Die Wanderschriftsteller - Iny Lorentz - E-Book
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Iny Lorentz

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Beschreibung

 Die Wanderhure, die Kastratin, die Pilgerin: Hinter diesen Bestsellern von Iny Lorentz steckt das Autoren-Ehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath. Die Inspiration zu ihren Geschichten erhalten die beiden in erster Linie auf ihren Reisen mit ihrem Campingwagen. Dieser autobiografische Reisebericht nimmt uns mit auf die Entstehungsreise ihrer meistgelesenen historischen Romane. Er liefert authentische und vor allem persönliche Einblicke in das Leben und Denken der Autoren, die dem Leser helfen, ihre Romane noch besser zu verstehen. Ein Muss für jeden Iny-Lorentz-Fan!  Zwischen Apulien und dem Nordkap, zwischen Pyrenäen und dem östlichsten Polen waren sie mit ihrem Wohnwagen unterwegs. Auf den Spuren ihrer Pilgerin sind Iny und Elmar durch Frankreich gezogen, haben im Vatikan für die "Töchter der Sünde" recherchiert. Die Pfade, die Marie in den Wanderhuren-Romanen zwischen dem Schwarzwald, Konstanz und Böhmen gewandert ist, sind sie nachgereist.  Werde historisch mit uns - #stayhomereadabook

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Seitenzahl: 242

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Impressum

© eBook: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2019

© Printausgabe: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2019

Alle Rechte vorbehalten. Weiterverbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, auch auszugsweise, sowie die Verbreitung durch Film und Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Zustimmung des Verlags.

Lektorat: Regine Weisbrod

Bildredaktion: Marie Danner

Covergestaltung: independent Medien-Design, München

eBook-Herstellung: Yuliia Antoniuk

ISBN 978-3-8342-3061-4

1. Auflage 2019

Bildnachweis

Fotos: Titelbild (Burg Hohenzollern): AWL Images: J. Langley (Hintergrund), B. Haselbeck (Vordergrund), AKG Images, AWL Images: W. Bibikow, Bridgeman Art Library/Agnew's London, Sir Peter Lely, M. Cusa, Philipp Mould Ltd, London, dpa picture-alliance, akg-images, Arco Images, F. Heuer, H.-J Rech, FinePic, Getty Images, corbis, Fine Art Photographic/Corbis, J. Fischnaller: ZDF, B.Haselbeck, laif: H.-B. Huber, mauritius images: Old, Images/Alamy, Rogier van der Weyden, shutterstock: Atosan, The National Gallery, London, Rogier van der Weyden, Theodoros Vryzakis (Ethniki Pinakotiki A. Soutsou), Trevillion, Ullstein, E. Wolrath/I. Klocke (privat), zero

Syndication: www.seasons.agency

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„Auf unseren Reisen werden die Ideen für unsere Bücher erst ­richtig lebendig. Eine Vorstellung von der Geschichte haben wir zwar schon zuvor, aber die echten Inhalte entwickeln sich erst währenddessen. Es ist, als ob die Ideen dann im Wohnwagen zu uns kommen und plötzlich vor uns stehen. Wir brauchen eigentlich nur einen ganz großen Korb hinzustellen, und die Ideen kommen wie Gold­taler vom Himmel.“

1. Wie alles begann

Den Beginn muss jeder bewältigen, wenn er etwas Neues starten will, sei es nun eine Reise oder ein Buch. Fangen wir also mit uns an. Wir heißen Iny Klocke und Elmar Wohlrath und sind seit vielen Jahren ein Paar – als Eheleute und als Schriftsteller. Bekannt geworden sind wir unter unserem gemeinsamen Pseudonym Iny Lorentz, und unser Erfolg begann mit einer jungen Frau namens Marie, die es als „Die Wanderhure“ auf die Bestsellerlisten, auf Fernsehbildschirme und auf Theaterbühnen geschafft hat. Ohne diesen Roman und die darauf folgenden wären wir nicht das, was wir heute sind. Doch damit haben wir bereits weit vorausgegriffen.

Iny wurde in Köln geboren und wuchs im Vorort Ostheim auf, auf der sogenannten Schäl Sick, der rechten Rheinseite. Damals grenzte der Ortsteil noch an weite Felder und Wiesen, auf denen Iny schon als Kind Hunde spazieren führte. Hunde waren ein bestimmendes Element in Inys Leben, denn ihre Familie züchtete Deutsche Boxer. Schon früh lernte sie, mit den kräftigen Tieren umzugehen und diesen zu zeigen, wer der Chef ist. Folgerichtig jobbte sie als Tierpflegerin und absolvierte eine Lehre als Arzthelferin. Später holte sie auf dem Abendgymnasium das Abitur nach, kam zur EDV und wurde Organisationsprogrammiererin in einem großen Münchner Versicherungskonzern.

Elmar stammt aus dem kleinen Ort Birkenfeld im damaligen Landkreis Hofheim in Unterfranken, wo seine Eltern einen Bauernhof gepachtet hatten. Später zog die Familie ins südliche Bayern auf einen eigenen Hof. Tiere sind also auch aus Elmars Leben nicht wegzudenken. Eine landwirtschaftliche Lehre brach er ab und ließ sich zum Mess- und Regelmechaniker umschulen, wobei er viele Jahre lang als Nebenerwerbslandwirt tätig blieb. Auch wenn zu jener Zeit nichts darauf hinwies, dass sich unsere Wege einmal kreuzen würden, verband uns schon damals die Liebe zu den Büchern – und das nicht gerade zur Begeisterung unserer Familien. So hatten wir mit ähnlichen Vorbehalten zu kämpfen, als wir tatsächlich beide mit etwa zwölf Jahren den Wunsch zum Schreiben verspürten. Erste Skizzen und Geschichten wanderten aufs Papier. Die Abenteuer unserer Fantasie schützten uns vor den Kränkungen im realen Leben, die lange nicht nachließen. So wurde Elmar, selbst als er bereits erste Erfolge aufweisen konnte, von einem Familienmitglied geraten, doch besser Regale im Supermarkt einzuräumen, als sich im Schreiben zu versuchen.

Während Iny als Jugendliche den Bücherbus der Stadt Köln plünderte, wurde Elmar von seiner Religionslehrerin mit unterschiedlichster Literatur versorgt. Das war ein Segen, denn das eigene Taschengeld reichte nur für ein Romanheft pro Woche. In jener Zeit kämpften Amerika und die Sowjetunion um die Vorherrschaft im Weltall, und wir beide gerieten unabhängig voneinander in den Bann der aufblühenden Science-Fiction-Literatur.

Elmar schloss sich einem kleinen dieser deutschlandweiten gut vernetzten SF-Clubs an und lernte früh nicht nur begeisterte Fans, sondern auch renommierte Autoren wie Walter Ernsting, einen der Gründerväter der Perry-Rhodan-Serie, und Wissenschaftler wie Professor Winfried Petri kennen.

Ehrgeizig, wie er war, nutzte Elmar die Clubmagazine, um seine Geschichten zu veröffentlichen und sich dabei ständig im Schreiben zu verbessern. Vor allem Walter Ernsting, der früh Elmars Talent als Schriftsteller erkannte, hat er wertvolle Tipps zu verdanken.

Das Schicksal wollte es, dass sich Iny, die damals noch in Köln lebte, ausgerechnet Elmars Fantasy-Club anschloss. Wir lernten einander kennen, wenn auch zunächst nur brieflich. Über anderthalb Jahre standen wir in einem immer enger werdenden Briefkontakt. Ging es anfangs um den Club, um Bücher und unsere eigenen Kurzgeschichten, so wurde unser Austausch im Lauf der Monate immer persönlicher.

Ein wenig Entspannung bei unserem ersten gemeinsamen Urlaub auf Nordstrand.

So hatten wir das Gefühl, uns bereits gut zu kennen, als wir uns 1979 zum ersten Mal auf einem Clubtreffen in Innsbruck persönlich begegneten. Allerdings hatte Elmar dort zunächst ein großes Hindernis in Form eines Verwandten zu überwinden, der in der Nähe Urlaub machte und Elmar zu seinem persönlichen Chauffeur ernannt hatte. Als er dessen Fangarmen endlich entkommen war, blieben uns für unser erstes Treffen nur wenige Minuten. Diese kurze Begegnung reichte jedoch aus, um aus erster Sympathie mehr werden zu lassen. Und als Iny kurz darauf nach München umzog, konnten wir uns endlich regelmäßig treffen. Unsere Beziehung wurde immer enger, und 1981 bezogen wir unsere erste gemeinsame Wohnung. Auch nachdem wir ein Paar geworden waren, nahmen das Schreiben von Geschichten und der intensive Austausch darüber einen großen Teil unserer gemeinsamen Zeit ein. Und doch sollte es noch fast zweiundzwanzig Jahre dauern, bis wir schließlich Iny Lorentz wurden.

Just zu jener Zeit, in der wir uns im ersten gemeinsamen Nest einrichteten, wurde unser Clubmitglied Hermann Urbanek vom Heyne Verlag mit der Herausgabe einer Fantasy-Anthologie mit Kurzgeschichten vor allem von amerikanischen und englischen Autoren beauftragt. Mit starkem Herzklopfen erklärte Iny sich bereit, eine Kurzgeschichte beizusteuern, und fand sich so in der illustren Gesellschaft renommierter SF- und Fantasy-Autoren wieder. Darunter waren Größen wie Theodore Sturgeon, Lyon Sprague de Camp, Howard Philips Lovecraft, Katharine Kurtz und Poul Anderson. Es war ein wichtiger Schritt auf unserer gemeinsamen Schriftstellerreise, wobei wir zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal zu träumen gewagt hätten, wohin sie uns einmal bringen würde.

Apropos Reisen: In jener Zeit führten uns die Clubtreffen in viele schöne Städte in Deutschland und Österreich. Neben Innsbruck waren das Marburg an der Lahn, Wuppertal und Herzberg am Harz, um nur einige zu nennen.

1981 reisten wir erstmals nach Frankfurt zur Messe. Elmar hatte Urlaub und war von einem befreundeten Buchhändler gefragt worden, ob er ihn nicht begleiten wolle – nicht zuletzt, um Sprit- und Übernachtungskosten zu teilen. Da Iny etliche Überstunden abzubauen hatte, entschloss sie sich spontan, ebenfalls mitzukommen. Uns drei einte das Ziel, endlich einen Verlag zu finden, der uns unter seine Fittiche nahm. Wir hofften darauf, vor Ort Science-Fiction- und Fantasy-Lektoren von uns als Autoren überzeugen zu können.

Die Messe war jedoch ernüchternd. Von energisch vorpreschenden Chancenergreifern mutierten wir zu jämmerlichen Feiglingen, die mit hängenden Ohren durch die Hallen schlichen. Keiner von uns hatte den Mumm, auch nur einen einzigen Lektor anzusprechen.

Zwar versuchten wir uns beim Abendessen im gemeinsamen Quartier gegenseitig Mut zu machen, doch auch am Folgetag schlichen wir schüchtern durch die Menge, bis unser Begleiter beschloss, die ganze Sache abzubrechen, schließlich musste er am nächsten Tag wieder früh arbeiten. Auf der Treppe Richtung Ausgang meinte Iny trocken: „Wir sind ja wohl echte Helden. Nicht einmal ein Gespräch haben wir geführt und ziehen jetzt ab wie geprügelte Hunde mit eingezogenem Schwanz.“

Das war ein Wort zu viel. Elmar machte auf dem Absatz kehrt und stürmte – mit Iny und unserem Buchhändler im Gefolge – zurück in die Halle, wo er sofort auf den Goldmann Verlag zusteuerte und mit dem Mut der Verzweiflung den für Science-Fiction zuständigen Lektor ansprach. Kaum hatte er gesagt, dass seine Freundin Iny in einer Anthologie bei Heyne veröffentlicht werden würde, meinte dieser nur: „Ach, Sie schreiben SF- und Fantasy-Kurzgeschichten? Dann reiche ich Sie gleich an meinen Anthologisten weiter.“

So lernten wir Thomas Le Blanc kennen und schickten diesem wenig später weitere Kurzgeschichten zu. Diese fanden Gefallen, und so begann eine mehrjährige Zusammenarbeit, dank der wir in etlichen von Thomas Le Blanc herausgegebenen Anthologien zu finden waren.

Als wir ein Jahr später erneut die Frankfurter Buchmesse besuchten, erlebten wir dies ganz anders und sagten uns angesichts der Unmengen an Veröffentlichungen: „Wo es so viele Bücher gibt, ist auch gewiss Platz für eines von uns.“ Mittlerweile sind es ein paar mehr als eines geworden, aber Platz ist immer noch vorhanden. Wie gut, dass wir damals doch noch unser Herz in die Hand genommen haben.

2. Die ersten Reisen

Wir sind beide in unserer Jugend nur wenig herumgekommen – und auch in den ersten Berufsjahren änderte sich daran kaum etwas. Die Treffen der Fantasy-Clubs führten uns zwar in die unterschiedlichsten Städte innerhalb Deutschlands, aber dort sahen wir damals fast nur die Lokale, in denen wir uns intensiv übers Schreiben austauschten.

Vor diesem Hintergrund war das Planen unserer Hochzeitsreise etwas ganz Besonderes. Iny träumte von Paris, daher hätte sie es wohl besser nicht Elmar überlassen sollen, zum Reisebüro zu fahren, denn der buchte kurzerhand Istanbul, weil es deutlich günstiger war als ein Paristrip und unserer damaligen finanziellen Situation angemessen. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung, denn wir haben die Reise sehr genossen und trafen hier zum ersten Mal auf eine für uns bislang unbekannte Kultur, die in uns den Wunsch erweckte, mehr von der Welt zu sehen. Bis wir es schließlich doch nach Paris schafften, sollten übrigens noch dreiunddreißig Jahre vergehen.

Wir flogen also nach Istanbul, wenn auch nur für ein paar Tage. Einige Jahre später blieben wir dann aber gleich zwei Wochen dort, und dieser Aufenthalt sollte seine Spuren in einigen unserer Romane hinterlassen.

Da wir beide ja noch viele Jahre neben dem Schreiben voll berufstätig waren, mussten wir lernen, unsere Urlaubstage geschickt mit Feiertagen und Überstunden zu vermehren, sodass wir möglichst lange unterwegs sein konnten. In der ersten Zeit unserer Ehe waren wir im Schwarzwald, am Bodensee, im Rheinland, in der Eifel und in vielen anderen Regionen Deutschlands, aber eben auch in Istanbul, Tunesien, Marokko, Griechenland, Jugoslawien – das es damals noch gab –, England, Schottland, Wales, Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen und Italien. In Holland und Belgien waren wir im Lauf der Jahre sogar so häufig, dass wir diese Fahrten mittlerweile wie Spaziergänge durch das eigene Umland empfinden.

Auf dem Kamelrücken in die Wüste Sahara.

Eines merkten wir rasch: Wir sind keine Strandlieger. Wenn wir irgendwohin reisen, wollen wir Land und Leute kennenlernen. Museen ziehen uns an wie Magnete, und wo es irgend möglich ist, verschaffen wir uns Informationen über Landschaft, Kultur und Geschichte. Bis heute profitieren wir von diesen frühen Reisen und dem mitgebrachten Material.

Am Anfang unserer Ehe blieben wir der SF-Szene noch treu und fuhren regelmäßig zu den Treffen. Eine Fahrt im Sommer 1982 zu einer großen SF-Convention nach Mönchengladbach ist uns besonders in Erinnerung geblieben. Inys erste Kurzgeschichte war bereits veröffentlicht, und Elmar wusste, dass im folgenden Jahr seine erste Kurzgeschichte in einer Goldmann-Anthologie erscheinen würde.

Auf der Hinfahrt nahmen wir Anton mit, seines Zeichens Koch in einem Hotel in München, dem auf unserer Rast in einem Landgasthof beim Lesen der Speisekarte beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. „Für das Geld kriegst du in München nicht einmal eine Vorspeise!“, rief er angesichts der Preise aus. Obwohl er zunächst skeptisch war, musste er zugeben, dass sowohl die Qualität wie auch die Quantität des Aufgetischten ausgezeichnet waren.

Kurz danach nahmen wir noch Eva, eine befreundete Übersetzerin und Autorin, an Bord – und prompt machte ein paar Kilometer später der linke Hinterreifen schlapp. Nun durfte Elmar den Reifen wechseln. Da wir noch länger unterwegs sein würden, mussten wir in Mönchengladbach zuerst einmal einen neuen Ersatzreifen besorgen. Trotz dieser Nicklichkeiten kamen wir gut an, brachten Anton und Eva zu ihren jeweiligen Quartieren und stellten kurz darauf verblüfft fest, dass in unserem Hotel auch die Ehrengäste der Convention untergebracht waren.

Diese luden uns am nächsten Morgen zu sich an den Frühstückstisch ein, und wir fühlten uns herzlich aufgenommen. So lernten wir die damals bereits renommierten Autoren Kathinka Lannoy aus den Niederlanden kennen, Josef Nesvadba aus der damaligen Tschechoslowakei und Cherry Wilder aus Neuseeland, die zu jener Zeit in Deutschland lebte. Dass wir damals noch blutige Anfänger waren, haben sie uns nicht im Entferntesten spüren lassen. Als Kathinka Lannoy erfuhr, dass wir noch für ein paar Tage in die Niederlande fahren wollten, lud sie uns sogar ein, sie in Egmond aan Zee zu besuchen.

Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir fuhren nach der Convention in die Niederlande und nahmen uns in dem Örtchen Egmond aan Zee ein Zimmer. Elmar sah dort zum ersten Mal das offene Meer und war so beeindruckt, dass er am liebsten den ganzen Tag am Strand entlangspaziert wäre, um auf die anrollenden Wellen zu schauen. Besonders hatten es uns beiden die auf Stelzen stehenden Strandcafés angetan, die bei Flut vom Meerwasser umspült wurden. Einmal mussten wir zwei Stunden warten, bis wir das Café trockenen Fußes wieder verlassen konnten.

Iny drang darauf, dass wir auch ein wenig über Land fuhren, und so waren wir in der Zaanse Schans und sahen dann in Ijmuiden zu, wie die großen Frachtschiffe in den gewaltigen Schleusen gehoben oder abgesenkt wurden.

Wir verbrachten einen unvergesslichen Nachmittag mit Kathinka Lannoy, bevor es dann Richtung Köln zu Inys Großmutter und weiter nach Hause ging.

Bald darauf erhielten wir überraschend eine Einladung zur Ars Electronica in Linz, wo sich hochrangige SF-Autoren aus aller Welt trafen. Wir empfanden das als große Ehre, denn letztlich spielten wir in jener Zeit nur in der Regionalliga mit, während sich hier die Champions League der SF-Autoren versammelte. Umso dankbarer waren wir für den tiefen Einblick in die Szene und die anregenden Gespräche.

Nachdem wir mehrere Kurzgeschichten in den von Thomas Le Blanc zusammengestellten Anthologien veröffentlicht hatten, wurden wir nach Wetzlar zu den dortigen Tagen der Phantastik eingeladen. Thomas war Initiator dieser Veranstaltung und Mitbegründer der Phantastischen Bibliothek. Dort lernten wir neben vielen anderen den ZDF-Journalisten Dr. Jörg Weigand kennen sowie den Schriftsteller Wolfgang Hohlbein, der damals am Beginn seiner grandiosen Karriere stand.

All diese anregenden Treffen mit ihren lehrreichen Vorträgen verstärkten unseren Wunsch, einmal mehr zu erreichen, als ein paar Kurzgeschichten in Anthologien zu veröffentlichen. Wir begriffen jedoch auch, dass der Markt für deutsche Autorinnen und Autoren bei SF und Fantasy eine Nische war und zu bleiben schien. Nur wenige konnten sich auf Dauer wie Wolfgang Hohlbein durchsetzen und auf hohem Niveau behaupten. Zudem war Elmar in jener Zeit mit seiner beruflichen Weiterbildung beschäftigt, sodass wir kaum noch konzentriert schreiben konnten. All diese vielversprechenden Anfänge drohten zu versanden, und uns blieben nur noch die Reisen. Allerdings nahm dabei unsere Sammelleidenschaft für Informationen und Geschichten nicht ab, eher im Gegenteil.

Das erste Mal in England. Das Haus war zwar „for sale“, aber nicht für uns.

Es sollten Jahre vergehen, bis wir einen Neubeginn als Autoren wagten. Wir hatten begriffen, dass wir einen anderen Weg einschlagen mussten, wenn wir unseren Traum vom Schreiben verwirklichen wollten. Wir gewannen Abstand zur SF- und Fantasy-Szene und konnten auf neuen Pfaden wandeln. Wie aller Anfang war auch dieser schwer und zwang uns zu Umwegen. Mehr als einmal zweifelten wir daran, ob es überhaupt noch sinnvoll war weiterzumachen. Doch der Drang zum Schreiben blieb unverändert groß, und schließlich entstand unter unseren Fingern der erste Roman, der es dann auch in die Buchläden schaffte. Es war „Die Kastratin“.

3. Auf den Spuren der Wanderhure

Nachdem wir in den ersten drei Jahrzehnten unseres Lebens kaum in der Welt unterwegs gewesen waren, genossen wir das gemeinsame Reisen umso mehr. Dabei probierten wir unterschiedlichste Reiseformen aus. So flogen wir einmal nach Tunesien und zweimal nach Istanbul. Spanien und Marokko erreichten wir mit dem Bus, und in Deutschland und der näheren Umgebung waren wir mit dem Auto unterwegs. Zunächst übernachteten wir in Pensionen, Ferienwohnungen, Hotels und Jugendherbergen.

Schlussendlich verlegten wir uns aufs Camping, denn wir hatten festgestellt, dass wir unsere Reisen so am unkompliziertesten planen konnten und am meisten zu sehen bekamen. Den Campingplatz brauchten wir außerhalb der Hauptsaison nicht im Voraus zu buchen. Auch konnten wir jederzeit alles zusammenpacken und das nächste Ziel ansteuern.

Zunächst zelteten wir, doch das brachte natürlich einige Einschränkungen mit sich: Es gab keinen Kühlschrank, um Vorräte frisch halten zu können. Und auch wenn unser holländisches Sturmzelt elf Quadratmeter umfasste und aus zwei Abteilungen mit durchgehendem Boden bestand, war es auf Dauer doch arg beengt, zumal die Wände nach hinten und zur Seite stark abfielen und somit der überwiegende Teil nur zum Schlafen zu gebrauchen war. Zudem mussten jedes Mal sechzig Zeltnägel in den Boden geschlagen werden, und so nahmen Auf- und Abbau sehr viel Zeit in Anspruch.

Daher liebäugelte Iny nach ein paar Jahren mit dem Kauf eines Wohnwagens. Elmars Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen, da er fürchtete, mit einem Anhänger deutlich langsamer unterwegs sein zu können. Außerdem behauptete er, ein Wohnwagen wäre sehr umständlich zu fahren. Iny meinte nur lapidar, dass Elmar als Landwirt ja bereits Anhänger gewöhnt sei und den Umgang mit ihnen kaum verlernt haben könnte. Dem hatte Elmar nun wenig entgegenzusetzen, und so kam es, dass wir ab diesem Zeitpunkt die Recherchen für die Wanderhure und die Folgeromane mit dem eigenen Schneckenhaus am Haken – wie Iny es nannte – unternahmen.

Und tatsächlich lernte Elmar bald die Vorzüge des Wohnwagens zu schätzen: Anders als das aus schwerem Segeltuch bestehende Zelt musste er nicht langwierig trocknen, wenn es mal wieder geregnet hatte. Wir verfügten zudem von nun an nicht mehr nur über einen Kühlschrank, sondern auch über einen Dreiflammenkocher und eine Essecke, die in ein Bett umgewandelt werden konnte. Besonders angenehm war die eigene Toilette, da wir nun nicht mehr bei Wind und Wetter bis zum Sanitärgebäude laufen mussten, und vor allem freuten wir uns an genug Stauraum, um Bücher, Laptops und Kleidung unterzubringen.

Wir wurden allerdings auch jetzt nicht zu Campern im üblichen Sinn, die ihren Wohnwagen auf einem malerischen Campingplatz in Position bringen, die Markise ausfahren und Tisch und Stühle hinausstellen, wo der Göttergatte ein gepflegtes Bierchen trinkt, während seine Ehefrau alles vorbereitet, damit er Steaks und Bratwürste grillen kann.

Sind wir mit dem Wohnwagen unterwegs, sind wir in zwei Hauptzuständen anzutreffen: Entweder sitzt jeder von uns mit dem Laptop auf dem Schoß in seiner beziehungsweise ihrer Ecke und schreibt, oder wir sind unterwegs, um uns all das anzuschauen, was uns wichtig erscheint. Ein typischer Tag verläuft in etwa folgendermaßen: Wir stehen früh auf, gehen zu den Duschen, bevor die Masse der Camper aus den Federn steigt und es in den Waschräumen zu einem Gedränge kommt. Anschließend frühstücken wir und setzen uns danach bis kurz vor Mittag an die Laptops und arbeiten. Wir essen eine Kleinigkeit, dann geht es hinaus, um mögliche Kulissen unseres aktuellen Projekts in Augenschein zu nehmen. Wenn es nötig ist, von einem Campingplatz aus eine längere Strecke zu fahren, lassen wir an jenem Tag die Laptops in den Hüllen und brechen gleich nach dem Frühstück auf. Am späten Nachmittag oder frühen Abend kehren wir dann auf den Campingplatz zurück. Am nächsten Morgen schreiben wir entweder wieder und sehen uns anschließend etwas an, oder wir unternehmen die nächste längere Tour.

Unsere erste richtige Recherchereise unternahmen wir bereits mit dem Wohnwagen, und zwar auf den Spuren der Wanderhure. Dabei hatte alles schon Jahre zuvor mit einem Zitat begonnen, auf das Iny in einem Taschenbuch gestoßen war:

Als wir nach Konstanz kamen, gab es in der Stadt drei Hurenhäuser. Als wir sie wieder verließen, nur noch eines, aber das reichte von einem Stadttor bis zum anderen.

So beschreibt der Minnesänger und Diplomat Oswald von Wolkenstein die Stadt Konstanz zur Zeit des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418. Dieses Zitat findet sich in unserer Ausgabe von Joachim Fernaus Sachbuch „Und sie schämeten sich nicht – Eine Sittengeschichte der Deutschen“. In diesem Werk nimmt sich der Autor nicht weniger als zweitausend Jahre Geschichte der Liebesbeziehungen in Deutschland an.

Iny hatte diese Aussage schon als junge Frau schockiert, und just zu der Zeit, in der wir uns schriftstellerisch neu orientierten, brachte sie in einem Gespräch mit Elmar die Frage auf, wie eine so wohlsituierte Stadt, die damals Bischofssitz eines bedeutenden Bistums gewesen ist, moralisch so hatte niedergehen können. Damals hatten wir gerade mit der „Kastratin“ begonnen und suchten zudem eine Kernidee für den nächsten Roman. Es entbrannte eine rege Diskussion, in der wir verschiedene Theorien entwarfen und schließlich zu dem Schluss kamen, dass wir schlicht zu wenige Fakten kannten. Wir beschlossen, der Sache vor Ort auf den Grund zu gehen.

Und so begaben wir uns zum ersten Mal gezielt auf eine Reise, um den Spuren einer zukünftigen Romanprotagonistin zu folgen. Zwar waren wir schon öfter am schönen Bodensee gewesen, aber noch nie in Konstanz. Es erschien uns wichtig, die Heimat unserer Heldin kennenzulernen, damit wir uns besser vorstellen konnten, wo und wie sie dort gelebt hat. Auch wollten wir durch ihre Erlebnisse in unserem Roman den Unterschied zwischen der Zeit vor dem Konzil und während dieses einschneidenden Ereignisses aufzeigen. Da war zum einen die wohlhabende, bigotte Stadt, in der jede Verfehlung streng geahndet wurde, und zum anderen die aus den Fugen geratene Stadt, wie Oswald von Wolkenstein sie beschrieben hatte.

Wir beluden unseren Wohnwagen, wählten im Campingführer einen zentral gelegenen Campingplatz aus und brachen auf. Von Anfang an fühlte sich die Fahrt anders an. Eine unerklärliche Anspannung hatte von uns Besitz ergriffen und war vermutlich mit schuld daran, dass Elmar die Abzweigung zum Campingplatz übersah und ein paar Kilometer weiter die zweifelhafte Freude hatte, mit unserem Wohnwagengespann wenden zu müssen. Wohnwagenbesitzer wissen, wovon die Rede ist ... Auf unseren Reisen haben wir schon mehrmals den Wohnwagen abhängen und mit bloßen Händen auf Achse drehen müssen – zumal wir uns in den ersten Jahren ja auch nur mit teilweise recht ungenauen Landkarten orientieren konnten, da es natürlich noch keine Navigationssysteme gab.

Der von uns ausgesuchte Platz lag in Birnau-Maurach und bot mit seiner Lage am See einen malerischen Blick. Ganz in der Nähe befand sich das Kloster Birnau, das wir am selben Tag noch zu Fuß aufsuchten. Als wir später wieder im Wohnwagen saßen, machten wir uns ans Pläneschmieden für die nächsten Tage. Wir wollten nicht nur Konstanz selbst aufsuchen, sondern auch das Umland erforschen.

Am nächsten Morgen wurden wir durch unmissverständliches Plätschern auf dem Wohnwagendach geweckt. Ein Blick durch das Fenster zeigte, dass Petrus seine Schleusen weit geöffnet hatte und es munter regnen ließ. Als Elmar auf Inys Bitte hin die Regenjacken aus dem Auto holen wollte, musste er feststellen, dass diese zu Hause vergessen worden waren. Es gibt wahrlich Schöneres, als auf einem Campingplatz bei einem kräftigen Landregen ohne Schirm oder schützende Jacke zu den Sanitärgebäuden und wieder zurück laufen zu müssen. So kam es, dass wir nicht sofort der damals noch namenlosen Marie nachspürten, sondern erst einmal zum Einkaufszentrum in Friedrichshafen fuhren, wo wir laut Aussage der Dame vom Campingplatz regendichte Kleidung bekommen würden.

Kaum waren die Jacken gekauft, fanden wir uns im dortigen Buchladen wieder, und die ersten Bücher über das Konzil gingen in unseren Besitz über, was sich als großer Vorteil erwies, denn wir entdeckten darin eine Vielzahl von Anhaltspunkten, was einer Besichtigung wert sei.

Weniger angenehm war das anhaltend miese Wetter. Und so ließen wir uns im Konstanzer Fremdenverkehrsamt zwar in einem Stadtplan die wichtigsten Gebäude markieren, steuerten jedoch rasch das nächste Café an, um uns aufzuwärmen und ein wenig trocknen zu können. Ein Schirm ist für uns keine brauchbare Option, denn wegen ihrer Gehhilfen kann Iny keinen tragen, und wir können auch nicht nahe genug nebeneinander gehen, als dass ein Schirm uns beide vor Regen geschützt hätte. Nicht nur deshalb trauerten wir den in München gebliebenen regendichten Hosen nach, die uns zumindest trockene Beine beschert hätten. Trotzdem wagten wir uns wieder ins kühle Nass hinaus. Als wir durchgefroren vor dem im Regen düster wirkenden Konzilsgebäude standen, in Konstanz zu „Konzil“ abgekürzt, hätten wir uns niemals träumen lassen, dass darin im Jahr 2014 anlässlich des sechshundertsten Jahrestags des Konzils auch unsere „Wanderhure“ ausgestellt werden würde ...

Anschließend gingen wir noch bis zum Pulverturm weiter, beschlossen dort aber, es erst einmal gut sein zu lassen und in den nächsten Tagen noch einmal nach Konstanz zu fahren.

Auf dem Weg zu unserem Auto kamen wir an einer Buchhandlung vorbei. Nun üben Buchhandlungen auf uns eine magnetische Wirkung aus, sodass wir auch hier unsere nassen Hosenbeine vergaßen und eintraten. Im Laden fragten wir nach weiteren Büchern über den Ablauf des Konzils. Von der Buchhändlerin wurde uns die Chronik von Konstanz ans Herz gelegt, deren ersten zwei Bände wir dann sogleich mitnahmen. In Band eins werden gegen Ende die Vorbereitungen für das Konzil beschrieben, und in Band zwei findet sich der genaue Ablauf.

Den folgenden Regentag nutzte Elmar, um sich durch teilweise staubtrockene Eintragungen zu kämpfen. Doch sein Enthusiasmus wuchs von Tag zu Tag, denn die Chronik erwies sich als wahre Schatzkiste, und sein Notizblock füllte sich zusehends. Mit einem Mal stieß er einen Jubelruf aus, der Iny förmlich von ihrem Sitzpolster riss.

„Was hast du?“, fragte Iny irritiert.

„Den Höhepunkt unseres Romans, den wir so lange gesucht haben!“ Begeistert las er ihr vor:

Und so versammelten sich die Huren am oberen Münsterplatz und erhoben, als Seine Majestät aus dem Münster trat, ein wüstes Geschrei!

„Ein Aufstand der Huren, stell dir vor! Den hat es wirklich gegeben. Und das ist genau das, was wir brauchen“, erklärte er. „Auf dieses Ereignis hin können wir die Geschichte entwickeln und müssen uns nichts aus den Fingern saugen.“

Der Reformator Jan Hus rechtfertigt sich beim Konstanzer Konzil.

Damit war beschlossen, dass wir, sobald „Die Kastratin“ abgeschlossen war, „Die Hübschlerin“ – so unser damaliger Arbeitstitel – schreiben würden. Andere Romanideen verschoben wir auf einen späteren Zeitpunkt.

In den nächsten Tagen trotzten wir dem weiterhin schlechten Wetter und fuhren zunächst die Orte um den Bodensee ab, die neben Konstanz selbst während des Konzils eine Rolle gespielt hatten. So besuchten wir Buchhorn (den Kern des heutigen Friedrichshafen), Meersburg und dessen Burg, Überlingen, Salem und Bodman.

Damals hatte nur ein geringer Teil der Konzilsteilnehmer in Konstanz selbst eine Unterkunft finden können. Andere wurden in den umliegenden Ortschaften und sogar am Nordufer des Bodensees untergebracht. Man hat diese Teilnehmer Tag für Tag nach Konstanz gerudert und am Abend wieder zurückgebracht. Selbst Kaiser Sigismund, damals noch König, war einer von ihnen, er hatte in der Burg von Meersburg sein Quartier aufgeschlagen. Es dürfte in der Stadt damals ähnlich zugegangen sein wie jetzt in der Hochsaison, wenn sich ganze Busladungen von Touristen auf die Straßen ergießen. Das Konzil war eines der wichtigsten Ereignisse des Jahrhunderts gewesen. Die Kirche befand sich in einer tiefen Krise, und gleich drei Männer erhoben den Anspruch, Papst und damit Oberhaupt der Christenheit zu sein. Daher herrschte große Unruhe im Klerus und im Volk. Das Konzil sollte hier eine Lösung bringen und die Einigung auf einen einzigen Papst.

Uns wurde zunehmend bewusst, welche Beschwernisse die Menschen damals hatten auf sich nehmen müssen, um am Konzil teilnehmen zu können. Dabei waren nicht nur Kirchenmänner und Herren von Stand gekommen, welche die Verhandlungen führten, sondern auch deren zahlreiches Gefolge. All diese Menschen mussten versorgt werden und brauchten neben einem Platz zum Schlafen, Essen und Wein auch Unterhaltungsmöglichkeiten. Neben Würfeln und Brettspielen waren dies in erster Linie Spielleute, Gaukler und Huren. Wie viele Hübschlerinnen – wie die Huren damals genannt wurden – in Konstanz arbeiteten, wird in den Unterlagen unterschiedlich angegeben. Die Zahl schwankt zwischen 800 bis 1600 Frauen des horizontalen Gewerbes. Sie waren aus ganz Europa rekrutiert und mit dem Versprechen auf horrende Einnahmen nach Konstanz gelockt worden.

Die Chronik von Konstanz gibt auch Aufschluss über die Gründe, weshalb die Huren schließlich den Aufstand wagten. So hatte man für die Waren des täglichen Gebrauchs wie Nahrungsmittel Höchstpreise festgesetzt, um zu verhindern, dass damit Wucher betrieben werden konnte. So ganz klappte das aber nicht. Wir zitieren erneut Oswald von Wolkenstein: Komm ich an den Bodensee, tut mir gleich der Beutel weh!