharfe Splitter ragten nach innen.
Jan war verwirrt. „Wie ist das denn passiert?“
„Keine Ahnung!“, sagte Philipp.
Sie schwiegen einen Moment.
Dann flüsterte Jan: „Dieser Irre. Meinst du, er ist noch da?“
„Weiß nicht“, murmelte Philipp. „Der war ja absolut krass drauf! Ein richtiger Amokläufer!“
Jan schauderte. „Zum Glück hast du ihn mit dem Holzklotz erwischt.“
Behutsam setzte er sich auf. „Was wollte der bloß von uns?“
Philipp zuckte mit den Schultern. „Ich hab den noch nie gesehen.“
Jan betrachtete den Helm, der eine Armlänge von ihnen entfernt lag.
Der Helm hatte zwei Bügel, die an den Seiten nach unten liefen. Einer war stark verbogen, und der Federbusch mit Erde verschmiert. Auf der Stirnseite des Helms war ein Flügelpaar ins Metall geprägt.
„Sieht ziemlich echt aus“, stellte Jan fest. Er wagte nicht, den Helm anzufassen, so als könnte die bloße Berührung den Mann selbst herbeirufen.
Jan spürte, wie ihm Schweiß von der Stirn tropfte. Er schwitzte wie lange nicht mehr. Rasch zog er Jacke und Pullover aus und warf sie auf seinen Rucksack.
„Ich hab Durst!“, sagte er.
Philipp zog eine kleine Colaflasche aus seiner Jacke. „Hier!“
Sie teilten sich den Rest, viel war es nicht, für jeden ein paar Schlucke.
Dann schraubte Philipp die leere Flasche wieder zu, stand auf und trat vorsichtig an die Fensteröffnung.
„Alter!“, rief er aufgeregt. „Das gibt’s doch gar nicht!“
Jan sprang auf und stellte sich zu ihm. Sie erblickten einen blauen Himmel und eine verkohlte, eingestürzte Mauer, deren Putz an vielen Stellen abgesprungen war. Braune Lehmziegel ragten hervor. Über die Mauer hinweg erkannte Jan das spitze Dach eines hölzernen Turms.
„Wo sind wir hier?“, fragte Philipp.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Jan zuckte zusammen.
„Der Verrückte!“, flüsterte er.
Entsetzt schauten sie sich an. Einige Minuten blieben sie still nebeneinander stehen und lauschten angestrengt, doch es war nichts mehr zu hören.
„Was sollen wir machen?“, fragte Jan.
Philipp kniff die Augen zusammen. „Ich will wissen, was hier los ist.
Ich geh jetzt raus!“
Jan zögerte. Wenn der Mann doch noch auf sie lauerte? In der Hütte konnte er sie wenigstens nicht überraschen. Aber was blieb ihnen übrig? „Okay“, sagte er schließlich.
Philipp hob den Querbalken aus der Verriegelung und drückte gegen die Tür, aber sie bewegte sich nicht. Erst als sie sich gemeinsam dagegen stemmten, gab die Tür mit einem Knirschen nach. Gleißendes Sonnenlicht blendete Jan, und er hob schützend eine Hand vor die Augen. Vorsichtig stiegen sie aus.
„Wir sind im Hof eines Hauses!“, rief er erstaunt.
Die Luft war drückend heiß.
„Unglaublich! Das ist doch alles nicht wahr, oder?“ Philipp blinzelte Jan ungläubig an.
An allen Mauern, die den Hof umgaben, sahen sie Brandspuren. Alle Lehmziegel waren schwarz überzogen. Links von ihnen befand sich eine Treppe, von der nur noch ein brüchiges Gerippe übrig geblieben war. Als Jan das verkohlte Holz befühlte, zerbröselte es unter seinen Fingern.
„Schau mal hier!“, rief Philipp plötzlich.
Hinter der Hütte standen steinerne Säulen, die das obere Stockwerk des Hauses abstützten. Eine der Säulen hatte mehrere Bretter ihrer Hütte schräg nach innen gedrückt; fingerlange Holzsplitter lagen verstreut auf dem Boden. Als sie dem Gang hinter den Säulen folgten, gelangten sie zu einem großen Raum, auf dessen Boden umgekippte Kessel, Siebe und zerbrochene Tongefäße lagen. In der Mitte befand sich eine rußgeschwärzte Feuerstelle.
„Sieht aus wie eine Küche“, stellte Jan fest.
Auf der anderen Seite des Gangs entdeckten sie einen weiteren Raum, vor dem sie wie angewurzelt stehen blieben.
„Wie cool ist das denn!“, rief Philipp.
Ein Gemälde bedeckte die Wand gegenüber der Tür. Vier blaue Delfine schwammen um eine junge Frau herum, die in den Haaren und am Hals Perlenketten trug. Auf dem rötlichen Hintergrund des Gemäldes bildeten Muscheln ein prachtvolles Muster.
„Wie in Pompeji“, sagte Jan. „Erinnerst du dich? Diese römische Stadt, die von einem Vulkan verschüttet wurde. “
Philipp schaute den Freund plötzlich eindringlich an. „Weißt du was!
Überleg doch mal, das passt zusammen. Dieses Haus“, er deutete mit einem Arm um sich herum, „der Mann, der wie ein Zenturio aussah, und diese Hitze. Das hier ist ein Ausgrabungsgelände. Irgendwie sind wir nach Italien transportiert worden.“
Jan nickte langsam. „Aber wie?“
Philipp zuckte die Achseln. „Vielleicht durch so eine Art Beamen. Im Fernsehen habe ich mal einen Bericht gesehen. Da hat ein Physiker gesagt, so etwas könnte es geben, eines Tages. Dass ein Körper ganz genau gescannt wird, so wie man das heute schon bei diesen Untersuchungen macht, bei denen man in eine Röhre geschoben wird.
Alles wird gescannt, wirklich jedes Atom. Das wird von einem riesigen Computer gespeichert, und dann wird der Körper an einem anderen Ort genauso wieder zusammengesetzt.“
Jan schüttelte zweifelnd den Kopf. „Vielleicht in der Zukunft. Aber heute? Das kann ich mir nicht vorstellen.“
„Nur so zum Beispiel“, sagte Philipp. „Irgendeine Erklärung muss es ja geben! Aber erst einmal müssen wir herausfinden, wo wir überhaupt sind.“
Sie gingen in den Innenhof zurück. In der Mauer, die das Haus nach vorne begrenzte, hing eine verkohlte Tür. Als Philipp sie aufdrückte, sahen sie dahinter eine staubige Straße mit einer Reihe von Häusern.
„Alle Häuser sind verbrannt!“, rief Jan. „Die ganze Straße hat gebrannt!“
Philipp deutete nach vorne. „Siehst du die Zinnen? Hinter den Häusern muss es eine Stadtmauer geben.“
Jan nickte. „Und da ist ein Turm. Sieht aus wie ein Wachturm!“ Er zuckte zusammen. Auf der Plattform standen zwei Männer. Mit Speeren bewaffnet! „Achtung!“, flüsterte er.
Hastig zogen sie sich hinter die Mauer des Hauses zurück. Plötzlich hörten sie ein rhythmisches Stampfen.
„Was ist das?“, fragte Philipp. Vorsichtig spähte er durch eine Mauerritze. „Auf der Stadtmauer marschieren Männer. Sie tragen alle Speere. Das sind Soldaten!“
Jan spürte, wie sein Herz pochte. Er kroch zu Philipp hinüber. Nun sah auch er die Soldaten, die eine lederne Bekleidung trugen, nur die Unterarme und Waden waren unbedeckt. „Das sieht alles so echt aus!
Die Stadtmauer, die Soldaten, die Speere. Einfach alles. Weißt du was, Philipp? Ich glaube, wir sind wirklich in der Zeit der Römer!“
Die Soldaten wurden von einem Hauptmann angeführt, der an der Spitze ging und einen gelblich glänzenden Brustpanzer trug. Plötzlich hob er seinen Arm und rief etwas. Der Trupp stoppte, unmittelbar vor einem Gerüst aus Holzbalken, an dem Rollen, Seile und Ketten befestigt waren. Während die Soldaten bewegungslos verharrten, betrachteten zwei der Männer einen mächtigen Balken, der von dem Gerüst schräg nach vorne über die Stadtmauer ragte. Einer der beiden war ein Riese, fast einen Kopf größer als die anderen Soldaten. In seinem breiten Gürtel steckten eine Axt und ein Hammer, den er jetzt herauszog, um auf verschiedene Teile des Gerüsts zu klopfen.
Jan und Philipp hörten deutlich die dumpfen Schläge.