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Moritz Lenz liebt sein ruhiges Leben als Bibliothekar in Hamburg. Ein Ärmelschoner-Typ mit Hornbrille, Thermoskanne und Bleistiftspitzer. Alles geht seinen geregelten Gang. Bis auf seine Kollegin Angelika Maiwald plötzlich ein Mordanschlag verübt wird. Ein Profikiller versucht, sie zu töten. Zum Glück ist Lenz zur Stelle und kann sie retten, gerade noch rechtzeitig. Doch was er nun erlebt, ist so gar nicht nach seinem Geschmack, denn der Langweiler hat versehentlich eine Lawine losgetreten. Angelikas Leben ist noch immer in Gefahr. Und nicht nur ihres. Doch wer steckt hinter dem Anschlag? Die Spur führt viele Jahre zurück in eine Zeit, in der Deutschland durch einen Zaun geteilt wurde. Aber auch Lenz hat ein Geheimnis, dem er sich nun stellen muss. Pressestimmen zur Printausgabe: "Ein sehr gut gelungenes Debüt", (Main-Post), "Eine eindeutige Empfehlung, dieses Buch zu lesen", (Media-Mania), "Gut konstruiertes Puzzle-Spiel", (Heidelberg aktuell), "Ein Hoffnungsstreifen am deutschen Krimihorizont", ("Anna Bella" bei amazon)
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Walter K. Ludwig
Die Wandlitz-Papiere
Der Thriller zur Wende
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Der Bibliothekar
Der Anschlag
Die Erbschaft
Das Rätsel
Die Rothaarige
Der Code
Das Abenteuer
Die Idee
Der Plan
Die Entscheidung
Die Reise
Die Suche
Der Schock
Die Bombe
Die Flucht
Der Clou
Epilog
Danksagung
Vorschau
Impressum neobooks
Sie waren sich schnell einig: Es sollte wie ein Raubmord aussehen. Oder wie eine Beziehungstat. Auf jeden Fall ohne Waffen. Ganz spontan eben. Erwürgen wäre gut, eventuell auch erschlagen. Aber eigentlich erwürgen. Sie wollten Dubajew, Sergej Dubajew. Er war der Beste. Schnell, zuverlässig, diskret. Stellte nie irgendwelche Fragen. War immer sofort zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Tat, was getan werden musste. Immer saubere Arbeit. Nie Klagen. Nie. Erstklassiger Mann. Es dürfte keine Probleme geben. Die Frau war sechsundreißig Jahre alt und lebte allein. Sie sah gut aus. Es gab keinen Mann in ihrem Leben. Es sollte in ihrer Wohnung passieren, am besten spät nachts. Die Gegend war ruhig. Zu den Nachbarn hatte sie keinen näheren Kontakt. Nicht gar keinen Kontakt. Bloß keinen näheren. Höflich distanziert eben. Niemand weit und breit, der Dubajew in die Quere kommen könnte. Auch keine Alarmanlage. Sollte man danach vielleicht noch Feuer legen? Um alle Spuren zu verwischen? Um ganz auf Nummer Sicher zu gehen? Wohl eher nicht. Nur kein allzu großes Aufsehen. Außerdem überflüssig, vollkommen überflüssig, denn: Dubajew hinterließ keine Spuren. Wozu also unnötigen Schaden verursachen? Das brachte doch nichts. Womöglich wurden noch Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen. Das wollte man nicht. Bloß bald müsste es passieren, möglichst bald. Die Sache duldete keinen Aufschub. Bevor noch mehr Unheil angerichtet wurde. Aber ansonsten: nur nicht zu viel Aufwand. Nicht übertreiben. Und keine Schmerzen. Es sollte kurz und schmerzlos sein. Die Frau sollte nicht leiden. Sie waren ja keine Unmenschen.
Was für eine Unverschämtheit da draußen, wirklich! Die Wohnung: Dachgeschoss. Behaglichkeit und Bildung. Jede Wand von oben bis unten voller Bücher. Die Musik: Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in C-Moll, Opus 37. Der Mann: vierzig Jahre alt, mittelgroß, Hornbrille auf der Nase, Strickjacke Pantoffeln. Hingebungsvoll vertieft in seine Tätigkeit, der liebevollen Tätigkeit seiner Bonsai-Bäumchen. Das heißt: Bis eben war er noch vertieft. Bis ihn das ordinäre Hupen eines Autos vor dem Haus aus seiner Idylle riss. Ein Hupen aus der Welt da draußen. Das jetzt in seine Welt drang. Ihn belästigte. Moritz Lenz zuckte zusammen. Versuchte zunächst, sich von seinem Tun nicht abhalten zu lassen. Versuchte weiterzumachen, als ob nichts wäre. Vergebens. Es hupte erneut. Einmal. Zweimal. Direkt unter seinem Fenster. Verdammt! War es jetzt schon so weit, dass sich dieses dumme Proleten-Pack auch in diesem Viertel breitmachte? In Hamburg-Uhlenhorst? Leute ohne Bildung und Kultur und, schlimmer noch, ohne Manieren, ohne Rücksicht? Könnte es nicht Wohnviertel nur für Menschen mit Niveau geben? Quartiere für gebildete, sensible, zurückhaltende und - vor allem - ruhige Zeitgenossen? Für Menschen wie ihn also?
Doch wie sollte man diese Eigenschaften messen? Und vor allem: Wer? Wären separate Wohnviertel nur für Leute mit abgeschlossenem Studium vielleicht die Lösung? Aber gab es nicht auch ungehobelte, laute, rücksichtslose, hupende Akademiker? Fragen über Fragen! Lenz schoss zum Fenster, blickte hinaus. Unten stand ein Auto, aufgemotzte Mittelklasse, am Steuer ein junger Mann. Ohrring. Tattoos. Haare kurz geschoren. Kackbraun gebrannt. Mit einem Wort: primitiv. Der Verursacher seines Ärgers. Aus Lenz' Augen sprach kalter Hass. Eine junge Frau trat aus dem Haus. Typisch: Die dralle Blonde aus dem zweiten Stock, die schon ein paarmal versucht hatte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Erfolglos natürlich. Besaß ein Sonnenstudio und sah auch genau so aus. Eigentlich war sie ja ganz nett. Wie alle im Haus. Trotzdem: Lenz blieb lieber auf Distanz. Grüßte freundlich, sagte auch mal den ein oder anderen belanglosen Satz. Aber nur, im kein Misstrauen zu erregen, um nicht aufzufallen. Ansonsten: Bloß nicht zu persönlich werden, bloß keine Nähe aufkommen lassen. In den fünf Jahren, die er hier wohnte, war nie einer der übrigen Hausbewohner bei ihm zu Besuch gewesen.
Umgekehrt hatte auch Lenz niemanden im Haus jemals besucht. Wozu auch? Er hatte überhaupt selten Besuch. Eigentlich fast nie. Wenn er mal ein paar Tage verreiste, was selten vorkam, gab er seiner Etagen-Nachbarin den Schlüssel für den Briefkasten. Das war schon der Gipfel der Vertraulichkeit. Frau Schad war eine pensionierte Lehrerin, zweiundsechzig Jahre alt, seit drei Jahren Witwe. Jetzt lebte sie alleine, ab und zu kam ihr Sohn zu Besuch. Lenz mochte sie ganz gerne. Unter den Nachbarn galt Lenz als langweiliger Eigenbrötler. Etwas verschroben. Ziemlich verschroben. Jetzt setzte sich die Dralle auf den Beifahrersitz, umarmte stürmisch den Muskelberg am Steuer. Als ob sie sich seit Wochen nicht gesehen hätten. Dabei hatten sie garantiert die letzte Nacht miteinander verbracht, vermutete Lenz. Waren wahrscheinlich nicht zum Schlafen gekommen.
Ohrring steckte seine Zunge in Blondies Mund, ließ sie eine Weile darin kreisen. Reichlicher Austausch von Keimen, dachte Lenz angewidert. Blondie revanchierte sich, streckte ihrerseits ihre Zunge heraus und leckte Ohrring damit übers Gesicht. Ordinär. Dann fuhren sie los. Fahr' unvorsichtig, dachte Lenz boshaft. Zurück zu den Bonsais. Zu Beethoven. Allerdings: Die richtige Ruhe fand er jetzt nicht mehr. Irgendwie war er aus dem Konzept gebracht. Lenz blickte auf seine Armbanduhr: Viertel vor elf. Es war Montag, er hatte frei. Zeit in die Innenstadt zu fahren. Seine freien Tage verbrachte er immer gleich: Sushi, danach Milchkaffee, Zeitung lesen. Ein wenig die Seele baumeln lassen.
Er fuhr mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Dort das übliche Bild: es wimmelte von Polizisten. Nachdem der Hamburger Hauptbahnhof über viele Jahre hinweg einer der größten Drogenumschlagplätze Europas gewesen war, hatte sich, seit neue Herren die Stadt regierten, das Bild total gewandelt. Jetzt glich der Platz fast einem Hochsicherheitstrakt. Ein paar hundert Meter durch die Innenstadt und Lenz hatte sein Ziel erreicht: Ein großes Kaufhaus, in dem in einer der hinteren Ecken eine kleine Sushi-Bar eingerichtet war. Lenz' Stammlokal. Einmal die Woche war er mindestens hier, manchmal auch zweimal, wenn es sich einrichten ließ. Er liebte japanisches Essen und überhaupt alles, was mit Japan zu tun hatte.
Ja, sie war da. Wanvalai. Seine Lieblingsbedienung, eine junge Thailänderin. „Lange nicht gesehen“, sagte sie zur Begrüßung und lächelte ihn an. Lenz freute sich und fasste ihre Worte als fernöstlich verklausulierten Hinweis darauf auf, dass sie ihn vermisst hatte. Er war gerade mal seit einer Woche nicht mehr hier gewesen.
„Viel zu tun, im Moment“, murmelte er und gab seine übliche Bestellung auf: eine Maki-Selektion und ein Alsterwasser. Wie immer packte ihm Wanvalai viel mehr auf den Teller, als dort laut Speisekarte hätte sein müssen. Auch das wertete Lenz als Sympathiebeweis. Seine Stimmung besserte sich schlagartig.
Er war der einzige Gast und so konnten sie ein wenig plaudern. Wanvalai musste den Laden heute ganz alleine schmeißen, also Essen zubereiten und die Gäste bedienen. Sie arbeitete elf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche und sparte für einen Flug in ihre Heimat, die sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte Heimweh. Sie erzählte, dass sie von ihrer Oma träumte. Wanvalai war zwanzig Jahre alt und bildhübsch. Nebenbei brutzelte sie in einer Pfanne ihr eigenes Mittagessen. Nudeln, Shrimps und noch ein paar andere Leckereien. Lenz´ interessierten Blick verstand sie genau richtig: Als das Essen fertig war, gab sie ihm einen ganzen Teller davon ab. Lenz war gerührt. Nach dem ärgerlichen Wochenauftakt vorhin war er jetzt allerbester Laune. Ein Milchkaffee in einem nahegelegenen Bistro, die Lektüre der Tagespresse und das flüchtige Durchblättern des SPIEGEL sowie ein anschließender Stadtbummel rundeten den gelungenen Nachmittag ab, der so ganz nach Lenz' Geschmack war. Es war ein sonniger, milder Junitag. Und Hamburg war einfach seine Stadt.
Am frühen Abend war er zurück in seiner Wohnung. Den Rest des Tages wollte er geruhsam gestalten. Was nicht weiter überraschend war. Denn eigentlich sah fast jeder seiner Abende so aus. Zu Hause bleiben. Lesen. Musik hören. Nach den Bonsais gucken. Vielleicht noch ein wenig im Internet surfen. Etwas Abwechslung in seinen Alltag brachten gelegentliche Opern-, Konzert- und Theaterbesuche. Früher hatte er selber mal Musik gemacht, hatte ganz passabel Querflöte gespielt, eine Zeit lang sogar in einem Orchester. Aber das war lange her. Einen Fernseher besaß Lenz nicht. Nach einem ausführlichen Bericht über „Hitlers Lieblingsrezepte“ hatte er ihn abgeschafft. Davor hatten ihm über längere Zeit hinweg schon allerlei dubiose Sendungen über den aufregenden Alltag von Friseuren, am Herd dilettierende Pseudo-Promis und abgehalfterte Fußball-Präsidenten regelrecht körperliche Übelkeit bereitet. Er vermisste das Gerät kein bisschen. Lieber hörte er Radio, am liebsten NDR Kultur und den Deutschlandfunk. Aber noch lieber las er. Vor allem Schöngeistiges oder Historisches.
Derzeit hatte es ihm ein Buch über die Geschichte der Schweizer Garde angetan. Davor hatte er sich wochenlang in eine Maria-Callas-Biografie vertieft. Als Nächstes hatte er eine umfangreiche Abhandlung über das Japan den 16. Jahrhunderts ins Auge gefasst. Hochinteressant! Lenz war das, was man einen klassischen Bildungsbürger nannte. Ein Schöngeist. Zu früheren Zeiten hätte man ihn vielleicht als „homme de lettres“ bezeichnet. Heute galt einer wie er dagegen eher als Sonderling. Kein Wunder, dass er seinen Beruf als Traumberuf ansah. Ein Beruf, der zum ihm passte wie kein zweiter: Er war Bibliothekar. Diplom-Bibliothekar in der Hamburger Zentralbibliothek am Hühnerposten. Abteilung Literatur, Theater, Kunst. Dort durfte er sich den ganzen Tag mit Dingen beschäftigen, die ihn sowieso interessierten und er bekam auch noch Geld dafür. Einen schöneren Beruf konnte Lenz sich nicht vorstellen.
* * *
Schröder nervte. Er ließ einfach nicht locker. Schröder von „Naturwissenschaften/Technik“. Es war Lenz´erster Arbeitstag in der Woche, und seine Geduld wurde bereits auf das Äußerste strapaziert. Am frühen Morgen. Er hätte jetzt eigentlich Wichtigeres zu tun gehabt. Und Schröder auch. Die Verlage hatte die Vorschauen ihrer Herbstprogramme verschickt, und die Bibliothekare durchforsteten diese nach den für ihre jeweiligen Abteilungen interessantesten Neuerscheinungen. Ein Gesamtbestand von über einer Million Büchern wollte schließlich gepflegt und ständig auf den neuesten Stand gebracht sein. Unerlässlich bei siebenhundert tausend Benutzern jährlich. Doch Schröder machte ich Gedanken über den nächsten Betriebsausflug.
„Ich müsste das diese Woche schon noch definitiv wissen, Herr Kollege“, bohrte er penetrant, „so ein Betriebsausflug muss schließlich vorbereitet werden.“
„Ich kann Ihnen beim besten Willen noch nicht sagen, ob ich mitfahre“, wehrte sich Lenz matt, „ich meine … der Ausflug ist doch erst Ende Juli, und jetzt haben wir gerade mal Anfang Juni. Das sind doch noch fast acht Wochen ...“
„Fünfundfünfzig Tage“, präzisierte Schröder und wies darauf hin, dass die genaue Kenntnis der exakten Teilnehmerzahl eines solchen Vorhabens von enormer Wichtigkeit war. Schließlich hingen davon die Größe des zu mietenden Busses und davon die Kosten für den Einzelnen ab, und schließlich wüsste der Wirt des Ziellokals gerne vorher Bescheid, mit wie viel Leuten er denn zu rechnen habe.
„Was spricht denn dagegen, dass Sie sich schon mal anmelden?“, wollte Schröder wissen.
Alles, dachte Lenz. Er war alles andere als ein geselliger Mensch. Und ein Ausflug mit den Kollegen an die Ostsee und nach Lübeck, nebst Besuch der dortigen Bibliothekskollegen, verbunden mit einem Abstecher in eine Aal-Räucherei und der Besichtigung einer örtlichen Marzipan-Fabrik, überstieg einfach seine Kräfte. Eindeutig.
Mit Grauen dachte er an den bisher einzigen Betriebsausflug zurück, zu dessen Teilnahme er sich hatte breitschlagen lassen. Ziel war der Heide-Park Soltau gewesen, und Lenz war den ganzen Tag von notorisch gut gelaunten, witzigen, plappernden Kollegen und Kolleginnen umgeben. Verschärfend kam hinzu, dass sich offenbar sämtliche schwer erziehbaren, verhaltensgestörten Kinder Niedersachsens, Hamburgs und Bremens untereinander verabredet hatten, just an besagtem Tag den Park ebenfalls heimzusuchen. Da sie außerdem anscheinend alle ausnahmslos extrem schwerhörig waren verständigten sie sich untereinander und mit ihren Eltern grundsätzlich brüllend. Lenz war restlos bedient gewesen, hatte rasende Kopfschmerzen gehabt und war am Abend zutiefst deprimiert in seine Wohnung zurückgekehrt. Einzig Mozarts Zauberflöte hatte seiner gequälten Seele etwas Linderung verschafft. Dieses Horror-Szenario vor Augen, arbeitete sein Verstand jetzt auf Hochtouren: Blitzartig schoss ihm das Repertoire an Ausreden durch den Kopf, das er sich für solche Fälle zurecht gelegt hatte. Nachdem die letzten Male „Opernkarten“ und „Geburtstag des Vaters“ hatten herhalten müssen, entschiede er sich diesmal für „Besuch von der Schwester“. Ein Argument immerhin, dem Schröder nichts entgegensetzen konnte. Vorerst. Endlich konnte er weiterarbeiten. Allerhand, was die Verlage wieder auf den Markt gebracht hatten. Viel Historisches dabei diesmal. Viele Ratgeber. Im Belletristik-Bereich vor allem frustrierte Mittdreißigerinnen, die ihr tristes Sexualleben literarisch verarbeiteten.
* * *
Er wusste Bescheid. Die Angaben waren präzise. Wie immer. Die Frau musste eliminiert werden, und zwar möglichst bald. Bevor alles aufflog. Sie hatten sich jetzt endgültig dafür entschieden, es wie einen Raubmord aussehen zu lassen und nicht wie eine Beziehungstat. Denn die Frau hatte gar keine Beziehung. Wieso eigentlich nicht? Sah doch gut aus. Er betrachtete ihr Foto. Halblange, glatte, braune Haare. Bisschen dünn vielleicht. Bisschen blass. Jedenfalls für seinen Geschmack. Um den Mund herum ein etwas verkniffener Zug, so kam es ihm vor. Aber ansonsten nicht schlecht. Eigentlich schade um sie.
Er hatte freie Hand: erwürgen oder erschlagen, das war ihnen egal. Bloß spontan sollte es aussehen, keinesfalls wie eine geplante, professionelle Tat. Frau überrascht Einbrecher in ihrer Wohnung, der bringt sie um. Der Klassiker also. Das haute keinen vom Hocker, das fiel nicht weiter auf, schon gar nicht in einer Großstadt wie Hamburg. Er hatte sich für erwürgen entschieden. Das war persönlicher. Er war heute in der Stadt angekommen, hatte ein Zimmer in einer billigen Absteige auf St. Pauli genommen. Morgen würde er die Frau an ihrem Arbeitsplatz aufsuchen, würde sich einen persönlichen Eindruck verschaffen, würde sozusagen Witterung aufnehmen. Er würde ihr folgen. Würde sie langsam einkreisen, das Netz allmählich enger ziehen. Sie würde davon nichts merken.
Er schätzte, die Angelegenheit bald erledigen zu können, vielleicht schon in den nächsten Tagen. Es dürfte keine Probleme geben. Er hatte schon wesentlich schwierigere Klienten gehabt. Hatte schon Leibwächter und Alarmanlagen ausschalten müssen. Hatte sich den Weg frei schießen müssen. War verwundet worden. Und jetzt das: eine Bibliothekarin. Eigentlich lächerlich. Viel zu einfach für Ex-Feldwebel Sergej Dubajew. Aber er war Profi, und er tat, wofür er bezahlt wurde. Der Kunde war schließlich König.
Jetzt hatte er Hunger. Er verließ die Absteige, schlenderte über die Reeperbahn, Richtung Große Freiheit. In einem Schnellimbiss gönnte er sich ein halbes Hähnchen mit Pommes Frites, dazu eine Sprite. Alkohol war, wenn er einen Auftrag hatte, tabu. Der benebelte bloß die Birne, beeinträchtigte das Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen. Sex nicht. Der war gut, entspannte Körper und Geist und machte den Kopf frei. Hier war das Angebot auf dem Kiez reichlich. Er nahm eine Schwarze mit dicken Titten und drallem Arsch. Sie war gut.
* * *
„Eine Kopfschmerztablette?“
„Bitte?“
„Ob Sie vielleicht eine Kopfschmerztablette hätten?“
Lenz war so vertieft in seine Arbeit gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass Angelika Maiwald offenbar schon eine ganze Weile neben seinem Schreibtisch gestanden hatte und ihn etwas gefragt hatte. Angelika Maiwald aus der Kinderbuchabteilung. Sechsunddreißig Jahre alt, ledig, sehr apart, zierlich, grüne Augen, brünett, Hornbrille. Immer sehr geschmackvoll gekleidet. Immer sehr gut riechend. Lenz mochte sich nicht recht eingestehen, dass er eine heimliche Schwäche für sie hatte. Abgesehen davon, dass er keinerlei Bedarf nach einer Beziehung hatte: Er hätte sich bei ihr auch null Chancen ausgerechnet.
Und nicht nur er. Angelika Maiwald galt im Kollegenkreis als unnahbar, und auch Lenz selber hatte diesen Eindruck von ihr. Über ihr Privatleben war nur bekannt, dass sie alleinstehend war und von Männern offenbar nichts wissen wollte. Warum, wusste man nicht. Das einzige männliche Wesen in ihrem Leben war ein Kater.
Jetzt fasste sie etwas theatralisch mit ihrer rechten Hand an ihre rechte Schläfe, zog dabei die Stirn in Falten, um die Dringlichkeit ihres Ansinnens zu unterstreichen.
„Äh, ich glaube ...“, stammelte Lenz. Er fasste in seine Hosentaschen, dann in seine Sakko-Taschen. Ein völlig blödsinniges Unterfangen, denn er wusste genau, dass er keine Tabletten dabei hatte. Er selber hatte äußerst selten Kopfschmerzen. Er zog die Schreibtischschublade heraus, guckte hinein. Genauso blödsinnig. „Also, ich weiß nicht, irgendwo ...“
„Schon gut, macht nichts. Danke.“
Und schon war Angelika Maiwald wieder verschwunden. Mist. Wie konnte ihm das bloß passieren? Eine Kollegin bat ihn um Hilfe und er musste passen. Nicht irgendeine Kollegin: Angelika Maiwald! Unverzeihlich. Und dazu höchst ungewöhnlich für ihn. Als Kavalier alter Schule hatte er schließlich auch immer Feuer dabei, obwohl er selber Nichtraucher war.
Er bedauerte diesen Fauxpas außerordentlich. Denn so viel gestand er sich doch ein: Zwar wollte er nichts von Angelika Maiwald, wirklich nicht, aber die wenigen Male, die er direkt mit ihr zu tun gehabt hatte, hatte er ihre Nähe als außerordentlich angenehm empfunden. Jetzt eben auch wieder. Sie hätte ruhig länger bleiben können. Lenz dachte angestrengt nach, ließ die Runde der Kolleginnen und Kollegen in seinem Kopf Revue passieren. Wer könnte helfen? Blum aus der Filmabteilung vielleicht? Lieber nicht. Der machte bestimmt wieder bloß irgendwelche blöden Bemerkungen. Und konnte dann doch nicht helfen. Schimoniak aus der Musikabteilung? Bloß nicht! Der quatschte ihn wieder so zu, dass der halbe Tag dabei draufging. Aber Frau Bobenstein-Hallerbeck! Das war die Lösung! Frau Bobenstein-Hallerbeck von „Geografie, Geschichte, Gesellschaft“. Die klagte immer über Kopfschmerzen. War wetterfühlig, hatte Heuschnupfen außerdem zig verschiedene Allergien. Die hatte sicher was dabei. Lenz flitzte los.
* * *
Angelika Maiwald hatte schlecht geschlafen. Genau genommen hatte sie fast gar nicht geschlafen Warum, wusste sie nicht. Es gab dafür keinen erkennbaren Grund. War es der plötzliche Wetterumschwung? War Vollmond? Oder hatte sie einfach zu viel Kaffee getrunken? Sie hatte keine Ahnung. Vielleicht wusste Herr Müller-Lüdenscheidt mehr. Er hatte ihr besorgt hinterher geblickt, als sie ihre Wohnung verlassen hatte. Herr Müller-Lüdenscheidt war ihr Kater. Sie hatte ihn vor vier Jahren aus dem Tierheim geholt, und er war für sie eines der wichtigsten Lebewesen auf dieser Erde. Und eines der klügsten. Eine Leben ohne Herrn Müller-Lüdenscheidt war für Angelika Maiwald unvorstellbar. Auf der Fahrt mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof waren die Kopfschmerzen gekommen. Ganz plötzlich. Jetzt verstand sie, was ihr Herr Müller-Lüdenscheidt mit seinem Blick hatte sagen wollen! Nämlich: Mädchen, du hast schlecht geschlafen. Du weißt, wie das dann immer bei dir ist. Du bekommst Kopfschmerzen. Du kriegst schlechte Laune. Du wirst unausstehlich. Dir ist alles zu viel. Du bringst nichts zustande. Dein Tag ist gelaufen. Bleib also am besten zu Hause. Wenn nicht, dann nimm wenigstens Kopfschmerztabletten mit.
Das hatte man nun davon, wenn man nicht auf Herrn Müller-Lüdenscheidt hörte. Von den Kolleginnen in ihrer Abteilung konnte ihr niemand helfen. Angelika Maiwald ging zu Lenz. Der kramte aufgeregt in seinen Hosentaschen, stammelte irgendwas und musste dann ebenfalls passen. Sie hatte eigentlich nichts anderes erwartet von diesem komischen Sonderling. Aber zum Glück gab es ja noch Bobi. Das gute, alte Bobensteinchen, auf das immer Verlass war. So auch diesmal: Angelika Maiwald hatte die Auswahl zwischen mehreren Sorten von Tabletten und entschied sich für ein mittelstarkes Medikament. Bobi gab ihr ein Glas Wasser, zeigte Anteilnahme und hatte einige mitfühlende Worte parat.
Das Türschloss war ein Witz. Drei Sekunden brauchte er, um es zu öffnen. Die Wohnung lag im Stadtteil Eilbek, einem ruhigen Viertel, in dem viele Singles wohnten. Es war jetzt genau 22.05 Uhr. Die ideale Zeit für sein Vorhaben. Um diese Zeit begegnete einem kaum jemand im Treppenhaus. In den Wohnungen war noch Leben, die Leute waren noch wach. Fernseher liefen, Musik wurde gehört, hie und da wurde geredet und gelacht. Besser als mitten in der Nacht, wenn es totenstill war. Da fiel jedes Geräusch, vor allem wenn es irgendwie aus dem Rahmen fiel, sofort auf. Gut, er arbeitete nahezu lautlos. Aber meistens zappelten sie ja doch noch irgendwie, strampelten manchmal wie verrückt. Jeder hing eben an seinem kleinen Leben. Da konnte schon mal eine Vase zu Bruch gehen, ein Stuhl umkippen.
Einmal war es einem sogar noch gelungen, sich loszureißen. Im Angesicht des Todes hatte er plötzlich ungeahnte Kräfte entwickelt. Der hatte es dann sogar noch bis zum Fenster geschafft. Mit einem gezielten Messerwurf hatte er ihn stoppen müssen. Er mochte keine Messer. Die waren was für Türken und Araber. Aber da hatte er keine Wahl gehabt. Natürlich hatte er seinen 38er Special dabei, mit Schalldämpfer, wie immer, aber den noch schnell auf die Waffe zu schrauben, dafür war die Zeit einfach zu knapp gewesen.
Am liebsten arbeitete er aus großer Distanz, mit Präzisionsgewehren. Das hatte Niveau, das hatte Stil, das war eine Herausforderung für einen ausgebildeten Scharfschützen wie ihn, das war diskret, sauber und professionell. Musste er direkt am Objekt arbeiten, was ihm weniger lag, bevorzugte er ein Stück Wäscheleine, das zu seiner Grundausstattung gehörte und sich vorzüglich als Würgeinstrument eignete. Oder er nahm seine bloßen Hände, die in der Lage waren, einem Menschen binnen einer Sekunde das Genick zu brechen. Ehrliches, solides Handwerk. Messer aber machten immer eine Riesensauerei.
Die Wohnung lag im zweiten Stock. Auf der Etage gab es noch zwei weitere Wohnungen. Die eine wurde von einem jungen Mann bewohnt, Typ Student, die andere stand derzeit leer. All das hatte er tags zuvor ausgekundschaftet. Gewissenhaft wie immer. Heute hatte er die Frau an ihrem Arbeitsplatz in der Zentralbibliothek aufgesucht. Er hatte sie sofort erkannt. Es schien ihr nicht gut zu gehen. Sie machte einen leidenden Eindruck, rannte nervös von einer Abteilung zur nächsten, bat ihre Kollegen um irgendwas, zog jedes mal erfolglos von dannen. Sie wirkte genervt. Dann wäre das ja sogar eine gute Tat, wenn er sie von ihrem Leid erlösen würde, hatte er boshaft gedacht.
Bei einer fetten Qualle mit einer unmöglichen Frisur hatte sie schließlich offenbar doch Glück gehabt. Er war ihr dann in der U-Bahn bis zu ihrer Wohnung gefolgt. Ihr Zuhause lag nur wenige hundert Meter von der U-Bahn-Station entfernt. Sie hatte einen kleinen Umweg gemacht und in einem Supermarkt Obst, Brot und Katzenfutter gekauft. Katzenfutter? Von einem Haustier hatte sie ihm nichts gesagt! Griffen Katzen ein, wenn man ihrem Frauchen zu Leibe rückte? Wohl eher nicht. Egal, ein Hund wäre auf jeden Fall schwieriger gewesen.
Wenn die Arbeit erledigt wäre, würde er noch einmal die Schwarze vom Kiez aufsuchen, beschloss er, das hatte er sich dann verdient. Die Wohnung lag am Eilbekkanal, der mit Bäumen und Sträuchern gesäumt war. Ideal für seine Zwecke, dort konnte er sich bis zum Einbruch der Dunkelheit verbergen. Hätte er einfach so stundenlang vor dem Haus herumgelungert, ohne Deckung, ungeschützt, wäre das sicher aufgefallen. Er war jetzt in der Wohnung. Der Fernseher lief. Die Frau war im Wohnzimmer. Vorsichtig schlich er durch den Flur. Die Wohnzimmertür war nur angelehnt, langsam drückte er sie auf und spähte in das Zimmer. Die Frau war nicht zu sehen. Dafür räkelte sich ein blödes, fettes Katzenvieh auf dem Sofa, das sofort hochschnellte, als es ihn erblickte und ihn mit großen Augen anstarrte. Sogleich begann es laut zu fauchen.
„Herr Müller-Lüdenscheidt, was ist denn?“, tönte es aus dem Badezimmer.
Da stand sie auch schon im Flur, nur mit einem Bademantel bekleidet, die Haare nass. Das ungläubige Staunen in ihren weit aufgerissenen Augen machte in der nächsten Sekunde fassungslosem Entsetzen Platz. Diese Sekunde nutzte er. Zwei, drei Schritte und er war bei ihr, versetzte ihr einen Kinnhaken. Sie schlug mit dem Kopf an die Badezimmertür, sackte sofort zusammen. Er kniete sich auf ihren Brustkorb, hielt ihr mit einer Hand den Mund zu, drückte mit der anderen ihre Kehle zusammen. Sie war nicht bewusstlos, aber benommen, ihre Gegenwehr war schwach. Der Schlag war recht stark gewesen.
Na also, der Fall wäre erledigt, dachte er. Vielleicht zwei, drei Minuten noch, höchstens, dann hätte sie es überstanden. Ihre Schließmuskeln würden sich öffnen und er hatte Feierabend. Was machte das blöde Katzenvieh? Er wandte den Kopf Richtung Wohnzimmer. Das war ein Fehler.
Denn so sah er den Mann nicht, der durch die Wohnungstür schlüpfte und durch den Flur glitt. Seine Bewegungen waren geschmeidig, präzise und blitzschnell. Der Mann wusste genau, was zu tun war, er zögerte keine Sekunde. Der Schlag kam von hinten und völlig unerwartet, auf beide Ohren gleichzeitig. Er verlor sofort jegliches Gleichgewichtsgefühl, fuhr herum.
„Was zum Teufel ...“
Er war schockiert. Er kam nicht dazu, auch nur den kleinsten Gedanken zu Ende zu denken. Er sah den Mann, er kam ihm irgendwie bekannt vor. Der Mann trat ihm ins Gesicht, mit einer unglaublichen Präzision und Härte, traf genau sein Kinn. Er überschlug sich, rollte durch den Flur Richtung Wohnzimmer. Er spuckte Blut und Zähne. Sein Schädel schien zu zerplatzen. Er tastete nach seiner Waffe. Eigentlich nur formhalber. Um das Gesicht zu wahren. Er wusste, dass er keine Chance hatte, nicht gegen ihn. Der Mann war ein Profi. Ein Nahkampfexperte der allerersten Garnitur. Vielleicht, wenn er nicht schon so angeschlagen gewesen wäre. Wenn sie sich gegenübergestanden hätten, Mann gegen Mann, Auge in Auge. Im ehrlichen Zweikampf. Aber auch dann nur vielleicht. So aber … Eigentlich hatte er schon nach dem ersten Schlag genug gehabt. Mit den Handballen auf beide Ohren. Von hinten. Hinterhältig. Gemein. Wo brachten sie den Leuten bloß so fiese Tricks bei? Er tippte auf Mossad. Oder CIA? Möglicherweise auch Delta Force. Aber was machte so einer hier? Wo kam der plötzlich her?
Der nächste Schlag ging direkt auf seine Kehle. Knapp neben die Stelle, die sofort tödlich gewesen wäre. Ihm wurde schwarz vor Augen. Die Frau röchelte, hustete, sagte etwas. Das blöde Katzenvieh fauchte. Der Mann sagte etwas. Er verstand nichts. Dann verlor er das Bewusstsein. Angelika Maiwald stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Und doch: Zu dem Entsetzen gesellte sich etwas, das fast genauso stark war. Ungläubig staunend starrte sie den Mann an, der ihr soeben das Leben gerettet hatte.
„Verdammt, Lenz, wo kommen Sie denn plötzlich her?“, presste sie mühsam hervor und begann zu husten.
„Moment.“
Es gab zunächst Wichtigeres zu tun. Lenz tastete Maiwalds Kopf ab, ihren Hals, ihr Gesicht, stellte fest, dass sie keine ernsthaften äußeren Verletzungen hatte. „Wie fühlen Sie sich?“, fragte er besorgt.
„Beschissen."
Lenz ging ins Badezimmer, füllte einen Zahnputzbecher mit Wasser, gab ihn Maiwald. Gierig trank sie. Dann begann sie zu schluchzen. Etwas unsicher und unbeholfen nahm Lenz sie in die Arme, versuchte sie zu trösten.
„Es ist vorbei, der kann Ihnen nichts mehr tun.“
Maiwald heulte los. Lenz ging zum Telefon, alarmierte Rettungsdienst und Polizei. Er durchsuchte den Angreifer, nahm ihm Revolver, Schalldämpfer und Messer ab. Mit einem Stück Wäscheleine, das er in seiner Hosentasche fand, verschnürte er ihn fachgerecht: Füße und Hände band er so zusammen, dass sich der Mann keinen Millimeter bewegen konnte, wenn er wieder zu Bewusstsein kam. Laut Pass handelte es sich um einen gewissen Sergej Dubajew, sechsunddreißig Jahre alt, geboren in Grosny, Tschtschenien, aber deutscher Staatsbürger. Ob der Pass echt war? Es klingelte an der Wohnungstür. Polizei und Rettungsdienst.
„Lenz?“
Angelika Maiwald wollte unbedingt noch etwas loswerden, bevor es in ihrer Wohnung jetzt gleich von fremden Leuten wimmeln würde.
"Ja?“
„Danke.“
„Schon gut. Gern geschehen."
* * *
Holzinger war ein misstrauischer, alter Hund. Kriminalhauptkommissar Georg Holzinger vom Hamburger Landeskriminalamt. Abteilung Staatsschutz. Mit einem Kollegen hatte er Lenz an dessen Arbeitsplatz in der Bibliothek aufgesucht. Die Maiwald war krankgeschrieben.Die Streifenbeamten hatten am Abend zuvor mehr oder weniger bloß Maiwalds und Lenz´ Personalien aufgenommen. Angelika Maiwald war nicht vernehmungsfähig gewesen, Lenz ziemlich wortkarg. Jetzt wollte es Holzinger ganz genau wissen. Lenz kam es so vor, als ob er seine Geschichte nun schon ungefähr zum zehnten Mal erzählte.
Wie ihm am Nachmittag aufgefallen war, dass ein Mann die Kollegin Maiwald beobachtete. Wie er bemerkte, dass der Mann ihr hinterher spionierte. Ihr nach Dienstschluss folgte. Wie er sich dann seinerseits an dessen Fersen heftete. Warum? Keine Ahnung, einem unguten Gefühl folgend, irgendwie.„Bemerkte der Mann nicht, dass er verfolgt wurde?“
„Offenbar nicht.“
Wie er sah, dass der Mann vor Maiwalds Wohnung Position bezog, dort wartete, stundenlang, bis zum Anbruch der Dunkelheit. Wie er dann in die Wohnung eindrang. Wie er ihm folgte.
„Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“
„Dazu war keine Zeit mehr, ich meine, er war in ihrer Wohnung ...“
„Mit dem Handy wäre das doch ganz schnell gegangen.“
„Ich habe kein Handy.“
Holzinger starrte Lenz ungläubig an.
„Und dann?“
„Was, und dann?“
„Ja, was war dann in der Wohnung?“
„Da habe ich ihn überwältigt.“
„Einfach so?“
„Ja.“
„Hm.“
Holzingers Kollege sagte die ganze Zeit nichts, machte sich aber eifrig Notizen.
„Herr Lenz ...“
Holzinger hatte jetzt den Tonfall eines gutmütigen, geduldigen Onkels, der mit einem verstockten Kind spricht, die Hoffnung aber noch nicht ganz aufgegeben hat.
„Herr Lenz. Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei dem Mann um einen Profikiller. Und zwar um einen aus der allerersten Liga. Einen, der europaweit arbeitet, vielleicht sogar weltweit.“
„Oh! Tatsächlich?“
„Ja, tatsächlich!“
„Meine Güte!“
„Und Sie haben den überwältigt, so mir nichts, dir nichts ...“
„Ja, nun, was soll ich sagen ...“
„Einfach so ...“
„Tja ...“
Holzinger war wirklich ein verflucht misstrauischer, alter Hund. Ein Spürhund.
„Herr Lenz ...“
Holzinger wirkte plötzlich gut gelaunt. Geradezu amüsiert.
„Meine Frage an Sie lautet nun: Wie haben Sie das gemacht? Der Mann war immerhin bewaffnet.“
Lenz wandt sich. Druckste herum. Faselte. Nun ja, er habe halt den Überraschungsmoment ausgenutzt. Schließlich habe der Mann nicht mit ihm gerechnet. Dann habe er einige Schläge und Tritte angewandt, die er mal in einem Film gesehen habe. Und Glück, ja, ein wenig Glück habe er sicher auch gehabt. Vermutlich ziemlich viel Glück sogar.
„Herr Lenz, bitte! Verkaufen Sie uns nicht für dumm!“
Also gut, nun ja, früher, da habe er mal ein wenig Kampfsport betrieben. Aber das sei wirklich schon sehr lange her. Geradezu unglaublich lange.
„Lenz?“
„Ja?“
Holzinger rückte jetzt sehr nahe an Lenz heran. Seine Augen waren nun ungefähr so durchdringend wie Röntgenstrahlen.
„Was haben Sie eigentlich gemacht, bevor Sie Bibliothekar wurden?“
„Ich? Studiert.“
„Aha.“
