Die Welt der Bienen - Rudolf Steiner - E-Book

Die Welt der Bienen E-Book

Rudolf Steiner

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Beschreibung

Das Bienenvolk übt eine starke Faszination auf den Menschen aus. Das gilt heute noch genauso wie in früheren Zeiten. Bilder und Schriften erzählen vom Mythos Bienenvolk, von der Auseinandersetzung mit diesem Himmelswesen und dem unschätzbaren Wert von Honig und Wachs. Durch das Bienensterben ist das Thema wieder vermehrt ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins gelangt.Aus Rudolf Steiners Ausführungen vor den Arbeitern am Goetheanum ist eine Vortragsfolge entstanden, die dem Wesen der Bienen gewidmet ist. Die Vorträge sind hier als Ganzes integriert, sie bilden das Gerüst dieses Buches. Um die Vorträge herum sind einige Themen der Vorträge aus heutiger Sicht kommentiert. Zu einem besseren Verständnis sind sie mit Passagen aus dem Gesamtwerk ergänzt worden. Die Faszination der Vorträge liegt in ihrer Vielschichtigkeit, eröffnen sie doch ganz neue, beeindruckende Zugänge zum Wesen der Bienen.

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Rudolf Steiner

Die Welt der Bienen

Ausgewählte Texte

Herausgegeben und kommentiert

von Martin Dettli

Rudolf Steiner Verlag

Einleitung

Das Bienenvolk übt seit jeher eine starke Faszination auf den Menschen aus. Bilder und Schriften erzählen von seinem Mythos, von der Beziehung zu diesem Himmelswesen und dem unschätzbaren Wert von Honig und Wachs. Die enge Verbindung mit dem Schicksal des Menschen klingt darin an. Auch heute hat dieser Mythos im Sinne eines zeitlosen Seelenbildes nichts von seiner Kraft eingebüßt, wenngleich die Erklärungen der Zusammenhänge sich geändert haben.

Die Medien haben ihn in den letzten Jahren wiedererweckt. Die Berichte über das Bienensterben wurden durch das vermeintliche Einstein-Zitat dramatisiert: «Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.» Die Wirkung war frappant. Das Dreigespann von Prophetie, Wissenschaft und Mythos hat das Bienenvolk ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins versetzt. In Politik, Wissenschaft und Kultur werden die Bienenvölker wahrgenommen. Sie haben diese Zuwendung nötig, denn es geht ihnen nicht gut. Das zeigt die Häufigkeit der Meldungen über große Verluste an Bienenvölkern.

Das spezielle Verhältnis von Mensch und Bienen erleben vor allem die Imkerinnen und Imker im Umgang mit dem Bienenvolk, dem «Bien», wie sie es nennen. Schon die Vorbereitungen zur Begegnung haben Ritualcharakter, wie beispielsweise das Anziehen der weißen Kleidung, das Entzünden des Rauches und der Moment, in dem man sich dem Bien zuwendet. Mit einer ruhigen Grundstimmung tauchen sie in seine Atmosphäre ein, sie erleben die Welt der Düfte, die dem Volk entströmen, und das beruhigende Summen. Wesentlich ist auch die Art und Weise, wie man sich bewegt, denn ein ruhiges und bestimmtes Vorgehen spiegelt sich im Volksverhalten wider, und so kann das Risiko eines Bienenstiches vermindert werden. Mit dem Eintauchen in die Welt der Bienen tritt man in eine andere Dimension ein, und nicht selten verliert man dabei das Zeitgefühl. Umso schmerzhafter ist das Erwachen, wenn die Bienenfreunde feststellen müssen, dass der Mangel an Blüten oder Krankheiten und Parasiten die Bienenvölker strapazieren.

Die starke Beziehung zwischen Mensch und Bienenvolk umfasst noch weit mehr. Das Bienenvolk bildet eine Gemeinschaft, die einen auf verschiedenen Ebenen in Erstaunen zu versetzen vermag. Allein schon das Leben aus der Blüte und durch die Blüte berührt den Menschen. Da schafft es ein Tier, aus dieser Farbenpracht und dem Duft zu leben, ohne etwas davon zu zerstören: Im Gegenteil, durch die Bestäubung bewirkt sie gar, dass die Blüte fruchtbar wird. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind die einzigen Tiere, die sich ernähren, ohne andere Lebewesen zu zerstören oder abzubauen.

Hinzu kommen die erstaunlichen Parallelen in der körperlichen Entwicklung zwischen Bienenvolk und Wirbeltieren bis hin zum Menschen. Der Bienenschwarm bildet seinen Wabenbau als Stützorgan aus sich heraus. Die Waben werden mit körpereigener Substanz aufgebaut, was in etwa dem Knochenbau der Wirbeltiere entspricht. Das Bienenvolk kann seine Körperwärme regeln und behält eine Brutnesttemperatur von 36 Grad bei, wie die Warmblütler. Auch in der Ernährung der Brut aus körpereigenen Drüsensekreten besteht eine Entsprechung zu den Säugetieren. In der Biologie werden diese drei parallelen Entwicklungen als eine zunehmende Unabhängigkeit von unmittelbaren Umwelteinflüssen verstanden. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass das Bienenvolk wie der Mensch es geschafft hat, sich in nahezu alle Klimazonen einzupassen.

Das Bienenvolk zeigt in seiner Organisation verschiedene Parallelen zum Menschen, und dennoch ist es ganz anders. Das ist auch das Fruchtbare an der Auseinandersetzung mit ihm. Aus diesem Anderssein können wir wertvolle Stoffe und Ideen schöpfen; dieses ganz andere kann dem Menschen helfen, auf vielen Gebieten neue Ansätze zu finden – in der Medizin, in der Nahrungsverarbeitung wie auch in der Kommunikation bis hin zur Entscheidungsfindung. Das Bienenvolk gibt Anregungen für die Entwicklung von Arzneien, für technische Lösungen, für Inspirationen im Sozialen, und es schenkt uns Allegorien, die sich eignen, das Wirken der geistigen Welt anschaulich zu machen, zum Beispiel ein ausziehender Bienenschwarm als Gleichnis für das «Ausziehen» der Seele eines Sterbenden.

Das Bienenvolk bildet einen Organismus. Es entwickelt als Ganzes Organe, etwa im Bau der Waben, die als Stützorgan, als Speicherorgan und als Wiege für die Brut dienen. Andere Organfunktionen werden durch gemeinschaftliche Leistungen der Arbeiterinnen erfüllt. Im Dienste des Ganzen werden sie je nach Alter dazu befähigt, gewisse Aufgaben zu übernehmen. Die Arbeitsbienen beispielsweise durchlaufen in ihrem Leben verschiedene Aufgabengebiete: Sie beginnen ihre Tätigkeit zuinnerst im Bienenstock und beenden sie als Sammelbiene draußen in der Welt, an der Peripherie. So besteht ihre erste Aufgabe im Putzen der Zellen am Ort, wo sie geschlüpft sind. Danach pflegen sie die junge Brut in der unmittelbaren Nähe und entwickeln Futtersaftdrüsen für ihren Ammendienst. Später werden diese Drüsen zurückgebildet und die Wachsdrüsen aktiviert, die Ammen verwandeln sich in Baubienen. Den Übergang zum Außendienst vollziehen sie als Wächterinnen am Flugloch, und erst als ältere Bienen fliegen sie in die Landschaft hinaus, um die Blüten zu besuchen und die lebensnotwendigen Rohstoffe wie Nektar, Pollen und Wasser in den Bienenstock zurückzubringen. Im Sommerhalbjahr leben die Bienen kaum mehr als 30 Tage, die Bienenmassen werden so bis auf die Königin innert kurzer Frist komplett erneuert. In der Brutaufzucht geben sie ihr Leben an die jüngere Generation weiter. Nimmt die Brutpflege ab, so werden die Bienen langlebiger. Zwischen Juli und September schlüpfen Winterbienen, die ein Alter von etwa 7 Monaten erreichen können.

Nicht alle Organfunktionen des Bienenvolks werden durch die Arbeiterinnen abgedeckt. Ausgegliedert aus diesem Zusammenwirken ist das Geschlechtsleben; dieses ist die Aufgabe von spezialisierten Bienenwesen. Das einzige fortpflanzungsfähige weibliche Wesen im Stock ist die Königin, und den männlichen Part versehen die Drohnen. Das Schicksal dieser beiden Geschlechtswesen ist sehr verschieden: Die Königin ist als Organ der Einheit von zentraler Bedeutung und lebt mehrere Jahre im Volk; die Drohnen dagegen sind nur etwa zwei Monate lang im Frühsommer in größerer Zahl im Bienenvolk vorhanden.

Die komplexe Organisation der inneren Lebensprozesse im Bien können wir keinem Steuerungsorgan zuordnen. Dasselbe gilt auch für das Verhalten des Volkes im Allgemeinen. Die Reaktionen gegenüber der Umwelt und die notwendigen inneren Entscheidungsprozesse ereignen sich auf einer kommunikativen Ebene ohne bestimmendes Zentralorgan.

Ein Bienenvolk verfügt über ein breites Verhaltensspektrum. Je nach Situation reagiert das eine Volk so, das andere so; dadurch werden ihre Eigenheiten sichtbar. Es sind diese individuellen Ausprägungen, die ein Wiedererkennen ermöglichen, das Bienenvolk wird so zu einem Gegenüber mit eigenem Charakter.

Aus dem Staunen über das Bienenvolk gehen Fragen hervor. Und auf der Suche nach einem Verständnis, das einen anderen Umgang mit ihm ermöglicht, treten wir an die Angaben von Rudolf Steiner heran. In dessen Gesamtwerk finden sich verschiedene Hinweise zu Bienen und Bienenvolk, oft handelt es sich um bildliche Vergleiche. Innerhalb der Vorträge vor den Arbeitern am Goetheanum ist ein Zyklus entstanden, der ganz dem Wesen der Bienen gewidmet ist. Steiner ist damit auf ein Anliegen der Imker unter den Arbeitern eingegangen, die durch ihre Fragen und Schilderungen seine Ausführungen mitgeprägt haben. Sie sind deshalb auch von Inhalt, Aufbau und Wortwahl her nicht mit Texten zu vergleichen, die Rudolf Steiner schriftlich verfasst hat. Möglicherweise ist über die stenografische Mitschrift und deren Übertragung der eine oder andere Fehler in den vorliegenden Text hineingerutscht. In der Vortragsfolge ist jedoch ein Aufbau erkennbar, der hier beibehalten wird. Die Vorträge sind deshalb als Ganzes wiedergegeben, sie bilden das Gerüst des vorliegenden Buchs. Dazwischen werden einige Vortragsthemen aufgegriffen und aus heutiger Sicht kommentiert sowie zu einem besseren Verständnis mit weiteren Passagen aus Steiners Gesamtwerk ergänzt. Die Faszination, die diese Vorträge über das Wesen der Bienen ausüben, liegt nicht zuletzt in ihrer Vielschichtigkeit. Es finden sich darin Anregungen, die schwer einzuordnen sind; gerade dieses Nicht-verstehen-Können hat aber durchaus seinen Reiz, der zu einem tieferen Verständnis anspornt. Andere Inhalte lassen sich intellektuell nachvollziehen. Wieder andere können von ganzem Herzen aufgenommen werden und hinterlassen so einen tiefen Eindruck. Schön aus Sicht des Imkers ist es aber auch festzustellen, dass einige praktische Hinweise und Anstöße die Arbeit mit dem Bienenvolk tatsächlich mitprägen.

So bleibt zu hoffen, dass diese Sammlung als «Handbuch» das Interesse vieler Menschen zu wecken und ihnen zu dienen vermag. Praktische Anleitungen zum Naturbau und zur Jungvolkbildung aus dem Schwarmtrieb sind auf meiner Website www.summ-summ.ch zu finden.

Mein besonderer Dank gilt Johannes Wirz für seine hilfreichen Anregungen und dem verstorbenen Xaver Wirth, der als langjähriger Weggefährte die Suche nach dem Wesen des Biens geprägt hat und mit dem dieses Projekt als gemeinsames begonnen wurde.

Kapitel I: Das Bienenvolk als Organismus

Faszinierend am Bienenvolk sind das gemeinschaftliche Leben und die weisheitsvolle Zusammenarbeit. Die Bienen harmonieren miteinander, es besteht ein intensiver Kontakt und rege Kommunikation unter ihnen. Das Volksleben beruht auf einer fein abgestimmten Organisation. Die Gemeinschaft lebt im Dunkeln, in einem verborgenen Winkel, in einem Baumstamm oder einem Bienenkasten.

Einzeln fliegen die Bienen hinaus ins Licht, suchen Blumen auf oder holen Wasser. Beim Schwärmen dagegen zeigen sie sich miteinander im Licht, sie durchschwirren die Luft, um sich schließlich ruhig in einer Schwarmtraube zu versammeln.

Was ist denn das für eine Erscheinung, ein solches Bienenvolk?

Besteht es aus den einzelnen Bienen, die sich zu einer gemeinschaftlichen Organisation aufschwingen, oder ist es ein Ganzes, von dem die Bienen Teile sind? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Gerade als Imkerin oder Imker bewegt man sich zwischen beiden Ansichten hin und her.

Wenn man den Bienenkasten öffnet, dann sind es einzelne Tiere, die das Bienenvolk ausmachen. Es sind vor allem die Arbeiterinnen, vielleicht aber trifft man auch eine Königin und einige Drohnen. Sie leben auf Waben, in denen sie ihre Brut pflegen und ihre Vorräte einlagern. Die Waben können wir herausnehmen, alles ist einzeln handhabbar. In unsern Händen zerfällt die Einheit in ihre Teile. Wenn wir von den einzelnen Tieren ausgehen und in unseren Gedanken alles zusammenfügen zu einem Volk, dann kommen wir zum Prinzip der Selbstorganisation. Das ist der Begriff, der aus der wissenschaftlichen Sicht von heute versucht,1 dem Phänomen auf die Spur zu kommen.

Demnach sind es die vielen einzelnen Bienen, die durch ihre Zusammenarbeit und Kommunikation ein neues Ganzes bilden. Durch das Zusammenwirken entsteht das, was wir als Bienenvolk bezeichnen, mit Qualitäten, die weit über das hinausgehen, was die einzelnen Tiere mitbringen und welches als Ganzes wieder auf die Teile zurückwirkt. Diesem Begriff der Selbstorganisation kann der Ansatz von Rudolf Steiner gegenübergestellt werden.

Das Ganze ist das Bienenvolk; die Bienen, die Königin und die Drohnen sind dienende Teile des Ganzen, in einem ähnlichen Sinne wie die Körperzellen Teile des Menschen sind. Die Einheit ist übergeordnet. Die ganzheitliche Sicht findet ihre Bestätigung am offensichtlichsten in der Schwarmtraube. Der Volkskörper hängt, rund und birnenförmig; im engen Sich-aneinander-Klammern der einzelnen Bienen zeigt er seinen Willen zu einer neuen Einheit. Wenn man diesen Schwarm in einen Bienenkasten einlogiert und ihm die Möglichkeit gibt, seine Waben selber zu bauen, dann wachsen diese als weiße Ansätze, als «Organe», im Innern dieses Körpers. In diesem Moment ist die Einheit in einer berührenden Begegnung erlebbar. Im späteren Umgang mit dem Bienenvolk kann man sich dieser Ganzheit annähern, indem man dem ungestörten Volk zuhört oder das Geschehen am Flugloch beobachtet. Die Einheit lässt sich besser beim verborgenen, unbehelligten Volk im geschlossenen Bienenkasten erfahren.

Die Steuerung von Lebens- und seelischen Prozessen können wir uns bei Mensch und Wirbeltier irgendwo im Körper verborgen denken, und die Sinnesorgane verbinden diese innere Welt mit der Umwelt. Wenn wir mit irgendeinem Tier Kontakt aufnehmen, beobachten wir die Augen, seine Körpersprache, sein Verhalten. Das alles ist beim Bienenvolk nicht in derselben Weise gegeben. Der Ort, von dem die körperliche und seelische Koordination des Volkes ausgeht, lässt sich nicht physisch lokalisieren. Die Einheit ist erlebbar, physisch jedoch nicht greifbar. In der Einzelbiene ist er wohl nicht, also muss er zwischen den Tieren liegen. Das zwingt uns, ein geistiges Band um die Bienen zu ziehen. Da liegt letztlich der Kern der andern Sicht.

Rudolf Steiner hat stets auf diesen Organismus hingewiesen. Das Bienenvolk als Ganzes zu sehen, ist für die Imkerinnen und Imker nicht selbstverständlich, es stellt eine Herausforderung im alltäglichen Umgang dar. Um den Kontakt mit der Einheit zu pflegen, ist es erforderlich, die Aufmerksamkeit immer wieder gezielt darauf auszurichten. Die konsequente Sicht auf den Organismus Bienenvolk hat Folgen für die Praxis. Sie erfordert eine Betriebsweise, die sich dem Leben des Organismus anpasst. Das Bienenvolk wird mit seinen Impulsen in den Mittelpunkt gestellt.

Da ist es denn schon wichtig, auf so etwas wie den Bienenstock zu blicken und zu lernen, dass die einzelne Biene dumm ist. Sie hat Instinkte, aber sie ist dumm; aber der ganze Bienenstock ist außerordentlich weise. Sehen Sie, wir hatten neulich einmal ganz interessante Besprechungen oben unter den Arbeitern, die von mir, wenn regelmäßige Zeiten sind, jede Woche zwei Vorträge bekommen. Wir hatten das Reich der Bienen besprochen, da tauchte die Frage auf, die sehr interessant ist. Der Bienenzüchter kennt ganz gut ihre Bedeutung. Wenn ein beim Bienenvolk beliebter Bienenvater da ist und er krank wird oder stirbt, dann kommt tatsächlich das ganze Bienenvolk in Unordnung. Es ist so. Nun sagte einer, der nun so recht im Sinne der gegenwärtigen Anschauung dachte: Aber die Biene sieht ja nicht so genau, sie hat gar keine Vorstellung vom Bienenzüchter, vom Bienenvater, wie soll da irgendwie eine Zusammengehörigkeitsempfindung entstehen? Aber noch viel mehr. Nehmen wir an, der Bienenvater versorgt dieses Jahr den Bienenstock, im andern Jahr ist ein ganz anderes Bienenvolk darinnen, es ist ganz ausgetauscht bis auf die Bienenkönigin, es sind lauter junge Bienen drinnen. Wo soll da die Zusammengehörigkeitsempfindung entstehen? – Ich antwortete Folgendes: Derjenige, der den menschlichen Organismus kennt, weiß, dass in gewissen Perioden der menschliche Organismus alle seine Stoffe austauscht. Nehmen wir an, irgend jemand lernte heute einen Menschen kennen, der nach Amerika geht und nach zehn Jahren zurückkommt. Er findet einen ganz andern Menschen vor, als der war, den er vor zehn Jahren gekannt hat. Er findet alle Stoffe ausgetauscht, er findet eine ganz andere Zusammenfügung vor. Da liegt nichts anderes vor als beim Bienenstock, wo die Bienen ausgetauscht sind, aber es bleibt die Zusammengehörigkeit zwischen dem Bienenstock und dem Bienenvater. Diese Zusammengehörigkeit beruht darauf, dass im Bienenstock eine ungeheure Weisheit lebt, er ist nicht nur dieses Häuflein einzelner Bienen, sondern der Bienenstock hat wirklich eine konkrete eigene Seele.

Das ist dasjenige, was man wiederum in seinen Natursinn aufnehmen muss, diese Anschauung, dass der Bienenstock eine Seele hat.2

Aber wiederum lebt der Bienenstock ein ganz merkwürdiges, eigentümliches Leben. Worauf beruht denn das?

Sehen Sie, das können Sie überhaupt nicht erklären, wenn Sie nicht die Möglichkeit haben, ins Geistige hineinzuschauen. Das Leben im Bienenstock ist außerordentlich weise eingerichtet. Das wird jeder sagen, der das Bienenleben betrachtet hat. Dass die Bienen eine solche Wissenschaft haben, wie die Menschen sie haben, das wird man ja natürlich nicht sagen können, denn sie haben ja wirklich einen Gehirnapparat wie der Mensch und das alles nicht. Also, den allgemeinen Weltenverstand können sie in dieser Weise nicht hereinschöpfen in ihren Körper. Aber die Einflüsse aus der ganzen Weltumgebung, die wirken ungeheuer stark auf den Bienenstock. Und man würde richtig darauf kommen können, wie eigentlich das Bienenleben ist, wenn man berücksichtigen würde, dass alles das, was in der Umgebung der Erde liegt, gerade auf so etwas, wie es im Bienenstock ist, einen ungeheuer starken Einfluss hat. Das Leben des Bienenstocks beruht ja darauf, dass die Bienen so ganz richtig, viel mehr als die Ameisen und die Wespen, zusammenwirken, dass sie alle Arbeit so verrichten, dass das alles zusammenstimmt. Und wenn man dann darauf kommen will, wovon das herrührt, dann sagt man sich: Die Bienen haben ein Leben, worin unter-drückt wird, außerordentlich stark unterdrückt wird dasjenige, was bei den übrigen Tieren im Geschlechts-leben sich äußert. Das wird bei den Bienen außerordentlich stark zurückgedrängt.

Denn sehen Sie, bei den Bienen ist es eigentlich immer so, dass die Fortpflanzung nur besorgt wird durch ganz wenige auserlesene weibliche Individuen, die Bienenköniginnen. Die anderen sind eigentlich so, dass bei ihnen das Geschlechtsleben mehr oder weniger zurückgedrängt wird. Im Geschlechtsleben aber ist dasjenige vorhanden, was eben Liebesleben ist. Das Liebesleben ist ja zunächst etwas Seelisches. Nur dadurch, dass gewisse Organe des Körpers bearbeitet werden von diesem Seelischen, dadurch werden diese Organe zur Offenbarung, zum Ausdrucke des Liebeslebens. Und indem bei den Bienen das Liebesleben zurückgedrängt wird, eigentlich nur auf die einzige Bienenkönigin, wird das Geschlechtsleben sonst im Bienenstock verwandelt zu all diesem Treiben, das die Bienen untereinander entwickeln. Daher haben schon jene älteren, weiseren Menschen, die eben auf ganz andere Art die Sache gewusst haben, als man sie heute weiß, diese weiseren Menschen haben das ganze wunderbare Treiben des Bienenstocks auf das Liebesleben zurückgewiesen, auf das Leben, das sie mit dem Planeten Venus in Zusammenhang gebracht haben.

Und so können wir sagen: Wenn man auf der einen Seite die Wespen oder die Ameisen beschreibt, dann sind das Tiere, die sich mehr dem Einfluss des Planeten Venus entziehen. Die Bienen hingegen sind ganz hingegeben dem Einfluss des Planeten Venus, entwickeln das Liebesleben in ihrem ganzen Bienenstock. Das wird ein weises Leben, denn Sie können sich ja denken, wie weise das sein muss. Ich habe Ihnen Verschiedenes von der Erzeugung der Nachkommenschaft beschrieben. Da ist unbewusste Weisheit drinnen. Diese unbewusste Weisheit entwickeln die Bienen in ihrem äußeren Tun. Und so kann man gerade dasjenige, was eigentlich nur dann in uns dargelebt wird, wenn unser Herz Liebe entwickelt, eigentlich im ganzen Bienenstock drinnen wie eine Substanz haben. Der ganze Bienenstock ist eigentlich von Liebesleben durchzogen. Die einzelnen Bienen verzichten so vielfach auf die Liebe und entwickeln die Liebe im ganzen Bienenstock. So dass man anfängt, das Bienenleben zu verstehen, wenn man sich klar darüber ist, dass die Biene wie in einer Luft lebt, die ganz von Liebe durchschwängert ist.

Nun aber, das kommt ja gerade der Biene am allermeisten zugute, dass sie eigentlich von denjenigen Bestandteilen in den Pflanzen lebt, die wiederum bei der Pflanze ganz vom Liebesleben durchzogen sind. Die Biene saugt ihre Nahrung, die sie dann zu Honig macht, ja ganz aus denjenigen Bestandteilen der Pflanzen, die im Liebesleben drinnen stehen, bringt also gewissermaßen das Liebes-leben von den Blumen in den Bienenstock hinein.

So muss man sagen, dass man das Bienenleben auf seelische Art studieren muss.

Das braucht man viel weniger bei den Ameisen und Wespen. Wenn man da das Leben verfolgt, wird man sehen, dass sie sich eigentlich dem Geschilderten entziehen, dass sie sich schon wiederum mehr dem Geschlechtsleben hingeben. Die Biene ist tatsächlich, mit Ausnahme der Bienenkönigin, eigentlich dasjenige Wesen, das, ich möchte sagen, sich sagt: Wir wollen auf das einzelne Geschlechtsleben verzichten und uns selber zu einem Träger des Liebeslebens machen. – So dass sie in der Tat in den Bienenstock dasjenige hineingetragen haben, was auf den Blumen lebt. Und wenn Sie anfangen, das so richtig durchzudenken, so haben Sie das ganze Geheimnis des Bienenstockes. Das Leben dieser sprossenden, sprießenden Liebe, das in den Blumen ausgebreitet ist, das ist dann auch im Honig drinnen.3

Kapitel II: Bienenzucht

Die ursprüngliche Behausung, in der in Mitteleuropa die Bienen gehalten wurden, war ein runder Korb, teils auch die sogenannte Klotzbeute, ein Stück ausgehöhlter Baumstamm (mit Beute wird in der Imkersprache der Bienenkasten bezeichnet). Mit dieser unteilbaren Einheit wurde geimkert. Eine wichtige Arbeit der Imkerei bestand darin, die Schwärme einzufangen und sie neu einzulogieren. Das Bienenvolk baute dann seine Waben direkt an das Korbdach, ein solcher Wabenbau ist unbeweglich und wird als Stabilbau bezeichnet. Bei der Honigernte wurde der Korb umgestülpt und ein Teil der Waben herausgeschnitten. Oft geschah dies erst nach der Überwinterung, wenn das Überleben des Volkes gesichert war. Die Bienenkörbe wurden zumeist an der Außenwand des Wohnhauses aufgestellt, Mensch und Bienen lebten eng beieinander.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts brach in der Imkerei eine neue Zeit an. Der bewegliche Rahmen wurde erfunden, der Wabenbau darin ermöglichte eine mobile Handhabung. Nun konnte man auch das Geschehen im Bienenvolk beobachten, das Wissen um die biologischen Zusammenhänge im Bien nahm zu. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen nach dem mobilen Wabenbau in dichter Folge Wachsplatten mit eingepresstem Wabenmuster (die Mittelwand), die Honigschleuder und die künstliche Königinnenzucht auf. Das sind alles Erfindungen, die bis heute die Imkerei prägen; im 20. Jahrhundert kamen nur wenige neue Entwicklungen hinzu.

Der Mobilbau ermöglicht eine andere Imkerei. Der rechteckige Wabenrahmen wird in einer Kiste oder einem Kasten platziert. Waben können so einzeln bewegt und herausgenommen werden. Dadurch und dank der Erfindung der Honigschleuder gelang es fortan, den Honig wachsfrei und ohne Zerstörung der Waben zu ernten. Eine Reihe von Manipulationen wurde möglich: Mit Honig gefüllte Futterwaben können von einem Volk zum andern verschoben, Brutwaben entnommen werden, um andere Völker zu verstärken oder um Ableger zu bilden, man kann aber auch ganze Völker in mehrere neue aufteilen.

Die Mittelwand ist eine vorgeprägte Wachsplatte, die den Bienen den Wabenbau erleichtern soll, weil sie so weniger Wachs produzieren müssen. Dabei werden sie jedoch gezwungen, den vorgeprägten Arbeiterinnenbau mit exakt vorgegebenen Zellengrößen zu errichten. Die Drohnenaufzucht, die den Bau größerer Zellen erfordert, wird auf eine einzige Wabe reduziert und wird auf diese Weise kontrolliert und eingeschränkt.

Die künstliche Königinnenzucht wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika erfunden, um der großen Nachfrage nach der Italienischen Biene auf dem neuen Kontinent zu entsprechen. Dafür werden normale Larven aus der Arbeiterinnenbrut in einem frühen Stadium in künstlich hergestellte Königinnenzellen umgebettet und einem Volk, dem die Königin entnommen oder das ohne sie gebildet wurde, zugehängt. Auf diese Weise können solche Völker dazu gezwungen werden, neue Königinnen nachzuziehen. Die Vermehrung von ausgewählten Bienenherkünften wird erleichtert. Die geschlüpften Königinnen werden in kleinen künstlichen Volkseinheiten zur Begattung eingeschleust und sind ein beliebtes Handelsgut. Sie können zusammen mit irgendwelchen Bienen ein neues Volk bilden oder als Ersatz für eine alte Königin in ein Volk eingebracht werden.

Das gehört heutzutage alles zum imkerlichen Standard. Anstelle einer am lebenden Organismus orientierten Anschauung, herrscht eine stark mechanisch geprägte Sicht, die den Umgang mit den Bienen entsprechend prägt. Alles ist austauschbar, das ursprüngliche Ganze kann beliebig in Teile zerlegt und neu zusammengefügt werden, egal ob Honigwaben oder Brutwaben, Bienen oder Königinnen. Die analytische Sichtweise spiegelt sich auch im Handwerk. Der Umgang mit dem Bienenvolk erinnert an die Arbeit in einer Autowerkstatt. Ziel ist die Funktionalität. Gepflegt wird weniger der Organismus als vielmehr die Leistungsfähigkeit des Bienenvolkes.

Die folgenden Ausführungen Rudolf Steiners schließen an einen Vortrag des Imkers Müller an, der am 10. November 1923 über den Stand der damaligen Bienenzucht gesprochen hat:

Die Sache ist diese – und ich werde das nächste Mal davon weiter sprechen –, dass man die Honigerzeugung, die ganze Arbeit, sogar die Arbeitsfähigkeit der Arbeitsbienen ungeheuer vermehren kann durch die künstliche Bienenzucht. Nur, das hat ja schon Herr Müller jetzt bemerkt, darf die Sache nicht zu stark rationell und nicht zu stark geschäftsmäßig gemacht werden. Wir werden dann das nächste Mal ein bisschen tiefer hineinschauen in die Bienenzucht und sehen, dass das, was kurze Zeit eine außerordentlich günstige Maßregel ist, was heute zugrunde liegt, gut erscheinen kann, dass aber in hundert Jahren die ganze Bienenzucht aufhören würde, wenn man nur künstlich gezüchtete Bienen verwenden würde. Wir wollen einmal sehen, wie das, was für eine kurze Zeit etwas außerordentlich Günstiges ist, sich so gestalten kann, dass es im Laufe der Zeit dazu führt, dass die ganze Geschichte wieder abgetötet wird. Und wir wollen sehen, wie gerade die Bienenzucht außerordentlich interessant ist, um die ganzen Geheimnisse der Natur kennenzulernen, und namentlich wie das, was sich auf der einen Seite ungeheuer fruchtbar erweist, auf der anderen Seite eben zur Abtötung führt.

So können sich die Bienenzüchter zwar außerordentlich freuen über den Aufschwung, den seit kurzer Zeit die Bienenzucht genommen hat; aber diese Freude, die wird keine hundert Jahre halten.4

Ich habe vorgehabt, zu den Ausführungen von Herrn Müller einige Bemerkungen zu machen, die Ihnen vielleicht doch interessant sein können, obwohl heute natürlich in der Gegenwart nicht die Zeit dazu ist, solche Dinge schon wirklich anzuwenden in der praktischen Bienenzucht. Es ist ja auch über das Praktische der Bienenzucht sehr wenig noch zu sagen oder gar nichts eigentlich, da Herr Müller ja alles so, wie man es eben heute macht, durchaus in einer sehr schönen Weise vor Ihnen ausgeführt hat.

Es ist Ihnen aber an diesem, ich möchte sagen, Rätselwelt-Sein, wenn Sie aufmerksam zugehört haben, in Bezug auf die ganze Natur der Bienenzucht etwas aufgegangen. Der Bienenzüchter, das ist ja selbstverständlich, interessiert sich zunächst für dasjenige, was er zu tun hat. Für die Bienenzucht muss eigentlich jeder Mensch das allergrößte Interesse haben, weil von der Bienenzucht wirklich mehr, als man denkt, im menschlichen Leben abhängt.

Betrachten wir die Sache einmal in einem etwas weiteren Umfange. Sehen Sie, die Bienen sind imstande – das haben Sie ja aus den Vorträgen, die Ihnen von Herrn Müller gehalten worden sind, gesehen –, dasjenige zu sammeln, was in den Pflanzen eigentlich schon als der Honig enthalten ist.5 Sie sammeln ja eigentlich bloß den Honig, und wir Menschen nehmen ihnen dann von dem, was sie in ihrem Bienenstocke sammeln, nur einen Teil weg, nicht einmal einen so sehr großen Teil. Denn man kann vielleicht sagen, dass dasjenige, was der Mensch wegnimmt, etwa 20 Prozent beträgt. So viel ungefähr beträgt dasjenige, was der Mensch den Bienen wegnimmt. Außerdem aber kann die Biene durch ihre ganze Körperlichkeit, durch ihre ganze Organisation den Pflanzen auch noch Blütenstaub wegnehmen. So dass also die Biene gerade dasjenige von den Pflanzen sammelt, was eigentlich sehr wenig in ihnen enthalten ist und was sehr schwer zu haben ist. Blütenstaub wird ja in der winzigen Menge, in der er im Verhältnis vorhanden ist, von den Bienen gesammelt durch die Bürstchen, die sie an ihren Hinterbeinen haben, und wird ja auch aufgespeichert beziehungsweise verzehrt im Bienenstock. So dass wir also in der Biene zunächst dasjenige Tier haben, das außerordentlich fein von der Natur zubereiteten Stoff aufsaugt und für seinen eigenen Haushalt gebraucht.

Dann aber weiter: Nachdem die Biene – und das ist vielleicht das zunächst wenigst Auffällige, weil gar nicht darüber nachgedacht wird – erst ihre Nahrung durch ihren eigenen Verdauungsapparat umgewandelt hat in Wachs – das erzeugt sie ja durch sich selber, das Wachs –, macht sie, um Eier abzulegen, aber auch um ihre Vorräte aufzubewahren, ein eigenes kleines Gefäß. Und dieses eigene kleine Gefäß, das ist eine große Merkwürdigkeit, möchte ich sagen. Dieses Gefäß schaut ja so aus, dass es von oben angesehen sechseckig ist, von der Seite angesehen also so [siehe Zeichnung], und auf der einen Seite ist es ja so abgeschlossen. Dahinein können die Eier gelegt werden oder auch die Vorräte. Da ist eines an dem anderen. Die Dinge passen sehr gut zusammen, so dass bei den Bienenwaben durch diese Platte, mit der eine solche Zelle – so nennt man das – an die andere gefügt ist, der Raum außerordentlich gut ausgenützt ist.

Wenn man die Frage aufwirft: Wie kommt es, dass die Biene aus ihrem Instinkt heraus just eine so künstlich geformte Zelle baut? – so sagen die Leute gewöhnlich: Das ist, damit der Raum gut ausgenützt wird. – Das ist ja auch wahr. Wenn Sie sich irgendeine andere Form der Zelle denken würden, so würde immer ein Zwischenraum entstehen. Bei dieser Form entsteht kein Zwischenraum, sondern alles legt sich aneinander, so dass der Raum dieser Wabenplatte ganz ausgenützt ist.

Nun, das ist ganz gewiss ein Grund. Aber es ist nicht der einzige Grund, sondern Sie müssen bedenken: Wenn da die kleine Made, die Larve drinnen liegt, so ist sie ganz abgeschlossen, und man soll nur ja nicht glauben, dass dasjenige, was in der Natur irgendwo vorhanden ist, keine Kräfte hat. Dieses ganze sechseckige Gehäuse, sechsflächige Gehäuse hat ja Kräfte in sich, und es wäre etwas ganz anderes, wenn die Larve in einer Kugel drinnen liegen würde. Dass sie in einer solchen sechsflächigen Häuslichkeit drinnen liegt, das bedeutet in der Natur etwas ganz anderes. Die Larve selber bekommt in sich diese Formen, und in ihrem Körper, da spürt sie, dass sie in ihrer Jugend, wo sie am meisten weich war, in einer solchen sechseckigen Zelle drinnen war. Und aus derselben Kraft, die sie da aufsaugt, baut sie dann selber eine solche Zelle. Da drinnen liegen die Kräfte, aus denen heraus die Biene überhaupt arbeitet. Also, das liegt in der Umgebung, was die Biene äußerlich macht. Das ist schon das Erste, auf was wir aufmerksam sein müssen.

Nun aber ist Ihnen ja ausgeführt worden die weitere sehr, sehr merkwürdige Tatsache: In dem ganzen Bienenstock finden sich ja verschiedenartige Zellen. Ich glaube, ein Bienenzüchter kann sehr gut Arbeitsbienenzellen und Drohnenzellen voneinander unterscheiden. Nicht wahr, das ist ja nicht besonders schwer. Und noch leichter kann er die Zellen der Arbeiterinnen und der Drohnen von den Königinnenzellen unterscheiden, denn die Königinnenzellen haben ja gar nicht diese Form; die sind eigentlich so wie ein Sack. Es finden sich auch sehr wenige in einem Bienenstock. So dass man also sagen muss: Die Arbeiterinnen und die Drohnen – also, die Männchen, das sind die Drohnen –, die entwickeln sich in solchen sechsflächigen Zellen, die Königin entwickelt sich aber eigentlich in einem Sack. Die nimmt keine Rücksicht auf dasjenige, was solch eine flächige Umgebung ist.

Dazu kommt aber noch etwas anderes. Sehen Sie, die Königin braucht zu ihrer vollen Entwicklung, bis sie ganz fertig ist, eine ausgewachsene Königin ist, nur 16 Tage. Dann ist sie schon eine ausgewachsene Königin. Eine Arbeiterin, die braucht ungefähr 21 Tage, also länger. Man könnte also sagen: Die Natur verwendet viel mehr Sorgfalt auf die Ausgestaltung der Arbeiterinnen als der Königinnen. Wir werden nachher gleich sehen, dass dazu noch ein anderer Grund kommt. Also, die Arbeiterin, die braucht 21 Tage. Und die Drohne, das Männchen, die am frühesten abgenützt wird – die Männchen werden, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt haben, getötet –, die braucht sogar 23 bis 24 Tage.

Sehen Sie, das ist wiederum eine neue Sache. Die verschiedenen Bienenarten, Königin, Arbeitsbiene, Drohne, brauchen eine verschiedene Anzahl von Tagen.

Nun, sehen Sie, mit diesen 21 Tagen, die die Arbeitsbiene braucht, hat es nämlich eine ganz besondere Bewandtnis. 21 Tage sind keine gleichgültige Zeit in allem, was auf der Erde geschieht. Diese 21 Tage, das ist diejenige Zeit, in der sich die Sonne ungefähr einmal um sich selber herum dreht.

Denken Sie sich also, die Arbeitsbiene wird gerade just fertig in der Zeit, in der sich die Sonne einmal um sich selber herumgedreht hat. Dadurch macht die Arbeitsbiene eine ganze Umdrehung der Sonne durch, kommt also dadurch, dass sie eine ganze Umdrehung der Sonne durchgemacht hat, in all das hinein, was die Sonne an ihr bewirken kann. Und wenn sie nun weitergehen wollte, so würde sie von der Sonne aus nur immer auf dasselbe treffen. Denn wenn Sie sich da die Arbeitsbiene vorstellen, da die Sonne, wenn das Ei gelegt wird, so ist dieses der Punkt, der gerade der Sonne gegenüberliegt. Die Sonne dreht sich in 21 Tagen einmal um sich selber herum. Da kommt sie wieder da her, da ist der Punkt wieder da. Wenn es jetzt weitergeht, kommt lauter Wirkung von der Sonne, die schon einmal da war. So dass die Arbeitsbiene just alles dasjenige bis zu ihrer vollen Entwicklung genießt, was die Sonne leisten kann. Würde sich nun die Arbeitsbiene weiter entwickeln, dann würde sie aus der Sonne heraus in die Erdenentwicklung hereinkommen, würde nicht mehr Sonnenentwicklung haben, weil sie die schon gehabt hat, ganz ausgekostet hat. Jetzt kommt sie in die Erdenentwicklung herein. Die macht sie aber als fertiges Insekt nur mit, als ganz fertiges Tier. Also, sie nimmt gerade noch, ich möchte sagen, einen Moment, einen Augenblick für sich in Anspruch, und nachher ist sie abgeschlossen nach der Sonnenentwicklung und ist ganz Sonnentier, die Arbeitsbiene.

Betrachten Sie jetzt die Drohne. Die, möchte ich sagen, überlegt sich die Geschichte noch ein Stückel weiter. Die erklärt sich noch nicht für abgeschlossen nach 21 Tagen. Die begibt sich, bevor sie ausgewachsen ist, noch in die Erdenentwicklung hinein. So dass also die Drohne ein Erdentier ist. Die Arbeitsbiene ist das fertige Sonnenkind.

Und wie ist es mit der Königin? Die Königin macht überhaupt die ganze Sonnenentwicklung nicht einmal fertig. Die bleibt zurück. Die bleibt immer Sonnentier. Also, die Königin, die bleibt gewissermaßen immer ihrem Larvenzustand, ihrem Madenzustand näher als die anderen Tiere. Und am weitesten entfernt vom Madenzustand ist die Drohne, das Männchen. Die Königin ist dadurch, [dass sie dem Madenzustand näher bleibt,] imstande, ihre Eier abzulegen. Und Sie können an der Biene richtig sehen, was das bedeutet, unter Erdeinfluss sein oder unter Sonneneinfluss sein. Denn ob eine Biene Königin oder Arbeitsbiene oder Drohne wird, das hängt bloß davon ab, ob sie abwartet einmal eine Sonnenentwicklung oder ob sie das nicht abwartet. Die Königin kann dadurch Eier legen, dass ihr die Sonnenwirkung immer bleibt, dass sie gar nichts von der Erdenentwicklung aufnimmt. Die Arbeitsbiene, die geht weiter, die entwickelt sich 4 bis 5 Tage weiter. Die kostet die Sonne noch ganz aus. Aber da geht sie, indem gerade ihr Körper fest genug wird, auch schon wiederum in die Erdenentwicklung ein bisschen, sagte ich, einen Augenblick über. Sie kann deshalb nicht wiederum in die Sonnenentwicklung zurück, weil sie sich ganz absorbiert hat. Dadurch kann sie keine Eier legen.

Die Drohnen sind Männchen; die können befruchten. Die Befruchtung, die kommt also von der Erde. Die Befruchtung[skräfte] erwerben sich die Drohnen durch die paar Tage, die sie noch länger im Entwicklungszustande, nicht im fertigen Zustand, der Erdenentwicklung [hingegeben] sind. So dass man sagen kann: An den Bienen sieht man ganz klar, Befruchtung, männliche Befruchtung kommt von den Erdenkräften; weibliche Fähigkeit, Eier zu entwickeln, kommt von den Sonnenkräften.

Sehen Sie, da können Sie einfach ermessen daran, was die Länge der Zeit bedeutet, in der sich ein Wesen entwickelt. Das ist von ganz großer Bedeutung, weil natürlich während irgendeiner Zeit etwas vor sich geht, was in einer anderen Zeit, kürzeren oder längeren Zeit, nicht vor sich geht, sondern da geht etwas anderes vor sich.

Aber es kommt noch etwas in Betracht. Sehen Sie, die Königin, die entwickelt sich also in 16 Tagen. Da ist der Punkt, der ihr gegenübergestanden hat in der Sonne, vielleicht erst da; sie bleibt in der Sonnenentwicklung drinnen. Die Arbeiterinnen machen auch noch den Rest des Sonnenumlaufes mit, aber sie bleiben in der Sonnenwirkung drinnen, sie gehen nicht heraus bis zu der Erdenentwicklung. Dadurch fühlen sie sich verwandt mit der Königin. Weil sie zur selben Sonnenentwicklung gehören, fühlt sich der ganze Arbeiterinnenschwarm verwandt mit der Königin. Sie fühlen sich an die Königin gebunden. Die Drohnen, sagen sie, die sind schon Verräter; die sind schon zur Erde abgefallen. Die gehören nicht mehr eigentlich zu uns. Die dulden wir nur, weil wir sie brauchen. Und wozu braucht man sie?

Es kommt ja zuweilen vor, dass eine Königin nicht befruchtet wird und sie legt doch entwicklungsfähige Eier. Die Königin braucht nicht unbedingt befruchtet zu werden, sie legt doch Eier. Das nennt man bei den Bienen – bei den anderen Insekten kommt es auch zum Teil vor – eine Jungfernbrut, weil die Königin nicht befruchtet ist. Parthenogenesis nennt man es mit einem wissenschaftlichen Namen. Aber aus den Eiern, die jetzt gelegt werden, schlüpfen nur Drohnen aus! Da kommen keine Arbeitsbienen und keine Königinnen mehr heraus. Also, wenn die Königin nicht befruchtet wird, dann können keine Arbeitsbienen und keine Königinnen mehr erzeugt werden, sondern nur Drohnen. Allein ein solcher Bienenstock ist natürlich nicht zu gebrauchen.

Sie sehen also, bei der Jungfernbrut entsteht nur das andere Geschlecht, nie dasselbe Geschlecht. Das ist eine sehr interessante Tatsache, und es ist überhaupt wichtig für den ganzen Haushalt der Natur, dass die Befruchtung notwendig ist, damit dasselbe Geschlecht entsteht – bei den niederen Tieren natürlich, nicht bei den höheren. Aber da ist es eben doch so, dass bei den Bieneneiern nur Drohnen entstehen, wenn keine Befruchtung eintritt.

Die Befruchtung ist überhaupt etwas ganz Besonderes bei den Bienen. Da geht das nicht so vor sich, dass eine Art von Hochzeitsbett vorhanden wäre und man sich zurückzöge während der Befruchtung, sondern das geht ganz anders vor sich. Da wird gerade mit der Befruchtung in die Öffentlichkeit gegangen, in die vollste Sonne, und zwar, was sehr merkwürdig erscheint, zunächst so hoch als möglich. Die Königin fliegt so hoch als möglich der Sonne entgegen, zu der sie gehört. Ich habe Ihnen das geschildert. Und die Drohne, die noch überwinden kann ihre Erdenkräfte – denn die Drohnen haben sich mit den Erdenkräften vereinigt –, die noch am höchsten fliegen kann, die kann ganz oben in der Luft befruchten. Dann kommt die Königin wieder zurück und legt ihre Eier. Also, Sie sehen, die Bienen haben kein Hochzeitsbett, sie haben einen Hochzeitsflug, und streben gerade, wenn sie die Befruchtung haben wollen, möglichst der Sonne entgegen. Es ist ja auch wohl so, dass man gutes Wetter braucht zum Hochzeitsflug, also die Sonne wirklich braucht, denn bei schlechtem Wetter geht das ja nicht vor sich.

Alles das zeigt Ihnen, wie verwandt die Königin mit der Sonne bleibt. Und wenn nun auf diese Weise die Befruchtung eintritt, dann werden Arbeiterinnen in den entsprechenden Arbeiterinnenzellen erzeugt; zunächst– wie Ihnen ja gut beschrieben worden ist durch Herrn Müller – entstehen die kleinen Maden und so weiter, und die entwickeln sich dann in 21 Tagen zu Arbeiterinnen. In diesen sackförmigen Zellen entwickelt sich dann eine Königin.

Um nun das Weitere einzusehen, muss ich Ihnen etwas sagen, was Sie ja natürlich zunächst etwas zweifelhaft aufnehmen werden, weil man dazu eben ein genaueres Studium braucht. Aber es ist doch so. Das Weitere nämlich muss ich daran anknüpfen, dass ja nun die Arbeitsbiene, wenn sie reif geworden ist, fertig geworden ist, ausfliegt und an die Blumen, an die Bäume heran fliegt, mit ihren Fußkrallen sich ansetzen kann, und dann kann sie Honig aufsaugen und Blütenstaub sammeln. Den Blütenstaub, den trägt sie auf dem Körper, wo sie ihn absetzt. Das ist eine besondere Vorrichtung, die sogenannten Bürstchen an den Hinterbeinen, wo sie ihn absetzen kann. Aber den Honig saugt sie ein mit ihrem Saugrüssel. Ein Teil davon dient ihr zur eigenen Nahrung, aber den größten Teil behält sie in ihrem Honigmagen. Den speit sie wiederum aus, wenn sie zurückkommt. Also, wenn wir Honig essen, dann essen wir ja in Wirklichkeit das Bienengespeie. Dessen müssen wir uns ja wirklich klar sein. Aber es ist ein sehr reinliches und süßes Gespei, was sonst das Gespei nicht ist, nicht wahr. Also, sehen Sie, da sammelt die Biene dasjenige, was sie zum Fressen oder zu den Vorräten, zum Verarbeiten, zum Wachs und so weiter braucht.