Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Stefan Limbach hat es geschafft. Vom gescheiterten Journalisten und Hartz-IV-Empfänger zum Bestsellerautor. Gleich mit seinem Erstlingswerk gelingt ihm ein Riesenerfolg. Jetzt genießt er die späte Anerkennung und sein Leben. Alles ist gut. Oder? Nicht ganz. Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann von der Staatsanwaltschaft Hamburg hat dringenden Gesprächsbedarf. War der frischgebackene Erfolgsautor in jungen Jahren ein militantes, gewalttätiges Mitglied der linksautonomen Hausbesetzerszene in der Hafenstraße? Vielleicht sogar ein Mörder? Das möchte der Oberstaatsanwalt gerne wissen. Limbach stolpert in die Fänge der Justiz. Das ist nicht sein einziges Problem. Ihm selber kommt ein ungeheurer Verdacht: Sein eigener Verleger, so scheint es, hat eine dunkle Vergangenheit. Ein sehr dunkle. Der sensible Autor muss plötzlich an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen. Und gerät dabei in allerhöchste Gefahr. "Geil! Jetzt merke ich, wie das Koks wirkt." Der Ex-Senator hatte sich zwei Linien reingezogen. Es klopfte an der Tür. Einer der beiden Begleiter des Ex-Senators ging hin und öffnete. Draußen standen zwei Nutten. Der Ex-Senator öffnete seine Hose.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Walter K. Ludwig
Gaukler
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Gaukler
Personen
1. Große Freiheit
2. Emil und die Detektive
3. Porno
4. Gewalt
5. Blutspur
6. Streng geheim
7. Zugriff
8. Verhör
9. Abgebrüht
10. Adel
11. Angst
12. Heldin
13. Der Anschlag
14. Schock
15. Ratlos
Danksagung
Impressum neobooks
Walter K. Ludwig
Gaukler
In memoriam Waltraud Schmalz
(1928 - 2020)
Das Vergangene ist nicht tot.
Es ist nicht einmal vergangen.
(William Faulkner, 1897 – 1962)
Personen
Stefan Limbach: Bestsellerautor; hat die Krise
Ernesto Biedermann: Oberstaatsanwalt; hat's nicht leicht
Silke Schröder: Journalistin; hat viel Ehrgeiz
Bertram Wolf: Fotograf; immer auf der Jagd
Hans-Ulrich Mathes: Chefredakteur; mag Zahlen und Autos
Nui Choonhavan: Verkäuferin; mag Limbach
Catrin Balkenberg: Ministerialrätin; hilft Limbach
Moritz Lenz: Bester Freund; hat Zweifel
Dr. Theodor Meier-Streng: Leitender Oberstaatsanwalt; hat`s bald geschafft
Enno zu Götzburg: Privatier; mag keine Taxifahrer
Peter-Heinrich Wagner: Verleger; hat viel zu verlieren
Denise Ziessner: Kassiererin; regt sich leicht auf
Vivien Hansen: Kellnerin; überrascht Limbach
Heiner M. Grotelüschen: Buchhändler; weiß viel
Peggy Fazzinetti-Scalabrino: Kellnerin; weiß was gut ist
Ulla Leer: Lehrerin; weiß zu viel
Emil Kostner: Kriminalhauptkommissar; wüsste gern mehr
Ein Engel: macht Limbach Mut
Cora Wachowiak: blond
1. Große Freiheit
Stefan Limbach, eine Leserin, ein Schnösel, Peggy Fazzinetti-Scalabrino, Silke Schröder, Nui Choonhavan
Erfolg ist wie ein scheues Reh. Er lässt sich nur selten und nur bei wenigen blicken. Und bei der geringsten falschen Bewegung ist er wieder verschwunden. Wer hat das gesagt? Stefan Limbach denkt nach. Es fällt ihm nicht ein. Oder ist er es etwa selbst gewesen, dem dieser weise Spruch eingefallen ist? Dieses, wie er findet, sehr passende Bild. Gut möglich. Ihm ist schon so manches in den Sinn gekommen. Viel dummes Zeug. Müll. Aber gelegentlich eben auch der ein oder andere ganz brauchbare Gedanke.
Und dann, vor zwei Jahren, diese geniale Idee. Deren Verwirklichung sein Leben von Grund auf verändert hat. Nicht von heute auf morgen, nein. Aber dann irgendwann eben doch.
Luxusfrühstück in einem Nobelhotel an der Alster.
Limbach hat Zeiten erlebt, in denen er manchmal mit drei Euro in der Woche auskommen musste. Er kann sich noch gut daran erinnern. Es ist noch keine zwei Jahre her.
Jetzt: Schampus, Lachs und Pipapo. Knallroter Lamborghini vor der Tür. Rolex am Handgelenk. Und Penthouse in Pöseldorf, zweihundert Quadratmeter. Drüben, auf der anderen Seite der Alster.
„Entschuldigung?“
Limbach blickt auf. Vor ihm steht eine schlanke Frau. Mitte vierzig. Vielleicht auch Ende vierzig. Gut erhalten.
„Ja?“
„Sind Sie Stefan Limbach?“
„Kommt drauf an.“
„Worauf?“
„Sind Sie von der Presse?“
„Nein.“
„Okay, dann bin ich's.“
Die Frau lächelt verlegen. Limbach ist freundlich. Er will ihr die Scheu nehmen.
Er weiß, was sie will. Er lächelt.
„Haben Sie's dabei?“
„Oben auf meinem Zimmer. Ich würde es schnell holen.“
„Okay.“
Die Frau eilt davon. Limbach sieht ihr nach. Und freut sich. Eine Leserin. Eine Leserin seines ersten und bisher einzigen Buches. Das sie offenbar mit hierher, nach Hamburg, genommen hat. Oder vielleicht hier gekauft hat. Und hier liest. In der Bahn. Im Hotelzimmer. An der Alster. An der Elbe. Wo auch immer. Sein Buch. Ein Roman. Ein Krimi.
Genau genommen: Ein hanebüchenes, vom Verlag dreist als Politthriller tituliertes Machwerk, gespickt mit dunklen Verschwörungstheorien, Halbwahrheiten, Andeutungen und Stammtischparolen, garniert mit etwas Action und ein wenig Sex. Sabbernde Männer-Fantasie. Und ein Mega-Erfolg. Genau das, was die Leute derzeit offenbar lesen wollen. Zum Glück. Für ihn. Die Grundlage seines neuen Lebens.
Die Frau kommt zurück. Ihre Wangen haben sich ein wenig gerötet. Was gut zu ihren dunkelrot getönten Haaren passt.
Sie hält ein Exemplar seines Buches in der Hand. Sie schlägt es auf und hält es ihm hin. Und lächelt dabei verlegen wie ein kleines Mädchen.
„Hier, bitte.“
Limbach sieht sie freundlich an.
„Für?“
„Sabine aus Dortmund.“
Routiniert und gönnerhaft signiert der Bestsellerautor das Exemplar. Die Frau bedankt sich artig und verabschiedet sich schnell. Limbach muss an das Reh denken. Das sich so selten blicken lässt. Und so schnell wieder verschwindet.
„Darf's noch was sein? Noch ein Glas Champagner vielleicht?“ Die Bedienung ist an den Tisch getreten.
„Nein danke, muss noch fahren.“
Der Gedanke an das Reh ist Limbach eine Warnung. Immer und überall. Bloß keine falsche Bewegung, denkt er. Sonst ist es gleich wieder weg.
Limbach ist fest entschlossen, alles richtig zu machen. Aber was ist richtig? Und was falsch? Das sagt einem ja keiner. Keiner. Ja, Limbach ist ein Erfolgsautor. Aber erst seit kurzem. Seit sehr kurzer Zeit. Gestern noch Hartz-IV-Empfänger. Heute Bestsellerautor. Liebling der Medien, Stammgast in sämtlichen Talkshows. Alle möglichen und unmöglichen Preise abgeräumt. Und, bisheriger Höhepunkt seiner noch jungen Schriftsteller-Karriere: Neuerdings Jury-Mitglied bei „Deutschland sucht den Super-Autor“. Der Bohlen der Buchbranche.
Eigentlich gibt es zwei Limbachs. Der eine ist für die Medien. Mitunter wild pöbelnder Skandal-Autor, der die Erwartungen der begeisterten Meute punktgenau bedient. „Kinski der Krimi-Szene“ hat eine junge Journalistin kürzlich voller Bewunderung geschrieben. Das war, nachdem Limbach in einer Fernsehdiskussion gesagt hatte, die Argumente der Initative „Eine Schule für alle“ erinnerten ihn an die Roten Khmer.
Riesen-Eklat. Fernseh-Rat.
Tags darauf sind die Verkaufszahlen von Limbachs Buch erneut in die Höhe geschnellt.
Der andere Limbach ist der Limbach für die Leser. Wann immer ein Leser, eine Leserin an ihn herantritt, reagiert er freundlich und mit ausgesuchter Höflichkeit. Nicht aus Berechnung. Sondern aus tiefster Überzeugung. Und aus ehrlicher Freude. Denn er liebt seine Leser. Am Anfang, als er noch nicht so bekannt und erfolgreich war, hat er sogar einen besonderen Service angeboten: Hauslesungen bei Lesern. „Autor kommt zu Ihnen nach Hause und liest“ hat der entsprechende Eintrag auf seiner Homepage gelautet.
Honorar: Eine warme Mahlzeit.
Jetzt, wo er berühmt ist, geht das natürlich nicht mehr. Leider. Dafür sind andere Dinge möglich. Dinge, die er vor kurzem noch nicht für möglich gehalten hätte. Eindeutige Angebote von wildfremden Frauen zum Beispiel.
Hoffnungsvolle Nachwuchsautoren, die ihm ihre Manuskripte in die Hand drücken.
Windige Literatur-Agenten, die ihm ihre Dienste anbieten und die abenteuerlichsten Versprechungen machen. Und Verleger, die ihn mit unsittlichen Angeboten abwerben wollen, sowieso.
Limbach zahlt, gibt der Bedienung ein üppiges Trinkgeld und geht. Er setzt sich an das Steuer seines Lamborghini Aventador und startet den 700-PS-Motor. Klima-Zerstörung? Limbach ist sich der Problematik durchaus bewusst. Aber der Sound beruhigt nun mal seine Nerven. Und das ist gut für seine Gesundheit. Und seine Gesundheit geht ihm nun mal über alles. Außerdem vermeidet er schon seit Jahren konsequent Flugreisen – seit ein Kollege mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter auf der Rückreise aus der Dominikanischen Republik abgestürzt ist. Seine CO2-Bilanz kann sich also durchaus sehen lassen, findet er. Jedenfalls vergleichsweise.
Ohne festes Ziel fährt Limbach los. Zunächst dreht er eine Runde um die Außen-Alster. Vor dem amerikanischen Generalkonsulat muss er wie immer einen Umweg machen, weil dort aus Sicherheitsgründen die Straße gesperrt ist. Bin Ladens Vermächtnis. Aus dem CD-Player tönen die Stones. „Time is on my side“, nölt Jagger. Limbachs Lieblingsstück neuerdings. Davor hat er oft „Paint it black“ gehört. Wie sich die Zeiten ändern, denkt er.
Bis zu seiner Verabredung ist noch jede Menge Zeit. Er fährt stadtauswärts Richtung Autobahn. Auf der A7 Richtung Kiel jagt er den Lambo kurz auf
250 hoch. Ein schwarzer BMW will es mit ihm aufnehmen.
„Wohl größenwahnsinnig“, knurrt Limbach belustigt und wirft dem Mittzwanziger-Schnösel am Steuer einen mitleidigen Blick zu. Dann tritt er das Gaspedal kurz durch und der BMW-Schnösel gibt bald entnervt auf. „Da muss Papi das nächste Mal wohl noch etwas tiefer in die Tasche greifen“, sagt Limbach halblaut vor sich hin und sieht dabei triumphierend in den Rückspiegel, wo der BMW immer kleiner wird und bald nicht mehr zu sehen ist. Limbach fährt bis Höhe Neumünster und macht sich dann auf den Weg zurück nach Hamburg. Wie immer am Steuer des Lambo ist er in einem Hochgefühl. Ein fast rauschhafter Zustand. High ohne Drogen. Die Pferdestärken röhren und tragen ihn in einem Wahnsinnstempo voran.
Limbach geht es gut. So gut wie noch nie in seinem Leben. Endlich ist er da angekommen, wo er immer hinwollte. Ganz oben. War auch höchste Zeit.
Er hat schwere Jahre hinter sich. Sehr schwere. Fast wie Bukowski. Na ja, nicht ganz. Der hatte es erst mit fünfzig geschafft, hatte dann noch dreiundzwanzig gute Jahre und hatte dann zügig ausgecheckt.
Wie viel Zeit mir wohl bleibt, überlegt Limbach. Je erfolgreicher er wird, desto ängstlicher wird er auch. Morgen kann alles schon wieder vorbei sein, sagt er sich oft. Die Angst sitzt tief. Umso mehr, als sein Erfolg auf einer Lüge basiert, im Grunde genommen. Auf einer Riesenverarschung jedenfalls. Und wenn alles auffliegen würde? Bald? Oder irgendwann? Nicht auszudenken.
„It's all over now, baby blue“, singt Jagger.
Zurück in Hamburg, stellt Limbach den Lambo in einem Parkhaus in der Innenstadt ab und sucht dann sein nahegelegenes Stamm-Bistro auf. Er setzt sich an seinen ständig für ihn reservierten Stammplatz in der Ecke, von wo aus er das ganze Lokal gut im Blick hat. Die Bedienung begrüßt ihn freundlich und bringt ihm einen Milchkaffee und die Tageszeitungen, ohne dass er etwas sagen muss. Flüchtig blättert er die Zeitungen durch. Nirgendwo steht etwas über ihn und er verliert schnell das Interesse. Von den umliegenden Tischen trifft ihn der ein oder andere neugierige Blick. Doch niemand behelligt ihn. Allenfalls wird hie und da ein wenig getuschelt. Limbach hat nichts anderes erwartet. In Hamburg passiert es ihm selten, dass er angesprochen wird. Eigentlich fast nie. Und wenn doch, dann von Touristen. Das schätzt er an Hamburg. Hier können die berühmtesten Hollywoodstars völlig unbeachtet mitten durch die Innenstadt schlendern. Was andernorts hysterische Reaktionen auslösen würde, lässt die Leute an der Elbe weitgehend kalt. Jedenfalls tun sie so. Hanseatische Gelassenheit eben. Oder Blasiertheit. Das kann man sehen, wie man will.
„Was macht die Karriere?“, fragt Peggy, die Bedienung.
„Geht voran“, behauptet Limbach.
„Hast du inzwischen mit deinem zweiten Buch angefangen?“
„Klar, schon längst“, lügt er frech.
„Brav. Kriegst auch 'n Eis. Mach ich persönlich.“
„Super.“
Das mit dem zweiten Buch ist Limbachs neueste Notlüge. Er tischt sie jedem auf, der ihn danach fragt. Die Wahrheit ist: Er ist vollauf damit beschäftigt, sein neues Leben in vollen Zügen zu genießen und weit davon entfernt, an einem weiteren Buch zu arbeiten. Ob er es jemals tun wird, steht in den Sternen. Worüber sollte er schreiben? Er hat nicht die leiseste Ahnung.
„Baby, you 're out off time“, hat Jagger vorhin noch gesungen.
* * *
„Time, Newsweek, New York Times...“
„Wow!“
„... Paris Match, Times, Corriere della Sera...“
„Echt?“
„... Asahi Shimbun, Dagens Nyheter, El Pais...“
„Sag' bloß!“
„... Bangkok Post, Washington Post, Main-Post.“
„Och komm!“
„Mensch Stefan, wir haben Anfragen aus der ganzen Welt. Alle wollen die Titelstory über dich nachdrucken.“
„Toll.“
„Ja, nä?“
„Da rollt der Jubel ja.“
„Komm, für dich aber auch.“
„Hm.“
Abendessen in einem Nobelrestaurant am Hafen. Stefan Limbach und Silke Schröder. Austern für Schröder. Steak für Limbach. Silke Schröder ist Journalistin. Genauer: Skandal- und Sudel-Reporterin bei einem vielgelesenen Revolverblatt mit Sitz in Hamburg. Abteilung Blut und Sperma.
Und Limbachs Komplizin, sozusagen. Sechsundreißig. Blondes Gift. Eiskalt und skrupellos. Typ falsche Schlange. Bereit, für ihre Karriere über Leichen zu gehen. Im gewiss nicht zimperlichen Kollegenkreis wird sie, irgendwie passend, „SS“ genannt. Was sie nicht weiß. Limbach kennt sie seit ihrem Volontariat. Als er noch Redakteur bei einer angesehenen Tageszeitung war. Kultur-Korrespondent in Hamburg. Vor hundert Jahren. Seitdem sind sie befreundet. Warum weiß Limbach manchmal nicht so genau.
SS ist die Initiatorin seines Erfolgs. Ohne sie wäre er immer noch auf Hartz IV. Erst ist sein Buch nämlich gar nicht gut gelaufen. Unbekannter Autor, kleiner Verlag, gleichgültiger Verleger, schlechte Karten, bei annähernd hunderttausend Neuerscheinungen in Deutschland pro Jahr.
Dann kam SS. Mit einem teuflischen Plan. Brachte in ihrem Revolverblatt eine groß aufgemachte Titelgeschichte über Limbach und seinen Roman. Lobte das Werk über den grünen Klee. Neue Ära der Kriminalliteratur und so. Präsentierte ihn selbst als schwulen, jüdischen Ex-Junkie mit linksautonomer Hausbesetzer-Vergangenheit. Geläuterter Bürgerschreck aus gutem Hause, die Masche.
Alles erstunken und erlogen. Außer das mit dem guten Hause.
Tags darauf wurden die Buchhandlungen gestürmt und in der Druckerei liefen die Maschinen heiß.
Und Limbachs neues Leben begann.
Mit ungeahnten Möglichkeiten. Er hat es SS zu verdanken. Jetzt kommt sich Limbach vor wie Faust. Der Faust von Goethe. Mit Schröder als Mephisto.
Wie SS ihren Chef dazu gebracht hat, ihn, einen völlig unbekannten, kleinen, allenfalls mäßig begabten Möchtegern-Autor auf sechs reich bebilderten Heftseiten zu präsentieren, möchte er lieber nicht wissen.
Natürlich hat sie nicht aus purer Freundschaft gehandelt. Noch nie in ihrem Leben hat Silke Schröder etwas ohne Berechnung getan. Sie kassiert fünfzig Prozent seiner nicht unbeträchtlichen Tantiemen. Egal. Limbach hat ihr alles zu verdanken.
Sein Buch ist jetzt seit genau einem Jahr auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und ein Ende der Nachfrage ist nicht abzusehen.
Eines ist ihm allerdings klar: Man darf SS niemals den Rücken zudrehen! Wirklich niemals. Dreh' ihr den Rücken zu, und sie rammt dir ein Messer hinten rein, sagt er sich immer wieder. Eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken. Weiß man das und hält sich konsequent an diesen Grundsatz und noch an ein paar andere, hat man theoretisch eine kleine Chance, die Begegnung mit ihr zu überleben. Eine kleine. Theoretisch.
Limbach schaudert.
„Wie viele Lizenzen hat dein Verleger eigentlich bisher verkauft?“, flötet Silke Schröder. Ihre Pupillen haben die Form von Euro-Zeichen.
„So um die zwanzig, glaub' ich. Korea ist jetzt auch dabei. Und Japan. Mit Thailand verhandelt er gerade.“
„Geil!“
Limbach hat den Eindruck, dass das Thema sie sexuell erregt. Er legt nach.
„Kanada und Brasilien hat er letzte Woche klar gemacht. Norwegen und Finnland die Woche davor. Und für nächste Woche haben sich zwei Herren aus China angekündigt.“
Silke Schröder rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.
„Na also. Läuft doch. Ich sag's ja. Filmrechte?“
„Noch nicht, soweit ich weiß.“
„Kommt noch, wirst sehen.“
„Ich weiß nicht...“
„Aber ich. Herr Ober!“
Der Ober eilt beflissen herbei und deutet eine Verbeugung an.
„Der Champagner perlt nicht.“ Silke Schröder hält ihm mit vorwurfsvollem Blick ihr Glas hin.
„Entschuldigung. Ich kümmere mich sofort darum.“ Er verbeugt sich ein weiteres Mal, nimmt das Glas und fliegt davon.
„Bei fünfzehn Euro pro Glas kann man ja wohl erwarten, dass einem nicht irgendwelches abgestandenes Gesöff vorgesetzt wird“, erklärt Silke Schröder dem peinlich berührten Limbach. Er sagt nichts.
„Hast du dir schon mal über eine Theaterverwertung Gedanken gemacht?“
„Äh, nee. Eigentlich nicht.“
„Solltest du aber. Kann mächtig Schotter bringen, wenn das Ding gut läuft.“
Limbach fröstelt.
„Erstmal müssen die natürlich was für die Bühnenaufführungsrechte abdrücken, is' ja klar. Dann gibt’s obendrauf nochmal zehn Prozent vom Einspielergebnis für den Autor. Mindestens. Alles Verhandlungssache.“
„Aha.“
„Kannst du mir glauben. Ich habe mich ausgiebig mit dem Thema befasst. Brecht war Millionär. Mehrfacher. Wusstest du das?“
„So? Nee. Trotzdem, ich weiß nicht. Das ist für die Bühne doch völlig ungeeignet. Wie soll das gehen? Selbst als Film kann ich mir das kaum vorstellen. Viel zu komplex, das Ganze.“
„Deren Problem. Hauptsache, sie machen Knete locker. Wie sieht's mit den Hörspielrechten aus?“
„Keine Ahnung.“
„Aber auf die Idee, eine Hörbuch-Fassung rauszubringen, wird dein Verleger, dieser linke Knispel, ja wohl selber kommen, oder?“
„Ich weiß nicht. Ich denke schon. Vielleicht...“
Silke Schröder wirft Limbach einen mitleidigen bis verständnislosen Blick zu.
„Honey, ich seh' schon, ich muss noch kündigen und offiziell deine Agentin werden.“
Limbach schluckt und lächelt gequält.
„Andererseits kann ich da, wo ich jetzt bin, am meisten für dich tun. Mehr als jede Agentin wahrscheinlich.“
„Vermutlich.“
„Ganz sicher.“
Falsche Schlange.
Der Ober bringt ein neues Glas Champagner. Silke Schröder mustert es kritisch und führt es, nachdem es Gnade vor ihren Augen gefunden hat, zum Mund. Sie nickt dem Kellner zu, der sich daraufhin erleichtert verzieht.
„Und du willst wirklich nicht?“
„Nee, wirklich nicht.“ Limbach trinkt brav von seinem Alsterwasser.
„Versteh' ich nicht. Ich trinke ja nichts anderes. Grundsätzlich.“
„Ich weiß. Ein anderes Mal gerne. Muss aber nachher noch fahren. Hab' außerdem danach noch was vor.“
„Verstehe. Nui?“
„Hm.“
Schröder grinst
„Willste noch einen wegstecken?“
„Wenn du es so formulieren möchtest.“
* * *
Nachdem Limbach Silke Schröder mit dem Lambo zu Hause in Eppendorf abgesetzt hat, steuert er ein weiteres Mal die Innenstadt an. Ziel diesmal: Der Neue Wall. Dort jobbt seine derzeitige Teilzeit-Freundin Nui in einer Edelboutique. Teilzeit deswegen, weil sich Limbach ungern festlegt. Allerdings ist Nui seit bald zwei Jahren öfter an seiner Seite zu sehen als andere Frauen. Er selbst bezeichnet sie als Glück seiner späten Jahre. Ob er das ernst meint oder scherzhaft, darüber gehen die Meinungen auseinander. Tatsache ist, dass Nui bisher nicht bei ihm eingezogen ist. Sie ist zweiundzwanzig, kommt aus Thailand und ist wunderschön. Bildhübsches Gesicht, zierliche Gestalt, lange, schwarz glänzende Haare.
Wie immer, wenn er sie abholt achtet Limbach darauf, dass er mit dem Lambo kurz vor Geschäftsschluss direkt vor der Boutique vorfährt. Nui hat viel Sinn für Prestige und Statussymbole und weiß diese Geste sehr zu schätzen.
Des Neides und der Bewunderung ihrer Kolleginnen kann sie sich dann jedes Mal sicher sein. Die sind über Porsche- und Mercedes-Fahrer bisher nicht hinausgekommen.
Nui begrüßt Limbach mit einem Küsschen auf die Wange und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz.
„Wie war dein Tag?“, erkundigt sie sich.
„Anstrengend. Bin den ganzen Tag nicht rausgekommen und hab' die ganze Zeit geschrieben.“
„Du Ärmster.“
Nui setzt eine mitfühlende Miene auf und gibt Limbach zum Trost für sein hartes Los ein weiteres Küsschen.
„Bist du wenigstens vorangekommen?“
„Klar. Ich halte jeden Tag eisern mein Pensum ein. Weißt du doch. Und wie war's bei dir?“
„Wie immer. Frauen mit zu viel Geld und noch mehr Zeit.“
Limbach überschlägt in Gedanken, wie lange es wohl noch dauern würde, bis er genug Geld zusammen hätte, um Nui eine eigene Boutique kaufen zu können. Er hat null Ahnung von der Branche, aber für n' Appl und n' Ei waren diese Nobel-Schuppen in 1-a-Lage bestimmt nicht zu bekommen. Vermutlich hat SS recht und er sollte sich selbst um die Vermarktung seines Buches kümmern. Sein Verleger ist zu dem Bestseller, wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Ist so einer für Geschäfte im ganz großen Stil der richtige Mann?
Limbach macht sich manchmal ein wenig Sorgen um seine Freundin. Sie hat keine Ausbildung, keinen Schulabschluss, der in Deutschland anerkannt wird und lebt mehr oder weniger von einem Tag zum anderen. Ganz so, wie er selber jahrelang. Mit dem wesentlichen Unterschied allerdings, dass er immer irgendwelche hochtrabenden Pläne und Ziele hatte. Dabei ist Nui durchaus begabt. Deutsch hat sie in Windeseile gelernt und beherrscht es nun nahezu fließend, Englisch hat sie vorher schon perfekt gesprochen, sie ist enorm wissbegierig und liest alles, was sie in ihre wohlgeformten Finger bekommt.
Darüber hinaus besitzt sie erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten und ist zu allem Überfluss auch noch eine exzellente und begeisterte Köchin. Mittelfristig ist wohl die Gründung einer eigenen Familie Nuis wichtigstes Ziel. Das beunruhigt Limbach ein wenig. Bis es so weit ist, will sie aber noch jede Menge Spaß haben. Das wiederum gefällt Limbach.
Er lässt kurz den 700-PS-Motor aufheulen, um Nui eine weitere Freude zu machen und fährt los Richtung Pöseldorf. Unterwegs treffen ihn, wie immer, wenn er mit dem Lambo unterwegs ist, jede Menge bewundernde, neidische, aber auch wütende Blicke. Limbach ist es mittlerweile gewohnt und genießt es. Entschädigung für die schlimmen, demütigenden Hungerleider-Jahre. Den Aufkleber „Eure Armut kotzt mich an“ am Lambo anzubringen, hat er sich dann aber doch nicht getraut. Jagger besingt den „Streetfighting Man“ und klagt, dass ein armer Junge eben nicht viel anderes tun könne, als in einer Rock-' n'- Roll-Band zu singen.
In Limbachs Penthouse in Pöseldorf hüpft Nui schnell unter die Dusche. Limbach wäscht sich die Hände, zieht sich um und fläzt sich auf das überdimensionale Sofa. Mittels Fernbedienung schaltet er das Radio an. Nachrichten. Irgendwo ist ein Flugzeug abgestürzt. Die Bundesregierung hat einen weiteren Militäreinsatz im Ausland beschlossen. Ebenso soll die Entwicklungshilfe für China ein weiteres Jahr verlängert werden. Und an Hamburger Schulen soll ab sofort niemand mehr sitzen bleiben.
Limbach schaltet auf den CD-Player um. Gregorianische Choräle. Mönche aus Münsterschwarzach loben den Herrn. Diese Art von Musik törnt Nui immer besonders an.
„Möchtest du was essen, Schatz?“, fragt sie, als sie mit einem Bademantel bekleidet das Wohnzimmer betritt.
„Danke, hab' vorhin am Hauptbahnhof schnell eine Bratwurst verdrückt. Aber mach' du dir doch was. Müsste noch was im Kühlschrank sein.“
„Keinen Hunger. Ich esse bloß einen Joghurt. Vielleicht trink ich ein Glas
Wein dazu“, antwortet sie. Gerne würde sie einen Joint rauchen, was der notorische Drogenfeind Limbach in seiner Wohnung jedoch nicht gestattet.
Nui verschwindet in der Küche. Limbach fällt ein weiteres Mal auf, dass sie fast nie etwas isst. Sie kommt zurück und lässt, kurz bevor sie das Sofa erreicht, den Bademantel auf den Boden gleiten. Ihre langen Haare trägt sie jetzt offen. Sie glänzen seidig und reichen fast bis zu den Hüften. In etwa so stelle ich mir das Paradies vor, denkt Limbach. Ziemlich genau so. Mit Nui als Engel.
„Was machst du da?“, fragt sie und kniete sich vor ihn hin.
„Ich? Nichts.“
„Lass mich mal.“
Während Nui ihm viel Freude bereitet, lässt Limbach seinen Blick durch das riesige Panoramafenster und über den umlaufenden Balkon weit über die Außen-Alster schweifen. Segelboote und Schwäne drehen ihre Runden. Die eisern trainierende Mannschaft eines Ruderclubs scheint fest entschlossen, mindestens die nächste Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Die Mönche aus Münsterschwarzach legen sich mächtig ins Zeug und Nui kommt in Fahrt. Limbach auch.
Spätes Glück. Paradies. Der Herr ist gerecht.
Limbach empfindet eine große Freiheit.
2. Emil und die Detektive
Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann, Kriminalhauptkommissar Emil Kostner, ein Mobiles Einsatzkommando der Polizei, zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, eine Kassiererin, ein halbes Hemd, mehrere Supermarkt-Kunden
Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann hatte schon mal bessere Tage. Linksautonome, Rechtsradikale – seine Hauptkundschaft – sind kein Problem. Routine eben, wenn man das Dezernat „Politisch motivierte Straftaten“ der Hamburger Staatsanwaltschaft leitet. Auch an Razzien am frühen Morgen hat er sich gewöhnt, in über zwanzig Dienstjahren.
Aber schwere Geschütze aufzufahren, die ganz große Nummer aufzuziehen, die Kavallerie ausschwärmen zu lassen – und dann nichts als heiße Luft zu ernten, das kann er nicht leiden.
Biedermann, Ende vierzig, eins neunzig, schlank, weiße Haare, Seitenscheitel wie mit der Axt gezogen, schwarze Brille, dunkler Anzug mit Weste, weißes Hemd, blankpolierte Schuhe – ein Staatsanwalt wie aus dem Bilderbuch – steht an einem alten Lagerschuppen im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Ein Feldherr, der seine Truppen ausschwärmen lässt. Das Mobile Einsatzkommando der Hamburger Polizei. Zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei. Obendrein, als fliegende Einsatzzentrale, ein Hubschrauber, der über der ganzen Szenerie schwebt.
„Tut mir leid, mehr war da nicht, Herr Oberstaatsanwalt.“ Der Leiter des MEK.
Biedermann zeigt keine Regung.
„Würde sagen, das war‘s, Herr Oberstaatsanwalt.“ Der Bepo-Chef.
Biedermann stiert düster vor sich hin. Dann zieht er eine Grimasse, die Zustimmung signalisieren sollt. Die Polizeiführer bleiben unsicher stehen.
Biedermann ist der Boss.
„Okay, haut ab. Und danke.“
Ein Wochenende auf dem Kiez. Ein Schwachkopf ist mit seiner aufgemotzten Karre mit fast hundert Sachen über die Hafenstraße gebrettert.
Ist dann von der Fahrbahn abgekommen, hat dreizehn parkende Autos gestreift und schwer beschädigt, ist zu schlechter Letzt in einen Pulk abgestellter Motorräder gedonnert, was denen nicht gut bekommen ist – und wäre daraufhin fast gelyncht worden.
Die, denen die Maschinen gehören, haben in einem nahen Clubheim irgendwas gefeiert und verstehen wenig bis gar keinen Spaß, wenn es um ihre Bikes geht. Die Besatzungen mehrerer Streifenwagen hatten ordentlich zu tun, um die Sache einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen und sind dann selber von den Rockern attackiert worden. Schließlich haben die Beamten ihre Waffen gezogen und Warnschüsse abgefeuert. Der Lagedienst hat daraufhin schweren Landfriedensbruch konstatiert.
Und Biedermann ist um seinen freien Sonntag gekommen.
„Rocker-Terror in der Hansestadt“, hat eine Zeitung getitelt, eine andere befürchtete „Die Rückkehr der Hells Angels“.
Dann die übliche Tour. Erst der Generalstaatsanwalt beim Justizsenator. Dann der Leitende Oberstaatsanwalt beim Generalstaatsanwalt. Dann Biedermann beim Leitenden Oberstaatsanwalt. Schließlich die Führungskräfte der Polizei bei Biedermann.
Und jetzt: Drei Penner in Wilhelmsburg. Die in einem alten Lagerschuppen ihr Domizil aufgeschlagen haben. Ganz heißer Tipp aus der Szene. Versteck der Motorrad-Gang. Waffen und Drogen. Prima Handhabe, den Biker-Club endlich zu verbieten. Pustekuchen.
Statt Harley ein altes verrostetes Zündapp-Moped. Und die Erde ist eine Scheibe, denkt Biedermann. Nicht sein Fehler, natürlich. Auf seine Informanten muss man sich doch verlassen können. Aber es bleibt an ihm hängen. Er ist der „Herr des Verfahrens“, wie es so schön im Justiz-Deutsch heißt. Der Leitende ist fein raus. Der General auch. Man konnte sich ja nicht um jedes Detail selber kümmern. Und der Senator hat Initiative gezeigt. Eine Rückkehr des Rocker-Terrors werde er unter keinen Umständen dulden, hat er gesagt. Das reicht für einen Politiker.
* * *
Tags darauf ist die Schlappe vom Vortag schon wieder ziemlich weit weg. Biedermann sitzt in seinem Büro am Gorch-Fock-Wall und ist in seiner Welt. Hier ist er ganz bei sich. Er tut, was er am liebsten tut: Akten studieren. Er ist mit Leib und Seele Staatsanwalt. In der Branche gilt er als hartnäckiger Ermittler und akribischer Aktenarbeiter. Als „scharfer Hund“ wird er gelegentlich tituliert. Das ist stark untertrieben. Manche finden, dass er mitunter gewaltig über das Ziel hinausschießt. Als er vor Jahren beim Hamburger Gastspiel eines weltberühmten Geigers und bekennenden Kiffers in dessen Hotelzimmer allen Ernstes eine Drogenrazzia durchführen wollte, konnten ihn seine Vorgesetzten in letzter Sekunde zurückpfeifen.
Anschließend wurde er in die Abteilung VII.1 „Politisch motivierte Straftaten“ weggelobt, wo er sich ein wenig, aber nicht zu sehr austoben konnte und deren Leitung er alsbald übernahm. Hier steht er jetzt einem Team von sechs Staatsanwältinnen und Staatsanwälten vor. Ein junges, motiviertes, hungriges Team, die meisten seiner Leute sind Mitte, Ende dreißig.
Dem Tatendrang sind allerdings Grenzen gesetzt: Wenn RAF oder Islamisten ins Spiel kommen, immer wenn es also richtig interessant wird, zieht die Generalbundesanwältin in Karlsruhe das Verfahren an sich. Den Hamburger Siebeneinsern bleibt meist nicht viel mehr, als sich mit Hakenkreuz-Schmierereien zu beschäftigen. Würden nicht ein paar tausend Linksautonome in der Stadt leben, denen immer wieder mal was Nettes einfällt, würde es nicht das wunderbare Schanzenviertel geben, wo immer wieder mal was los ist, es würde gar nicht so furchtbar viel zu tun geben für Biedermann und seine Abteilung. Ein solider Landfriedensbruch wäre deshalb eine schöne Abwechslung gewesen. Hätte sich mal wieder gut gemacht in der Bilanz.
Insgesamt kann sich Biedermann aber nicht beklagen. Generell ist Hamburg ein dankbares Pflaster für Strafverfolger, sie haben hier alle Hände voll zu tun. Fast zweihundert Staatsanwälte und Staatsanwältinnen gibt es in der Stadt, sie leiten pro Jahr dreihunderttausend Ermittlungsverfahren ein. Einige der fast zehntausend Polizisten tragen in bestimmten Vierteln Schusswesten und Maschinenpistolen, wenn sie auf Streife sind.
Die Schlappe vom Vortag ist also zu verkraften. Biedermann hat als Staatsanwalt schon ganz andere Enttäuschungen wegstecken müssen. Bewährungsstrafen bei schwerer Körperverletzung und elf Vorstrafen zum Beispiel. Hafturlaub bei Mördern. Und zuletzt sogar einen grünen Justizsenator.
Kreativität ist also gefragt. Kreativität, Flexibilität und Durchhaltevermögen. Ein guter Staatsanwalt zeichnet sich dadurch aus, dass er sich durch Niederlagen, Rückschläge und Enttäuschungen nicht nur nicht aus der Fassung bringen lässt, sondern im Gegenteil, dass sie ihn inspirieren und anspornen. Das ist Biedermanns Grundsatz, der ihn leitet. Mit dem er gut gefahren ist, in all den Jahren. Denn Biedermann ist ein verdammt guter Staatsanwalt.
Dass er sich so ins Zeug legt, hat mit seiner Biografie zu tun. Biedermann ist nämlich gewissermaßen aus Protest Staatsanwalt geworden. Aus Protest gegen seine Achtundsechziger-Eltern. Seinen Vornamen hat er deren Verehrung für Ernesto Che Guevara zu verdanken. Dass er nicht, wie von seinen Eltern eigentlich gewünscht, „Che“ heißt, lag an einem weitsichtigen, verantwortungsbewussten Standesbeamten. Vielleicht fühlte er sich deswegen schon früh zur Staatsmacht hingezogen. Biedermann, der als kleines Kind manchmal gar nicht so genau gewusst hatte, wer eigentlich seine Eltern waren, beziehungsweise sich gewundert hatte, dass er so viele Eltern hatte, ist unter schwierigen Umständen in diversen „Kommunen“, zeitweise in Kalifornien und Indien, aufgewachsen.
Er hat sich nach festen Strukturen, nach Ordnung, nach Halt und klaren Ansagen in seinem Leben gesehnt – eine Sehnsucht, die lange Zeit unerfüllt blieb. Dass der Einser-Abiturient Jura studierte, haben seine Erzeuger gerade noch toleriert. Schließlich konnte es immer mal wieder sein, dass man einen guten Anwalt brauchte. Dass er stattdessen dann aber Staatsanwalt wurde, war ein schwerer Schlag für die Alten, den sie bis heute nicht richtig verwunden haben.
Ihr aufmüpfiger Sohn als Scherge eines „Bullenstaates“, das war kaum zu verkraften. Was haben sie falsch gemacht? Hätten sie sich doch mehr um ihn kümmern sollen? Papa und Mama Biedermann leben seit Jahren in Holstein, wo sie einen alternativen Bauernhof betreiben. Was sie da alles anbauen, will Biedermann lieber nicht so genau wissen. Das Verhältnis zu seinen Eltern heute: höflich-distanziert.
Im Kollegenkreis wahrt Biedermann striktes Stillschweigen über seine Herkunft. Hie und da kann es vorkommen, dass man sich über seinen ungewöhnlichen Vornamen wundert. Bei Nachfragen weicht er entweder aus, oder er flunkert etwas von einem spanischen Vorfahren. Biedermann hat noch eine Schwester, die aus Sicht seiner Eltern wohlgeraten ist: Als Kinderpsychologin kümmert sie sich um die frühen Opfer des unmenschlichen, repressiven kapitalistischen Gesellschaftssystems.
Für Biedermann wiederum war es ein Schock, als eines Tages plötzlich ein Gesinnungsgenosse seiner alternativen Eltern der Justizbehörde als Senator vorstand. Ein Jahr vor seinem Amtsantritt hatte der noch die Abschaffung alles Gefängnisse gefordert, weil man den Einzelnen doch nicht für das Versagen der Gesellschaft verantwortlich machen könne. Die Einrichtung einer staatlichen Heroin-Ausgabestelle wiederum hatte bereits der Vorgänger-Senat beschlossen. Schwerstabhängige können sich seitdem in aller Ruhe und unter behördlicher Obhut ihren Schuss setzen.
Das Leben von Oberstaatsanwalt Ernesto Biedermann ist also nicht ganz frei von Zumutungen. Vor allem in letzter Zeit nicht. Da ist zum einen eine Reihe von Brandanschlägen auf Autos, die offensichtlich politisch motiviert sind und die Stadt in Unruhe versetzen. Zum anderen gibt es aber auch noch eine Herausforderung, die sogar einen ganz konkreten Namen hat. Er lautet Stefan Limbach. An dem hat er sich bisher die Zähne ausgebissen. Genauer gesagt: Er ist bisher überhaupt nicht dazu gekommen, seine Zähne einzusetzen. Der Leitende ist zum General gerannt. Der zum Senator. Dann der General wieder zum Leitenden. Schließlich saß Biedermann beim Leitenden. Ergebnis: Unmöglich. Einem derart populären Autor, noch dazu einem, der sogar kurz vor dem internationalen Durchbruch stehe, könne man nicht ans Bein pinkeln. Wegen irgendwelcher, Jahrzehnte zurück liegender Ereignisse, die heute sowieso nicht mehr zu klären seien. Wie sehe das denn aus? Die Medien. Das Ausland.
* * *
Spezialauftrag für Emil Kostner. Kriminalhauptkommissar Emil Kostner vom Landeskriminalamt Hamburg, Abteilung 7, Staatsschutz. Babynahrung, Pampers, Söckchen, Schnuller, Kinderrassel, Stofftier.
Er ist vor kurzem Opa geworden. Seine Tochter hat ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht. Lea-Sophie. Prächtiges Kind. Ganz die Mama.
Emil Kostner ist der glücklichste Mann der Welt.
Jetzt steht er in der Lebensmittelabteilung eines Supermarktes im Hamburger Stadtteil Lurup und ist überfordert. Babynahrung, klar, aber welche Marke? Pampers, welche? Und Söckchen sind sowieso weit und breit nicht zu sehen. Da muss er wohl ein Kinderbekleidungsgeschäft aufsuchen. Aber wo ist eines? Schnuller, Kinderrassel, Stofftier? Das muss hier doch irgendwo aufzutreiben sein, Himmel!
Dass Frauen immer so unpräzise Angaben machen müssen!
Seit seiner Scheidung führt Kostner das Leben eines Junggesellen. Allein im Reihenhaus in Lurup. Frau weg, Tochter und Sohn längst aus dem Haus. Aber eigentlich ist er nicht wirklich ein Junggeselle, jedenfalls nicht freiwillig. Er ist ein verhinderter Familienvater.
Kostner, bulliger Mittfünfziger, Stoppelhaarschnitt, eisgrau, eins fünfundneunzig, ist seit Jahrzehnten bei der Hamburger Polizei. Seit fünfzehn Jahren beim LKA. Seit zehn Jahren in der Abteilung Staatsschutz. Seit fünf Jahren arbeitet er eng mit Oberstaatsanwalt Biedermann zusammen. Hilfsbeamter, oder, wie es offiziell heißt, „Ermittlungsperson“ der Staatsanwaltschaft. Die vorerst letzte Station seiner beruflichen Laufbahn ist ihm die bisher liebste. Er hofft, dass diese Konstellation noch möglichst lange Bestand hat. Biedermann ist nämlich ein Oberstaatsanwalt ganz nach seinem Geschmack. Korrekt vom akkuraten Scheitel bis zur blitzsauberen Sohle. Geradlinig und durch nichts und niemanden von seinem Weg abzubringen. Wirkt manchmal vielleicht ein wenig abgehoben, der Herr Oberstaatsanwalt. Vielleicht sogar ein wenig arrogant. Ist aber bestimmt nicht böse gemeint. Kann er nichts für. Hat wohl mit seiner Herkunft zu tun.
Man munkelt, dass er aus den allerbesten Kreisen stammt. Traditionsreiche Hanseaten-Dynastie oder sowas.
„Geld her, oder ich stech‘ dich ab!“
Wenn der in die Politik ginge, hätte er bestimmt gute Chancen, denkt Kostner manchmal.
„Na los, wird’s bald, ich mach‘ keinen Spaß, ey!“
Aber dafür ist er sich wahrscheinlich zu fein, der Herr Oberstaatsanwalt. Das wäre sicher unter seiner Würde.
„Jetzt mach‘ hin, ey! Ey, ich stech‘ jeden ab, der mir zu nahe kommt!“
